Durch keine Rücksicht ließ sich in diesem Schauspiel Schillers

Freiheitsdrang und seine feurige Phantasie zähmen, die ihn in's

Schrankenlose und Leidenschaftliche trieb. In einer Selbstcritik der

"Räuber", die er später entwarf, äußerte Schiller, Rousseau habe es am

Plutarch gerühmt, daß dieser erhabene Verbrecher zum Stoff seiner Stücke

gewählt habe und Schiller gab nicht undeutlich zu verstehen, daß er diesem

Beispiel gefolgt sei. Es lag in seiner Natur, Alles in's Uebermäßige zu

treiben. In den Personen, die er in seinem Schauspiel auftreten ließ,

wurde Alles Affect und Leidenschaft. Sogar dem metaphysischen Franz Moor,

der sich im ersten Act der Räuber einen kalten, hölzernen Alltagsmenschen

hatte, gab Schiller im vierten Act eine gewisse Sentimentalität. Unter

allen von ihm dargestellten Charakteren war kaum ein einziger, der nicht

durch eine momentane Aufwallung bald hier- bald dorthin gerissen ward. Von

den verschiedenartigsten Empfindungen, von Zorn, Wehmuth, Rührung, Jubel,

Verzweiflung und Wahnsinn ergriffen, schilderte er in der letzten Scene

seinen Helden Karl Moor, in welchem er zum Theil sich selbst mit seinem

leidenschaftlichen Freiheitsdrang gezeichnet hatte. "Ich soll," ließ er

ihn sagen, "meinen Leib pressen in eine Schnürbrust, und meinen Wollen

schnüren in Gesetze? Das Gesetz hat zum Schneckengang verdorben, was

Adlersflug geworden wäre. Das Gesetz hat noch keinen großen Mann gebildet,

aber die Freiheit brütet Colosse und Extremitäten aus."

Während Schiller seinem idealen Freiheitsdrange in den Räubern Luft

machte, mußte ihm ein Blick auf seine Verhältnisse sagen, daß er selbst

der lang ersehnten Freiheit noch immer entbehrte, oder sie wenigstens nur

scheinbar erhalten hatte. Abgesehen davon, daß mit der früher erwähnten

Anstellung als Regimentsarzt bei dem in Stuttgart cantonirenden Regimente

Auge, bei welchem er sich mit dem geringen Monatsgehalt von achtzehn

Gulden Reichswährung begnügen mußte, sah er sich noch immer gefesselt

durch die strengen Bande militärischer Verhältnisse. Schon seine Kleidung

mußte ihn daran erinnern. Eingepreßt in eine Uniform nach altpreußischem

Schnitt, trug er an jeder Seite drei stark vergipste Rollen, auf dem Kopf

einen kleinen Hut, eine schmale Halsbinde von Roßhaar und sehr klappe

Beinkleider mit weißen Gamaschen. Schillers lange, hagere Gestalt, das

bleiche eingefallene Gesicht und seine von Natur steife Haltung konnten

durch diesen Anzug nicht gewinnen, der jede freie Muskelbewegung lähmte.

Der ungünstige Eindruck seiner Persönlichkeit ward verstärkt durch seine

meist entzündeten Augen und sein röthliches Haar.

Was die Natur ihm in körperlicher Hinsicht versagt, hatte sie reichlich

vergütet durch die innere Kraft seines Geistes, die in seiner Unterhaltung

einen unwiderstehlichen Zauber ausübte. Auch dem gewöhnlichsten Gespräch

wußte Schiller ein Interesse zu geben durch das Talent, Nahes und Fernes

zu verknüpfen, und Allem, was er sagte, eine gewisse Bedeutung zu geben.

Selten entschlüpfte ihm ein Wort des Unmuths über seine noch immer nicht

günstigen Verhältnisse. Selbst im Kreise seiner vertrautesten Freunde

schwieg er über diesen Punkt. Seine frühere Neigung zum geistlichen Stande

schien verschwunden. Die lange Laufbahn eines würtembergischen Theologen,

die er hätte durchwandern müssen, schreckte ihn. Jetzt, meinte er, sei er

fertig, ausgerüstet für die Welt. An Entbehrung gewöhnt, schien er

zufrieden mit seinen nichts weniger als günstigen Verhältnissen. Seine

jugendlich frohe Laune würzte die frugale Kost, die er mit dem Lieutenant

Kapf theilte, der gleichzeitig mit ihm die Karlsschule verlassen hatte.

Beide bewohnten gemeinschaftlich ein kleines Zimmer, parterre, im Hause

des Professors Haug, mit welchem Schiller durch seine Beiträge zu dem

Schwäbischen Magazin in einer Art von literarischer Verbindung stand.

Eine höchst wichtige Angelegenheit, die ihn längere Zeit beschäftigte, war

für Schiller die Herausgabe seiner Räuber. Seinen Freunden hatte er das

Manuscript zur Beurtheilung mitgetheilt. In einem noch erhaltenen Briefe

richtete er an seinen Freund Petersen, den nachherigen Bibliothekar in

Stuttgart, die dringende Bitte, ihm zur Herausgabe seines Schauspiels

behülflich zu seyn, und dieselbe möglichst zu beschleunigen. Als den

ersten und wichtigsten Grund nannte er seinen drückenden Geldmangel. Dann

wünschte er aber auch das Urtheil der Welt über seine Befähigung zum

Dramatiker und Schriftsteller überhaupt zu vernehmen.

Was seine Freunde über die Räuber urtheilten, schien ihm nicht

gleichgültig. Er selbst hatte seinem Schauspiel, noch auf der Karlsschule,

bald nach dem Entwurf des Plans, ein eigenthümliches Prognostikon gestellt

durch die an seinen Freund Scharffenstein gerichtete Aeußerung: "Wir

wollen ein Buch machen, das durch den Henker absolut verbrannt werden

muß." Auf ähnliche Weise hatte Schiller in der Vorrede zu den Räubern sich

damit zu entschuldigen gesucht: "Wer eine Copie der wirklichen natürlichen

Welt und keine theatralischen Affectationen, keine Compendienmenschen

liefern wolle, sei in die Notwendigkeit versetzt, Charaktere auftreten zu

lassen, die das feinere Gefühl der Tugend beleidigten, und die

Zärtlichkeit unsrer Sitten empörten."

Vergebens bemühte sich Schiller, für sein Schauspiel einen Verleger zu

finden. Auch die Bemühungen seines Freundes Petersen hatten keinen Erfolg.

Der unbemittelte Autor mußte den Druck seines Werks auf eigene Kosten

veranstalten. Die dazu erforderliche Summe von 150 Gulden würde weder von

ihm, noch von seinen Freunden aufzubringen gewesen seyn, wenn sich nicht

eine dritte Person für die Rückzahlung eines Darlehns von jenem Belange

verbürgt hätte. Ein Zögling der Karlsschule hatte sich erboten,

unentgeltlich eine Vignette zu radiren, welche den Titel des Schauspiels

schmücken sollte. Es war ein Löwe, mit dem die Tendenz des Stücks

bezeichnenden Motto: %In Tyrannos%. Dies grimmige Thier, mit erhobener

Vordertatze und ausgestrecktem Schweif fiel in den spätern Ausgaben der

Räuber hinweg. Das Schauspiel ward auf fast durchsichtigem Papier

gedruckt. Trotz der fehlerhaften Orthographie und der zahllosen

Druckfehler freute sich Schiller unendlich, als er die ersten

Aushängebogen empfing. Mehrere derselben sandte er, noch vor Beendigung

des Drucks, dem Buchhändler Schwan in Mannheim, mit der Bitte, sein Werk

auch im Auslande bekannt zu machen, und groß war Schillers Freude, als ihn

Schwan schriftlich zu einer Umarbeitung seines Schauspiels für die

Mannheimer Bühne aufforderte. Durch die ihm mitgetheilten Bemerkungen

Schwan's fand sich Schiller veranlaßt, in den letzten Bogen der Räuber

manchen zu grellen und widerlichen Ausdruck zu mildern, und die Vorrede

völlig umdrucken zu lassen.

Die jugendliche Begeisterung, sein Schauspiel gedruckt zu sehen,

verscheuchte dem jungen Dichter die Sorgen und mißlichen Umstände des

Selbstverlags. Seine Autoreitelkeit fühlte sich geschmeichelt, als

durchreisende Schöngeister, unter andern der als Pater Brey in Goethe's

Jahrmarkt zu Plundersweiler verewigte Schriftsteller Leuchsenring, ihm

ihren Besuch abstatteten. Leicht übersah Schiller, daß sein ärmliches

Logis nichts weniger als geeignet war zur Aufnahme von Fremden, die, nach

dem spätern Bericht eines seiner Jugendfreunde, selbst mitunter in schönen

Equipagen gefahren kamen. In jenem nach Tabak und Allerhand riechenden

Zimmer bestand das Mobiliar in einem großen Tisch und Bänken. An den

Wänden hing die Garderobe, angestrichene Beinkleider u.s.w. In der einen

Ecke des Zimmers lagen hohe Ballen der Räuber, und in der andern fiel das

Auge auf einen Haufen Kartoffeln, mit leeren Tellern, Bouteillen u. dgl.

bunt durcheinander.

Durch den Buchhändler Schwan in Mannheim war Schiller mit dem Intendanten

des dortigen Theaters dem Freiherrn v. Dalberg, einem als Beförderer von

Kunst und Wissenschaft allgemein geachteten Manne, in Verbindung gekommen.

Auch von Dalberg ward er zu einer Umarbeitung seiner Räuber für die

Mannheimer Bühne aufgefordert, die damals zu den vorzüglichsten in

Deutschland gehörte. In vierzehn Tagen hoffte Schiller mit der Umarbeitung

seines Schauspiels, für die ihm ein bestimmtes Honorar zugesichert worden

war, fertig zu werden. Er konnte jenen ohnehin kurz anberaumten Termin um

so weniger einhalten, da ihm eine in dem Regiment Auge ausgebrochene

Ruhrepidemie oft von seinen poetischen Beschäftigungen abrief. Ueberdieß

mußte er täglich auf der Wachtparade erscheinen und dem General über den

Zustand der Kranken in den Lazarethen Bericht abstatten. Erschwert ward

ihm die Umarbeitung seines Schauspiels noch durch seine Unbekanntschaft

mit den theatralischen Anforderungen und Bedürfnissen. Erst am 6. October

1781 konnte er seinen "verlornen Sohn", wie er damals die Räuber nannte,

an Dalberg senden. In dem Briefe, der das Manuscript begleitete,

verschwieg er nicht die unsägliche Mühe und Geistesanstrengung, die ihm

die Umarbeitung der Räuber gekostet, und gestand offen, daß er in

derselben Zeit ein ganz neues Stück würde haben liefern können.

Schriftliche, mündliche und gedruckte Kritiken hatte er, nach seinem

eignen Geständniß, auf's Sorgfältigste benutzt, den ursprünglichen Entwurf

des Stücks verändert und mehrere ganz neue Scenen und Situationen

hinzugefügt. Auch darüber gab er in seinem fortgesetzten Briefwechsel mit

dem Freiherrn v. Dalberg hinreichende Auskunft.

Diese Correspondenz und die dadurch bedingte Beschäftigung mit seinen

Räubern nahm Schillers Zeit, die ohnedieß durch seinen ärztlichen Beruf

mehrfach zersplittert war, fast über seine Kräfte in Anspruch.

Demungeachtet fand er noch Muße zur Herausgabe einer poetischen

Blumenlese. Sie erschien unter dem Titel: "Anthologie für das Jahr 1782,"

nach einer Bemerkung auf dem Titel angeblich zu Tobolsko gedruckt. Durch

diese Anthologie, zu welcher mehrere seiner Freunde Beiträge lieferten,

wollte Schiller, wie einer derselben erzählt, den Musenalmanach

"zermalmen", den der Kanzleiadvokat Stäudlin in Stuttgart, ein

mittelmäßiger, doch sehr anmaßender Poet, herauszugeben beabsichtigte.

Schiller mußte die Anthologie großenteils mit seinen eignen Gedichten

füllen, da er unter den wenigen Beiträgen, die er von seinen Freunden

erhielt, noch eine strenge Auswahl traf, und sich dabei von allerlei

Rücksichten leiten ließ. Wie bei den Räubern, verschwieg er auch auf dem

Titel jener Blumenlese, wie in dem Buche selbst, seinen Namen. Mit dem

Buchstaben Y unterzeichnete er die meisten seiner Gedichte, einige jedoch

auch mit andern Lettern. Nur dem Gedicht "Monument Moor's, des Räubers"

fügte er die Unterschrift bei: "Vom Verfasser der Räuber." Durch Feuer der

Phantasie und Gluth der Empfindung zeichneten sich die von Schiller

verfaßten Gedichte an Laura aus, zu denen Schillers damalige Bekanntschaft

mit einer jungen Offizierswittwe in Stuttgart die nächste Veranlassung

gegeben haben soll.

Während Schiller sich mit der Herausgabe seiner Anthologie beschäftigte,

die vor Kurzem neu gedruckt worden, blickte er mit Sehnsucht nach dem

Zeitpunkte, wo die erste Vorstellung der Räuber in Mannheim statt finden

sollte. Mehrere Briefe an Dalberg schilderten seine Ungeduld, die gar

keine Grenzen kannte. Dem Theaterzettel, der den 13. Januar 1782 an den

Straßenecken Mannheims die Vorstellung der Räuber ankündigte, war noch

eine von Schiller verfaßte Proclamation beigefügt, zu welcher der Dichter

durch Dalberg veranlaßt worden war. Sie lautete. "Die Räuber--das Gemälde

einer verirrten großen Seele, ausgerüstet mit allen Gaben zum

Fürtrefflichen und mit allen Gaben verloren. Zügelloses Feuer und

schlechte Kameradschaft verdarben Karl's Herz--rissen ihn von Laster zu

Laster--bis er zuletzt an der Spitze einer Mordbrennerbande stand, Greuel

auf Greuel häufte, von Abgrund zu Abgrund stürzte, in alle Tiefen der

Verzweiflung.--Groß und majestätisch im Unglück und durch Unglück

gebessert, zurückgeführt zum Fürtrefflichem. Einen solchen Mann wird man

im Räuber Moor beweinen und hassen, verabscheuen und lieben.--Einen

heuchlerischen heimtückischen Schleicher wird man entlarvt erblicken und

gesprengt sehen in seinen eignen Minen. Einen allzu Schwachen,

nachgiebigen Verzärtler und Vater. Die Schmerzen schwärmerischer Liebe und

die Folter herrschender Leidenschaft. Hier wird man auch nicht ohne

Entsetzen in die innere Wirthschaft des Lasters Blicke werfen, und aus de

Bühne unterrichtet werden, wie alle Vergoldungen des Glücks den innern

Wurm nicht tödten, und Schrecken, Angst, Reue und Verzweiflung hart hinter

seinen Fersen sind. Der Zuschauer weine heute vor unsrer Bühne--und

schaudere--und lerne seine Leidenschaften unter die Gesetze der Religion

und des Verstandes beugen; der Jüngling sehe mit Schrecken dem Ende der

zügellosen Ausschweifungen nach, und auch der Mann gehe nicht ohne den

Unterricht aus dem Schauspiel, daß die unsichtbare Hand der Vorsicht auch

den Bösewicht zu Werkzeugen ihrer Absichten und Gerichte brauche, und den

verworrensten Knoten des Geschicks zum Erstaunen auflösen könne."

Aus Heidelberg, Darmstadt, Frankfurt und andern benachbarten Orten waren

am 13. Januar 1782 zahlreiche Fremde zu Wagen und zu Fuß nach Mannheim

geströmt, um von den Künstlern einer der vorzüglichsten Bühnen

Deutschlands ein Stück darstellen zu sehen, das bereits große Sensation

erregt hatte. Auf dem Theaterzettel war ausdrücklich bemerkt worden, daß

man, um die Veränderung der Coulissen zu erleichtern, die fünf Acte der

Räuber in sieben habe zerfallen lassen, die bis nach zehn Uhr dauerten. Um

den ihnen zugetheilten Rollen zu genügen, boten die Schauspieler all' ihr

Talent auf, Bök als Karl Moor, Iffland als Franz Moor, Beil als Schweizer,

Beck als Kosinsky. Tieferschütternd war vor Allem die Art und Weise, wie

Iffland als Franz Moor diesen Charakter auffaßte und in allen Abstufungen

consequent durchführte. Selbst die äußere Erscheinung des damals kaum

sechs und zwanzig Jahre alten Künstlers, sein schmächtiger Körper, sein

blasses, hageres Gesicht, harmonirten mit seinem Spiel, besonders in der

Scene, wo er den Traum vom jüngsten Gericht erzählte, und in der Hand die

Lampe, die sein todtenbleiches Gesicht beleuchtete, zu Boden sank.

Von der mächtigen Wallung seines Schauspiels überzeugte sich Schiller, der

der Vorstellung beiwohnte, durch den stürmischen Beifall der Menge. Ohne

Urlaub war er heimlich nach Mannheim abgereist. Die Darstellung seines

Schauspiels hatte so begeisternd auf ihn gewirkt, daß in ihm der Wunsch

aufstieg, als Mitglied des Mannheimer Theaters die Bühne zu betreten.

Ernstlich widerrieth ihm dies jedoch Beil, indem er äußerte, nicht als

Schauspieler, wohl aber als Schauspieldichter werde er einst der deutschen

Bühne zur Zierde gereichen. Die wärmsten Danksagungen über die Vorstellung

der Räuber stattete Schiller in einem Briefe dem Freiherrn v. Dalberg ab.

Er schloß sein Schreiben mit den Worten: "Ich glaube, wenn Deutschland

einst einen dramatischen Dichter in mir findet, so muß ich die Epoche von

der vorigen Woche an zählen."

Ueber sein Talent und seinen wahren Beruf schien er, nach dieser

Aeußerung, zur Gewißheit gekommen zu seyn. Um so lästiger waren ihm aber

jetzt seine medicinischen Geschäfte und der militärische Dienstzwang, dem

er sich unterwerfen mußte. Mit tiefem Unmuth empfand er es, daß er seine

ganze Kraft, seine schönsten Stunden völlig heterogenen Geschäften opfern

mußte. Er sehnte sich in die Pfalz, nach Mannheim zurück, wo er eine

seinen Wünschen und Neigungen mehr entsprechende Lage zu finden hoffte.

Das Verlangen nach erneuter poetischer Thätigkeit regte sich in ihm immer

lebhafter. Unter mehreren dramatischen Stoffen gab er einer Bearbeitung

der Verschwörung des Fiesko in Genua den Vorzug. Für dieß historisch

merkwürdige Ereigniß hatte er sich schon auf der Karlsschule lebhaft

interessiert. Die Beschäftigung mit seinem neuen dramatischen Stoff raubte

ihm die Muße zu einer ausführlichen Selbstcritik der Räuber, die er dem

Freiherrn v. Dalberg versprochen hatte. Er entschuldigte sich deßhalb

brieflich, und fügte die Aeußerung hinzu, daß er bereits in einem

"vaterländischen Journal einige Worte über sein Schauspiel gesagt habe."

Mit diesem Journal meinte er eine Vierteljahrsschrift, unter dem Titel

eines "Würtembergischen Repertoriums der Literatur", zu dessen Herausgabe

er sich mit seinem ehemaligen Lehrer, dem Professor Abel und mit seinem

Freunde Petersen vereinigt hatte. Von jenem Journal erschienen jedoch nur

drei Stücke, die einige von Schiller herrührende und später in seinen

Werken wieder abgedruckte Aufsätze enthielten, unter andern eine

Abhandlung über das deutsche Theater, den "Spaziergang unter den Linden",

und eine "großmüthige Handlung aus der neuesten Geschichte." Unstreitig

die bedeutendste Abhandlung, die Schiller für das Würtemberger Repertorium

der Literatur lieferte, war eine Selbstcritik der Räuber nach der

Mannheimer Theaterausgabe. Sich selbst und seine Leistungen beurtheilte er

mit einer vorurtheilsfreien Strenge, die in Bezug auf sein Talent mitunter

an Geringschätzung grenzte. Reich war jene Selbstchritik besonders an

psychologischen Bemerkungen, und unstreitig das Gediegenste, was bisher

über sein Schauspiel gesagt worden war.

Unter diesen literarischen Beschäftigungen zog sich über seinem Haupt ein

drohendes Ungewitter zusammen, das sowohl in seine schriftstellerische

Thätigkeit, die ihm allein Trost und Freude gab, als auch in seine äußern

Lebensverhältnisse zerstörend eingreifen zu wollen schien. Durch die

größere Verbreitung war die Sensation, welche sein Schauspiel gleich

Anfangs erregt hatte, noch vermehrt worden. Wegen ihrer verderblichen

Wirkung auf jugendliche Köpfe hatten die Räuber zu den lebhaftesten

Besorgnissen Anlaß gegeben. Der revolutionäre Inhalt des Stücks, das der

bestehenden Ordnung Hohn sprach, und allen bisherigen Verhältnissen den

Umsturz drohte, war es nicht allein, was jene Sensation erregte.

Gesteigert ward sie noch dadurch, daß man mehrere Stellen in den Räubern

als gehässige Anspielungen auf die nächsten Umgebungen, ja auf den

Würtembergischen Hof selbst bezeichnete. Schillers Persönlichkeit milderte

zwar einigermaßen den Inhalt seines Stücks. Als ein excentrischer Kopf

hatte er sich jedoch schon in seiner Anthologie gezeigt, in mehreren dort

mitgetheilten Gedichten, unter andern in einer Art von Nachahmung der

Fürstengruft von Schubert, "die schlimmen Monarchen" überschrieben. Durch

ein nicht mehr erhaltenes Gedicht auf den Tod eines Offiziers soll er den

Herzog von Würtemberg persönlich verletzt haben, der als ein vielseitig

gebildeter Fürst der Dichtkunst eigentlich nicht abhold war, doch die

Richtung mißbilligte, die Schillers poetisches Talent genommen. Immer war

dieser des Herzogs Liebling gewesen. Er ließ ihn daher zu sich kommen, und

warnte ihn väterlich vor ähnlichen Ausschweifungen seiner Phantasie. Daß

Schiller ihm seine künftigen poetischen Produkte vor dem Druck zeigen

sollte, war ein Verlangen, welchem der junge Dichter nicht willfahren

konnte, und seine Weigerung ward leicht begreiflicher Weise nicht gut

aufgenommen.

Ein unangenehmer Vorfall kam indeß noch hinzu, um das Band, das ihn an

seinen fürstlichen Gönner kettete, völlig zu lösen. Die in den beiden

ersten Ausgaben der Räuber befindlichen Worte Spiegelbergs, die Schiller

später unterdrückte: "Ich rathe dir, reise du in's Graubündner Land; das

ist das Athen der heutigen Gauner!" hatten einen Bündner so hart verletzt,

daß er sich darüber in dem Hamburger Correspondenten öffentlich beklagte.

Ein Garteninspector in Ludwigsburg, Walter mit Namen, ward dadurch

veranlaßt, sich zum Agenten der Bündner aufzuwerfen, und dem Herzog von

Würtemberg das erwähnte Zeitungsblatt vorzulegen. In seiner Vertheidigung

berief sich Schiller darauf, daß er jene Aeußerung dem Munde des gemeinen

Volks in Schwaben abgelauscht habe. Er erhielt von seinem entrüsteten

Landesherrn einen harten Verweis. Zugleich erging an ihn der strenge

Befehl, bei Festungsstrafe nichts Anderes drucken zu lassen, als was zu

seinem Fach, der Medicin, gehörte. Schillers eigene Worte in der

Ankündigung der späterhin von ihm herausgegebenen Zeitschrift, "die

Rheinische Thalia", schildern am besten den Eindruck, den jener

despotische Befehl auf ihn gemacht hatte. "In einer Epoche", schrieb er,

"wo der Ausspruch der Menge unser schwankendes Selbstgefühl leiten muß, wo

das warme Blut eines Jünglings durch den freundlichen Sonnenblick des

Beifalls munterer fließt, tausend einschmeichelnde Ahnungen künftiger

Größe seine schwindelnde Seele umgeben, und der göttliche Nachruhm in

schöner Dämmerung vor ihm liegt--mitten im Genuß des ersten

verführerischen Lobes, das unverhofft und unverdient aus entlegenen

Provinzen mir entgegen kam, untersagte man mir in meinem Geburtsorte, bei

Strafe der Festung--zu schreiben."

Den Enthusiasmus, mit welchem Schiller sich der Fortsetzung und Vollendung

seines Trauerspiels: "die Verschwörung des Fiesko" widmete, hatte jener

despotische Befehl nicht schwächen können. Bei den erforderlichen

historischen Vorarbeiten zog er die Stuttgarter Bibliothek zu Rathe. Er

fand dort mehrere schätzbare Werke, die ihm über jenes merkwürdige

Ereigniß, über die Verschwörung selbst, ihren Schauplatz und ihre Zeit

Aufklärung verschafften. Erst nach diesen Zurüstungen entwarf Schiller

einen ausführlichen, auf Acte und Scenen berechneten Plan. Das Urtheil

seiner Freunde über sein neues Stück war ihm nicht gleichgültig. Er

theilte ihnen einzelne Scenen mit, um ihre Meinung zu hören.

Schon durch seine äußern, höchst ungünstigen Verhältnisse war Schiller

genöthigt, auf dem einmal betretnen Wege fortzuschreiten. Auch seine

Anthologie hatte er auf eigene Kosten herausgegeben. Dadurch war die noch

immer nicht abgetragene Schuld, in die er durch den Druck der Räuber

gerathen war, bis zu 200 Fl. vermehrt worden. Kaum zur Bestreitung der

nöthigsten Bedürfnisse reichte der mäßige Gehalt, den er als

Regimentsmedicus bezog. Berauscht von dem Beifall, der ihm als Dichter

überall entgegen kam, überließ er sich manchen Vergnügungen, Zerstreuungen

und jugendlichen Thorheiten, die seine Casse erschöpften und zugleich

seiner Gesundheit schadeten. Nicht gänzlich verlor er jedoch darüber

seinem Beruf aus den Augen. Er beschäftigte sich vielmehr fleißig mit

einer Dissertation, die ihm zum Grade eines Doctors der Medicin verhelfen

sollte.

Der Beifall, den die Räuber nach mehrmaligen Vorstellungen fanden, war so

groß, daß Schiller der Lockung nicht widerstehen konnte, sein Schauspiel

nochmals in Mannheim aufführen zu sehen. Er begab sich dorthin am 25. Mai

1782 in Begleitung einiger Freunde und Freundinnen, die sich lebhaft für

sein Schauspiel interessirten. Von dem Herzog von Würtemberg, der auf

kurze Zeit verreist war, hatte er keinen Urlaub nehmen können. Begeistert

von dem Eindruck und der Wirkung seines Schauspiels, doch zugleich

schmerzlich ergriffen von dem Gedanken an die Fesseln, die die Kräfte

seines Geistes lähmten, kehrte er nach Stuttgart zurück. Sein Unmuth ward

noch vermehrt durch physische Leiden. Ein an Dalberg gerichteter Brief vom

4. Juni 1782 schilderte seine trübe Stimmung und trostlose Lage. "Noch bin

ich wenig oder nichts", schrieb er. "In diesem Norden des Geschmacks werde

ich ewig niemals gedeihen, wenn mich sonst glücklichere Sterne und ein

griechisches Klima zum wahren Dichter erwärmen würden."

Friedrich v. Schiller's Biographie · 第 2 / 9 段