Herz, sich für ihn zu verwenden bei dem Herzog von Würtemberg, und es
dahin zu bringen, daß er seiner Dienste entlassen und ihm erlaubt werden
möchte, seinen bisherigen Aufenthalt in Stuttgart mit dem in Mannheim zu
vertauschen. Mit wachsender Ungeduld sah er einer Antwort Dalbergs von
Tage zu Tage entgegen. Sie blieb aus. Dagegen zog sich ein neues
Ungewitter über dem Haupte des Dichters zusammen. Daß er ohne Urlaub den
25. Mai 1782 nach Mannheim gereist, war nicht verborgen geblieben. Durch
seinen Chef, den General Auge, erfuhr es der Herzog. Schiller mußte vor
seinem Landesherrn erscheinen, der höchst entrüstet ihm sein Betragen aufs
strengste verwies. Ein vierzehntägiger Arrest war die Strafe seines
Dienstvergehens. Dadurch fühlte sich Schillers Ehrgeiz tief gekränkt. Er
würde vielleicht sofort seinen Abschied genommen haben, wenn ihn nicht die
Dankbarkeit an den Herzog gefesselt hätte. Von einem solchen Schritt ward
Schiller jedoch auch durch seine kindliche Liebe abgehalten. Seiner Eltern
Schicksal lag in den Händen seines Fürsten, und es konnte durch jenen
Schritt vielleicht eine schlimme Wendung nehmen.
In seiner trüben Stimmung erinnerte sich Schiller an den unglücklichen
Dichter Schubart, der seine Freimüthigkeit mit einer strengen Haft auf der
Festung Hohenasberg büßte. Ihn selbst konnte ein gleiches Schicksal
treffen. Dringend ersuchte er daher in einem Briefe vom 15. Juli 1782 den
Freiherrn von Dalberg, wenn sich für ihn zum Aufenthalt in Mannheim noch
Aussichten zeigten, dieselben möglichst zu beschleunigen. Er wäre, schrieb
er, außerdem gezwungen, einen Schritt zu thun, der es ihm unmöglich machen
würde, in Mannheim zu bleiben. Vierzehn Tage wartete er vergebens auf eine
Antwort. In seiner trostlosen Stimmung vermochten ihn weder seine Freunde,
noch die Beschäftigung mit seinem neuen Trauerspiel zu erheitern. Nichts
schien für ihn Reiz zu haben. Mit entschiedener Abneigung betrieb er seine
medicinische Praxis, die ihm durch einige kühne, aber mißlungene Curen
völlig verleidet worden war. In seiner früher erwähnten anonymen
Selbstcritik der Räuber hatte er über den Verfasser jenes Schauspiels
geäußert: "Er soll ein Arzt bei einem Würtembergischen Grenadier-Bataillon
seyn, und wenn das so ist, so macht es dem Scharfsinn seines Landesherrn
Ehre. So gewiß ich sein Werk verstehe, so muß er starke Dosen in
%Emeticis% eben so sehr lieben, als in %Aestheticis%, und ich möchte ihm
lieber zehn Pferde, als meine Frau zur Cur übergeben."
Die Idee, dem Herzog Vorstellungen zu machen gegen den erlassenen Befehl,
verwarf Schiller nach reiflicher Ueberlegung. Ein solcher Schritt konnte
leicht neue Vorwürfe oder Strafen über ihn verhängen. Er entschloß sich zu
einer abermaligen heimlichen Reise nach Mannheim. Von dort aus wollte er
in einem Schreiben seinem Landesherrn vorstellen, wie durch das erlassene
Verbot seine ganze Existenz vernichtet worden. In Mannheim hoffte er als
Theaterdichter angestellt zu werden. Diese Stadt wollte er daher, wenn
kein Widerruf des herzoglichen Befehls erfolgte, zu seinem künftigen
Wohnsitz wählen. Ueberall beobachtet in seinen Schritten, hielt er es für
bedenklich, mehreren Freunden seinen Entschluß zu vertrauen. Nur einem
einzigen konnte er mit Sicherheit sein Herz öffnen. Mit einer Hingebung
und Aufopferung, die an Schwärmerei grenzte, hing Johann Andreas Streicher
an ihm, ein geborner Stuttgarter, der sich der Musik widmete, und dessen
Bekanntschaft Schiller vor ungefähr achtzehn Monaten gemacht hatte.
Zwischen ihm und Streicher hatte sich bald das innigste
Freundschaftsverhältniß gebildet. Sie sahen sich fast täglich, und ein
unumschränktes Vertrauen fesselte sie an einander. Schillers unglückliche
Lage war der immer wiederkehrende Hauptgegenstand ihrer Gespräche.
Den vorhin erwähnten Plan einer heimlichen Entfernung nach Mannheim hatte
Schiller, außer seinem Freunde, auch seiner ältesten Schwester
Christophine mitgetheilt. Sie hatte nichts dagegen einzuwenden gehabt.
Auch Schillers Mutter war in das Geheimniß gezogen worden. Sein Vater
dagegen wußte nichts von der Sache. Beschleunigt ward die Reise durch den
Umstand, daß Streicher, der im Frühjahr 1783 nach Hamburg gehen wollte, um
dort unter Bach's Leitung sich in der Musik zu vervollkommnen, mit
Zustimmung seiner Mutter sich schon jetzt zu jener Reise entschloß, um
seinen Freund begleiten zu können.
Erst nach Vollendung seines neuen Trauerspiels, der "Verschwörung des
Fiesko", konnte Schiller jedoch seinen Entschluß ausführen. Kaum bis zur
Hälfte war jene Tragödie vollendet, aller Anspannung seines Geistes
ungeachtet. Um seine Arbeit zu beschleunigen, brachte er oft die Nächte
schlaflos zu. Von der Außenwelt halte er sich fast gänzlich zurückgezogen.
Schon zu Anfange des August 1782 waren in Stuttgart, Hohenheim,
Ludwigsburg u. a. Orten mehrfache Anstalten getroffen worden zum Empfang
des russischen Großfürsten (nachherigen Kaisers) Paul und seiner Gemahlin,
einer Nichte des Herzogs von Würtemberg. Unter den benachbarten Fürsten
und unzähligen Fremden, die in der ersten Hälfte des Septembers in
Stuttgart eintrafen, befand sich auch der Freiherr v. Dalberg, den
Schiller besuchte, ohne ihm jedoch etwas von seinem Vorhaben zu entdecken.
Außer Streicher begleitete ihn die Gattin des Mannheimer Theaterregisseurs
Meier, die ebenfalls in Stuttgart angelangt war, als sich Schiller nach
der Solitude degab [begab], um seine Eltern noch einmal zu sehen und
besonders seine sehr um ihn besorgte Mutter zu trösten. Schillers Vater
entwarf eine sehr ausführliche Beschreibung von den Festlichkeiten, die
auf der Solitude statt finden sollten, und unterbrach auf diese Weise das
oft stockende Gespräch. Als Schiller, der sich unbemerkt mit seiner Mutter
entfernt hatte, wieder zurückkam, schien er in sich gekehrt, und die
Feuchtigkeit und Röthe seiner Augen verrieth, wie schwer ihm der Abschied
von seiner Mutter geworden war. Etwas heiterer ward er erst, als er wieder
nach Stuttgart zurückgekehrt war.
Mit seinem Freunde Streicher war er überein gekommen, daß sie den 17.
September ihre Reise nach Mannheim antreten wollten. Sie hatten
absichtlich jenen Tag gewählt, weil an demselben, wie Schiller auf der
Solitude erfahren, eine große Hirschjagd, theatralische Vorstellungen und
eine prachtvolle Illumination statt finden sollten. Daß das Regiment, bei
welchem Schillers Vater stand, an jenem Tage nicht die Wache hatte,
befreite die beiden Freunde zugleich von der Besorgnis, unter den
Stadtthoren Soldaten zu treffen, denen Schiller bekannt war. Die Nacht vor
seiner Abreise brachte Schiller bei seinem Freunde Scharffenstein auf der
Wache zu. Den folgenden Tag, Morgens um neun Uhr, sollte alles bereit
seyn, was an Kleidern, Wäsche, Büchern u. s. w. aus Schillers Wohnung noch
in Streichers Haus geschafft werden sollte. Dort wollten die Freunde
abfahren.
Nicht das Mindeste fand jedoch Streicher vorbereitet, als er am andern
Morgen in Schillers Wohnung sich pünktlich einfand. Dieser war vielmehr
beschäftigt, ein Gegenstück zu einer Klopstock'schen Ode zu dichten.
Streicher mußte, so sehr er auch zur Eile trieb, zuerst diese Ode und dann
das Gegenstück anhören. Es dauerte lange, ehe Schiller aus seiner idealen
Welt wieder in die wirkliche zurückkehrte. Durch Anschaffung der
nöthigsten Kleidungsstücke und anderer unentbehrlicher Dinge war seine
Casse so erschöpft worden, daß sie nur aus 23 Fl. bestand. Nicht viel mehr
besaß Streicher. Indeß glaubten beide mit dieser Summe bis nach Mannheim
zu kommen und dort einige Tage damit auszureichen. Von seiner Mutter,
obgleich sie nicht vermögend war, hoffte Streicher noch nachgeschickt zu
erhalten, was er zu seiner Reise nach Hamburg brauchte.
Mit zwei alten Pistolen unter seinem Civilkleide, die er Sicherheits
halber mitgenommen, trat Schiller am 17. Sept. 1782 Abends neun Uhr in
Streichers Wohnung. Es hatte zehn Uhr geschlagen, als der Wagen, in
welchem die Freunde saßen, mit zwei Koffern und einem kleinen Clavier für
Streicher bepackt, zum Eßlinger Thor hinausfuhr. Dieß Thor war eins der
dunkelsten, war jedoch aber auch deßhalb gewählt worden, weil Schiller
erfahren, daß dort einer seiner vertrautesten Freunde die Wache hatte,
durch dessen Dazwischenkunst etwaige Hindernisse leicht beseitigt werden
konnten. Schiller nannte sich am Thor Doctor Ritter, und Streicher gab
sich für einen Doctor Wolf aus. Eßlingen ward als Reiseziel angegeben. Die
Freunde mußten den Weg um die Stadt einschlagen, der sie auf die Straße
nach Ludwigsburg führte. Schiller war in sich gekehrt und wechselte wenig
Worte mit seinem Begleiter. Das hoch gelegene Lustschloß Solitude, von
welchem sie ungefähr anderthalb Stunden entfernt seyn mochten, mit seinen
weitläufigen Nebengebäuden prachtvoll erleuchtet, zeigte sich in einem
herrlichen Feuerglanze. "O meine Mutter!" rief Schiller, auf den Punkt
hindeutend, wo seine Eltern wohnten. Ueberwältigt von wehmüthigen
Gefühlen, sank er mit einem halb unterdrückten Seufzer auf seinen Sitz
zurück.
Beim Caffee, den die Freunde in Enzweihingen, wo gerastet werden sollte,
einnahmen, recitirte Schiller aus einem Heft ungedruckter Gedichte des
unglücklichen Schubart einige der bedeutendsten, unter andern "die
Fürstengruft", die ihn bei seinem früher erwähnten Gedicht: "die schlimmen
Monarchen" zum Muster gedient hatte. Das erhebende Gefühl, drückende
Fesseln von sich abgeschüttelt zu haben, und der feste Vorsatz, sich nie
wieder einem ähnlichen Zwange zu unterwerfen, bemächtigte sich Schillers,
als eine kleine Pyramide, die sie um acht Uhr Abends erreichten, ihn und
seinen Freund überzeugte, daß sie sich an der churpfälzischen Grenze
befanden. Schiller machte seinen Reisegefährten auf die blau und weiß
angestrichenen Pfähle aufmerksam. Eben so freundlich, wie diese Pfähle,
meinte er, sei der Geist der Landesregierung. Ein politisches Gespräch
knüpfte sich an diese Bemerkung, und die Zeit entschwand darüber den
Freunden so schnell, daß sie sich wunderten, als sie um zehn Uhr schon in
Bretten ankamen. Dort ward der Stuttgarter Wagen zurückgeschickt. Mit der
Post fuhren die Freunde über Waghäusel nach Schwetzingen. Die Thore der
Stadt Mannheim, die damals noch eine Festung war, konnten sie vor dem
hereinbrechenden Dunkel nicht mehr erreichen. Sie mußten daher in
Schwetzingen übernachten.
Am folgenden Tage, den 19. Sept., waren die Freunde schon früh Morgens
beschäftigt, die besten Kleidungsstücke aus den Koffern hervorzuholen, um
in Mannheim nicht gar zu dürftig zu erscheinen. Seine ziemlich erschöpfte
Börse hoffte Schiller durch sein neues Trauerspiel: "die Verschwörung des
Fiesko", wieder einigermaßen zu füllen. Ihm schien außer Zweifel, daß die
Theaterdirection sich beeilen werde, auch dieß zweite Stück anzunehmen.
Mit der Hoffnung eines nicht ganz unbedeutenden Honorars trat er in die
Wohnung des Theaterregisseurs Meier, der sich höchlich verwunderte über
seine Ankunft zu einer Zeit, wo in Stuttgart so viele Festlichkeiten und
Lustbarkeiten statt fanden. Aus Schillers Munde erfuhr er, daß er als
Flüchtling vor ihm stehe, und Meier verschaffte ihm und seinem Freunde
sofort in dem menschenleeren Mannheim eine Wohnung. Es geschah auf seinen
Rath, als sich Schiller entschloß, noch denselben Tag an den Herzog von
Würtemberg zu schreiben, und ihn um Aufhebung des Befehls zu bitten, keine
andern als medicinische Schriften drucken zu lassen. Er stellte seinem
Landesherrn vor, wie seine geringe Besoldung und die große Concurrenz von
Aerzten in Stuttgart ihn nöthige, durch poetische Arbeiten seine Einkünfte
zu vermehren. Zugleich bat er um die Erlaubniß, jährlich auf kurze Zeit
in's Ausland reisen zu dürfen. Von dem fürstlichen Versprechen, daß ihm
sein unregelmäßiger Dienstaustritt verziehen werde, machte Schiller seine
Rückkehr nach Stuttgart abhängig. In einem besondern Briefe ersuchte er
seinen Regimentschef, den General Augè, das von ihm entworfene Schreiben
dem Herzog zu übergeben, um durch seinen Einfluß sein Gesuch zu
unterstützen.
Die Gattin des Theaterregisseurs Meier war unterdeß wieder von Stuttgart
nach Mannheim zurückgekehrt. Sie erzählte, wie Schillers Entfernung in
Stuttgart sogleich bekannt geworden, und wie sich dort ein allgemeines
Gerücht verbreitet, daß der Herzog Schillers Auslieferung verlangen werde.
Schiller tröstete sich zwar damit, daß er kein eigentlicher Soldat sei,
und daß auf ihn die bei der Desertion übliche Strafe nicht angewendet
werden könnte. Indeß gebrauchte er doch die Vorsicht, die ihm seine
Freunde empfahlen. Er zeigte sich an keinen öffentlichen Orten, sondern
beschränkte sich auf seine und Meiers Wohnung.
Aus dem Briefe des Generals Augè, den Schiller einige Tage später erhielt,
war nicht deutlich zu ersehen, ob der Herzog zu Erfüllung seiner Wünsche
geneigt sei. Der General entledigte sich in seinem Schreiben blos des von
seinem Fürsten ihm gewordenen Auftrags mit den Worten: "Da Se. Durchlaucht
bei Anwesenheit der hohen Verwandten jetzt sehr gnädig wären, so möge
Schiller nur zurückkehren." Auch ein zweiter Brief des Generals, den
Schiller um eine nähere Erklärung gebeten hatte, enthielt nichts anderes,
als einen ähnlichen lakonischen Bescheid. Unter diesen Umständen wagte
Schiller, selbst wenn es mit seiner Ehre verträglich gewesen wäre, nicht
wieder nach Stuttgart zurückzukehren. Er zog es vor, einer ungewissen
Zukunft entgegen zu gehen und mit Noth und Mangel zu kämpfen, ehe er sich
wieder einem Joch unterwarf, das ihn so hart gedrückt hatte.
Gleich am ersten Abend nach seiner Ankunft in Mannheim war Schillers
"Verschwörung des Fiesko" durch Streicher dem Theaterregisseur Meier als
ein dramatisches Product geschildert worden, das den Räubern in keiner
Hinsicht nachstände, ja dieß Schauspiel noch überträfe. Schiller, um
Mittheilung seines Manuscripts ersucht, erbot sich, dasselbe in einem
größern Kreise vorzulesen, der aus den bedeutendsten Mitgliedern der
Mannheimer Bühne bestand. Unter ihnen befanden sich Iffland, Böck, Beil u.
A. An einem bestimmten Tage versammelten sie sich Nachmittags in Meiers
Wohnung, mit gespannten Erwartungen von dem neuen Product eines Dichters,
dem sie ihre tiefste Verehrung auszudrücken suchten. Schiller begann seine
Vorlesung, nachdem er einen historischen Umriß und eine Erklärung der in
seinem Trauerspiel auftretenden Personen vorangeschickt hatte.
Das neue Stück brachte indeß eine ganz andere Wirkung hervor, als Schiller
erwartet haben mochte. Ungeachtet der Aufmerksamkeit und Stille, die unter
seinen Zuhörern herrschte, war kein Ausdruck von Empfindung, nicht das
geringste Zeichen des Beifalls sichtbar geworden, als Schiller bereits den
ersten Act seines Trauerspiels beendet hatte. In der eintretenden Pause
unterhielten sich die Schauspieler über das historische Factum; über die
dramatische Bearbeitung entschlüpfte ihnen kein Wort. Kein höheres
Interesse, als der erste Act, schien der zweite zu erregen. Die
Gleichgültigkeit der Zuhörer zeigte sich dadurch, daß sie, als einer von
ihnen, um die Zeit zu verkürzen, ein Bolzenschießen in Vorschlag brachte,
noch vor beendeter Vorlesung sich nach und nach entfernten. Schiller,
sichtbar verstimmt, nahm zeitig Abschied, ließ jedoch das Manuscript des
Fiesko dem Theaterregisseur Meier zurück, der ihn darum gebeten hatte, um
den Ausgang des Stücks kennen zu lernen.
Schiller irrte sich, als er die kalte Aufnahme seines Werks dem
Unverstand, dem Neid und der Kabale der Schauspieler beimaß. Durch seinen
schwäbischen Dialect und seine hochtrabende Declamation hatte das neue
Trauerspiel seine Wirkung auf die Zuhörer verfehlt. Sein anfänglich
ungünstiges Urtheil über das Stück änderte Meier, als er es mit
Aufmerksamkeit gelesen hatte. Er nannte den Fiesko eine sehr gelungene
Tragödie, die nächstens vorgestellt zu werden verdiene.
Getrübt wurden diese frohen Aussichten für Schiller wieder durch Briefe,
die er von seinen Stuttgarter Freunden erhielt. Sie äußerten die
Besorgnis, daß der Herzog von Würtemberg die churpfälzische Regierung
auffordern werde, den Flüchtling auszuliefern. Wohlmeinend riethen sie ihm
daher, Mannheim schleunig zu verlassen. Schiller entschloß sich, mit
Streicher über Darmstadt nach Frankfurt zu reisen. Die Casse der beiden
Freunde reichte nicht hin, einen Wagen zu bezahlen. Sie wanderten daher
über die Neckarbrücke nach Sandhofen. Gegen sechs Uhr Abends erreichten
sie Darmstadt, nachdem sie in einem Dorfe übernachtet hatten. Ihren Schlaf
störte um Mitternacht das furchtbare Trommeln der Reveille. Als Schiller
am andern Morgen mit seinem Freunde den Weg nach Frankfurt einschlug, nahm
seine Ermattung so bedeutend zu, daß er sich in einem Wäldchen ins Gras
legte, um sich durch einen kurzen Schlaf zu stärken. Die Abenddämmerung
war bereits eingetreten, als die beiden Freunde Frankfurt erreichten. In
der Vorstadt Sachsenhausen quartirten sie sich ein.
Schillers Kummer über seine hülflose Lage ward noch durch einen besondern
Umstand vermehrt. Er erfuhr, daß dem edelmüthigen Manne, der sich wegen
seiner Schuld von 200 Fl. für ihn in Stuttgart verbürgt hatte, Gefahr
drohte, von dem besorgten Gläubiger verhaftet zu werden. Nach langem
Zögern und nicht ohne innern Kampf entschloß sich Schiller, an den
Freiherrn v. Dalberg zu schreiben, der das Manuscript des "Fiesko" aus
Meiers Händen empfangen hatte. Sein früherer Trübsinn schien wieder
einigermaßen gewichen, als Schiller dieß Schreiben, in welchem er um einen
Vorschuß von 200 Fl. bat, mit einer an Meier addressirten Beilage an
Dalberg abgesandt hatte. Ein Spaziergang über die Mainbrücke erheiterte
ihn. Sein Geist erhielt eine andere Richtung, als er das geschäftige
Treiben der Kaufleute betrachtete. Mehrere dramatische Entwürfe traten vor
seine Seele. Mit besonderem Interesse ergriff er wieder eine Idee, die
schon auf dem Wege von Mannheim nach Sandhofen und von da nach Darmstadt
ihn lebhaft beschäftigt hatte. Es war der Entwurf zu einem bürgerlichen
Trauerspiel, das "Luise Millerin" heißen sollte, späterhin aber von
Schiller "Cabale und Liebe" genannt ward. Der Beifall, den v. Gemmingen's
"deutscher Hausvater" und andere dramatische Familiengemälde damals auf
der Bühne gefunden hatten, ward für Schiller die Veranlassung, sich
ebenfalls in dieser Gattung zu versuchen.
In kaum vierzehn Tagen hatte er schon mehrere Scenen seiner neuen Tragödie
vollendet. Seine traurige Lage entfernte ihn selten aus seinem
Ideenkreise. Es gab Stunden, wo er, für die Außenwelt fast gar nicht
vorhanden, sich blos den Eingebungen seiner Phantasie überließ. In solchen
Augenblicken, die sich durch seine ausdrucksvolle Miene, durch sein
lebhaftes Gebehrdenspiel und seinen empor gerichteten Blick kund gaben,
hielt sich Streicher von seinem Freunde mit einer Art von heiliger Scheu
so viel als möglich entfernt, um ihn in keiner Weise zu stören.
Einen angenehmen Eindruck machte auf Schiller die Anerkennung seines
Talents, als er beim Eintritt in einen Frankfurter Buchladen nach dem
Absatz der "Räuber" und nach dem Urtheil des Publikums über dieß Stück
sich erkundigte, und über beides eine höchst günstige und schmeichelhafte
Antwort erhielt. Er war davon so überrascht, daß er, ungeachtet er sich
dem Buchhändler als Doctor Ritter vorgestellt hatte, das Geständniß nicht
zurückhielt: er sei der Verfasser der Räuber.
Abermalige Briefe, die er von seinen Stuttgarter Freunden erhielt,
empfahlen ihm, wegen der großen Sensation, die sein Verschwinden erregt,
die äußerste Vorsicht und weckten dadurch in ihm allerlei neue
Besorgnisse. In die trostloseste Stimmung versetzte ihn Meiers Schreiben.
Er berichtete, daß Dalberg sich zu keinem Vorschuß verstehen wolle, bevor
das neue Trauerspiel erst umgearbeitet worden sei. In der jetzigen Gestalt
sei es für die Bühne unbrauchbar. Nicht einmal einige Zeilen von Dalbergs
Hand milderten diese kalte abschlägliche Antwort, die mit der frühern
Theilnahme jenes Mannes an Schillers Schicksal in dem auffallendsten
Contraste stand. Immer überließ sich Schiller noch der Hoffnung, daß die
Mannheimer Theaterdirektion sein Trauerspiel annehmen werde. Sein
Aufenthalt in Frankfurt war jedoch so kostspielig, daß er für rathsam
hielt, sich in die Gegend von Mannheim zu verfügen. Dort glaubte er im
äußersten Nothfall auf Schwans und Meiers Unterstützung rechnen zu können.
Um seine geringe Baarschaft etwas zu vermehren, entwarf er ein ziemlich
langes Gedicht, das leider verloren gegangen. Es führte die seltsame
Ueberschrift: "Teufel und Amor." Mißmuthig kehrte er jedoch mit diesem
poetischen Product wieder in seine Wohnung zurück, als ein Frankfurter
Buchhändler, welchem er sein Gedicht verkaufen wollte, ihm statt der
verlangten fünf und zwanzig Gulden nur achtzehn bot. Glücklicherweise
befreite ihn eine kleine Summe, die Streicher seiner Mutter verdankte, von
dem augenblicklichen, sehr drückenden Geldmangel. Mit dem Marktschiffe
fuhren die Freunde nach Mainz. Den Weg nach Worms setzten sie am nächsten
Tage zu Fuße fort. Kurz vor seiner Abreise hatte Schiller an den
Theaterregisseur Meier in Mannheim geschrieben. Sein Brief enthielt die
Bitte, ihm einen Ort zu bestimmen, wo sie sich sprechen könnten.
Diese Zusammenkunft fand in Oggersheim statt, in einem Wirthshause, der
Viehhof genannt. Den trostlosen Dichter suchte Meier durch die Aussicht zu
beruhigen, daß sein Trauerspiel mit einigen Abkürzungen sicher auf die
Bühne gebracht werden dürfte. Schiller erklärte sich sofort zur
Umarbeitung seines Stücks bereit, ohne die geringste Empfindlichkeit zu
verrathen, daß ihn Dalberg so bitter getäuscht. Er entschloß sich, einige
Wochen in Oggersheim zuzubringen. Rathsam schien ihm dieß auch schon wegen
der Gefahr der Auslieferung, die ihm nach den Briefen seiner Stuttgarter
Freunde drohte. Dem Wirth im Viehhof, bei welchem er gemeinschaftlich mit
Streicher Kost und Logis für den Tag bedungen batte [hatte], nannte er
sich Doctor Schmidt.
Statt indeß, wie er dem Theaterregisseur Meier versprochen hatte, die
Umarbeitung des "Fiesko" sogleich anzufangen, beschäftigte ihn sein früher
erwähntes bürgerliches Trauerspiel, die "Luise Millerin." In den nächsten
acht Tagen hatte er kaum sein Zimmer verlassen. Abends ging er nachsinnend
in dem oft nur vom Mondlicht erhellten Zimmer auf und ab. Angenehm war es
ihm dann, wenn das Clavierspiel seines Freundes Streicher durch bald
lebhafte, bald melancholische Töne die Gefühle in ihm aufregte, durch die
sein Trauerspiel rühren und erschüttern sollte. Bei den darin auftretenden
Personen ließ er die Individualität der Mannheimer Schauspieler nicht
unberücksichtigt. Beck's Gattin, eine der liebenswürdigsten Künstlerinnen,
sollte die Rolle der Luise übernehmen. Von dem Schauspieler Beil als
Stadtmusikus Miller erwartete Schiller eine recht naive und drollige
Auffassung dieses Charakters. Eine großartige Wirkung versprach er sich
von dem Wechsel der komischen und tragischen Scenen in seinem Stück. Er
interessirte sich für seinen neuen dramatischen Stoff so lebhaft, daß die
Umarbeitung des "Fiesko" dadurch in den Hintergrund gedrängt ward.
Bei diesem republikanischen Trauerspiel, wie er es nannte, hatte er
ohnedieß mit manchen Schwierigkeiten zu kämpfen, besonders hinsichtlich
der noch unvollendeten Katastrophe. Er schwankte, ob er dem historischen
Factum, nach welchem Fiesko durch einen Zufall in den Wellen seinen Tod
fand, in seiner dramatischen Bearbeitung treu bleiben sollte.
Beschleunigen mußte er jedenfalls seine Arbeit. Seine Lage drängte ihn
dazu. Er bedurfte aber auch der Zerstreuung, und fand sie, wenn er dann
und wann seine Freunde in Mannheim besuchte. Gewöhnlich übernachtete er
dort. Aber auch in Oggersheim, wo es ihm nicht sonderlich gefiel, verhalf
ihn der Zufall zur Bekanntschaft mit dem dortigen Kaufmann Derain, einem
vielseitig gebildete Manne. Zwischen ihm und Schiller bildete sich ein
Freundschaftsverhältniß, und trauliche Gespräche verkürzten dem Dichter
auf diese Weise die trüben und neblichten Abende, die mit dem Anfang des
November eintraten.