freundlichen Worten der Erinnerung an die schönen Tage des vergangenen
Herbstes dem Freiherrn ein Stück, wie es den Forderungen der Gelegenheit
wohl entsprechen mochte. Bald darauf traf die Antwort ein, die den Dank
des Freiherrn und eine herzliche Einladung für den kommenden Herbst
enthielt. Ich verbrachte den Sommer im Gebirge, und in den ersten
Septembertagen bei einbrechender kühler Witterung reiste ich an den
Gardasee, ohne daran zu denken, daß ich nun dem Schlosse des Freiherrn
von Schottenegg recht nahe war. Ja mir ist heute, als hätte ich zu
dieser Zeit das kleine Schloß und alles dortige Treiben völlig vergessen
gehabt. Da erhielt ich am 8. September aus Wien ein Schreiben des
Freiherrn nachgesandt. Dieses sprach ein gelindes Erstaunen aus, daß ich
nichts von mir hören ließe, und enthielt die Mitteilung, daß am 9.
September die Aufführung des kleinen Stückes stattfände, das ich ihm im
Frühling übersandt hatte und bei der ich keineswegs fehlen dürfte.
Besonderes Vergnügen versprach mir der Freiherr von den Kindern, die in
dem Stück beschäftigt waren und die es sich jetzt schon nicht nehmen
ließen, auch außerhalb der Probezeit in ihren zierlichen Kostümen
umherzulaufen und auf dem Rasen zu spielen. Die Hauptrolle – so schrieb
er weiter – sei nach einer Reihe von Zufälligkeiten an seinen Neffen,
Herrn Franz von Umprecht, übergegangen, der – wie ich mich gewiß noch
erinnere – im vorigen Jahre nur zweimal in lebenden Bildern mitgewirkt
habe, der aber nun auch als Schauspieler ein überraschendes Talent
erweise.
Ich reiste ab, war abends in Bozen und kam am Tage der Vorstellung im
Schlosse an, wo mich der Freiherr und seine Frau freundlich empfingen.
Auch andere Bekannte hatte ich zu begrüßen: den pensionierten
Hofschauspieler, die Gräfin Saima mit Tochter, Herrn von Umprecht und
seine schöne Frau; sowie die vierzehnjährige Tochter des Försters, die
zu meinem Stücke den Prolog sprechen sollte. Für den Nachmittag wurde
große Gesellschaft erwartet und abends bei der Vorstellung sollten mehr
als hundert Zuschauer anwesend sein, nicht nur persönliche Gäste des
Freiherrn, sondern auch Leute aus der Gegend ringsum, denen heute, wie
schon öfter, der Zugang zu dem Bühnenplatz freistand. Überdies war
diesmal auch ein kleines Orchester engagiert, aus Berufsmusikern einer
Bozener Kapelle und einigen Dilettanten bestehend, die eine Ouvertüre
von Weber und überdies eine Zwischenaktsmusik exekutieren sollten, welch
letztere der Freiherr selbst komponiert hatte.
Man war bei Tisch sehr heiter, nur Herr von Umprecht schien mir etwas
stiller als die anderen. Anfangs hatte ich mich seiner kaum entsinnen
können, und es fiel mir auf, daß er mich sehr oft, manchmal mit
Sympathie, dann wieder etwas scheu ansah, ohne je das Wort an mich zu
richten. Allmählich wurde mir der Ausdruck seines Gesichtes bekannter,
und plötzlich erinnerte ich mich, daß er voriges Jahr in einem der
lebenden Bilder mit aufgestützten Armen in Mönchstracht vor einem
Schachbrett gesessen war. Ich fragte ihn, ob ich mich nicht irrte. Er
wurde beinahe verlegen, als ich ihn ansprach; der Freiherr antwortete
für ihn und machte dann eine lächelnde Bemerkung über das neuentdeckte
schauspielerische Talent seines Neffen. Da lachte Herr von Umprecht in
einer ziemlich sonderbaren Weise vor sich hin, dann warf er rasch einen
Blick zu mir herüber, der eine Art von Einverständnis zwischen uns
beiden auszudrücken schien und den ich mir durchaus nicht erklären
konnte. Aber von diesem Augenblick an vermied er es wieder, mich
anzusehen.
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Bald nach Tisch hatte ich mich auf mein Zimmer zurückgezogen. Da stand
ich wieder am offenen Fenster, wie ich so oft im vorigen Jahre getan,
und freute mich des anmutigen Blickes hinunter in das sonnenglänzende
Tal, das, eng zu meinen Füßen, allmählich sich dehnte und in der Ferne
sich völlig aufschloß, um Stadt und Fluren in sich aufzunehmen.
Nach einer kurzen Weile klopfte es. Herr von Umprecht trat ein, blieb an
der Tür stehen und sagte mit einiger Befangenheit: »Ich bitte um
Verzeihung, wenn ich Sie störe.« Dann trat er näher und fuhr fort: »Aber
sobald Sie mir eine Viertelstunde Gehör geschenkt haben, davon bin ich
überzeugt, werden Sie meinen Besuch für genügend entschuldigt halten.«
Ich lud Herrn von Umprecht zum Sitzen ein, er achtete nicht darauf,
sondern fuhr mit Lebhaftigkeit fort: »Ich bin nämlich in der seltsamsten
Art Ihr Schuldner geworden und fühle mich verpflichtet, Ihnen zu
danken.«
Da mir natürlich nichts anderes beifallen konnte, als daß sich diese
Worte des Herrn von Umprecht auf seine Rolle bezögen und sie mir
allzuhöflich schienen, so versuchte ich abzuwehren. Doch Umprecht
unterbrach mich sofort: »Sie können nicht wissen, wie meine Worte
gemeint sind. Darf ich Sie bitten, mich anzuhören?« Er setzte sich auf
das Fensterbrett, kreuzte die Beine, und, mit offenbarer Absichtlichkeit
so ruhig als möglich scheinend, begann er: »Ich bin jetzt Gutsbesitzer,
wie Sie vielleicht wissen, bin aber früher Offizier gewesen. Und zu
jener Zeit, vor zehn Jahren – _heute_ vor zehn Jahren – begegnete mir
das unbegreifliche Abenteuer, unter dessen Schatten ich gewissermaßen
bis heute gelebt habe und das heute durch Sie ohne Ihr Wissen und Zutun
seinen Abschluß findet. Zwischen uns beiden besteht nämlich ein
dämonischer Zusammenhang, den Sie wahrscheinlich so wenig werden
aufklären können wie ich; aber Sie sollen wenigstens von seinem
Vorhandensein erfahren. – Mein Regiment lag damals in einem öden
polnischen Nest. An Zerstreuungen gab es außer dem Dienst, der nicht
immer anstrengend genug war, nur Trunk und Spiel. Überdies hatte man die
Möglichkeit vor Augen, jahrelang hier festsitzen zu müssen, und nicht
alle von uns verstanden es, ein Leben in dieser trostlosen Aussicht mit
Fassung zu tragen. Einer meiner besten Freunde hat sich im dritten Monat
unseres dortigen Aufenthalts erschossen. Ein anderer Kamerad, früher der
liebenswürdigste Offizier, fing plötzlich an, ein arger Trinker zu
werden, wurde unmanierlich, aufbrausend, nahezu unzurechnungsfähig und
hatte irgendeinen Auftritt mit einem Advokaten, der ihn seine Charge
kostete. Der Hauptmann meiner Kompanie war verheiratet und, ich weiß
nicht, ob mit oder ohne Grund, so eifersüchtig, daß er seine Frau eines
Tages zum Fenster hinunterwarf. Sie blieb rätselhafterweise heil und
gesund; der Mann starb im Irrenhause. Einer unserer Kadetten, bis dahin
ein sehr lieber, aber ausnehmend dummer Junge, bildete sich plötzlich
ein, Philosophie zu verstehen, studierte Kant und Hegel und lernte ganze
Partien aus deren Werken auswendig, wie Kinder die Fibel. Was mich
anbelangt, so tat ich nichts als mich langweilen, und zwar in einer so
ungeheuerlichen Weise, daß ich an manchen Nachmittagen, wenn ich auf
meinem Bette lag, fürchtete, verrückt zu werden. Unsere Kaserne lag
außerhalb des Dorfes, das aus höchstens dreißig verstreuten Hütten
bestand; die nächste Stadt, eine gute Reitstunde entfernt, war
schmierig, widerwärtig, stinkend und voll von Juden. Notgedrungen hatten
wir manchmal mit ihnen zu tun – der Hotelier war ein Jude, der Cafetier,
der Schuster desgleichen. Daß wir uns möglichst beleidigend gegen sie
benahmen, das können Sie sich denken. Wir waren besonders gereizt gegen
dieses Volk, weil ein Prinz, der unserem Regiment als Major zugeteilt
war, den Gruß der Juden – ob nun aus Scherz oder aus Vorliebe, weiß ich
nicht – mit ausgesuchter Höflichkeit erwiderte und überdies mit
auffallender Absichtlichkeit unseren Regimentsarzt protegierte, der ganz
offenbar von Juden abstammte. Das würde ich Ihnen natürlich nicht
erzählen, wenn nicht gerade diese Laune des Prinzen mich mit demjenigen
Menschen zusammengeführt hätte, der in so geheimnisvoller Weise die
Verbindung zwischen Ihnen und mir herzustellen berufen war. Es war ein
Taschenspieler, und zwar der Sohn eines Branntweinjuden aus dem
benachbarten polnischen Städtchen. Er war als junger Bursche in ein
Geschäft nach Lemberg, dann nach Wien gekommen und hatte einmal irgend
jemandem einige Kartenkunststücke abgelernt. Er bildete sich auf eigene
Faust weiter aus, eignete sich allerlei andere Taschenspielereien an und
brachte es allmählich so weit, daß er in der Welt umherziehen und sich
auf Varietébühnen oder in Vereinen mit Erfolg produzieren konnte. Im
Sommer kam er immer in seine Vaterstadt, um die Eltern zu besuchen. Dort
trat er nie öffentlich auf, und so sah ich ihn zuerst auf der Straße, wo
er mir durch seine Erscheinung augenblicklich auffiel. Er war ein
kleiner, magerer, bartloser Mensch, der damals etwa dreißig Jahre alt
sein mochte, mit einer vollkommen lächerlichen Eleganz gekleidet, die
zur Jahreszeit gar nicht paßte: er spazierte in einem schwarzen Gehrock
und mit gebügeltem Zylinder herum und trug Westen vom herrlichsten
Brokat; bei starkem Sonnenschein hatte er einen dunklen Zwicker auf der
Nase.
Einmal saßen wir unser fünfzehn oder sechzehn nach dem Abendessen im
Kasino an unserem langen Tisch wie gewöhnlich. Es war eine schwüle
Nacht, und die Fenster standen offen. Einige Kameraden hatten zu spielen
begonnen, andere lehnten am Fenster und plauderten, wieder andere
tranken und rauchten schweigend. Da trat der Korporal vom Tage ein und
meldete die Ankunft des Taschenspielers. Wir waren zuerst einigermaßen
erstaunt. Aber ohne weiteres abzuwarten, trat der Gemeldete in guter
Haltung ein und sprach in leichtem Jargon einige einleitende Worte, mit
denen er sich für die an ihn ergangene Einladung bedankte. Er wandte
sich dabei an den Prinzen, der auf ihn zutrat und ihm – natürlich
ausschließlich, um uns zu ärgern – die Hand schüttelte. Der
Taschenspieler nahm das wie selbstverständlich hin und bemerkte dann, er
werde zuerst einige Kartenkunststücke zeigen, um sich hierauf im
Magnetismus und in der Chiromantie zu produzieren. Er hatte kaum zu Ende
gesprochen, als einige unserer Herren, die in einer Ecke beim
Kartenspiel saßen, merkten, daß ihnen die Figuren fehlten: auf einen
Wink des Zauberers kamen sie aber durch das geöffnete Fenster
hereingeflogen. Auch die Kunststücke, die er folgen ließ, unterhielten
uns sehr und übertrafen so ziemlich alles, was ich auf diesem Gebiete
gesehen hatte. Noch sonderbarer erschienen mir die magnetischen
Experimente, die er dann vollführte. Nicht ohne Grauen sahen wir alle
zu, wie der philosophische Kadett, in Schlaf versetzt, den Befehlen des
Zauberers gehorchend, zuerst durchs offene Fenster sprang, die glatte
Mauer bis zum Dach hinaufkletterte, oben knapp am Rand um das ganze
Viereck herumeilte und sich dann in den Hof hinabgleiten ließ. Als er
wieder unten stand, noch immer im schlafenden Zustand, sagte der Oberst
zu dem Zauberer: »Sie, wenn er sich den Hals gebrochen hätte, ich
versichere Sie, Sie wären nicht lebendig aus der Kaserne gekommen.« Nie
werde ich den Blick voll Verachtung vergessen, mit dem der Jude diese
Bemerkung wortlos erwiderte. Dann sagte er langsam: »Soll ich Ihnen aus
der Hand lesen, Herr Oberst, wann Sie tot oder lebendig diese Kaserne
verlassen werden?« Ich weiß nicht, was der Oberst oder wir anderen ihm
auf diese verwegene Bemerkung sonst entgegnet hätten – aber die
allgemeine Stimmung war schon so wirr und erregt, daß sich keiner
wunderte, als der Oberst dem Taschenspieler die Hand hinreichte und,
dessen Jargon nachahmend, sagte: »Nu, lesen Sie.« Dies alles ging im Hof
vor sich, und der Kadett stand noch immer schlafend mit ausgestreckten
Armen wie ein Gekreuzigter an der Wand. Der Zauberer hatte die Hand des
Obersten ergriffen und studierte aufmerksam die Linien. »Siehst du
genug, Jud?« fragte ein Oberleutnant, der ziemlich betrunken war. Der
Gefragte sah sich flüchtig um und sagte ernst: »Mein Künstlername ist
Marco Polo.« Der Prinz legte dem Juden die Hand auf die Schulter und
sagte: »Mein Freund Marco Polo hat scharfe Augen.« – »Nun, was sehen
Sie?« fragte der Oberst höflicher. »Muß ich reden?« fragte Marco Polo.
»Wir können Sie nicht zwingen,« sagte der Prinz. »Reden Sie!« rief der
Oberst. »Ich möcht lieber nicht reden,« erwiderte Marco Polo. Der Oberst
lachte laut. »Nur heraus, es wird nicht so arg sein. Und wenn es arg
ist, muß es auch noch nicht wahr sein.« – »Es ist sehr arg,« sagte der
Zauberer, »und wahr ist es auch.« Alle schwiegen. »Nun?« fragte der
Oberst. »Von Kälte werden Sie nichts mehr zu leiden haben,« erwiderte
Marco Polo. »Wie?« rief der Oberst aus, »kommt unser Regiment also
endlich nach Riva?« – »Vom Regiment les’ ich nichts, Herr Oberst. Ich
seh nur, daß sie im Herbst sein werden ein toter Mann.« Der Oberst
lachte, aber alle anderen schwiegen; ich versichere Sie, uns allen war,
als ob der Oberst in diesem Augenblick gezeichnet worden wäre. Plötzlich
lachte irgendeiner absichtlich sehr laut, andere taten ihm nach, und
lärmend und lustig ging es zurück ins Kasino. »Nun,« rief der Oberst,
»mit mir wär’s in Ordnung. Ist keiner von den anderen Herren neugierig?«
Einer rief wie zum Scherz: »Nein, wir wünschen nichts zu erfahren.« Ein
anderer fand plötzlich, daß man gegen diese Art, sich das Schicksal
vorhersagen zu lassen, aus religiösen Gründen eingenommen sein müßte,
und ein junger Leutnant erklärte heftig, man sollte Leute wie Marco Polo
auf Lebenszeit einsperren. Den Prinzen sah ich mit einem unserer älteren
Herren rauchend in einer Ecke stehen und hörte ihn sagen: »Wo fängt das
Wunder an?« Indessen trat ich zu Marco Polo hin, der sich eben zum
Fortgehen bereitete, und sagte zu ihm, ohne daß es jemand hörte.
»Prophezeien Sie mir.« Er griff wie mechanisch nach meiner Hand. Dann
sagte er: »Hier sieht man schlecht.« Ich merkte, daß die Öllampen zu
flackern begonnen hatten und daß die Linien meiner Hand zu zittern
schienen. »Kommen Sie hinaus, Herr Leutnant, in den Hof. Mir is lieber
bei Mondschein.« Er hielt mich an der Hand, und ich folgte ihm durch die
offene Tür ins Freie.
Mir kam plötzlich ein sonderbarer Gedanke. »Hören Sie, Marco Polo,«
sagte ich, »wenn Sie nichts anderes können als das, was Sie eben an
unserem Herrn Oberst gezeigt haben, dann lassen wir’s lieber.« Ohne
weiteres ließ der Zauberer meine Hand los und lächelte. »Der Herr
Leutnant haben Angst.« Ich wandte mich rasch um, ob uns niemand gehört
hätte; aber wir waren schon durch das Kasernentor geschritten und
befanden uns auf der Landstraße, die der Stadt zuführte. »Ich wünsche
etwas Bestimmteres zu wissen,« sagte ich, »das ist es. Worte lassen sich
immer in verschiedener Weise auslegen.« Marco Polo sah mich an. »Was
wünschen der Herr Leutnant?... Vielleicht das Bild von der künftigen
Frau Gemahlin?« – »Könnten Sie das?« Marco Polo zuckte die Achseln. »Es
könnte sein ... es wär möglich ...« – »Aber das will ich nicht,«
unterbrach ich ihn. »Ich möchte wissen, was später einmal, zum Beispiel
in zehn Jahren, mit mir los sein wird.« Marco Polo schüttelte den Kopf.
»Das kann ich nicht sagen ... aber was anderes kann ich vielleicht.« –
»Was?« – »Irgendeinen Augenblick, Herr Leutnant, aus Ihrem künftigen
Leben könnte ich Ihnen zeigen wie ein Bild.« Ich verstand ihn nicht
gleich. »Wie meinen Sie das?« – »So mein ich das: ich kann einen Moment
aus Ihrem künftigen Leben hineinzaubern in die Welt, mitten in die
Gegend, wo wir gerade stehen.« – »Wie?« – »Der Herr Leutnant müssen mir
nur sagen, was für einen.« Ich begriff ihn nicht ganz, aber ich war
höchst gespannt. »Gut,« sagte ich, »wenn Sie das können, so will ich
sehen, was heut in zehn Jahren in derselben Sekunde mit mir geschehen
wird ... Verstehen Sie mich, Marco Polo?« – »Gewiß, Herr Leutnant,«
sagte Marco Polo und sah mich starr an. Und schon war er fort ... aber
auch die Kaserne war fort, die ich eben noch im Mondschein hatte glänzen
sehen – fort die armen Hütten, die in der Ebene verstreut und
mondbeglänzt gelegen waren – und ich sah mich selbst, wie man sich
manchmal im Traume selber sieht ... sah mich um zehn Jahre gealtert, mit
einem braunen Vollbart, eine Narbe auf der Stirn, auf einer Bahre
hingestreckt, mitten auf einer Wiese – an meiner Seite kniend eine
schöne Frau mit rotem Haar, die Hand vor dem Antlitz, einen Knaben und
ein Mädchen neben mir, dunklen Wald im Hintergrund und zwei Jagdleute
mit Fackeln in der Nähe ... Sie staunen – nicht wahr, Sie staunen?«
Ich staunte in der Tat, denn das, was er mir hier schilderte, war genau
das Bild, mit welchem mein Stück heute abend um zehn Uhr schließen und
in dem er den sterbenden Helden spielen sollte. »Sie zweifeln,« fuhr
Herr von Umprecht fort, »und ich bin fern davon, es Ihnen übel zu
nehmen. Aber mit Ihrem Zweifel soll es gleich ein Ende haben.«
Herr von Umprecht griff in seine Rocktasche und zog ein verschlossenes
Kuwert heraus. »Bitte, sehen Sie, was auf der Rückseite steht.« Ich las
laut: »Notariell verschlossen am 14. Januar 1859, zu eröffnen am 9.
September 1868.« Darunter stand die Namenszeichnung des mir persönlich
wohlbekannten Notars Doktor Artiner in Wien.
»Das ist heute,« sagte Herr von Umprecht. »Und heute sind es eben zehn
Jahre, daß mir das rätselhafte Abenteuer mit Marco Polo begegnete, das
sich nun auf diese Weise löst, ohne sich aufzuklären. Denn von Jahr zu
Jahr, als triebe ein launisches Schicksal sein Spiel mit mir, schwankten
die Erfüllungsmöglichkeiten für jene Prophezeiung in der seltsamsten
Weise, schienen manchmal zu drohender Wahrscheinlichkeit zu werden,
verschwanden in nichts, wurden zu unerbittlicher Gewißheit,
verflatterten, kamen wieder ... Aber lassen Sie mich nun zu meinem
Berichte zurückkommen. Die Erscheinung selbst hatte gewiß nicht länger
gedauert als einen Augenblick; denn noch klang von der Kaserne her das
gleiche laute Auflachen des Oberleutnants an mein Ohr, das ich gehört
hatte, ehe die Erscheinung aufgestiegen war. Und nun stand auch Marco
Polo wieder vor mir, mit einem Lächeln um die Lippen, von dem ich nicht
sagen kann, ob es schmerzlich oder höhnisch sein sollte, nahm den
Zylinder ab, sagte: »Guten Abend, Herr Leutnant, ich hoffe, Sie sind
zufrieden gewesen,« wandte sich um und ging langsam auf der Landstraße
vorwärts in der Richtung der Stadt. Er ist übrigens am nächsten Tage
abgereist.