In einem Briefe, den er am 6. des genannten Monats an seine Schwester

Christophine schrieb, schilderte er ihr seine gegenwärtige Lage und

Stimmung. Er entwarf in seinem Schreiben zugleich seinen Lebensplan für

die nächste Zukunft. Seinen Aufenthalt in Oggersheim wollte er mit Berlin

vertauschen, wo er, wie er äußerte, mit bedeutenden Empfehlungen versehen,

sich eine ziemlich gesicherten Subsistenz als Schriftsteller zu gründen

hoffte. Mit zarter Schonung, um seine Schwester nicht zu beunruhigen,

hatte er in jenem Briefe seine Lage, so drückend sie auch war, in dem

günstigsten Lichte dargestellt. Durch allerlei weit ausschweifende

Entwürfe für die nächste Zukunft hatte er die um ihn besorgte Schwester zu

trösten gesucht. Keiner von diesen Entwürfen ward jedoch realisirt, und

die Reise nach Berlin, wo er sein Glück zu machen hoffte, ward wieder

aufgegeben.

Mit dem in's Reine geschriebenen Manuscript seiner Umarbeitung des Fiesko

begab sich Schiller in der Mitte des November nach Mannheim, wo er sein

Trauerspiel dem Theaterregisseur Meier übergab. Vergebens wartete er

jedoch eine ganze Woche auf eine Antwort Dalbergs, die ihm in den nächsten

Tagen versprochen worden war. Dadurch beunruhigt, entschloß er sich den

16. November 1782 an ihn selbst zu schreiben. In diesem Briefe, dem

ersten, den er nach seiner Rückkehr aus Frankfurt an ihn richtete, meldete

er zugleich, "daß er im Viehhof zu Oggersheim unter dem Namen Schmidt

logire," woraus hervorzugehen schien, daß Dalberg bisher gar keine Notiz

von ihm genommen.

Um einige Auskunft zu erhalten, was er von seinem Trauerspiel zu erwarten

habe, begab sich Schiller, von Streicher begleitet, nach Mannheim in

Meiers Wohnung. Dieser empfing ihn mit sichtbarer Bestürzung. Ein

würtembergi[scher] Offizier, erzählte Meier, habe sich bei ihm sehr

angelegentlich nach Schiller erkundigt, doch von ihm den Bescheid

erhalten, daß ihm Schillers gegenwärtiger Aufenthalt gänzlich unbekannt

sei. Bald nach diesem Bericht klingelte die Hausthür. Schiller verbarg

sich mit Streicher in einem Cabinet, das durch eine Tapetenthür von dem

Wohnzimmer getrennt war. Der Ankömmling war ein Hausfreund, der die

wiederholten Erkundigungen des Offiziers, den er auf dem Caffeehause

gesprochen, bestätigte, über die Uniform und Gestalt desselben jedoch nur

unbestimmte Schilderungen entwarf, nach denen man auf keine bestimmte

Person schließen konnte.

Meier war sehr besorgt um seine beiden Freunde, die, nachdem sie ihren

Schlupfwinkel verlassen, noch einige Mal durch neue Ankömmlinge dahin

zurückgescheucht wurden. In Mannheim zu übernachten, schien für Schiller

und Streicher ebenso gefährlich, als nach Oggersheim zurückzukehren. Meier

selbst konnte sich allerlei Verdruß und Unannehmlichkeiten zuziehen, wenn

es der Zufall fügte, daß der Verfolgte in seiner Wohnung gefunden ward.

Mit lebhaftem Dank ergriffen daher die beiden Freunde das Anerbieten einer

Madame Curioni, in dem Palais des Prinzen von Baden, das unter ihrer

Aufsicht stand, zu übernachten. Die prachtvollen, mit kostbaren Gemälden

und Kupferstichen geschmückten Zimmer eines Fürsten, die sie jetzt

betraten, bildeten einen auffallenden Contrast mit ihrem ärmlichen Logis

in Oggersheim.

Mit Anbruch des Tages wagte sich Streicher in Meiers Wohnung, um dort

nähere Erkundigungen über den Fremden einzuziehen, der sich so

angelegentlich nach Schiller erkundigt hatte. Durch einen ihm bekannten

Secretär des Ministers, Grafen von Oberndorf, hatte Meier bereits am

frühen Morgen erfahren, daß jener Offizier keine Aufträge von der

Regierung gehabt habe. Auch war derselbe nach dem Meldezettel des

Gastwirths, bei dem er logirt, schon am Abend wieder abgereist. Späterhin

erfuhren die Freunde durch einen von Schillers Vater den 8. December 1782

an den Buchhändler Schwan in Mannheim gerichteten Brief, daß der Offizier,

der sich so angelegentlich nach Schiller erkundigt, einer seiner

Jugendfreunde, der Lieutenant Kosewitz gewesen sei, der ihn auf seiner

Durchreise hatte besuchen wollen.

Beruhigt durch die Nachrichten, die ihm Streicher mitgetheilt, verließ

Schiller das glänzende Palais, das ihm zum Asyl gedient hatte. Mit dem

Theaterregisseur Meier besprach er ausführlich seine in mehrfacher

Hinsicht unsichere und bedenkliche Lage. War auch seine Besorgnis grundlos

gewesen, so drohte ihm bei einem längern Aufenthalt in Mannheim doch immer

Gefahr, so gern er auch, des Theaters wegen, noch einige Zeit dort

geblieben wäre.

Längst hatte er mit Sehnsucht die Entscheidung über sein umgearbeitetes

Trauerspiel erwartet. Er sah sich abermals in allen seinen Hoffnungen

getäuscht, als er den kurzen Bescheid erhielt, daß die "Verschwörung des

Fiesko" auch in ihrer jetzigen Gestalt für die Bühne nicht brauchbar sei,

folglich von der Theaterdirection nicht angenommen, und auch nichts dafür

vergütet werden könnte. Keine Aussicht zeigte sich für Schiller, als er

jenes Schreiben gelesen, seine traurige Lage auch nur einigermaßen zu

erleichtern. Zwei Monate lang hatte er nutzlos Zeit und Kräfte

aufgeopfert, ohne durch Entbehrungen jeder Art seinem Schicksal eine

andere Wendung geben zu können. Auf's Bitterste sah er sich getäuscht

durch einen Mann, den er bisher für seinen Gönner gehalten. Mit leerer

Börse, wie er vor zwei Monaten sein Vaterland verlassen, ließ ihn der

reiche Freiherr von Dalberg wieder aus Mannheim gehen. Durch

conventionelle Rücksichten war vielleicht Dalberg abgehalten, einen

entscheidenden Schritt für Schiller zu thun, der gleichsam ein politischer

Flüchtling aus einem befreundeten Nachbarstaate war. Er mußte ihn

möglichst von sich entfernt halten, um sich nicht bei dem Herzog von

Würtemberg zu compromittiren. Um so großartiger war die Fassung, womit

Schiller die engherzige Gesinnung und unwürdige Behandlung seines

scheinbaren Gönners ertrug, der, ohne auf den Namen eines Beschützers der

Künste Verzicht zu leisten, den Dichter nicht geradezu von sich weisen

konnte.

Mehr wahrhafte Theilnahme an seinem harten Schicksal regte sich in einem

weiblichen Herzen. In der Karlsschule war er mit Wilhelm von Wolzogen und

dessen drei Brüdern, und durch diese auch mit ihrer Mutter bekannt

geworden. Von dieser hochherzigen Frau hatte Schiller, als er ihr den

Entschluß seiner Flucht mitgetheilt, das Versprechen erhalten, ihm auf

ihrem in Meiningen gelegenen Gute Bauerbach ein sicheres Asyl zu gewähren,

wenn der Herzog von Würtemberg Schritte thun sollte zur Verfolgung des

Flüchtlings. An jene edle Frau, die oft in Stuttgart verweilte, hatte er

sich gewandt, und fand sich in seinen Erwartungen nicht getäuscht.

Seine Verhältnisse waren so drückend, daß er den Augenblick, in eine

einigermaßen sorgenfreie Lage gesetzt zu werden, beschleunigen mußte. Aus

Noth hatte er seine Uhr verkaufen müssen. Die eilf Louisd'or, die er von

dem Buchhändler Schwan in Mannheim für sein dem Professor Abel gewidmetes

Trauerspiel: "Die Verschwörung des Fiesko," erhalten, hatten kaum

hingereicht, die seinem Hauswirth schuldige Summe zu tilgen, bei dem er

eine Zeitlang auf Borg gelebt. Er mußte sich aber auch mit den

unentbehrlichsten Kleidungsstücken für den Winter versehen, um die Reise

nach Bauerbach antreten zu können.

Aus Worms, wohin sie ihn von Oggersheim aus begleitet hatten, kehrten

Streicher, Meier und einige andere Freunde Schillers wieder nach Mannheim

zurück. Der Abschied von seinem treuen Streicher ward ihm dadurch

erleichtert, daß er dessen Gesellschaft schon einige Zeit hatte entbehren

müssen, weil Streicher, um seinem Broderwerb nachzugehen, sich von

Oggersheim nach Mannheim begeben hatte. In einem leichten Ueberrock, bei

strenger Kälte, trat Schiller die Reise nach Bauerbach an, begleitet von

den besten Wünschen seiner Freunde, die sich mit dem Gedanken beruhigten,

daß Schiller, wenigstens für die nächste Zeit, Mangel und Verfolgung nicht

zu fürchten habe.

Im November 1782 war er auf dem der Frau von Wolzogen gehörenden

Rittergute Bauerbach spät Abends angelangt. Er hatte einen Weg von

sechsundfunfzig Stunden zurückgelegt. In der herrschaftlichen Wohnung fand

er schon alles zu seinem Empfange bereitet. Eine ausführliche Schilderung

seiner gegenwärtigen Lage, mit der er sehr zufrieden zu seyn schien,

entwarf er dem Buchhändler Schwan in Mannheim in einem vom 8. December

1782 datirten Briefe. Er betrachtete sich in diesem Schreiben als einen

Schiffbrüchigen, der sich aus den Wellen mühsam emporgekämpft. Dringend

legte er dem Empfänger seines Briefes die Bitte an's Herz, den Druck

seines Trauerspiels, die "Verschwörung des Fiesko", möglichst rasch zu

fördern. Nur das Verbot, Schriftsteller zu seyn, äußerte Schiller, habe

ihn aus würtembergischen Diensten vertrieben; sollte er nun als

Schriftsteller nicht bald in seinem Vaterlande etwas von sich hören

lassen, so würde man den Schritt, den er gethan, grund- und nutzlos

finden.

Auch seinem Freunde Streicher meldete Schiller gleichzeitig, den 8.

Dezember 1782, seine Ankunft in Bauerbach, und entwarf auch ihm eine

günstige Schilderung seiner neuen Verhältnisse. In seiner Einsamkeit zu

Bauerbach, unter einfachen Landleuten, entfernt vom Geräusch der Welt, das

mit seinem in sich gekehrten Wesen und seiner oft trüben Stimmung nicht

harmonirte, fühlte sich Schiller anfangs sehr glücklich, wenn gleich die

rauhe Natur des Orts mit ihren schroffen Felsenabhängen in ihm dann und

wann eine schmerzliche Erinnerung an seine Heimath, an das gesegnete milde

Schwaben hervorrief.

Ein inniges Freundschaftsverhältniß entstand bald nach Schillers Ankunft

in Bauerbach zwischen ihm und dem Bibliothekar Reinwald in Meiningen, der

sich später mit Schillers ältester Schwester Christophine vermählte. Mit

diesem durch Geist und Herz ausgezeichneten Manne stand Schiller in

fortgesetztem Briefwechsel. Bisweilen sahen sie sich in Bauerbach, in

Meiningen oder an einem dritten Orte. In seinem ländlichen Asyl fehlte es

ihm ohnedieß an Personen, in deren Umgange er sich gefallen konnte. Dann

und wann spielte er mit dem Verwalter des Guts eine Parthie Schach, oder

begleitete ihn auf die Jagd, oder auf einem Spaziergange. Von Streicher

getrennt, fühlte er schmerzlich, daß ihm ein treuer theilnehmender Freund

fehle, und oft ergriff ihn eine schwermüthige Stimmung, die er in mehreren

Briefen an Reinwald aussprach.

Das Verhältniß zu seiner Beschützerin, der Frau von Wolzogen, wenn auch

mitunter durch Schillers Reizbarkeit getrübt, hatte sich noch immer in

seiner ursprünglichen Reinheit erhalten. Er war ihr in mehrfacher Hinsicht

Dank schuldig, unter andern dafür, daß sie während ihres Aufenthalts in

Stuttgart seine um ihn bekümmerten Eltern über sein Schicksal beruhigt

hatte. Sehr erfreut hatte sie ihn durch Nachrichten von seiner Familie.

Namentlich hatte sie ihm die Genesung seiner Mutter gemeldet, an der er

mit inniger Liebe hing. Schiller war nicht undankbar. Um die zarte

Aufmerksamkeit, die sie ihm bewies, einigermaßen zu erwiedern,

verherrlichte er den Tag, an welchem Frau von Wolzogen im Mai 1783 aus

Stuttgart wieder nach Bauerbach zurückkehrte, durch allerhand ländliche

Festlichkeiten.

Einen nicht unwesentlichen Antheil der wahrhaft kindlichen Liebe Schillers

zu der edlen Frau, die sich seiner so edelmüthig angenommen, hatte die in

ihm aufkeimende Neigung, die er für ihre Tochter Charlotte empfand. Um so

größer war seine Bestürzung bei der Nachricht, daß ein Adlicher aus

Stuttgart neben ihm, dem dürftigen Flüchtling, als Bewerber um Charlottens

Hand aufgetreten sei. Ihm drohte selbst, wenn jener Herr in Meiningen

blieb, vielleicht Gefahr, entdeckt zu werden. Besorgnisse dieser Art

schlummerten nie ganz in seiner Seele. Ein Brief an seine mütterliche

Freundin vom 30. May 1783 schilderte den leidenschaftlichen Zustand, in

dem er sich befand. Er äußerte in seinem Schreiben sogar den Entschluß,

geradezu nach Weimar zu gehen, wenn sich die Nachricht bestätigen sollte,

daß jener Stuttgarter Herr in Meiningen angekommen wäre.

So ward durch eine Leidenschaft, die er bei seinen unbestimmten Aussichten

unterdrücken mußte, Schillers literarische Thätigkeit gestört. Es war für

ihn ein Glück, daß eine Ortsveränderung seinem Schicksal eine andere

Wendung gab. Sein aufgelöstes Verhältniß zu dem Freiherrn von Dalberg

schien sich wieder anknüpfen zu wollen. Wiederholt hatten die Mitglieder

des Mannheimer Theaterausschusses, bei denen Schiller noch in gutem

Andenken stand, den Wunsch geäußert, daß die "Verschwörung des Fiesko"

aufgeführt werden möchte. Viel versprachen sie sich auch, nach der

Schilderung, die ihnen Streicher davon entworfen hatte, von einer

Vorstellung der "_Luise Millerin_."

Dies Trauerspiel hatte Schiller bereits im Februar 1783 beinahe vollendet.

Bald nachher, im März, erkundigte sich Dalberg schriftlich, ob Schillers

neues Stück sich nicht vielleicht zu einer Vorstellung auf den [der]

Mannheimer Bühne eignen möchte. In einem Briefe Schillers vom 3. April

entschuldigte er seine verspätete Antwort damit, daß er mit dem

Buchhändler Weygand in Leipzig verhandelt, doch wegen des Honorars sich

nicht habe vereinigen können. Höflich, und ohne ohne [] die mindeste

Empfindlichkeit zu verrathen, schrieb er an den Mann, der ihn bitter

getäuscht hatte. In Bezug auf sein Trauerspiel, die "Luise Millerin",

bemerkte Schiller: "Außer der Vielfältigkeit der Charaktere und der

Verwicklung der Handlung, der vielleicht allzufreien Satyre und

Verspottung einer vornehmen Narren- und Schurkenart, habe sein Stück noch

den Mangel, daß Komisches mit Tragischem, Laune mit Schrecken wechselten,

und obschon die Entwicklung tragisch genug sei, doch einige lustige

Charaktere und Situationen hervorragten." In eben diesem Briefe meldete

er, daß er sich mit einem neuen Trauerspiel, dem Don Carlos beschäftige,

von dem er sich eine großartige Wirkung versprach. Auch beabsichtigte er

eine dramatische Bearbeitung der Geschichte Conradins von Schwaben. Die

Idee, Maria Stuart zur Heldin einer Tragödie zu wählen, gab er wieder auf,

und realisirte sie erst in späteren Lebensjahren.

Einer anregendern Umgebung, wie sie ihm sein einsamer Aufenthalt in

Bauerbach darbieten konnte, bedurfte Schiller, um die genannten

dramatischen Entwürfe auszuführen. Abgesehen davon, daß die Nähe eines

guten Theaters seinem Talent sehr förderlich seyn mußte, zeigten sich ihm

auch Aussichten, seine ökonomischen Verhältnisse zu verbessern, wenn es

ihm gelang, seine "Luise Millerin", vielleicht auch seinen "Fiesko", in

Mannheim auf die Bühne zu bringen. Von seiner dortigen Anwesenheit hoffte

er, daß ihm dies gelingen werde. Ein drückendes Gefühl war es ohnedies für

ihn, noch länger von den Wohlthaten Anderer zu leben. Er fürchtete seiner

unbemittelten Gönnerin auf die Dauer zur Last zu fallen.

Schiller tröstete sie und ihre Tochter Charlotte, die ihm die Trennung

erschwerte, durch die Hoffnung einer baldigen Rückkehr nach Bauerbach, als

er nach siebenmonatlichem Aufenthalte in der zweiten Hälfte des Juli 1783

seine Reise nach Mannheim antrat. Am 27. Juli kam er dort an. Groß war

Schillers Freude, seinen treuen Streicher wieder zu finden. Der

Theaterregisseur Meier verschaffte ihm neben dem Schloßplatz für einen

billigen Preis eine freundliche Wohnung.

Wie seine Verhältnisse in Mannheim sich gestalten würden, ließ sich nicht

voraussehen, da der Freiherr von Dalberg von einer damaligen Reise nach

Holland noch nicht wieder zurückgekehrt war. Mehrere Schauspieler hatten

Urlaub genommen, und Schiller konnte von der Anschauung des Theaters um so

weniger Vortheil ziehen, da bei der damaligen Anwesenheit der Churfürstin

und des Herzogs von Zweibrücken wenig bedeutende Stücke aufgeführt wurden,

"nur Alttagscomödien, wie sie der Geschmack der hohen Herrschaften

verlangte." So äußerte sich Schiller selbst hierüber in einem Briefe vom

11. August 1783.

Seine literarische Thätigkeit ward gehemmt durch die unerträgliche Hitze

und durch Zerstreuungen jeder Art. Er glaubte die Zeit, die er in Mannheim

zubrachte, als eine verlorene betrachten zu müssen. In einem Briefe an

Frau von Wolzogen schilderte er die Sehnsucht nach seinem einsamen

Aufenthalt in Bauerbach. Er wünschte recht bald wieder dahin zurückkehren

zu können, und meldete, wie er sich schon einiges Reisegeld erspart habe.

Unterdeß war Dalberg wieder in Mannheim angelangt. Schiller traf ihn im

Theater, und ward von ihm mit Auszeichnung behandelt. Zu dem Manne, der

ihn so bitter getäuscht, konnte er zwar kein sonderliches Vertrauen mehr

haben. Er entschied sich indeß, nach einiger Ueberlegung, zur Annahme der

erneuerten Vorschläge, die ihm Dalberg in Bezug auf eine Anstellung als

Theaterdichter aus freiem Antriebe machte.

In einem Briefe vom 11. September 1783 machte Schiller die Bedingungen

namhaft, unter denen er sich bei der Mannheimer Bühne angagirt hatte.

"Erstens", schrieb er, "bekommt das Theater von mir drei neue Stücke, den

Fiesko, meine Luise Millerin, und ein drittes, daß ich innerhalb meiner

Vertragszeit machen muß. Zweitens: der Contract dauert eigentlich ein

Jahr, nämlich vom 1. September dieses Jahres bis zum letzten August des

nächsten. Ich habe mir aber die Erlaubniß ausbedungen, die heißeste

Jahreszeit, meiner Gesundheit wegen, anderswo zuzubringen. Drittens

erhalte ich für dieses eine fixe Pension von 300 Fl. Außerdem bekomme ich

von jedem Stück, daß ich auf die Bühne bringe, die ganze Einnahme der

Vorstellung, die ich selbst bestimmen kann. Dann gehört das Stück dennoch

mein, und ich kann es nach Gefallen verkaufen oder drucken lassen."

Hierauf verzichtete Schiller späterhin, und erhielt im Ganzen ein Fixum

von 500 Fl.

Ueber den auf diese Weise abgeschlossene Contract, der ihm neben der

Vervollkommnung in seiner Kunst, zugleich Aussichten eröffnete, seine

ökonomischen Verhältnisse zu verbessern, empfand Schiller eine ungemeine

Freude. Sein Gemüth war ruhiger, seine Stimmung heiterer geworden. Dies

zeigten mehrere Stellen in einem damaligen Briefe an Frau von Wolzogen.

Begeistert von der sehr gelungenen Vorstellung seiner "Räuber", bei

überfülltem Schauspielhause, widmete er sich mit Eifer seinem "Fiesko". Er

ward jedoch in der Umarbeitung dieses Trauerspiels bald gestört.

Wiederholte Rückfälle eines kalten Fiebers, das ihn in der Mitte des

Augusts ergriff, schwächten seinen Körper in solchem Grade, daß er, nach

seinem eignen Geständnisse, durch starke Dosen China seine Kräfte

einigermaßen stärken mußte. Zu diesem physischen Leiden trat seine

unausgesetzte Geistesanstrengung, die ihn völlig erschöpfte. Nicht

grundlos schien seine Besorgnis, "daß diese Krankheit ihm vielleicht für

Zeitlebens einen Stoß versetzen möchte." Durch den übermäßigen Gebrauch

der China hatte er seinen Magen sehr geschwächt, und er mußte eine äußerst

einfache Diät beobachten, um den Krankheitsstoff nicht zu nähren.

Einen nachtheiligen Einfluß auf seine Gesundheit äußerten manche

Unregelmäßigkeiten, zu denen er wider seinen Willen verleitet ward.

Obgleich er seinen Umgang nur auf Dalberg's Haus und auf die Wohnung des

ihm befreundeten Buchhändlers Schwan beschränkte, konnte er sich doch dem

Verkehr mit den Schauspielern, den Einladungen mehrerer Familien

Mannheims, den Besuchen von Fremden nicht ganz entziehen. Durch seine

neunwöchentliche Krankheit hatte er, nach seinem eigenen Geständniß,

wenigstens dreißig Dukaten eingebüßt. Um sich von seinen Schulden zu

befreien, mußte er in stiller Zurückgezogenheit sich mit verdoppeltem

Eifer seinen literarischen Beschäftigungen widmen. Er ward jedoch davon

häufig abgelenkt durch Ausflüge in die Umgegend, nach Oggersheim,

Schwetzingen, Speier und andern Orten.

Indeß brachten ihm jene kleinen Reisen wieder den Vortheil, daß sie ihm zu

manchen interessanten Bekanntschaften verhalfen, zu denen unter andern

Wielands Jugendfreundin, die geistreiche Schriftstellerin Sophie la Roche

gehörte. Selten wich jedoch der durch seine Krankheit erzeugte Mißmuth

gänzlich von ihm. In eine heitere Stimmung versetzte ihn in der Mitte des

Novembers 1783 der unerwartete Besuch des Professors Abel aus Stuttgart

und eines andern Landsmannes. Kurz zuvor, an seinem Geburtstage, den 11.

November, hatte er einige Flaschen Burgunder zum Geschenk erhalten, und er

freute sich, seine Gäste beim Mittag- und Abendessen festlich bewirthen zu

können. Obgleich er sich nicht sonderlich wohl befand, ließ er sich

dadurch nicht abhalten, seine Landsleute in der Stadt umherzuführen.

Lebhaft schilderte er in einem Briefe an Frau von Wolzogen, wie schnell

ihm bei jenem Besuch die Zeit verflossen, und wie er und seine Freunde vor

lauter Erzählen und Fragen kaum hätten zu Athem kommen können.

Solche frohe Momente wurden für Schiller wieder getrübt durch seine

traurige, sorgenvolle Lage. Noch immer körperlich leidend, durfte er keine

geistige Anstrengung scheuen, um sich die Mittel zu einer leidlichen

Subsistenz zu verschaffen, um nur mit einigem Anstande leben zu können.

Nicht unbedeutend war die Summe, die er zur Tilgung seiner Schulden

brauchte. Die Ungeduld der Theaterdirection und die Erwartungen des

Publikums mußte er in Bezug auf seinen "Fiesko" zu befriedigen suchen.

Dieß Trauerspiel, wie späterhin auch seine "Luise Millerin" oder "Cabale

und Liebe", ward von ihm für die Bühne umgearbeitet.

Das Manuscript der "Verschwörung des Fiesko" empfing der Freiherr v.

Dalberg in der Mitte des December 1783 aus Schillers Händen. Mehrere

Proben waren nöthig, um dieß republikanische Trauerspiel auf die Bühne zu

bringen. Am 17. Januar 1784 ward es aufgeführt, und die

Carnevalsbelustigungen gewissermaßen mit diesem Stück eröffnet. Nicht

unwichtige Aufschlüsse über die Theaterbearbeitung des "Fiesko", die sich

von dem früher gedruckten Trauerspiel wesentlich unterschied, wie es in

Schillers Werke aufgenommen worden, gab ein wenig bekanntes Avertissement,

welches Schiller, wie er es schon bei den "Räubern" gethan, neben den

Anschlagszettel drucken ließ. Man findet diese "Erinnerung an das

Publikum" in den von K. Hoffmeister herausgegebenen Nachträgen zu

Schillers Werken.

Auch in der veränderten Gestalt, die der Dichter diesem Trauerspiel

gegeben hatte, blieb es in Bezug auf die theatralische Wirkung hinter den

"Räubern" zurück, ungeachtet Böck als Fiesko, Iffland als Verrina und Beil

als Mohr bei der Darstellung des Stücks ihr ganzes Künstlertalent

aufboten. Schiller selbst meinte in einem Briefe an Reinwald vom 4. May

1784, das Publikum habe sein Trauerspiel gar nicht verstanden.

"Republikanische Freiheit", schrieb er, "ist hier zu Lande ein Schall ohne

Bedeutung, ein leerer Name. In den Adern der Pfälzer fließt kein römisches

Blut."

Auf Ifflands Vorschlag war es geschehen, daß Schillers Trauerspiel: "Luise

Millerin" von ihm "Cabale und Liebe" genannt ward. Der Vorstellung dieses

Stücks wohnte Schiller in einer Loge bei, die er sich mit Streicher

gemiethet hatte. Vom Publikum ward dieß Trauerspiel sehr günstig

aufgenommen. Ein lauter Beifallsruf ertönte bei einzelnen Scenen,

besonders am Schluß des zweiten Acts. Als der Vorhang fiel, wiederholte

sich jener Beifallsruf, und Schiller, der während der Vorstellung in sich

gekehrt neben seinem Freunde gesessen und nur wenige Worte gewechselt

hatte, fühlte sich dadurch so überrascht, daß er aufstand und sich gegen

das Publikum verneigte.

Die Darstellung seines Trauerspiels und die günstige Aufnahme, die es

gefunden, gab dem Dichter ein erhöhtes Selbstgefühl. Jetzt erst glaubte er

seinen Eltern und seiner von Besorgnis um ihn fortwährend gequälten Mutter

entgegen treten zu können. Seinen Vater hatte er gekränkt, als er den Plan

entschieden verworfen, nach welchem jener sich an den Herzog von

Würtemberg wenden, und um die Rückkehr seines Sohnes in dessen Dienste

bitten wollte. Nach einem Briefe, den Schiller am 1. Januar 1784 an seine

Schwester Christophine geschrieben, hatte er einen solchen Schritt mit

seinem Ehrgefühl für unverträglich gehalten.

Friedrich v. Schiller's Biographie · 第 4 / 9 段