Die durch jene Kämpfe mit der Außenwelt ihm geraubte Ruhe fand Schiller in

seinem häuslichen Kreise wieder. Wechselseitige Harmonie des Geschmacks

und der Empfindung machte seine Ehe zu einer sehr glücklichen. Auch

dadurch ward ihm seine Gattin besonders werth, daß ihr feiner Tact sein

Urtheil bestimmte und leitete. Er mußte ein Wesen um sich haben, dem er

seine Ideen mittheilen konnte. Für einen Geist, wie den seinigen, waren

gleichwohl die Schranken des häuslichen Lebens jedenfalls zu enge. Geschah

es nun auch, daß seine wechselnde Stimmung, manche Eigenheiten, besonders

die Liebe zur Einsamkeit, mitunter einige Mißverhältnisse in seiner Ehe

erzeugten, so wurden sie durch Schillers Gutmüthigkeit bald wieder

beseitigt. Mit Grund behauptete einer seiner vertrauteren Freunde, daß

eine leichtsinnige, nach sinnlichen Freuden haschende und Zerstreuung

liebende Gattin für Schiller durchaus nicht gepaßt haben würde.

Seine Lage war übrigens nichts weniger als sorgenfrei. Auch nachdem er als

Professor einen kleinen Gehalt bezog, durfte seine literarische Thätigkeit

nicht ruhen, wenn er sich eine anständige Subsistenz sichern wollte; so

mäßig auch seine Ansprüche waren. Neben der Fortsetzung der "Thalia" und

Recensionen für die Allgemeine Literaturzeitung, beschäftigte ihn

vorzüglich eine mit Paulus, Woltmann u. a. Freunden unternommene

Herausgabe von "Historischen Memoiren", für die er selbst eine einleitende

Abhandlung und einige, später in der Sammlung seiner Werke wieder

abgedruckte Aufsätze schrieb. Durch den Buchhändler Göschen in Leipzig

aufgefordert, verfaßte Schiller eine "Geschichte des dreißigjährigen

Krieges", die zuerst als "Historischer Kalender für Damen" erschien und

von Wieland mit einer empfehlenden Vorrede begleitet ward.

Historische Forschungen waren damals für Schiller von hohem Interesse. Es

lag aber in seiner Natur, daß Geschichte in der höhern Bedeutung dieses

Worts für ihn nie zur eigentlichen Lebensaufgabe werden konnte. Sie war

ein nothwendiger, aber vorübergehender Moment in seiner Selbstbildung.

Seine eigenthümlichsten Talente ragten über die Geschichte weit hinaus,

und sie trat in den Hintergrund durch das wachsende Interesse an

philosophischen und ästhetischen Studien, deren Ausbeute er auch Andern

mitzutheilen wünschte. Einige Vorlesungen, die er im Sommer 1790 über den

"Oedipus" des Sophokles hielt, führten ihn zum Studium der Poetik des

Aristoteles, und er fühlte sich, nach mehrern seiner damaligen Briefe,

"erhoben und gestärkt durch die in jenem Werke enthaltenen liberalen

Kunstansichten."

Die von Schiller damals geschriebenen Aufsätze: "Ueber den Grund des

Vergnügens an tragischen Gegenständen" und "Ueber die tragische Kunst"

verdankten ihre Entstehung den erwähnten ästhetischen Studien. Verdrängt

wurden diese jedoch wieder durch das überwiegende Interesse für die

Kantische Philosophie, die in Jena damals zahlreiche und enthusiastische

Verehrer zählte. Unter diesen befanden sich Männer, mit denen Schiller

nähern Umgang hatte, wie Reinhold, Paulus, Niethammer u. A. Er war ein

Mitglied des Klubbs, in welchem die genannten Gelehrten nebst einigen

andern, wie Göttling und Hufeland, sich wöchentlich zu philosophischen

Gesprächen einfanden. Noch behaglicher würde sich Schiller in jenem Cirkel

gefühlt haben, wenn es ihm leichter geworden wäre, sich an Individuen

anzuschließen, die sich um seine Freundschaft bewarben. Gegen Unbekannte

und Fremde, die ihn nicht besonders interessirten, verrieth sein Wesen

eine Verschlossenheit, die bisweilen an schneidende Kälte grenzte.

Demungeachtet zeigte sich, als seine von Natur schwache Gesundheit heftig

erschüttert ward, die allgemeine Liebe und Verehrung für ihn in der

lebhaftesten Theilnahme, die kein Opfer scheute. Anstrengende

Geistesarbeiten und Nachtwachen hatten seinen Körper sehr geschwächt.

Durch seine eingezogene Lebensweise war er überdieß der Erkältung leicht

ausgesetzt. Bei einem Besuch, den er mit seiner Gattin dem Coadjutor

Dalberg in Erfurt machte, überfiel ihn zu Anfange des Jahres 1791 ein

heftiges Fieber, das bei seiner Rückkehr nach Jena bald in eine

lebensgefährliche Brustkrankheit ausartete.

Bereitwillig erboten sich Schillers Freunde zu allem, was irgend zur

Erleichterung seines Zustandes dienen konnte. Mehrere seiner Zuhörer,

unter andern der späterhin als Dichter unter dem Namen Novalis bekannte

Freiherr v. Hardenberg und ein junger Livländer, v. Adlerskron, unterzogen

sich Nachts seiner Wartung und Pflege. Schillers Brustkrämpfe wurden zwar

durch ärztliche Hülfe beseitigt, aber sein körperlicher Zustand blieb

zerrüttet für seine ganze übrige Lebenszeit. Seine Schwäche war so groß,

daß er öffentliche Vorlesungen aussetzen mußte. Zur Thätigkeit spornte ihn

jedoch die Kraft seines Geistes, die sich unter seinen physischen Leiden

fast ungeschwächt erhalten hatten. Er nahm zu Privatvorträgen in seinem

Zimmer seine Zuflucht.

Selbst mit einigen poetischen Entwürfen beschäftigte er sich wieder. Mit

Bürger, den er, wie früher erwähnt, in der letzten Zeit seines Aufenthalts

in Weimar kennen gelernt, hatte Schiller, nach einer Aeußerung in einem

seiner damaligen Briefe, sich vorgenommen, "einen kleinen Wettkampf der

Kunst einzugehen." Beide wollten ein und dasselbe Stück aus Virgil's

Aeneide, doch jeder in einer andern Versart übersetzen. Von seiner

metrischen Uebersetzung, für die er die italienischen %Ottave rime%

wählte, versprach sich Schiller viel, und las seinem Freunde Conz, der ihn

damals in Jena besuchte, mit einem gewissen Selbstgefühl einige Proben

vor. Eine großartige Wirkung versprach er sich auch von einer "Hymne an

das Licht" und von einer "Theodicee" nach Kantischen Prinzipien. Er

entwarf zu beiden Gedichten den Plan; die Ausführung aber unterblieb.

Auch die durch seine Beschäftigung mit der "Geschichte des dreißigjährigen

Krieges" in ihm geweckte Idee, den König von Schweden zum Helden eines

epischen Gedichts zu wählen, gab Schiller wieder auf. In einem seiner

Briefe hatte er gemeint, unter allen historischen Stoffen, wo sich das

poetische Interesse mit dem nationalen und politischen noch am besten

vereinigen lasse, stehe Gustav Adolph oben an. "Eine merkwürdige Action

Friedrichs II zu einem Epos zu benutzen", war nach einer brieflichen

Aeußerung Schillers, ein Plan, bei dem er ziemlich lange verweilte. Er

hoffte die mannichfachen Schwierigkeiten zu besiegen, welche der moderne

Stoff und die scheinbare Unverträglichkeit des epischen Tons mit einem

gleichzeitigen Gegenstande herbeiführten. Auch über die metrische Form,

die er seinem Gedicht geben wollte, war er mit sich einig geworden. Er

wollte dasselbe Versmaß wählen, wie bei seiner Uebersetzung des Virgil.

Durch die italienische Stanze hoffte er den Wohlklang seines Gedichts zu

erhöhen. Es blieb jedoch bei diesen Vorbereitungen. Dramatische Entwürfe

zogen ihn wieder von der epischen Gattung ab, ungeachtet er auch zu jenen

kein rechtes Vertrauen gewinnen konnte.

Wieland, meinte Schiller, habe recht gehabt, als er ihm einst Mangel an

Leichtigkeit vorgeworfen. Das Gleichgewicht seiner Kräfte war gestört,

seit die Reflexion die poetischen Bilder verscheuchte, die ihm seine

Phantasie in glücklichen Augenblicken zuführte. In einem Briefe an Körner

gestand er offen: "er glaube, die Kritik habe ihm geschadet, weil er schon

seit mehreren Jahren die Kühnheit und Gluth der Phantasie vermisse, die

ihn beseelt habe, als ihm noch keine Regel bekannt war."

Für ein dringendes Bedürfnis hielt Schiller eine gründliche philosophische

Bildung. Unter Kant's Schriften, die er mit ernstem Eifer studirte, fiel

seine Wahl zuerst auf die "Kritik der Urteilskraft." Begeistert von den

neuen und lichtvollen Ideen, die er aus diesem Werke geschöpft, war

Schiller nach einer Aeußerung in einem seiner damaligen Briefe, "fest

entschlossen, nicht eher nachzulassen, als bis er die Kantische

Philosophie ergründet habe, und wenn ihm dies auch drei Jahre kosten

sollte." Seine Absicht war, die Kantischen Ideen, die er sich

selbstständig angeeignet, in einem Collegium über Aesthetik, das er in dem

Winter von 1791-1792 lesen wollte, öffentlich mitzuteilen. Man könne,

meinte Schiller, fast nichts Neues mehr auf dem Katheder sagen, wenn man

sich nicht vornehme, nicht Kantisch zu seyn.

Die Hauptresultate seines Studiums der Kantischen Philosophie enthielten

Schillers Abhandlungen: "Ueber Anmuth und Würde; vom Erhabenen;" und die

"Zerstreuten Betrachtungen über verschiedene ästhetische Gegenstände."

Nach einem mit seinem Freunde Körner verabredeten Plan traten zu den

genannten Abhandlungen später noch die von Schiller verfaßten "Briefe über

die ästhetische Erziehung des Menschen" hinzu, die er Anfangs in der Form

eines philosophischen Gesprächs hatte herausgeben wollen, diesen Entschluß

aber wieder aufgab, als sich mit seinen neuaufkeimenden Ideen auch sein

anfänglicher Plan erweiterte. Viel versprach sich Schiller auch von einer

Abhandlung "über das Naive", in welcher er vorzüglich den Contrast

zwischen Einfalt der Natur und der Cultur schildern wollte.

So anhaltender Geistesanstrengung unterlag seine von Natur schwache

Constitution. Kant's Kritik der Urtheilskraft, aus der er sich bedeutende

Stellen vorlesen ließ, gewährte ihm Trost und Stärke in seinem Leiden, als

er im Juni 1791, während eines Besuchs in Rudolstadt, von einem

abermaligen Anfall seines Brustübels heimgesucht ward, der ihn dem Tode

nahe brachte. In diesem Vorgefühl äußerte er einst: "Dem allwaltenden

Geist der Natur müssen wir uns ergeben, und wirken, so lange wir es

vermögen." Aerztliche Mittel beseitigten nach und nach seine Brustkrämpfe.

In schlaflosen Nächten las er viel, vorzüglich Reisebeschreibungen. Diese

Gewohnheit übte bald eine so unwiderstehliche Macht auf ihn aus, daß er,

die Ordnung der Natur umkehrend einen großen Theil des Tages zu dem

entbehrten nächtlichen Schlummer verwandte.

In Karlsbad, wohin er im Juli 1791 mit seiner Gattin gereist war, führte

er ein sehr zurückgezogenes Leben. Er beschränkte sich fast nur auf den

Umgang mit einigen österreichischen Offizieren, die ihn besonders deßhalb

interessirten, weil es ihm darum zu thun war, einen Stand näher kennen zu

lernen, den er in seinem "Wallenstein" Schildern wollte. Die Idee, diesen

großen Feldherrn zum Helden eines Trauerspiels zu wählen, war damals in

ihm rege geworden. Was auf Wallenstein irgend Bezug hatte, war ihm

wichtig. Er betrachtete sein Bild auf dem Rathhause zu Eger, und ließ sich

die Wohnung zeigen, wo er ermordet worden. Die Hoffnung, wieder zu

genesen, erheiterte ihn sichtbar. Das Bad äußerte eine so günstige

Wirkung, daß er, wenigstens einigermaßen gestärkt, seinem Verleger

Göschen, den er in Karlsbad traf, die Fortsetzung des "dreißigjährigen

Krieges" für den nächsten Jahrgang des Damenkalenders versprechen konnte.

Wiederholte Rückfälle seines Brustübels ließen jedoch, als Schiller wieder

nach Jena zurückgekehrt war, das Schlimmste befürchten. Mitten unter

diesen Leiden blieb er heiter und empfänglich für frohen Lebensgenuß.

Wollte er jedoch genesen, so mußte er jeder anstrengenden Geistesarbeit

entsagen. Die Gefahr, in der sein Leben schwebte, setzte seine zahlreichen

Verehrer in Schrecken. Zu diesen gehörte besonders der dänische Dichter

Jens Baggesen. In einem Briefe, den er von Reinhold empfangen, hatte

dieser gemeint, Schiller könnte sich vielleicht wieder erholen. Nur müßte

er nicht, wie bisher, auf eine unausgesetzte literarische Thätigkeit

hingewiesen seyn. Alles käme darauf an, ihn wenigstens einige Jahre in

eine sorgenfreie Lage zu versetzen. Dies Schreiben las Baggesen dem

damaligen Erbprinzen von Holstein-Augustenburg vor, der vereinigt mit dem

dänischen Staatsminister Grafen von Schimmelmann dem leidenden Dichter

eine Pension von tausend Thalern auf drei Jahre anbot. Dem Briefe, in

welchem jene beiden Männer sich zu dieser edelmüthigen Unterstützung

bereit erklärten, war eine an Schiller gerichtete Einladung beigefügt,

nach Dänemark zu kommen. Das Schreiben war vom 27. November 1791 datirt.

Von der Feinheit, mit der ihm jenes Geschenk angeboten worden, war

Schiller fast noch mehr gerührt, als von dem Anerbieten selbst. Der Drang

der Empfindungen bei jener Ueberraschung hatte ihn jedoch so ergriffen,

daß sein Gesundheitszustand sich wieder verschlimmerte. Er mußte die

Beantwortung der von dem Prinzen und dem Grafen empfangenen Briefe einige

Tage verschieben. Den 16. December 1791 schrieb er einen sehr

ausführlichen Brief an Baggesen, in welchem er sich zur Annahme der ihm so

edelmüthig dargebotenen Unterstützung mit dankbarem Herzen bereit

erklärte. Er warf zugleich in jenem Schreiben einen Rückblick auf seinen

Lebensgang und auf die Fesseln widerwärtiger Verhältnisse, von denen er

sich bisher nie ganz habe befreien können.

"Von der Wiege meines Geistes an", schrieb Schiller, "habe ich mit dem

Schicksal gekämpft, und seitdem ich die Freiheit des Geistes zu schätzen

weiß, war ich dazu verurtheilt, sie zu entbehren. Ein rascher Schritt vor

zehn Jahren schnitt mir auf immer die Mittel ab, durch etwas anderes, als

durch schriftstellerische Wirksamkeit zu existiren. Ich hatte mir diesen

Beruf gegeben, ehe ich seine Forderungen geprüft, seine Schwierigkeiten

übersehen hatte. Die Nothwendigkeit, ihn zu treiben, überfiel mich, ehe

ich ihm durch Kenntnisse und Reife des Geistes gewachsen war. Daß ich

dieses fühlte, daß ich meinen Idealen von schriftstellerischen Pflichten

nicht diejenigen engen Grenzen setzte, in welche ich selbst eingeschlossen

war, erkenne ich für eine Gunst des Himmels, der mir dadurch die

Möglichkeit des höhern Fortschritts offen hielt. Aber in meinen Umständen

vermehrte sie mein Unglück. Unreif und tief unter dem Ideal, das in mir

lebendig war, sah ich jetzt alles, was ich zur Welt brachte, bei aller

geahnten möglichen Vollkommenheit mußte ich mit der unzeitigen Frucht vor

die Augen des Publikums eilen; der Lehre selbst so bedürftig, mich wieder

meinen Willen zum Lehrer der Menschen aufwerfen. Jedes unter so

ungünstigen Umständen nur leidlich gelungene Product ließ mich nur desto

empfindlicher fühlen, wie viele Keime das Schicksal in mir unterdrückte.

Traurig machten mich die Meisterstücke anderer Schriftsteller, weil ich

die Hoffnung aufgab, ihrer glücklichen Muße theilhaftig zu werden, an der

allein die Werke des Genius reifen. Was hätte ich nicht um zwei oder drei

stille Jahre gegeben, die ich, frei von schriftstellerischer Arbeit, blos

dem Studiren, blos der Ausbildung meiner Begriffe, der Zeitigung meiner

Ideale hätte widmen können! Zugleich die strengen Forderungen der Kunst zu

befriedigen, und seinem schriftstellerischen Fleiß auch nur die

nothwendigste Unterstützung zu verschaffen, ist in unserer deutschen

literarischen Welt unvereinbar. Zehn Jahre habe ich mich angestrengt,

beides zu vereinigen; aber es nur einigermaßen möglich zu machen, kostete

mir meine Gesundheit.--Zu einer Zeit, wo das Leben anfing, mir seinen

ganzen Werth zu zeigen, wo ich nahe daran war, zwischen Vernunft und

Phantasie in mir ein zartes und ewiges Band zu knüpfen, wo ich mich zu

einem neuen Unternehmen im Gebiet der Kunst gürtete, nahte sich mir der

Tod. Diese Gefahr ging zwar vorüber, aber ich erwachte nur zum andern

Leben, um mit geschwächten Kräften und verminderten Hoffnungen den Kampf

mit dem Schicksal zu erneuen. So fanden mich die Briefe, die ich aus

Dänemark erhielt."

Seinem Herzen gereichte es zur Ehre, daß Schiller in seinem Schreiben das

Ablehnen einer Reise nach Kopenhagen nicht blos durch seinen noch immer

wankenden Gesundheitszustand, sondern auch durch die Dankbarkeit

motivirte, die ihn an den Herzog von Weimar feßle. Mit seinen Freunden in

Dänemark, vorzüglich mit der Gräfin von Schimmelmann, blieb Schiller in

fortwährender geistiger Verbindung. Die Liebe und Hochachtung gegen seine

Gönner bethätigte er außerdem dadurch, daß er seine "Briefe über die

ästhetische Erziehung des Menschen" dem Prinzen von Holstein-Augustenburg

widmete.

Der Herzog von Weimar ertheilte ihm auf sein Gesuch die Erlaubniß, Jena

auf beliebige Zeit zu verlassen. Schiller reiste nach Dresden. Sein

dortiges Zusammentreffen mit seinem Freunde Körner ward durch wiederholte

Rückfälle seines Brustübels getrübt. In Jena erfreute ihn der Besuch

seiner Mutter, die er seit acht Jahren, nach der früher erwähnten

Zusammenkunft mit ihr in Bretten, nicht wieder gesehen hatte. Mit ihr war

auch Schillers jüngste Schwester Nanette gekommen. Ein funfzehnjähriges

talentvolles Mädchen, deren große Freude es war, Stellen aus ihres Bruders

Gedichten zu recitiren.

Lebhaft regte sich in Schiller das Verlangen, sein Vaterland wieder zu

sehen. In einer minder drückenden Lage konnte er jetzt seinen Verwandten

und Freunden ohne Scheu entgegentreten. Begleitet von seiner Gattin reiste

er im August 1793 nach Schwaben. Nicht ohne innere Bewegung sah er in

Heidelberg seine Jugendgeliebte Margarethe Schwan wieder, die er dort

verheirathet fand. In Heilbronn versammelten sich seine Eltern und mehrere

Freunde um ihn. Auf ein Schreiben an den Herzog von Würtemberg, dessen

Land er jetzt zum erstenmal nach seiner Flucht wieder zu betreten wagte,

erhielt er zwar keine Antwort, doch durch seine Freunde die Nachricht, der

Herzog habe öffentlich erklärt, Schiller werde von ihm ignorirt werden.

Um dem Luftschloß Solitude, wo seine Eltern wohnten, näher zu seyn, ging

Schiller nach Ludwigsburg. Dort fand er seinen Jugendfreund v. Hoven, als

herzoglichen Leibmedikus wieder. Von seiner ärztlichen Hülfe hoffte er

Wiederherstellung seiner Gesundheit. In Ausdrücken der tiefsten Empfindung

äußerte er sich über das Glück der ersten Vaterfreude, das ihm in

Ludwigsburg zu Theil ward. Nach den Grundsätzen Quinctilians, mit dem er

sich damals beschäftigte, wollte er seinen Sohn Karl erziehen lassen, wie

er sich darüber gegen einen Freund äußerte.

In Schillers ganzem Wesen war, übereinstimmenden Zeugnissen zufolge, eine

merkwürdige Veränderung vorgegangen. Das Herbe und Schroffe in seiner

Natur hatte sich gemildert. In dem Ernst und der Würde seines Benehmens

zeigte sich kaum noch eine Spur seines aufbrausenden, stürmischen

Charakters. Seine hagere Gestalt, sein bleiches Gesicht verriethen seine

oft wiederkehrende Kränklichkeit, die seinen Freunden nur selten erlaubte,

Schillers geistreichen und herzlichen Umgang ungestört zu genießen. Unter

seinen oft hartem Leiden tröstete er sich mit den ihm lieb gewordenen

Studium von Kant's Schriften. Wenn er genöthigt war das Bett zu hüten,

und, nach seinem eigenen Ausdruck, "von Arzeneigläsern sich umlagert sah",

lag die "Kritik der Urtheilskraft" meist neben ihm auf dem Tische, und

scherzend äußerte er einst, sein Diener, der bei ihm gewacht, habe, um

sich munter zu erhalten, das ganze Buch in Einem Zuge durchgelesen.

Abwechsend [Abwechselnd] las er die Vossische Uebersetzung des Homer, die

er sehr liebte. Mitunter regten sich in ihm auch allerlei poetische

Entwürfe. Er meinte, die Beschäftigung mit abstracten philosophischen

Problemen habe nachtheilig eingewirkt auf seine dichterische

Productionskraft. "Und doch ist es", gestand Schiller seinem Freunde

Körner, "nur die Kunst selbst, wo ich meine Kräfte fühle. In der Theorie

muß ich mich immer mit Principien plagen; da bin ich bloßer Dilettant."

In Tübingen sah Schiller seinen Jugendlehrer Abel wieder, der ihn an sein

Vaterland zu fesseln suchte, das nach dem um diese Zeit erfolgten Tode des

Herzogs Carl von Würtemberg eine neue und minder willkürliche Verfassung

bekommen hatte. Jenem Antrage gab Schiller jedoch kein Gehör, und eben so

wenig der Bitte seines Vaters, dem neuen Regenten Ludwig Eugen in einem

Gedicht zu seinem Regierungsantritt Glück zu wünschen. Für unwürdig hielt

es Schiller, die Poesie zu irgend einem Vortheil oder zu andern

untergeordneten Zwecken zu benutzen. Auch wollte er den Schein vermeiden,

als freue er sich über den Tod eines Fürsten, durch dessen Willkühr er so

viel gelitten. Nie vergaß er die Wohlthaten, die er dem Herzog in seiner

Jugend zu verdanken gehabt hatte.

Einflußreich für seine spätern Lebensverhältnisse war für Schiller die in

Tübingen angeknüpfte Verbindung mit der Cottaischen Buchhandlung. Er trat

jedoch zurück von dem ihm gemachten Antrage, die Allgemeine Deutsche

Zeitung zu redigiren, da die politisch-poetische Richtung, welche Cotta

jener Zeitschrift zu geben wünschte, Schillers Geiste zu fern lag. Seinen

Fähigkeiten und Neigungen weit angemessener, als jenes Blatt, war die

Herausgabe eines poetischen Journals unter dem Titel: "die Horen." Die

neue Zeitschrift sollte, nachdem die "Thalia" aufgehört hatte, mit dem

Anfange des Jahres 1795 erscheinen. Politische Gegenstände sollten von

diesem Journal gänzlich ausgeschlossen seyn. Nach der von Schiller

geschriebenen Vorrede sollten die "Horen" einer heitern und

leidenschaftsfreien Unterhaltung gewidmet seyn. Dem Geist und Herzen des

Lesers, den der Anblick der Zeitbegebenheiten bald entrüste, bald

niederschlage, sollte diese Zeitschrift eine fröhliche Zerstreuung

gewähren, und mitten in dem politischen Tumult sollte sie für Musen und

Charitinnen einen engen vertraulichen Cirkel schließen, aus welchem alles

verbannt wäre, was mit einem unreinen Partheigeiste gestempelt sei.

Mehrere der achtenswerthesten Schriftsteller Deutschlands, Goethe, Herder,

Kant, Fichte, Humboldt u. A. waren von Schiller zu Beiträgen für die

"Horen" aufgefordert worden. Für das neue Journal zeigten sich die

günstigsten Aussichten durch vielversprechende Antworten, welche Schiller

von mehreren Seiten erhielt. Mit einzelnen der erwähnten Gelehrten war er

in nahe Berührung gekommen, unter andern mit Wilhelm von Humboldt, der

sich damals mit seiner Gattin in Jena häuslich niedergelassen hatte. Die

philosophischen und ästhetischen Abendgespräche zwischen Schiller und

Humboldt zogen sich oft bis in die Nacht hinein. Ein besonderes Interesse

gewann die Herausgabe seines Journals noch dadurch für Schiller, daß er

mit Goethe, den er zur Theilnahme an den "Horen" aufgefordert, in das

längst von ihm gewünschte nähere Verhältniß trat, welchem sich Goethe, aus

entschiedner Abneigung gegen Schillers frühere Producte, bisher entzogen

hatte.

Schillers Gespräche mit Goethe über Kunst und Kunsttheorie weckten in ihm

den Gedanken, die Correspondenz mit jenem Dichter zu einer Quelle von

Aufsätzen für die "Horen" zu benutzen. Schiller freute sich sehr über den

fruchtbaren Ideenwechsel, der aus seinem näheren Verhältniß mit Goethe

entsprang. Mit Vergnügen folgte er daher einer Einladung Goethes, nach

Weimar zu kommen, und sich dort einige Wochen in seinem Hause aufzuhalten.

Goethe hatte ihm jede Freiheit und Bequemlichkeit zugesichert, die theils

sein körperlicher Zustand, theils seine gewohnte Lebensweise forderte.

Zu Ende des Septembers 1794 war Schiller wieder nach Jena zurückgekehrt,

noch voll von den mannigfachen Ideen, die Goethe in ihm angeregt hatte.

Neben der Vollendung seiner "Briefe über die ästhetische Erziehung des

Menschen" beschäftigte er sich mit einer Recension von Matthisson's

Gedichten, den er in Tübingen persönlich kennen gelernt hatte. Aehnliche

Gedanken, wie er sie in seinem Gedicht: "die Künstler" ausgesprochen,

enthielt Schillers geistreiche Kritik der Gedichte Matthissons. Was er

einige Jahre zuvor (1788) in einer Recension von Goethe's "Egmont" diesem

Trauerspiel zum Vorwurf gemacht hatte, daß demselben Idealität fehle, das

legte Schiller mit noch größerem Nachdruck seiner sehr strengen

Beurtheilung der Gedichte Bürgers zum Grunde, durch welche er diesen an

Glück und Ruhm verarmten Dichter in den letzten Tagen seines Lebens bitter

kränkte.

Friedrich v. Schiller's Biographie · 第 7 / 9 段