IV.

Gegen Abend kam Hans Zuensteinen feierlich in die Wohnung Seppi

Blatters. In stummer Fassung saß die Haushaltung da, Frau Fränzi wie ein

Marterbild, Vroni mit den Thränen kämpfend, Josi voll Neugier und

freudiger Zuversicht.

»Seppi Blatter,« sagte der Garde, »es ist alles geordnet, die bestellte

Mannschaft mit den Reifen und den Känneln nach dem Glottergrat

unterwegs. Sie übernachten in der oberen Balm[15], die Führung der

Posten übernehme ich selbst, wie's in meiner Pflicht liegt, und was von

uns aus zu Euerm Dienste gethan werden kann, wird treulich und

gewissenhaft besorgt. Und so Gott und die Heiligen wollen, Seppi

Blatter, daß Ihr gesund zurückkommt, so gehen also der Gardenhut,

Schwert und Binde in Eure Hand. Es sind Ehrenzeichen, die ich nicht

jedem abtreten würde. Euch aber schon und gern. Vierzehn Jahre war ich

auf dem Posten, fast zu lange, und ich habe Arbeit genug auf Acker und

Maiensäße und im Weinberg.«

[15] _Balm_ bedeutet eine Stelle, wo der Felsen des Gebirgs überhängt.

Seppi Blatter errötete. Als Garde war er und sein Haushalt jeder Not

überhoben, aber bescheiden sagte er: »Ich werde das Amt wohl nicht

versehen können, ich habe schon die Hände, aber nicht den Kopf dafür.«

»Der findet sich schon, wenn Ihr einmal dabei seid -- im übrigen ist's

im Gemeinderat gut gegangen. Es wäre ungeschickt gewesen, wenn der

Vertrag der Losgemeinde hätte vorgelegt werden müssen. So sieht es

besser aus, auch für Euch, noch mehr für den Presi und dient dem

allgemeinen Frieden. Der Presi hat sich mit Euch einfach verrannt, aber,

wie er ist, wenn die vorderen Räder des Wagens in den Kot gefahren sind,

so hat er die Gnade nicht, 'Hüst' zu rufen. Nein, wenn die heilige

Jungfrau mit der ewigen Seligkeit auf dem Wagen säße, die Hinterräder

müssen auch hinein. Aber gewohlt hat's ihm, wie ein anderer an die

Deichsel gestanden ist und kehrt gemacht hat.«

»Ihr, Garde!«

»Mich haben die hundertachtzig Franken nicht gereut. Nur eins. Ueber

diese Vertragsgeschichte muß Gras wachsen. Es ist wegen des Presi. Wenn

sie bekannt würde, so wäre sie ein Fleck auf seiner Ehre. Ihr werdet,

wenn Ihr einmal als Garde mit ihm zu verkehren habt, sehen, daß er gar

nicht so ungrad, nicht so hart ist, wie er scheint, obgleich ihn von

Zeit zu Zeit der Teufel reitet und dann nichts mit ihm anzufangen ist.«

An heiligen Wassern: Roman aus dem schweizerischen Hochgebirge · 第 11 / 59 题