Der Schwarze antwortet, da -- ein gellender Schrei.
»Gott's ewiger Hagel, des Presis Kind!« So rufen sich die Männer in
peinlicher Ueberraschung zu. Das Mädchen, das hinter einem abgestürzten
Mauerteil gekauert ist, springt wie besessen davon, es eilt am Vater
vorbei, es keucht den Stutz empor, es rennt ins Dorf zurück.
Wie der Presi nach ein paar Stunden nach Binia fragt, da sagt man ihm:
»Sie ist heim zu Susi!« Da schüttelt er das Haupt und seufzt: »Sie ist
dieser Tage so seltsam.«
Damit, was Bälzi über die Hitze sagte, hatte er recht.
Die Sonne! die Sonne! Die Luft im Thal zwispert, von den Weißen Brettern
herunter kommt ein so heißer Strom, daß ihn selbst die erfrischenden
Schwäle, die aus der Schlucht aufsteigen, nicht zu kühlen vermögen. Wie
Blei fließt er in die Glieder, wie Spinnweb legt er sich um die
ermattenden Sinne.
Der Mann, der über dem versammelten Dorf zwischen Himmel und Erde
schwebt, steht im wachsenden Brand des Juninachmittags. Die
Sonnenstrahlen liegen so auf den Weißen Brettern, daß die Augen
schmerzen, wenn man eine Weile hinsieht. Sie flimmern, als sehe man, wie
Licht und Hitze aus den Felsen strömen.
Ja, bei bedecktem Himmel könnte Seppi Blatter sein Werk wohl vollenden,
aber in dieser mörderischen Glut, die Augen und Gehirn sengt. Der
Sonnenstich!
Man sieht, daß er leidet. Seit einiger Zeit hat er die Kapuze seines
Hirtenhemdes zum Schutze vor der Sonne um den Kopf gezogen. Die
Aufregung wächst, die Frauen vor der Kapelle beten lauter. »Er kann's
nicht vollenden,« hört man. »O, Seppi ist zäh,« antworten andere.
Jetzt ist die Arbeit soweit gediehen, daß Seppi mit dem Einlegen der
Kännel beginnen kann. Immer noch schweben sie, einer um den anderen,
viele Kirchtürme hoch, herab, und einen um den anderen stößt Seppi
Blatter, auf ihm stehend, in die Reifen, löst die Seile der
eingehängten, schwingt sich zum folgenden, und an den Felsen zeichnet
die wieder erstehende Leitung eine dunkle Linie. Oft aber verzögert sich
das Werk. Die sinkenden Kännel verfangen sich in den Seilen der
nächsten, dann löst sie auf ein Zeichen aus dem Thal ein Zug aus der
Höhe aus, und wenn sich ein Kännel befreit, schwankt das ganze Werk, als
müsse es den Mann dort oben herunterschütteln wie einen Apfel vom
sturmgerüttelten Baum. Oder Seppi Blatter löst die Kännel, die sich
verfangen haben und sich in seinem Bereich befinden, selber aus, dann
fliegen sie von der Felswand ab in die freie Luft und wieder schief
zurück, daß er sich blitzschnell ducken muß, damit sie ihn nicht durch
einen Schlag an den Kopf von seinem schmalen Stande werfen.
Manchmal bei einem der entsetzlichen Schauspiele wagen die Zuschauer,
die doch des Schreckens gewöhnte Bergleute sind, nicht zu atmen, die
meisten Frauen, die das Schwanken des Gerüstes sehen, fliehen entsetzt
zu der Kapelle zurück.
Selbst die harten Männer erliegen der furchtbaren Spannung. »Presi, gebt
doch das Zeichen zum Abbruch. Morgen ist wieder ein Tag!«
Aber die Mehrheit ist der Ansicht, man solle, wenn Seppi Blatter nicht
selber den Abbruch wünsche, in Gottes Namen mit dem Werk fortfahren, es
sei auch mißlich, die Mannschaft auf dem Glottergrat im Freien
übernachten zu lassen.
Dann und wann ruht Seppi Blatter eine Weile und stärkt sich an Speise
und Trank. Besonders lang um vier Uhr des Nachmittags, ehe er die
Führung der Leitung durch die größere Wildleutfurre in Angriff nimmt.
Josi, der vom frühen Morgen nicht von seiner Stelle gewichen ist, ist
ins Gras gesunken und verbirgt sein Gesicht darin. Das starre
Hinaufsehen, die Hitze, das Entsetzen! Der Taumel hatte sich seiner
bemächtigt, ihm ist, glühendes Eisen senge sein Hirn, ruhelos wälzte er
sich.
Fränzi und Vroni, die fast ununterbrochen vor dem Muttergottesbild
gekniet sind, sehen das Leiden des Knaben und erbarmen sich seiner,
obgleich das ihre nicht kleiner ist.
Eusebi, der scheue Stotterer, steht in der Nähe und schaut mitleidig auf
ihn.
Seine Mutter, die stolze Gardin, will ihn mit zur Kapelle nehmen: »Man
würde meinen, du gehörtest auch der Wildheuerin Fränzi!« Der blöde
Knabe sagt: »L--l--os[17], M--m--mutter, ich w--w--will da--da
bl--bleiben!«{2}
[17] »_Los_!« -- schweizerdeutsch, »Höre!«
Sie läßt ihn, sie kann gegen ihn nicht hart sein, obschon es sie gerade
heute ärgert, daß sie so ein häßliches Kind hat und die anderen so
blühende Jugend. Eben Fränzi.
Seppi Blatter ist wieder an der Arbeit. In der großen Wildleutfurre! An
einem Seil schwingt er sich mit mächtigem Satz in das Innere der
schrecklichen Kluft und hängt an ihren Klippen. Fahnenzeichen! --
Mehrere Kännel senken sich in die Schlucht und schweben frei. Und mit
mächtigem Schwunge holt er jeden einzelnen ein. Er verschwindet damit im
Innern der Kluft, wo man seine Thätigkeit nicht sehen kann. Kännel um
Kännel zieht er ein, jetzt wird die wachsende Leitung am Rand der
Schlucht wieder sichtbar, das Fürchterlichste ist gethan. Aber je
länger, je unsicherer werden Seppis Schwünge, zwei-, dreimal sieht man
ihn ansetzen, bis er das Ziel erreicht.
Sechs Uhr! Erfrischende Kühle strömt durchs Thal, lebhafte Bewegung ist
unter dem Volk.
Seppi Blatter hat über die ganzen Weißen Bretter hin die Kännel gelegt,
der Rest, der ihm zu thun bleibt, ist leicht.
Da stupft Eusebi den daliegenden Josi: »Sch--sch--schau!
f--f--fer--fertig!«
Josi schnellt auf, lächelt verträumt, sucht mit seinen rotgeschwollenen
Augen die Höhe und sieht, wie der Vater eben das zierliche Wasserrad
einsetzt, das den Merkhammer hebt und auf ein Brett fallen läßt, so daß
sein Schlag das ganze Thal durchtönt.
Ein Fahnenzeichen gegen den Stutz empor, Männer, die am Eingang der
Leitung stehen, öffnen die heligen Wasser. In wenigen Augenblicken
werden sie durch die neuen Kännel fließen. Bald wird der Merkhammer das
erste Zeichen geben.
Eine ungeheure Spannung hat sich des Völkleins bemächtigt, vor der
Kapelle kniet niemand mehr als die Wildheuerin Fränzi und Vroni.
»Wollt Ihr's nicht hören?« fragt eine Nachbarin, aber so lange Seppi an
den Weißen Brettern ist, darf man in der Fürbitte nicht müde werden. Und
Fränzi und Vroni beten.
Da horch: »Tick tack, tick tack.« Mit wachsender Schnelligkeit kommt's
aus der Höhe, der Merkhammer schlägt, andere Hämmer, die weiterhin in
die Leitung einschaltet sind, erheben ihr Spiel, das Echo ist erwacht,
das Thal hat seine Musik wieder, eine einförmige Musik, die doch wie ein
Psalm in die Ohren klingt. Sie bedeutet Erlösung aus dem Schrecken,
Segen und Fruchtbarkeit.
Wie der Müller berauscht vor Freude aufhorcht, wenn nach langer
Trockenheit sein Rad wieder klappert, so lauschen die Leute von St.
Peter dem Hackbrettspiel der heligen Wasser und drücken sich vor Freude
die Hände.
»Ja, Seppi Blatter ist ein Mann! -- Es lebe der neue Garde!«
Der alte Pfarrer hebt segnend sein Kreuz gegen die wiederhergestellte
Leitung empor, das Glöcklein, das einen Augenblick zu bimmeln aufgehört
hat, setzt wieder ein, es ruft zum Dankgottesdienst, und die Berge
leuchten, vom Abendrot umspielt, wie Lichter der Andacht.
Am schönsten leuchtet Josis Gesicht!
Hoch an den Weißen Brettern sind nur noch zwei oder drei Stricke zu
lösen und die Arbeit, die gefahrvolle, ist glücklich gethan. Bald wird
man auf den Felsentafeln nur noch die Linie der Kännel sehen.
Der Gottesdienst geht seinen Weg, da gellt ein einzelner Schrei:
»Seppi!«
Der Schrei verzehn- und verhundertfacht sich -- ein dunkler Körper fällt
und wird größer im Fallen, er gleitet wie ein Schatten die Weißen
Bretter hinab.
Seppi Blatter ist am Ende seines Werkes abgestürzt. Der Gottesdienst
schweigt.
Josi ist brüllend wie ein Stier aufgesprungen und will sich in die
Glotter stürzen, in der sein Vater vor seinem Blick verschwunden ist. Da
halten ihn im letzten Augenblick starke Arme zurück. »Gottloser Bub!« Er
beißt, er kratzt, er schlägt um sich, aber die junge Kraft erlahmt,
röchelnd liegt der Knabe im Gras.
Was war die Ursache des Sturzes? -- Hunderte haben hinaufgeblickt, aber
wenige wissen etwas Sicheres zu sagen. Der Glottermüller, der wieder das
Fernrohr geführt hat, versichert, Seppi habe bis zum letzten Augenblick
frei stehend gearbeitet, da schwankte er, faßte das Seil, das ihn in die
Höhe ziehen sollte, es senkte sich ein wenig, er ließ es los, im
gleichen Augenblicke aber wurde es von der Mannschaft, die den Ruck
Seppis für ein Zeichen genommen, in die Höhe gezogen, die Schleife am
Ende des Taues legte sich dabei um das Bein, das er in die Luft gestellt
hatte, die Arme des müden Mannes suchten den oberen Teil des Strickes
zu spät, da schleuderte ihn das steigende Seil, das ihn am Fuß gepackt
hatte, in die Tiefe.
Von allen, die Zeugen des Unfalls gewesen waren, war keiner so blaß wie
der Presi.
Der Schein an den Bergen war erloschen, nur noch die letzten Streifen
der Abendröte beleuchteten die traurige Heimkehr der Leute von St.
Peter. Sie führten eine an Gott und Menschen irre Familie in ihrer
Mitte, und im Schimmer der Mitternachtssterne kam ein zweiter dunkler
Zug, dem Kaplan Johannes mit einem Kienspanfeuer, das auf einer Pfanne
brannte, den Weg erleuchtete.
Dieser Zug trug die Leiche Seppi Blatters, des Helden der heligen
Wasser.