Augen fortwenden von dem starren Blick, den Jedek auf ihn gerichtet
hielt. Ermattet ließ er sich auf eine Bank nieder, an der sie eben
vorbeikamen, und schloß die Augen. Er sah sich plötzlich wieder im
Garten sitzen, und die Stimme der alten Frau Ladenbauer klang ihm im
Ohr: »Die Marie laßt Ihnen schön grüßen: ob Sie nicht mit uns mitkommen
möchten nach der Vorstellung?« Er erinnerte sich, wie ihm da mit einem
Male zumute geworden war, so wunderbar wohl, als hätte ihm die Marie
alles verziehen. Er trank seinen Wein aus und ließ sich einen besseren
geben. Er trank so viel, daß ihm das ganze Leben leichter vorkam.
Geradezu vergnügt sah und hörte er den folgenden Produktionen zu,
klatschte wie die anderen Leute, und als die Vorstellung aus war, ging
er wohlgelaunt durch den Garten und den Saal ins Extrazimmer des
Wirtshauses, an den runden Ecktisch, wo sich die Gesellschaft nach der
Vorstellung gewöhnlich versammelte. Einige saßen schon da: der
Wiegel-Wagel, Jedek mit seiner Frau, irgendein Herr mit einer Brille,
den Karl gar nicht kannte – alle begrüßten ihn und waren gar nicht
besonders erstaunt, ihn wiederzusehen. Plötzlich hörte er die Stimme der
Marie hinter sich: »Ich find schon hin, Mutter, ich kenn’ ja den Weg.«
Er wagte nicht, sich umzuwenden, aber da saß sie schon neben ihm und
sagte: »Guten Abend, Herr Breiteneder – wie geht’s Ihnen denn?« Und in
diesem Augenblick erinnerte er sich auch, daß sie seinerzeit zu
irgendeinem jungen Menschen, der früher einmal ihr Liebhaber gewesen
war, später immer »Sie« und »Herr« gesagt hatte. Und dann aß sie ihr
Nachtmahl; man hatte ihr alles vorgeschnitten hingesetzt, und die ganze
Gesellschaft war heiter und vergnügt, als hätte sich gar nichts
geändert. »Gut is’ gangen,« sagte der alte Ladenbauer. »Jetzt kommen
wieder bessere Zeiten.« Frau Jedek erzählte, daß alle die Stimme der
Marie viel schöner gefunden hatten als früher, und Herr Wiegel-Wagel
erhob sein Glas und rief: »Auf das Wohl der Wiedergenesenen!« Marie
hielt ihr Glas in die Luft, alle stießen mit ihr an, auch Karl rührte
mit seinem Glas an das ihre. Da war ihm, als ob sie ihre toten Augen in
die seinen versenken wollte, und als könnte sie tief in ihn
hineinschauen. Auch der Bruder war da, sehr elegant gekleidet, und
offerierte Karl eine Zigarre. Am lustigsten war Ilka; ihr Verehrer, ein
junger dicker Mann mit angstvoller Stirn, saß ihr gegenüber und
unterhielt sich lebhaft mit Herrn Ladenbauer. Frau Jedek aber hatte
ihren gelben Regenmantel nicht abgelegt und schaute in irgendeine Ecke,
wo nichts zu sehen war. Zwei oder dreimal kamen Leute von einem
benachbarten Tisch herüber und gratulierten Marie; sie antwortete in
ihrer stillen Weise wie früher, als hätte sich nicht das Allergeringste
verändert. Und plötzlich sagte sie zu Karl: »Aber warum denn gar so
stumm?« Jetzt erst merkte er, daß er die ganze Zeit dagesessen war, ohne
den Mund aufzutun. Aber nun wurde er lebhafter als alle, beteiligte sich
an der Unterhaltung; nur an Marie richtete er kein Wort. Rebay erzählte
von der schönen Zeit, da er Couplets für Matras geschrieben hatte, trug
den Inhalt einer Posse vor, die er vor fünfunddreißig Jahren verfertigt
hatte, und spielte die Rollen selbst gewissermaßen vor. Insbesondere als
böhmischer Musikant erregte er große Heiterkeit. Um eins brach man auf.
Frau Ladenbauer nahm den Arm ihrer Tochter. Alle lachten, schrien ... es
war ganz sonderbar; keiner fand mehr etwas Besonderes daran, daß um
Marie die Welt nun ganz finster war. Karl ging neben ihr. Die Mutter
fragte ihn harmlos nach allerlei: wie’s zu Hause ginge, wie er sich auf
der Reise unterhalten hätte, und Karl erzählte hastig von allerlei
Dingen, die er gesehen, insbesondere von den Theatern und
Singspielhallen, die er besucht hatte, und wunderte sich nur immer, wie
sicher Marie ihren Weg ging, von der Mutter geführt, und wie ruhig und
heiter sie zuhörte. Dann saßen sie alle im Kaffeehaus, einem alten,
rauchigen Lokal, das um diese Zeit schon ganz leer war; und der dicke
Freund der ungarischen Ilka hielt die Gesellschaft frei. Und nun, im
Lärm und Trubel ringsum, war Marie ganz nah an Karl gerückt, geradeso
wie manchmal in früherer Zeit, so daß er die Wärme ihres Körpers spürte.
Und plötzlich fühlte er gar, wie sie seine Hand berührte und
streichelte, ohne daß sie ein Wort dazu sprach. Nun hätte er so gern
etwas zu ihr gesagt ... irgend was Liebes, Tröstendes – aber er konnte
nicht ... Er schaute sie von der Seite an, und wieder war ihm, als sähe
ihn aus ihren Augen etwas an; aber nicht ein Menschenblick, sondern
etwas Unheimliches, Fremdes, das er früher nicht gekannt – und es
erfaßte ihn ein Grauen, als wenn ein Gespenst neben ihm säße ... Ihre
Hand bebte und entfernte sich sachte von der seinen, und sie sagte
leise: »Warum hast du denn Angst? Ich bin ja dieselbe.« Er vermochte
wieder nicht zu antworten und redete gleich mit den anderen. Nach
einiger Zeit rief plötzlich eine Stimme: »Wo ist denn die Marie?« Es war
die Frau Ladenbauer. Nun fiel allen auf, daß Marie verschwunden war. »Wo
ist denn die Marie?« riefen andere. Einige standen auf, der alte
Ladenbauer stand an der Tür des Kaffeehauses und rief auf die Straße
hinaus: »Marie!« Alle waren aufgeregt, redeten durcheinander. Einer
sagte: »Aber wie kann man denn so ein Geschöpf überhaupt allein
aufstehen und fortgehen lassen?« Plötzlich drang ein Ruf aus dem Hof des
Hauses herein: »Bringt’s Kerzen!... Bringt’s Laternen!« Und eine schrie:
»Jesus Maria!« Das war wieder die Stimme der alten Frau Ladenbauer.
Alle stürzten durch die kleine Kaffeehausküche in den Hof. Die
Dämmerung kam schon über die Dächer geschlichen. Um den Hof des
einstöckigen alten Hauses lief ein Holzgang, an der Brüstung oben lehnte
ein Mann in Hemdärmeln, einen Leuchter mit brennender Kerze in der Hand,
und schaute herunter. Zwei Weiber im Nachtkleid erschienen hinter ihm,
ein anderer Mann rannte über die knarrende Stiege herunter. Das war es,
was Karl zuerst sah. Dann sah er irgend etwas vor seinen Augen
schimmern, jemand hielt einen weißen Spitzenschal in die Höhe und ließ
ihn wieder fallen. Er hörte Worte neben sich: »Es hilft ja nichts mehr
... sie rührt sich nimmer ... Holt’s doch einen Doktor!... Was ist denn
mit der Rettungsgesellschaft?... Ein Wachmann! Ein Wachmann!...« Alle
flüsterten durcheinander, einige eilten auf die Straße hinaus, der einen
Gestalt folgte Karl unwillkürlich mit den Augen; es war die lange Frau
Jedek in dem gelben Mantel, sie hielt beide Hände verzweifelt an die
Stirn, lief davon und kam nicht zurück ... Hinter Karl drängten Leute.
Er mußte mit den Ellbogen nach rückwärts stoßen, um nicht über die Frau
Ladenbauer zu stürzen, die auf der Erde kniete, Mariens beide Hände in
ihrer Hand hielt, sie hin und her bewegte und dazu schrie: »So red
doch!... so red doch!...« Jetzt kam endlich einer mit einer Laterne, der
Hausbesorger, in einem braunen Schlafrock und in Schlappschuhen; er
leuchtete der Liegenden ins Gesicht. Dann sagte er: »Aber so ein
Malheur! Und grad da am Brunnen muß sie mit’m Kopf aufg’fallen sein.«
Und nun sah Karl, daß Marie neben der steinernen Umfassung des Brunnens
ausgestreckt lag. Plötzlich meldete sich der Mann in Hemdärmeln auf dem
Gange: »Ich hab was poltern gehört, es ist noch keine fünf Minuten!« Und
alle sahen zu ihm hinauf, aber er wiederholte nur immer: »Es sind noch
keine fünf Minuten, da hab ich’s poltern gehört ...« – »Wie hat sie denn
nur heraufg’funden?« flüsterte jemand hinter Karl. »Aber bitt’ Sie,«
erwiderte ein anderer, »das Haus ist ihr doch bekannt; da hat sie sich
durch die Küche halt herausgetastet, dann hinauf über die Holzstiegen,
und dann über die Brüstung hinunter – is ja net so schwer!« So flüsterte
es rings um Karl, aber er kannte nicht einmal die Stimmen, obwohl es
sicher lauter Bekannte waren, die redeten; und er wandte sich auch nicht
um. Irgendwo in der Nachbarschaft krähte ein Hahn. Karl war es zumut wie
in einem Traum. Der Hausmeister stellte die Laterne auf die Umfassung
des Brunnens; die Mutter schrie: »Kommt denn nicht bald ein Doktor?«
Der alte Ladenbauer hob den Kopf der Marie in die Höhe, so daß das Licht
der Laterne ihr gerade ins Gesicht schien. Nun sah Karl deutlich, wie
die Nasenflügel sich regten, die Lippen zuckten und wie die offenen
toten Augen ihn geradeso anschauten, wie früher. Er sah jetzt auch, daß
es an der Stelle, von der man den Kopf der Marie emporgehoben hatte, rot
und feucht war. Er rief: »Marie! Marie!« Aber es hörte ihn niemand, und
er hörte sich selber nicht. Der Mann oben im Gang stand noch immer da,
lehnte über die Brüstung, die zwei Frauen neben ihm, als wohnten sie
einer Vorstellung bei. Die Kerze war ausgelöscht. Violetter Frühdämmer
lag über dem Hof. Frau Ladenbauer hatte den Kopf der Marie auf das
zusammengefaltete weiße Spitzentuch gebettet; Karl blieb regungslos
stehen und starrte hinab. Es war hell genug mit einem Mal. Er sah jetzt,
daß alles in Mariens Gesicht vollkommen ruhig war und daß sich nichts
bewegte als die Blutstropfen, die von der Stirne, aus den Haaren über
die Wangen, über den Hals langsam auf das feuchte Steinpflaster
hinabrannen; und er wußte nun, daß Marie tot war ...
Karl öffnete die Augen, wie um einen bösen Traum zu verscheuchen. Er saß
allein auf der Bank am Wegrande, und er sah, wie der Kapellmeister
Rebay und der verrückte Jedek dieselbe Straße hinuntereilten, die sie
alle miteinander heraufgegangen waren. Die beiden schienen heftig
miteinander zu reden, mit fuchtelnden Händen und gewaltigen Gebärden,
der Spazierstock Jedeks zeichnete sich wie eine feine Linie am Horizont
ab; immer rascher gingen sie, von einer leichten Staubwolke begleitet,
aber ihre Worte verklangen im Wind. Ringsherum glänzte die Landschaft,
und tief unten in der Glut des Mittags schwamm und zitterte die Stadt.
Die griechische Tänzerin
Die Leute mögen sagen, was sie wollen, ich glaube nicht daran, daß Frau
Mathilde Samodeski an Herzschlag gestorben ist. Ich weiß es besser. Ich
gehe auch nicht in das Haus, aus dem man sie heute zur ersehnten Ruhe
hinausträgt; ich habe keine Lust, den Mann zu sehen, der es ebensogut
weiß als ich, warum sie gestorben ist; ihm die Hand zu drücken und zu
schweigen.
Einen anderen Weg schlag ich ein; er ist allerdings etwas weit, aber der
Herbsttag ist schön und still, und es tut mir wohl, allein zu sein. Bald
werde ich hinter dem Gartengitter stehen, hinter dem ich im vergangenen
Frühjahr Mathilde zum letztenmal gesehen habe. Die Fensterladen der
Villa werden alle geschlossen sein, auf dem Kiesweg werden rötliche
Blätter liegen, und an irgendeiner Stelle werde ich wohl den weißen
Marmor durch die Bäume schimmern sehen, aus dem die griechische Tänzerin
gemeißelt ist.
An jenen Abend muß ich heute viel denken. Es kommt mir fast wie eine
Fügung vor, daß ich mich damals noch im letzten Augenblick entschlossen
hatte, die Einladung von Wartenheimers anzunehmen, da ich doch im Laufe
der Jahre die Freude an allem geselligen Treiben so ganz verloren habe.
Vielleicht war der laue Wind schuld, der abends von den Hügeln in die
Stadt geweht kam und mich aufs Land hinauslockte. Überdies sollte es ja
ein Gartenfest sein, mit dem die Wartenheimers ihre Villa einweihen
wollten, und man brauchte keinerlei besonderen Zwang zu fürchten.
Sonderbar ist es auch, daß ich im Hinausfahren kaum an die Möglichkeit
dachte, Frau Mathilde draußen zu begegnen. Und dabei war mir doch
bekannt, daß Herr Wartenheimer die griechische Tänzerin von Samodeski
für seine Villa gekauft hatte; – und daß Frau von Wartenheimer in den
Bildhauer verliebt war, wie alle übrigen Frauen, das wußt’ ich nicht
minder. Aber selbst davon abgesehen hätte ich wohl an Mathilde denken
können, denn zur Zeit, da sie noch Mädchen war, hatte ich manche schöne
Stunde mit ihr verbracht. Insbesondere gab es einen Sommer am Genfer See
vor sieben Jahren, gerade ein Jahr vor ihrer Verlobung, den ich nicht so
leicht vergessen werde. Es scheint sogar, daß ich mir damals trotz
meiner grauen Haare mancherlei eingebildet hatte, denn als sie im Jahre
darauf Samodeskis Gattin wurde, empfand ich einige Enttäuschung und war
vollkommen überzeugt – oder hoffte sogar –, daß sie mit ihm nicht
glücklich werden könnte. Erst auf dem Fest, das Gregor Samodeski kurz
nach der Rückkehr von der Hochzeitsreise in seinem Atelier in der
Gußhausgasse gab, wo alle Geladenen lächerlicherweise in japanischen
oder chinesischen Kostümen erscheinen mußten, habe ich Mathilde
wiedergesehen. Ganz unbefangen begrüßte sie mich; ihr ganzes Wesen
machte den Eindruck der Ruhe und Heiterkeit. Aber später, während sie im
Gespräch mit anderen war, traf mich manchmal ein seltsamer Blick aus
ihren Augen, und nach einiger Bemühung habe ich deutlich verstanden, was
er zu bedeuten hatte. Er sagte: ›Lieber Freund, Sie glauben, daß er mich
um des Geldes willen geheiratet hat; Sie glauben, daß er mich nicht
liebt; Sie glauben, daß ich nicht glücklich bin – aber Sie irren sich
... Sie irren sich ganz bestimmt. Sehen Sie doch, wie gut gelaunt ich
bin, wie meine Augen leuchten.‹
Ich bin ihr auch später noch einige Male begegnet, aber immer nur ganz
flüchtig. Einmal auf einer Reise kreuzten sich unsere Züge; ich speiste
mit ihr und ihrem Gatten in einem Bahnhofsrestaurant, und er erzählte
allerhand Witze, die mich nicht sonderlich amüsierten. Auch im Theater
sprach ich sie einmal, sie war mit ihrer Mutter dort, die eigentlich
noch immer schöner ist als sie ... der Teufel weiß, wo Herr Samodeski
damals gewesen ist. Und im letzten Winter hab ich sie im Prater
gesehen; an einem klaren, kalten Tage. Sie ging mit ihrem kleinen Mäderl
unter den kahlen Kastanien über den Schnee. Der Wagen fuhr langsam nach.
Ich befand mich auf der anderen Seite der Fahrbahn und ging nicht einmal
hinüber. Wahrscheinlich war ich innerlich mit ganz anderen Dingen
beschäftigt; auch interessierte mich Mathilde schließlich nicht mehr
besonders. So würde ich mir heute vielleicht gar keine weiteren Gedanken
über sie und über ihren plötzlichen Tod machen, wenn nicht jenes letzte
Wiedersehen bei Wartenheimers stattgefunden hätte. Dieses Abends
erinnere ich mich heute mit einer merkwürdigen, geradezu peinlichen
Deutlichkeit, etwa so wie manchen Tags am Genfer See. Es war schon
ziemlich dämmerig, als ich hinauskam. Die Gäste gingen in den Alleen
spazieren, ich begrüßte den Hausherrn und einige Bekannte. Irgendwoher
tönte die Musik einer kleinen Salonkapelle, die in einem Boskett
versteckt war. Bald kam ich zu dem kleinen Teich, der im Halbkreis von
hohen Bäumen umgeben ist; in der Mitte auf einem dunklen Postament, so
daß sie über dem Wasser zu schweben schien, leuchtete die griechische
Tänzerin; durch elektrische Flammen vom Hause her war sie übrigens etwas
theatralisch beleuchtet. Ich erinnere mich des Aufsehens, das sie im
Jahre vorher in der Sezession erregt hatte; ich muß gestehen, auch auf
mich machte sie einigen Eindruck, obwohl mir Samodeski ausnehmend
zuwider ist, und trotzdem ich die sonderbare Empfindung habe, daß
eigentlich nicht er es ist, der die schönen Sachen macht, die ihm
zuweilen gelingen, sondern irgend etwas anderes in ihm, irgend etwas
Unbegreifliches, Glühendes, Dämonisches meinethalben, das ganz bestimmt
erlöschen wird, wenn er einmal aufhören wird, jung und geliebt zu sein.
Ich glaube, es gibt mancherlei Künstler dieser Art, und dieser Umstand
erfüllt mich seit jeher mit einer gewissen Genugtuung.
In der Nähe des Teiches begegnete ich Mathilden. Sie schritt am Arm
eines jungen Mannes, der aussah wie ein Korpsstudent und sich mir als
Verwandter des Hauses vorstellte. Wir spazierten zu dritt sehr vergnügt
plaudernd im Garten hin und her, in dem jetzt überall Lichter
aufgeflackert waren. Die Frau des Hauses mit Samodeski kam uns entgegen.
Wir blieben alle eine Weile stehen, und zu meiner eigenen Verwunderung
sagte ich dem Bildhauer einige höchst anerkennende Worte über die
griechische Tänzerin. Ich war eigentlich ganz unschuldig daran; offenbar
lag in der Luft eine friedliche, heitere Stimmung, wie das an solchen
Frühlingsabenden manchmal vorkommt: Leute, die einander sonst
gleichgültig sind, begrüßen sich herzlich, andere, die schon eine
gewisse Sympathie verbindet, fühlen sich zu allerlei Herzensergießungen
angeregt. Als ich beispielsweise eine Weile später auf einer Bank saß
und eine Zigarette rauchte, gesellte sich ein Herr zu mir, den ich nur
oberflächlich kannte und der plötzlich die Leute zu preisen begann, die
von ihrem Reichtum einen so vornehmen Gebrauch machen wie unser
Gastgeber. Ich war vollkommen seiner Meinung, obwohl ich Herrn von
Wartenheimer sonst für einen ganz einfältigen Snob halte. Dann teilte
ich wieder dem Herrn ganz ohne Grund meine Ansichten über moderne
Skulptur mit, von der ich nicht sonderlich viel verstehe, Ansichten, die
für ihn sonst gewiß ohne jedes Interesse gewesen wären; aber unter dem
Einflusse dieses verführerischen Frühlingsabends stimmte er mir
begeistert zu. Später traf ich die Nichten des Hausherrn, die das Fest
äußerst romantisch fanden, hauptsächlich, weil die Lichter zwischen den
Blättern hervorglänzten und Musik in der Ferne ertönte. Dabei standen
wir gerade neben der Kapelle: aber trotzdem fand ich die Bemerkung nicht
unsinnig. So sehr stand auch ich unter dem Banne der allgemeinen
Stimmung.
Das Abendessen wurde an kleinen Tischen eingenommen, die, soweit es der
Platz erlaubte, auf der großen Terrasse, zum andern Teil im anstoßenden
Salon aufgestellt waren. Die drei großen Glastüren standen weit offen.
Ich saß an einem Tisch im Freien mit einer der Nichten; an meiner
anderen Seite hatte Mathilde Platz genommen mit dem Herrn, der aussah
wie ein Korpsstudent, übrigens aber Bankbeamter und Reserveoffizier war.
Gegenüber von uns, aber schon im Saal, saß Samodeski zwischen der Frau
des Hauses und irgendeiner anderen schönen Dame, die ich nicht kannte.
Er warf seiner Gattin eine scherzhaft verwegene Kußhand zu; sie nickte
ihm zu und lächelte. Ohne weitere Absicht beobachtete ich ihn ziemlich
genau. Er war wirklich schön mit seinen stahlblauen Augen und dem langen
schwarzen Spitzbarte, den er manchmal mit zwei Fingern der linken Hand
am Kinn zurechtstrich. Ich glaube aber auch, daß ich nie in meinem Leben
einen Mann so sehr von Worten, Blicken, Gebärden gewissermaßen umglüht
gesehen habe als ihn an diesem Abend. Anfangs schien es, als ließe er
sich das eben nur gefallen. Aber bald sah ich an seiner Art, den Frauen
leise zuzuflüstern, an seinen unerträglichen Siegerblicken und besonders
an der erregten Munterkeit seiner Nachbarinnen, daß die scheinbar
harmlose Unterhaltung von irgendeinem geheimen Feuer genährt wurde.
Natürlich mußte Mathilde das alles geradeso gut bemerken als ich; aber
sie plauderte anscheinend unbewegt bald mit ihrem Nachbarn, bald mit
mir. Allmählich wandte sie sich zu mir allein, erkundigte sich nach
verschiedenen äußeren Umständen meines Lebens und ließ sich von meiner
vorjährigen Reise nach Athen berichten. Dann sprach sie von ihrer
Kleinen, die merkwürdigerweise schon heute Lieder von Schumann nach dem
Gehör singen konnte, von ihren Eltern, die sich nun auch auf ihre alten
Tage ein Häuschen in Hietzing gekauft, von alten Kirchenstoffen, die sie
selbst im vorigen Jahr in Salzburg angeschafft hatte, und von hundert
anderen Dingen. Aber unter der Oberfläche dieses Gespräches ging etwas
ganz anderes zwischen uns vor; ein stummer erbitterter Kampf: sie
versuchte mich durch ihre Ruhe von der Ungetrübtheit ihres Glückes zu
überzeugen – und ich wehrte mich dagegen, ihr zu glauben. Ich mußte
wieder an jenen japanisch-chinesischen Abend in Samodeskis Atelier
denken, wo sie sich in gleicher Weise bemüht hatte. Diesmal fühlte sie
wohl, daß sie gegen meine Bedenken wenig ausrichtete und daß sie irgend
etwas ganz Besonderes ausdenken mußte, um sie zu zerstreuen. Und so kam
sie auf den Einfall, mich selbst auf das zutunliche und verliebte
Benehmen der zwei schönen Frauen ihrem Gatten gegenüber aufmerksam zu
machen und begann von seinem Glück bei Frauen zu sprechen, als wenn sie
sich auch daran geradeso wie an seiner Schönheit und an seinem Genie
ohne jede Unruhe und jedes Mißtrauen als gute Kameradin freuen dürfte.
Aber je mehr sie sich bemühte, vergnügt und ruhig zu scheinen, um so
tiefere Schatten flogen über ihre Stirne hin. Als sie einmal das Glas
erhob, um Samodeski zuzutrinken, zitterte ihre Hand. Das wollte sie
verbergen, unterdrücken; dadurch verfiel aber nicht nur ihre Hand,
sondern der Arm, ihre ganze Gestalt für einige Sekunden in eine solche
Starrheit, daß mir beinahe bange wurde. Sie faßte sich wieder, sah mich
rasch von der Seite an, merkte offenbar, daß sie daran war, ihr Spiel
endgültig zu verlieren, und sagte plötzlich, wie mit einem letzten
verzweifelten Versuch: »Ich wette, Sie halten mich für eifersüchtig.«
Und ehe ich Zeit hatte, etwas zu erwidern, setzte sie rasch hinzu: »Oh,
das glauben viele. Im Anfang hat es Gregor selbst geglaubt.« Sie sprach
absichtlich ganz laut, man hätte drüben jedes Wort hören können. »Nun
ja,« sagte sie mit einem Blick hinüber, »wenn man einen solchen Mann
hat: schön und berühmt ... und selber den Ruf, nicht sonderlich hübsch
zu sein ... Oh, Sie brauchen mir nichts zu erwidern ... ich weiß ja,
daß ich seit meinem Mäderl ein bißchen hübscher geworden bin.« Sie hatte
möglicherweise recht, aber für ihren Gemahl – davon war ich völlig
überzeugt – hatte der Adel ihrer Züge nie sonderlich viel bedeutet, und
was ihre Gestalt anlangt, so hatte sie mit der mädchenhaften Schlankheit
für ihn wahrscheinlich ihren einzigen Reiz verloren. Doch ich stimmte
ihr natürlich mit übertriebenen Worten bei; sie schien erfreut und fuhr
mit wachsendem Mute fort: »Aber ich habe nicht das geringste Talent zur
Eifersucht. Das habe ich selbst nicht gleich gewußt; ich bin erst
allmählich darauf gekommen, und zwar hauptsächlich vor ein paar Jahren
in Paris ... Sie wissen ja, daß wir dort waren?«
Ich erinnerte mich.