um eine Geistererscheinung gehandelt haben mußte, die Marco Polo,
vielleicht von einem unbekannten Gehilfen unterstützt, mittels
irgendwelcher Spiegelungen hervorzubringen imstande gewesen war. Als ich
durch den Hof kam, sah ich zu meinem Entsetzen den Kadetten noch immer
in der Stellung eines Gekreuzigten an der Mauer lehnen. Man hatte seiner
offenbar vollkommen vergessen. Die anderen hörte ich drin in der
höchsten Erregung reden und streiten. Ich packte den Kadetten beim Arm,
er wachte sofort auf, war nicht im geringsten verwundert und konnte sich
nur die Erregung nicht erklären, in welcher sich alle Herren des
Regiments befanden. Ich selbst mischte mich gleich mit einer Art von
Grimm in die aufgeregte, aber hohle Unterhaltung, die sich über die
Seltsamkeiten, deren Zeugen wir gewesen, entwickelt hatte, und redete
wohl nicht klüger als die anderen. Plötzlich schrie der Oberst: »Nun,
meine Herren, ich wette, daß ich noch das nächste Frühjahr erlebe!
Fünfundvierzig zu eins!« Und er wandte sich zu einem unserer Herren,
einem Oberleutnant, der eines gewissen Rufes als Spieler und Wetter
genoß. »Nichts zu machen?« Obzwar es klar war, daß der Angeredete der
Versuchung schwer widerstand, so schien er es doch unziemlich zu finden,
eine Wette auf den Tod seines Obersten mit diesem selbst abzuschließen,
und so schwieg er lächelnd. Wahrscheinlich hat er es bedauert. Denn
schon nach vierzehn Tagen, am zweiten Morgen der großen Kaisermanöver,
stürzte unser Oberst vom Pferde und blieb auf der Stelle tot. Und bei
dieser Gelegenheit merkten wir alle, daß wir es gar nicht anders
erwartet hatten. Ich aber begann erst von jetzt an mit einer gewissen
Unruhe an die nächtliche Prophezeiung zu denken, von der ich in einer
sonderbaren Scheu niemandem Mitteilung gemacht hatte. Erst zu
Weihnachten, anläßlich einer Urlaubsreise nach Wien, eröffnete ich mich
einem Kameraden, einem gewissen Friedrich von Gulant – Sie haben
vielleicht von ihm gehört, er hat hübsche Verse gemacht und ist sehr
jung gestorben ... Nun, der war es, der mit mir zusammen das Schema
entwarf, das Sie in diesem Umschlag eingeschlossen finden werden. Er war
nämlich der Ansicht, daß solche Vorfälle für die Wissenschaft nicht
verloren gehen dürften, ob sich nun am Ende ihre Voraussetzungen als
wahr oder falsch herausstellten. Mit ihm bin ich bei Doktor Artiner
gewesen, vor dessen Augen das Schema in diesem Kuwert verschlossen
wurde. In der Kanzlei des Notars war es bisher aufbewahrt, und gestern
erst ist es, meinem Wunsche gemäß, mir zugestellt worden. Ich will es
gestehen: der Ernst, mit dem Gulant die Sache behandelte, hatte mich
anfangs ein wenig verstimmt; aber als ich ihn nicht mehr sah und
besonders, als er kurz darauf starb, fing die ganze Geschichte an, mir
sehr lächerlich vorzukommen. Vor allem war es mir klar, daß ich mein
Schicksal vollkommen in der Hand hatte. Nichts in der Welt konnte mich
dazu zwingen, am 9. September 1868, abends zehn Uhr, mit einem braunen
Vollbart auf einer Bahre zu liegen; Wald- und Wiesenlandschaft konnte
ich vermeiden, auch brauchte ich nicht eine Frau mit roten Haaren zu
heiraten und Kinder zu bekommen. Das einzige, dem ich vielleicht nicht
ausweichen konnte, war ein Unfall, etwa ein Duell, von dem mir die Narbe
auf der Stirn zurückbleiben konnte. Ich war also fürs erste beruhigt. –
Ein Jahr nach jener Weissagung heiratete ich Fräulein von Heimsal, meine
jetzige Gattin; bald darauf quittierte ich den Dienst und widmete mich
der Landwirtschaft. Ich besichtigte verschiedene kleinere Güter und – so
komisch es klingen mag – ich achtete darauf, daß sich womöglich
innerhalb dieser Besitzungen keine Partie zeigte, die dem Rasenplatz
jenes Traumes (wie ich den Inhalt jener Erscheinung bei mir zu nennen
liebte) gleichen könnte. Ich war schon daran, einen Kauf abzuschließen,
als meine Frau eine Erbschaft machte, und uns dadurch eine Besitzung in
Kärnten mit einer schönen Jagd zufiel. Beim ersten Durchwandern des
neuen Gebietes gelangte ich zu einer Wiesenpartie, die, von Wald
begrenzt und leicht gesenkt, mir in eigentümlicher Art der Örtlichkeit
zu gleichen schien, vor der mich zu hüten ich vielleicht allen Anlaß
hatte. Ich erschrak ein wenig. Meiner Frau hatte ich von der
Prophezeiung nichts erzählt; sie ist so abergläubisch, daß ich ihr mit
meinem Geständnis gewiß das ganze Leben bis zum heutigen Tage« – er
lächelte wie befreit – »vergiftet hätte. So konnte ich ihr natürlich
auch meine Bedenken nicht mitteilen. Aber mich selbst beruhigte ich mit
der Überlegung, daß ich ja keineswegs den September 1868 auf meinem Gute
zubringen müßte. – Im Jahre 1860 wurde mir ein Knabe geboren. Schon in
seinen ersten Lebensjahren glaubte ich, in seinen Zügen Ähnlichkeit mit
den Zügen des Knaben aus dem Traume zu entdecken; bald schien sie sich
zu verwischen, bald wieder sprach sie sich deutlicher aus – und heute
darf ich mir ja selbst gestehen, daß der Knabe, der heute abends um zehn
an meiner Bahre stehen wird, dem Knaben der Erscheinung aufs Haar
gleicht. – Eine Tochter habe ich nicht. Da ereignete es sich vor drei
Jahren, daß die verwitwete Schwester meiner Frau, die bisher in Amerika
gelebt hatte, starb und ein Töchterchen hinterließ. Auf Bitten meiner
Frau fuhr ich über das Meer, holte das Mädchen ab, um es bei uns im
Hause aufzunehmen. Als ich es zum erstenmal erblickte, glaubte ich zu
merken, daß es dem Mädchen aus dem Traume vollkommen gliche. Der Gedanke
fuhr mir durch den Kopf, das Kind in dem fremden Lande bei fremden
Leuten zu lassen. Natürlich wies ich diesen unedlen Einfall gleich
wieder von mir, und wir nahmen das Kind in unserem Hause auf. Wieder
beruhigte ich mich vollkommen, trotz der zunehmenden Ähnlichkeit der
Kinder mit den Kindern jener prophetischen Erscheinung, denn ich bildete
mir ein, daß die Erinnerung an die Kindergesichter des Traumes mich doch
vielleicht trügen mochte. Mein Leben floß eine Zeitlang in vollkommener
Ruhe hin. Ja ich hatte beinahe aufgehört, an jenen sonderbaren Abend in
dem polnischen Nest zu denken, als ich vor zwei Jahren durch eine neue
Warnung des Schicksals in begreiflicher Weise erschüttert wurde. Ich
hatte auf ein paar Monate verreisen müssen; als ich zurückkam, trat mir
meine Frau mit roten Haaren entgegen, und ihre Ähnlichkeit mit der Frau
des Traumes, deren Antlitz ich ja nicht gesehen hatte, schien mir
vollständig. Ich fand es für gut, meinen Schrecken unter dem Ausdruck
des Zornes zu verbergen; ja ich wurde mit Absicht immer heftiger, denn
plötzlich kam mir ein an Wahnsinn grenzender Einfall: wenn ich mich von
meiner Frau und den Kindern trennte, so müßte ja all die Gefahr
schwinden, und ich hätte das Schicksal zum Narren gehalten. Meine Frau
weinte, sank wie gebrochen zu Boden, bat mich um Verzeihung und erklärte
mir den Grund ihrer Veränderung. Vor einem Jahre, anläßlich einer Reise
nach München, war ich in der Kunstausstellung von dem Bildnis einer
rothaarigen Frau besonders entzückt gewesen, und meine Frau hatte schon
damals den Plan gefaßt, sich bei irgendeiner Gelegenheit diesem Bildnis
dadurch ähnlich zu machen, daß sie sich die Haare färben ließ. Ich
beschwor sie natürlich, ihrem Haar möglichst bald die natürliche dunkle
Farbe wieder zu verleihen, und als es geschehen war, schien alles wieder
gut zu sein. Sah ich nicht deutlich, daß ich mein Schicksal nach wie vor
in meiner Gewalt hatte?... War nicht alles, was bisher geschehen, auf
natürliche Weise zu erklären?... Hatten nicht tausend andere Güter mit
Wiesen und Wald und Frau und Kinder?... Und das einzige, was vielleicht
Abergläubische schrecken durfte, stand noch aus – bis zum heurigen
Winter: die Narbe, die Sie nun doch auf meiner Stirne prangen sehen. Ich
bin nicht mutlos – erlauben Sie mir, daß ich Ihnen das sage; ich habe
mich als Offizier zweimal geschlagen und unter recht gefährlichen
Bedingungen – auch vor acht Jahren, kurz nach meiner Verheiratung, als
ich schon den Dienst verlassen hatte. Aber als ich im vorigen Jahre aus
irgendeinem lächerlichen Grund – wegen eines nicht ganz höflichen Grußes
– von einem Herrn zur Rede gestellt wurde, habe ich es vorgezogen« –
Herr von Umprecht errötete leicht – »mich zu entschuldigen. Die Sache
wurde natürlich in ganz korrekter Weise erledigt, aber ich weiß ja doch
ganz bestimmt, daß ich mich auch damals geschlagen hätte, wäre nicht
plötzlich eine wahnwitzige Angst über mich gekommen, daß mein Gegner mir
eine Wunde an der Stirne beibringen und dem Schicksal damit einen neuen
Trumpf in die Hand spielen könnte ... Aber Sie sehen, es half mir
nichts: die Narbe ist da. Und der Augenblick, in dem ich hier verwundet
wurde, war vielleicht derjenige innerhalb der ganzen zehn Jahre, der
mich am tiefsten zum Bewußtsein meiner Wehrlosigkeit brachte. Es war
heuer im Winter gegen Abend; ich fuhr mit zwei oder drei anderen
Personen, die mir vollkommen unbekannt waren, in der Eisenbahn zwischen
Klagenfurt und Villach. Plötzlich klirren die Fensterscheiben, und ich
fühle einen Schmerz an der Stirn; zugleich höre ich, daß etwas Hartes zu
Boden fällt; ich greife zuerst nach der schmerzenden Stelle – sie
blutet; dann bücke ich mich rasch und hebe einen spitzen Stein vom
Fußboden auf. Die Leute im Kupee sind aufgefahren. »Ist was geschehen?«
ruft einer. Man merkt, daß ich blute, und bemüht sich um mich. Ein Herr
aber – ich seh es ganz deutlich – ist in die Ecke wie zurückgesunken. In
der nächsten Haltestelle bringt man Wasser, der Bahnarzt legt mir einen
notdürftigen Verband an, aber ich fürchte natürlich nicht, daß ich an
der Wunde sterben könnte: ich weiß ja, daß es eine Narbe werden muß. Ein
Gespräch im Waggon hat sich entsponnen, man fragt sich, ob ein Attentat
beabsichtigt war, ob es sich um einen gemeinen Bubenstreich handle; der
Herr in der Ecke schweigt und starrt vor sich hin. In Villach steige ich
aus. Plötzlich ist der Mann an meiner Seite und sagt: »Es galt mir.« Eh
ich antworten, ja nur mich besinnen kann, ist er verschwunden; ich habe
nie erfahren können, wer es war. Ein Verfolgungswahnsinniger vielleicht
... vielleicht auch einer, der sich mit Recht verfolgt glaubte von
einem beleidigten Gatten oder Bruder, und den ich möglicherweise
gerettet habe, da eben mir die Narbe bestimmt war ... wer kann es
wissen?... Nach ein paar Wochen leuchtete sie auf meiner Stirn an
derselben Stelle, wo ich sie in jenem Traume gesehen hatte. Und mir ward
es immer klarer, daß ich mit irgendeiner unbekannten höhnischen Macht in
einem ungleichen Kampf begriffen war, und ich sah dem Tag, wo das letzte
in Erfüllung gehen sollte, mit wachsender Unruhe entgegen.
Im Frühling erhielten wir die Einladung meines Onkels. Ich war fest
entschlossen, ihr nicht zu folgen, denn ohne daß mir ein deutliches Bild
in Erinnerung gekommen wäre, schien es mir doch möglich, daß gerade auf
seinem Gut hier die verruchte Stelle zu finden wäre. Meine Frau hätte
aber eine Ablehnung nicht verstanden, und so entschloß ich mich doch,
mit ihr und den Kindern schon Anfang Juli herzureisen, in der bestimmten
Absicht, sobald als möglich das Schloß wieder zu verlassen und weiter in
den Süden, nach Venedig oder an den Lido, zu gehen. An einem der ersten
Tage unseres Aufenthaltes kam das Gespräch auf Ihr Stück, mein Onkel
sprach von den kleinen Kinderrollen, die darin enthalten wären, und bat
mich, meine Kleinen mitspielen zu lassen. Ich hatte nichts dagegen. Es
war damals bestimmt, daß der Held von einem Berufsschauspieler
dargestellt werden sollte. Nach einigen Tagen packte mich die Angst, daß
ich gefährlich erkranken und nicht würde abreisen können. So erklärte
ich denn eines Abends, daß ich am nächsten Tage das Schloß auf einige
Zeit zu verlassen und Seebäder zu nehmen gedächte. Ich mußte
versprechen, Anfang September wieder zurück zu sein. Am selben Abend kam
ein Brief des Schauspielers, der aus irgendwelchen gleichgültigen
Gründen dem Freiherrn seine Rolle zurückstellte. Mein Onkel war sehr
ärgerlich. Er bat mich, das Stück zu lesen – vielleicht könnte ich ihm
unter unseren Bekannten einen nennen, der geeignet wäre, die Rolle
darzustellen. So nahm ich denn das Stück auf mein Zimmer mit und las es.
Nun versuchen Sie sich vorzustellen, was in mir vorging, als ich zu dem
Schlusse kam und hier Wort für Wort die Situation aufgezeichnet fand,
die mir für den 9. September dieses Jahres prophezeit worden war. Ich
konnte den Morgen nicht erwarten, um meinem Onkel zu sagen, daß ich die
Rolle spielen wollte. Ich fürchtete, daß er Einwendungen machen könnte;
denn seit ich das Stück gelesen, kam ich mir vor wie in sicherer Hut,
und wenn mir die Möglichkeit entging, in Ihrem Stück zu spielen, so war
ich wieder jener unbekannten Macht preisgegeben. Mein Onkel war gleich
einverstanden, und von nun an nahm alles seinen einfachen und guten
Gang. Wir probieren seit einigen Wochen Tag für Tag, ich habe die
Situation, die mir heute bevorsteht, schon fünfzehn- oder zwanzigmal
durchgemacht: ich liege auf der Bahre, die junge Komtesse Saima mit
ihren schönen roten Haaren, die Hände vor dem Antlitz, kniet vor mir,
und die Kinder stehen an meiner Seite.«
Während Herr von Umprecht diese Worte sprach, fielen meine Augen wieder
auf das Kuwert, das noch immer versiegelt auf dem Tische lag. Herr von
Umprecht lächelte. »Wahrhaftig, den Beweis bin ich Ihnen noch schuldig,«
sagte er und öffnete die Siegel. Ein zusammengefaltetes Papier lag
zutage. Umprecht entfaltete es und breitete es auf dem Tische aus. Vor
mir lag ein vollkommener, wie von mir selbst entworfener Situationsplan
zu der Schlußszene des Stückes, Hintergrund und Seiten waren schematisch
aufgezeichnet und mit der Bezeichnung »Wald« versehen; ein Strich mit
einer männlichen Figur war etwa in der Mitte des Planes eingetragen,
darüber stand: »Bahre« ... Bei den anderen schematischen Figuren stand
in kleinen Buchstaben mit roter Tinte zugeschrieben: »Frau mit rotem
Haar«, »Knabe«, »Mädchen«, »Fackelträger«, »Mann mit erhobenen Händen«.
Ich wandte mich zu Herrn von Umprecht: »Was bedeutet das: ›Mann mit
erhobenen Händen?‹«
»Daran,« sagte Herr von Umprecht zögernd, »hätt ich nun beinahe
vergessen. Mit dieser Figur verhält es sich folgendermaßen: In jener
Erscheinung gab es nämlich auch, von den Fackeln grell beleuchtet, einen
alten, ganz kahlen Mann, glatt rasiert, mit einer Brille, einen
dunkelgrünen Schal um den Hals, mit erhobenen Händen und weit
aufgerissenen Augen.«
Diesmal stutzte ich.
Wir schwiegen eine Weile, dann fragte ich, seltsam beunruhigt: »Was
vermuten Sie eigentlich? Wer sollte das sein?«
»Ich nehme an,« sagte Umprecht ruhig, »daß irgendeiner von den
Zuschauern, vielleicht aus der Dienerschaft des Onkels ... oder einer
von den Bauern am Schluß des Stückes in besondere Bewegung geraten und
auf unsere Bühne stürzen könnte ... vielleicht aber will es das
Schicksal, daß ein aus dem Irrenhause Entsprungener durch einen jener
Zufälle, die mich wirklich nicht mehr überraschen, gerade in dem
Augenblick, wo ich auf der Bahre liege, über die Bühne gerannt käme.«
Ich schüttelte den Kopf.
»Wie sagten Sie?... Kahl – Brille – ein grüner Schal?... – Nun
erscheint mir die Sache noch seltsamer als früher. Die Gestalt des
Mannes, den Sie damals gesehen, ist tatsächlich von mir in meinem Stück
beabsichtigt gewesen, und ich habe darauf verzichtet. Es war der
wahnsinnige Vater der Frau, von dem im ersten Akt die Rede ist, und der
zum Schluß auf die Szene stürmen sollte.«
»Aber Schal und Brille?«
»Das hätte wohl der Schauspieler aus Eigenem getan – glauben Sie nicht?«
»Es ist möglich.«
Wir wurden unterbrochen. Frau von Umprecht ließ ihren Gatten zu sich
bitten, da sie ihn gerne vor der Vorstellung sprechen möchte, und er
empfahl sich. Ich blieb noch eine Weile und betrachtete aufmerksam den
Situationsplan, den Herr von Umprecht auf dem Tisch hatte liegen lassen.
3
Bald trieb es mich zu dem Orte hin, an dem die Vorstellung stattfinden
sollte. Er lag hinter dem Schlößchen, durch eine anmutige Gartenanlage
davon geschieden. Dort, wo diese mit niederen Hecken abschloß, waren
etwa zehn lange Bankreihen aus einfachem Holz aufgestellt; die vorderen
Reihen waren mit dunkelrotem Teppichstoff bedeckt. Vor der ersten
standen einige Notenpulte und Stühle; einen Vorhang gab es nicht. Die
Trennung der Bühne von dem Zuschauerraum war durch zwei seitlich ragende
hohe Tannenbäume angedeutet; rechts schloß sich wildes Gesträuch an,
hinter dem ein bequemer Lehnstuhl, dem Zuschauer unsichtbar, für den
Souffleur bestimmt, stand. Zur Linken lag der Platz frei und ließ den
Blick ins Tal offen. Der Hintergrund der Szene war von hohen Bäumen
gebildet; sie standen dicht aneinandergedrängt nur in der Mitte, und
links schlichen schmale Wege aus dem Schatten hervor. Weiter drin im
Wald, innerhalb einer kleinen künstlichen Lichtung, waren Tisch und
Stühle aufgestellt, wo die Schauspieler ihrer Stichworte harren mochten.
Für die Beleuchtung war gesorgt, indem man zur Seite der Bühne und des
Zuschauerraumes kulissenartig hohe alte Kirchenleuchter mit riesigen
Kerzen aufgerichtet hatte. Hinter dem Gesträuch zur Rechten war eine Art
Requisitenraum im Freien; hier sah ich nebst anderem kleinern Gerät, das
im Stück notwendig war, die Bahre stehen, auf der Herr von Umprecht am
Schlusse des Stückes sterben sollte. – Als ich jetzt über die Wiese
schritt, war sie von der Abendsonne mild überglänzt ... Ich hatte
natürlich über die Erzählung des Herrn von Umprecht nachgedacht. Nicht
für unmöglich hielt ich es anfangs, daß Herr von Umprecht zu der Art von
phantastischen Lügnern gehörte, die eine Mystifikation unter
Schwierigkeiten von langer Hand vorbereiten, um sich interessant zu
machen. Ich hielt es selbst für denkbar, daß die Unterschrift des Notars
gefälscht war und daß Herr von Umprecht andre Leute eingeweiht hatte, um
die Sache folgerecht durchzuführen. Besondere Bedenken stiegen mir über
den vorläufig unbekannten Mann mit den erhobenen Händen auf, mit dem
sich Umprecht wohl ins Einvernehmen gesetzt haben konnte. Aber meinen
Zweifeln widersprach vor allem die Rolle, die dieser Mann in meinem
ersten Plane gespielt, der niemandem bekannt sein konnte – und besonders
der günstige Eindruck, den ich von der Person des Herrn von Umprecht
gewonnen hatte. Und so unwahrscheinlich, ja so ungeheuerlich sein ganzer
Bericht mir erschien – irgend etwas in mir verlangte sogar danach, ihm
glauben zu dürfen; es mochte die törichte Eitelkeit sein, mich als
Vollstrecker eines über uns waltenden Willens zu empfinden. – Indes
hatte einige Bewegung in meiner Nähe angehoben; Diener kamen aus dem
Schloß, Kerzen wurden angezündet, Leute aus der Umgebung, manche auch in
bäurischer Kleidung, stiegen langsam den Hügel herauf und stellten sich
bescheiden zu seiten der Bänke auf. Bald erschien die Frau des Hauses
mit einigen Herren und Damen, die zwanglos Platz nahmen. Ich gesellte
mich zu ihnen und plauderte mit Bekannten vom vorigen Jahr. Die
Mitglieder des Orchesters waren erschienen und begaben sich auf ihre
Plätze; die Zusammenstellung war ungewöhnlich genug; es waren zwei
Violinen, ein Cello, eine Viola, ein Kontrabaß, eine Flöte und eine
Oboe. Sie begannen sofort, offenbar verfrüht, eine Ouvertüre von Weber
zu spielen. Ganz vorne, in der Nähe des Orchesters, stand ein alter
Bauer, der glatzköpfig war und eine Art von dunklem Tuch um den Hals
geschlungen hatte. Vielleicht war der vom Schicksal dazu bestimmt, dacht
ich, später eine Brille herauszunehmen, irrsinnig zu werden und auf die
Szene zu laufen. Das Tageslicht war völlig dahin, die hohen Kerzen
flackerten ein wenig, da sich ein leichter Wind erhoben hatte. Hinter
dem Gesträuch wurde es lebendig, auf verborgenen Wegen waren die
Mitwirkenden in die Nähe der Bühne gelangt. Jetzt erst dachte ich wieder
an die anderen, die mitzuspielen hatten, und es fiel mir ein, daß ich
noch niemanden außer Herrn von Umprecht, seinen Kindern und der
Försterstochter gesehen hatte. Nun hörte ich die laute Stimme des
Regisseurs und das Lachen der jungen Komtessa Saima. Die Bänke waren
alle besetzt, der Freiherr saß in einer der vordersten Reihen und sprach
mit der Gräfin Saima. Das Orchester fing an zu spielen, dann trat die
Försterstochter vor und sprach den Prolog, der das Stück einleitete. Den
Inhalt des Ganzen bildete das Schicksal eines Mannes, der, ergriffen von
einer plötzlichen Sehnsucht nach Abenteuern und Fernen, die Seinen ohne
Abschied verläßt und im Verlaufe eines Tages so viel Schmerzliches und
Widriges erlebt, daß er wieder zurückzukehren gedenkt, ehe Frau und
Kinder ihn vermißt haben; aber ein letztes Abenteuer auf dem Rückweg,
nahe der Tür seines Hauses, hat seine Ermordung zur Folge, und nur mehr
sterbend kann er die Verlassenen begrüßen, die seiner Flucht und seinem
Tod als den unlösbarsten Rätseln gegenüberstehen.
Das Spiel hatte begonnen, Herren und Damen sprachen ihre Rollen
angenehm; ich erfreute mich an der einfachen Darstellung der einfachen
Vorgänge und dachte im Anfang nicht mehr an die Erzählung des Herrn von
Umprecht. Nach dem ersten Akt spielte das Orchester wieder, aber
niemand hörte darauf, so lebhaft war das Geplauder auf den Bänken. Ich
selbst saß nicht, sondern stand, ungesehen von den anderen, der Bühne
ziemlich nahe, auf der linken Seite, wo der Weg sich frei dem Tale zu
senkte. Der zweite Akt begann; der Wind war etwas stärker geworden, und
die flackernde Beleuchtung trug zu der Wirkung des Stückes nicht wenig
bei. Wieder verschwanden die Darsteller im Wald, und das Orchester
setzte ein. Da fiel mein Blick ganz zufällig auf den Flötisten, der eine
Brille trug und glatt rasiert war; aber er hatte lange weiße Haare, und
von einem Schal war nichts zu sehen. Das Orchesterspiel schloß, die
Darsteller traten wieder auf die Szene. Da merkte ich, daß der
Flötenspieler, der sein Instrument vor sich hin auf das Pult gelegt
hatte, in seine Tasche griff, einen großen grünen Schal hervorzog und
ihn um den Hals wickelte. Ich war im allerhöchsten Grade befremdet. In
der nächsten Sekunde trat Herr von Umprecht auf; ich sah, wie sein Blick
plötzlich auf dem Flötisten haften blieb, wie er den grünen Schal
bemerkte und einen Augenblick stockte; aber rasch hatte er sich wieder
gefaßt und sprach seine Rolle unbeirrt weiter. Ich fragte einen jungen,
einfach gekleideten Burschen neben mir, ob er den Flötisten kenne, und
erfuhr von ihm, daß jener ein Schullehrer aus Kaltern war. Das Spiel
ging weiter, der Schluß nahte heran. Die zwei Kinder irrten, wie es
vorgeschrieben war, über die Bühne, Lärm im Walde drang näher und näher,
man hörte schreien und rufen; es machte sich nicht übel, daß der Wind
stärker wurde und die Zweige sich bewegten; endlich trug man Herrn von
Umprecht als sterbenden Abenteurer auf der Bahre herein. Die beiden
Kinder stürzten herbei, die Fackelträger standen regungslos zur Seite.
Die Frau trat später auf als die anderen, und mit angstvoll verzerrtem
Blick sinkt sie an der Seite des Gemordeten nieder; dieser will die
Lippen noch einmal öffnen, versucht, sich zu erheben, aber – wie es in
der Rolle vorgeschrieben – es gelingt ihm nicht mehr. Da kommt mit einem
Mal ein ungeheurer Windstoß, daß die Fackeln zu verlöschen drohen; ich
sehe, wie einer im Orchester aufspringt – es ist der Flötenspieler – zu
meinem Erstaunen ist er kahl, seine Perücke ist ihm davongeflogen; mit
erhobenen Händen, den grünen flatternden Schal um den Hals, stürzt er
der Bühne zu. Unwillkürlich richte ich mein Auge auf Umprecht; seine
Blicke sind starr, wie verzückt auf den Mann gerichtet; er will etwas
reden – er vermag es offenbar nicht – er sinkt zurück ... Noch meinen
viele, daß dies alles zum Stücke gehöre; ich selbst bin nicht sicher,
wie dieses erneute Niedersinken zu deuten ist; indes ist der Mann an der
Bahre vorüber, immer noch seiner Perücke nach, und verschwindet im Wald.
Umprecht erhebt sich nicht; ein neuer Windstoß läßt eine der beiden
Fackeln verlöschen; einige Menschen ganz vorne werden unruhig – ich höre
die Stimme des Freiherrn: »Ruhe! Ruhe!« – es wird wieder stille – auch
der Wind regt sich nicht mehr ... aber Umprecht bleibt ausgestreckt
liegen, rührt sich nicht und bewegt nicht die Lippen. Die Komtesse Saima
schreit auf – natürlich glauben die Leute, auch dies sei im Stück so
vorgeschrieben. Ich aber dränge mich durch die Menschen, stürze auf die
Bühne, höre, wie es hinter mir unruhig wird – die Leute erheben sich,
andere folgen mir, die Bahre ist umringt ... »Was gibt’s, was ist
geschehen?« ... Ich reiße einem Fackelträger seine Fackel aus der Hand,
beleuchte das Antlitz des Liegenden ... Ich rüttle ihn, reiße ihm das
Wams auf; indes ist der Arzt an meine Seite gelangt, er fühlt nach dem
Herzen Umprechts, er greift seinen Puls, er wünscht, daß alles zur Seite
trete, er flüstert dem Freiherrn ein paar Worte zu ... die Frau des
Aufgebahrten hat sich hinaufgedrängt, sie schreit auf, wirft sich über
ihren Mann, die Kinder stehen wie vernichtet da und können es nicht
fassen ... Niemand will es glauben, was geschehen, und doch teilt es
einer dem andern mit; – und eine Minute später weiß man es rings in der
Runde, daß Herr von Umprecht auf der Bahre, auf der man ihn
hineingetragen, plötzlich gestorben ist ...
Ich selbst bin am selben Abend noch ins Tal hinuntergeeilt, von
Entsetzen geschüttelt. In einem sonderbaren Grauen habe ich mich nicht
entschließen können, das Schloß wieder zu betreten. Den Freiherrn sprach
ich am Tag darauf in Bozen; dort erzählte ich ihm die Geschichte
Umprechts, wie sie mir von ihm selbst mitgeteilt worden war. Der
Freiherr wollte sie nicht glauben, ich griff in meine Brieftasche und
zeigte ihm das geheimnisvolle Blatt; er sah mich befremdet, ja angstvoll
an und gab mir das Blatt zurück – es war weiß, unbeschrieben,
unbezeichnet ...
Ich habe Versuche gemacht, Marco Polo aufzufinden; aber das einzige, was
ich von ihm erfahren konnte, war, daß er vor drei Jahren zum letztenmal
in einem Hamburger Vergnügungsetablissement niederen Ranges aufgetreten
ist.
Was aber unter allem diesem Unbegreiflichen das unbegreiflichste bleibt,
ist der Umstand, daß der Schullehrer, der damals seiner Perücke mit
erhobenen Händen nachlief und im Walde verschwand, niemals
wiedergesehen, ja daß nicht einmal sein Leichnam aufgefunden wurde.
* * * * *
Nachwort des Herausgebers
Den Verfasser des vorstehenden Berichtes habe ich persönlich nicht
gekannt. Er war zu seiner Zeit ein ziemlich bekannter Schriftsteller,
aber so gut wie verschollen, als er, kaum sechzig Jahre alt, vor etwa
zehn Jahren starb. Sein gesamter Nachlaß ging, ohne besondere
Bestimmung, an den in diesen Blättern genannten Meraner Jugendfreund
über. Von diesem wieder, einem Arzt, mit dem ich mich anläßlich eines
Aufenthaltes in Meran im vorigen Winter zuweilen über allerlei dunkle
Fragen, insbesondere über Geisterseherei, Wirkung in die Ferne und
Weissagekunst unterhalten hatte, wurde mir das hier abgedruckte
Manuskript zur Veröffentlichung übergeben. Gern möchte ich dessen Inhalt
für eine frei erfundene Erzählung halten, wenn nicht der Arzt, wie auch
aus dem Bericht hervorgeht, der am Schluß geschilderten
Theatervorstellung mit ihrem seltsamen Ausgang beigewohnt und den in so
rätselhafter Weise verschwundenen Schullehrer persönlich gekannt hätte.
Was aber den Zauberer Marco Polo anlangt, so erinnere ich mich noch sehr
wohl, als ganz junger Mensch in einer Sommerfrische am Wörther See
seinen Namen auf einem Plakat gedruckt gesehen zu haben; er blieb mir im
Gedächtnis, weil ich gerade zu dieser Zeit im Begriffe war, die
Reisebeschreibung des berühmten Weltfahrers gleichen Namens zu lesen.
Das neue Lied
»Ich bin nicht schuld daran, Herr von Breiteneder ... bitte sehr, das
kann keiner sagen!« Karl Breiteneder hörte diese Worte wie von fern an
sein Ohr schlagen und wußte doch ganz genau, daß der, der sie sprach,
neben ihm einherging – ja er spürte sogar den Weindunst, in den diese
Worte gehüllt waren. Aber er erwiderte nichts. Es war ihm unmöglich,
sich in Auseinandersetzungen einzulassen; er war zu müde und zerrüttet
von dem furchtbaren Erlebnis dieser Nacht, und es verlangte ihn nur nach
Alleinsein und frischer Luft. Darum war er auch nicht nach Hause
gegangen, sondern lieber im Morgenwind die menschenleere Straße
weiterspaziert, ins Freie hinaus, den bewaldeten Hügeln entgegen, die
drüben aus leichten Mainebeln hervorstiegen. Aber ein Schauer nach dem
anderen durchlief ihn vom Kopf bis zu den Füßen, und er spürte nichts
von der wohligen Frische, die ihn sonst nach durchwachten Nächten in der
Frühluft zu durchrieseln pflegte. Er hatte immer das entsetzliche Bild
vor Augen, dem er entflohen war.
Der Mann neben ihm mußte ihn eben erst eingeholt haben. Was wollte denn
der von ihm?... warum verteidigte er sich?... und warum gerade vor
ihm?... Er hatte doch nicht daran gedacht, dem alten Rebay einen lauten
Vorwurf zu machen, wenn er auch sehr gut wußte, daß der die Hauptschuld
trug an dem, was geschehen war. Jetzt sah er ihn von der Seite an. Wie
schaute der Mensch aus! Der schwarze Gehrock war zerdrückt und fleckig,
ein Knopf fehlte, die andern waren an den Rändern ausgefranst; in einem
Knopfloch steckte ein Stengel mit einer abgestorbenen Blüte. Gestern
abend hatte Karl die Blume noch frisch gesehen. Mit dieser selben Nelke
geschmückt, war der Kapellmeister Rebay an einem klappernden Pianino
gesessen und hatte die Musik zu sämtlichen Produktionen der Gesellschaft
Ladenbauer besorgt, wie er es seit bald dreißig Jahren tat. Das kleine
Wirtshaus war ganz voll gewesen, bis in den Garten hinaus standen die
Tische und Stühle, denn heute war, wie es mit schwarzen und roten
Buchstaben auf großen, gelben Zetteln zu lesen stand: »Erstes
Wiederauftreten des Fräulein Maria Ladenbauer, genannt die ›weiße
Amsel‹, nach ihrer Genesung von schwerem Leiden.«