Der Garde stand auf: »Also um ein Uhr.«

Als Seppi und Fränzi Blatter ihm das Geleit unter die Hausthüre gaben,

blies der Senn auf der Fenkenalp durch seinen Milchtrichter den

Heligen-Wasser-Segen:

»Die heligen Wasser behüte uns, Gott,

Behütet sie, ihr lieben Heiligen!

Sankt Peter nimm den Schlüssel zur Hand,

Thu' auf dem Seppi Blatter die Wand,

Führ' den Seppi auf dem bösen Weg,

Schließ' seinen Fuß fest an den Steg,

Du hast den Schlüssel und Gottes Gewalt,

Sorg', daß der Seppi Blatter nit fallt!

Die heligen Wasser behüte uns Gott,

Und ihr liebe Heilige alle!«

Das klang und wogte durch die geröteten Berge, die den Wiederhall

zurückwarfen, als sängen Himmel und Erde. Und Fränzi umarmte ihren Mann.

Rückblickend sagte der Garde, der schon einige Schritte gegangen: »Wenn

Ihr ein paar Stunden schlafen könnt, Blatter, so thut es!«

Und als er den anderen aus Hörweite gegangen war, knurrte er: »Das

Wetter ist entsetzlich schön, kein Wölkchen am Himmel.« -- --

Mitternacht! Das Glöckchen von St. Peter läutet. Jetzt wissen die

Bewohner, die vom Schrecken des Tages ausruhen, daß der Pfarrer und der

Mesner mit den Sakramenten zu Seppi Blatter gehen. Nichts drängt die

Gefahr, die an den Weißen Brettern lauert, so brennend vor die Augen,

wie die Thatsache, daß selbst die allbarmherzige hoffnungsreiche Kirche

den halb verloren giebt, der an die Felsen steigt.

Sie reicht ihm ihre Tröstungen.

Der Priester spricht zu Seppi Blatter: »Du hast gebeichtet und den Leib

des Herrn gegessen. Du gehörst nicht mehr dieser Welt, lege ab die

irdischen Gedanken und sinne auf deine Seligkeit. Giebt dich Gott in

seiner grenzenlosen Güte der Erde zurück, so dank' es ihm ewiglich.«

Da pocht es ans Fenster. Josi, der hinausblickt, sieht drei große gelbe

Augen, die gegen das Haus leuchten, die Windlichter für den Marsch durch

den dunklen Wald. Er sieht ein Trüppchen Männer.

»Vater, ich will mit dir gehen!« fleht er.

»Bist ein thörichter Bub[16].« Rauh sagt es Seppi Blatter. Josi weiß, es

ist nicht böse gemeint, aber die Thränen treten ihm in die Augen.

[16] _Bube_, schweizerdeutsch, so viel wie Knabe ohne die

Nebenbedeutung des Verächtlichen, die das Wort im

Schriftdeutschen angenommen hat.

Da pocht es zum zweitenmal scheu wie vorhin, als fehle denen draußen der

Mut, stark zu klopfen.

Lautes Weinen erhebt sich in der Stube -- unter der Thür erscheint der

Garde, er zieht das dicke Nürnberger-Ei aus der Tasche. »Im Augenblick

ist es eins!«

Garde und Pfarrer ziehen sich zurück, die Haushaltung Blatter ist

allein. Geduldig warten die Männer, da kommt vom Kirchturme herüber der

schwere scharfe Einsschlag.

Seppi Blatter tritt unter die Hausthüre: »Ich bin bereit!« Fest und

mannhaft soll es klingen, aber es rasselt, daß es den Männern schier die

Brust zerreißt. Die Windlichter verschwinden gegen den dunkeln,

schauernden Alpenwald empor, sie sind nur noch winzige gelbe Punkte.

Halberstickte Stimmen rufen in die Nacht: »Vater, behüt' dich Gott,

Vater!« -- Und hoch aus dem Wald kommt noch einmal seine Stimme zurück.

»Er jauchzt, er hat Mut!« versetzt Josi mitten in Thränen.

»Fränzi! hat er geschrieen -- der Mutter hat er gerufen!« Vroni will's

sagen, aber sie kann nicht sprechen vor Weh.

Fränzi und die beiden Kinder sitzen in der Stube, gelähmt und stumm --

sie weinen nicht mehr -- sie starren vor sich hin.

Der alte Pfarrer hockt auf der Bank nebenan, den Mesner hat er

fortgeschickt. Der flackernde Kienspan beleuchtet die Strähnen weißen

Haares und die hundert feinen Fältchen seines bäuerlich ehrwürdigen

Gesichts. Er kann Fränzi jetzt nicht verlassen, aber er schweigt. Wozu

reden?

Mit gesenkten Lidern, die mageren Hände ineinander gekrampft, sinnt er.

Indem er die Menge schwerer Gänge überdenkt, die ihm die Pflicht in

vierzig Jahren überbunden, geht sein eigenes Leben in traumhaften

Bildern an ihm vorbei. Er hat gekämpft und gelitten. Als er im

Uebereifer des unerfahrenen Vikars den fremden Naturforscher für einen

Abgesandten des Teufels genommen hatte, da regnete es Hohn auf ihn und

bitter erkannte er, daß man, um als Pfarrer durchzukommen, von der Welt

ebenso viel wissen muß, wie vom Himmel und der Hölle. Aus der Stadt, wo

der Gelehrte hauste, der ihn mit einer übertriebenen Schilderung der

Ankunft in St. Peter der Lächerlichkeit preisgab, ließ er Bücher kommen.

Er las sie und wurde irre am Glauben. In der Verzweiflung verbrannte er

die Schriften, bei dem alten Amtsbruder in Hospel suchte er Hilfe,

kehrte in den Glauben zurück und seit dreißig Jahren war er von inneren

Anfechtungen frei. Er pflegte sein Amt, wie ihm von oben geboten war,

nur mit einem Zusatz: dem Teufel- und Dämonenglauben, der ihn so

genarrt, war er abhold, ebenso dem Aberglauben. Wo gab es dessen mehr

als im Glotterthal? Er kränkte sich, daß seine Herde fast stärker als an

die Heilswahrheiten der christlichen Religion an Vorstellungen

festhielt, die heidnischen Ursprungs waren, so an der hartnäckigen

Einbildung, daß die Abgestorbenen zur Sündenreinigung nicht ins

Fegefeuer, sondern in den Schnee der Gletscher kommen, er ärgerte sich

am Totenkult, der zu St. Peter in tiefer Heimlichkeit blühte, und an

Johannes, dem falschen Kaplan, der, indem er sich an die Weiber hielt,

das Dorf in einen immer tieferen Aberglauben stieß.

Das war sein Schmerz noch in alten Tagen, wo er doch gelernt hatte,

Leute und Leben zu nehmen, wie sie sind, und, wenn ihm etwas über die

Leber kroch, sich zu seinem Bienenstand zurückzuziehen.

Vroni war mit einer Thräne an der Wimper eingeschlafen, die Schrecken

der gestrigen und heutigen Nacht forderten Auslösung.

Josi weckte den Pfarrer aus seinem Brüten: »Es tagt, jetzt sind sie

schon über dem Wald.«

Der Pfarrer erwiderte: »Um sechs Uhr ist Heligen-Wasser-Prozession, wenn

es euch recht ist, so gehe ich jetzt heim.«

Da hob Fränzi das schmerzlich verträumte Haupt: »O geht nur. Ich will

wachen, ihr aber, Kinder, müßt noch etwas ruhen!« Sie brachte die in

einen bleiernen Schlummer gesunkene Vroni zur Ruhe.

Sie aber wachte.

Der Morgen war empfindlich kühl, der Himmel rein, die Felsen der Krone

standen wie die Mauern eines Münsters, ihre Firnen funkelten wie

frischgegossenes Silber, im Thal hing der Tau an Baum und Strauch. Ueber

den Stutz herauf erklang das Glöcklein der Lieben Frau an der Brücke.

Die Windungen des Stutzes hinab bewegt sich die Wallfahrt. Die alte

Kirchenfahne, auf der St. Peter mit dem Schlüssel etwas ungeschickt

hingemalt ist, knistert leise. Der Mesner führt sie. Die weißen kurzen

Ueberhemden der paar Kreuzträger schimmern. Unter einem vom Alter

gelblich angelaufenen Himmel, der sich mit dem stahlblauen Firmament

nicht messen kann, und beim Zug über den Stutz hinunter manchmal

bedenklich schief zu stehen kommt, schreitet der Pfarrer. Er trägt das

Barett und ein langes Chorhemd, er schwingt den Rosenkranz und betet der

Gemeinde mit lauter Stimme vor. Die vier Stangen des Thronhimmels werden

vom Presi und drei Gemeinderäten gehalten, denn wenn jener schon ein

verdächtiger Sohn der Kirche ist, erfüllt er aus Klugheit alles

treulich, was sie nach Sitte und Brauch von ihm fordert. Hinter dem

Thronhimmel trippelt die Jugend mit hellen Stimmen, unter ihr Josi,

Vroni, Eusebi und die zierliche Binia, die mit ihren dunklen Augen

verfahren in die Welt blickt, dann die Frauen und Männer.

So geht die Wallfahrt immer, wenn ein Mann an die Weißen Bretter steigen

muß.

Wie die Teilnehmer die Felsen sehen können, spähen alle einen Augenblick

dort hinauf, aber an den hellschimmernden Wänden ist noch nichts weiter

zu entdecken, als daß die Kännel fehlen. Das Wasser der Glotter hat sich

durch die schauerlichen Eistrümmer gefressen, die in der Schlucht

liegen, und einzelne der niedergefegten Kännel ragen aus ihnen hervor.

Die Prozession zieht am Schmelzwerk vorbei über die Brücke zur Kapelle

und kniet vor ihr nieder, aber die Gebete rauschen nicht so heiß wie

gestern um die Dorfkirche. Es handelt sich heute nicht um den eigenen

Mann, sondern um Wildheuer Seppi Blatter. Gewiß ist die Fürbitte für ihn

heilige Pflicht, aber bis sein Werk gethan ist, bis das Glöcklein

aufhört zu bimmeln und zu mahnen, kann man den Himmel noch genug

anrufen.

Die Männer gehen oder schleichen sich hinweg und zurück gegen den Stutz,

die Knaben folgen dem Beispiel, nach einiger Zeit besteht die Gruppe der

Betenden vor der Kapelle nur noch aus einem Häufchen Weiber, die um

Fränzi knieen, die Neugierigen aber sammeln sich im Teufelsgarten, oder

etwas höher am Schmelzberg, und starren an die Weißen Bretter hinauf.

Der Presi trägt eine rote Fahne, seitwärts von den Weißen Brettern

schimmert auch eine solche, eine dritte vermag man auf der mittleren

Spitze der Felsen zu erkennen.

»Der Garde hält sie!« Josi, der, die Hände in den Hosensäcken geballt,

unter den Männern steht, hat Zutrauen zu ihm.

Sonst sieht man noch nichts. Da regt sich die oberste Fahne. Es schwebt

etwas von oben die gräßlichen Felswände hinab, das wie ein Strohhalm

aussieht, der an Bindfäden hängt. »Sie sind am Werk!« Strohhalm um

Strohhalm senkt sich aus der Höhe, manchmal bleibt einer zu hoch,

manchmal kommt einer zu tief. Der Presi schwingt je nachdem die Fahne,

bald stark abwärts, bald fest aufwärts, und wenn sich die Halme

verschoben haben, so schwenkt er die Fahne seitwärts. Oft entsteht

Unordnung in den Halmen, dann schweben sie auf die Fahnenzeichen wieder

aufwärts und kommen hübsch hinunter. Auf dem ersten Strohhalm bewegt

sich ein kleines drolliges Wesen.

»Das ist der Vater!« denkt Josi und freut sich, daß er solch einen Vater

hat. Die Augen des Knaben sind flehentlich auf den Glottermüller, der

das Gemeindefernrohr in den Händen hält, gerichtet.

»Darfst einmal durchgucken!« quiekt der kahlköpfige Müller, der eine

Stimme wie ein Weib hat, »schau nur, wenn ihr das Mehl schon lieber in

Hospel holt als bei mir.«

Jetzt hält es Josi! Durch das Glas scheinen die Bindfaden Seile, die

Strohhalme Kännel, auf einem davon steht ein Mann. Man kann sein Gesicht

nicht erkennen, aber man sieht jede Bewegung der Glieder, durch das Rohr

scheint alles nah und man erkennt erst recht, was für fürchterliche

Felsen die Weißen Bretter sind. Bis in alle Höhen keine Planke, nirgends

eine Rinne, wo ein Büschel Gras hervorwachsen könnte. Senkrecht sind

sie, kahl und nackt, entsetzlich glatt und hart. Nur in den

Wildleutfurren ist weiches Gestein, da ragen wie von Geistern gesetzt

die Klippen und Türme des harten Felsens, während der weichere Stein im

Laufe der Jahrhunderte abgewittert ist.

Das alles sieht Josi mit klugem Auge, aber nun strecken sich die Hände

anderer nach dem Glas. Er reicht es weiter. Das Bild seines Vaters hat

er fest gefaßt, seiner Lebtag wird es ihm in Erinnerung bleiben, wie

der Mann dort oben zwischen Himmel und Erde auf den schwankenden Känneln

steht und sich von einem zum anderen schwingt. Immer deutlicher wird

übrigens auch ohne das Fernrohr seine Gestalt, sie tritt aus dem

Schatten, den der Schmelzberg bis jetzt auf die Wand geworfen hat, in

die Sonne, die auf die Weißen Bretter zu leuchten beginnt. Der Vater

prüft die gewaltigen eisernen Kloben, die Matthias Jul so fest in die

Felsen vermörtelt, verkeilt und verankert hat, daß sie jetzt noch

Jahrhunderte halten werden. Sie sind alle gut. Viele der leichten

eisernen Reife, die durch die kurzen verdickten Enden der Kloben gehen,

sind von der Gewalt der Lawine zerrissen und müssen ersetzt werden,

manche haben nicht gelitten, sondern die Kännel sind einfach aus ihnen

herausgeschleudert worden. Mit einer Stange, an der ein eiserner Haken

ist, holt Seppi die neuen Schlaufen ein, die an einem Seil an der Wand

herniederhangen. Das Einpassen in die Kloben geht leicht, die

Nietenköpfe des einen Endes passen in die Löcher des anderen Endes, mit

einem einzigen Griffe schließen sich die Reife. Im Lauf der Zeiten hat

man manche Vorteile gelernt, die Bearbeitung des Eisens und die

Handgriffe beim Legen der Leitung sind eine besondere Wissenschaft der

Leute von St. Peter, ein Stück bäuerlicher Ingenieurkunst. Und dafür,

daß immer ein genügender Vorrat von Seilen, Känneln und Schlaufen da

ist, sorgt der Garde; in Dingen, die das helige Wasser angehen, giebt es

keine Knauserei und keinen Widerspruch.

Die Stunden wandern und die Spannung der Zuschauer ermattet. Seppi

Blatter arbeitet sicher. Von Zeit zu Zeit erneuert das Glöcklein der

Kapelle sein Bimmeln, es mahnt. »Betet, betet für den Mann, der einsam

an den Felsen schwebt!« Bis am Abend darf die gemeinsame Fürbitte nicht

aufhören. Die Frauen, die auch heraufgeschlichen sind, um an die Weißen

Bretter zu sehen, eilen wieder zur Kapelle, einzelne Männer folgen: »Man

darf nicht nachlässig sein in einer so ernsten Angelegenheit, wegen

Seppi Blatter nicht und wegen seiner selbst nicht; man könnte einen

Schaden auflesen, wenn man nicht aus vollem Herzen für ihn fleht.«

Der Presi, der die Signalfahne seit einiger Zeit dem Glottermüller

übergeben hat, hält scharfe Ordnung; er jagt die müßigen Weiber zur

Kapelle hinunter: »Plärrt doch lieber, als Maulaffen feilzuhalten!« Den

Männern, die auch jetzt ihr Pfeifchen anstecken wollen, schnauzt er zu:

»Himmelsakrament, wer denkt ans Nebeln, solang einer da oben hängt!« und

Bälzi, der das Rauchen doch nicht läßt, schlägt er die Pfeife aus dem

Mund.

Binia steht etwas verloren zwischen den Leuten. Sie ist nicht so behend

wie sonst und ihr Gesichtchen blaß. Die dunklen Augen schauen auf den

Teufelsgarten. Das ist nicht mehr der wilde unberührte Blumenjubel der

letzten Tage. Die Männer haben ihn mit ihren schweren Schuhen

niedergetreten, die Mädchen haben ihn abgerauft, die Buben haben den

Königskerzen die Köpfe abgeschlagen und wälzen sich jetzt scherzend auf

der verdorbenen Pracht.

Binia sieht Josi, Josi sieht sie; aber die beiden Kinder, die sich so

gut waren, wissen nichts mehr miteinander anzufangen -- es ist etwas

zwischen ihnen, das vorgestern noch nicht war.

»Bini, was machst auch für ein barmherziges Gesicht?« Sie schrickt

zusammen. Der Vater! Freundlich sagt er: »Du wirst gar verbrannt in der

glühenden Sonne, geh ein bißchen an den Schatten!«

Folgsamer als je gehorcht sie. Sie wandelt zur Ruine hinüber. Dort

stehen und sitzen Männer, der Kaplan Johannes, Bälzi, der Gemeindeweibel

und andere. Die Schnapsflasche geht in der Runde, die Männer essen einen

Imbiß von der Hand, sie plaudern und lassen sich's wohl sein und sehen

die Augen Binias nicht.

»Heut' giebt's keine Tafel zu malen, Kaplan, Seppi schafft gut,« sagt

der Weibel, der einen großen schönen Bart, aber einen schielenden Blick

hat.

»Macht nichts -- ich bin nicht gern der Unglücksrabe,« antwortete der

Kaplan mit seiner hohlen Stimme.

»Ich glaube beim Eid, Seppi Blatter fällt -- die elende Hitze -- und

erst dort oben -- man wird da unten dumm, dort oben aber wird einer

verrückt -- die Männer, die stürzen, thun's, weil sie vom Sonnenstich

wahnsinnig geworden sind.« Bälzi nahm einen Schluck.

»St. Jörg und einundzwanzig, das wär' ein Unglück -- die Frau und die

zwei Kinder!« So der Weibel.

An heiligen Wassern: Roman aus dem schweizerischen Hochgebirge · 第 12 / 59 题