Erziehung des Menschen" enthaltenen Ideen beurtheilt. Dadurch fühlte sich
Schiller getröstet über den Widerspruch Herders, der ihm, wie er äußerte,
seine Vorliebe für Kant nicht verzeihen könne. Ungeachtet des glänzenden
Denkmals, das Schiller in einem Briefe vom 28. October 1794 der Kantischen
Philosophie setzte, ward er derselben wieder entfremdet durch anderweitige
literarische Beschäftigungen. Goethe's Schriften, besonders die Lectüre
des "Wilhelm Meister" gewährten ihm damals einen hohen Genuß. Er fühlte
sich, wie er am 7. Januar 1795 schrieb, "von einer süßen innigen
Behaglichkeit, von einem Gefühl geistiger und leiblicher Gesundheit
durchdrungen. Es sei ihm peinlich zu Muthe, von einem Product dieser Art
in das philosophische Wesen hineinzusehen. Dort sei alles so heiter, so
lebendig, so harmonisch aufgelöst und so menschlich wahr; hier alles so
streng, so rigid und abstract und so höchst unnatürlich, weil alle Natur
nur Synthesis und alle Philosophie Antithesis sei. Zwar glaubte er, sich
das Zeugniß geben zu können, in seinen Speculationen der Natur so getreu
als möglich geblieben zu seyn. Aber dennoch fühle er nicht weniger lebhaft
den unendlichen Abstand zwischen dem Leben und dem Raisonnement." So viel,
meinte er, sei gewiß: der Dichter wäre der einzige wahre Mensch, und der
beste Philosoph gegen ihn nur eine Carricatur.
Mit dem Jahr 1795 begann eine neue Periode der poetischen Fruchtbarkeit
Schillers. In dem Zeitraum von 1790 bis 1794 schien er, die metrischen
Uebersetzungen aus dem Virgil abgerechnet, der Dichtkunst beinahe ganz
entsagt zu haben. Theils in die "Horen", theils in den "Musenalmanach",
den er mit dem Jahr 1795 herausgab, nahm Schiller mehrere seiner, durch
Form und Inhalt besonders ausgezeichneten Gedichte auf, unter andern "die
Ideale", das "Reich der Schatten" (später das "Ideal und das Leben"
genannt), und die "Elegie", welcher er nachher die veränderte
Ueberschrift: "der Spaziergang" gab. Auf das zuletzt genannte Gedicht
legte Schiller einen besondern Werth. Das beste Kriterium der wahren Güte
eines poetischen Products, meinte Schiller, sei dieses, daß es in jeder
Gemüthsstimmung gefalle, und das sei ihm noch bei keinem Gedicht begegnet,
als gerade bei diesem. Eine großartige Wirkung versprach er sich von einer
Idylle, einem Gegenstück zu seiner "Elegie." Er wollte in diesem Gedicht
"das Ideal der Schönheit objectiv zu idealisiren suchen," gab indeß diesen
Plan, wie einige andere poetische Entwürfe, wieder auf.
In wechselnder Stimmung kehrte er wieder zur dramatischen Poesie zurück,
für die sich sein Talent vorzugsweise eignete. Die Geschichte der
Belagerung von Malta wollte er zu einem Trauerspiel benutzen, bei welchem
er sich viel vom Gebrauch des Chors versprach, wie er ihn später in seiner
"Braut von Messina" nach dem Muster der Griechen, wieder auf der Bühne
einführte. Das durch Wieland ihm empfohlene Studium der Alten hatte noch
immer viel Reiz für ihn, und er suchte sich ihre Vorstellungsweise
anzueignen. Seine neue dramatische Dichtung nannte Schiller die "Ritter
von Malta." Den Plan dieses Werkes findet man in des Dichters gesammelten
Werken; die Ausführung unterblieb.
Auch den schon früher entworfenen Plan, den Wallenstein zum Helden einer
Tragödie zu wählen, nahm er wieder auf, gestand aber, von einer
augenblicklichen Muthlosigkeit ergriffen, seinem Freunde Körner: "Ich
glaube mit jedem Tage mehr zu finden, daß ich nichts weniger vorstellen
kann, als einen Dichter, und daß höchstens da, wo ich philosophiren will,
der poetische Geist mich überrascht. Was ich im Dramatischen zur Welt
gebracht, ist nicht sehr geeignet, mir Muth zu machen. Im eigentlichen
Sinne des Worts betrete ich eine mir ganz unbekannte, wenigstens
unversuchte Bahn; denn im Poetischen hab' ich seit drei bis vier Jahren
ganz neuen Menschen angezogen."
Schillers Vertrauen zu seinen Kräften wuchs unter den mannichfachen
dramatischen Vorbereitungen, die sich bis in den May 1796 hinzogen, wo er
sich für den "Wallenstein" entschied. "Der Held seines neuen
Trauerspiels," meinte er, "sei ein Charakter, der nur im Ganzen, doch nie
im Einzelnen interessiren könne, denn er habe nichts Edles, erscheine in
keinem Lebensact groß, habe wenig Würde u. dgl." Dennoch aber überließ
sich Schiller der Hoffnung, auf rein realistischem Wege einen dramatisch
großen Charakter in ihm aufzustellen, der ein ächtes Lebensprincip habe.
Im "Posa" und "Karlos", bemerkte Schiller, habe er die fehlende Wahrheit
durch schöne Idealität zu ersetzen gesucht, hier im "Wallenstein" wolle er
den Versuch machen, durch die bloße Wahrheit für die fehlende Idealität zu
entschädigen.
An sich und seine Arbeiten legte Schiller den strengsten Maßstab. Er
wollte nach den ihm verliehenen Kräften das Höchste leisten. Daher seine
glühende Begeisterung für alles Treffliche, aber auch sein eben so
glühender Haß jedes falschen Geschmacks überhaupt, jeder Beschränkung der
Wissenschaft und Kunst. Unterstützt durch die achtbarsten Schriftsteller
Deutschlands hatte er sich von seinem Journal, "den Horen", eine
großartige Wirkung versprochen. Jene Zeitschrift war jedoch von mehreren
Seiten mit einer Kälte und Gleichgültigkeit aufgenommen worden, die an
Geringschätzung grenzte.
In seiner dadurch sehr gereizten Stimmung vereinigte sich Schiller mit
Goethe zu den unter dem Titel. "Xenien" bekannten Epigrammen. Nach
Schillers eigner Aeußerung in einem Briefe an Körner sollte "wilde Satyre,
besonders auf schriftstellerische Producte, untermischt mit einzelnen
poetischen und philosophischen Gedanken blitzen", den Stoff zu diesen
Epigrammen darbieten. Die Sammlung sollte aus nicht weniger als 600
Monodistichen bestehen. Der anfängliche Plan, sie bis auf 1000 zu
vermehren, scheiterte durch den Mangel an Productivität ihrer Verfasser.
Immer war noch eine große Zahl von Monodistichen nöthig, wenn die Sammlung
nur einigermaßen den Eindruck eines Ganzen machen sollte. Schiller
entschloß sich daher, unter jenen Producten die ernsten und
philosophischen in seinem "Musenalmanach" vereinzelt mitzutheilen, und die
satyrischen unter der Ueberschrift "Xenien" nachfolgen zu lassen. Die
allgemeine Sensation, welche jene Epigramme erregten, veranlaßte
zahlreiche Gegenschriften, theils in Prosa, theils in Versen, von Gleim,
Claudius, Manso, Nicolai u. A., die in jenen satyrischen Producten sehr
hart angegriffen worden waren. Man findet diese, längst aus den Augen des
Publikums verschwundenen Gegenschriften in dem von E. Bons neuerlich
herausgegebenem Werke: "Schiller und Goethe im Xenienkampf."
Sehr beunruhigend waren für Schiller die Nachrichten, die er um diese
Zeit, im Frühjahr 1796, von der traurigen Lage seiner Familie erhielt. Aus
der Solitude gelangte an ihn ein Brief, der ihm den frühen Tod seiner
jüngsten Schwester Nanette meldete. Von dem epidemischen Fieber, welches
das blühende Mädchen hinweggerafft, war auch Schillers Vater, und bald
nachher seine zweite Schwester Luise ergriffen worden. Die traurige Lage
der Seinigen, der Gedanke an seine arme, des Trostes bedürftige Mutter
bekümmerten ihn sehr. Seiner schwachen Gesundheit wegen getraute er sich
nicht in seine Heimath zu reisen. Doch erbot er sich, als seine an den
Bibliothekar Reinwald in Meiningen verheirathete Schwester Christophine
sich zu ihren Eltern begab, dieselben nach allen seinen Kräften zu
unterstützen. Einen tiefen Eindruck machte auf ihn der um diese Zeit
erfolgte Tod seines Vaters. Als Schiller erfuhr, daß seine Mutter in
Leonberg eine Art von Versorgung erhalten, und seine zweite Schwester
Luise sich mit dem Stadtpfarrer Frankh in Möckmühl verheirathet hatte,
kehrte mit der Beruhigung über das Schicksal seiner Familie, die in der
damaligen Kriegsperiode sehr gefährdet gewesen war, ihm wieder
einigermaßen die Ruhe zurück, deren er bei seinen literarischen
Beschäftigungen so nöthig bedurfte.
In dem Umgange mit mehreren geistreichen Männern, die sich damals in Jena
um ihn versammelten, erheiterte sich Schillers trübe Stimmung. Mit Fichte
und Schelling kam er in nähere Berührung. Wilhelm von Humboldt war von
Berlin, wo er sich eine Zeit lang aufgehalten, wieder nach Jena
zurückgekehrt. Wilhelm v. Wolzogen war um diese Zeit Kammerrath und
Kammerherr in Weimar geworden. So führte das Schicksal auch diesen
Jugendfreund Schillers in seine Nähe. Einen seiner längst gehegten
Lieblingswünsche sah Schiller um diese Zeit (1796) erfüllt durch den
Ankauf einer Gartenwohnung. Sie lag in einer anmuthigen Gegend vor der
Stadt zwischen dem sogenannten Engelgatter und dem Neuthor, an einer
Schlucht, durch welche sich der Leutrabach schlängelt. An der obern
Gartenecke, nach der Leutra hin, hatte Schiller sich ein von seiner
Familienwohnung abgesondertes Häuschen bauen lassen, in welchem er während
der Sommermonate oft bis tief in die Nacht zu arbeiten pflegte.
Mit dichterischen Erzeugnissen, theils lyrischer, theils dramatischer
Gattung beschäftigte sich Schiller, wenn es ihm seine oft wiederkehrende
Kränklichkeit irgend erlaubte. Durch einen Wetteifer mit Goethe veranlaßt,
entstanden 1797 seine ersten Balladen, die "Kraniche des Ibykus", der
"Taucher" u. a. m. Beide Dichter theilten sich in die Stoffe, die sie
gemeinschaftlich ausgesucht hatten. Die Herausgabe seines "Musenalmanachs"
hatte Schiller mit dem Jahr 1799 aufgegeben. Schon früher hatten die
"Horen" geendet. Dadurch erhielt er mehr Muße, sich mit seinen
dramatischen Entwürfen zu beschäftigen, namentlich mit dem "Wallenstein"
und gleichzeitig mit den "Malthesern." Zu dem erstgenannten Trauerspiel
gewann er immer mehr Vertrauen. Nur die große Ausdehnung des Stücks machte
ihn mitunter besorgt.
Vollendet ward der "Wallenstein", den er in drei Theile zerfallen ließ,
im Jahr 1798. Unter der Leitung des Baumeisters Thouret aus Stuttgart
war damals ein neues Theater in Weimar erbaut worden. Zur Eröffnung der
Bühne war das Vorspiel "Wallensteins Lager" bestimmt, welches Schiller
seiner Tragödie vorangeschickt hatte. Schiller hatte sich nach Weimar
begeben. Die Vorstellung übertraf seine kühnsten Erwartungen. Durch die
"Piccolomini", den ersten Theil des "Wallenstein", sollte den 30. Januar
1799 der Geburtstag der Herzogin von Weimar gefeiert werden. Das Stück
machte einen tiefen und gewaltigen Eindruck. Schiller selbst war mit der
Darstellung sehr zufrieden. Wiederholt äußerte er den Schauspielern
seine Freude darüber, die er auch dadurch zu erkennen gab, daß er zu dem
Mahl im zweiten Act der "Picolomini [Piccolomini]" noch einige Flaschen
Champagner hinzufügte, die er selbst unter dem Mantel herbeitrug.
Neue dramatische Entwürfe beschäftigten den Dichter nach der Beendigung
des "Wallenstein." Seine Thätigkeit ward jedoch oft gehemmt durch
Rückfälle seines Brustübels, dann aber auch durch die ihm besonders
lästigen Besuche zum Theil unbedeutender Fremden, die ihn, nach seinen
eignen Worten, wie ein Wunderthier angafften. Scherzend äußerte er einst
den Wunsch, daß irgend ein Potentat ihm Gefährliches zutrauen, ihn einige
Monate auf eine Bergveste mit schöner Aussicht einsperren, und ihm nur
erlauben möchte, auf den Wällen umher zu spazieren. Da sollten, meinte er,
Werke entstehen, so recht aus einem Guß, an denen Verfasser, Mit- und
Nachwelt sich erfreuen könnten.
Die Anschauung des Theaters war es hauptsächlich, wodurch Schiller bewogen
ward, zu Ende des Jahres 1799 seinen bisherigen Aufenthalt in Jena mit
Weimar zu vertauschen. In einem Schreiben an den Herzog von Weimar
motivirte er sein Gesuch durch die Vorstellung, daß er nachdem er von
philosophischen Studien wieder zur Poesie zurückgekehrt sei, sich durchaus
nicht mehr am rechten Orte befände. Er erörterte dieß ausführlich, und bat
zugleich um eine Vermehrung seines Gehalts. Den in seinem Briefe
ausgesprochenen Ideen kam der Herzog von Weimar auf's Bereitwilligste
entgegen, und seine reelle Hülfe erleichterte die Ausführung des Plans.
Schillers Leben in Weimar war heiter und mannigfach bewegt. Die Nähe des
Theaters, seine Einwirkung darauf, erhielten ihn in einer äußern, ihm
zusagenden Thätigkeit. Unter den Schauspielern, mit denen er in
freundlichem Verkehr blieb, suchte er den höhern Kunstsinn zu wecken und
viel versprechende Talente durch Rath und Belehrung zu fördern. Die
Geistesfreiheit, die in den geselligen Verhältnissen Weimars herrschte,
entsprach seiner Denk- und Empfindungsweise. In seinem Urtheil über Andere
schien er milder geworden zu seyn. Unbeachtet ließ er den durch gekränkte
Eitelkeit oder leidenschaftliche Entrüstung gegen ihn hervorgerufenen
Tadel seiner Produkte in öffentlichen Blättern. Der Beifall, den Goethe
seinen Werken zollte, war ihm besonders erfreulich. Das rein menschliche
Urtheil dieses Dichters hatte für ihn, nach seinem eignen Ausdruck einen
hohen Werth. Mit Wieland und Herder, wiewohl er mit den Letztern späterhin
zerfiel, mit Meyer, Einsiedel, Bertuch und andern geistreichen Männern kam
er in mehrfache Berührung. Nur mit Jean Paul, der sich damals in Weimar
aufhielt, entstand kein näheres Verhältniß. Schiller verkannte nicht den
Geist und das Talent des genannten Schriftstellers, aber die Formlosigkeit
seiner Producte widerstand ihm. Mehr behagte ihm der gesunde, wahre
Naturausdruck in Kotzebue's Schriften. Mit dem Autor selbst, der damals
gleichfalls in seiner Nähe lebte, kam Schiller in keine nähere Berührung.
Er bedauerte, daß ein so bedeutendes Talent, wie es Kotzebue besaß, durch
die Flachheit seines geistigen und moralischen Sinnes fortwährend in einer
niedern Sphäre erhalten worden sei.
Von seinen nächsten Umgebungen hatte sich Schiller im May 1800 nach
Ettersburg zurückgezogen, um dort sein neues Trauerspiel "Maria Stuart",
an welchem noch der letzte Act fehlte, zu vollenden. Im Juni des genannten
Jahres erschien es auf der Bühne. An dramatischem Effect stand die neue
Tragödie dem "Wallenstein" nicht nach. Doch erregte der Streit der beiden
Königinnen, und noch mehr die Abendmahlsscene, mit der vorzüglich Herder
unzufrieden war, manchen Anstoß. Schiller fand sich dadurch veranlaßt, bei
der zweiten Aufführung seines Stücks, im Herbst 1800, manches darin zu
ändern und abzukürzen.
Mit großem Interesse hatte er damals die von de l'Averdy aus den
Manuscripten der Pariser Bibliothek herausgegebenen Acten über den
Verdammungs- und Lossprechungsproceß der Johanna d'Arc gelesen. Er
benutzte dieß historische Ereigniß zu seiner romantischen Tragödie: "die
Jungfrau von Orleans." Um völlig ungestört arbeiten zu können, begab er
sich nach Jena, wo er seine Gartenwohnung bezog. Er hatte sich so völlig
isolirt, daß er nur mit Schelling und Niethammer in einige Berührung kam.
In einem Briefe an Goethe vom 3. April 1801 äußerte er die Hoffnung, sein
Trauerspiel in vierzehn Tagen zu vollenden. Er beschäftigte sich indeß
damit noch beinahe sieben Monate. Ueber die Behandlung seines Stoffs und
über einzelne Charaktere und Situationen seiner Tragödie erklärte er sich
ausführlich in einem am 26. November 1801 geschriebenen Briefe. Er nannte
die "Jungfrau von Orleans" in jenem Briefe ein in ihrer Art einziges
Süjet, und einen beneidenswerthen Stoff für den Dichter.
Die Stimme der Kritik über sein neues Trauerspiel befriedigte ihn nicht.
Auch die billigen Anforderungen an eine Recension fand er nicht erfüllt in
einer damals von Apel für die Allgemeine Literaturzeitung geschriebenen
Beurtheilung der "Jungfrau von Orleans". Jene Recension schien ihm ein
bloßer Versuch, "die Prinzipien der Schellingschen Kunstphilosophie einem
vorhandenen Werke anzupassen und darauf anzuwenden."
Von der Wirkung seines neuen Trauerspiels und von der Macht seines Talents
überzeugte sich Schiller bei der Vorstellung der "Jungfrau von Orleans" in
Leipzig. Der Enthusiasmus des Publikums äußerte sich, als der
Vorhanggefallen war, durch den vielstimmigen Ruf: "Es lebe Friedrich
Schiller!" Die Zuschauer drängten sich in dem überfüllten Schauspielhause,
um den heraustretenden Dichter zu sehen. Schiller hatte sich damals von
Leipzig nach Dresden begeben, wo er in dem nahegelegenen Loschwitz, auf
Körners Weinberge, mehrere Wochen verweilte, in heitern
Jugenderinnerungen, besonders an seinen "Don Carlos", den er dort
gedichtet hatte. In fast wehmüthiger Stimmung verließ er Dresden, wo er
mit dem durch Goethe und Meyer in ihm geweckten höhern Sinne für die
plastische Kunst, sich heimathlicher als früher gefühlt hatte in der
antiken Welt, deren Anschauung neue und fruchtbare Ideen in ihm weckte.
Sein Aufenthalt in Weimar ward ihm behaglicher, als bisher, durch ein
bequemes und freundliches Haus an der sogenannten Esplanade. In diesem,
von ihm damals gekauften Hause bewohnte er die obere Etage allein. Vor der
Mittagssonne schützte ihn in seinem Zimmer ein carmoisinrother Vorhang,
dessen röthlicher Schimmer, wie er meinte, auf seine produktive Stimmung
belebend einwirkte. Zufällig war der Tag, an welchem er seine neue Wohnung
bezog, der Todestag seiner Mutter. Wie schmerzlich ihn jene Nachricht
ergriffen, schilderte er in einem Briefe an seine Schwester Christophine,
die Gattin des Bibliothekars Reinwald in Meiningen.
Mit einer Kraft und Innigkeit, wie sie ihm, nach seinen eignen Worten,
lange nicht begegnet, fühlte sich Schiller von einem neuen dramatischen
Stoffe angezogen. Es war die "Braut von Messina." In einem Briefe vom 10.
März 1802 meldete er, daß ihn jener Stoff schon sechs Wochen beschäftige.
Erst zu Ende des Januar 1803 ward das neue Trauerspiel vollendet, und am
4. Februar ward es Abends in einer Gesellschaft von Freunden und Bekannten
vorgelesen. Doch wohnte auch der Herzog von Weimar jener Vorlesung bei.
Ehe das Stück in Weimar zur Aufführung kam, ward es in Lauchstädt gegeben.
In den ersten Tagen des Juli reiste Schiller dorthin. Bei dem
Zusammenströmen zahlreicher Fremden fand er mit Mühe ein unweit dem
Schauspielhause gelegenes Logis mit einem daran stoßenden Garten. Bei der
Vorstellung des Stücks ereignete sich der Zufall, daß bei einem
aufsteigenden schwereren Gewitter, die bisher entfernt gehörten
Donnerschläge in dem Augenblicke, wo Isabella die gewaltigen
Verwünschungen gegen den Himmel aussprach, sich bis zu einem furchtbaren
Krachen verstärkten, und daß der Schauspieler Graff diesen Zufall zu einer
Gesticulation benutzte, von der das ganze Publikum ergriffen ward.
In einigen Briefen, die Schiller aus Lauchstedt an seine in Weimar
zurückgebliebene Gattin schrieb, beklagte er sich, ungeachtet der
Zufriedenheit mit seinem Aufenthalt und seinen Umgebungen, doch über die
Ungewohnheit eines gänzlichen Müssigganges, der ihn den Verlust der
schönen Zeit bedauern lasse. Im Juli 1803 kehrte er wieder nach Weimar
zurück, nachdem er einen Tag bei dem Kanzler Niemeyer in Halle zugebracht
hatte. Bei der Rückkehr nach Weimar widmete er sich wieder seiner
gewohnten Thätigkeit. Mannigfache poetische Entwürfe beschäftigten ihn.
Reich an dramatischem Interesse schien ihm besonders die ältere
französische Geschichte, namentlich die Zeit der Ligue. Zu seinen
Lieblingscharakteren gehörte Heinrich IV. Die neuere Geschichte
Frankreichs weckte in ihm die Idee, den Zustand der Polizei in Paris unter
der Regierung Ludwigs XIV. zu einem dramatischen Gemälde zu benutzen.
Diese Idee beschäftigte ihn längere Zeit. Nach seinen eignen Aeußerungen
sollte über den bunten und mannigfachen Gestalten einer Pariser Welt wie
Polizei, wie eine Art von höherem Wesen schweben, dessen Blick ein
unermeßliches Feld überschaue und in die geheimsten Tiefen dringe, und für
dessen Arm nichts unerreichbar wäre. Das von ihm beabsichtigte dramatische
Gemälde sollte den Titel: "Die Kinder des Hauses" führen. Durch die
Lectüre von Pitaval's Causes celebres, deren Uebersetzung durch Niethammer
er mit einer Vorrede begleitet hatte, war die Idee zu jenem Drama zuerst
in Schiller rege geworden.
Auch von der deutschen Geschichte versprach er sich eine reiche Ausbeute
dramatischer Stoffe. Besonders anziehend war für ihn unter den
vaterländischen Charakteren Friedrich von Oesterreich, der Gegner und
Freund Ludwigs des Baiern. Mitunter ward auch der schon früh entworfene
Plan wieder in ihm rege, einen zweiten Theil der "Räuber" zu schreiben,
der die Dissonanzen dieses Schauspiels beseitigen sollte. Unter diesen
mannigfachen Entwürfen bot ihm die Geschichte der Schweiz endlich einen
dramatischen Stoff, von welchem er sich eine großartige Wirkung versprach.
Es war das Schauspiel "Wilhelm Tell", das ihn jedoch ein volles Jahr
beschäftigte und erst im Februar 1804 vollendet ward.
Eine große Bewegung in dem gesellschaftlichen Leben Weimars hatte nicht
lange zuvor die Ankunft einiger Fremden veranlaßt. Zu diesen gehörten
besonders Benjamin Constant und Frau v. Stael. Von den Gesprächen der eben
genannten geistreichen Schrifstellerin [Schriftstellerin] fühlte sich
Schiller angezogen. Drückend aber war ihm das Uebermaß französischer
Lebhaftigkeit, das, nach seinen eignen Aeußerungen, die ruhige und
gemüthliche Aufnahme des Geistigen störe. In einem Briefe an Goethe vom
21. December 1803, in welchem Schiller eine ausführliche Schilderung der
Frau v. Stael entwarf, und besonders die Klarheit, Entschiedenheit und
geistreiche Lebhaftigkeit ihrer Natur hervorhob, fügte er hinzu: "Das
einzige Lustige ist die ganz ungewöhnliche Fertigkeit der Zunge. Man muß
sich ganz in ein Gehörorgan verwandeln, um ihr folgen zu können."
Mitten unter jenen Zerstreuungen, die weder mit seiner Liebe zur
Einsamkeit harmonirten, noch auf seinen oft leidenden körperlichen Zustand
günstig einwirkten, erhielt Schiller manche Beweise der Aberkennung seines
Talents. Der König von Schweden hatte ihm bei seiner Durchreise durch
Weimar einen Brillantring zum Geschenk gemacht wegen der "Geschichte des
dreißigjährigen Kriegs", worin Schiller der Schweden rühmlich gedacht
hatte. Seinem Jugendfreunde Wilhelm v. Wolzogen schilderte er seine
freudige Ueberraschung mit den Worten: "Wir Poeten sind selten so
glücklich, daß die Könige uns lesen, und noch seltener geschieht es, daß
sich ihre Diamanten zu uns verirren. Ihr Herrn Staats- und Geschäftsleute
habt eine größere Affinität zu diesen Kostbarkeiten; aber unser Reich ist
nicht von dieser Welt."
Noch vor der Vollendung seines "Wilhelm Tell", der im Februar 1804 zum
erstenmal aufgeführt ward, hatte Schiller in der Geschichte des falschen
Demetrius in Rußland einen neuen dramatischen Stoff gefunden. Er entwarf
den Plan des Stücks und einzelne Scenen. In Stunden, wo er sich nicht
heiter genug fühlte zu eignen Dichtungen, beschäftigte er sich mit einer
metrischen Uebersetzung des Trauerspiels "Phädra" von Racine für das
weimarische Theater, für welches er schon einige Jahre früher Shakspeares
"Macbeth" und Gozzi's "Turandot" bearbeitet hatte. Auch für den Julius
Cäsar des großen brittischen Dichters interessirte sich Schiller lebhaft.
Die Idee, auch von diesem Trauerspiel eine Bearbeitung für die Bühne zu
liefern, unterblieb jedoch.
Die von ihm aus dem Französischen übertragenen Lustspiele: der "Neffe als
Onkel" und der "Parasit" reizten ihn, selbst in dieser Gattung einen
Versuch zu wagen, die jedoch für ihn etwas Fremdartiges behielt. "Zwar
glaub' ich", schrieb er, "mich derjenigen Comödie gewachsen, wo es mehr
auf eine komische Zusammenfügung der Begebenheiten, als auf komische
Charaktere ankommt. Aber meine Natur ist doch zu ernst gestimmt, und was
keine Tiefe hat, kann mich nicht lange anziehen." Vielleicht ward die
Idee, ein eignes Lustspiel zu schreiben, in Schiller durch den Beifall
rege, mit welchem der "Parasit" bei der ersten Vorstellung im April 1803
aufgenommen ward.