Die Wildleutlaue ist gegangen!
In der Nacht schon standen die Leute in Gruppen vor den Häusern des
Bergdorfes, redeten miteinander, und als der Morgen kam, dachte niemand
ans Tagewerk.
Im Bären saßen schon Gäste. Ihre Zahl wuchs, als die, welche an den
Stutz hinausgegangen waren, um die Größe der Verwüstung zu sehen,
zurückkehrten. Sie brachten den Bericht, den man erwartete: die Lawine
hatte die Leitung der heligen Wasser von den Weißen Brettern
hinuntergefegt und den Abgrund der Glotter mit Eis und Schnee gefüllt.
Also ist heute Wassertröstung! Die Bauern erzählten sich die Schrecken
der Nacht: Die Scheiben klirrten, die Luft sprengte die Thüren auf, die
Betten wackelten, die Kinder schrieen, die Frauen riefen zu den
Heiligen.
Die alten Sagen von den heligen Wassern hatten freien Lauf. Binia, die
der Lärm aus dem Bett geschreckt hatte, und wie ein aufgescheuchter
Vogel verwirrt und übernächtig von einem Gemach des Hauses zum anderen
flatterte und überall fortgeschickt wurde, hätte in der großen
Wirtsstube nur zu horchen brauchen, um den Rest der Geschichte zu
vernehmen, den ihr Vroni schuldig geblieben war.
Nachdem die Venediger den Wildleutewald geschlagen hatten, kam an der
Stelle, wo die große Arve gestürzt war, ein weißer Fleck, der Felsen,
zum Vorschein und glänzte, als ob dort ein Stück Schnee nicht
weggegangen wäre. Mit jedem Gewitter und jeder Schneeschmelze wurde der
unheimliche Fleck größer, die Weißen Bretter wuchsen gespenstisch aus
dem dunklen Erdreich, die Wasser wühlten die Furren[14], schlechte Jahre
machten die Gletscher groß und eines Tages wischte ein Gletscherbruch
die Kännel der heligen Wasser, deren Befestigung immer schwieriger
wurde, in die Glotter hinab.
[14] _Furre_ = Furche, Runse, Steilschlucht.
Man sah darin die Strafe der Wildleute und nannte den Eisbruch -- die
Wildleutlawine!
Als die Wasser gebrochen waren, kehrte in Hospel und in den Dörfern
wieder Dürre und Mangel ein. Der Zorn der Bewohner des großen Thales
wandte sich gegen die Venediger und die Leute von St. Peter, da sie
schuld an dem Unglück seien. Die Dörfer forderten sie durch Boten auf,
daß sie die Leitung wieder herstellen, doch wagte es niemand, an die
senkrechten Weißen Bretter hinaufzusteigen, Kännel darüber hinzuführen
und sie zu befestigen. Da stellten die Hospeler und die Dörfer im Thal
bei Tremis Wachen auf, sie ließen niemand weder nach St. Peter hinein,
noch von dort nach Hospel hinaus. »Unglück über uns!« klagten die von
St. Peter, aus Mangel zogen die Venediger über die Schneelücke ab, das
Bergwerk zerfiel und die Füchse wohnten in den Stollen. Die Not wurde
immer größer, denn die kleinen Aeckerchen, welche die Leute um das Dorf
hin anlegten, gaben nicht genug Brot, es fehlte das Holz und viele
Bewohner erfroren im Winter. Der Pfarrer erlag der Seuche, die im Dorfe
herrschte, niemand verkündete mehr das Wort Gottes. Da sagten die von
St. Peter. »Ehe wir gottlos werden wie die wilden Tiere, ehe unsere
Kinder ins Leben treten ohne Taufe, die Söhne und Töchter heiraten ohne
Trauung, die Greise sterben ohne Beichte und Sakrament, wollen wir uns
mit Gewalt den Thalweg erzwingen.« Mit Sensen und Gabeln fielen die
Männer und Frauen von St. Peter über die Wachen bei Tremis und töteten
sie, aber in der zweiten größeren Schlacht, die beim Bildhaus an der
Gemeindegrenze von St. Peter und Tremis geschlagen wurde, erlagen sie.
Die Krieger aus dem großen Thal drangen bis ins Dorf vor, raubten und
plünderten und die Bewohner mußten sich ihnen auf Gnade und Ungnade
ergeben.
Da kam ein großes Versprechen zu stande, das für ewige Zeiten ins
Landrecht aufgenommen wurde. Die von St. Peter sollen die heligen Wasser
an den Weißen Brettern vorüberführen und sie vom Gletscher an bis zum
Bildhaus bei Tremis unterhalten, wie es das gemeinsame Wohl forderte,
dafür sollen sie ungehindert aus dem Thale verkehren können und ihre
Weinberge zurückerhalten, die vorderen Dörfer aber sollen die Leitung
von der Brücke an besorgen und Friede immerdar währen.
Jetzt wußten die von St. Peter, daß ihnen nichts anderes übrig blieb,
als die heligen Wasser, sollte es auch alle Bürger kosten, an den Weißen
Brettern vorüberzuleiten. Sie bestimmten, daß das Los unter ihnen
entscheide, wer von ihnen die großen Eisenringe, in die man die Kännel
hängen wollte, hoch an den gräßlichen Felsen befestigen müsse. Des
Losens war kein Ende, einer nach dem andern stieg hinauf, schon waren
sieben gefallen, das Wehklagen des Dorfes füllte das Thal, und viele,
die das Los noch verschont hatte, wanderten heimlich mit ihren
Haushaltungen über die Schneeberge aus. Da war ein Ehrloser, Matthys Jul
mit Namen, der zu Hospel an einer Kette im Gefängnis lag, weil er einen
andern Mann im Zorn erschlagen hatte. Er anerbot sich, die Leitung
herzustellen, wenn er dadurch seine Freiheit und Ehre wiedererlange. Man
führte ihn an die Weißen Bretter und siehe da -- ihm gelang es, die
Reifen festzumachen und die Kännel zu legen. Die Merkhämmer klopften,
das Wasser floß nach langem Unterbruch wieder fröhlich durchs Thal; da
wurde beschworen, daß jede Blutschuld gesühnt sei, wenn der Thäter die
heligen Wasser an den Weißen Brettern aus dem Verderben rette.
Alle zweimal sieben Jahre, bald ein paar Sommer früher, bald ein paar
Sommer später, saust die Wildleutlaue über die Weißen Bretter herunter
und zerstört die Wasserfuhre, immer muß dann ein Mann auf Leben und
Sterben an die Felsen emporsteigen, daß er die Kännel wieder füge, und
geheimnisvoll waltet, wenn sich kein Freiwilliger meldet, darüber das
Los.
Als vielhundertjährige, durch Brauch und Sitte, ja sogar durch die
kirchlichen Anschauungen geweihte unablösbare Fron liegt die
Instandhaltung der heligen Wasser auf dem Dorf, der milde Segenspender
von Hospel ist der Drache von St. Peter, der die blühende Mannschaft des
Dorfes verschlingt. Dunkle Sagen melden von manchem Opfer, das
unfreiwillig an die Weißen Bretter emporgezwungen worden ist; mit den
Ueberlieferungen, die von den Unglücksfällen berichteten, welche an den
schrecklichen Wänden geschehen sind, könnte man ein Buch füllen.
Auf einer der vielen Gedenktafeln im grauen Kirchlein an der Brücke, das
einst den fröhlichen Bergknappen als Gotteshaus diente, sagt eine
Inschrift, die auch schon halb verblaßt ist, kurz und schwer: »Welche
Trauer! Der Totfäll' ist kein End'!«
Sollen die Opfer überhaupt nie enden? -- Die Sage tröstete, einst würde
ein Liebespaar St. Peter von der Blutfron an den heligen Wassern
erlösen, aber eine Jungfrau müsse darüber sterben. Wann? -- Ja, wohl
erst, wenn sich die andere Sage erfüllte, daß auf den Bergen, auf denen
jetzt die großen Gletscher liegen, Rosengärten blühen, der kreisende
Adler sich des fallenden Zickleins erbarmt und es der Mutter bringt.
Heute ist Wassertröstung -- Losgemeinde. Nur scheu und verstohlen wagt
sich die Frage, die auf allen Herzen brennt, hervor: Wer wird an die
Weißen Bretter steigen müssen? -- Das Los -- das blinde Los, wen
trifft's? -- Sie liegt wie ein Alpdruck auf den Gemütern, denn keiner
weiß, ob nicht er aus der alten silbergetriebenen Urne des Dorfes, die
noch an die Bergwerksherrlichkeit erinnert, sich die Verdammnis ziehen
wird, als Bürger von St. Peter den Gang auf Leben und Sterben zu wagen.
Er -- oder wenn nicht er, sein Vater, sein Sohn oder sein Bruder. Auf
jedem Herzen liegt die Furcht und gräßliche Spannung. Da ist kein
Unterschied zwischen arm und reich, wer zwischen zwanzig und sechzig
Jahren und im Besitze der bürgerlichen Ehren steht, der muß dem Rufe
folgen, wenn er aus der Losurne an ihn ergeht.
Auf die erste Nachmittagsstunde, nachdem die heligen Wasser gebrochen
waren, sollten die Bürger zur Losgemeinde einberufen werden. So
forderten es die alten Satzungen. Vom Fall der Lawine an bis zur Loswahl
standen in St. Peter alle Rechtshandlungen, die sich nicht auf die
heligen Wasser bezogen, Kauf, Verkauf, Taufe, Hochzeit und Begräbnis
still. Beim Ehrenverlust durfte niemand das Thal verlassen, alle hatten
dem Klang der Glocken zu folgen, die vom Mittag an eine Stunde lang zur
Wassertröstung läuteten. Die Satzungen drängten auf rasches Handeln, und
das war gewiß besser als die lange Ungewißheit; um so furchtbarer aber
lasteten die kurzen Morgenstunden auf dem Dorfe, denn noch war die
Abmachung zwischen dem Presi und Seppi Blatter nur wenigen bekannt, und
die schwiegen.
Die einen, die im Bären saßen, stierten trübsinnig in das Glas und der
Wein mundete ihnen nicht, die anderen tranken und johlten dazu.
St. Peter, das stille Dorf, wo die Leute kaum zu lachen und zu reden
wagten, war heute laut und lebendig, der Hälfte der Bewohner hatte die
Furcht und Spannung die Zunge gelöst.
»Hört! -- hört!« Alle drängten sich um den Tisch, wo der bocksbärtige
Bälzi beim Schnaps hockte und prahlerisch wiederholte: »Ich weiß, was
ich weiß -- es kommt nicht zum Losen. Es meldet sich einer.« Allein er
blieb bei dunklen Andeutungen -- enttäuscht wandten sich die anderen von
ihm ab: »Er ist ein unzuverlässiger Lump. Gebt nichts auf den!«
Doch hatte sich's schon einigemal zugetragen, daß sich unverhofft und in
den bittersten Nöten ein Freiwilliger für die gefahrvolle Arbeit
meldete. Im Anfang des Jahrhunderts ein armer, braver Knecht, der
umsonst beim harten Vater um die Hand der Meisterstochter gebeten hatte.
Er legte die Kännel, und die Gemeinde trat für ihn als Freiwerber ein.
Im Jahre 1819 fiel ein Freiwilliger, der geglaubt hatte, seinem toten
Vater, der wandeln mußte, die Ruhe zu verschaffen. Und nachdem zweimal
das Los gewählt, hatte sich vor vierzehn Jahren Hans Zuensteinen
freiwillig als Helfer gestellt; sein Gang war die Lösung eines Gelübdes,
das er für die glückliche Errettung seines Weibes aus dreitägigen Nöten
bei der Geburt Eusebis gethan hatte.
Darauf hatte man ihm das Ehrenamt des Garden verliehen, das er
musterhaft verwaltete.
Wunderbar wäre also nicht, wenn auch jetzt wieder einer, von den
geheimen Mächten des Lebens getrieben, aufstehen und den Bann von der
Gemeinde nehmen würde.
Susi, die alte Trottel von Haushälterin, und Mägde aus dem Dorf
besorgten die Wirtschaft, der Presi ließ sich seit einer halben Stunde
nicht blicken, aber wenn die Gäste gehorcht hätten, so hätten sie seine
schweren Schritte durch die Decke über sich gehört.
»Gott's Maria und Sankt Peter -- Räusche haben wir alle gehabt.« --
Jetzt stand er im Selbstgespräch still und stützte sich auf den Tisch.
»Ich muß hinter sich machen.« Er nahm ein beschriebenes Blatt Papier, er
that, als wolle er es zerreißen. Er legte es aber wieder hin. »Was
angefangen ist, muß man vollenden.« Er lief und wiederholte: »Dumm« --
»dumm« -- »dumm.«
Der Mann kämpfte gegen sich selbst, daß ihm die hellen Schweißtropfen
auf der Stirne standen. Er hatte nichts Großes gegen Seppi Blatter; der
war ein geplagter Mann, der mit seinem Fleiß ein besseres Fortkommen
verdient hätte, und der Verkauf des Rindes war nicht von Wichtigkeit.
Man durfte als Presi nicht kleinlich sein. Der ganze Handel war ein
Streich des Uebermutes gewesen, in seiner Anheiterung hatte er, gereizt
von Seppis Widerstand, prüfen wollen, ob er ihn nicht doch herumbringe.
Ja, wenn die Sache zwischen ihm und Seppi geblieben wäre, dann hätte er
schon rückwärts krebsen können, aber der Bäliälpler wußte davon, Bälzi
-- und der Garde. Ohne den offenen oder heimlichen Spott dieser
herauszufordern, ging's nicht ab. Nun -- und ob! Wieder griff er nach
dem Papier.
Da klopfte es. Der krummmäulige, bogennasige Bäliälpler, der vorher ein
rechter Mann gewesen war, aber seit dem Tod seiner zwei schönen Kinder
den Halt verloren hatte, trat ein. Er zog den Hut: »Presi, mich drückt's
-- in die Geschichte will ich nicht gesponnen sein. Ich habe nichts
gesehen und nichts gehört. Ich habe einen Rausch gehabt.«
»Das war doch nur ein zu weit getriebener Scherz!« erwiderte der Presi
heiter; »natürlich kann Seppi nicht behaftet werden, wir müssen halt
losen!«
Er hatte sich im Augenblick entschieden, der Bäliälpler schien ihm wie
ein Helfer der Vernunft und er begleitete ihn wie aus Dankbarkeit zur
Thüre. Da hörte er Binias glockenhelle Stimme:
»Nein, nein, alte Susi, zu Fränzi lasse ich mich nicht schicken, Seppi
Blatter ist ein wüster Mann, der hat mir 'Schlechthundekind' zugerufen
und mich fortgejagt.«
Der Presi traute seinen Sinnen nicht -- horchte -- schnob: »Binia,
daher!« und zog das Kind, das, nichts Gutes ahnend, flüchten wollte, in
sein Zimmer.
»Wie hat dich Seppi Blatter genannt?« -- Die Kleine schwieg. Da rüttelte
er sie zornrot und wiederholte keuchend die Frage.
»Schlechthundekind,« weinte die Kleine leis.
»Schlechthundekind! Schlechthundekind! Schlechthundekind! Seppi, du mußt
ans Brett!«
Wie ein wildes Tier lief der Presi hin und her, er stampfte, daß man es
in der Stube unten hörte. Binia erspähte die Gelegenheit, um aus dem
Zimmer zu wischen, wagte sich aber nicht an dem tobenden Manne vorbei,
kletterte die kleine Ofentreppe empor, und als der Falldeckel, der auf
den Estrich führte, wohl weil er durch Gerümpel verstellt war, dem Druck
ihrer kleinen Hände nicht nachgab, verkroch sie sich in ihrer Angst auf
den Specksteinofen.
Da pochte es.
»Herein! -- Ihr, Fränzi Blatter? Was wollt Ihr?«
Der wilde Mann meisterte seinen Zorn -- er schob ihr einen Stuhl hin.
Fränzi war eine arme Wildheuerin, aber die Bauern, die ihresgleichen
nicht aus dem Wege gingen, wurden kleinmütig vor ihr. Schon ihre
Erzählkunst, die sie an langen Winterabenden im Kreise der Dörfer übte,
gaben ihr etwas Geheimnisvolles, man betrachtete sie wie eine, die mehr
erlebt hat, mehr weiß, mehr denkt, mehr fühlt als die andern. Ob sie
gleich die Spuren schwerer Arbeit an sich trug, so war sie doch ein
Weib, dem der Wiederschein dessen, was sie reich in der Seele lebte, in
Augen und Angesicht lag und einen eigenartigen Reiz verlieh. Und vor
allem war sie eine rechtschaffene Frau.
Der Presi und sie maßen sich einen Augenblick, sie den Gegner in
Bescheidenheit und tiefer Trauer.
»Gebt mir das gemeine Papier zurück, Presi!« sagte sie, indem sie ihn
mit ihren großen blauen Augen ruhig, fast freundlich anblickte.
»Geschrieben ist geschrieben, Fränzi!« In barschem und bedauerndem Ton
sprach es der Presi.
»Ihr besteht auf einer erschlichenen Unterschrift -- -- du bestehst
darauf, Peter!«
Der Presi zuckte zusammen und krümmte sich, als sie ihn duzte, sein
Gesicht wurde fahl. Eine Welt voll schöner und peinigender Erinnerungen
stand in ihm auf.
»Peter! Es sind sechzehn Jahr', da hast du in der Nacht an mein
Fensterchen gepocht. Du hast in meinem Kämmerchen geweint und auf den
Knieen gefleht: 'Fränzi, erhöre mich, ich bin verloren, wenn du mich
nicht rettest, ich bin im Streit vom Vater gegangen, ich habe keinen
guten Menschen als dich!' Wir verlobten uns heimlich und sechs Wochen
warst du mir gut. Dann söhntest du dich mit dem Vater aus und nahmst auf
sein Drängen Beth. Du warst treulos gegen mich, treuloser gegen sie,
denn du hast sie nicht geliebt.«
»Wozu das, Fränzi?« sagte der Presi dumpf und hilflos vor der Würde des
Weibes, das vor ihm saß.
»Weil ich meinte, ich habe mit dem unendlichen Leid, das du mir damals
zufügtest, das Recht erworben, daß du meinen Mann und mein Haus in
Ehren haltest und ihnen unnötig nichts Leides anthuest.«
Der Presi schluckte: »Ihr Frauen versteht nichts von dem -- und Fränzi
-- ich muß mein Geld und die Gemeinde einen Mann haben. Keiner ist wie
Seppi für das Werk geeignet. Es geschieht ihm auch nichts dabei!«
»Ich will dir sagen, warum Seppi gehen muß. Du hast es ihm nie
verziehen, daß er mein Mann geworden ist. Du wolltest mich, das arme
Mädchen, nicht mehr für dich, aber du gönntest mich auch keinem anderen.
Wie David den Urias in den Krieg geschickt hat, schickst du Seppi an die
Weißen Bretter -- nicht daß du mich, das schon fast alte Weib, mehr
möchtest, aber du hassest ihn!«
So sprach Fränzi mit ihrer tiefen und schönen Stimme.
Der Presi zitterte und mußte sich halten. Zog ihm Fränzi Schleier von
den Augen? -- Ja! Vorgestern, wie er als Frischverlobter von Hospel
gegangen war, da war auf dem langen Weg die alte Zeit an ihm
vorübergezogen. Beth hatte er nicht geliebt, in Frau Cresenz war er auch
nicht recht verliebt, er nahm sie, weil sie eine tüchtige Wirtin war,
die sechs heimlichen Wochen mit Fränzi waren sein einziges sonniges,
großes Liebesglück gewesen. Er, Tölpel, hatte das jahrzehntelange Glück,
das vor ihm lag, verscherzt. Und dann hatte der Wildheuersepp, was er
selbst verloren, gefunden. Aus diesem Gefühl war er Seppi aufsässig
gewesen. -- Seit Fränzi gesprochen, wußte er es.
»Gieb mir den Vertrag, Peter!« sagte Fränzi gütig.
Er reckte sich, zauderte, dann donnerte er: »Ich lasse mein Kind von
euch nicht Schlechthundekind nennen!«
Fränzi fuhr zusammen: »Peter, vergieb Seppi, er hat in seiner Qual nicht
gewußt, was er sagte!«
Sie war aufgestanden, sie hatte seine Hände ergriffen, sie sank vor ihm
in die Kniee, umklammerte seine Fäuste: »Peter, Peter, sei barmherzig!«
Seltsam! -- In ihrer wilden Erschütterung gefiel ihm Fränzi wieder -- er
mißtraute aber der Empfindung -- er fürchtete eine Uebereilung -- darum
war er hart gegen sie. Er schleuderte sie röchelnd von sich: »Das
Greinen und Betteln kann ich schon gar nicht leiden. -- -- Und das
'Schlechthundekind' muß gestraft sein!«
Als er sie von sich stieß, löste sich Fränzis prächtiges dunkles Haar,
mit fliegender Brust stand sie einige Schritte entfernt vor ihm; die
Leidenschaft hatte sie um zehn Jahre verjüngt, aber ihre Stimme
zitterte.
»Wenn nicht um meinet- und meiner Kinder willen, so sei's um deinet- und
Binias willen -- sei barmherzig gegen dich selbst -- und gegen dein
Kind!«
Der Presi blickte das leidenschaftliche Weib begehrerisch an, wüste Züge
entstellten sein Gesicht und gaben ihm einen tierischen Ausdruck; die
Augen traten hervor und funkelten. Mit erstickter Stimme sagte er:
»Fränzi -- ich will alles wieder gut machen, Fränzi -- -- aber gieb mir
einen Kuß -- wie einst!«
Sie starrte ihn verständnislos an; dann fragte sie allen Ernstes: »Bist
du wahnsinnig geworden, Peter, -- ich habe ja einen Mann und Kinder!«
»Dann geh'!« knirschte er.
»Ich gehe, aber noch einmal: mache das Böse gut -- sonst -- Peter -- bei
der seligen Beth -- die vom Himmel auf dich sieht -- bei den armen
Seelen, die im Eise stehen -- es kommt ein Schaden über dein Kind -- und
Beth -- das weißt du -- hat auf dem Totbett gesagt, ich möchte dich
mahnen, wenn Unglück für Binia im Verzuge sei. Peter, Peter, richte dich
nicht selbst!«
»Seit wann bist du unter die Bußpfaffen gegangen, Fränzi?« Und mit
steigender, kreischender Stimme schrie er: »Jetzt mache, daß du
fortkommst, sonst --«
Er hob den Stuhl zum Schlage gegen Fränzi.
Da wich sie der Gewalt des Wütenden.
In der Aufregung des Gesprächs hatten die beiden nicht bemerkt, wie zwei
dunkle, glühende Kinderaugen, wie ein blasses, schmerzentstelltes
Kindergesicht in fiebernder Spannung zwischen den Vorhängen des Ofens
hervor jedem ihrer Worte gefolgt waren.
Als Fränzi gegangen war, sank der Presi auf einen Stuhl, hielt den Kopf
mit der Hand und stöhnte: »Daß ich nie gelernt habe, rückwärts zu
krebsen -- daß ich diesen harten Kopf nicht brechen kann. Fränzi, du
hast mehr als recht, -- mit sehenden Augen renne ich ins Unglück.« --
Seine Lippen zuckten im Selbstgespräch.
Da kam Susi: »Presi, die Gemeinderäte sind da -- es ist alles für die
Sitzung bereit.«
Er warf einen Blick ins Freie.
Rings von den Bergen herab stiegen die Sennen auf ihren Maultieren, sie
trugen das sonntägliche Gewand, viele waren von ihren Angehörigen
begleitet, die ebenfalls ritten, so daß jede Familie eine schöne Gruppe
bildete. Aber zur vollen Wirkung des Bildes fehlte die Farbenpracht der
Trachten, die an weltlich festlichen Tagen dem Glotterthaler Völklein
eigen ist. Man sah nur das schlichte Kirchenkleid, die Männer trugen
die dunklen Kittel ohne den Schmuck der Seidenstickereien, den schwarzen
Filz ohne Blumen, die Frauen hatten über die Büste dunkle Brusttücher
gekreuzt und an den Hüten flatterten die Bänder in gedämpften Farben.
Manche drehten im Reiten den Rosenkranz, kein Juchschrei tönte durch die
Berge; von weitem sah man, daß die Leute nicht lachen mochten und das
Wort im Herzen verschlossen. Wozu reden? Jeder und jede wußte, was die
Gedanken des anderen bewegte; wer einmal im Scherz gesagt hatte, er
würde den Gang an die Weißen Bretter wagen, trug heute ein doppelt
bekümmertes Sündergesicht zur Schau. In feierlicher Ruhe strömte das
Volk von allen Seiten ins Dorf und an den Häusern standen einzelne
Maultiere angebunden, besonders viele an der langen Stange vor dem
Bären.
Im letzten Augenblick sah der Presi den Garden mit Seppi Blatter kommen,
beide waren sehr ernst und feierlich. Der Garde schien größer als sonst,
er trug seine Amtstracht, einen Hut mit wallenden blauschillernden
Hahnenfedern, das Schwert am Gurt, die Binde am Arm.
Da ging der Presi, mit sich selbst noch in Streit, wie er das Zünglein
der Wage schwenken wolle, aus seiner Stube in die schwere Sitzung.
Früh am Morgen war der Garde in die Wohnung Seppi Blatters gekommen und
hatte ihn in all seinem Kleinmut gefunden. »Begleitet mich zur Schau,
wie die Lawine gegangen ist, und ob nicht noch Nachbrüche zu fürchten
sind,« redete er ihm zu. Seppi that es wohl, daß sich in dieser Stunde
jemand um ihn kümmerte. Der Garde drang auf dem Weg in den Wildheuer,
daß er erzähle, wie der Vertrag mit dem Presi zu stande gekommen sei.
Als er den Verlauf gehört hatte, zog er ein paar Banknoten aus der
Brieftasche: »Da, Seppi, noch vor der Losgemeinde gehst du zum Presi und
tilgst den Brief. Ich werde dir kein harter Gläubiger sein. Wenn er
Haken macht, bin ich da! Die Geschichte ist nichts!«
Seppi, der gemeint hatte, kein Mensch auf der Welt sei ihm mehr gut,
glaubte an ein Wunder. Alle Zerschlagenheit, die er zu Hause am Leib
gespürt, war in Lebenslust verwandelt. Schon das Kommen des Garden hatte
ihn aufgerichtet, das Angebot stimmte ihn fröhlich. »Darf ich es auch
annehmen?« fragte er glückselig, dann jubelte es in ihm: »Frei -- frei!«
Seine Zunge war gelöst, der sonst stille Mann sprudelte die Worte nur so
heraus: »O, Garde, glaubt nicht, daß es mir an Mut fehlt, an die Weißen
Bretter zu steigen, ich bin ja als Wildheuer häufig genug am Seil
gehangen und weiß wohl, daß mein Leben Tag um Tag an einem Faden hängt,
aber ich habe es nicht verwinden können, daß ich auf eine so mißliche
Art in die Pflicht gekommen bin, grad wie die Maus in die Falle -- und
ich habe es der Fränzi nicht sagen dürfen -- gekrümmt und geklemmt hat
es mich -- sie ist ein so himmelgutes Weib.«
Die Männer waren auf die Unglücksstelle gekommen, mit dem Fernrohr
musterte der Garde die Zerstörungen an der Leitung, die Abbruchstelle
des Gletschers, und wohl eine Stunde lang tauschten die beiden ihre
Beobachtungen. »Es ist wie vor vierzehn Jahren, die Kännel sind alle
weg, ein weiterer Abbruch aber nicht zu fürchten.« Der Garde begann
behaglich aus seinen großen Erinnerungen zu erzählen, was jede Stelle
an den Weißen Brettern und in den Wildleutfurren für besondere
Schwierigkeiten habe und mit welchen Vorteilen man sie am besten
überwinde. Da wurde Seppi ganz still, sein braunes Gesicht rot und
röter. »Garde!« schrie er plötzlich, als sprengte es ihm die Brust, »ich
steige an die Weißen Bretter. Freiwillig gehe ich.«
Der Garde maß ihn lange mit durchdringendem Blick; dann sagte er langsam
und tief: »Gut, so geht! Ihr sagt's im Anblick der Gefahr, also ist's
Euch ernst.«
»Weiß Gott!« bestätigte Seppi. Der Garde reichte ihm die Hand: »Fränzis
und Eurer Kinder wegen sollte ich Euch zurückhalten, aber die Fron liegt
einmal auf der Gemeinde, und da hat der Presi recht, es ist keiner, der
das Werk eher zu stande brächte als Ihr; Gott, der es Euch eingegeben
hat, hinaufzusteigen, wird Euch schützen. Es liegt ein Segen auf der
freiwilligen That -- ich habe es erfahren.«
Stumm gingen die Männer ins Dorf zurück, der Garde sagte: »Jetzt laßt
mich mit der Fränzi sprechen, wartet.«
Sie war eben vom Presi zurückgekehrt, schweigend und mit gefalteten
Händen hörte sie die Rede des Garden.
In herzzerbrechendem Ton sagte sie: »Wohl, wenn ihn Gott berufen hat, so
darf ich ihm nicht in den Arm fallen. Es wird schon ein Glück darauf
sein!«
Der Garde erwiderte bewegt: »Ich danke Euch, Fränzi, -- ich bin amtsmüde
-- ich lege heute die Stelle im Gemeinderat nieder, -- Seppi Blatter mag
der neue Garde werden.«
»O, Garde!«