VII.

»Das Dörfchen unter dem Donner der Lawinen.« -- »Das unberührte Idyll,

aus dem noch keine Kellnerserviette die Poesie gestäubt hat.« -- »Das

Thal des altertümlichen Volkslebens und der originellen Sitten.«

Die Schlagwörter flogen nur so. Wie aus einem Taubenschlag flatterten

aus dem Bären mit jedem Morgen Gäste und Gästinnen durch das Dorf auf

die Maiensässen und die Alpweiden und mit Blumen beladen am Abend

zurück. Jeder kam sich wie ein kleiner Columbus vor, jede wie eine

Columbussin, die Glücklichen vergaßen ganz, daß sie der Kreuzwirt von

Hospel nach St. Peter gewiesen hatte, und genossen unbeeinträchtigte

Entdeckerfreuden. Wie hatte man die Krone, diesen kühnen und gewaltigen

Hochbau des Gebirges, so lang übersehen können? Und die schlanke,

zierliche Nadel des Bockje, auf dessen Spitze eine Tiergestalt zu ruhen

schien, nach der Volkssage ein Steinbock, der auf der Flucht vor dem

Jäger auf die Spitze geraten und, als er nicht weiter konnte,

versteinert war. Und dann das Dorf St. Peter mit den geheimnisvollen

alten Zeichen und Runen an den Holzhäusern, mit den Scheunen und

Städeln, die auf gemauerten Steinsäulen ruhten, so daß es beinahe wie

ein aus alter Zeit übriggebliebener Pfahlbau aussah.

Nicht zuletzt liebten die Gäste den Bären, das Urbild eines alten

schönen Bergwirtshauses, befreundeten sie sich mit der immer

liebenswürdigen Bärenwirtin, bewunderten sie den Bärenwirt, die

hünenhafte Prachterscheinung eines Bergbewohners, einen Mann, der, wie

eng sein Gesichtskreis sein mochte, von fast bedrückender Gewalt des

Wesens war. Wer eines Führers bedurfte, nahm den lustigen Thöni mit,

der, gefällig und kurzweilig, sich an das Wesen eines jeden anschmiegte

und als ein fröhlicher Junge von einer gewissen Bildung auch das

Wohlwollen der Frauen genoß.

»Hier ist es schön, entzückend schön,« schwärmten die Sommerfrischler

und flüsterten sich zu: »Nur nicht ausbringen, was für ein Dorado wir

gefunden haben, kennt erst die Welt St. Peter, dann seht nach, was im

Bären die Forellen kosten.«

Weniger zufrieden waren die Dörfler.

Zuerst staunte man billig über die Weltleute, dann sagte man: »Wozu die

Fremden? Zwar sind die Firnen und Gletscher der Krone noch nicht

gefallen. Aber was noch kommen wird, weiß man nicht. Und man hat, seit

die Welt steht, im Glotterthal zu essen gehabt, ohne ungebetene Gäste.«

Ueberall streckten die Sommerfrischler die Köpfe durch Fenster und

Thüren, sie erkundigten sich nach Dingen, die niemand etwas angingen als

die von St. Peter selbst. Die fremden aufgeputzten Weiber glaubten den

Frauen des Dorfes gute Ratschläge über Wohnungslüftung und Kinderpflege

geben zu sollen, sie zuckten zu manchen Dingen, die sie sahen, die

Schultern und liefen durch die Aecker und Maiensässen, als ob das Land

im Glotterthal herrenlos wäre.

Ein rotwangiger Springinsfeld, der sich kleidete wie ein Bajazz bei den

Buden, die man an den Märkten zu Hospel sieht, stellte sich mit seinem

Eisbeil vor ein paar Frauen, die auf dem Acker arbeiteten, und fragte:

»Na, sagen's 'mal, wo sind denn die schönen Sennen und Sennerinnen, die

vom Morgen bis zum Abend auf den Bergen stehen, die Hüte schwenken,

jauchzen und jodeln, und ihre Schweizerlieder singen?«

»Meint Ihr, wir seien solche Narren!« antworteten die Weiber, »werken

müssen wir, daß die Rippen auseinanderbrechen möchten. Aber hudlig[23]

sind wir nicht.«

[23] _hudlig_, schweizerdeutsch, so viel wie ehrlos, sittlich

geringwertig, bettelhaft.

»Ja, die Fremden sind ein verrücktes Volk,« meinte der Fenkenälpler, die

dicke Bäliälplerin aber jammerte und zürnte: »Was mir geschehen ist!

Kommt, wie ich an nichts denke und meiner Wege gehe, so eine

Nichtsnutzin auf mich zu und sagt: 'Frau, Ihr raucht einen bösen

Knaster, Ihr verderbt die reine Alpenluft -- legt doch lieber die Pfeife

weg -- es schickt sich an uns Frauen ja gar nicht, daß wir Pfeifen

rauchen.' Da habe ich aber -- reine Alpenluft hin und reine Alpenluft

her -- ihr zu leid so genebelt, als ob die Hasen backen[24] würden.«

[24] »_Die Hasen backen_«, sagt das Volk, wenn nach langem starkem

Regen die Nebel aus den Wäldern steigen.

»Tausendmal recht habt Ihr gehabt,« erwiderte der Fenkenälpler. »In St.

Peter sind wir noch Meister -- und wir lassen die Fremden ja im Frieden

herumkalbern!«

Schlimmer noch. Die Weiber von St. Peter wollten nicht mehr in den

Leinenhosen, die sie sonst sommers über zur Arbeit trugen, durchs Dorf

auf Alpe und Feld gehen. Die Fremden schauen sie so neugierig an und

lachen über das Kleid, klagten sie.

»Wenn ich einmal einen lachen sehe, bekommt er Ohrfeigen,« quiekte der

Glottermüller.

Der Presi aber rieb sich im Herbst die Hände: »Ta-ta-ta, das

Fremdenwesen geht gut. -- Schwager Kreuzwirt, ich danke Euch.«

Die Dörfler mochten schimpfen, er war hellauf, wie seit Jahren nicht

mehr; er schlang den Arm um die Hüfte der stattlichen Frau Cresenz: »Gut

ging's!« Sie streifte seinen Arm ab und lachte: »Ihr seid doch kein

Jüngling mehr, Präsident.«

Das Ehepaar redete sich mit »Ihr« an, die Frau nannte ihren Eheherrn

auch nie »Presi«, sondern »Präsident« und die Gäste waren noch

höflicher. Sie riefen ihn »Herr Präsident«. Das klang ihm freilich

schöner in die Ohren als das dörfliche »Presi«.

Manchmal ärgerte er sich, wenn Frau Cresenz wie heute so kühl war,

manchmal aber schmeichelte er ihr erst recht.

»Etwas Klügeres als Euch zu heiraten, hätte ich nicht thun können. Ihr

seid die Wirtin, wie sie im Buche steht, Ihr seid freundlich mit allen

Gästen, doch mit keinem zu viel, Ihr führt ein gutes Hausregiment. Aber

wißt, ein bißchen zärtlicher hätte ich Euch schon gern. Habt Ihr denn

gar nichts vom Thöni, hinter dem muß man ja immer mit dem Donnerwetter

her sein, daß er nicht beständig an den Schürzen der Mägde hängt.«

»Nein, ich mag das Scharwenzeln und Thörichtthun nicht leiden. Das habe

ich schon meinem seligen Ersten immer gesagt.«

»Mir aber geht's merkwürdig!« erwiderte der Presi fast ernst. »Die Beth

selig hat mich manchmal mit ihren braunen Augen so barmherzig angeschaut

und still gebettelt, ich möchte ihr etwas Liebes sagen oder mit der Hand

übers Haar fahren, oder sie nur ein bißchen schlimm ansehen. Ich aber

habe es nicht übers Herz gebracht. Doch jetzt möchte ich gern -- und

jetzt wollt Ihr nicht.«

Frau Cresenz, der kühlen Frau, wurde es bei solchen Gesprächen

unbehaglich zu Mute, etwas hilflos sagte sie: »Ich schaue doch immer zum

Frieden.«

»Ihr seid recht, Ihr seid mehr als recht, Präsidentin. Wenn ich nur

denke, wie Ihr Bini gezogen habt, den verlotterten Wildfang.«

»Sagt, Präsident, das bleibt aber eine sonderbare Geschichte, wie das

Kind sich plötzlich bekehrt hat. Wißt Ihr noch, es war in der Nacht kurz

vor Neujahr, als ich immer behauptet habe, es habe gegeistert im Haus.

Da kam am Morgen die Wildkatze geschlichen. 'Ich will Euch jetzt Mutter

nennen und ganz artig sein.' Und sie schmeichelte um mich wie ein

Kätzchen. 'Hast dein Trotzherz gebrochen?' fragte ich. Da wird sie rot

und sagt: 'Ja -- die selige Mutter hat halt mit mir geredet und

gewünscht, daß ich Euch folge.'«

»Ja, wenn die Beth selig dem Kind gute Gedanken giebt, so laßt sie nur

durchs Haus wandeln,« lachte der Presi.

»Ich glaube selber, Bini sei enthext.«

Das Gesicht des Presi verfinsterte sich: »Präsidentin, redet nicht so

dumm.«

»He,« sagte Frau Cresenz verlegen, »die alte Susi lag mir, ehe sie zu

ihren Verwandten nach Tremis zog, immer im Ohr, Bini sei vom Kaplan

Johannes besprochen -- ich solle sie von einem Kapuziner entzaubern

lassen. Und ich habe es selber geglaubt, weil sie die erste Zeit gar so

bösartig gewesen ist.«

Der gute Humor des Presi war verdorben.

»Aber Ihr mögt ihr ja selber nicht recht ein gutes Wort gönnen,« warf

Frau Cresenz beklommen ein.

»Das ist etwas anderes,« schnauzte der Presi, »aber ich leide es nicht,

daß man Bini zu einem Hexlein stempelt.« Er stand auf und machte einen

Gang durchs Haus von zu unterst bis zu oberst.

Seine Gedanken waren beim letzköpfigen Pfaffen, der Binia besprochen

haben sollte. Er mochte den Halbnarren trotz dem thörichten Gerede nicht

übel leiden.

Kaplan Johannes, der in St. Peter nur so zugelaufen war, wie in einem

Hause sich etwa ein herrenloser Hund oder eine Katze einnistet, war

schlauer als die Dörfler allesamt. Er hatte sich die durch die Fremden

veränderten Verhältnisse rasch zu nutze gemacht. Er lief etwas weniger

den Bauern- und Alpweibern nach, er tauschte für seinen Kräuterthee, der

gegen das Doggeli[25] schützen, Kreuzschmerzen vertreiben und das

Lungenfieber heben solle, etwas seltener Brot, Käse und Speck ein, dafür

begann er am Wege beim Schmelzwerk einen kleinen Mineralienhandel und

verkaufte den Gästen die glitzernden Siebensachen von Krystallen und

Erzen, die man im Gebirge um St. Peter findet, zu ansehnlichen Preisen.

[25] _Doggeli_, schweizerdeutsch, Alpdrücken.

»Woher er sie nur hat?« fragte sich der Presi. Und dann sagte er sich:

»Gelegentlich muß man ihn doch fortschaffen. Am Abend gröhlt und plärrt

der Narr im Schmelzwerk, daß nach Einbruch der Nacht kein Mensch mehr

den ohnehin verrufenen Weg zu gehen wagt. Auch laufen von ihm immer

erfundene oder wahre Geschichten, daß er an die Weiber ungebührliche

Zumutungen stelle. Ein widriger, unheimlicher{4} Geselle ist er schon,

und die häufigen Anfälle von Fallsucht, die er hat, machen ihn nicht

angenehmer. Es ist übrigens, als könne er sie selbst künstlich

hervorrufen, sie pflegen ihn zu überfallen, wenn ihm jemand eine Gabe

verweigert, und bloß um das schreckliche Bild nicht in der Stube zu

haben, schenken ihm manche Leute, was er begehrt. Der Bäliälpler hat

freilich ein besseres Mittel erfunden. Er hatte den letzköpfigen

Pfaffen, als er schäumte und zappelte, mit kaltem Wasser überschüttet.

Da war der Narr heulend davongelaufen und nie wieder gekommen.

»Ba! Warum den schriftenlosen Vagabunden forttreiben. Die Gemeinde hängt

daran, daß jemand bei der Lieben Frau an der Brücke die üblichen

Glockenzeichen giebt, dazu ist Johannes gut genug. Und der Pfarrer, der

gegen den Fremdenverkehr gepredigt hat, muß auch seinen Pfahl im

Fleische haben, das ist lustig!«

So dachte der Presi. Wie er vom Keller auf den Estrich gelangt war, kam

ihm Binia nachgelaufen: »Vater, der Garde ist da.« Nun ging ein Zug der

Ueberraschung und ehrlicher Freude über seine eherne Stirne und um

seinen willensstarken Mund. Er hatte sich schon lange heimlich gekränkt,

daß der Garde, seit Sommerfrischler kamen, den Bären mied. Ohne den

Garden aber, den einzigen Mann im Dorfe, den er aus Herzensgrund

achtete, konnte er fast nicht leben.

Nun grüßte er ihn in der großen Stube rasch und herzlich.

»Ich mag mich halt im Sommer nicht unter die Fremden setzen,« knurrte

der breite, schwerfällige Freund, »und in das neumodische geringe

Stübchen ebener Erde müßtet Ihr mich schon erst später einmal tot

hineintragen, lebendig gehe ich nicht über seine Schwelle.«

»Wir wollen wieder einmal anstoßen wie früher, nehmt die Welt, wie sie

ist,« lachte der Presi. »Zum Wohl, Garde!«

»Presi,« und der Garde blinzelte belustigt, »Ihr versteht es, gutes

Wetter zu machen.«

Nun waren die beiden Männer im Zug. Als das Gespräch eine Weile

gegangen, murrte der Garde:

»Ich geb's ja gern zu, daß unter den Fremden viele ehrbare und

rechtschaffene Leute sind, es wäre traurig, wenn's anders wäre, aber es

bleibt halt dabei, die Fremden verstehen uns nicht, wir sie nicht. Seit

sie kommen, ist eine verborgene Unruhe im Dorf, niemand weiß, wo hinaus

es will.«

»Ta-ta-ta. Wo hinaus?« eiferte der Bärenwirt. »Daß sich die Leute an sie

gewöhnen -- in Grenseln und Serbig haben sie auch zuerst die Hände

hinter den Gästen geballt, jetzt aber stehen sie an allen Straßen,

verkaufen ihnen Edelweiß, tuten auf dem Alphorn und juheien sie an.«

»Eben, eben,« zürnte der Garde, »sie sind hudlig geworden. Presi -- ich

habe ruhiges Blut, aber das erste Mädchen in St. Peter, das sich an den

Weg stellt und die Fremden ansingt, nehme ich bei den Zöpfen, führe es

zu seiner Mutter, und der sage ich alle Schande. So lang ich lebe, darf

unsere Gemeinde nicht hudlig werden.«

Er schlug mit seiner Faust auf den Tisch.

»Aber, Garde, ich will ja das auch nicht,« besänftigte der Bärenwirt.

»Es kommt halt von selbst, ob Ihr wollt oder nicht -- aber das glaube

ich auch,« der alte eiserne Sprecher lachte grimmig, »ehe das Dorf

hudlig wird« -- eine Flamme schoß aus seinen Augen -- »ehe das Dorf

hudlig wird, geschehen böse Dinge -- giebt es Aufruhr und Unglück.«

»Seid doch kein Rabenvogel! Die Leute finden ja mit der Zeit durch die

Fremden einen schönen Verdienst.«

Der Garde schüttelte den Kopf, langsam und feierlich sagte er: »Ihr

kennt unser Völklein. Das paktiert nicht, das schweigt, das seufzt und

schimpft im stillen, das ballt die Fäuste im Sack, das besinnt sich

siebenmalsiebenmal, das betet, duldet und trägt, -- aber wenn's ihm

zuletzt aus der Seele in die Knochen fährt, -- dann würde ich mich

lieber vor hundert wütende Bullen stellen als vor die Gemeinde.«

Dem Presi war nicht wohl bei dieser Rede, der Garde aber fuhr in seiner

feierlichen Art fort:

»Denkt Euch, es gehe einmal einer von den unseren, bestochen durchs

Geld, mit einem Fremden auf die Krone. Was geschieht? In einer Nacht

brennt ihm die Hütte nieder. Entweder es kommt nicht aus, wer der

Brandstifter ist, dann trägt die Gemeinde die Schande. Oder er kommt aus

und die Landjäger holen ihn. Dann, Presi, würde ich um den Bären Sorge

tragen.«

»Garde, malt den Teufel nicht an die Wand, ich ertrage es nicht.« Der

Presi war hastig geworden und verwarf aufstehend die Arme. »Keiner würde

dem Bären etwas zu leide thun -- keiner -- als etwa der Lausbub der

Fränzi.«

»Die gottlose Rede nehmt zurück. -- Josi ist ja so ein ehrbarer Bursche.

Das habe ich aber schon lange gemerkt, daß Ihr Gift auf ihn habt. Jetzt

frage ich als Vogt des Buben: Was habt Ihr wider ihn?«

Der Garde stellte sich vor den Presi, aber auch diesem leuchtete es bös

auf im Gesicht: »Der? -- Wißt Ihr, was der über mich gesagt hat? -- Die

Hand müsse mir aus dem Grab wachsen! So wagt er sich an Leute von Amt

und Ehre.«

»Wann? wo? zu wem hat er's gesagt?«

»Zu Binia hat er's gesagt.«

Der Garde wiegte den schweren Kopf. »Bini lügt nicht. Ich will dem

Donnerhagel das Hirn säubern.«

Mit zündelrotem Kopf lief er davon. Binia, die durchs Haus strich, hatte

auf das laute Wesen der Männer in der Küche das Schiebefenster gegen die

Stube geöffnet, um neugierig zu hören, was denn los sei.

Jetzt war sie unglücklich, wie ein aus dem Nest gefallener Vogel:

»Mutter -- Mutter -- selige Mutter.«

Ihre Hände verkrampften sich ineinander, ihre Augen wurden groß.

Was hatte sie in einem Augenblick der Verwirrung Josi Schreckliches

angethan!

Wenn sie der Vater einmal wieder mit der vollen Lichtfülle seiner Blicke

ansah, dann peitschte sie der Gedanke, sie müsse vor ihm niedersinken

und sprechen: »Vater, sei doch nicht so thöricht, daß du einem Kind,

was es im Fieber geredet, glaubst. Es hat gelogen, gräßlich gelogen, in

seiner Verwirrung. Nicht Josi Blatter, nein, der Kaplan Johannes hat das

Entsetzliche gesagt! Und ich glaube es nicht -- gewiß Gott, glaube ich

es nicht.«

O, sie erinnerte sich wohl, was sie damals in ihren großen Schmerzen

ihrer Krankheit gefaselt hatte. Die Erinnerung daran brannte sie wie

höllisches Feuer, aber jedesmal war der Entschluß zum Bekenntnis erst im

Werden, wenn der Blick des Vaters schon wieder eisig und vernichtend wie

sonst geworden war.

Er verzieh ihr jene Fieberbeichte nie.

Hätte sie die Erinnerung an das, was sie über Josi gesagt hatte, nicht

immer gebrannt, so wäre sie beinahe ein glückliches Persönchen gewesen.

Wie anders war's jetzt als damals, da sie die Verzweiflung durch die

Mitternacht und den hohen Schnee zu Fränzi gejagt hatte. Sie hatte das

trotzige Köpfchen gebändigt, nur hin und wieder ging noch ihr wildes

Blut mit ihr durch, erlag sie noch den Anfällen schmerzlichen Grübelns.

Ihrer seligen Mutter hatte sie, wie Fränzi ihr geraten, einen Altar im

Herzen errichtet, der neuen gehorchte sie, ohne tiefgründige Liebe zwar,

aber doch in herzlicher Achtung.

Oft hatte sie das Heimweh nach Fränzi, ihr feuriges Herz glühte in

ehrfürchtiger Liebe für sie. Die hätte sie gern zur Mutter gehabt. Aber

wegen des Vaters wagte sie nie mehr einen Besuch bei ihr.

Klagen wollte sie nicht.

Die immer gemütliche kühle Frau Cresenz, der Lächeln und Lachen

Lebensberuf war, die kaum mehr wußte, daß sie lächelte und lachte, war

freundlich gegen sie. Sie sorgte namentlich, daß sie in Gebärde und

Bewegung, in Redensart und Kleid so vor die Gäste trat, wie es sich nach

ihrer Meinung für das Bärentöchterlein von St. Peter schickte.

Es kamen aber immer wieder Augenblicke, wo Frau Cresenz die Kraft

versagte. Wenn Binia ihr dunkles Augenpaar groß und fragend in die Welt

stellte, schalt sie: »Kind, schau doch anders, es wird einem angst und

bang vor deinen sonderbaren Lichtern. Wohl, wohl, die sind dazu

angethan, einmal das Mannsvolk verrückt zu machen.«

Binia war es manchmal, als möge die Stiefmutter sie wegen ihrer Augen

nicht leiden, aber noch unartiger war Frau Cresenz, wenn sie über kleine

Herzensangelegenheiten mit ihr reden wollte.

»Dummes Kind, sprich nicht so geheimnisvoll -- es ist gar nicht nötig,

daß man alles in der Welt erkernt und ergrübelt, es ist sogar ungesund

-- recht thun, freundlich sein mit den Leuten, hie und da auch, wenn's

einem nicht drum ist, damit kommt man durchs Leben.«

Wenn die neue Mutter so redete, schnürte es Binia die Brust zusammen.

»Freundlich sein, wenn's einem nicht drum ist. Das versteh' ich nicht.«

Traurig schüttelte sie das Köpfchen. Diese Kunst besaß aber die

Stiefmutter, gerade darum konnte sie dieselbe nicht von Herzen lieben.

Sie spürte, es war nichts Tiefes, Kernhaftes in dieser glatten,

liebenswürdigen Frau.

Da gefiel ihr der Vater in seiner rauhen Wildheit doch viel mehr. In ihm

lag, das spürte auch sie, eine übermächtige, ungezügelte, wahre Kraft.

Er schleuderte die Beleidigungen ohne Besinnen hin, es war fast niemand

im Dorf, den er mit einem raschen Wort nicht schon tödlich verletzt

hatte, aber ein voller freundlicher Blick aus seinen dunklen Augen, ein

gutes Wort -- und alle, die ihn haßten, waren entwaffnet.

Und wie die Fremden von ihm sprachen. Sie hörte immer noch den ernsten

alten Doktor, der so eifrig mit seinem Nachbar plauderte, daß er nicht

merkte, wie sie mit einem Gericht herzutrat:

»Eine so gewaltige Gestalt wie der Herr Präsident, glaube ich, ist fast

eine Ueberlast für ein Dorf wie St. Peter. Den hätte die Geschichte

brauchen können, um einen großen Bauernführer aus ihm zu schnitzen.«

Eines schnitt Binia wie ein Messer ins Herz, nämlich wenn der Vater mit

den fremden Frauen und Kindern redete. Wie klang das lieb und gütig, wie

war er aufmerksam gegen sie. Die Kleinen und die Backfische hingen an

ihm und einmal hörte sie eine fremde schöne Tochter sagen: »Mama, der

Herr Präsident ist doch der herrlichste Mann, den wir auf unseren Reisen

kennen gelernt haben.«

Da entglitt ihr der Früchteteller, mit dem sie zudienend um die Tafel

schritt.

Sie sah, wie der Vater höhnisch die Schulter zuckte. -- Am Abend betete

sie: »O Mutter -- Mutter -- sage ihm doch einmal im Traum, wie heiß ihn

mein Herzchen liebt.«

Es lag Segen auf ihrem glühenden Wunsch. Nicht von heute auf morgen,

aber von Sommer zu Sommer.

Binia wuchs und blühte auf, die Fremden hatten die helle Freude an der

feinen klugen Vierzehn-, dann Fünfzehnjährigen.

Wie schön war das Leben! Sie hörte es gerne, wenn die Gäste über

allerlei plauderten und urteilten. Wie weit und groß mußte die Welt über

Hospel hinaus sein. Sie wunderte sich manchmal, wie artig die vornehmen

und gescheiten Leute zu ihr waren, besonders junge Mädchen, die nach St.

Peter kamen und ihr so lieb wurden, daß ihr das Wasser in die Augen

schoß, wenn sie am Ende des Sommers wieder weggingen. Was aber

schwatzten die klugen Männer Thörichtes zusammen. »Sie alpige Rose[26],

Sie sonderbares Herzensmädchen mit dem leichten, schwebenden Gang, haben

Sie eigentlich Ihre Augen grad in der Hölle und Ihr Lächeln im Himmel

geholt?«

[26] _Alpige Rose_, eine Art Heckenrose, die in den Bergthälern

wächst.

Binia fühlte es aber wohl: Wie die Gäste so freundlich zu ihr wurden,

wandte sich ihr auch die Liebe des Vaters in neuer Wärme zu und er wurde

heimlich stolz auf sie.

Er kniff sie manchmal in die Wange: »Bini, fröhlicher Vogel, hast du

mich lieb?«

»O Vater!« -- Stirn und Wangen glühten wie Pfirsiche, ein heiliger

Strahl des Glücks kam aus ihren dunklen Sternen und ihre schlanken Arme

umklammerten ihn, bis er mit herzgewinnendem Lächeln und glänzenden

Augen sagte: »Geh, thue deine Arbeit! Bist ein Mädchen wie von den

Tauben zusammengetragen.«

Jetzt hätte sie es ihm schon verraten können, daß er über Josi ganz

falsch berichtet sei. Eine dunkle Gewalt hielt sie indessen zurück, die

Furcht, daß sie, sobald sie den Namen des guten Jungen ausspreche, die

Liebe des Vaters wieder verscherze. Er war so furchtbar heftig. Und mit

angstvollem Herzen schwieg sie, die Zeit der Verstimmung war zu

schmerzlich gewesen.

Sie verwunderte sich, als der Garde einmal mitten in der Fremdenzeit in

den Bären gestoffelt kam, ernst und zornig, wie ihr schien.

Eine Weile saß er mit dem Vater zusammen, sie hörte aber nur die Worte:

»Wenn Euch das Gewissen schlägt, so macht den bösen Schimpf rasch gut --

ich glaube -- ich glaube -- die Fränzi lebt nicht mehr lang.«

Elend wie noch nie eilte sie fort. Sie beobachtete in den folgenden

Tagen den Vater. Er war still und trübselig, und am anderen kam sie

gerade dazu, wie die Mutter zu ihm sagte: »Ihr hättet die arme Frau wohl

ruhig ihres Weges gehen lassen können, die ganze Gemeinde ist wild über

Euch. Wozu ihr wüste Namen nachrufen?« Worauf der Vater nur dumpf

erwiderte: »Sie hat mich halt auch einmal schwer beleidigt.«

Wie abscheulich er ist! Binia that das Herz weh, sie weinte im stillen,

sie wußte, daß der Vater nur so böse gegen Fränzi war, weil er sich vor

ihr schämte.

Ihr Frohsinn litt aber nicht nur unter dem herzlichen Erbarmen mit

Fränzi, der lieben guten, unter den Selbstvorwürfen wegen Josi, sondern

auch aus Aerger über Thöni, der mit allen Mägden anbändelte und Späße

trieb, ihre Verachtung aber mit allerlei Zänkereien erwiderte.

Er bekam als Fremdenführer bald einen Mitbewerber. Bälzi, der Wildheuer

mit dem Ziegenbart, der zuerst am meisten über die Fremden geschimpft

hatte, fand, daß das Spazieren mit den Sommergästen eine weniger

anstrengende und gefährliche Arbeit sei als das Mähen des herrenlosen

Grases auf schwindliger Felsenplanke. Wie häufig ereignete es sich, daß

ein spielendes Windchen das kaum getrocknete Heu wie eine kleine Wolke

aufhob und auf Nimmerwiedersehen über alle Berge trug. Er kaufte sich

ein neues Wams, ein Seil und einen Gletscherpickel. Damit stolzierte er

vor dem Bären auf und ab, bot sich den Fremden als Führer an, und wenn

ihn einer fragte, ob er auch schon auf der Spitze der Krone gestanden

habe, sagte er im Brustton des Biedermannes: »Aber Herr, die kenne ich

ja so gut wie die Westentasche, in der ich die Zündhölzchen trage.«

Es war aber ein ausdrücklicher Befehl des Presi, daß man die Fremden

abhalte, auf die Krone zu steigen. Er war fast unnötig. Die Gäste sahen

es dem Salonbergführer Thöni und dem schlotterigen Bälzi wohl an, daß

man sich ihnen nicht für so gefahrvolle Bergbesteigungen anvertrauen

durfte.

Doch tauchten in der Sommergesellschaft oft Fremde mit dem vermessenen

Wunsche auf, die Krone zu erklettern.

Thöni war im Anfang mit dem ungebetenen Partner nicht zufrieden, aber

schon im zweiten und namentlich im dritten Sommer zeigte es sich, daß

beide Beschäftigung genug fanden, besonders da Thöni auch sonst, das

eine Mal durch die Post, die während des Sommers einen lebhaften Verkehr

und jetzt einen Telegraphen besaß, das andere Mal durch die

Maultiertreiberei und die Lebensmittelzufuhr von Hospel nach St. Peter

in Anspruch genommen war.

Der Presi billigte die neue Beschäftigung Bälzis stillschweigend, er

sagte den anderen: »Seht ihr's, man braucht nur zuzugreifen wie der

Kaplan Johannes und Bälzi, dann hat jeder durch den Fremdenverkehr

seinen angenehmen Verdienst.«

Die halsstarrigen Bauern und Aelpler waren aber nicht zu überreden, nur

murrend, schwer und langsam gewöhnten sie sich daran, solange die

Sommergäste da waren, die Amtsgeschäfte, den Vieh- und Käsehandel mit

dem Presi im unteren Stübchen zu besorgen.

Bälzi ging es einmal schlecht. Aus Rache, daß er sich in den Dienst der

Fremden gestellt, bereiteten ihm die schwärmenden Nachtburschen ein

kaltes Bad in der Glotter.

Aber auch manche Vorurteile gegen die Sommerfrischler verschwanden im

Laufe der drei Jahre, die sie nun schon ins Thal kamen.

Einzelnen Dörflern begann der Zustand zu behagen, es war im Bergthal

entschieden kurzweiliger geworden, und unter den Gästen, die erschienen,

gab es Leute, die sich ehrlich bemühten, sich mit ihnen auf einen

freundlichen Fuß zu setzen und die eigenartigen Verhältnisse des Thales

zu begreifen. Für solche Gäste hatten, soweit sie ihr Mißtrauen gegen

die Fremden ablegen konnten, auch manche von St. Peter einiges

Verständnis. Sogar der Pfarrer eiferte minder gegen sie, als er sah, daß

es unter ihnen kenntnisreiche Bienenfreunde gab, die der Zeidlerei im

Hochthal eine warme Wißbegier entgegen brachten, und die Damen bei ihm

die Leinensäcklein voll weißen Alpenhonigs, die unter den Fenstern des

Pfarrhauses hingen, kauften und mit großem Ruhm über seine Güte

wiederkamen.

Sommer um Sommer wuchs die Zahl der Gäste.

In der That! Wie viel bot dem das Glotterthal, der nicht nur für die

Felsendome und Firnen der Krone, sondern auch für das Volksleben ein

offenes Auge und Herz besaß. Da lebte ein Völkchen, das zwar nicht die

Hirtenunschuld zeigte, die manche Schwärmer in den abgelegenen

Alpenthälern suchen, ein Völklein, bei dem es so stark menschelte wie

überall in der Welt, das aber doch einige besondere Eigenschaften hatte.

Diese Bauern und Aelpler behalfen sich in allen Dingen selbst. Unter

ihnen gab es keine Handwerker. Maurer, Zimmermann, Schindler und

Dachdecker, Schneider und Schuster war jeder sich selbst. Den Lein und

die Wolle, in die man sich kleidete, zog, bleichte, spann und wob man

selbst; das Brot schmeichelte man, wenn es nicht in einem Jahr ging, in

zweien den steinichten Aeckerchen ab und ob sich die hellgoldenen

Roggenähren kaum recht aus dem Boden reckten, sie gaben ein

schmackhaftes dunkelbraunes Brot, und ein Schluck Hospeler darauf war

Gottes Wohlthat. Brot und Wein schmeckten auch den Fremden.

Der Presi lachte, arbeitete und es ging ihm gut. Bevor aber die Fremden

zum viertenmal kamen, verbreitete sich im Dorfe die Nachricht, daß

Fränzi todkrank sei.

Noch einmal sah Binia die mütterliche Freundin, aber sie lag schon mit

spindeldürren Händen zu Bett und war blaß wie der Tod. Lieb und gut

freilich war sie zu ihr wie immer: »Binia, liebes Kind, ich sterbe mit

dem heißen Wunsch, daß du glücklich werdest.«

Wie entsetzlich wütete aber der Vater, als er vernahm, daß Frau Cresenz,

die immer eine gewisse Teilnahme für die Witwe des zu Tode gestürzten

Wildheuers bewiesen hatte, sie heimlich mit ein paar Flaschen guten

Weines zu Fränzi geschickt hatte: »Gottes Donnerwetter! Daß sie mit dem

Lotterbuben wieder anbändeln kann!«

Mißtrauisch beobachtete er sie.

Als Fränzi bald darauf starb, verschwamm vor den Augen Binias die Welt,

sie dachte: »Jetzt nehmen die Engel Gottes die Notenblätter zur Hand und

singen zu ihrer Ankunft im Himmel.«

Der Tod der armen Frau versetzte den Vater in gärende Aufregung. Man

spürte es: Entsetzlich neu standen die Dinge, die sich vor vier Jahren

zugetragen, vor ihm -- der Abend mit Seppi Blatter -- die Unterredung

mit Fränzi -- Seppis Sturz an den Weißen Brettern -- das kranke Kind mit

seinen tollen Worten.

Und in der Nacht nach Fränzis Tod hatte der Presi einen furchtbaren

Traum.

Mit wunderbarer Deutlichkeit sah er den jungen Josi Blatter und Binia

hoch an den Weißen Brettern. Er fragte seine Tochter: »Wie kommst auch

du da hinauf?« Da stand plötzlich ein Dritter vor ihm und hob das

Grabscheit Seppi Blatters über den beiden zu wuchtigem Schlag. Statt der

richtigen Inschrift aber lautete der Spruch auf dem Täfelchen des

Scheites: »Was für die heligen Wasser verbrochen worden ist, wird an den

heligen Wassern gesühnt.« Und unter dem Schlag des Scheites blutete

Binia.

Das war der Traum! Er wollte rufen: »Thut Binia nichts! Ich habe Seppi

Blatter nicht hinaufgeschickt.« Da erwachte er schweißtriefend in dem

Augenblick, als der Postbote, der alle Woche dreimal in der Morgenfrühe

mit den Postsachen nach Hospel ritt und sie am Abend von dort

zurückbrachte, an die noch geschlossene Hausthür pochte.

Nur ein einfältiges, widerwärtiges Träumlein! Der Presi war nicht

abergläubisch, als nun aber Binia in der zwingenden Anmut ihrer sechzehn

Jahre, frisch, mit leuchtenden Kinderaugen unter dunklen Wimpern, einen

warmen »Guten Tag, Vater!« auf den Lippen, in die Stube schwebte, da riß

er sie stürmisch in seine Arme, und als er unter der knospenden

Mädchenfülle das rasche Pochen ihres heißen Herzens fühlte,

durchrieselte ihn die Angst.

»Binia, lieber, lieber Vogel, versprich es mir, daß du nie, nie mit Josi

Blatter zusammenhältst, in deinem ganzen Leben nie!«

Sie brach an seiner Brust in Thränen aus: »O Vater, ich hab' es dir

schon lange bekennen wollen, Josi Blatter ist ein ehrbarer Bub. Er hat

das, was Ihr meint, gar nicht gesagt. Gewiß Gott im Himmel nicht!«

Er stutzte -- er starrte sie an -- er riß sie mit der ganzen Gewalt

seines Armes von seiner Brust hinweg, daß die leichte Gestalt an die

Wand taumelte.

Und entsetzt kreischte er: »Schon so weit bist du, Seppi Blatter, daß

mein Kind für deinen Buben lügt?!«

An heiligen Wassern: Roman aus dem schweizerischen Hochgebirge · 第 18 / 59 题