Die Glocken erklangen, das Volk sammelte sich auf dem Kirchhof, der im
Nelkenschmuck rot erglüht war.
Die Männer hatten die Hüte gezogen und standen in Gruppen, einzelne auch
mit Weib und Kind an den Gräbern Eigener, über welchen die Blumen
wogten. Wie war allen wohl, die im heiligen Boden ruhten. Aber auch in
ihr Leben hatte die Wildleutlawine die bangen Tage gebracht. War eine
Familie im Dorf, die in der Folge der Geschlechter nie ein Opfer der
heligen Wasser zu beweinen gehabt? -- Kaum eine!
Endlich verstummten die Glocken, die Männer nahmen Abschied von den
Ihrigen -- Seppi, der soeben gekommen war, sprach mit Fränzi und den
Kindern -- und wären die anderen nicht ganz im eigenen Kummer gefangen
gewesen, so hätte ihnen die fahle, schmerzzerrissene Gruppe schon die
Lösung eines Geheimnisses gebracht.
So blieben die Dörfler alle in dunkler Furcht und gräßlicher Spannung.
Nur Bälzi, der wein- und schnapsselig unter seinen bleichen Würmern
stand, hatte das Bild gesehen und lachte blöd.
Vom Bären herüber bewegte sich der Zug des Gemeinderates, vor ihm her
trug der Weibel, der angedöselt war, so daß der Zweispitz auf seinem
Kopfe schwankte, die silberne Losurne.
Hinter dem kleinen Zug schloß sich die Kirchenthüre.
Da warfen sich die Frauen und Kinder auf die Kniee, ins blühende Gras;
das Gesicht gegen die Kirche gewendet, sandten sie die
leidenschaftlichen Fürbitten für die Ihrigen zum Himmel, ihr heißes
Murmeln schwoll wie Windesrauschen an und ab. Manche weinten, dicht an
die Mütter drängten sich die Kinder, die noch kaum wußten, was ihre
lallenden Gebete sollten.
Fränzi, Vroni und Josi lagen mitten unter den anderen auf den Knieen und
ihre Thränen strömten reichlich. Nahe bei ihnen kniete Eusebi, das
flammende Beten der drei bewegte ihn so, daß er seine Stotterzunge
vergaß und mit Vroni im Gleichtakt seine Bitten in den Himmel
hinaufschickte.
Am weißen Kirchturme, der eine etwas plumpe Nachahmung eines
italienischen Campanile war, schlich der Uhrzeiger mit tödlicher
Langsamkeit, so langsam, daß einmal eine Stimme schrie: »Die Uhr geht
nicht!« -- Aber sie ging. »Erst eine halbe Stunde tagen sie!« jammerten
die Weiber.
Plötzlich schrie die Frau des Fenkenälplers auf: »Ich halt's nicht mehr
aus,« sie sprang an die Kirchenthüre, sie rüttelte am Schloß, sie schlug
wie besessen die Fäuste auf die Füllung der Thüre. Umsonst, die Männer
hatten sich eingesperrt.
Noch eine halbe Stunde! -- Drei Weiber zugleich poltern an die Thür des
Gotteshauses, ein anderes liegt ohnmächtig in den Nelken, die Gebete
rauschen nicht mehr, sie rasen zum Himmel.
Da knarrt das Schloß -- der Weibel tritt hervor. -- Tödliche Stille --
»Seppi Blatter hat sich freiwillig gestellt!« -- Lautes Weinen bildet
die Auslösung der Spannung.
Aus der Kirche ergießt sich die dunkle Schar der Männer. Die Weiber
stürzen schreiend auf sie zu und umhalsen sie: »Jetzt wollen wir wieder
friedlich zusammen leben und arbeiten! -- nie wollen wir zanken!« Und
der Bäliälpler und sein Weib, die einander nicht mehr leiden mochten,
versöhnen sich.
Bälzi schreit: »Es lebe Seppi Blatter, der neue Garde!« und schwenkt den
Hut.
Jetzt kommt Seppi Blatter selber, totenblaß, doch hoch aufgerichtet.
»Vater!« -- ruft Josi und hält ihn umschlungen, »ein Held will ich sein
wie du -- ich gehe mit dir.«
»Du bleibst bei der Mutter!« sagt Seppi bewegt. Fränzi ist an seine
Brust gesunken, sie schluchzt, als drehe sich ihr das Herz in der Brust.
»Du himmelgutes Weib!« Er küßt ihr dunkles schwellendes Haar. »Kommt --
kommt!«
Dicht aneinandergedrängt bewegt sich das Vierblatt von Eltern und
Kindern am Bären vorbei.
Die Leute ziehen vor ihm ehrfürchtig die Hüte. Auf der Freitreppe steht
der Presi. Wie er Seppi Blatter sieht, schwankt er ins Haus. Ihm ist
nicht gut. Die Ueberraschung, daß das Aeckerchen bezahlt worden ist und
Seppi Blatter freiwillig an die Bretter steigt, hat ihm einen großen
Stoß gegeben.
Jetzt wallt das Volk in den Bären. Dem Schrecken darf ein Trunk im
stillen folgen. Laut sein ist nicht schicklich, aber in gedämpftem
Gespräch stoßen die Dörfler mit den Gläsern an:
»Auf Seppi Blatter, den Freiwilligen, mögen ihm Gott und die Heiligen
fröhliche Wiederkehr schenken!«