Binia aber rief: »Nicht wahr, Eusebi darf noch bei mir bleiben.«

»Gewiß,« lächelte der Garde wohlgefällig, »ich habe nichts lieber, als

wenn er bei anderer Jugend ist.« Da riß die wilde Binia den scheuen

Jungen mit sich.

Der Garde, der ganz aus Eisen zusammengesetzt schien, ging langsamen

Schrittes durch die kleinen Aecker zur Hütte des Wildheuers Seppi

Blatter. Er hatte schwer zu denken und wiegte den mächtigen Kopf: Was

für ein merkwürdiger Mann ist doch der Presi! St. Peter ist zu klein für

seine rastlose Betriebsamkeit. In allem hat er die Hand. Er hat seine

Schuldscheine auf Aeckerchen und Alpen, er beherrscht als Vermittler

zwischen den Sennen und den fremden Händlern den Käse- und Viehhandel,

er ist Posthalter und hat damit den Einblick in allen Verkehr und nun

will er noch Fremdenwirt werden.

Dazu die schlechte voreilige Anbändelei mit Seppi Blatter! -- Was hat er

für einen Zweck dabei? Keinen! Eine Laune ist's, ein Stück sträflichen

Uebermutes.

Da war er bei der Hütte angekommen.

»He, fleißige Vroni, wo ist der Vater?«

Vroni saß auf dem moosüberwachsenen Block, der das Häuschen schirmte,

sie flocht mit flinken Fingern an einem jener Strohbänder, woraus die

Glotterthalerinnen die zierlichen Hüte machen, die sie tragen. Nebenbei

überwachte sie die drei Ziegen, die, mit den Schellen klingelnd,

zwischen hohen roten Enzianen und blauem Eisenhut sich ihr Futter

naschten.

»Vater, Mutter und Josi wildheuen an den Bockjeplanken; kann ich dem

Vater etwas ausrichten, Pate?«

»Er soll unter Licht[6] bei mir vorbeikommen. Guten Abend, artiges

Kind --«

[6] _unter Licht_, schweizerdeutsch, »in der Dämmerung«.

Damit stoffelte[7] er den Berg hinan. Vroni hatte aber von ihm einen

Blick aufgefangen, der ihr zu denken gab. In seiner Freundlichkeit war

ein sorglicher Ton gewesen, der ihr in den Ohren nachklang.

[7] _stoffeln_, schwerfällig gehen.

Wie gestern rollte auch heute in einem fort Lawinendonner in stärkeren

und schwächeren Schlägen vom Gebirg, und plötzlich fiel ihr der Vater

ein. Sie wußte nicht warum. Doch! Er war am Morgen so blaß gewesen, er

hatte gesagt, er habe die ganze Nacht kein Auge geschlossen wegen des

Donners.

Vroni bemerkte es in ihrem Sinnen nicht, daß eine behende Gestalt wie

ein Wiesel über die Felsen hinaufgeklettert kam, sie erschrak

ordentlich, als Binia ihren Arm um sie schlang. Und dann sah sie den

scheuen Eusebi unten stehen.

»Komm, Sebi, komm!« Er kletterte, setzte sich zutraulich zu den zwei

Mädchen, seine Augen glänzten in stiller Freude. »Vroni und Bini wissen,

daß ich nicht so einfältig bin, wie die Leute meinen,« dachte er.

»Vroni, wie geht die Geschichte von den heligen Wassern weiter, mir hat

die ganze Nacht von der Wildfrau Gabrisa geträumt, sie war aber nicht

schwarz, sondern blond wie du!« scherzte Binia.

Vroni lachte, dann mahnte sie: »Du, von Josi darfst du keinen Kuß mehr

bekommen!«

Eusebi riß die Augen auf: »K--k--kuß,« stammelte er verwundert.

»So!« Lustig stellte Binia die weißen Zähne. »Erzähle jetzt nur, Vroni.

Josis Kuß war ja nur Spiel.«

Da legte Vroni, wie sie es gewohnt war, die Hände über das Knie und sah

in die Weite: »Ich fange jetzt gleich an, wo ich gestern zu überdenken

aufgehört habe, ich mag das Gleiche nicht zweimal sagen.«

»O, das macht mir und Sebi nichts, wenn du nur erzählst,« versicherte

Binia.

Da begann Vroni:

»Man wunderte sich, wie die Wildleute Wasser in die Weinberge

hinaufführen oder tragen werden und viele Leute gingen nach Hospel

hinaus, um es selber zu sehen. Die Wildleute fingen aber bei St. Peter

zu arbeiten an, sie hieben Bäume um und höhlten die dicken Stämme fast

ganz aus, so daß breite und tiefe Kännel entstanden. Den ersten legten

sie an das Gletscherthor, aus dem die Glotter ins Thal läuft, und dann

viele Hunderte daran, den Anfang des einen in das Ende des anderen,

immer fast eben hin. Von Zeit zu Zeit prüften sie, ob das Wasser

hindurchfließe, und wenn es lief, so tanzten sie vor Freude und

klatschten in die Hände. 'Alleweil sanft, alleweil sanft,' riefen sie

sich zu, und da ihnen der Boden des Thales zu rasch abwärts ging, zogen

sie die Kännel den Berg entlang, so daß sie viel höher als der Thalboden

zu liegen kamen und sich hoch am Berg dahinwanden. Die Thalleute

wunderten sich, daß sich die Wildleute so viel Mühe gaben, sie wußten

nicht, was werden solle. Die Wildleute aber riefen:

'Sunneschyn, ja Sunneschyn

Macht die ruchen[8] Wasser fyn!'

[8] _ruch_, rauh.

»Wo ein Baum stand, der die Kännel beschattet hätte, fällten sie ihn. So

zogen sie die Leitung der Sonnenseite des Thales entlang und hoch durch

ihren eigenen Wald zwischen dem Dorf und dem Schmelzwerk, wo jetzt die

Weißen Bretter sind:

'Durefüehren, durefüehren,

Zirble[9] aber nit anrüehren!'

[9] _Zirble_, Zirbelbaum, Arve.

»So riefen sie sich ängstlich zu. Den Leuten kam es seltsam vor, daß die

Wasserleitung im Wildmannliwald am Schatten gehen sollte, sie aber

sagten:

'E Wurzen[10] git dem Berg den Halt

Und wenn sie bricht, so fallt der Wald!'

[10] _E Wurzen git_, eine Wurzel giebt.

»So bauten sie die Kännel, viele Kirchtürme hoch über Hospel kam das

Wasser in die Weinberge, und vom langen Lauf an der Sonne war es ganz

warm.

»'Aber es ist ja trüb, was sollen wir mit trübem Wasser anfangen?'

murrten die Weinbergleute. Die Wildleute jedoch tanzten wie närrisch um

die fertige Leitung und mahnten:

'Trüebe Wasser, güldige Wyn!

Grabend Gräben, lassend's yn!'

»Die Leute folgten dem Rat, sie gruben Furchen zu den verdorrten

Weinstöcken und siehe, die Reben grünten und trieben Schosse, wo ein

Tröpflein hinkam, sproßte das Gras, die Bäume schlugen aus. Das ganze

Land um Hospel wurde schön wie ein Garten und prangte in Fruchtbarkeit.

»Die Leute standen da, die Eltern zeigten das Wunder den abgemagerten

Kindern, die Greise weinten vor Freude und streckten die Hände ins

Wasser, daß sie merken, wie es riesele.

»Da rief einer: 'O du heliges Wasser', und alle antworteten: 'Ja,

heliges Wasser, heliges Wasser!' Seither hat man die Leitung nie anders

genannt.

»Die Dörfer des Thales, St. Peter, Tremis und Fegunden, und alle jene,

die von dem Ueberfluß der Hospeler Wasser erhielten, traten zu einer

Landsgemeinde zusammen. Sie beschworen, daß niemand das helige Wasser

letzen oder damit Vergeudung treiben dürfe, sie setzten Verbannung oder

Tod darauf, sie legten das Landbuch an, in dem jedes Grundstück

aufgezeichnet und ihm das Maß des Wassers bestimmt ist, das ihm zur

Tages- oder Nachtzeit zugeleitet werden darf, sie bestellten beeidigte

Wächter, die nachsahen, daß keiner zu viel und keiner zu wenig vom Segen

erhielt. Und alle drei Jahre legten die Leute den Finger auf das

Landbuch, daß sie ewig halten, was darin stehe. Von da an hatten die

von St. Peter Reben, die Wildleute aber zogen sich wieder tief in den

Wald zurück.«

Während Vroni so sprach, schien es, als bewegten sich den steilen

Alpenweg hinab drei Bündel. Zuerst waren sie nur wie dunkle Punkte

gewesen, aber jetzt wurden sie größer und größer. Ihre Träger sah man

nicht, aber die Erzählerin jubelte, sich selber unterbrechend, doch:

»Sie kommen, schaut, wie viel Heu sie haben. Es ist das erste des

Jahres.«

»Bis sie da sind, erzähle noch ein wenig, Vroni, es ist alles schön, was

du sagst,« schmeichelte Binia. Selbst der blöde Sebi nickte.

Vroni, das sah man ihren glänzenden Augen an, war im Zug:

»Das dauerte lange, lange Zeit. Die Menschen kamen auf die Welt und

starben, niemand wußte mehr etwas anderes, als daß die heligen Wasser

Jahr um Jahr Segen und Fruchtbarkeit spendeten. Unterdessen betrieben

die Venediger den Bergbau, sie lebten üppig und in Freuden, das

fröhliche Leben ging im Bären nie aus. Die von St. Peter wurden durch

den Wein, den sie an den Bergen von Hospel pflanzten und den Knappen

verkauften, sehr reich. Allein es kam die Zeit, wo die Bergleute alles

Holz, das an den Thalseiten wuchs, für ihre Feuer abgeschlagen hatten,

und wegen der Lawinen und Steinschläge wuchs das neue nur langsam nach.

Der Holzmangel war groß. Der Wald der Wildleute aber, der so nahe am

Schmelzwerk lag, stand in Schönheit und Pracht. Da boten die Venediger

denen von St. Peter so viel lötiges Silber, als sie in sieben Wochen

gewannen, wenn sie diesen Wald schlagen dürfen. Da man schon lange

keinen Wildmann mehr gesehen hatte und die Leute glaubten, die Wildleute

seien gestorben oder fortgewandert, so verkauften sie den Forst, der

nicht ihnen gehörte, und die Venediger schlugen ihn. Manchmal, wenn die

Bergknappen die Axt in einen der Bäume hackten, erscholl aber aus dem

Wald ein Klagen, wie wenn Kinder weinen würden, und aus den Gebüschen

hörte man das Geräusch der fliehenden Wildleute. Als die Knappen die Axt

an die älteste Arve legten, überpurzelte der mächtige Baum, es klirrte,

wie wenn im Boden eine Kette reißen würde, und ein Wildmannli, das

erschreckt forteilte, rief:

'Untrü, Untrü, du machst großes Weh,

Jetzt hebt[11] der Wald am Berg nit meh!'

[11] _hebt_ = hält.

»Das war der letzte Wildmann.«

Vroni brach ab. Die Wildheuer, der Vater, die Mutter und Josi, mit ihren

Lasten waren herangekommen. Sie warfen ihre Bündel ab, streiften die

weißleinenen Kapuzen zurück, die ihre Köpfe vor dem Heustaub schützten,

und wuschen sich am Brunnen, der neben der Hütte summt, die erhitzten

Gesichter und die Hände.

Vroni, die fast den ganzen Tag einsam gewesen war, begrüßte die

Ankömmlinge mit lebhafter Freude, aber sie dauerte nur einen Augenblick.

Warum zog sich die Stirne des Vaters so finster zusammen, als er Binias

ansichtig wurde, was war das für ein fremder, schmerzlicher Zug, der

über das braune Gesicht bis in den blonden Bart hineinzuckte?

Plötzlich schrie er wie aus wilder Qual heraus Binia an: »Fort mit dir,

du Schlechthundekind!«

Die Erschrockene und Verwirrte, die das böse Wort wie ein Blitz aus

heiterem Himmel traf, stand einen Augenblick fassungslos, dann flüchtete

sie so schnell wie eine Gemse. Hinter ihr drein Eusebi, der aber weit

zurückblieb.

Fränzi und die Kinder standen verdutzt; erschreckt, vorwurfsvoll sagte

die Frau: »Seppi, Seppi! bist du letzköpfig geworden? Die Binia hat dir

ja nichts gethan!«

Der verstörte Mann gab keine Antwort, er setzte sich auf den

Dengelstein, mit verbissener Wut begann er die Sicheln zu rüsten, als ob

sie in Stücke gehen müssen.

Fränzi ging beleidigt ins Haus, Vroni standen die hellen Thränen der

Kränkung in den Augen, Josi machte sich mit dem Heu zu schaffen, damit

seine tiefe Verlegenheit nicht zu auffällig sei.

»Vater, der Garde hat gesagt, Ihr sollt heute abend noch zu ihm kommen!«

wagte Vroni schüchtern zu melden.

Da schnob Seppi Blatter: »Hole der, welcher hinkt, den Garden mit dem

Presi!«

Weinend lief Vroni davon. Mutter und Kinder verstanden den Vater nicht

mehr. Den ganzen Tag war er einsilbig gewesen und hatte gebrütet. Und

jetzt war er so sinnlos wild, er, der Mann, der sonst immer von stiller

Gemütsheiterkeit war und gern einen Scherz machte, wenn ihn die Sorgen

nicht zu stark drückten.

Etwas mußte gestern abend im Bären vorgefallen sein.

Aber was? -- Wenn er es nicht freiwillig sagte, erfuhren es Mutter und

Kinder nicht. Das wußten sie schon.

Als die Haushaltung in der kleinen Stube beim Abendbrot, bei

Wegwartekaffee, schwarzem hartem Roggenbrot und Käse, um den Tisch saß,

wollte Josi das Gespräch auf die Wildleutlaue bringen, aber da donnerte

ihn der Vater mit einem »Halt 's Maul!« an.

Und als Fränzi sanft mahnte, er möchte doch zum Garden gehen, sagte er

ganz traurig: »Ich bin todmüde -- gute Nacht, alle zusammen.«

Beklommen ging der Haushalt zur Ruhe und die harte Tagesarbeit brachte

Josi wenigstens bald den Schlaf.

Er wurde furchtbar daraus geweckt. Ihm war im Traum, als rüttelte der

Wind am Haus, als knackte das Schindeldach -- er wurde munter -- das

Getöse dauerte fort, die Balken knarrten, die Ziegen im Stall begannen

zu meckern. Im Dorf bellten die Hunde und von weit her hörte er das Vieh

plärren. Er schlich sich erschrocken zur Luke, die von seinem Dachgemach

ins Freie ging. Der Himmel über den Bergen war sternklar, aber vom Stutz

herauf schwebte es wie ein grauer Nebel und die Luft wogte. Feiner

Schneestaub begann zu rieseln, die Gegend verfinsterte sich.

Da wußte er es: Die Wildleutlaue an den Weißen Brettern ist gegangen.

Jetzt fingen die Glocken zu läuten an, wie es Brauch ist in St. Peter,

wenn eine Lawine, ein Gewitter oder ein Brand im Thale wütet. »Betet,

betet!« läuteten sie.

Halb angekleidet stieg Josi in die Stube hinunter.

Welch ein Anblick! Die Mutter saß totenblaß auf einem Stuhl, vor ihr auf

dem Boden kniete, barfuß und nur halb bekleidet, der Vater, das Haupt in

ihren Schoß geneigt, seine sehnigen Hände um die ihrigen geschlungen.

Der gewaltige Mann stöhnte, schluchzte und rang nach Worten, daß es

einen Stein hätte erbarmen müssen.

Vroni saß am Tisch vorgelehnt, durch die Hände, mit denen sie das

Gesicht bedeckt hielt, drangen die Thränen, ihre junge Brust bebte vor

Leid.

»Was giebt's?« fragte Josi; als er aber von keiner Seite Antwort

erhielt, fingen vor Angst auch ihm die Glieder an zu zittern, die Zähne

zu klappern.

Da kam's aus der Brust des Vaters, als würde ihm das Herz abgedreht und

sich im Leib auch eine Lawine lösen:

»O Fränzi -- liebe Fränzi -- ich habe es versprochen -- ich muß an die

Weißen Bretter steigen.«

Ein Schrei drang aus der Hütte in die Nacht, er kam von Vroni. Die

Mutter saß entgeistert, sie hatte willenlos ihre Hände aus denen des

Vaters gelöst und strich ihm über den Scheitel. Sie flüsterte immer nur:

»Mein armer Seppi -- mein armer Seppi! Das also ist's, warum du nicht

hast reden können. Gott! Gott!«

Ihr Streicheln und ihre Worte beruhigten den Knieenden, so daß er, wenn

auch nur stoßweise, sprechen konnte.

»Ich habe dem Presi die drei Zinslein für das Aeckerchen bringen wollen.

Der Bäliälpler mit der krummen Nase hockte da -- der Wildheuer Bälzi mit

den wässerigen Augen und dem schwarzen Bocksbart. -- Wir haben um eine

Maß[12] gehäkelt[13]. -- Ich habe beide über den Tisch gezogen. -- Da

fingen sie an zu necken und zu hänseln. -- Ich sei wohl stark, aber doch

ein Hasenherz und wage mich nicht, wie sie, auf die Kronenplanken. Ich

höre eine Weile zu und sage nichts. Da kommt endlich der Presi und redet

von der Wildleutlaue. Er lacht, er spricht so drum her, es könnte einer

ein schönes Stück Geld verdienen, wenn er die Gemeinde nicht zum Los

kommen lasse. Ich meine, es geht auf Bälzi. 'Hast ja acht Kinder, laß

dich auf den Handel nicht ein!' sage ich.

[12] Die _Maß_ ist das ehemalige schweizerische Einheitsmaß für

Flüssigkeiten. Sie faßt anderthalb Liter.

[13] _Häkeln_, so viel wie Fingerziehen, ein beliebtes Kraftspiel der

Aelpler.

»'He, es wird einer an die Bretter steigen müssen,' machte der Presi

unwirsch, 'er braucht ja nicht grad in die Ewigkeit zu fallen.' Ein Wort

giebt das andere. Plötzlich sagt er zu mir: 'Wenn einer noch drei

Zinslein schuldig ist, braucht er den Mund nicht so weit aufzumachen,

wie du, Seppi; gescheiter wär's, du stiegst an die Weißen Bretter.'

»Ich bin wie vom Donner getroffen, ich rolle das Geld aus dem Sack auf

den Tisch, da höhnt er: 'Eben, eben, hast die Loba verkauft. Wenn ich's

schon nicht hätte erfahren sollen, so weiß ich's. Hättest mir wohl

vorher einen Deut thun können.' Ich darauf: 'Es darf doch noch einer

sein Rind verkaufen, ohne daß so und so viel Franken in den Fingern des

Presi bleiben.'

»Da schlägt er auf den Tisch, brüllt, es sei traurig, wenn einer an der

Zahlung von vierhundert Franken sechs Jahre herumzerre. Und er kündigt

mir den Brief auf Martini.

»Ich habe immer gehofft, er werde wieder gut zu mir, er ist sonst nicht

ungrad und wir sind alte Schul- und Militärkameraden, drum bin ich in

der Stube sitzen geblieben. Er ist auch wieder artig geworden, man

redet, man trinkt, da lacht er auf einmal: 'Wage den Streich, Seppi,

steige an die Weißen Bretter. Auf deinem Aeckerchen, das für vierhundert

Franken verschrieben ist, steht noch eine Schuld von hundertachtzig

Franken. Ich will nicht der Presi sein, wenn die Gemeinde dir nicht den

Brief abnimmt, sofern du die heligen Wasser wieder herstellst; sage ja,

und ich übernehm's auf meine Verantwortung, ich gebe dir gleich den

Vertrag. Die Genehmigung durch die Gemeinde bleibt vorbehalten. Soll ich

schreiben?'

»'Nein, nein,' schreie ich und kann fast nicht reden, 'kennst du das

Vaterunser: Und führe mich nicht in Versuchung!'

»'Ho,' meint er, 'es ist ein schöner Verdienst, du kannst an einem Tag

nicht mehr gewinnen. Du verdienst nicht so viel in einem Jahr. Und wenn

ich das Briefchen kündige, kommst du auch in Verlegenheit.'

»'Ein dummer Teufel bist,' sagte Bälzi.

»Ich trinke, die anderen lachen: 'Den Schlotter hast, aber keinen Mut!'

Da habe ich den Wein im Kopf gespürt, ich habe auf einmal den Acker

deutlich vor mir gesehen, wie er schuldenfrei voll Aehren steht. -- Hin

und her hat es mich gezerrt, daß mir ganz taumelig geworden ist. -- Der

Presi schreibt, die anderen zwei schwatzen auf mich ein, ich sehe

nichts, ich höre nichts. -- Da liegen die Scheine vor mir, der Presi

sagt: 'Du mußt unterschreiben, -- entweder den Empfang der Kündigung

oder den Vertrag, daß du an die Bretter gehst.'

»Ich nehme die Kündigung, da schreit Bälzi: 'Du Großhans, wo willst du

zu Martini hundertachtzig Franken hernehmen? Da hast den anderen

Schein!'

»Mir ist schwarz worden vor den Augen -- ich habe nicht mehr gesehen,

was ich unterschrieb -- als der Presi den einen Vertrag eingesteckt

hat, habe ich es gewußt, was ich gethan.

»Da ist die Sünde!« Der bleiche Mann zog aus der offenen Weste ein

zerknittertes Papier hervor und warf es auf den Tisch. Dann neigte er

sein Haupt in den Schoß seines Weibes.

Lautes Weinen erfüllte die Hütte; mit dem rauschenden Kienspanlicht, das

seinen flackernden Schein über die Gruppe des Elends warf, kämpfte das

Morgenrot.

An heiligen Wassern: Roman aus dem schweizerischen Hochgebirge · 第 8 / 59 题