In Bretten, einem außerhalb der würtembergischen Grenze gelegenen

Städtchen, traf Schiller, bald nach der Vorstellung von "Cabale und

Liebe", mit seiner Mutter und seiner ältesten Schwester Christophine

zusammen, und nahm mit schwerem Herzen von ihnen Abschied. Seine trübe

Stimmung erheiterte sich, als er, wieder in Mannheim angelangt, mit

Iffland und Beil nach Frankfurt am Main reiste. Dorthin waren die

genannten Mitglieder der Mannheimer Bühne eingeladen worden, um Gastrollen

zu geben. Sie traten unter andern in "Cabale und Liebe" und in dem

Ifflandschen Schauspiel "Verbrechen aus Ehrsucht" auf, und fanden großen

Beifall. In einem Briefe vom 1. May 1784 meldete Schiller dem Freiherrn v.

Dalberg "den Triumph, den die Mannheimer Schauspielkunst in Frankfurt

erhalten." Iffland und Beil hätten unter den besten dortigen Schauspielern

"hervorgeragt, wie der Jupiter des Phidias unter Tüncherarbeiten." Zu den

interessantesten Bekanntschaften die Schiller in Frankfurt am Main machte,

gehörte die als Schauspielerin späterhin hochgefeierte Sophie Albrecht. In

einem seiner damaligen Briefe rühmt er ihr zur innigsten Theilnahme

geschaffenes Herz. Sie sei erhaben gewesen über den Kleinigkeitsgeist der

gewöhnlichen Cirkel, und voll edlen, reinen Gefühls für Wahrheit und

Tugend.

Seiner mannigfachen Zerstreuungen ungeachtet, erinnerte sich Schiller des

Verbrechens, das er seiner Mutter in Bretten gegeben hatte, sich um eine

feste Anstellung zu bewerben. In seiner unsichern Lage kam ihn eine

Aufforderung Dalbergs sehr gelegen. Das Frühjahr 1784 war verflossen, und

noch immer war Schiller nicht mit sich einig über den Stoff zu einem neuen

Trauerspiel, welches er contractmäßig noch in dem laufenden Jahre liefern

mußte. Seine zweifelhafte Produktivität machte den Freiherrn v. Dalberg

bedenklich, den Contract mit ihm zu erneuern. Vielleicht war es weniger

Theilnahme an seinem Schicksal, als der Wunsch, sich seiner zu entledigen,

wodurch Dalberg sich bewogen fand, ihm zu rathen, daß er sich wieder zum

Studium der Medicin wenden möchte, um sich die Mittel zu seiner Subsistenz

zu sichern. Wenigstens erfüllte jener vermögende Mann Schillers Bitte

nicht, ihm eine mäßige Summe vorzuschießen, damit er auf der Universität

Heidelberg das in seinem Fache Versäumte oder Vergessene wieder nachholen

könnte. Damit hoffte er in einem Jahre fertig zu werden. So zerschlug sich

dieser, auch später von ihm noch wieder aufgegriffene Plan.

In einem seiner damaligen Briefe gestand Schiller offen, daß sein eignes

Herz ihn schon längst zur Medicin zurück gezogen habe. Er meinte, daß

früher oder später sein Feuer für die Dichtkunst erlöschen würde, wenn sie

seine Brodwissenschaft bliebe, daß sie dagegen neuen Reiz für ihn haben

müßte, wenn er sie nur als Erholung gebrauchte und ihr nur seine reinsten

Augenblicke widmete. "Dann nur," schrieb er, "kann ich mit ganzer Kraft

und immer regem Enthusiasmus Dichter seyn, dann nur hoffen, daß meine

Leidenschaft und Fähigkeit für die Kunst durch mein ganzes Leben

fortdauern werde."

Was ihm bisher in der Ausübung jener Kunst und in der Theorie derselben

dunkel vorgeschwebt, sprach Schiller klar und unumwunden aus in dem von

ihm verfaßten Aufsatze: "Was kann eine gute stehende Schaubühne wirken?"

Diesen Aufsatz, dem er früher den veränderten Titel gab: "Die Schaubühne

als eine moralische Anstalt betrachtet," hatte er am 26. Juni 1784 in

einer öffentlichen Sitzung der churpfälzischen deutschen Gesellschaft

vorgelesen, deren Mitglied er bereits im Februar des genannten Jahres

geworden, und dadurch mit mehreren Gelehrten und angesehenen Personen

Mannheims in nähere Verbindung getreten war. Manche Vortheile, unter

andern die Benutzung der churfürstlichen Bibliothek, waren mit seinem

Eintritt in jenes Institut verbunden. Ein Honorar von drei Dukaten für den

gedruckten Bogen ward den Mitgliedern der Gesellschaft für ihre Aufsätze

gewährt, und außerdem jährlich eine goldene Medaille, funfzig Dukaten an

Werth, für die Lösung einer aufgegebenen Preisfrage bestimmt.

Angenehm fühlte sich Schiller überrascht, als er bei der ihm übertragenen

Durchsicht mehrerer eingegangener Aufsätze in einem derselben die

Handschrift seines Jugendfreundes Petersen erkannte. Er freute sich sehr,

als es ihm durch eine detaillirte Kritik und Vergleichung zweier

Abhandlungen, die auf den Preis Anspruch machen konnten, gelang, diesen

Preis seinem Freunde zuzuwenden. "Das ist," schrieb er an ihn, "mein

geringes Verdienst; aber ich gestehe Dir offen, nicht der Rücksicht auf

unsere Bekanntschaft, blos meiner Ueberzeugung hast Du jenen Preis zu

danken. Eben das würde ich einem Fremden gethan haben. Deine Abhandlung

ist vortrefflich." Die in diesem ziemlich ausführlichen Briefe enthaltenen

Aeußerungen lieferten einen schönen Beweis, wie sich in Schillers

Charakter Freundschaft, Aufrichtigkeit und Pflicht harmonisch vereinigten.

Eine sehr angenehme und fruchtbare Uebung für seine müssigen Stunden

versprach sich Schiller, nach seinen eigenen Worten in einem am 29. Sept.

1784 geschriebenen Briefe, von der Beantwortung dramaturgischer

Preisfragen. Diese Fragen wurden von Dalberg jährlich aufgegeben, und die

Mitglieder der Mannheimer Bühne sollten darin gewissermaßen Rechenschaft

ablegen über ihre Kunst und ihr Spiel. Selbst für den dramatischen

Dichter, meinte Schiller, könnte die Vergleichung mehrerer Aufsätze über

denselben Gegenstand in mehrfacher Hinsicht belehrend seyn. Schiller fand

sich dadurch veranlaßt zur Herausgabe einer dramaturgischen Monatsschrift,

welche Recensionen und Antikritiken der theatralischen Vorstellungen

liefern sollte. Ein aus sechs Mitgliedern der Gesellschaft gebildeter

Ausschuß, zu welchem Dalberg und er selbst gehörten, sollte die

Beurtheilungen übernehmen. Einen ausführlichen Entwurf jenes

vielversprechenden Plans enthielt ein von Schiller an Dalberg gerichteter

Brief, datirt vom 2. Juli 1784. Die Ausführung unterblieb jedoch, weil die

Theaterdirektion sich nicht dazu verstehen wollte, den von Schiller

verlangten jährlichen Zuschuß von funfzig Dukaten zu verwilligen.

Mehrere dramatische Pläne wurden von Schiller wieder verworfen. Er konnte

zu keinem bestimmten Entschluß kommen, was für einen Stoff er zur

Bearbeitung wählen sollte. Mehrmals dachte er an einen zweiten Theil der

"Räuber," in welchem die Dissonanzen dieses Schauspiels aufgelöst werden

sollten. Den früher erwähnten Plan, Conradin von Schwaben zum Helden einer

Tragödie zu wählen, hatte er wieder aufgegeben. Mitunter kam ihn die Idee,

ausländische Meisterwerke für die Bühne zu bearbeiten, unter andern

Shakspeare's Macbeth und Timon von Athen. Es schien ihm aber damit so

wenig Ernst zu seyn, als mit der in einem Briefe vom 24. August 1784

geäußerten Hoffnung: "durch Verpflanzung der classischen Tragödien

Corneille's, Racine's, Crebillon's und Voltaire's auf den deutschen Boden,

der Bühne eine wichtige Eroberung zu verschaffen." Bereits am 7. Juni 1784

hatte er dem Freiherrn v. Dalberg in einem Briefe offen gestanden, daß er

mehr als jemals in Verlegenheit sei wegen der Wahl eines neuen

dramatischen Stoffes.

Mit Begeisterung ergriff er zum zweiten Mal die schon früher durch St.

Real's Novelle in ihm geweckte Idee, den Don Carlos zum Helden eines

Trauerspiels zu wählen. Die dramatische Bearbeitung dieses Stoffes

nöthigte ihn zu manchen historischen Vorarbeiten, denen er sich mit großem

Eifer widmete. Nach seinen brieflichen Aeußerungen wollte er in seinem

neuen Trauerspiel völlig heraustreten aus dem dramatischen Kreise, in

welchem er sich bisher bewegt hatte. Er wollte etwas ganz Anderes, und wo

möglich weit Vollkommneres liefern. Ein erhebendes Selbstgefühl

bemächtigte sich seiner Seele während der Beschäftigung mit seinem neuen

Trauerspiel, von welchem er sich eine großartige Wirkung versprach. Nach

seinen eigenen Aeußerungen wollte er "nichts weniger als ein politisches

Stück, sondern vielmehr ein Familiengemälde aus einem fürstlichen Hause

liefern." Beschäftigt mit seiner neuen dramatischen Arbeit, konnte er oft

kaum die Abendstunde erwarten, um seinem treuen Streicher, der sich noch

immer in Mannheim befand, die im Laufe des Tages gedichteten Scenen des

Don Carlos vorzulesen.

Aus dem Reich der Ideen ward Schiller jedoch bald wieder in die wirkliche

Welt zurückgescheucht. Seine Stuttgarter Schuld hatte er noch immer nicht

tilgen können, und der Gedanke einer Mahnung hatte ihn oft beunruhigt. In

Schrecken versetzte ihn nun die Nachricht, daß der Freund, der sich für

ihn verbürgt hatte, und von dem ungestümen Gläubiger hart gedrängt worden

war, sich aus Stuttgart nach Mannheim geflüchtet hatte. Dort war er

ergriffen und verhaftet worden. Schiller befand sich, als er dieß erfuhr,

in der äußersten Unruhe und Verlegenheit. Er wußte nicht, wie er die Summe

von 200 Fl. auftreiben sollte, um seinem edelmüthigen Freunde zu helfen

und ihn aus seiner Haft zu befreien. An seine Eltern, abgesehen davon, daß

sie unbemittelt waren, sich in seiner Noth zu wenden, widerstrebte seinem

Stolz. Von Dalberg konnte er, nach frühern Erfahrungen, kaum Hülfe

erwarten. Ein unvermögender, aber edelmüthiger Mann ward sein Retter. Der

Baumeister Hölzel, in dessen Hause er wohnte, und der ihn sehr schätzte,

bewilligte ihm ein Darlehn von 200 Fl.

Um diese neue Last von sich abzuwälzen, mußte Schiller an eine Vermehrung

seines Einkommens denken, das bisher kaum hingereicht hatte, seine

nothwendigsten Bedürfnisse zu bestreiten. Er entwarf, nachdem sein

früheres Project einer Dramaturgie sich zerschlagen, den Plan zur

Herausgabe einer Zeitschrift, die ebenfalls vorzugsweise die Bühne und

ihre Vorstellungen, nebenher aber auch andere wissenschaftliche

Gegenstände berücksichtigen sollte. Durch eine öffentliche Ankündigung,

die er in das von Göckingk herausgegebene Deutsche Museum einrücken ließ,

machte Schiller das Publikum mit dem Plan seiner neuen Zeitschrift

bekannt. Sie führte den Titel: "Rheinische Thalia."

In jener Ankündigung warf sich Schiller dem Publikum mit Vertrauen in die

Arme durch die offenherzige Mittheilung seiner Jugendgeschichte, seiner

Begeisterung für Dichtkunst und seiner bisher erlebten trüben Schicksale.

"Ich schreibe," äußerte er, "als Weltbürger, der keinem Fürsten dient.

Früh verlor ich mein Vaterland, um es gegen die große Welt zu vertauschen.

Nunmehr sind alle meine Verbindungen aufgelöst. Das Publikum ist mir jetzt

Alles, mein Studium, mein Souverain, mein Vertrauter. Ihm allein gehöre

ich ganz an. Vor diesem und keinem andern Tribunal werde ich mich stellen.

Dieses nur fürcht' ich und verehr' ich. Etwas Großes wandelt mich an bei

der Vorstellung, keine andern Fesseln zu tragen, als den Ausspruch der

Welt, an keinen andern Thron zu appelliren, als an die menschliche Seele."

Seinen Aufsatz schloß Schiller mit den Worten: "Den Schriftsteller

überhüpfe die Nachwelt, der nicht mehr war, als seine Werke--und gern

gesteh' ich, daß bei der Herausgabe dieser Thalia es meine vorzügliche

Absicht war, zwischen dem Publikum und mir ein Band der Freundschaft zu

knüpfen."

Durch seinen häufigen Theaterbesuch erhielt sich in Schiller das Interesse

für dramatische Kunst, das ihm auch bei der Beschäftigung mit dem "Don

Carlos" sehr förderlich war. Neben der Herausgabe der "Rheinischen Thalia"

nahm dieß Trauerspiel Schillers Geisteskräfte fast unausgesetzt in

Anspruch. Aber auch sein Herz verlangte Befriedigung. Er sehnte sich nach

freundschaftlicher Mittheilung und inniger Theilnahme, die er seit seinem

Aufenthalt in Bauerbach mehr oder minder zu vermissen glaubte. Seine immer

rege Phantasie entwarf sich ein reizendes Bild von den stillen Freuden des

häuslichen Lebens. Nur in einem solchen Verhältnis glaubte er, nach

mehreren Stellen in seinen damaligen Briefen, die Ruhe und Heiterkeit zu

finden, die seine angestrengten Kopfarbeiten nothwendig verlangten. In

einem Briefe an seinen Jugendfreund Zumsteg, der sich damals unlängst

verheirathet, hatte Schiller zwar gemeint, "daß ihn selbst ein solcher

Schritt von der Bahn seines Glücks ablenken, und daß überdieß sein

ungestümer Kopf und sein warmes Blut jetzt noch keine Frau glücklich

machen würden." Dieser Aeußerungen ungeachtet bewarb er sich in einem

Schreiben an Frau v. Wolzogen vom 7. Juny 1784 um die Hand ihrer Tochter

Charlotte.

Schillers Heirathsantrag, von welchem ihn seine noch immer unsichere und

keineswegs sorgenfreie Lage hätte abhalten sollen, blieb unerwiedert oder

vielmehr unbeachtet. Sein für Liebe empfängliches Herz mußte einen andern

Gegenstand seiner Neigung suchen. Er fand ihn in der damals

neunzehnjährigen Tochter seines Freundes, des Buchhändlers Schwan,

Margarethe mit Namen, einem schönen und vielseitig gebildeten Mädchen.

Schiller fühlte sich glücklich in dem Gefühl der Liebe. Aber eine ruhige

Uegerlegung [Ueberlegung] untersagte ihm, irgend weitere Schritte in

seiner Herzensangelegenheit zu thun.

Einer weiblichen Hand hätte er übrigens wohl bedurft, um seinen

zerrütteten Haushalt einigermaßen in Ordnung zu erhalten. In seinem Zimmer

lagen Kleider, Wäsche, Bücher in solcher Verwirrung umher, daß er

gewöhnlich das, was er suchte, nicht finden konnte. An kleinliche und

alltägliche Dinge zu denken, erlaubte ihm die poetische Begeisterung

nicht, in der er sich fast unausgesetzt befand. Er behalf sich mit einem

kärglichen Mittagsmahl, und lebte, mit Ausnahme der sogenannten

Ehrenausgaben, die seine geselligen Verbindungen unbedingt zu fordern

schienen, im Allgemeinen sehr mäßig. Aber seine Einkünfte hatten sich so

wenig verbessert, daß er oft nicht wußte, wie er die nöthigsten Ausgaben

für die nächste Woche, ja oft für den nächsten Tag bestreiten sollte.

Schillers Sinn für edle Freundschaft fand Nahrung in dem Umgange mit der

Frau v. Kalb, die mit ihrem Gatten, der als Offizier in französischen

Diensten in dem nordamerikanischen Freiheitskriege gefochten, im August

1784 Mannheim zu ihrem Wohnort gewählt hatte. Schiller nannte sie in einem

Briefe an Dalberg "eine vortreffliche Person, die ohne aus ihrem

Geschlecht zu treten, sich glänzend darin auszeichne." Jedenfalls übte

Charlotte v. Kalb als eine vielseitig gebildete Dame durch das

freundschaftliche Verhältniß, in welchem Schiller zu ihr stand, einen sehr

günstigen Einfluß aus auf des Dichters Haltung im geselligen Leben.

Nicht viel fehlte jedoch daran, daß ein Zufall das unlängst angeknüpfte

Freundschaftsverhältniß wieder aufgelöst hätte. Schiller hatte der Frau v.

Kalb einige Scenen aus seinem damals noch unvollendeten "Don Carlos"

vorgelesen. Verletzt aber mußte er sich fühlen, als er sie um ihr Urtheil

bat, sie einer bestimmten Antwort auswich, und endlich unumwunden

erklärte: "Das sei das Schlechteste, was er je geschrieben." Befremdet und

entrüstet über diese Aeußerung, nahm Schiller Hut und Stock, und entfernte

sich schnell. Die heftige und stürmische Art seiner Declamation, die ihm

schon früher ein ähnliches Mißgeschick bereitet hatte, war die Ursache des

harten Urtheils gewesen, welches Frau v. Kalb gänzlich wieder zurück nahm,

als sie das Manuscript des "Don Carlos" für sich gelesen hatte. Das gute

Vernehmen mit jener fein gebildeten Dame war auf diese Weise wieder

hergestellt. Schiller hatte für sie sogar die Aufmerksamkeit, bei der

nächsten Vorstellung von Cabale und Liebe den Namen des darin auftretenden

Hofmarschalls v. Kalb umändern zu wollen, was jedoch seine Freundin, von

einem richtigen Urtheil und Gefühl geleitet, nicht zugab.

Auch außerhalb Mannheim hatte Schillers ausgezeichnetes Talent ihm Freunde

und Verehrer erworben. Am 7. Juni 1784 erhielt er ein Paket aus Leipzig

von vier ihm gänzlich unbekannten Personen, deren Briefe sich mit

Begeisterung über ihn und seine Gedichte äußerten. Er fand in jenem Paket,

außer einer höchst geschmackvoll gestickten Brieftasche, die Composition

eines Liedes aus seinen "Räubern" und vier Portraits, unter denen sich

zwei schöne Frauengesichter befanden. Die Personen, die ihm diese

Ueberraschung bereitet hatten, waren F. Huber, C. G. Körner, der Vater des

bekannten Dichters, Minna Stock, Körners Braut, und deren Schwester Dora.

In einem damaligen Briefe an Dalberg gestand Schiller, daß ihm "der

lauteste Beifallsruf der Welt kaum schmeichelhafter gewesen wäre, als dieß

Geschenk von fremden Menschen, die dabei kein anderes Interesse gehabt

hätten, als ihm für einige frohe Stunden, die er ihnen bereitet, zu

danken." Aehnliche Aeußerungen enthielt ein Schreiben Schillers an seine

mütterliche Freundin, Frau v. Wolzogen. Schiller schloß seinen Brief mit

der charakteristischen Aeußerung: "Wenn ich mir denke, daß in der Welt

vielleicht noch mehr solche Cirkel sind, die mich unbekannt lieben, und

sich freuen, mich kennen zu lernen; daß vielleicht in hundert und mehr

Jahren, wenn mein Staub lange verwest ist, man mein Andenken segnet, und

mir noch im Grabe Thränen und Bewunderung zollt, dann freue ich mich

meines Dichterberufs und versöhne mich mit Gott und meinem oft harten

Verhängniß." Mit seinen Freunden, die damals sämmtlich in Leipzig lebten,

trat Schiller in einen fortgesetzten Briefwechsel, und knüpfte daran die

Hoffnung, durch eben diese Freunde vielleicht seinen noch immer höchst

ungünstigen Verhältnissen entrissen zu werden.

Durch die Ernennung zum Rath, die er dem Herzog Carl August von Sachsen-

Weimar verdankte, schienen sich für Schiller Aussichten auf eine

erfreulichere Zukunft zu eröffnen. Längst schon hatte Schiller gewünscht,

jenem als Freund und Beschützer der Wissenschaften gepriesenen Fürsten

persönlich bekannt zu werden. Als der Herzog 1785 die landgräfliche

Familie in Darmstadt besuchte, ergriff Schiller die Gelegenheit, sich ihm

vorstellen zu lassen. Sein Wunsch, den ersten Act des "Don Carlos" bei

Hofe vorzulesen, ward dem berühmten jungen Dichter gern gewährt. Dem

entschiedenen Beifall, den sein neues Trauerspiel fand, verdankte er die

vorhin erwähnte Auszeichnung.

Ein gesteigertes Selbstgefühl schien sich Schillers durch die ihm

verliehene Auszeichnung bemächtigt zu haben. Einen Beweis dafür lieferten

die scharfen Theaterkritiken, denen er in seiner "Rheinischen Thalia" eine

eigene Rubrik eingeräumt hatte. Verletzt fühlten sich die wegen ihres

Spiels oft hart von ihm getadelten Mitglieder der Mannheimer Bühne

besonders dadurch, daß er sie, was bisher bei Theaterkritiken noch nicht

üblich gewesen, bei jenen Rügen geradezu nannte. Auf ähnliche Weise

äußerte er sich in seinen Briefen an Dalberg. Seit Schiller, da sein

Contract nicht erneuert worden, mit der Bühne in keiner Verbindung mehr

stand, schien er ihr gegenüber eine ganz andere Sprache anzunehmen.

Vorzüglich machte er mehrern Schauspielern das nachlässige Memoriren zum

Vorwurf. "Es kann mir," schrieb er unter andern, "Stunden kosten, bis ich

einer Periode die bestmöglichste Rundung gebe, und wenn das geschehen ist,

so bin ich dem Verdruß ausgesetzt, daß der Schauspieler meinen mühsam

vollendeten Dialog nicht einmal in gutes Deutsch verwandelt.--Wenn unsere

Schauspieler einmal die Sprache in der Gewalt haben werden, dann ist es

allenfalls Zeit, daß sie ihrer Bequemlichkeit mit Extemporiren zu Hülfe

kommen. Es thut mir leid, daß ich diese Anmerkung machen muß; noch mehr

aber verdrießt es mich, daß ich diese unangenehme Erscheinung nur auf

Rechnung ihres guten Willens, und nicht ihrer Kunst schreiben kann, und

daß eben diese Schauspieler, die in den mittelmäßigsten Stücken

vortrefflich, ja groß gewesen sind, in den meinigen gewöhnlich unter sich

selbst sinken." Seinen Brief schloß Schiller mit den Worten: "Ich glaube,

daß ein Dichter, der drei Stücke auf die Schaubühne brachte, unter denen

die Räuber sind, einiges Recht hat, Mangel an Achtung zu rügen."

Von den Mitgliedern der Mannheimer Bühne ward dieser Tadel nicht

gleichgültig aufgenommen. Ihre Erbitterung erreichte den höchsten Grad,

und ging so weit, daß der Schauspieler Böck, nach Schillers eignen Worten,

"nicht erröthete, auf öffentlicher Bühne mit Gebrüll und Schimpfwörtern

und Händen und Füßen gegen ihn auszuschlagen, und auf die pöbelhafteste

Art von ihm zu reden."

Schillers längerer Aufenthalt in Mannheim ward ihm dadurch immer mehr

verleidet. Von seinen früher erwähnten Freunden, Körner und Huber, nach

Leipzig eingeladen, ging er, von ihnen durch gesandte Wechsel großmüthig

unterstützt, im März 1785 nach der genannten Stadt. Seinem treuen

Streicher, bei dem er den Abend vor der Abreise bis Mitternacht zubrachte,

theilte er den phantastischen Plan mit, sich in Leipzig der

Rechtswissenschaft widmen zu wollen. Er verband mit dieser Idee die

Hoffnung, an einem der sächsischen Höfe bald eine Anstellung zu erhalten.

Mit dem schwärmerischen Versprechen, nicht eher an einander zu schreiben,

als bis der Eine Minister, der Andere Capellmeister seyn würde, schieden

die Freunde von einander.

Noch aus Manheim hatte Schiller am 15. März 1785 einen Brief an Huber in

Leipzig geschrieben. Er sprach darin seinen Wunsch aus, daß er nicht wie

bisher seine eigene Oekonomie führen möchte. Es koste ihm, äußerte er,

weniger, eine ganze Verschwörung und Staatsaction durchzuführen, als seine

Wirthschaft. "Poesie", schrieb er, "ist nirgends gefährlicher, als bei

ökonomischen Rechnungen. Meine Seele wird getheilt; ich stürze aus meinen

idealen Welten, wenn mich ein zerrissener Strumpf an die wirkliche mahnt."

Auch allein wollte er nicht wohnen. Zu seiner geheimen Glückseligkeit

brauche er einen wahren Herzensfreund, dem er seine aufkeimenden Ideen

sogleich mittheilen könnte, nicht aber erst durch Briefe oder Besuche

zutragen müßte. Das, meinte er, wären nur Kleinigkeiten, aber

Kleinigkeiten trügen oft die schwersten Gewichte im Lauf unsres Lebens. Er

wünschte mit Huber eine gemeinschaftliche Wohnung zu beziehen, und äußerte

dabei, er sei kein schlimmer Nachbar, und biegsam genug, sich in einen

Andern zu schicken. Zu seinen unentbehrlichen Mobilien rechnete er eine

Commode, einen Schreibtisch, ein Bett und ein Sopha, außerdem noch einen

Tisch und einige Sessel. Ausdrücklich aber bemerkte er in jenem Briefe,

daß er weder Parterre noch in einem Dachzimmer wohnen könnte. Dann möchte

er auch nicht die Aussicht auf einen Gottesacker haben, denn, fügte er

hinzu, er liebe die Menschen und ihr Gedränge.

Nach einer bei ungünstiger Witterung beschwerlichen Reise war Schiller zur

Meßzeit in Leipzig angelangt. Einige dort angeknüpfte Bekanntschaften

machte er in einem Briefe namhaft, den er den 24. April 1785 an den

Buchhändler Schwan in Mannheim schrieb. Er nannte in diesem Briefe, außer

Körner und Huber, Weiße, Oeser, Zollikofer, Jünger und den berühmten

Schauspieler Reinike. Seine angenehmste Erholung habe er bisher in

Richters Caffehause gefunden. Ueber den Eindruck, den seine persönliche

Erscheinung gemacht, äußerte er scherzend: "Vielen wollte es gar nicht in

den Kopf, daß der Verfasser der Räuber wie andere Muttersöhne aussehen

sollte. Wenigstens rundgeschnittene Haare, Courierstiefeln und eine

Hetzpeitsche hatte man erwartet."

Seinem früher geäußerten Wunsche gemäß, bewohnte Schiller eine Zeitlang

mit Huber ein gemeinschaftliches Zimmer. Späterhin bezog er eine der

kleinsten Studentenstuben. Er war noch immer genöthigt, sich hinsichtlich

seiner Ausgaben sehr zu beschränken. Sein innerer Reichthum mußte ihm für

manche Entbehrung Ersatz bieten. Von seiner mitunter frohen Stimmung gab

er einen Beweis in dem "Lied an die Freude". In dem bei Leipzig gelegenen

Dorfe Gohlis, wo er einige Sommermonate zubrachte, dichtete er dies Lied.

Friedrich v. Schiller's Biographie · 第 5 / 9 段