Ein erhöhtes Selbstgefühl gab ihm die Hoffnung einer gesicherten äußern

Existenz. Er erwartete sie nicht von der dem Studium der Jurisprudenz, der

er sich in Leipzig hatte widmen wollen, sondern von der Rückkehr zu seinem

ehemaligen Berufsfache, der Medicin. In solcher Stimmung war er selbst so

kühn, in seinem früher erwähnten Briefe an den Buchhändler Schwan um die

Hand seiner Tochter Margarethe anzuhalten. Die abschlägliche Antwort, die

ihm Schwan ertheilte, gründete sich auf das mildernde Motiv, daß

Margarethe bei der Eigenthümlichkeit ihres Charakters nicht für ihn passe.

Obgleich sich dies Verhältniß auflöste, blieb Schiller immer noch mit

Schwan und dessen Tochter in freundschaftlicher Verbindung. Margarethe,

späterhin verheirathet, starb im sechsunddreißigsten Jahre an den Folgen

einer Niederkunft.

Aus dem unbefriedigten Gefühl der Sehnsucht seines Herzens entsprangen

wahrscheinlich die von Schiller damals (1786) geschriebenen Gedichte

"Freigeisterei der Leidenschaft" und "Resignation", von denen er das erste

bedeutend abgekürzt, späterhin unter der veränderten Ueberschrift: "der

Kampf" in die Sammlung seiner Gedichte aufnahm. Das gewaltsam getrennte

Verhältniß zu Margarethe hatte in Schillers Gemüth eine Lücke

zurückgelassen, die er nun durch die Freundschaft auszufüllen suchte. An

Streichers Stelle war Körner getreten, den er in einem spätern Briefe vom

20. November 1788 mit den Worten schilderte: "Es ist kein imposanter

Charakter, aber desto haltbarer und zuverlässiger auf der Probe. Ich habe

sein Herz noch nie auf einem falschen Klange überrascht. Sein Verstand ist

richtig, uneingenommen und kühn. In seinem ganzen Wesen ist eine schöne

Mischung von Feuer und Kälte."

Um den Besitz eines solchen Freundes nicht zu verlieren, war Schiller

schon zu Ende des Sommers 1786 nach Dresden gegangen, wo Körner eine

Anstellung als Appellationsrath erhalten hatte. Nach seiner eigenen Angabe

in einem Briefe vom 1. Juni 1785 wohnte Schiller in der Dresdner Neustadt,

auf dem Kohlenmarkt, im Faustischen Hause. Späterhin bezog er ein

Gartenhäuschen auf dem Weinberge seines Freundes Körner, bei dem an der

Elbe gelegenen Dorfe Loschwitz, wo er in ungestörter Muße seinen "Don

Carlos" vollendete. Er ließ dies Trauerspiel, ehe es 1787 zu Leipzig in

Göschens Verlag vollständig erscheinen konnte, bis zur achten Scene des

dritten Acts in den vier ersten Heften der "Thalia" einrücken. Im eilften

Stück dieses Journals theilte er auch einige Fragmente seines

Trauerspiels: "der Menschenfeind" mit, das jedoch unvollendet blieb.

Unter diesen Beschäftigungen war die Idee, zum Studium der Medicin

zurückzukehren, wieder völlig in den Hintergrund getreten. Durch irgend

eine Thätigkeit außerhalb des Gebiets der Dichtkunst wünschte Schiller

gleichwohl sich eine unabhängige Existenz zu gründen. Historische Studien

hatten von jeher, schon auf der Karlsschule, viel Anziehendes für ihn

gehabt. In einer historischen Sammlung, die er unter dem Titel:

"Geschichte der merkwürdigsten Revolutionen und Verschwörungen aus der

mittlern und neuern Zeit" zu Leipzig 1788 herausgab, rührte nur die fast

wörtlich aus dem Französischen des Abbé St. Real übersetzte "Verschwörung

des Marquis von Bedemar gegen die Republik Venedig" von ihm selbst her.

Die beiden andern Aufsätze, welche der erste Band jenes Werkes enthielt,

welchem kein zweiter folgte, hatten Huber und Schillers Schwager Reinwald

zum Verfasser. Jener schilderte die "Revolution in Rom durch Nicolaus

Rienzi", dieser die "Verschwörung der Pazzi." Der Name Johann Friedrich

Schiller auf dem Titel einer Uebersetzung von "Robertson's Geschichte von

Amerika" hat hie und da zu der Vermuthung geführt, als sei auch diese

Uebersetzung aus des Dichters Feder gestossen. Sie rührte indeß von einem

Seitenverwandten seiner Familie her, der eine Zeitlang als Buchhändler in

Mainz lebte, und nach einem längern Aufenthalt in London durch

Uebersetzungen mehrerer Werke von A. Smith, Hawkesworth und anderer

englischer Schriftsteller sich bekannt machte.

In die Zeit seines Aufenthalts in Dresden fiel Schillers Roman: "der

Geisterseher" und die in psychologischer Hinsicht merkwürdige Erzählung:

"der Verbrecher aus verlorner Ehre" oder "aus Jafamie", wie der Titel

ursprünglich lautete. Den Stoff zu dieser Erzählung verdankte Schiller der

Geschichte des schwäbischen Sonnenwirths, die er noch während seines

Aufenthalts in Stuttgart aus dem Munde seines Lehrers Abel gehört hatte.

Aus den Anfragen, die von mehreren Seiten in Bezug auf seinen

"Geisterseher" an Schiller ergingen, überzeugte er sich, daß er durch

jenen Roman, dem durchaus keine wahre Geschichte zu Grunde lag, blos die

Neugier des Publikums gereizt habe. Er hatte eine höhere Wirkung

beabsichtigt, und ließ daher dies Werk unbeendigt. Verwandte Ideen

enthielten die gleichzeitig (1786) von ihm geschriebenen "philosophischen

Briefe" zwischen Julius und Raphael.

Unter so mannigfachen Beschäftigungen, die er oft bis tief in die Nacht

fortsetzte und dadurch vielleicht den Grund zu seiner spätern

Kränklichkeit legte, ergriff ihn in der letzten Zeit seines Aufenthalts in

Dresden eine glühende Leidenschaft für ein Fräulein v. Arnim, die Tochter

der Wittwe eines pensionirten Offiziers. In den geschmackvoll möblirten

Zimmern seiner früher erwähnten Freundin Sophie Albrecht, die als eine

gefeierte Schauspielerin und eine der ersten Zierden der Dresdner Bühne

zahlreiche Besuche von der eleganten Welt zu empfangen pflegte, sah

Schiller zuerst das Fräulein, eine hohe Gestalt und blauäugige Blondine,

die einen tiefen Eindruck auf sein Herz machte. Seine Freundin Sophie

Albrecht, der dieß nicht entging, suchte er zwar zu überreden, Julie v.

Arnim sei ihm gleichgültig. Er gab jedoch die unzweideutigen Beweise vom

Gegentheil, ungeachtet seine Besuche ihm auf mehrfache Weise erschwert

wurden. Die Weisung, nicht zu erscheinen, wenn er Licht in gewissen

Fenstern sähe, durfte er nicht überschreiten. Seine Freunde behaupteten,

daß Frau v. Arnim alsdann mehr begünstigte Liebhaber ihrer schönen Tochter

empfange, und sich nicht scheue, ihnen werthvolle Geschenke zu entlocken,

um ihren Aufwand, für den ihre mäßige Pension nicht hinreichte,

befriedigen zu können.

Um für Schiller und die erhabene Größe seines Geistes zu schwärmen, stand

Julie v. Arnim vielleicht geistig zu tief. Seine Gestalt und

Persönlichkeit konnte sie kaum fesseln. Schillers Kleidung bestand in

einem dürftigen grauen Rock. Sein tiefgesenktes, immer sinnendes Haupt

machte keinen günstigen Eindruck. Nur auf seiner schönen Stirn und in dem

glänzenden Auge sprachen erhebende Zeichen von den großen Gedanken, die er

meist Nachts dem Manuscript seines Don Carlos übergeben hatte. Qualvolle

Tage bereitete ihm des Fräuleins Kälte und Sprödigkeit. Durch werthvolle

Geschenke, selbst in baarem Gelde, suchte er ihre Gunst zu erkaufen. Durch

diese Summen, die er nothwendiger für andere Zwecke brauchte, schmälerte

er das von seinem Verleger Göschen ihm zugesagte Honorar für den Don

Carlos.

Schillers Vernunft erlag fast im Kampf mit einer unbändigen Leidenschaft.

Nicht ohne große Selbstüberwindung gab er den Bitten seiner Freunde nach,

die ihm zu einer Ortsveränderung riethen. Von Frau v. Kalb, die ihren

frühern Aufenthalt in Mannheim mit Weimar vertauscht hatte, freundlich

eingeladen, begab er sich im July 1787 in jene Residenz, mit dem

schwärmerischen Versprechen, das er dem Fräulein v. Arnim gab, entweder zu

sterben oder bald wieder nach Dresden zurückzukehren. Er ward indes andern

Sinnes, als er, was längst sein Wunsch gewesen war, mit den größten

Geistern Deutschlands in nähere Berührung kam.

Nur Wieland und Herder fand Schiller in Weimar. Goethe war in Italien. Mit

Wieland kam er bald in nähere Verbindung durch dessen Aufforderung,

Beiträge für den "Deutschen Merkur" zu liefern. Außer seinen "Briefen über

Don Carlos" und andern Aufsätzen ließ Schiller damals in jenem Journal

einige seiner vorzüglichsten Gedichte drucken, unter andern "die Götter

Griechenlands" und "die Künstler." Auch ein Fragment seiner "Geschichte

des Abfalls der Niederlande von der spanischen Regierung" theilte er im

"Deutschen Merkur" mit. Bei diesem historischen Werke hatte er keine Zeit

und Mühe gescheut, alle ihm irgend zugänglichen Quellen zu benutzen.

Seiner mütterlichen Freundin der Frau v. Wolzogen, gestand Schiller: "er

sitze unter Folianten und alten staubigen Schriftstellern wie begraben."

So unausgesetzte literärische Arbeiten forderten gewissermaßen ein

stilles, zurückgezogenes Leben, das von jeher mit Schillers Neigungen

harmonirt hatte. Einen einsamen Spaziergang im Park abgerechnet, verließ

er selten sein Zimmer, falls er nicht seine Freundin Frau v. Kalb

besuchte. Höchst frugal war sein Mittagessen. Abends behalf er sich meist

mit Butterbrod und einem Glase Bier, das er schon in Mannheim dem Wein

vorzog, den er erst in späteren Jahren liebte. Seine sehr mäßigen und

unsichern Einkünfte nöthigten ihn so sparsam zu seyn. Er war genügsam und

nach mehreren damaligen Briefen im Allgemeinen zufrieden mit seinen

Verhältnissen.

Zu seinen interessantesten Bekanntschaften in Weimar gehörten außer

Wieland und Herder, besonders Riedel, damals Erzieher des Erbprinzen von

Weimar, der bekannte Romanschriftsteller Fr. Schulz, außerdem Bode,

Bertuch und die gefeierte Schauspielerin Corona Schröter. Zerstreuung

gewährte ihm im November 1787 eine Reise nach Meiningen zu seinem

Schwager, dem Bibliothekar Reinwald. Auf dieser Reise besuchte er auch

seine mütterliche Freundin in Bauerbach, wo er Wilhelm v. Wolzogen wieder

fand. Durch diesen Jugendfreund, der mit ihm zugleich Zögling der

Karlsschule gewesen, ward Schiller auf der Rückreise nach Weimar in

Rudolstadt mit der v. Lengefeldschen Familie bekannt.

Nach seinen eignen brieflichen Aeußerungen schien es ihm sehr schwer

geworden zu seyn, von dieser Familie, die ihm sehr lieb und werth geworden

war, sich wieder zu trennen. Charlotte v. Lengefeld, einige Jahre jünger,

als ihre an einen Herrn v. Beulwitz verheirathete Schwester Caroline,

hatte einen so tiefen Eindruck auf Schillers Herz gemacht, daß ihr Besitz

ihm als das höchste Erdenglück erschien. Mit einer anmuthigen Gestalt und

Physiognomie vereinigte sie eine vielseitige Geistesbildung. Sie besaß

zugleich reine Herzensgüte und Empfänglichkeit für alles Große und Schöne.

Die Sehnsucht nach einer bürgerlichen und häuslichen Existenz erwachte

wieder in Schiller. "Seit Jahren," schrieb er seinem Freunde Körner, "hab'

ich kein ganzes Glück gefühlt, und nicht sowohl, weil mir die Gegenstände

dazu fehlten, sondern darum, weil ich die Freuden mehr naschte, als genoß,

weil es mir an immer gleicher Heiterkeit und sanfter Empfänglichkeit

fehlte, die nur die Ruhe des Familienlebens giebt."

Groß war Schillers Freude, als ein freundliches Geschick die Geliebte

wieder in seine Nähe brachte. Charlotte v. Lengefeld war nach Weimar

gereist, wo sich ihr Aussichten zeigten zu der Stelle einer Hofdame bei

der Herzogin Luise. Schiller sah sie bei ihrer Freundin Frau v. Stein und

in einigen andern Cirkeln, obgleich nur selten. Längere Zeit blieb sein

Verhältnis ein bloß freundschaftliches, an welchem die Liebe wenigstens

keinen offen ausgesprochenen Antheil hatte. In seinen Briefen an Charlotte

machte Schiller aus seinen Begriffen von wahrem Lebensgenuß, der nach

seinen Begriffen nur in der freien Natur, fern von den Menschen zu finden

sei, kein Geheimniß. Es schien ihm unbegreiflich, wie Charlotte "in der

Hof- und Assembleenluft" sich gefallen könne. Für ihn hatten die

gewöhnlichen gesellschaftlichen Zerstreuungen wenig Reiz, weil sie ihn aus

seiner Ideenwelt hinausführten. "Es sieht vielleicht mysanthropisch aus,"

schrieb er, "aber ich kann mir einmal nicht helfen, ich bin Kleist's

Meinung: Ein wahrer Mensch muß fern von Menschen seyn."

Genußreiche Tage verlebte Schiller im May 1788. Er begab sich um diese

Zeit nach dem eine halbe Stunde von Rudolstadt gelegenen Dorfe Volkstädt.

Dort hatte die v. Lengefeld'sche Familie ihm eine Wohnung gemiethet. Seine

"Geschichte des Abfalls der Niederlande von der spanischen Regierung," und

andere meistens historische Arbeiten nahmen den größten Theil des Tages in

Anspruch. Gegen Abend begab er sich nach Rudolstadt, wo er im Kreise der

v. Lengefeld'schen Familie die Früchte seines Fleißes mittheilte. Die

schöne Natur und der freundliche Umgang wirkten günstig auf seine

Stimmung. Er war heiter, gesprächig, und mitunter selbst reich an witzigen

Einfällen.

Durch Goethe's Erscheinung, den er bei der Rückkehr aus Italien in

Rudolstadt zum ersten Mal sah, fühlte sich Schiller im Allgemeinen nicht

befriedigt. Seine Erwartung war aufs Höchste gespannt gewesen, theils

durch die frühern Eindrücke von Goethe's Werken, theils durch das, was er

über seine Persönlichkeit in Weimar gehört hatte. Eine gegenseitige

Annäherung beider Dichter fand nicht statt. Schiller fühlte sich

zurückgescheucht durch Goethe's Abgeschlossenheit und Kälte. Seine

geistige Stellung jenem Dichter gegenüber bezeichnete Schiller in einem

Briefe an Körner mit den Worten: "Im Ganzen genommen ist meine in der That

große Idee von Goethe nach dieser persönlichen Bekanntschaft nicht

vermindert worden. Aber ich zweifle, ob wir einander je sehr nahe rücken

werden. Vieles, was mir jetzt noch interessant ist, was ich noch zu

wünschen und zu hoffen habe, hat seine Epoche bei ihm durchlebt. Sein

ganzes Wesen ist schon von Anfang her anders angelegt, als das meinige,

seine Welt ist nicht die meinige; unsere Vorstellungsarten scheinen

wesentlich verschieden. Indessen schließt sich aus einer solchen

Zusammenkunft nicht sicher und gründlich. Die Zeit wird das Weitere

lehren."

Das schon in Weimar auf Wielands Empfehlung begonnene Studium des Homer

und der griechischen Tragiker setzte Schiller in Rudolstadt fort. Er

bedürfe, meinte er, abgesehen von dem Genuß, den er daraus schöpfe, auch

schon deßhalb des Studiums der alten Classiker, um seinen eignen Geschmack

zu reinigen, der sich durch Spitzfindigkeit und Künstelei sehr von der

wahren Simplicität entfernt habe. Seine Vorliebe für die griechischen

Tragiker führte ihn zu dem Versuch einer metrischen Uebersetzung der

"Iphigenie" des Euripides und einiger Scenen aus den "Phönizierinnen"

jenes Dichters. Bei seiner mangelhaften Kenntniß des Griechischen benutzte

er einige lateinische und französische Uebersetzungen.

Im Kreise der v. Lengefeld'schen Familie fand Schiller die Ruhe und

Heiterkeit der Seele wieder, die bisher durch manche bittere

Lebenserfahrungen, durch Mißmuth und Leidenschaftlichkeit getrübt worden

war. In einem Briefe an Körner gestand er, als er im November 1788 wieder

nach Weimar zurückgekehrt war: "sein Abschied sei ihm schwer geworden. Er

habe in Rudolstadt schöne Tage verlebt, und ein wertes Freundschaftsband

geschlossen." Für den Genuß, den er nun entbehren mußte, suchte er sich

durch einen fortgesetzten Briefwechsel mit Charlotten und deren Schwester

zu entschädigen. Beider Briefe, die ihn regelmäßig jede Woche

überraschten, schnell zu beantworten, gehörte zu Schillers

Lieblingsbeschäftigungen. Nicht blos seine Neigung, auch seine

literarischen Arbeiten fesselten ihn an sein Zimmer. Durch seine

ökonomischen Verhältnisse ward er zum Fleiß gespornt. Kaum aber reichte

seine Zeit hin, um neben der Fortsetzung seiner "Geschichte des Abfalls

der Niederlande," noch Beiträge für die "Thalia" und den "Deutschen

Merkur" zu liefern.

Die oft wiederkehrende Sehnsucht Schillers nach einer mehr gesicherten

Existenz ward gestillt, als er durch Verwendung Goethes und des

Weimarischen Staatsministers von Voigt einen Ruf als Professor der

Philosophie nach Jena erhielt. Er sah sich dadurch am Ziel seiner Wünsche.

Gleichwohl überraschte ihn das ihm angetragene historische Lehramt. Er

glaubte noch einiger Jahre zu bedürfen, um sich darauf vorzubereiten. In

diesem neuen Verhältniß, meinte er, werde er sich selbst lächerlich

vorkommen, denn mancher Student wisse vielleicht mehr Geschichte, als er.

Der Beschäftigung mit der Dichtkunst, wenigstens in den nächsten Jahren,

zu entsagen, war ihm ein schmerzliches Gefühl. "Der Abschied von den

freundlichen schönen Musen," schrieb er, "ist immer schwer, und die Musen,

ob sie schon Frauenzimmer sind, haben ein rachsüchtiges Gemüth. Sie wollen

verlassen, aber nicht verlassen werden, und wenn man ihnen den Rücken

gekehrt hat, kommen sie nachher auf kein Rufen mehr zurück. Wenn dieß aber

auch nicht der Fall wäre, so rächen sie sich schon genug durch ihre

Abwesenheit."

In dem ungünstigsten Lichte erschien ihm, nach mehreren seiner Briefe,

sein neues Verhältniß. Die Vorbereitung auf seine Collegien preßte ihn die

Klage aus: "er sei verdammt, sich durch die geschmacklosesten Pedanten

durchzuschlagen, um Dinge daraus zu lernen, die er morgen schon wieder

vergäße." Mit diesen Schattenseiten seines Berufs versöhnt ihn wieder die

Aussicht eines Besuchs seiner Freundinnen in Jena. Auf einen Ausflug nach

Rudolstadt glaubte er ohnedieß, aus Mangel an Zeit, für das nächste Jahr

verzichten zu müssen.

Seinen bisherigen Aufenthalt in Weimar, wo er noch Bürgers Bekanntschaft

gemacht hatte, der damals jene Residenz besuchte, vertauschte Schiller im

May 1789 mit Jena. Ein ungewöhnlicher Beifall begleitete sein erstes

Auftreten auf dem Katheder. Vor fast vierhundert Zuhörern eröffnete er in

dem Auditorium des Kirchenraths Griesbach sein Lehramt mit der

Antrittsrede: "Was heißt und zu welchem Ende studirt man

Universalgeschichte?" Im ersten Semester las er wöchentlich zweimal,

Dienstags und Mittwochs von sechs bis sieben Uhr Abends, über alte

Geschichte. Späterhin hielt er auch Vorlesungen über die Geschichte der

europäischen Staaten und über die Kreuzzüge.

Durch Kraft, Feuer und lichtvolle Ideen zeichnete sich Schiller als

akademischer Dozent aus. Sein Vortrag soll indeß zu rhetorisch und

pathetisch gewesen seyn. Zu dem Rednertalent, das er im freien

wissenschaftlichen Gespräch mit Freunden entwickelte, vermochte er, aus

Ungeübtheit, später auch wohl aus Kränklichkeit, sich auf dem Katheder nie

zu erheben. Störend wirkte dort auch sein schwäbischer Dialekt. Diese

Mängel aber vergütete reichlich die überwiegende Kraft seines Geistes.

Mit seinen neuen Verhältnissen, so unbehaglich sie ihm anfangs dünkten,

versöhnte ihn das beruhigende Gefühl, eine gesicherte Stellung und einen

ausgedehnten Wirkungskreis gefunden zu haben. Mehrere gesellige

Verbindungen, die er in Jena anknüpfte, vermehrten seine Heiterkeit. Von

Reinhold, Paulus, Griesbach, Schütz und andern geistreichen Männern ward

er freundlich empfangen. Nur kurze Zeit sah er seine Rudolstädter

Freundinnen wieder, als sie im Juli 1789, um den Badeort Lauchstädt zu

besuchen, den Weg über Jena genommen hatten. Er versank in seine oft

wiederkehrende trübe Stimmung, die ihm in einem seiner damaligen Briefe

das Geständniß entlockte: "es gehöre viel Muth dazu, ein so freudenloses

Dasein zu ertragen, und allein von den Gütern der Phantasie zu leben." Die

verlorene Ruhe und Heiterkeit fand er erst wieder, als er in Lauchstädt,

wohin er damals gereist war, mit dem Geständniß seiner Liebe

hervorzutreten wagte, und Charlotte ihm ihre Hand versprach.

Die herannahenden Ferien benutzte Schiller zu einem Ausflug nach

Rudolstadt. Das Wiedersehn der Geliebten hatte ihn erheitert. Bekümmert

war er jedoch, daß sich ihm zu einer baldigen Verbindung keine Aussicht

zeigte. Als Professor bezog er bisher keinen Gehalt. Auf seine Vorlesungen

konnte er sich nicht verlassen. Er mußte, wie früher, zur Feder greifen,

um für die nöthigsten Bedürfnisse sorgen zu können.

Auf eine schriftliche Vorstellung an den Herzog von Weimar erhielt er die

Zusicherung eines Jahrgehalts von 200 Thalern. Auch Karl Theodor v.

Dalberg, Coadjutor von Mainz und Statthalter zu Erfurt, ein älterer Bruder

des Freiherrn v. Dalberg in Mannheim, eröffnete dem Dichter Aussichten zu

einer seinen Wünschen und Neigungen entsprechenden Stelle.

Am 20. Februar 1790 ward Schiller mit Charlotte von Lengefeld in Wenigen-

Jena durch den Pfarrer Schmid getraut. Einige Monate nach seiner

Verheirathung schrieb er seinem Freunde Körner: "Es lebt sich doch ganz

anders an der Seite einer lieben Frau, als so verlassen und allein. Jetzt

erst genieße ich die schöne Natur ganz, und lebe in ihr. Ich sehe mit

fröhlichem Geiste um mich her, und mein Herz findet eine immerwährende

sanfte Befriedigung außer sich, mein Geist eine so schöne Nahrung und

Erholung. Mein Daseyn ist in eine harmonische Gleichheit gerückt, nicht

leidenschaftlich gespannt, aber ruhig und hell gehen mir die Tage dahin.

Meinem künftigen Schicksal sehe ich mit heiterem Muth entgegen. Jetzt, da

ich am erreichten Ziel stehe, erstaune ich selbst, wie Alles doch über

meine Erwartung gegangen ist. Das Schicksal hat die Schwierigkeiten für

mich besiegt, es hat mich zum Ziele gleichsam getragen. Von der Zukunft

hoffe ich Alles. Wenige Jahre, und ich werde im vollen Genuß meines

Geistes leben, ja, ich hoffe, ich werde wieder zu meiner Jugend

zurückkehren; ein inneres Dichterleben giebt sie mir zurück."

Schillers damalige Stimmung war so ruhig und gleichförmig, daß nur selten

eine Aeußerung an seine frühere Leidenschaftlichkeit erinnerte, wie unter

andern, als er einst bei der Erzählung einer niederträchtigen Handlung

eines in Jena angesehenen Mannes entrüstet in die Worte ausbrach: "man

müsse sich wundern das solche Menschen im Gefühl ihrer Nichtswürdigkeit

nicht augenblicklich verwesten." Als Erholung von geistesanstrengenden

Arbeiten liebte Schiller gesellige Zerstreuungen, mitunter auch wohl

Karten- und Kegelspiel. Immer aber blieb in seiner Natur ein ernster Sinn

vorherrschend, der das Alltägliche mit dem Höhern und Idealen in eine

gewisse Verbindung zu bringen suchte. So gab er einst beim Kegelschieben

auf die Bemerkung eines der Mitspielenden über den herrlichen Abend die

bedeutende Antwort. "Ach, man muß doch das Schöne in die Natur erst

überall hineintragen!"

Den reinsten Genuß fand Schiller in einem engen Kreise guter und

geistvoller Menschen, besonders in dem Umgange mit Griesbach und Paulus.

Wo jeder Einzelne seine Originalität geltend machen konnte, fühlte er sich

am wohlsten. Sein fester Sinn bewährte sich in der lebhaften Mißbilligung

eines Vorschlags im akademischen Senat: den Jenaischen Studenten, die nach

manchen tumultuarischen Auftritten die Stadt verlassen und sich nach Nora

bei Erfurt begeben hatten, entgegen zu gehen und sie einzuholen. Dadurch,

meinte Schiller, vergebe der akademische Senat sein Ansehen und seine

Würde. Nur unter dem Versprechen eines bescheidenen und anständigen

Betragens von Seiten der Studirenden müßte ihnen die Erlaubniß zur

Rückkehr ertheilt werden. Schiller ward überstimmt und fand dadurch um so

mehr Grund, jenen Schritt laut und unverholen zu tadeln. Demungeachtet

erhielt er sich bei den Studirenden in fortwährender Achtung. Eine von den

Landsmannschaften an ihn abgesandte Deputation bat ihn um Verzeihung, daß

in Folge der tumultuarischen Bewegungen durch ein Versehen auch ihm die

Fenster eingeworfen worden. In größere Irrungen gerieth Schiller mit

einigen seiner Amtscollegen. Weil er sich auf den Titel einer gedruckten

Vorlesung, statt Professor der Philosophie, Professor der Geschichte

genannt hatte, erlaubte sich der Professor Heinrich, dem das historische

Fach übertragen worden, den Titel jener Vorlesung von dem Buchladen, wo er

angeschlagen war, durch einen Pedell herunterreißen zu lassen. Ueber diese

Jämmerlichkeit äußerte sich Schiller sehr bitter in einem seiner damaligen

Briefe.

Friedrich v. Schiller's Biographie · 第 6 / 9 段