Gegen Abend kam Hans Zuensteinen feierlich in die Wohnung Seppi
Blatters. In stummer Fassung saß die Haushaltung da, Frau Fränzi wie ein
Marterbild, Vroni mit den Thränen kämpfend, Josi voll Neugier und
freudiger Zuversicht.
»Seppi Blatter,« sagte der Garde, »es ist alles geordnet, die bestellte
Mannschaft mit den Reifen und den Känneln nach dem Glottergrat
unterwegs. Sie übernachten in der oberen Balm[15], die Führung der
Posten übernehme ich selbst, wie's in meiner Pflicht liegt, und was von
uns aus zu Euerm Dienste gethan werden kann, wird treulich und
gewissenhaft besorgt. Und so Gott und die Heiligen wollen, Seppi
Blatter, daß Ihr gesund zurückkommt, so gehen also der Gardenhut,
Schwert und Binde in Eure Hand. Es sind Ehrenzeichen, die ich nicht
jedem abtreten würde. Euch aber schon und gern. Vierzehn Jahre war ich
auf dem Posten, fast zu lange, und ich habe Arbeit genug auf Acker und
Maiensäße und im Weinberg.«
[15] _Balm_ bedeutet eine Stelle, wo der Felsen des Gebirgs überhängt.
Seppi Blatter errötete. Als Garde war er und sein Haushalt jeder Not
überhoben, aber bescheiden sagte er: »Ich werde das Amt wohl nicht
versehen können, ich habe schon die Hände, aber nicht den Kopf dafür.«
»Der findet sich schon, wenn Ihr einmal dabei seid -- im übrigen ist's
im Gemeinderat gut gegangen. Es wäre ungeschickt gewesen, wenn der
Vertrag der Losgemeinde hätte vorgelegt werden müssen. So sieht es
besser aus, auch für Euch, noch mehr für den Presi und dient dem
allgemeinen Frieden. Der Presi hat sich mit Euch einfach verrannt, aber,
wie er ist, wenn die vorderen Räder des Wagens in den Kot gefahren sind,
so hat er die Gnade nicht, 'Hüst' zu rufen. Nein, wenn die heilige
Jungfrau mit der ewigen Seligkeit auf dem Wagen säße, die Hinterräder
müssen auch hinein. Aber gewohlt hat's ihm, wie ein anderer an die
Deichsel gestanden ist und kehrt gemacht hat.«
»Ihr, Garde!«
»Mich haben die hundertachtzig Franken nicht gereut. Nur eins. Ueber
diese Vertragsgeschichte muß Gras wachsen. Es ist wegen des Presi. Wenn
sie bekannt würde, so wäre sie ein Fleck auf seiner Ehre. Ihr werdet,
wenn Ihr einmal als Garde mit ihm zu verkehren habt, sehen, daß er gar
nicht so ungrad, nicht so hart ist, wie er scheint, obgleich ihn von
Zeit zu Zeit der Teufel reitet und dann nichts mit ihm anzufangen ist.«