Karl atmete tief auf. Es war ganz licht geworden, er und der

Kapellmeister waren längst nicht mehr die einzigen auf der Straße.

Hinter ihnen, auch von Seitenwegen, ja sogar von oben aus dem Walde,

ihnen entgegen, kamen Spaziergänger. Jetzt erst fiel es Karl ein, daß

heute Sonntag war. Er war froh, daß er keinerlei Verpflichtung hatte, in

die Stadt zu gehen, obzwar ihm ja sein Vater auch diesmal einen

versäumten Wochentag nachgesehen hätte, wie er es schon oft getan. Das

alte Drechslergeschäft in der Alserstraße ging vorläufig auch ohne ihn,

und der Vater wußte aus Erfahrung, daß sich die Breiteneders bisher noch

immer zur rechten Zeit zu einem soliden Lebenswandel entschlossen

hatten. Die Geschichte mit Marie Ladenbauer war ihm allerdings nie ganz

recht gewesen. »Du kannst ja machen, was du willst,« hatte er einmal

milde zu Karl gesagt, »ich bin auch einmal jung gewesen ... aber in den

Familien von meine Mädeln hab ich doch nie verkehrt! Da hab ich doch

immer zuviel auf mich gehalten.«

Hätte er auf den Vater gehört – dachte Karl jetzt – so wäre ihm

mancherlei erspart geblieben. Aber er hatte die Marie sehr gern gehabt.

Sie war ein gutmütiges Geschöpf, hing an ihm, ohne viel Worte zu machen,

und wenn sie Arm in Arm mit ihm spazieren ging, hätte sie keiner für

eine gehalten, die schon so manches erlebt hatte. Übrigens ging es bei

ihren Eltern so anständig zu wie in einem bürgerlichen Hause. Die

Wohnung war nett gehalten, auf der Etagere standen Bücher; öfters kam

der Bruder des alten Ladenbauer zu Besuch, der als Beamter beim

Magistrat angestellt war, und dann wurde über sehr ernste Dinge geredet:

Politik, Wahlen und Gemeindewesen. Am Sonntag spielte Karl oben manchmal

Tarock; mit dem alten Ladenbauer und mit dem verrückten Jedek,

demselben, der abends im Klownkostüm auf Gläser- und Tellerrändern

Walzer und Märsche exekutierte; und wenn er gewann, bekam er sein Geld

ohne weiteres ausbezahlt, was ihm in seinem Kaffeehaus durchaus nicht so

regelmäßig passierte. In der Nische am Fenster, vor dem Glasbilder mit

Schweizer Landschaften hingen, saß die blasse lange Frau Jedek, die

abends in der Vorstellung langweilige Gedichte vortrug, plauderte mit

der Marie und nickte dazu beinahe ununterbrochen. Marie sah aber zu Karl

herüber, grüßte ihn scherzend mit der Hand oder setzte sich zu ihm und

schaute ihm in die Karten. Ihr Bruder war in einem großen Geschäft

angestellt, und wenn ihm Karl eine Zigarre gab, so revanchierte er sich

sofort. Auch brachte er seiner Schwester, die er sehr verehrte, zuweilen

von einem Stadtzuckerbäcker etwas zum Naschen mit. Und wenn er sich

empfahl, sagte er mit halbgeschlossenen Augen: »Leider daß ich

anderweitig versagt bin ...« – Freilich, am liebsten war Karl mit Marie

allein. Und er dachte an einen Morgen, an dem er mit ihr denselben Weg

gegangen war, den er jetzt ging, dem leise rauschenden Wald entgegen,

der dort oben auf dem Hügel anfing. Sie waren beide müde gewesen, denn

sie kamen geradeswegs aus dem Kaffeehaus, wo sie bis zum Morgengrauen

mit der ganzen Volkssängergesellschaft zusammengesessen waren; nun

legten sie sich unter eine Buche am Rand eines Wiesenhanges und

schliefen ein. Erst in der heißen Stille des Sommermittags wachten sie

auf, gingen noch weiter hinein in den Wald, plauderten und lachten den

ganzen Tag, ohne zu wissen warum, und erst spät abends zur Vorstellung

brachte er sie wieder in die Stadt ... So schöne Erinnerungen gab es

manche, und die beiden lebten sehr vergnügt, ohne an die Zukunft zu

denken. Zu Beginn des Winters erkrankte Marie plötzlich. Der Doktor

hatte jeden Besuch strenge verboten, denn die Krankheit war eine

Gehirnentzündung oder so etwas ähnliches, und jede Aufregung sollte

vermieden werden. Karl ging anfangs täglich zu den Ladenbauers, sich

erkundigen; später aber, als die Sache sich länger hinzog, nur jeden

zweiten und dritten Tag. Einmal sagte ihm Frau Ladenbauer an der Türe:

»Also heut dürfen Sie schon hineinkommen, Herr von Breiteneder. Aber

bitt schön, daß Sie sich nicht verraten.« – »Warum soll denn ich mich

verraten?« fragte Karl, »was ist denn g’schehn?« – »Ja, mit den Augen

ist leider keine Hilfe mehr.« – »Wieso denn?« – »Sie sieht halt nichts

mehr ..., das ist ihr leider Gottes von der Krankheit zurückgeblieben.

Aber sie weiß noch nicht, daß es unheilbar ist ... Nehmen Sie sich

zusammen, daß sie nichts merkt.« Da stammelte Karl nur ein paar Worte

und ging. Er hatte plötzlich Angst, Marie wiederzusehen. Es war ihm, als

hätte er nichts an ihr so gern gehabt, als ihre Augen, die so hell

gewesen waren und mit denen sie immer gelacht hatte. Er wollte morgen

kommen. Aber er kam nicht, nicht am nächsten und nicht am übernächsten

Tage. Und immer weiter schob er den Besuch hinaus. Er wollte sie erst

wiedersehen, nahm er sich vor, bis sie sich selbst in ihr Schicksal

gefunden haben konnte. Dann fügte es sich, daß er eine Geschäftsreise

antreten mußte, auf die der Vater schon lange gedrungen hatte. Er kam

weit herum, war in Berlin, Dresden, Köln, Leipzig, Prag. Einmal schrieb

er an die alte Frau Ladenbauer eine Karte, in der stand: Gleich nach

seiner Rückkehr würde er hinaufkommen, und er ließe die Marie schön

grüßen. – Im Frühjahr kam er zurück; aber zu den Ladenbauers ging er

nicht. Er konnte sich nicht entschließen ... Natürlich dachte er auch

von Tag zu Tag weniger an sie und nahm sich vor, sie ganz zu vergessen.

Er war ja nicht der erste und nicht der einzige gewesen. Er hörte auch

gar nichts von ihr, beruhigte sich mehr und mehr, und aus irgendeinem

Grunde bildete er sich manchmal ein, daß Marie auf dem Land bei

Verwandten lebte, von denen er sie manchmal sprechen gehört hatte.

Da führte ihn gestern abends – er wollte Bekannte besuchen, die in der

Nähe wohnten – der Zufall an dem Wirtshaus vorüber, wo die Vorstellungen

der Gesellschaft Ladenbauer stattzufinden pflegten. Ganz in Gedanken

wollte er schon vorübergehen, da fiel ihm das gelbe Plakat ins Auge, er

wußte, wo er war, und ein Stich ging ihm durchs Herz, bevor er ein Wort

gelesen hatte. Aber dann, wie er es mit schwarzen und roten Buchstaben

vor sich sah: »Erstes Auftreten der Maria Ladenbauer, genannt die ›weiße

Amsel‹, nach ihrer Genesung,« da blieb er wie gelähmt stehen. Und in

diesem Augenblick stand der Rebay neben ihm, wie aus dem Boden

gewachsen: den weißen Strubbelkopf unbedeckt, den schäbigen schwarzen

Zylinder in der Hand und mit einer frischen Blume im Knopfloch. Er

begrüßte Karl: »Der Herr Breiteneder – nein, so was! Nicht wahr,

beehren uns heute wieder! Die Fräul’n Marie wird ja ganz weg sein vor

Freud, wenn sie hört, daß sich die frühern Freund’ doch noch um sie

umschaun. Das arme Ding! Viel haben wir mit ihr ausg’standen, Herr von

Breiteneder; aber jetzt hat sie sich verfangt.« Er redete noch eine

ganze Menge, und Karl rührte sich nicht, obwohl er am liebsten weit

fortgewesen wäre. Aber plötzlich regte sich eine Hoffnung in ihm, und er

fragte den Rebay, ob denn die Marie gar nichts sehe – ob sie nicht doch

wenigstens einen Schein habe. »Einen Schein?« erwiderte der andere. »Was

fällt Ihnen denn ein, Herr von Breiteneder!... Nichts sieht sie, gar

nichts!« Er rief es mit seltsamer Fröhlichkeit. »Alles kohlrabenschwarz

vor ihr ... Aber werden sich schon überzeugen, Herr von Breiteneder, hat

alles seine guten Seiten, wenn man so sagen darf – und eine Stimme hat

das Mädel, schöner als je!... Na, Sie werden ja sehn, Herr von

Breiteneder. – Und gut is sie – seelengut! Noch viel freundlicher, als

sie eh schon war. Na, Sie kennen sie ja – haha! – Ah, es kommen heut

mehrere, die sie kennen ... natürlich nicht so gut wie Sie, Herr von

Breiteneder; denn jetzt ist es natürlich vorbei mit die gewissen

G’schichten. Aber das wird auch schon wieder kommen! Ich hab eine

gekannt, die war blind und hat Zwillinge gekriegt – haha! – Schauen S’,

wer da is,« sagte er plötzlich, und Karl stand mit ihm vor der Kassa, an

der Frau Ladenbauer saß. Sie war aufgedunsen und bleich und sah ihn an,

ohne ein Wort zu sagen. Sie gab ihm ein Billett, er zahlte, wußte kaum,

was mit ihm geschah. Plötzlich aber stieß er hervor: »Nicht der Marie

sagen, um Gottes willen, Frau Ladenbauer ... nichts der Marie sagen, daß

ich da bin!... Herr Rebay, nichts ihr sagen!«

»Is schon gut,« sagte Frau Ladenbauer und beschäftigte sich mit anderen

Leuten, die Billette verlangten.

»Von mir kein Wörterl,« sagte Rebay. »Aber nachher, das wird eine

Überraschung sein! Da kommen S’ doch mit? Großes Fest – hoho! Habe die

Ehre, Herr von Breiteneder.« Und er war verschwunden. Karl durchschritt

den gefüllten Saal, und im Garten, der sich ohne weiteres anschloß,

setzte er sich ganz hinten an einen Tisch, wo vor ihm schon zwei alte

Leute Platz genommen hatten, eine Frau und ein Mann. Sie sprachen nichts

miteinander, betrachteten stumm den neuen Gast, und nickten einander

traurig zu. Karl saß da und wartete. Die Vorstellung begann, und Karl

hörte die altbekannten Sachen wieder. Nur schien ihm alles eigentümlich

verändert, weil er noch nie so weit vom Podium gesessen war. Zuerst

spielte der Kapellmeister Rebay eine sogenannte Ouvertüre, von der zu

Karl nur vereinzelte harte Akkorde drangen, dann trat als erste die

Ungarin Ilka auf, in hellrotem Kleid, mit gespornten Stiefeln, sang

ungarische Lieder und tanzte Tschardas. Hierauf folgte ein

humoristischer Vortrag des Komikers Wiegel-Wagel; er trat im

zeisiggrünen Frack auf, teilte mit, daß er soeben aus Afrika angekommen

wäre, und berichtete allerlei unsinnige Abenteuer, deren Abschluß seine

Hochzeit mit einer alten Witwe bildete. Dann kam ein Duett zwischen

Herrn und Frau Ladenbauer; beide trugen Tiroler Kostüm. Nach ihnen, in

schmutziger weißer Klowntracht, folgte der närrische kleine Jedek,

zeigte zuerst seine Jongleurkünste, irrte mit riesigen Augen unter den

Leuten umher, als wenn er jemanden suchte; dann stellte er Teller in

Reihen vor sich auf, hämmerte mit einem Holzstab einen Marsch darauf,

ordnete Gläser und spielte auf den Rändern mit feuchten Fingern eine

wehmütige Walzermelodie. Dabei sah er zur Decke auf und lächelte selig.

Er trat ab, und Rebay hieb wieder auf die Tasten ein, in festlichen

Klängen. Ein Flüstern drang vom Saal in den Garten, die Leute steckten

die Köpfe zusammen, und plötzlich stand Marie auf dem Podium. Der

Vater, der sie hinaufgeführt hatte, war gleich wieder wie hinabgetaucht;

und sie stand allein. Und Karl sah sie oben stehen, mit den erloschenen

Augen in dem süßen blassen Gesicht; er sah ganz deutlich, wie sie zuerst

nur die Lippen bewegte und ein bißchen lächelte. Ohne es selbst zu

merken war er vom Sessel aufgesprungen, lehnte an der grünen Laterne und

hätte beinah aufgeschrien vor Mitleid und Angst. – Und nun fing sie an

zu singen. Mit einer ganz fremden Stimme, leise, viel leiser als früher.

Es war ein Lied, das sie immer gesungen, und das Karl mindestens

fünfzigmal gehört hatte, aber die Stimme blieb ihm seltsam fremd, und

erst als der Refrain kam »Mich heißens’ die weiße Amsel, im G’schäft und

auch zu Haus,« glaubte er, den Klang der Stimme wiederzuerkennen. Sie

sang alle drei Strophen, Rebay begleitete sie, und nach seiner

Gewohnheit blickte er öfters streng zu ihr auf. Als sie zu Ende war,

setzte Applaus ein, laut und donnernd. Marie lächelte und verbeugte

sich. Die Mutter kam die drei Stufen aufs Podium hinauf, Marie griff mit

den Armen in die Luft, als suchte sie die Hände der Mutter, aber der

Applaus war so stark, daß sie gleich ihr zweites Lied singen mußte, das

Karl auch schon an die fünfzigmal gehört hatte. Es fing an: »Heut geh

ich mit mein Schatz aufs Land ...,« und Marie warf den Kopf so vergnügt

in die Höhe, wiegte sich so leicht hin und her, als wenn sie wirklich

mit ihrem Schatz aufs Land gehen, den blauen Himmel, die grünen Wiesen

sehen und im Freien tanzen könnte, wie sie’s in dem Lied erzählte. Und

dann sang sie das dritte, das neue Lied. –

»Hier wäre ein kleines Garterl,« sagte Herr Rebay, und Karl fuhr

zusammen. Es war heller Sonnenschein; weit erglänzte die Straße, ringsum

war es licht und lebendig. »Da könnt’ man sich hineinsetzen,« fuhr Rebay

fort, »auf ein Glas Wein; ich hab schon einen argen Durst – es wird ein

heißer Tag.«

»Ob’s heiß wird!« sagte irgendwer hinter ihnen. Breiteneder wandte sich

um ... Wie, der war ihm auch nachgelaufen?... Was wollte denn der von

ihm?... Es war der närrische Jedek; man hatte ihn nie anders geheißen,

aber es war zweifellos, daß er in der nächsten Zeit ernstlich und

vollkommen verrückt werden mußte. Vor ein paar Tagen hatte er seine

lange blasse Frau am Leben bedroht, und es war rätselhaft, daß man ihn

frei herumlaufen ließ. Jetzt schlich er in seiner zwerghaften Kleinheit

neben Karl einher; aus dem gelblichen Gesichte glotzten aufgerissene,

unerklärlich lustige Augen ins Weite, auf dem Kopf saß ihm das

stadtbekannte, graue weiche Hütel mit der verschlissenen Feder, in der

Hand hielt er ein dünnes Spazierstaberl. Und nun, den andern plötzlich

voraus, war er in das kleine Gasthausgärtchen hineingehüpft, hatte auf

einer Holzbank, die an dem niederen Häuschen lehnte, Platz genommen,

schlug mit dem Spazierstock heftig auf den grüngestrichnen Tisch und

rief nach dem Kellner. Die beiden anderen folgten ihm. Längs des grünen

Holzgitters zog die weiße Straße weiter nach oben, an kleinen, traurigen

Villen vorbei, und verlor sich in den Wald.

Der Kellner brachte Wein. Rebay legte den Zylinder auf den Tisch, fuhr

sich durch das weiße Haar, rieb sich dann mit beiden Händen nach seiner

Gewohnheit die glatten Wangen, schob Jedeks Glas beiseite, und beugte

sich über den Tisch zu Karl hin. »Ich bin doch nicht auf’n Kopf

g’fallen, Herr von Breiteneder! Ich weiß doch, was ich tu!... Warum soll

denn ich schuld sein?... Wissen S’, für wen ich Couplets geschrieben hab

in meinen jüngeren Jahren?... Für’n Matras! Das ist keine Kleinigkeit!

Und haben Aufsehen gemacht! Text und Musik von mir! Und viele sind in

andere Stück’ eingelegt worden!«

»Lassen S’ das Glas stehn,« sagte Jedek und kicherte in sich hinein.

»Ich bitte, Herr von Breiteneder,« fuhr Rebay fort und schob das Glas

wieder von sich. »Sie kennen mich doch, und Sie wissen, daß ich ein

anständiger Mensch bin! Auch gibt’s in meinen Couplets niemals eine

Unanständigkeit, niemals eine Zote!... Und das Couplet, wegen dem der

alte Ladenbauer damals is verurteilt worden, war von einem andern!...

Und heut bin ich achtundsechzig, Herr von Breiteneder – das ist ein

Numero! Und wissen S’, wie lang ich bei der G’sellschaft Ladenbauer

bin?... Da hat der Eduard Ladenbauer noch gelebt, der die G’sellschaft

gegründet hat. Und die Marie kenn ich von ihrer Geburt an.

Neunundzwanzig Jahr bin ich bei die Ladenbauers – im nächsten März hab

ich Jubiläum ... Und ich hab meine Melodien nicht g’stohlen – sie sind

von mir, alles von mir! Und wissen Sie, wieviel man in der Zeit auf die

Werkeln g’spielt hat?... Achtzehn! Net wahr, Jedek?...«

Jedek lachte immerfort lautlos, mit aufgerissenen Augen. Jetzt hatte er

alle drei Gläser vor seinen Platz hingeschoben und begann mit seinen

Fingern leicht über die Ränder zu streichen. Es klang fein, ein bißchen

rührend, wie ferne Oboen- und Klarinettentöne. Breiteneder hatte diese

Kunstfertigkeit immer sehr bewundert, aber in diesem Augenblick vertrug

er die Klänge durchaus nicht. An den andern Tischen hörte man zu; einige

Leute nickten befriedigt, ein dicker Herr patschte in die Hände.

Plötzlich schob Jedek alle drei Gläser wieder fort, kreuzte die Arme und

starrte auf die weiße Straße, über die immer mehr und mehr Menschen

aufwärts dem Wald entgegenwanderten. Karl flimmerte es vor den Augen,

und es war ihm, als wenn die Leute hinter Spinneweben tänzelten und

schwebten. Er rieb sich die Stirn und die Lider, er wollte zu sich

kommen. Er konnte ja nichts dafür! Es war ein schreckliches Unglück –

aber er hatte doch nicht schuld daran! Und plötzlich stand er auf, denn

als er an das Ende dachte, wollte es ihm die Brust zersprengen. »Gehen

wir,« sagte er.

»Ja, frische Luft ist die Hauptsache,« entgegnete Rebay.

Jedek war plötzlich böse geworden, kein Mensch wußte, warum. Er stellte

sich vor einen Tisch hin, an dem ein friedliches Paar saß, fuchtelte mit

seinem Spazierstaberl herum und schrie mit hoher Stimme: »Da soll der

Teufel ein Glaserer werden – Himmelsackerment!« Die beiden friedlichen

Leute wurden verlegen und wollten ihn beschwichtigen; die übrigen

lachten und hielten ihn für betrunken.

Breiteneder und Rebay waren schon auf der weißen Straße, und Jedek,

wieder ganz ruhig geworden, kam ihnen nachgetänzelt. Er nahm sein graues

Hütel ab, hing es an seinen Spazierstock und hielt den Stock mit dem Hut

über die Schultern wie ein Gewehr, während er mit der anderen Hand

gewaltige grüßende Bewegungen zum Himmel empor vollführte.

»Sie brauchen nicht zu glauben, daß ich mich entschuldigen will,« sagte

Rebay mit klappernden Zähnen. »Oho, hab gar keine Ursache! Durchaus

nicht! Ich hab die beste Absicht gehabt, und jedermann wird es mir

zugestehen. Hab ich denn das Lied nicht selber mit ihr einstudiert?...

Bitte sehr, jawohl! Ja, noch wie sie mit den verbundenen Augen im Zimmer

gesessen is, hab ich’s einstudiert mit ihr ... Und wissen S’, wie ich

auf die Idee kommen bin? Es ist ein Unglück, hab ich mir gedacht, aber

es ist doch nicht alles verloren. Ihre Stimme hat sie noch, und ihr

schönes Gesicht ... Auch der Mutter hab ich’s g’sagt, die ganz

verzweifelt war. Frau Ladenbauer, hab ich ihr gesagt, da ist noch nichts

verloren – passen S’ nur auf! Und dann, heutzutage, wo es diese

Blindeninstitute gibt, wo sie sogar mit der Zeit wieder lesen und

schreiben lernen ... Und dann hab ich einen gekannt – einen jungen

Menschen, der ist mit zwanzig Jahren blind worden. Der hat jede Nacht

von die schönsten Feuerwerk geträumt, von alle möglichen Beleuchtungen

...«

Breiteneder lachte auf. »Reden S’ im Ernst?« fragte er ihn.

»Ach was!« entgegnete Rebay grob, »was wollen Sie denn? Soll ich mich

umbringen, ich?... Warum denn? – Meiner Seel, ich hab Unglück genug

gehabt auf der Welt! – Oder meinen Sie, das ist ein Leben, Herr von

Breiteneder, wenn man einmal Theaterstück geschrieben hat, wie ich als

junger Mensch, und man ist mit achtundsechzig schließlich so weit, daß

man auf einem elenden Klimperkasten für schäbige paar Kreuzer die

heisern Ludern begleiten muß, und ihnen die Couplets schreiben ...

Wissen S’, was ich für ein Couplet krieg’?... Sie möchten sich wundern,

Herr von Breiteneder!«

»Aber man spielt sie auf dem Werkel,« sagte Jedek, der jetzt ganz ernst

und manierlich, ja elegant neben ihnen herging.

»Was wollen denn Sie von mir?« sagte Breiteneder. Es war ihm plötzlich,

als verfolgten ihn die beiden, und er wußte nicht, warum. Was hatte er

mit den Leuten zu tun?... Rebay aber sprach weiter: »Eine Existenz hab

ich dem Mädel gründen wollen!... Verstehen S’, eine neue Existenz!...

Grad mit dem neuen Lied!... Grad mit dem!... Und ist es vielleicht nicht

schön?... Ist es nicht rührend?...«

Der kleine Jedek hielt plötzlich Breiteneder am Rockärmel zurück, erhob

den Zeigefinger der linken Hand, Aufmerksamkeit gebietend, spitzte die

Lippen und pfiff. Er pfiff die Melodie des neuen Liedes, das Marie

Ladenbauer, genannt die »weiße Amsel«, heute nachts gesungen hatte. Er

pfiff sie geradezu vollendet; denn auch das gehörte zu seinen

Kunstfertigkeiten.

»Die Melodie hat’s nicht gemacht,« sagte Breiteneder.

»Wieso?« schrie Rebay. – Sie gingen alle rasch, liefen beinahe, trotzdem

der Weg beträchtlich anstieg. »Wieso denn, Herr von Breiteneder?... Der

Text ist schuld, glauben S’?... Ja, um Gottes willen, steht denn in dem

Text was anderes, als was die Marie selbst gewußt hat?... Und in ihrem

Zimmer, wie ich’s ihr einstudiert hab, hat sie nicht ein einziges Mal

geweint. Sie hat g’sagt: »Das ist ein trauriges Lied, Herr Rebay, aber

schön ist’s!...« »Schön ist’s,« hat sie gesagt ... Ja freilich ist es

ein trauriges Lied, Herr von Breiteneder – es ist ja auch ein trauriges

Los, was ihr zugestoßen ist. Da kann ich ihr doch kein lustiges Lied

schreiben?...«

Die Straße verlor sich in den Wald. Durch die Äste schimmerte die

Sonne; aus den Büschen tönte Lachen, klangen Rufe. Sie gingen alle drei

nebeneinander, so schnell, als wollte einer dem andern davonlaufen.

Plötzlich fing Rebay wieder an: »Und die Leut – Kreuzdonnerwetter! –

haben sie nicht applaudiert wie verrückt?... Ich hab’s ja im voraus

gewußt, mit dem Lied wird sie einen Riesenerfolg haben! – Und es hat ihr

auch eine Freud gemacht ... förmlich gelacht hat sie übers ganze

Gesicht, und die letzte Strophe hat sie wiederholen müssen. Und es ist

auch eine rührende Strophe! wie sie mir eingefallen ist, sind mir selber

die Tränen ins Aug gekommen – wissen S’ wegen der Anspielung auf das

andere Lied, das sie immer singt...« Und er sang, oder er sprach

vielmehr, nur daß er die Reimworte immer herausstieß wie einen Orgelton:

»Wie wunderschön war es doch früher _auf der Welt_, – Wo die Sonn’ mir

hat g’schienen auf Wald und _auf Feld_, – Wo i Sonntag mit mein’ Schatz

spaziert bin aufs _Land_ – Und er hat mich aus Lieb nur geführt bei der

_Hand_. – Jetzt geht mir die Sonn’ nimmer auf und die _Stern’_, – Und

das Glück und die Liebe, die sind mir so _fern!_«

»Genug!« schrie Breiteneder, »ich hab’s ja gehört!«

»Ist’s vielleicht nicht schön?« sagte Rebay und schwang den Zylinder.

»Es gibt nicht viele, die solche Couplets machen heutzutag. Fünf Gulden

hat mir der alte Ladenbauer gegeben ... das sind meine Honorare, Herr

von Breiteneder. Dabei hab ich’s noch einstudiert mit ihr.«

Und Jedek hob wieder den Zeigefinger und sang sehr leise den Refrain: »O

Gott, wie bitter ist mir das geschehn – Daß ich nimmer soll den Frühling

sehn ...«

»Also _warum_, frag ich!...« rief Rebay. »Warum?... Gleich nachher war

ich doch bei ihr drin ... Ist nicht wahr, Jedek?... Und sie ist mit

einem glückseligen Lächeln dag’sessen, hat ihr Viertel Wein getrunken,

und ich hab ihr die Haar’ gestreichelt und hab ihr g’sagt: »Na, siehst

du, Marie, wie’s den Leuten g’fallen hat? Jetzt werden gewiß auch Leut’

aus der Stadt zu uns herauskommen; das Lied wird Aufsehen machen ... Und

singen tust du’s prachtvoll ...« Und so weiter, was man halt so red’t,

bei solchen Gelegenheiten ... Und der Wirt ist auch hereingekommen und

hat ihr gratuliert. Und Blumen hat sie bekommen – von Ihnen waren s’

nicht, Herr von Breiteneder ... Und alles war in bester Ordnung ...

Also, warum soll da mein Couplet schuld sein? Das ist ja ein Blödsinn!«

Plötzlich blieb Breiteneder stehen und packte den Rebay bei den

Schultern. »Warum haben S’ ihr denn gesagt, daß ich da bin?... Warum

denn?... Hab ich Sie nicht gebeten, daß Sie’s ihr nicht sagen sollen?«

»Lassen S’ mich aus! Ich hab ihr nichts gesagt! Von der Alten wird sie’s

gehört haben!«

»Nein,« sagte Jedek verbindlich und verbeugte sich, »ich war so frei,

Herr von Breiteneder – ich war so frei. Weil ich g’wußt hab, Sie sein

da, hab ich ihr g’sagt, daß Sie da sein. Und weil sie so oft nach Ihnen

g’fragt hat, während sie krank war, hab ich ihr g’sagt: ›Der Herr

Breiteneder is da ... hinten bei der Latern is er g’standen,‹ hab ich

ihr g’sagt, ›und hat sich großartig unterhalten!‹«

Die griechische Tänzerin, und andere Novellen · 第 6 / 8 段