Wenn er Nachts, wo seine Phantasie am lebhaftesten aufgeregt

Produced by The PG Online Distributed Proofreading Team.

_ Kursiv / italic

# Fett / bold

% Antiqua / antiqua

[] Korrektur von Satzfehlern / correction of typos

Biographien

Deutscher Classiker.

#SUPPLEMENT#

zu der Göschen-Cottaischen Ausgabe

"deutscher Classiker"

* * * * *

Erstes Bändchen.

#FRIEDRICH VON SCHILLER.#

Jena, 1853

Friedrich v. Schiller's

#BIOGRAPHIE#

von

Dr. H. Doering.

Complet in Einem Bändchen

#SCHILLER'S LEBEN.#

_Friedrich Schiller_, mit seinen vollständigen Vornamen Johann Christoph

Friedrich, später in den Adelstand erhoben, erblickte zu Marbach den 11.

November 1759 das Licht der Welt, unter Verhältnissen, die der Entwicklung

vorhandener Fähigkeiten und Geistesanlagen nicht besonders günstig, für

die Gesundheit des Leibes und der Seele aber von günstigem Einfluß waren.

Seinen Vater, _Johann Caspar_, geboren am 27. Oktober 1723 zu Bitterfeld,

gestorben am 7. Sept. 1796 auf dem Herzogl. Würtembergischen Lustschlosse

Solitude bei Stuttgart, schildern übereinstimmende Berichte als einen

Biedermann von unbescholtenem Wandel und strenger Redlichkeit, weniger

ausgezeichnet durch eine vielseitige Bildung, als durch eine große

Gewandtheit im praktischen Leben. Als Wundarzt hatte er 1745 ein

Bairisches Husarenregiment nach den Niederlanden begleitet, und war nach

dem Aachner Frieden (1748) wieder nach Würtemberg zurückgekehrt, wo er als

Fähndrich und Adjutant bei dem Regiment Prinz Louis angestellt, einigen

Feldzügen des siebenjährigen Krieges beiwohnte. Durch Mäßigkeit blieb er

verschont von den ansteckenden Seuchen, die in Böhmen das Regiment, bei

dem er stand, hart heimsuchten. Neben der sorgsamen Pflege der Kranken

vertrat der rastlos thätige Mann die Stelle eines Feldpredigers durch

Vorlesen von Gebeten und durch Leitung des Gesanges. Später stand er bei

einem andern Regiment in Hessen und Thüringen. In Ludwigsburg, wo er nach

dem Hubertsburger Frieden im Quartier lag, gründete er, mit

vorherrschendem Interesse an der Oekonomie, eine Baumschule, nach den

Prinzipien, die er in spätern Jahren (1795) in einem von ihm

herausgegebenen Werke: "die Baumzucht im Großen," bekannt machte. Der

Herzog Carl von Würtemberg fand sich dadurch veranlaßt, ihm mit dem

Charakter eines Hauptmanns, die Aufsicht über die Anpflanzungen und

Gartenanlagen auf einem seiner Lustschlösser, der Solitude bei Stuttgart,

zu übertragen, wo er, von seinem Fürsten geachtet und geliebt von seinen

Untergebenen, in rastloser Thätigkeit sein Leben beschloß. In einem noch

erhaltnem Briefe dankte er mit frommer Rührung dem Ewigen, daß er ihm noch

gegönnt, seines Sohnes Ruhm zu erleben.

Schiller's Mutter, _Elisabeth Dorothea Kodweiß_, die Tochter eines früher

wohlhabenden, späterhin durch eine Ueberschwemmung des Neckars und andere

Unglücksfälle verarmten Bürgers zu Marbach, war eine sanfte, anspruchslose

und gutmüthige Hausfrau, ohne vielseitige Bildung, doch eine Freundin der

religiösen Poesie, besonders der Gellert'schen Lieder. Von Gestalt war sie

schlank, ohne eigentlich groß zu seyn, ihr Haar hochblond, beinahe

röthlich, die Augen kränklich und meist etwas entzündet. Aus ihren durch

Sonnenflecken etwas entstellten Zügen sprach Wohlwollen und Milde. Dem

klaren und scharfen Verstande ihres Gatten gegenüber trat die innige Wärme

des Gefühls, mit der sie an ihm und ihren Kindern hing, um so

unverkennbarer hervor. Sie ward von ihnen tief betrauert, als sie im Mai

1802 ihre irdische Laufbahn beschloß.

Nur seiner guten Natur und der sorgsamen Pflege seiner Mutter hatte es

Schiller zu verdanken, daß er bei seiner zarten Körperconstitution nicht

den krampfhaften Zufällen unterlag, die ihn bei den gewöhnlichen

Kinderkrankheiten hart heimsuchten. Seine Geistesanlagen entwickelten sich

früh in einer regen Wißbegierde, die seine Eltern mit den mannichfachsten

Fragen bestürmte. Die Bibel war seit seinem fünften Jahre seine

Lieblingslectüre, und mit gespannter Aufmerksamkeit horchte er, wenn der

Vater, wie es seine Gewohnheit war, das Morgen- und Abendgebet im

Familienkreise laut sprach. Bis zu Thränen ward er gerührt, als einst auf

einem Spaziergange seine Mutter ihm das Osterfeiertags-Evangelium erklärte

und ihm erzählte, wie Jesus mit zweien seiner Jünger nach Emmaus gewandert

sei. Mit der Liebe für alles Große und Schöne verband er Gehorsam gegen

seine Eltern und Verträglichkeit mit seinen Geschwistern und Gespielen.

Zwei Jahre älter als er, war seine Schwester _Elisabeth Christophine

Friedericke_, späterhin mit dem Bibliothekar _Reinwald_ in Meiningen

verheirathet. Eine zweite Schwester, _Dorothea Luise_ ward nach ihm 1767

geboren und nachher die Gattin des Stadtpfarrers _Frankh_ zu Möckmühl im

Würtembergischen. Eine dritte Schwester, _Nanette_ mit Namen, starb

bereits in ihrem achtzehnten Lebensjahre.

Von Schwäbisch Gmünd, wohin er von dem Herzog von Würtemberg als

Werbeofficier gesandt worden war, begab sich Schillers Vater 1765 nach

Lorch, einem Würtembergischen Grenzdorfe. Zu dem Unterricht, den der

sechsjährige Knabe dort im Lesen und Schreiben erhielt, traten späterhin

auch die Elemente der lateinischen und griechischen Sprache. Den Namen

seines ersten Lehrers, des Pfarrers Moser in Lorch, verewigte Schiller

später in seinen "Räubern". An dem Sohne jenes Geistlichen, Carl Moser,

erhielt er zugleich seinen ersten Jugendfreund, der nachher zugleich mit

ihm die lateinische Schule zu Ludwigsburg besuchte. Damals scheint die

späterhin nicht ohne innern Kampf unterdrückte Neigung Schillers zum

geistlichen Stande zuerst erwacht zu seyn. Nach der Erzählung seiner

ältern Schwester stieg er mit einer schwarzen Schürze und einem Käppchen

auf einen Stuhl, und recitirte auswendig gelernte Sprüche, mitunter auch

wohl Stellen aus den von ihm angehörten Predigten des Pfarrers Moser.

Für die Schönheiten der Natur war Schiller ganz besonders empfänglich. Ein

religiöses und historisches Interesse zugleich hatten für ihn die in einem

Kloster bei Lorch befindlichen Gräber der Hohenstauffen. Der Weg nach

jenem Kloster war sein Lieblingsspaziergang. Immer blieb ihm für die

Gegend von Lorch eine große Anhänglichkeit. Als er späterhin die

Karlsschule in Stuttgart verlassen, besuchte er, von seiner Schwester

Christophine begleitet, noch einmal alle seine Lieblingsplätze. Seine

Liebe zur Natur war so groß, daß er sich oft durch einen schönen

Sommertag, unbekümmert um seine Unterrichtsstunden, in's Freie locken

ließ. Einen solchen Fehltritt zu verheimlichen, war er zu gewissenhaft; er

gestand ihn vielmehr offen. Am wenigsten harmonirte mit seines Vaters

Ansichten Schillers ideale Liberalität, womit er, der vom Eigenthum kaum

einen Begriff hatte, einzelne Kleidungsstücke und die unentbehrlichsten

Schulbücher an Dürftige verschenkte. Die väterlichen Züchtigungen, die ihn

deßhalb trafen, würde er noch härter empfunden haben, wenn nicht seine

Schwester Christophine mit seltener Aufopferung sich als eine Mitschuldige

bekannt, und dadurch die Strafe auf sich selbst gelenkt hätte. Auch die

sanfte und zur Verzeihung geneigte Mutter trat durch ihre Fürsprache bei

dem Vater in solchen Fällen vermittelnd ein.

In Ludwigsburg, wohin Schillers Vater 1768 versetzt worden war, sah der

neunjährige Knabe zum ersten Mal ein Theater. Mächtig war der Eindruck,

den die dargestellten Stücke mit ihren prachtvollen Dekorationen und

Aufzügen von Pferden, künstlichen Elephanten, Löwen u.s.w., in dem Opern-

und Balletgeschmack der damaligen Zeit, in Schillers Seele zurückließen.

Alle seine jugendlichen Spiele bezogen sich auf die Bühne und ihre

Darstellungen. Er entwarf selbst Pläne zu Trauerspielen, und mit Puppen,

die er sich aus Papier geschnitten, führte er einzelne Scenen auf.

Noch in anderer Weise äußerte sich sein Gefühl für Poesie um diese Zeit.

Mit einem seiner Jugendfreunde, dem nachherigen Physikus Elwert in

Cannstadt, bestand er, nicht ohne Furcht vor der ihm angedrohten harten

Strafe seines strengen Lehrers, zu dessen voller Zufriedenheit das

Schulexamen. Als Belohnung seines Fleißes erhielt er vier Kreuzer, die er

mit seinem Freunde zu einer Schüssel saurer Milch auf dem benachbarten

Hartenecker Schlößchen verwenden wollte. Dort war indeß keine Milch

vorhanden, und erst in Neckarweihingen, wohin er mit seinem Freunde

gewandert war, erhielten Beide die ersehnte Labung. Schiller fühlte sich

so begeistert, daß er auf einer Anhöhe, von welcher man Harteneck und

Neckarweihingen überschauen konnte, in einer pathetischen Ergießung über

den erstgenannten Ort seinen Fluch, über den letzten aber seinen

feierlichen Segen aussprach.

In der lateinischen Schule zu Ludwigsburg beschränkte sich Schillers

Unterricht fast nur auf die Erlernung der Sprache, von welcher jene

Lehranstalt den Namen führte. Im Griechischen kam er kaum über die ersten

Elemente hinaus. Daß er dem Virgil, Horaz und andern römischen Dichtern

keinen sonderlichen Geschmack abgewinnen konnte, lag wohl an der trocknen

Erklärungsmethode, die Schillers Gemüth nicht ergreifen konnte. Sein Fleiß

jedoch erwarb ihm bald das Lob eines der ersten Schüler in seiner Classe.

Er genügte selbst den strengen Anforderungen seines Lehrers Jahn, der zwar

ein tüchtiger Philolog, aber zugleich ein Mann von finsterem Charakter

war, und durch seinen Jähzorn, als Schiller später bei ihm Kost und

Wohnung hatte, seinem Charakter eine schiefe Richtung gab. Er ward

schüchtern und zurückgezogen. Auch sein Vater ließ keine Gelegenheit

unbenutzt, ihn zum Fleiß zu ermuntern, und er empfand im vollen Maße die

väterliche Strenge, wenn er außer der Schulzeit unbeschäftigt war oder im

Garten spielte. Merkwürdig war es, wie sich seine Schüchternheit mitunter

bis zum Muthwillen steigerte. Bei Spielen, wo es wild herging, gab er fast

immer den Ton an, und wußte sich durch seine Furchtlosigkeit bei seinen

Schulkameraden in Respect zu setzen. Nie aber lag den kleinen Neckereien,

mit denen er sich wohl bisweilen selbst an erwachsene Personen wagte, eine

bösartige Absicht zum Grunde. Er hatte daher unter seinen Jugendgespielen

kaum einen, der ihm übel wollte. Verhältnißmäßig klein war jedoch der

Kreis von Freunden, zu denen er mit der ganzen Innigkeit seines Gefühls

sich hingezogen fühlte.

Noch immer war ihm eine Vorliebe für den geistlichen Stand geblieben, den

auch sein Vater sehr achtete, weil er sich von dieser Laufbahn seines

Sohnes eine ehrenvolle Existenz versprach. Die mehrmaligen Prüfungen in

dem Stuttgarter Gymnasium, die dem Eintritt in die Klosterschulen

vorangingen, hatte Schiller, nach noch erhaltenen Zeugnissen, rühmlich

bestanden. Die Stimmung seines Gemüths und der Gang seiner Phantasie waren

religiös geblieben. Dafür sprach unter Anderem sein elfter poetischer

Versuch, ein an seine Eltern gerichteter Neujahrswunsch in Versen vom Jahr

1768. Verloren ging ein Gedicht religiösen Inhalts, welches er am Tage

seiner Confirmation, wahrscheinlich im Jahr 1770, niederschrieb, als seine

Mutter, die ihn auf der Straße umherlaufen sah, ihm Vorwürfe machte über

seine Gleichgültigkeit gegen die Handlung des folgenden Tages. Erhalten

hat sich dagegen ein in lateinischer Prosa geschriebener Neujahrswunsch an

seinen Vater vom Jahr 1771.

Seinen Plan, sich dem geistlichen Stande zu widmen, durchkreuzte der Wille

des Herzogs von Würtemberg. Es war eine fürstliche Gnade, die Schillers

Vater nicht ablehnen konnte, als der Herzog, vielleicht durch günstige

Zeugnisse der Lehrer Schillers bestimmt, sich geneigt zeigte, ihn in das

auf der Solitude bei Stuttgart errichtete Lehr- und Erziehungsinstitut

aufzunehmen, welches bisher meist nur Söhne von Adlichen zu Zöglingen

gehabt hatte. Für Schillers Vater war der Antrag des Herzogs auch noch von

einer andern Seite lockend. Schiller sollte dort auf herzogliche Kosten

unterrichtet werden. Die Wahl seines Lebensberufs blieb ihm freigestellt.

Auch für eine künftige vorteilhafte Anstellung versprach der Herzog zu

sorgen. Diese vortheilhaften Aussichten machten jedoch auf Schillers

Eltern einen ganz andern Eindruck, als der Herzog erwartet haben mochte.

Dem geistlichen Stande konnte sich Schiller nicht mehr widmen, da er in

der neuen Pflanzschule, die eine völlig militärische Einrichtung hatte,

nicht dazu vorbereitet werden konnte. Nicht beleidigt durch eine

Vorstellung, die Schiller's Vater an den Herzog zu richten und dessen

Antrag abzulehnen wagte, verlangte der Fürst die Wahl eines andern

Standes. Der Theologie zu entsagen, scheint Schillern nicht leicht

geworden zu seyn. Daß er durch die Nähe des Instituts mit seinen Eltern in

Berührung blieb und sie jeden Sonntag wenigstens sprechen konnte, war ein

Trost, der ihm den Entschluß erleichterte, sich der Jurisprudenz zu

widmen. Im Januar 1773 trat er in das neue Institut. Er stand damals in

seinem vierzehnten Lebensjahre.

Wie Schillers Vater die Gnade des Herzogs zu schätzen wußte, zeigt ein

noch erhaltenes Schreiben aus Ludwigsburg vom 10. Januar 1773 an den

Oberstwachtmeister v. Seeger, dem die Oberaufsicht über das neue Institut,

nach dessen Stifter die Karlsschule genannt, übertragen worden war.

Erhalten hat sich auch noch ein mit der Unterschrift von Schillers Vater

und mit dessen Siegel versehener Revers, den er nach der Aufnahme seines

Sohnes in die Karlsschule ausstellen mußte. Dieser Revers fällt in eine

spätere Zeit. Er ist aus Ludwigsburg vom 23. September 1774 datirt.

Eine Schilderung der innern Einrichtung und der Erziehungsmethode des

neuen Instituts, welchem Schiller jetzt angehörte, muß vorangeschickt

werden, um dem Gange seiner weitern Ausbildung folgen zu können. Die

gesammten Zöglinge, in zwei Classen abgetheilt, bewohnten ein großes, aus

vier Flügeln bestehendes Casernengebäude. Die adliche Classe bestand meist

aus adlichen Offizierssöhnen, die bürgerliche größtenteils aus

Soldatenkindern. Jene hießen Cavaliere, diese Eleven. Als später die Zahl

der Zöglinge bis auf dreihundert gestiegen war, wurden die beiden Classen

halbjährlich von dem Herzog selbst in dem sogenannten Rangirsaal gemustert

und in drei Abtheilungen getrennt, von denen die erste aus den funfzig

größten Köpfen, und die beiden andern ebenfalls aus funfzig Köpfen

bestanden. Jede dieser Abtheilungen hatte ihren besondern Schlafsaal, und

stand anfangs unter der Aufsicht von Sergeanten, späterhin unter einem

Capitain oder Lieutnant. Die Direction des Ganzen war einem Obristen,

damals, als Schiller in das Institut eintrat, dem Obristwachtmeister v.

Seeger übertragen. Dem Militärdienst widmete sich fast ausschließlich die

erste Classe jener Lehranstalt, die sogenannten Cavaliere. Die Eleven

erhielten den erforderlichen Unterricht, um sich zu Künstlern und

Handwerkern, Malern, Architekten, Musikern u.s.w. zu bilden. Fast auf alle

wissenschaftlichen Zweige, die Theologie ausgenommen, erstreckte sich nach

und nach der Unterricht des Instituts. Man hatte die Einrichtung

getroffen, die Zöglinge nach den verschiedenen Lehrgegenständen in vier

und zwanzig Divisionen zu theilen. In der ersten Division befanden sich

die Juristen, in der zweiten die Militärpersonen, in der dritten die

Kameralisten u.s.w. So bot die Karlsschule, indem sie das ganze

Unterrichtswesen umfaßte, hinreichende Mittel dar zu einer universellen

Bildung.

Vorherrschend war in diesem künstlich zusammengesetzten Staate die

militärische Form. Das Commando: "Marsch!" führte die Zöglinge in den

Speisesaal, wo ihnen ein "Halt!" zugerufen ward. Auf das Commando:

"Front!" wandten sie sich gegen den Tisch, hoben hier, als der Ruf: "Zum

Gebet!" ertönte, die gefalteten Hände bis zum Munde empor, und rückten auf

ein gegebenes Zeichen die Stühle mit einem donnerähnlichen Geräusch zum

Tische. Auf ähnliche Weise zogen sie in gleichmäßigem Tempo nach den

Hörsälen. Das Verhältniß der Lehrer zu ihren Schülern war ordonanzmäßig.

An die militärische Form des Instituts wurden die Zöglinge schon durch

ihre Kleidung erinnert. Nach der Beschreibung, die ein Jugendfreund

Schillers, v. Scharffenstein, davon entworfen, trugen die Offizierssöhne

gewöhnlich hellblaue Westen von Commißtuch, Kragen und Aermelaufschläge

von schwarzem Plüsch, und Beinkleider von weißem Tuch. Unter dem kleinen

Hute sahen an jeder Seite des Kopfes zwei ungepuderte Papilloten hervor.

Lange falsche Zöpfe, nach einem bestimmten Maße, wurden von allen

Zöglingen getragen. In dieser wunderlichen Kleidung nahm sich Schiller vor

vielen Andern höchst seltsam aus, in seiner langen hagern Gestalt, in dem

bleichen Gesicht und den fast immer etwas entzündeten Augen.

Noch schwerer, als der Körperzwang, dem er sich unterworfen sah, lastete

auf ihm der Druck des Geistes. Die strenge Form und Regel in jenem

Institut vertrug sich nicht mit der leisesten Freiheitsäußerung. Strenge

Verleugnung seiner selbst, das Ersticken hervorstechender Talente, die

nicht in den Erziehungsplan paßten, vor Allem aber die Niederbeugung des

eigenen Willens, waren die Grundsätze, deren Befolgung die Karlsschule

unbedingt verlangte. Seinen tiefen Unmuth über diesen Zwang sprach

Schiller in mehreren Briefen an seinen Jugendfreund Carl Moser aus. Selbst

den Trost freundschaftlicher Mittheilung mußte er entbehren. Ueberall

scharf beobachtet, durften die Zöglinge ohne einen Grund, der den

Inspectoren genügte, sich nicht aus einem Schlafsaal in den andern

begeben. Das Puder- und Waschzimmer, eine abgelegene Allee im Garten, ein

Durchgang im Hofe u.s.w. mußte das Local darbieten, wo Schiller einzelnen

Vertrauten Proben seiner Gedichte oder später Scenen aus seinen "Räubern"

mittheilen konnte, doch nicht selten unterbrochen ward, wenn der

ausgestellte Vorposten das verabredete Zeichen gab.

Zu der Erinnerung an die Freiheit, die er im elterlichen Hause genossen,

trat noch für Schiller das drückende Gefühl der Einsamkeit. Seine Natur

war nicht geeignet, sich Andern zu nähern. Unter den dreihundert Zöglingen

der Karlsschule hatte er nur wenig Freunde im strengsten Sinne des Wortes.

Nicht ausgezeichnetes Talent, wohl aber Herzensgüte und

Charakterfestigkeit mußte der besitzen, an den er sich anschloß. Mit

zurückschreckender Kälte behandelte er Individuen von schwankendem,

niedrigem und bösartigem Charakter, und suchte sich ihrem Umgange

möglichst zu entziehen. Ein Glück war es für ihn, daß er in der

Karlsschule bald nach seinem Eintritt mehrere gleichgesinnte Jünglinge

fand, die sich zugleich lebhaft für die Dichtkunst interessirten. Zu

seinen Freunden gehörten vor allen v. Hoven, später Medicinalrath in

Nürnberg, der nachherige Bibliothekar Petersen in Stuttgart, v.

Scharffenstein, späterhin General in würtembergischen Diensten, der

Bildhauer Dannecker und der Tonkünstler Zumsteg.

Mit seinem trüben Schicksal versöhnte ihn einigermaßen die humane

Behandlung des Majors v. Wolf, unter dessen Oberaufsicht er stand. Ohne

von der Würde eines Vorgesetzten sich etwas zu vergeben, verschaffte jener

feingebildete und zartfühlende Mann dem aufkeimenden Talente Schillers

neue Nahrung, indem er ihm zu der Bekanntschaft mit den ausgezeichneten

Geisteswerken verhalf, was jedoch nicht ohne Beseitigung mancher

Hindernisse geschehen konnte, da deutsche Bücher in der Karlsschule als

eine Art von Contrebande galten. Groß war Schillers Freude, als ihm ein

Zufall Klopstocks Oden und den Messias verschaffte. Sein eignes poetisches

Talent ward durch jene Dichtungen, die in seinem religiös gestimmten

Gemüth leicht Anklang fanden, mächtig angeregt. Von allen andern

Zerstreuungen geschieden, kehrte er in seiner klösterlichen Einsamkeit

immer wieder zu seinem Lieblingsdichter Klopstock zurück, dessen

Anschauungen, Bilder, Gefühle und Gedanken er sich allmälig aneignete.

Jene Gattung der Poesie nährte Schillers Empfänglichkeit für das Große und

Erhabene. Aber auch die Neigung zum geistlichen Stande ward wieder in ihm

rege durch Klopstocks Dichtungen. In der Bibel fand er den Stoff zu einem

epischen Gedicht, Moses, das sich leider nicht erhalten hat.

Einen fast noch tiefern und bleibendern Eindruck auf Schillers

empfängliches Gemüth machten die erhabenen, rührenden und erschütternden

Scenen in Gerstenbergs Ugolino. Noch in spätern Jahren schätzte er dieß

Trauerspiel sehr, dessen Mittheilung er 1773 einem Freunde verdankte.

Völlig abgelenkt von der lyrischen und epischen Poesie ward Schiller, als

er bald nachher Goethe's Götz von Berlichingen kennen lernte. Dies

Ritterschauspiel führte ihn mit hinreißender Gewalt der tragischen

Laufbahn entgegen. Durch die Wielandsche Uebersetzung Shakspeare's, die

ihm sein Freund v. Hoven verschaffte, ward er mit diesem großen Dramatiker

bekannt. Eine Stelle aus Shakspeare's Werken, die sein Lehrer Abel einst

in einer Unterrichtsstunde mittheilte, soll ihn zuerst für den großen

Britten begeistert haben. In spätern Jahren gestand er jedoch, daß sein

moralisches Gefühl, vielleicht auch die Vorliebe für Klopstocks Poesie,

ihn lange verhindert habe, Shakspeare gerecht zu würdigen. Er gestand

offen, daß ihn die Kälte und Unempfindlichkeit empört habe, die dem

Britten erlaubte, im höchsten Pathos zu scherzen, und die erschütternden

Scenen im Hamlet, im König Lear und Macbeth durch einen Narren zu stören.

Immer mehr erkaltete in ihm die Vorliebe für Shakspeare. Neuere deutsche

Dichter verdrängten ihn, besonders Lessing in seiner Emilia Galotti und

Leisewitz in dem Trauerspiel Julius von Tarent. Mehrere Briefe an seinen

Jugendfreund Carl Moser bewiesen, wie ihn die strenge Disciplin der

Karlsschule erbitterte, die durch ihre Fesseln ihn nöthigte, jenen

Geistesgenuß als etwas Strafbares zu betrachten. Er fühlte, wie er in

einem seiner Briefe äußerte, jenem Zwange gegenüber, in seinem Herzen eine

ganz andere Welt, als die, die ihn umgab. "So lange sich mein Geist frei

erheben kann," schrieb er unter andern, "wird er sich in keine Fesseln

schmiegen." In solcher Stimmung gab es Fälle, wo sein Unmuth, den er bei

Irrungen mit seinen Vorgesetzten meist durch einen witzigen oder

sarkastischen Einfalt beschwichtigt hatte, sehr lebhaft hervorbrach. Mit

der Aeußerung: er müsse bei der Wahl seiner Studien seinen freien Willen

haben, warf er einst, als er unter dem Vorwande der Krankheit auf seinem

Zimmer geblieben war, ein ihm aufgedrungenes Pensum dem Ueberbringer vor

die Füße. Für diesen Trotz ward er einige Zeit degradirt und lernte

einsehen, daß in solchen Fällen die Inspectoren doch weiter mit ihrem

Willen reichten, als er mit dem seinigen.

Wenn er Nachts, wo seine Phantasie am lebhaftesten aufgeregt war,

ungestört arbeiten wollte, mußte er ebenfalls Unwohlseyn vorschützen. Ihm

ward dann erlaubt, im Krankensaale sich einer Lampe zu bedienen, während

er außerdem, wie die übrigen Zöglinge, nur bis zu einer bestimmten Stunde

Licht brennen durfte. Ein wissenschaftliches Buch war immer bei der Hand,

um das Manuscript sogleich zu bedecken, wenn es einem der Inspectoren oder

mitunter dem Herzog selbst einfiel, den Saal zu visitiren. Mehrere

Gedichte, zum Theil auch Schillers Schauspiel, die Räuber, entstanden auf

diese Weise. Als er einst einigen Freunden eine Scene aus diesem noch

ungedruckten Stück vorlas, überraschte ihn einer der Inspectoren. Mit

Pathos recitirte Schiller die von Franz Moor an den Pastor Moser

gerichteten Worte: "Ha! was! du kennst keine Strafe drüber? (über den

Vatermord) Besinne dich nochmals! Tod, Himmel, Ewigkeit, Verdammniß

schwebt auf dem Laute deines Mundes." In diesem Augenblick öffnete sich

die Thür. "Ei! wer wird denn so entrüstet seyn und fluchen?" sagte der

hereintretende Aufseher. Schillers Freunde lächelten, und er selbst rief

dem sich wieder entfernenden Inspector bitter lächelnd nach: "Ein

confiscirter Kerl!"

Mit solchen Kraftäußerungen harmonirte Schillers Freimüthigkeit in der

Beurtheilung seiner selbst und Anderer. Eine blondere Veranlassung, diese

Freimüthigkeit zu zeigen, bot sich ihm dar, als der Herzog von Würtemberg

1774 verlangte, daß unter den altern Zöglingen seines Instituts jeder

nicht nur von sich, sondern auch von allen Genossen seiner Abtheilung eine

schriftliche Charakteristik entwerfen sollte. Sowohl die Fehler, als die

Fähigkeiten und Lieblingsneigungen der einzelnen Zöglinge, besonders aber

eines Jeden Betragen gegen die Lehrer und Inspectoren sollten, nach der

Ansicht des Herzogs, in jener Charakteristik genau angegeben werden. In

den von K. Hoffmeister herausgegebenen Nachträgen zu Schillers Werken

haben sich die Schilderungen erhalten, die der damals funfzehnjährige

Jüngling von mehren seiner Mitschüler entwarf. Jene Schilderungen waren

nicht blos Beweise seiner feinen Beobachtungsgabe; sie zeigten auch seine

redliche, wohlwollende und freimüthige Gesinnung im schönsten Lichte. Von

manchen seiner Mitschüler bekannte er offen: die Ehrerbietung gegen ihre

Vorgesetzten grenze an Niederträchtigkeit.

In der Schilderung, die er von sich selbst entwarf, verschwieg er nicht

seine vorherrschende Neigung zur Poesie. Freimüthig gestand er: "daß er in

manchen Stücken noch fehle, daß er eigensinnig, hitzig, ungeduldig sei,

daß er aber auch ein aufrichtiges, treues und gutes Herz habe." Die

mißfälligen Aeußerungen seiner Freiheitsliebe suchte er durch sein edles

Gemüth zu entschuldigen. Am Schluß seiner Selbstcharakteristik

unterdrückte er nicht das Geständniß, daß er sich weit glücklicher fühlen

würde, wenn er dem Vaterlande als Theolog dienen könnte. Daß er dem

geistlichen Stande entzogen worden, beklagte er oft. Auch in spätern

Jahren verband er etwas Großes und Erhabenes mit der Vorstellung, vor

einer versammelten Gemeinde über die wichtigsten Angelegenheiten des

Menschen zu sprechen.

Wie Schillers Mitschüler über ihn urtheilten, zeigt ein noch erhaltener

Aufsatz eines seiner Jugendfreunde. Seine Neigung zur Poesie, besonders

zur tragischen, wird in jenem Aufsatze besonders hervorgehoben. Seinem

Betragen nach wird er als sehr lebhaft und lustig, dabei aber zugleich

auch als bescheiden, schüchtern und freundlich geschildert, mehr in sich

selbst, als äußerlich vergnügt, nie ganz mit sich selbst, doch mit seinem

Schicksal zufrieden. Das Letztere konnte schwerlich der Fall seyn. Mit

seinen poetischen Beschäftigungen stand das von ihm gewählte Studium einer

so trocknen Wissenschaft, wie die Jurisprudenz, in der furchtbarsten

Disharmonie. Seine Phantasie, von poetischen Bildern, Träumen und Plänen

fortwährend bewegt, konnte durch die Geschichte der in Deutschland

geltenden Rechte eben so wenig gefesselt werden, als durch spätere

Collegien über das Naturrecht und über das römische Recht. Von seinen

juristischen Lehrern ward er daher für einen talentlosen Menschen

gehalten, dessen Fähigkeiten zu keinen großen Erwartungen für die Zukunft

berechtigten. Fleißiger, als das Studium der Rechte, betrieb er den

fortgesetzten Unterricht im Lateinischen und Griechischen, in der

Geographie, Geschichte und Mathematik. Anziehend waren für ihn besonders

die Elemente der Philosophie. Doch hatte er auch in den neuern Sprachen

hinlängliche Fortschritte gemacht, um die französischen Classiker ohne

Schwierigkeit lesen zu können.

Glücklicherweise fand Schiller 1775 durch eine Erweiterung der Karlsschule

Gelegenheit, die ihm lästige Jurisprudenz mit einem andern Studium zu

vertauschen. In den Kreis der bisherigen Lehrgegenstände war um diese Zeit

auch die Medicin gezogen worden. Schiller entschloß sich, diese

Wissenschaft zu studiren und sie zu seinem künftigen Lebensberuf zu

wählen, wahrscheinlich, wie einer seiner Jugendfreunde erzählt, durch die

Ansicht geleitet, daß Psychologie und die damit verwandten Kenntnisse ihm

in dramatischer Hinsicht förderlich seyn könnten. Nach einer andern

Nachricht entschloß sich Schiller zur Medicin durch die seinem Vater von

dem Herzog eröffneten Aussichten einer schnellen Versorgung seines Sohnes.

Hätte auch Schillers neues Studium ein noch höheres Interesse für ihn

gehabt, als dies, wenigstens anfangs, der Fall war, so konnte es ihm doch

keine Entschädigung darbieten für den Druck der Fesseln, die überall den

Aufschwung seines Geistes lähmten. In ihm lebte ein hohes Freiheitsgefühl,

dem er sich mit ganzer Seele hingab, wenn es ihm dann und wann gelang, den

engen Mauern zu entschlüpfen, die ihn mit der Welt und ihren Verhältnissen

in gänzlicher Unbekanntschaft erhielten. Der Plan, den er mit einigen

Freunden 1775 zu einer heimlichen Flucht entworfen hatte, mißlang, ohne

verrathen worden zu seyn, doch gänzlich. Schiller mußte sich mit dem Trost

begnügen, wie bisher, der Menschen Thun und Treiben aus der Ferne zu

belauschen.

In seiner Einsamkeit blieb die Dichtkunst seine Lieblingsbeschäftigung.

Außer Klopstock, für den er noch immer eine besondere Vorliebe zeigte,

waren Uz, Haller, Lessing, Gerstenberg und Goethe die Dichter, deren

poetische Schöpfungen ihn am meisten ansprachen. Den tiefsten Eindruck auf

sein empfängliches Gemüth machten Werthers Leiden. Als dieser Roman im

Kreise einiger seiner vertrautesten Freunde vorgelesen ward, entwarfen

sie, von jugendlicher Begeisterung ergriffen, sogleich den Plan zu einem

zweiten Werther, der freilich ungeschrieben blieb. Schwer möchten die

Empfindungen zu schildern seyn, von denen Schiller bei dem Anblick

Goethe's ergriffen ward, der den Herzog von Weimar begleitete, als dieser

Fürst die Karlsschule besuchte. Wie hätte ihm damals nur eine Ahnung

kommen können, daß zwischen ihm und dem Verfasser des Werther sich einst

ein Freundschaftsband knüpfen werde! Als einfaches sinniges Gemälde

schöner Jugendliebe sprach ihn auch Millers Siegwart an, und Stunden lang

schwärmte er, am einsamen Gitterfenster sitzend, in den durch jene

Klostergeschichte in ihm erregten Gefühlen.

Schiller wollte indeß nicht blos genießen, er wollte auch selbst

produciren. Nahe lag ihm und seinen gleich gestimmten Freunden die Idee,

mit den Mustern zu wetteifern, die durch tiefe Blicke in das Innere der

Seele, wie durch Reichthum der Phantasie und der Sprache, der Dichtkunst

einen neuen Schwung zu geben suchten. Mit seinen Freunden kam Schiller

überein, daß sie sich in die aus den verschiedenen Gattungen der Poesie

gewählten Stoffe theilen wollten. Petersen machte sich anheischig, ein

rührendes Schauspiel zu dichten; v. Hoven wollte ein Seitenstück zum

Werther und Scharffenstein versprach ein Ritterstück. Schiller selbst war

wegen des Süjets, das zu einer Tragödie paßte, längere Zeit in so großer

Verlegenheit, daß er, nach seiner eignen Aeußerung in spätern Jahren,

damals seinen letzten Rock und Hemde für einen dankbaren Stoff würde

hingegeben haben.

In solcher Stimmung fiel ihm ein Zeitungsblatt in die Hände, das eine

Nachricht von der Selbstentleibung eines Studenten in Nassau enthielt.

Sein theilnehmendes Herz und seine lebhafte Phantasie fand in diesem

Ereigniß sogleich die Grundlage zu einer Tragödie, die den Titel: "der

Student von Nassau" erhielt. In spätern Jahren soll er bedauert haben, daß

er diesen ersten dramatischen Versuch, dessen vielfache Mängel ihm bald

einleuchteten, wieder vernichtet hatte. Jenes Trauerspiel war ein

merkwürdiges Document der ersten glühenden Wärme seines Gefühls. Auch ein

zweiter dramatischer Versuch Schillers, "Kosmus von Medicis", hat sich

nicht erhalten. Diese Tragödie soll dem von Leisewitz gedichteten

Trauerspiel Julius von Tarent sehr ähnlich gewesen seyn. Einzelne Gedanken

und Situationen nahm Schiller später in seine "Räuber" auf.

Hauptsächlich dem Freiheitsdrange hatte Schiller in den erwähnten

dramatischen Versuchen Luft gemacht. Aber auch sein Herz verlangte

Befriedigung. Er fand sie, noch immer wieder zu Klopstocks Poesie

zurückkehrend, in lyrischen Ergießungen. Sein erstes Gedicht dieser Art,

in den Nachträgen zu seinen Werken enthalten, und "Schilderung des

menschlichen Lebens" überschrieben, entstand 1775, zu einer Zeit, wo trübe

Erfahrungen und die peinliche Unruhe der erwachenden Denkkraft den Frieden

der Seele des damals sechszehnjährigen Jünglings schon untergraben hatten.

Psychologisch merkwürdig war dieß Gedicht, weil Schiller darin schon im

Allgemeinen die Zerwürfnisse angedeutet hatte, die er später mit

gewaltsamem Ungestüm in den "Räubern" zur Sprache brachte.

Ganz im Geiste Klopstocks war eine zweite lyrische Ergießung, die unter

der Ueberschrift: "der Abend", eine Stelle in Balthasar Haug's

Schwäbischen Magazin vom Jahr 1776 fand. Es war eine Art von Hymne an

Gott, voll religiöser Empfindung und mit einer ungewöhnlichen Kraft und

Energie der Sprache gedichtet. Dies mochte der Herausgeber des

Schwäbischen Magazins gefühlt haben, weil er in einer Anmerkung dem jungen

Dichter ein "%os magna sonaturum%" prophezeihte. Schiller sprach einige

Jahre später ein wegwerfendes Urtheil über dies Gedicht aus, als ihn ein

Jugendfreund daran erinnerte. "Damals", sagte er, "war ich noch ein Sklave

Klopstocks."

Der eben genannte Dichter begeisterte ihn auch zu dem Gedicht: "der

Eroberer", ebenfalls in Haugs Schwäbischen Magazin vom Jahr 1777 gedruckt

und späterhin in die Nachträge zu Schillers Werken aufgenommen. Nicht

unbillig beurtheilte sein Jugendfreund Petersen dies Gedicht, das er als

"den Erguß einer orientalischen Geistesergrimmung" bezeichnete, mit

Erinnerungen aus der Messiade und den Propheten, voll wilden Feuers und

roher brausender Kraft, aber auch voll Schwulst und Unverständlichkeit. In

seiner Unbekanntschaft mit der Welt und ihren Verhältnissen lag

hauptsächlich der Grund, warum Schillers Phantasie, die sich an keine

Erfahrungen und Anschauungen halten konnte, leicht ins Unbegrenzte

hinausschweifte. Dem Leben völlig entfremdet, konnte er seine poetischen

Stoffe nur aus Büchern schöpfen, und so war ihm das Dichten mehr eine

angestrengte Arbeit, als ein leichtes Spiel.

Früher, als sein poetisches Talent, gelangte seine hervorstechende

Denkkraft zu einer gewissen Selbstständigkeit. Garve's Anmerkungen zu

Ferguson's Moralphilosophie verdankte Schiller das erste Licht im Reich

der Vernunftwahrheiten. Auch mehrere Schriften Lessing's, Sulzer's,

Mendelssohn's, Herder's u.A. las er fleißig. Vorzüglich waren es

Plutarch's Lebensbeschreibungen, durch welche Schillers Vorstellungsweise

sich zum Großen und Allgemeinen erhob. Für dies Werk blieb ihm stets eine

große Vorliebe. In den später gedichteten "Räubern" ließ er seinen Karl

Moor sagen: "Mir ekelt vor diesem dintenklecksenden Seculum, wenn ich in

meinem Plutarch lese von großen Menschen." Auch noch in spätern Jahren

(1788) empfahl er das Studium jenes griechischen Autors einer Freundin.

Ein solches Werk, meinte er, erhebe uns über die platte Generation und

mache uns zu Zeitgenossen einer bessern Menschheit.

Neue Nahrung und eine bestimmte Richtung erhielt Schillers

Selbstthätigkeit im Denken nicht sowohl durch den Unterricht, den er in

der Karlsschule genoß, als vielmehr durch den eigenthümlichen Gang seines

Geistes. Schon bei dem mühsamen Entwurf seiner poetischen Stoffe hatte er

seine Denkkraft üben müssen. Den Eindrücken der Außenwelt durch einen

harten Erziehungszwang entzogen, mußte er ein Denker werden, wenn irgend

ein geistiges Interesse in ihm vorhanden war. Ein solches Interesse fühlte

er für das Moralische und Religiöse. Sein Denken nahm eine philosophische

Richtung. Der fromme Glaube an die positiven Lehren des Christenthums, den

ihm der Religionsunterricht in seiner Jugend eingeflößt hatte, war

erschüttert worden, seit er in den Dichtern, die er zu seiner Lectüre

gewählt, auf andere und freiere Ansichten gestoßen war. Auch seine

Vernunft harmonirte nicht manchen positiven Dogmen. Sein erwachtes

Selbstgefühl, das Bewußtseyn des Adels der menschlichen Natur wollte sich

nicht lange vertragen mit so manchem, was ihm bisher als ehrwürdig

gegolten. Er ward irre in seinen religiösen Ansichten, und Zweifel

bemächtigten sich seiner Seele. Ein merkwürdiges Document dieser

Gemüthsstimmung waren die von ihm verfaßten "Morgengedanken am Sonntage",

die er in das Schwäbische Magazin vom Jahr 1777 einrücken ließ. Der

Herausgeber jener Zeitschrift, Balthasar Haug, nannte den erwähnten

Aufsatz "eine Frucht der bessern religiösen Empfindungen und

Ueberzeugungen des Verfassers, der durch vermiedene Schicksale, auch in

Sachen der Religion und Wahrheit geläutert worden sei." Schiller legte in

jenem Aufsatze das offene Geständniß ab, "daß oft bange Zweifel seine

Seele in Nacht gehüllt, und daß sein beunruhigtes Herz nach himmlischer

Erleuchtung gerungen habe."

Für die Lauterkeit seiner Empfindung, wie für die Wahrheit seiner

Gesinnung gab jener Aufsatz, oder vielmehr jenes rührende Gebet, das sich

in den Nachträgen zu Schillers Werken erhalten hat, ein vollgültiges

Zeugnis. Beruhigen konnte es ihn nicht in seiner, durch religiöse Zweifel

und den erwachten Forschungsgeist vielfach bewegten Stimmung. Voltaire's

und Rousseau's Schriften, die ihm damals in die Hände gefallen waren,

unterhielten in ihm den Zwiespalt zwischen Glauben und Vernunft, in den er

gerathen war. Eine merkwürdige Revolution schien in seinem Geiste

eingetreten zu sein. Von den religiösen Wahrheiten wandte sich sein

Forschen zu Gegenständen und Angelegenheiten, die dem Menschen überhaupt

wichtig und theuer sind. Durch eine besondere Veranlassung ward seine

erwachte Denkkraft in Thätigkeit erhalten. 1779 feierte er das Geburtsfest

der Favoritin des Herzogs von Würtemberg, der Reichsgräfin Franziska von

Hohenheim, durch eine Rede, in der ihn die Lösung der Frage beschäftigte.

"ob allzu viel Güte, Leutseligkeit und Freigebigkeit im engsten Verstande

zur Tugend gehöre." Wahrscheinlich war ihm dieß sonderbare Thema vom

Herzog selbst aufgegeben worden. Mit jugendlichem Feuer und mit einer

Kühnheit der Sprache, die ihn fast in's Ueberschwängliche führte, äußerte

sich Schiller in dieser Rede. Die ihm aufgegebene Frage aber beantwortete

er so umfassend und geistreich, daß er die kühnsten Erwartungen des

Herzogs übertraf. Aus dem classischen Alterthum, aus der Zeit der Griechen

und Römer nahm er die Beispiele her, an die er seine sittlichen Ideen und

Gefühle knüpfte. Bei aller Dankbarkeit und Pietät gegen seinen Fürsten

enthielt er sich gänzlich frei von niedriger Schmeichelei. Auf einer noch

höhern Stufe seiner intellectuellen Bildung erschien er in einer spätern

Rede, durch die er 1780 das Geburtsfest der Gräfin von Hohenheim feierte.

Er wählte für diese Rede ein verwandtes Thema, welchem ebenfalls eine

sittliche Idee zum Grunde lag: "Die Tugend in ihren Folgen betrachtet."

Noch unverkennbarer, als in der frühern Rede, zeigte sich in dieser

zweiten die in's Große und Universelle sich erstreckende Geistesrichtung

des ein und zwanzigjährigen Jünglings. Eine weitere Ausführung gab er in

spätern Gedichten der hier ausgesprochenen Idee, daß die Liebe in der

geistigen Welt das sei, was das Anziehungsgesetz in der materiellen Welt.

Während Schiller in dieser Weise sein oratorisches Talent übte, ergriff

ihn mitten unter seinen philosophischen und poetischen Studien drückender

als jemals ein tiefes Gefühl des Unmuths, das ihm eine völlige

Gleichgültigkeit gegen das Leben und alle irdischen Verhältnis einflößte.

In einem am 15. Januar 1780 geschriebenen Briefe gestand er, daß die Welt

durchaus keinen Reiz mehr für ihn habe, und meinte: mit jedem Schritt, den

er an Jahren gewänne, verlöre er immer mehr an Zufriedenheit. Er wünschte

als Kind gestorben zu seyn. "Wäre", schrieb er, "mein Leben mein eigen, so

würd' ich nach dem Tode geizen. So aber gehört es einer Mutter und dreien

ohne mich hülflosen Schwestern, denn ich bin der einzige Sohn, und mein

Vater fängt an, graue Haare zu bekommen." Daß ihn das Gefühl der Pflicht

an seine Selbsterhaltung mahnte, war ein schöner Zug in Schillers

Charakter. Dem Briefe, der das oben erwähnte Geständniß enthielt, lag

übrigens eine äußere Veranlassung zum Grunde. Das Schreiben war an den

Vater seines Jugendfreundes v. Hoven gerichtet, dessen Bruder als Zögling

der Karlsschule in der Blüthe seiner Jahre gestorben war. Auch in diesem

Briefe, wie bei andern Veranlassungen, zeigte sich Schillers Hang zur

Reflexion. Zu einer Vergleichung des irdischen Lebens mit dem glücklichen

Loose, das uns jenseits erwartet, nahm er seine Zuflucht, um den

trauernden Vater zu trösten.

Seine trübe Stimmung suchte Schiller durch den Eifer und Fleiß zu

verscheuchen, mit dem er sich seinen medicinischen Studien widmete. Dem

Entschluß, der Poesie vor der Hand zu entsagen und sich ausschließlich

seinem Beruf zu widmen, blieb er wenigstens eine Zeit lang unverbrüchlich

treu. Wie tief er in einzelne Zweige der von ihm gewählten Wissenschaft

eingedrungen war, zeigte eine unter dem Titel: "Philosophie der

Physiologie" verfaßte Abhandlung, die er später lateinisch ausarbeitete

und in der letzten Gestalt als Probeschrift vorlegte. Sie scheint nicht

gedruckt worden zu seyn. Von der deutschen Abhandlung hat sich leider nur

ein Fragment von fünf Capiteln und nicht einmal das erste vollständig

erhalten. Aber schon dieß Bruchstück zeigte den seltnen Scharfsinn, die

hohe geistige Ausbildung und das wissenschaftliche Streben des Jünglings.

Ihrem Inhalt nach mit dieser Abhandlung verwandt war eine andere, welche

Schiller zwei Jahre später (1780) zur Zufriedenheit seiner Lehrer und

selbst des dabei anwesenden Herzogs vertheidigte, der sich nach der

Prüfung in dem Speisesaal, den Arm auf Schillers Stuhl gelehnt, sehr

herablassend mit ihm unterhalten haben soll. Diese Abhandlung, "Versuch

über den Zusammenhang der thierischen Natur des Menschen mit seiner

geistigen," zu Stuttgart 1780 gedruckt und später in Schillers Werke

aufgenommen, war von ihm seinem Fürsten gewidmet worden, in dankbarer

Erinnerung an den Unterricht, den er ihm nebst so manchen andern

Wohlthaten zu verdanken gehabt hatte. Schiller war ein und zwanzig Jahre

alt, als er durch diese ursprünglich lateinisch geschriebene Abhandlung

ein vollgültiges Zeugniß seiner Fähigkeiten und der vielseitigen Bildung

gab, zu der er sich durch anhaltenden Fleiß emporgeschwungen. Der

Hauptzweck dieser Dissertation war, die Abhängigkeit des Geistes vom

Körper zu zeigen, wodurch er unwillkührlich dem in seiner Natur tief

begründeten Idealismus entzogen und in das realistische Gebiet geführt

ward.

Lange konnte er dort nicht verweilen. Unter den zu seinem künftigen

Lebensberuf dienenden Studien zog ihn seine Neigung immer wieder zur

Poesie zurück. Ein vorherrschendes Interesse behielt für ihn das Studium

dramatischer Werke. Die in der Karlsschule übliche Sitte, jährlich einige

Mal Theaterstücke in einem Saal des akademischen Gebäudes aufzuführen,

verschaffte ihm Gelegenheit, sich als Schauspieler zu versuchen. Er trat

als Clavigo in dem gleichnamigen Trauerspiel Goethe's auf, erntete jedoch

keinen Beifall ein. Noch lange nachher scherzten seine Freunde über sein

unangenehmes Organ, seine heftige Declamation und seine übertriebene Mimik

Durch seinen ersten dramatischen Versuch, durch die "Räuber," die in diese

Zeit seines Lebens fallen, wies Schiller seinen Naturanlagen und seinem

Talent für immer die eigentliche Richtung an.

Dem gereizten Gefühl des oft wiederkehrenden Unmuths über den Druck seiner

Verhältnisse, verbunden mit dem überwiegendem Hange zur Reflexion,

verdankte das erwähnte Schauspiel, das durch die ungeheure Sensation, die

es machte, für Schiller die trübsten Schicksale herbeiführte, seine

Entstehung. Das Manuscript der "Räuber" war ganz oder doch beinahe

vollendet, als mit seiner Anstellung als Regimentsarzt Schillers

Aufenthalt in der Karlsschule endete. Die äußere Veranlassung zu seinem

Schauspiel soll eine im Schwäbischen Magazin enthaltene Erzählung von

einem durch seinen verstoßnen Sohn geretteten Vater gegeben haben. Nur aus

seinem eignen Busen hatte Schiller, von aller Erfahrung und

Menschenkenntniß entblößt, den Gehalt zu einer so ungeheuern Dichtung, wie

die Räuber, schöpfen können. Ein über die Entstehung seines Schauspiels

einige Jahre später von ihm geschriebener Aufsatz enthielt in dieser

Hinsicht ein merkwürdiges Selbstgeständniß Schillers.

"Ein seltsamer Mißverstand der Natur", schrieb er, "hatte mich in meinem

Vaterlande zum Dichter verurtheilt. Neigung für Poesie beleidigte die

Gesetze des Instituts, worin ich erzogen ward, und widersprach dem Plane

seines Stifters. Acht Jahre rang mein Enthusiasmus mit der militärischen

Regel. Aber Leidenschaft für die Dichtkunst ist feurig und stark, wie die

erste Liebe. Was sie ersticken sollte, fachte sie an. Verhältnissen zu

entfliehen, die mir zur Folter waren, schweifte mein Hang in eine

Idealwelt aus. Aber unbekannt mit der wirklichen Welt, von welcher mich

eiserne Stäbe schieden, unbekannt mit den Menschen, denn die vierhundert,

die mich umgaben, waren ein einziges Geschöpf, der getreue Abguß eines und

eben dieses Modells, von welchem die plastische Natur sich feierlich

lossagte; unbekannt mit den Neigungen freier, sich selbst überlassener

Wesen--denn hier kam nur eine zur Reife, die ich jetzt nicht nennen will--

jede übrige Kraft des Willens erschlaffte, indem eine einzige sich

convulsivisch spannte; jede Eigenheit, jede Ausgelassenheit der

tausendfach spielenden Natur ging in dem regelmäßigen Tempo der

herrschenden Ordnung verloren; unbekannt mit dem schönen Geschlecht--die

Thüren dieses Instituts öffnen sich, wie man wissen wird, Frauenzimmern

nur, wenn sie anfangen, interessant zu werden, und wenn sie aufgehört

haben, es zu seyn; unbekannt mit Menschen und Menschenschicksal, mußte

mein Pinsel nothwendig die mittlere Linie zwischen Engel und Teufel

verfehlen, mußte er ein Ungeheuer hervorbringen, das zum Glück in der Welt

nicht vorhanden war, und dem ich nur darum Unsterblichkeit wünschen

möchte, um das Beispiel einer Geburt zu verewigen, die der naturwidrige

Beischlaf der Subordination und des Genius in die Welt setzte.--Ich meine

die Räuber. Dies Stück ist erschienen. Die ganze sittliche Welt hat den

Verfasser als einen Beleidiger der Majestät vorgefordert. Seine ganze

Verantwortung sei das Klima, unter dem es geboren ward. Wenn von allen den

unzähligen Flugschriften gegen die Räuber eine einzige mich trifft, so ist

es diese, daß ich zwei Jahre vorher mir anmaßte, Menschen zu schildern,

ehe mir noch einer begegnet war."

Friedrich v. Schiller's Biographie · 第 1 / 9 段