Der Gasthof zum Bären war ein Altertum des Dorfes St. Peter. Die
Ueberlieferung berichtete, das aristokratische Haus sei, als noch ein
Saumweg über die damals weniger vergletscherten Berge nach Welschland
geführt habe, eine Sust, eine Warenniederlage, gewesen, wo die Maultiere
gewechselt wurden. Man erzählte sich, die Knappen des Bergwerkes hätten,
wenn sie ihr Silber und Blei über die Berge nach Welschland führten oder
von dort mit dem Erlös zurückkamen, im Bären hart gezecht, aus silbernen
Bechern getrunken, mit silbernen Kugeln gekegelt und manchmal sommerlang
fröhliche Italienerinnen als Spielgefährtinnen in dem Haus einquartiert.
Nur als Nachklang lebte die Erinnerung an diese üppigen Zeiten in St.
Peter fort, das Leben ging jetzt in Haus und Dorf den gemessenen stillen
Gang der einsamen Alpendörfer. Seit zwei- oder dreihundert Jahren stand
das Bergwerk still; so glänzend, wie es die Sage schilderte, mochte das
Knappenleben nie gewesen sein. Das Schmelzhaus war eine Ruine und der
alte Paßweg nach Welschland mit seinem Verkehr war verschollen, an den
Erzreichtum der Gegend erinnerten nur noch die schönen Drusen und
Gesteinsblüten, die man da und dort als Schmuck hinter den Fenstern der
Wohnungen sah.
Für den vielhundertjährigen Bestand des Bären aber sprachen seine
massive Bauart und die Jagdtrophäen, die am Dachgebälk befestigt waren:
gebleichte Steinbock- und Wolfsschädel, besonders ein eingetrocknetes
mumienhaftes Bärenhaupt, das als Wahrzeichen des Hauses an einer Kette
gegen die Thüre und die Freitreppe hinunterhing, die mit schönem
eisernem Geländer zum Eingang emporführte. Die weißgrauen Zähne des
Hauptes waren vermorscht und verwittert; die Jagdzeichen reichten wohl
bis in die Zeit der Venediger zurück, denn so lange schon gab es im
Glotterthal weder Bär noch Wolf, und seit dem Anfang dieses Jahrhunderts
sind auf den Felsen und Firnfeldern der Krone die Steinböcke
ausgestorben.
Ueber dem Fenster neben der Treppe prangte als eine neuere Zuthat am
alten Bau die Inschrift »Postbureau St. Peter« und der eidgenössische
Postschild.
Die stattlichen Wirtschaftsräume des Bären befanden sich im ersten
Stock; helles Arvengetäfel, aus dem die dunkeln Astringe wie Augen
schauten, und alte geschnitzte Wappenzier an den Decken fesselten den
Eintretenden. Der Hauptschmuck der großen Stube war ein alter Leuchter,
der ein Meerweibchen darstellte, dessen Leib in ein Hirschgeweih
auslief.
Am Eichentisch unter dem Leuchter saßen der Bärenwirt Peter Waldisch und
Hans Zuensteinen, der Garde[4].
[4] _Garde_ (französisch %garde%, Hüter) nennt man in den Thälern, wo
»Wässerwasserfuhren« bestehen, dasjenige Gemeinderatsmitglied, das
die Aufsicht über die Wasserleitung hat.
Sie prüften das Fäßchen Eigengewächs, das jener gestern in Hospel
draußen geholt hatte.
»Wie Feuer, meiner Treu!« sagte der rauhbärtige Garde, das eine Auge
zukneifend und durch das erhobene Glas blinzelnd, in dem der Weißwein
sonngolden erglänzte -- »aber, aber, Presi,« seine Stimme wurde
plötzlich sehr ernst, »die Abmachung mit Seppi Blatter ist nichts. Wenn
der ganze übrige Gemeinderat dafür ist, so bin ich dagegen. Man dürfte
ja Fränzi, Vroni und Josi nicht mehr ins Auge sehen. Sagt mir einmal
ehrlich, wie stark hat bei seiner Unterschrift der Hospeler die Hand
geführt?«
Der Presi und Bärenwirt, der den rauhen untersetzten Garden um
Kopfeslänge überragte und neben ihm wie ein rechter Bauernaristokrat
erschien, lächelte verlegen und rückte auf dem Stuhl.
»Wollt Ihr lieber das Los entscheiden lassen?« fragte er lauernd.
Der Garde knurrte wieder, nach einer Weile fragte er aufs neue: »War
Seppi nüchtern?«
»Man macht keinen Handel, es ist ein Glas Wein zur Ermutigung dabei. Ich
war grad in guter Laune, ich ließ ein paar Flaschen Hospeler fließen,
Seppi aber war ziemlich nüchtern.«
Der Garde schüttelte bedächtig den Kopf, in den starken Furchen seines
breiten Gesichtes spiegelte sich Mißbilligung und Sorge, erst nach einer
Weile sagte er: »Das Ding ist nichts.«
Dem Presi lag augenscheinlich daran, dem Gespräch eine andere Wendung zu
geben, lachend rief er: »Zum Wohl, Garde!« Und als nun die Gläser
zusammenklingelten, fuhr er fort: »Warum ich gestern so hellauf war,
Seppi Blatter, Bälzi und dem Bäliälpler ein Glas vom guten Hospeler
schenkte, will ich Euch verraten. Es ist eine Ueberraschung --. Ich
führe wieder eine Wirtin in den Bären.«
Da sprang der schwerfällige Garde auf: »Was Ihr meldet, Presi! Wer
ists?« Die ehrliche Neugier stand ihm im Gesicht.
»Unter vier Augen und nur zu Euch -- Frau Cresenz, die Schwester des
Kreuzwirtes in Hospel. Wir haben die Angelegenheit gestern ins reine
gebracht.«
»Ich wünsche Euch Glück,« sprach der Garde feierlich und schüttelte dem
Wirt kräftig die Hand. Dann setzte er sich und knurrte in einem Ton vor
sich hin, der nicht entscheiden ließ, ob darin eine Zustimmung oder
Mißbilligung liege.
»Was sagt Ihr dazu?« fragte der Presi.
»Cresenz wird dem Bären schon wohl anstehen, sie hat sich als Witwe gut
erhalten, ist mit ihren fünfunddreißig Jahren eine hübsche Frau, sauber
und flink, sie versteht das Wirten und den Umgang mit den Leuten wie
keine andere, hat einen tadellosen Ruf, kurz, ich meine, Ihr führt eine
geschickte Frau ins Haus. Aber --«
Der Garde stockte.
»Aber?« -- wiederholte der Presi.
»Cresenz ist aus einem so großen Gasthof und an das Fremdenleben so
gewöhnt, daß es ihr hier bei uns hinten, wo doch nur Bauern und Alpleute
sind, langweilig wird.«
Der Bärenwirt lachte: »Falsch, Garde, falsch! -- Dafür ist gesorgt. Ein
schönes Stück wird schon sein, Bini zu ziehen. Das Kind ist verwildert;
denkt nur, gestern kam sie mir barfuß bis nach Tremis entgegen, es hat
mich geschämt vor den Leuten. Ich habe keine Zeit, mich mit ihr
abzugeben, die kropfige Susi, das Keifweib, wird nicht Herr über sie,
fahre ich aber einmal mit einem Donnerwetter dazwischen, so schilt sie
mich frank einen Rabenvater.«
Die beiden Männer lachten herzlich -- es schien, der Streit von vorhin
sei in lauter Freundschaft aufgelöst.
Da räusperte sich der Garde: »Haltet, wenn Ihr jetzt eine frische,
hübsche Frau bekommt, nur die Beth selig in Ehren und gutem Andenken.«
Das Gesicht des Bärenwirts verfinsterte sich.
»Aber das gebt Ihr doch zu,« sagte er mürrisch, »Frau Cresenz wird eine
bessere Wirtin als die arme selige Beth.«
»Alle Leute im Dorf haben sie geliebt und verehrt, nur Ihr nicht. Sie
war eine Frau wie ein Engel, sie hat nur das Unglück gehabt, da sie
Euern hochfahrenden Plänen nicht hat folgen können und nicht hat wollen.
Sie war eine, wie wir alle im Dorfe sind: einfach und fromm, stets auf
den Frieden im Leben und die Seligkeit im Himmel bedacht, Ihr aber
gleicht von jeher mehr den Leuten draußen in der Welt, hastig und
unruhig seid Ihr immer voll Pläne, habt Ihr immer eine ganze Menge Dinge
umzutreiben. Da wird Euch allerdings Cresenz besser verstehen als Beth!«
Der Presi lächelte überlegen: »Handel und Wandel, mein' ich, giebt dem
Leben das Salz und« -- er klopfte dabei auf den Tisch -- »mit Frau
Cresenz wage ich es. Der Bären soll ein Fremdengasthof werden, ich
nehm's mit dem Pfarrer und euch allen auf.«
»Presi!« Das Blut war dem Garden in den Kopf geschossen. »Presi, das
thut Ihr nicht!«
»Ihr werdet's schon erleben.« Die Augen des Bärenwirtes blitzten
übermütig und unternehmungslustig.
»Der Pfarrer wird Euch von der Kanzel angreifen und alle werden mit ihm
gegen Euch sein!«
»Der hochwürdige Herr soll das Geistliche besorgen, das Weltliche
besorgen wir schon.« Der Presi lachte und fuhr dann fort: »Ich will Euch
verraten, warum er keine Fremden will. Es sind jetzt vierzig Jahre, daß
er nach St. Peter gekommen ist. Da stieg über die Schneelücke herunter
der erste Fremde, ein berühmter Naturforscher, der mit seinen Führern
die Krone erklettert hatte. Die Leute von St. Peter erstaunten darüber
so sehr, daß sie den Pfarrer riefen. 'Vielleicht sind's Gespenster!'
sagte er und ordnete eine Prozession an, damit man ihnen entgegenziehe.
Als der Bergsteiger, seine Führer und Träger kamen, spritzte er ihnen
Weihwasser entgegen und schrie: %'Apage, apage, Satanas!'% Auf dieses
Zeichen trieben die von St. Peter die Fremden um das Dorf herum und
jagten sie den Stutz abwärts. Glaubt, Garde, wegen der Schande von
damals will der Pfarrer nichts von Fremden wissen, er fürchtet, die
Geschichte, wegen der wir von St. Peter in den Büchern als ein rauhes
und dummes Volk verschrieen sind, werde dadurch frisch!«
Der Garde hatte sich beruhigt: »Der Pfarrer ist gegen den
Fremdenverkehr, weil er von ihm das Verderben des Dorfes fürchtet. Er
hat recht. In Grenseln, wo jetzt auch zwei Gasthöfe sind, hat erst
diesen Frühling ein Mädchen, das im einen diente, ein Uneheliches
bekommen. Denkt die Schande!«
»Ja, aber die Forellen aus meiner Fischenz in der Glotter und den
Hospeler aus meinen Bergen würde ich gern etwas besser verkaufen, als es
bis jetzt geschehen ist.«
»Werdet nicht zum Fluch von St. Peter, Presi, dafür hat Euch wahrlich
die Gemeinde Euer Amt nicht gegeben. -- Ich muß jetzt von etwas
sprechen, wovon man eigentlich nicht reden soll, so wunderbar heilig ist
es. Hat je eine Lawine das Dorf St. Peter getroffen? Nie! Und doch
wohnen wir unter den Firnfeldern der Krone und sie hätten freien Weg.«
»Ich weiß schon, wohin Ihr zielt, aber ich bin nicht abergläubisch; die
armen Seelen kommen in die Hölle, nicht auf die Gletscher. Das sagt ja
der Pfarrer selbst,« höhnte der Wirt, »der wird's wissen!«
In diesem Augenblick schaute ein etwa fünfzehnjähriger Junge blöd durch
die halbgeöffnete Thüre.
»Nur hinein, Eusebi!« Lustig schob Binia den ungelenken schwächlichen
Burschen mit beiden Händen vom Flur in die Stube.
»Was willst, Eusebi?« fragte der Garde freundlich.
»S--s--sollst h--h--heim--k--k--ommen, V--v--vater. Ei-- ein R--rind ist
k--k--kr--rank auf d--d--er Alp.«
Der Stotterer schämte sich seines Uebels, er wußte nicht wohin blicken.
»Sei nur ruhig, Eusebi, ich komme!« Der Garde stand auf und der Presi
gab ihm bis auf die Freitreppe das Geleit.
Dort säumten die Männer noch einen Augenblick.
»Also wir müssen auf alles gefaßt sein, die Wildleutlaue kann jede
Stunde gehen,« sagte der Presi ernst.{1}
»Ja, aber noch einmal gesagt, die Machenschaft mit Seppi Blatter ist
nichts,« erwiderte der Garde. »Im übrigen hoffe ich, daß ich bei der
Wassertröstung[5] das Amt niederlegen kann. Ich bin der Geschichte
satt.«
[5] _Wassertröstungen_ nennt man die Gemeindeversammlungen, in denen
Beschlüsse über die Wasserleitungen gefaßt werden.
»Das nicht, das nicht; über Seppi Blatter aber reden wir im
Gemeinderat.«
Die Männer schüttelten sich die Hände.
»Nichts für ungut!« sagte der Garde, »ich rede frei von der Leber,
anders hab' ich's nicht gelernt.«