I.

Dörfer und Flecken, selbst eine kleine Stadt, deren Wahrzeichen zwei

altersgraue Ruinen auf kahlem Felsen sind, erheben sich mit südlichen

Silhouetten am Strom, der seine grauen Wellen aus dem Hochgebirge wälzt.

Im Thalwind erzittern die schlanken Ruten der Silberweiden und die

Blätter der Pappeln, welche die Wasser säumen, über die Hütten neigen

sich der Kastanien- und der Feigenbaum, die Rebe klettert über das

Gestein, das Land ist licht und üppig, als wär's der Traum eines

italienischen Malers.

Von Stelle zu Stelle aber schaut durch grüne Waldeinschnitte ein fernes,

in sonniger Schönheit aufleuchtendes Schneehaupt in die Stromlandschaft

und erinnert den Wanderer, daß er just da im Hochgebirge geht, wo es

seine Zinken und Zacken am höchsten erhebt.

Emsige Wildwasser, die aus dunklen Schluchten hervorbrechen, reden von

stillen Seitenthälern, die hinter träumenden Lärchenwäldern versteckt

bis an die ewigen Gletscher reichen.

Fast unvermittelt berühren sich in dieser Gegend Nord und Süd.

Vom alten Flecken Hospel, auf den ein graues Schloß niederschaut, führt

eine schmale, doch fahrbare Straße in eines dieser Seitenthäler, in das

vier Stunden lange Glotterthal, aus dessen Hintergrund die Krone, eines

der erhabensten Bergbilder des Landes, mit dem Licht ihrer Firnen bis

zum Strome herniedergrüßt.

Ein heißer, brümelnder Junimittag. Auf dem Glotterweg, der sich zuerst

in manchen Kehren durch die Weinbergterrassen von Hospel windet, fährt

ein leichter Leiterwagen langsam bergan. Der Mann, der neben ihm geht,

ein halb sonntäglich gekleideter Vierziger, der für einen Gebirgsbauern

zu vornehm aussieht, trägt im glattrasierten Gesicht, das ein dunkler

Filz überschattet, und in der ganzen Erscheinung doch das Wesen der

Gebirgsbewohner dieser Gegend: hünenhafte Kraft, Ruhe und eine gewisse

Verschlagenheit.

»Guten Tag, Presi,« rufen die Frauen, die mit umgeschlagenen roten

Tüchern im Sonnenbrand der Reben stehen. »Wohl, wohl, das langt wieder

eine Weile!« Und sie deuten lachend auf das Fäßchen, das auf einer

Strohunterlage im Wägelchen liegt.

»Ja, es thut's!« erwiderte er den Gruß kurz, doch mit freundlichem Wort.

Er bläst die Rauchwolken einer Zigarre in die Luft und tätschelt den

Hals des Tieres: »Kleiner, es geht bergan, wehre dich, am Schmelzwerk

wartet die Galta auf dich, wehre dich.«

Als habe das struppige zähe Pferd Verständnis für seine Zurede, reißt es

mit jeder Liebkosung stärker an den Strängen, aber von Zeit zu Zeit

nötigt es der steile ausgewaschene Weg, mit dem Wägelchen stille zu

stehen und Atem zu schöpfen. Dann fliegt ein Zug der Ungeduld über das

Gesicht des Mannes, doch er faßt sich, legt einen Stein unter das Rad

und wartet ruhig, bis das Tier von selber den mühsamen Zug wieder

aufnimmt.

Langsam geht die Fahrt, doch wer ins Glotterthal fuhrwerkt, ist sich

dessen gewöhnt.

»Am Schmelzwerk wartet die Galta auf dich,« wiederholt der Führer. Aber

von Hospel bis zum Schmelzwerk sind es drei Stunden zu Fuß, mit dem

Fuhrwerk noch mehr, und dann ist es noch eine Stunde nach dem Dorfe St.

Peter, das weltverloren unter den Firnfeldern der Krone liegt.

Der Weg windet sich, wenn er die Rebberge von Hospel verlassen hat, in

eine Felsenschlucht, über der alte Föhren ihre blaugrünen Schirme

halten, dann berührt er in dem sich weitenden Thal die Dörfer Fegunden

und Tremis, die mit sonngedunkelten Holzhäusern auf grüner Wiesenhalde

liegen, und wird eben.

Tief unter ihm gischtet der Fluß in der Felsenschlucht, die altersgrauen

Lärchen neigen sich darüber und schwanken im Luftzug, Bergnelken hangen

über die Ränder und verzieren den Abgrund mit blühendem Rot.

Nur das Rauschen der Glotter und das gleichförmige Ticktack der

Merkhämmer einer großen Wasserleitung, die in entlegener Höhe

dahinführt, unterbrechen die Stille des Thales.

Die Leitung heißt das »helige Wasser«[1] und befruchtet die

sonnenglühenden Weingärten, die Aecker und Wiesen Hospels und der fünf

Dörfer, die um den Flecken liegen.

[1] _helig_ ist die ältere Sprachform für »heilig«.

Wenn man drei Stunden bergauf und ebenhin über schmale Mattenstreifen

gegangen ist, kommt man zu der alten verwitterten Kapelle der Lieben

Frau, wo der Weg auf einem vielhundertjährigen vermoosten Brückenbogen

über die Schlucht nach dem Schmelzwerk St. Peter hinüberspringt.

Um die halb zerfallenen Gebäude des ehemaligen Bergwerkes dehnt sich des

Teufels Garten.

Auf Hügeln alter verglaster Schlacken blüht der rote Mohn, die

Königskerze reckt ihre goldigen Blütenschäfte, das Singrün spinnt seine

blauen Blumenketten um die Scherben, allerlei blühender Wust und viele

Brennesseln wuchern zwischen ihnen empor, stahlblaue Fliegen und

Schmetterlinge gaukeln über die wilde Pracht.

An einem verkrüppelten Ahorn stand an jenem Nachmittage, wo Peter

Waldisch, der Präsident von St. Peter, durchs Thal fuhr, eine Mauleselin

angebunden. Sie schüttelte den Kopf, scharrte mit dem linken Vorderfuß

und erhob trotz dem Schatten, den ihr die Ruine spendete, von Zeit zu

Zeit ein klägliches Geschrei. Dann tauchte aus der wilden Ueppigkeit der

bunt bekränzte Schwarzkopf eines Mädchens auf, das auf den bloßen

braunen Armen ein übermächtiges Bündel von Blumen trug. »Ich komme,

Galta, ich komme,« rief sie dem Tier begütigend zu, dann verschwand die

ganze Gestalt wieder in den Wogen des Sommerwustes, bis sie so viel

Blumen an die Brust drückte, als ihr Arm fassen konnte. Da watete sie

endlich aus der Wirrnis. Ihr kurzes Röckchen schützte sie nur bis wenig

unter die Kniee, aber gewandt wie ein Wiesel wich sie den vielen

Brennesselbüschen aus, die ihre nackten Füße und Waden bedrohten. Eine

lebendig gewordene Bronzefigur, Gesicht, Arme, Füße sonnengebräunt, war

sie fast so wild wie die Wildnis, die sie durchschritt, im Kopf standen

ein paar feurige Augen, wie die einer Zigeunerin; doch sah man dem

Mädchen gleich an, daß es kein Bauernkind war, dafür war alles an ihr zu

zart und zu fein.

Sie eilte mit leichten Füßen über die Brücke zu der alten Kapelle,

kniete nieder und steckte ihre Blumen in das hölzerne Vorgitter des

kleinen Gotteshauses, so daß es bekränzt war wie für ein Fest.

»Das wird die Mutter Gottes freuen!« sagte sie, ihr Werk betrachtend.

Plötzlich horchte sie neugierig und verwundert in die blaue warme Luft.

Ein Rollen wie von fernem Gewitter ging durch die Stille des

Nachmittags. Es war Lawinendonner, den die Luft von den Bergen

herniedertrug. Am schmalen Himmelsband über dem Thal waren weiße

Föhnstriche hingeweht, die Schläge der Frühsommerlawinen und kleinen

Gletscherbrüche lebhafter denn sonst.

Jetzt blickte sie von der Kapelle den Weg hinab und legte die Hand zum

Schutz gegen die brennende Sonne über die dunklen Augen.

Der Vater kam noch nicht, dafür zwei Kinder mit Tragkraxen, beide mit

Bergstöcken in der Hand.

»Vroni! Josi!« Mit lebhaftem Ausbruch der Freude sprang sie ihnen

entgegen.

»Hast schwer, Vroni? Hast schwer, Josi? Hättet ihr die Last meinem Vater

auf das Wägelchen gegeben, er ist heute nach Hospel gefahren, ich

erwarte ihn hier mit Vorspann.«

Josi schüttelte nur den Kopf. Die beiden Geschwister stellten ihre

Kraxen auf die hölzerne Bank vor der Kapelle, wischten sich den Schweiß

aus der Stirn und setzten sich gelassen hin. Binia, die Blumensucherin,

betrachtete die beiden wohlgefällig. Vroni, unter deren niedrigem altem

Strohhut das Goldhaar hervorquoll und in glänzenden Fäden um die

geröteten Wangen flog, war nur ein Jahr, Josi, der kräftige Bursch, der

einen ähnlichen Hut trug, zwei Jahre älter als sie. Und sie war zwölf.

»Sechzig Pfund hab' ich,« sagte Josi, die Beine schlenkernd, an denen

die schwergenagelten Holzschuhe klapperten, »die Vroni hat vierzig, ob

so viel Mehl wohl reicht bis zur Ernte?«

»Es wird schon langen müssen, aber dann wird's gut, das Aeckerchen trägt

dieses Jahr viel Korn,« erwiderte Vroni hausmütterlich froh.

Da ging wieder ein langhallender Donner durch die Ruhe des Thales. Josi

sprang auf: »Ja, es ist doch wahr. Die Wildleutlaue geht wieder los!

Sieben Jahr ist der Gletscher zurückgegangen und sieben Jahr gewachsen,

das letzte Jahr war ein schlechter Sommer und jetzt ist ein guter -- da

bricht der Eissturz los!«

Binia ließ die Schwarzaugen funkeln, Vroni mahnte ab: »Sage nichts

Sündiges, schau' doch in die Kapelle, wie viel Marterkreuze von denen an

den Wänden stehen, die in die Felsen haben steigen müssen, wenn das

helige Wasser von der Wildleutlawine zerstört worden ist.«

Die Kinder warfen einen schaudernden Blick in die Dämmerung der Kapelle.

Ihre Wände waren mit hölzernen und eisernen Täfelchen ganz bedeckt, auf

denen die Namen von Verunglückten und fromme Sprüche standen.

»O, wie traurig,« sagte Vroni, »da ist es kein Wunder, wenn die Leute

bei uns nicht so laut singen und lachen mögen, wie draußen im großen

Thal und alle so still und ernst sind.«

Aber die anderen hatten keine Lust, ihren Betrachtungen zu folgen.

»Du, Vroni, erzähl' uns doch wieder einmal die Geschichte von den

heligen Wassern, du erzählst sie so schön,« schmeichelte Binia, indem

sie sich flink zwischen die Geschwister drängte und an die Freundin

schmiegte.

»Das ist eine lange Geschichte,« warf Vroni ein, es war aber, als gehe

von den dunklen Augen Binias ein Zwang auf sie, sie lächelte und

streckte die rote Schürze zurecht: »Ja, nun so, wir kommen schon noch

heim.«

Von ihrer Mutter hatte Vroni den Ruf einer geschickten Erzählerin

überkommen. Ihre blauen Augen gingen träumerisch ins Weite, sie

überlegte, faltete die Hände über dem Knie und begann: »Also, das ist so

lange her, daß es nirgends in den Büchern aufgeschrieben steht. Da gab

es neben uns rechten Leuten im Glotterthal noch Wildmännlein und

Wildweiblein, die in den Wäldern wohnten. Es geschah nun, daß einer von

den rechten Hirten ein Wildmädchen Namens Gabrisa, das mächtig schön

war, lieb gewann. Ihr dunkles Haar reichte bis auf den Boden, ihr

Gesicht war weiß und ihre Stimme tönte wie Glockenspiel. Allein ihrem

Geliebten mißfiel es, daß sie jedesmal, wenn Vollmond war, zu den

Ihrigen in den Wald verschwand. Einmal brachte er nun am Tag vor dem

Vollmond Wein von Hospel herauf. 'Trink, Gabrisa,' sagte er. 'Ist das

güldenes Wasser?' fragte sie, denn sie kannte den Wein nicht. Und er

antwortete: 'Ja, das ist güldenes Wasser.' Da trank Gabrisa und der Wein

schmeckte ihr gut. Als sie in den Wald eilen wollte, trugen sie die Füße

nicht, sie schwankte, fiel und schlief ein; als sie aber erwachte,

sprang sie in den Wald, wandte sich noch einmal nach dem Geliebten um

und sang ihm mit ihrer schönen Stimme zu:

'Güldenes Wasser, das macht mir Pyn,

Ich darf nit mehr dine Liebste syn!'

Das Mädchen war verschwunden. Aus Zorn über den Schimpf, der Gabrisa und

damit sie alle getroffen, bannten die Wildleute die Wolken, daß sie ihr

Naß nicht mehr über Hospel und die fünf Dörfer ausleeren konnten, wo der

Wein, den sie getrunken hatte, gewachsen war. Die Rebberge verdorrten,

Aecker und Wiesen standen ab, es trat eine große Hungersnot und ein

großes Sterben ein, das nicht mehr aufhören wollte.«

Die Erzählerin ruhte einen Augenblick, als ob sie sich sammeln wollte,

sie war so mit sich selbst beschäftigt, daß sie nicht sah, wie Josi, ihr

Bruder, die Augen unverwandt auf das blumenbekränzte Haupt Binias

geheftet hielt, auch diese selbst spürte es nicht, denn sie hatte ihre

Lebhaftigkeit gebändigt und hing mit ihren Blicken an Vroni.

Ehe diese den Faden ihrer Geschichte wieder aufnehmen konnte, schrie

Galta, das arme Vieh, das die Kinder ganz vergessen hatten, so stark,

daß die pflichtvergessene Binia aufsprang und über die Brücke zu ihr

hinübereilte.

Da sagte Josi unvermittelt, als hätte er von der Geschichte seiner

Schwester gar nichts gehört: »Bini ist aber ein schönes Mädchen!«

Vroni sah den Bruder erstaunt an, erst nach einer Weile antwortete sie:

»Siehst du das erst jetzt, das habe ich schon lange gewußt.«

Ihre Gedanken blieben bei der Erzählung haften, die Hände im Schoß,

spann sie die Geschichte weiter und merkte nicht einmal, wie nun auch

Josi sich leise von ihr weg über die Brücke zu Binia hinüberschlich.

»Umsonst flehten die Hospeler die Wildleute an, daß sie den Bann lösen.

Sie antworteten: 'Das können wir nicht mehr, denn was geschehen, ist

geschehen und der Fluch gilt ewig. Als die 'trockenen Dörfer' sollt ihr

bekannt sein im Land zu aller Warnung.' Und sie sprangen in den Wald.

Zu jener Zeit nun kamen die Venediger ins Glotterthal, gründeten das

Schmelzwerk und gruben Blei- und Silbererz, das sie verschmolzen, bis

das pure Metall in die Kannen rieselte.

Für ihre Feuer, die nie ausgingen, brauchten sie gewaltig viel Holz. Als

sie aber den Arvenwald zwischen der Brücke und dem Dorf zu schlagen

anfingen, gerieten die Wildleute in große Angst, es würde die Zeit

kommen, wo sie nicht mehr genug süße Zirbelnüsse, ihren liebsten

Leckerbissen, fänden. Sie berieten lange hin und her, wie sie die Leute

von St. Peter bewegen könnten, ihnen ein großes Stück Wald zu schenken.

Eines Nachts erschien Gabrisa am Lager ihres ehemaligen Geliebten,

lächelte und sagte: 'Ich will dich und alle in St. Peter reich machen

mit güldenem Wasser, das ihr gerne trinket, so ihr uns Wildleuten den

Wald an der Thalhalde zwischen dem Dorf und der Kapelle schenkt, wo die

Zirbeln wachsen. Saget denen zu Hospel, daß wir Wasser auf ihre

verdorrten Reben, Felder und Wiesen führen wollen, wenn sie euch

gutwillig ein Dritteil ihrer Weinberge geben.

'Uns Wilden den Wald, euch Zahmen den Wyn,

Das söll treulich und ewig gehalten syn!'

Gabrisa verschwand. Schon lange hätten die von St. Peter gern Weinberge

gehabt, aber die Reben wachsen nicht, wo die Gletscher sind. Darum ging

ihnen, was Gabrisa sagte, zu Herzen, sie redeten mit den Hospelern und

den fünf Dörfern; mürbe von der langen Not, traten diese dem Handel bei,

denn ihre Reben waren wertlos geworden. Wie Gabrisa gesagt, kam der

Vertrag zu stande und wurde beim Bildhaus von Tremis von den Abgesandten

der Wildleute und der Dörfer beschworen.

Nur wunderte man sich, wie die Wildleute das Wasser in die hohen

Weinberge tragen oder führen werden, doch wußte man, daß sie in vielen

Künsten erfahren waren.«

Erst jetzt merkte Vroni, daß sie auch vom Bruder im Stiche gelassen

worden war. Was verschlug's? Er hatte ja die Geschichte schon oft von

der Mutter gehört, die sie so schön wie niemand anders zu erzählen

verstand. Als sie nun die treulosen Zuhörer suchen ging, bot sich ihr

ein überraschender Anblick.

Zur Seite der Ruine, wo die Mauleselin Galta stand, lag Binia auf dem

Haufen Grünfutter, den sie oder Josi dem Tier vorgeworfen hatte. Das

wilde Kind lachte mit seinen schwarzen Augen und seinen weißen Zähnen

den Burschen an und er hielt vor ihr stehend einen Strohhalm voll roter

glänzender Erdbeeren, die ersten des Jahres.

»Mund auf und Augen zu!« sagte er zu der Daliegenden, die lustig zu ihm

emporschielte.

»Aber nichts Wüstes hineinthun!« bat sie.

»Was denkst auch, Bineli,« lachte Josi.

Da schloß Binia die Augen zu, öffnete den Mund und Josi zog die roten

Erdbeeren lächelnd vom Halm und steckte dem Kinde eine um die andere

zwischen die roten Lippen. Plötzlich aber besann er sich anders, statt

einer Beere drückte er ihr einen Kuß auf den frischen Mund.

Binia wollte zappeln, Vroni wollte rufen, das sei das Spiel zu weit

getrieben, aber beide lähmte die Ueberraschung.

%»Deus benedicat vos!«% klang tief und feierlich eine Männerstimme aus

dem Innern der Ruine, ein schwarzbärtiges hageres Gesicht schaute durch

ein kleines Gitterfenster der Mauer auf die Kinder.

»Der letzköpfige Pfaff!« schrieen sie wie aus einem Munde, ein großer

Schrecken war ihnen in die Glieder gefahren. Binia schirrte das Maultier

los, Josi und Vroni eilten nach der Kapelle zu ihren Kraxen, stülpten

die an einem Baum hängenden Hüte auf den Kopf und alle drei wollten

ihrer Wege gehen.

Als sie sich aber auf der Brücke eben wieder begegneten und hastig

aneinander vorübereilen wollten, trat der Mann von vorhin schlarpend aus

der Ruine und mitten unter sie. Er war barhaupt, an den Füßen trug er

Holzsohlen, um die dunkle rauhe Kutte schlang sich ein weißer Strick,

von dem ein Rosenkranz niederhing. Ganz verwildert sah der bärtige

Einsiedler aus, in dessen bleichem Gesicht zwei unstete Augen loderten.

%»Pax vobiscum!«% grüßte er sie. »Du bist Binia, die Tochter des Presi!

Du bist Josua, der Sohn des Wildheuers! Kniet nieder ihr zwei!«

Er machte dazu mit seinen mageren Händen eine so feierliche Bewegung,

daß die bekränzte Binia unwillkürlich gehorchte und auf die Brücke

niederkniete.

Verwirrt folgte der Bursche.

Da legte er ihnen die Hände auf die glühenden Häupter und sagte tief und

getragen: »So wahr ich Kaplan Johannes heiße, liebet euch untereinander,

Josi und Binia.«

Er murmelte über ihnen einen langen lateinischen Spruch wie ein Gebet.

Vroni, welche die stille Zuschauerin war, kam das, was Kaplan Johannes

that, unheimlich und schrecklich vor. Ihre Augen irrten hilfesuchend

thalauf, thalab, doch wagte die Zitternde keinen Einspruch, dafür kam

ihr das Gewand des Mannes zu heilig vor. Zuletzt sagte sie gepreßt: »Wir

müssen ja gehen!«

»So geht!« grollte die Baßstimme des Kaplans, er schleuderte Vroni einen

zornigen Blick zu, machte das Zeichen des Segens über den zweien und

lief über die Brücke. Bald bimmelte das Glöckchen der Kapelle Vesper

durchs Thal, aber die Kinder knieten bei den Klängen nicht, wie sie's

gewohnt waren, nieder. Ohne sich zu grüßen, liefen sie hastig und mit

roten Köpfen auseinander, Binia mit dem Tier über die Brücke thalaus,

Josi und Vroni, mit ihren Holzschuhen klappernd, die Kraxe auf dem

Rücken, den Stutz empor, der mit seinem Zickzack gleich hinter dem

Schmelzwerk beginnt und nach St. Peter führt.

Da ragen, vom Weg nur durch die schreckliche, trichterartige Schlucht

der Glotter getrennt, die Weißen Bretter, drei senkrechte und glatte

Felswände, die aus der Tiefe der Schlucht wie weiße unbeschriebene

Tafeln bis zum Gletscher und ewigen Schnee des Glottergrates ansteigen.

Zwischen den drei Wänden ziehen sich zwei tiefe wilde Graben, in denen

sich ausgewitterte Felsen, Klippen und Türme erheben, ebenfalls bis in

die Höhe ewigen Winters, sie heißen die Wildleutfurren. In halber Höhe

aber geht wie eine dunkle Linie die Leitung der heligen Wasser quer über

die Felsen. Ein Rad, das oben klopft, sagt den Leuten im Thal, daß die

Wasser ruhig die furchtbare Strecke fließen.

Schweigend waren die Geschwister eine Weile gegangen, da lehnte Josi die

Kraxe an die Halde, die den Weg säumt, und schaute gespannt zu der

Leitung empor.

Nein, höher noch hinauf, zu dem blauschillernden Gletscher, der mit

einer Last reinen weißen Firnenschnees über die Wände hinausragte. An

seinem Rand stoben immer kleine weiße Rauchwolken auf, ein Rieseln und

Schäumen, wie das von Wasserfällen ging durch die Wildleutfurren

abwärts, verlor sich in ihren Klüften und knatternder Widerhall der

kleinen Lawinen füllte das Thal.

»Hast du das auch schon gesehen?« fragte Josi.

»Nein,« antwortete Vroni kurz und beklommen.

»Eben darum kommt die Wildleutlaue. In den letzten Wintern ist mehr

Schnee auf den Gletscher gefallen, als die Sommer haben zu schmelzen

vermögen; der Gletscher ist gewachsen, er tritt über die Felsen hinaus,

man sieht ihn, wo man ihn vorher nicht hat sehen können. Jetzt, wo es

heiß wird, schmilzt der Schnee, das Wasser fließt in das hervorstehende

Eis; die Last wird zu groß, der Gletscherbruch kommt, die Wildleutlaue!«

»Ums Himmels willen, Josi, laß uns gehen!«

»O, dem Weg schadet es nichts; wenn die Luft beim Sturz nicht so sausen

würde, so könnten wir da ruhig zusehen, Eis und Schnee stürzen in die

Schlucht, die ist ja groß. Aber es ist wegen der heligen Wasser!«

Vroni war unbekümmert um den Bruder, der ihr alles mit großen Worten

vortrug, aufgestanden, er folgte, in einer halben Stunde hatten sie den

Stutz, die Schlucht und die Weißen Bretter hinter sich, vor ihnen lag

auf dem sanften Oval des ebenen Thalhintergrundes ihr Heimatdorf, St.

Peter, das rings von hohen Bergen umsäumt ist.

Einen Augenblick schauten die Geschwister, die das letzte Wegstück

schweigend zurückgelegt hatten, über die weißen Windungen des Sträßchens

am Stutz hinab und nach dem Teufelsgarten zurück. »Lug' dort, Bini!«

rief Josi. Das wilde Kind hatte sich hinter der Kapelle auf das Maultier

geschwungen und sprengte nun, eben noch unterscheidbar, wie ein

fliegender Schatten über die schmalen Matten des Thales gegen Tremis

hinab. Vroni sah es wohl, wie sich das treuherzige Gesicht Josis

verklärte, als er noch einen Schein der Gestalt erhaschen konnte.

Ueber ihr frohmütiges Antlitz flog ein Schatten.

»Du, Josi, was der Kaplan Johannes gethan hat, das ist schrecklich. Er

hat dir und Binia den bösen Segen gegeben. Jetzt, wenn ihr auch

wolltet, könnten du und Binia nie ein Paar werden.«

Josi lachte trocken.

»Er ist kein Gottesmann,« fuhr Vroni fort, »er ist ein Teufelsmann. Die

Mutter sagt's. Er ist nur ein davongelaufener Klosterschüler, er darf

niemand die Beichte abnehmen; die Leute nennen ihn nur Kaplan, weil

früher, zu Bergwerkszeiten, die Kapelle der Lieben Frau eine Kaplanei

gewesen ist.«

Josi hatte das Bedürfnis zu widersprechen.

»Aber hat er auf den Alpen mit seinen Tränken und Sprüchen nicht schon

manchmal krankes Vieh gesund gemacht? Denk' nur an die zwölf Stücke des

Bäliälplers. Sie hatten die Klauenseuche und man wollte sie schon töten,

da segnete sie Johannes und sie wurden in drei Tagen gesund.«

»Ja -- und dafür starben dem Bäliälpler drei Wochen nachher die beiden

schönen Kinder, die bis dahin kerngesund gewesen waren; er und seine

Frau, die früher glücklich zusammen lebten, haben jetzt nichts als Zank

und Streit, er ist wild über sie, weil sie den letzköpfigen Pfaffen ohne

sein Wissen in den Stall geführt hat, und immer sitzt er zornig und

traurig im Wirtshaus.«

»Die Kinder sind vielleicht auch sonst gestorben,« versetzte Josi kühl.

»Wir lassen den Kaplan nie in unseren Stall, haben wir deswegen weniger

Unglück mit dem Vieh als andere Leute? Nein, im ganzen Dorfe haben wir

am meisten. Drei Jahre hintereinander haben wir Jungvieh aufgezogen, es

wuchs und gedieh auf das schönste, aber jedesmal, wenn's bald hätte

verkauft werden können, ist's umgestanden. Die Loba, die der Vater am

Samstag verkauft hat, ist seit vier Jahren das erste Stück, das geraten

ist.«

»Die Loba!« -- Vroni bückte sich tiefer unter ihrer Last; die Thränen,

die sie vergossen hatte, als der Händler das schöne liebe Rind

davongeführt hatte, drohten wieder zu kommen. Sie wurde traurig und

still.

»Du erzählst der Mutter nichts von Kaplan Johannes, gelt, Vroni,«

versetzte Josi schmeichelnd, als sie durch die mit großen

Pflastersteinen besetzte Straße von St. Peter schritten. »Nein, gelt, du

sagst nichts!«

»Ei, wie Josi betteln kann.« Das Gesicht Vronis hatte sich gehellt.

»Wenn du dich nie mehr mit dem Kaplan einlässest, will ich still sein.«

Sie schritten durch die lose Reihe gebräunter Holzhäuser, Ställe und

Städel[2], die das Dorf bilden. Als sie am Gasthaus zum Bären

vorbeikamen, einem alten, massiven Steinbau gegenüber der Kirche, die

sich auf einem Felsenhügelchen erhebt, öffnete sich ein Fenster und eine

Männerstimme rief: »Vroni! -- Josi!«

[2] _Stadel_, schweizerdeutscher Ausdruck für Heuschuppen.

»Der Vater!«

Freundlich reichte ihnen der bärtige Wildheuer ein Glas voll Wein: »Ihr

werdet wohl Durst haben!«

Vroni nippte nur, Josi aber nahm einen tapferen Schluck.

»Sagt der Mutter, es könne, bis ich heimkomme, etwas später werden, als

ich gemeint habe, der Presi ist nach Hospel gegangen und ich muß ihn

erwarten.«

So der Vater. Die Kinder verabschiedeten sich, schlugen einen Seitenweg

ein, der durch Kartoffel- und Roggenäckerchen an den sonnigen Hang

hinüberführt, wo die Maiensässen[3] und Alpweiden der Leute von St.

Peter liegen.

[3] _Maiensässen_ sind Berghäuser zwischen den Dörfern und den

Alpweiden, sie bilden beim sommerlichen Zug der Sennen und des

Viehs auf die Hochweiden den Zwischenaufenthalt, wo gewöhnlich im

Mai mehrere Wochen geruht wird.

Da stand unter einem Felsblock ihr kleines Haus, auf dessen

steinbeschwerten Schindeln eine große Steinbrech blühte, jene Blume, von

der die Sage der Aelpler behauptet, daß sie nur auf den Dächern wachse,

unter denen der Friede wohne. Freundlich schauten die kleinen Fenster,

vor denen Stöcke roter Geranien prangten, gegen das Dorf.

»Ja, die Wildheuerfränzi versteht sich auf Blumen.« So sprach man im

Dorf. »Blumen und Geschichten sind ihr Sonnenschein.«

Erschöpft ließ Vroni die Kraxe auf die Bank vor dem Felsblock sinken,

auch Josi stellte die seine mit einem Ausruf der Erleichterung ab.

Unter der Thüre erschien die Mutter, die Wildheuerfränzi, selbst in

ihren abgetragenen Kleidern eine hübsche Frau, von kräftigem Wuchs,

vollem, üppigem dunklem Haar, offenen Zügen und jenen großen, blauen,

vielsagenden Augen, die Vroni von ihr geerbt hatte.

»Da seid ihr ja,« sagte sie erfreut, Josi aber rief: »Mutter, eine

Neuigkeit, die Wildleutlawine kommt!«

Eine geraume Weile später sah man den Presi mit seinem Fuhrwerk gegen

das Dorf fahren.

An heiligen Wassern: Roman aus dem schweizerischen Hochgebirge · 第 6 / 59 题