Stimmen kamen von weitem.

Schon? dachte sie. Sie lauschte angstvoll. Die Stimmen kamen von der

Brücke her. Das konnten also nicht die Leute sein, die der Kutscher

geholt hatte. Aber wer immer sie waren – jedenfalls werden sie das

Licht bemerken – und das durfte nicht sein, dann war sie entdeckt.

Und sie stieß mit dem Fuß die Laterne um. Die verlöschte. Nun stand sie

in tiefer Finsternis. Nichts sah sie. Auch ihn sah sie nicht mehr. Nur

der weiße Schotterhaufen glänzte ein wenig. Die Stimmen kamen näher. Sie

begann am ganzen Körper zu zittern. Nur hier nicht entdeckt werden. Um

Himmels willen, das ist ja das einzige Wichtige, nur auf das und auf gar

nichts anderes kommt es an – sie ist ja verloren, wenn ein Mensch

erfährt, daß sie die Geliebte von ... Sie faltet die Hände krampfhaft.

Sie betet, daß die Leute auf der anderen Seite der Straße vorübergehen

mögen, ohne sie zu bemerken. Sie lauscht. Ja von drüben ... Was reden

sie doch?... Es sind zwei Frauen oder drei. Sie haben den Wagen bemerkt,

denn sie reden etwas davon, sie kann Wörter unterscheiden. Ein Wagen ...

umgefallen ... was sagen sie sonst? Sie kann es nicht verstehen. Sie

gehen weiter ... sie sind vorüber ... Gott sei Dank! Und jetzt, was

jetzt? O, warum ist sie nicht tot wie er? Er ist zu beneiden, für ihn

ist alles vorüber ... für ihn gibt es keine Gefahr mehr und keine

Furcht. Sie aber zittert vor vielem. Sie fürchtet, daß man sie hier

finden, daß man sie fragen wird: wer sind Sie?... Daß sie mit auf die

Polizei muß, daß alle Menschen es erfahren werden, daß ihr Mann – daß

ihr Kind –

Und sie begreift nicht, daß sie so lange schon dagestanden ist wie

angewurzelt ... Sie kann ja fort, sie nützt ja keinem hier, und sich

selbst bringt sie ins Unglück. Und sie macht einen Schritt ...

Vorsichtig ... sie muß durch den Straßengraben ... hinüber ... einen

Schritt hinauf – o, er ist so seicht! – und noch zwei Schritte, bis sie

in der Mitte der Straße ist ... und dann steht sie einen Augenblick

still, sieht vor sich hin und kann den grauen Weg ins Dunkle hinein

verfolgen. Dort – dort ist die Stadt. Sie kann nichts von ihr sehen ...

aber die Richtung ist ihr klar. Noch einmal wendet sie sich um. Es ist

ja gar nicht so dunkel. Sie kann den Wagen ganz gut sehn; auch die

Pferde ... und wenn sie sich sehr anstrengt, merkt sie auch etwas wie

die Umrisse eines menschlichen Körpers, der auf dem Boden liegt. Sie

reißt die Augen weit auf, es ist ihr, als hielte sie etwas hier zurück

... der Tote ist es, der sie hier behalten will, und es graut sie vor

seiner Macht ... Aber gewaltsam macht sie sich frei, und jetzt merkt

sie: der Boden ist zu feucht; sie steht auf der glitschigen Straße, und

der nasse Staub hat sie nicht fortgelassen. Nun aber geht sie ... geht

rascher ... läuft ... und fort von da ... zurück ... in das Licht, in

den Lärm, zu den Menschen! Die Straße läuft sie entlang, hält das Kleid

hoch, um nicht zu fallen. Der Wind ist ihr im Rücken, es ist, als wenn

er sie vorwärts triebe. Sie weiß nicht mehr recht, wovor sie flieht. Es

ist ihr, als ob sie vor dem bleichen Manne fliehen müßte, der dort, weit

hinter ihr, neben dem Straßengraben liegt ... dann fällt ihr ein, daß

sie ja den Lebendigen entkommen will, die gleich dort sein und sie

suchen werden. Was werden die denken? Wird man ihr nicht nach? Aber man

kann sie nicht mehr einholen, sie ist ja gleich bei der Brücke, sie hat

einen großen Vorsprung, und dann ist die Gefahr vorbei. Man kann ja

nicht ahnen, wer sie ist, keine Seele kann ahnen, wer die Frau war, die

mit jenem Mann über die Reichsstraße gefahren ist. Der Kutscher kennt

sie nicht, er wird sie auch nicht erkennen, wenn er sie später einmal

sieht. Man wird sich auch nicht darum kümmern, wer sie war. Wen geht es

an? – Es ist sehr klug, daß sie nicht dort geblieben ist, es ist auch

nicht gemein. Franz selbst hätte ihr recht gegeben. Sie muß ja nach

Haus, sie hat ein Kind, sie hat einen Mann, sie wäre ja verloren, wenn

man sie dort bei ihrem toten Geliebten gefunden hätte. Da ist die

Brücke, die Straße scheint heller ... ja schon hört sie das Wasser

rauschen wie früher; sie ist da, wo sie mit ihm Arm in Arm gegangen –

wann – wann? Vor wieviel Stunden? Es kann noch nicht lange sein. Nicht

lang? Vielleicht doch! Vielleicht war sie lange bewußtlos, vielleicht

ist es längst Mitternacht, vielleicht ist der Morgen schon nahe, und sie

wird daheim schon vermißt. Nein, nein, das ist ja nicht möglich, sie

weiß, daß sie gar nicht bewußtlos war; sie erinnert sich jetzt genauer

als im ersten Augenblick, wie sie aus dem Wagen gestürzt und gleich über

alles im klaren gewesen ist. Sie läuft über die Brücke und hört ihre

Schritte hallen. Sie sieht nicht nach rechts und links. Jetzt bemerkt

sie, wie eine Gestalt ihr entgegenkommt. Sie mäßigt ihre Schritte. Wer

kann das sein, der ihr entgegenkommt? Es ist jemand in Uniform. Sie geht

ganz langsam. Sie darf nicht auffallen. Sie glaubt zu merken, daß der

Mann den Blick fest auf sie gerichtet hält. Wenn er sie fragt? Sie ist

neben ihm, erkennt die Uniform; es ist ein Sicherheitswachmann; sie geht

an ihm vorüber. Sie hört, daß er hinter ihr stehen geblieben ist. Mit

Mühe hält sie sich davon zurück, wieder zu laufen; es wäre verdächtig.

Sie geht noch immer so langsam wie früher. Sie hört das Geklingel der

Pferdeeisenbahn. Es kann noch lang nicht Mitternacht sein. Jetzt geht

sie wieder schneller; sie eilt der Stadt entgegen, deren Lichter sie

schon unter dem Eisenbahnviadukt am Ausgang der Straße entgegenschimmern

sieht, deren gedämpften Lärm sie schon zu vernehmen glaubt. Noch diese

einsame Straße, und dann ist die Erlösung da. Jetzt hört sie von weitem

schrille Pfiffe, immer schriller, immer näher; ein Wagen saust an ihr

vorüber. Unwillkürlich bleibt sie stehen und sieht ihm nach. Es ist der

Wagen der Rettungsgesellschaft. Sie weiß, wohin er fährt. Wie schnell!

denkt sie ... Es ist wie Zauberei. Einen Moment lang ist ihr, als müßte

sie den Leuten nachrufen, als müßte sie mit, als müßte sie wieder dahin

zurück, woher sie gekommen – einen Moment lang packt sie eine ungeheure

Scham, wie sie sie nie empfunden; und sie weiß, daß sie feig und

schlecht gewesen ist. Aber wie sie das Rollen und Pfeifen immer ferner

verklingen hört, kommt eine wilde Freude über sie, und wie eine

Gerettete eilt sie vorwärts. Leute kommen ihr entgegen; sie hat keine

Angst mehr vor ihnen – das Schwerste ist überstanden. Der Lärm der Stadt

wird deutlich, immer lichter wird es vor ihr; schon sieht sie die

Häuserzeile der Praterstraße, und es ist ihr, als werde sie dort von

einer Flut von Menschen erwartet, in der sie spurlos verschwinden darf.

Wie sie jetzt zu einer Straßenlaterne kommt, hat sie schon die Ruhe,

auf ihre Uhr zu sehen. Es ist zehn Minuten vor neun. Sie hält die Uhr

ans Ohr – sie ist nicht stehen geblieben. Und sie denkt: ich bin

lebendig, gesund ... sogar meine Uhr geht ... und er ... er ... tot ...

Schicksal ... Es ist ihr, als wäre ihr alles verziehen ... als wäre nie

irgendeine Schuld auf ihrer Seite gewesen. Es hat sich erwiesen, ja es

hat sich erwiesen. Sie hört, wie sie diese Worte laut spricht. Und wenn

es das Schicksal anders bestimmt hätte? – Und wenn sie jetzt dort im

Graben läge und er am Leben geblieben wäre? Er wäre nicht geflohen, nein

... er nicht. Nun ja, er ist ein Mann. Sie ist ein Weib – und sie hat

ein Kind und einen Gatten. – Sie hat recht gehabt, – es ist ihre Pflicht

– ja ihre Pflicht. Sie weiß ganz gut, daß sie nicht aus Pflichtgefühl so

gehandelt ... Aber sie hat doch das Rechte getan. Unwillkürlich ... wie

... gute Menschen immer. Jetzt wäre sie schon entdeckt. Jetzt würden die

Ärzte sie fragen. Und Ihr Mann, gnädige Frau? O Gott!... Und die

Zeitungen morgen – und die Familie – sie wäre für alle Zeit vernichtet

gewesen und hätte ihn doch nicht zum Leben erwecken können. Ja, das war

die Hauptsache; für nichts hätte sie sich zugrunde gerichtet. – Sie ist

unter der Eisenbahnbrücke. – Weiter ... weiter ... Hier ist die

Tegethoffsäule, wo die vielen Straßen ineinander laufen. Es sind heute,

an dem regnerischen, windigen Herbstabend wenig Leute mehr im Freien,

aber ihr ist es, als brause das Leben der Stadt mächtig um sie, denn

woher sie kommt, dort war die fürchterlichste Stille. Sie hat Zeit. Sie

weiß, daß ihr Mann heute erst gegen zehn nach Hause kommen wird. – sie

kann sich sogar noch umkleiden. Jetzt fällt es ihr ein, ihr Kleid zu

betrachten. Mit Schrecken merkt sie, daß es über und über beschmutzt

ist. Was wird sie dem Stubenmädchen sagen? Es fährt ihr durch den Kopf,

daß morgen die Geschichte von dem Unglücksfall in allen Zeitungen zu

lesen sein wird. Auch von einer Frau, die mit im Wagen war, und die dann

nicht mehr zu finden war, wird überall zu lesen stehen, und bei diesem

Gedanken bebt sie von neuem – _eine_ Unvorsichtigkeit, und all ihre

Feigheit war umsonst. Aber sie hat den Wohnungsschlüssel bei sich; sie

kann ja selbst aufsperren; – sie wird sich nicht hören lassen. Sie

steigt rasch in einen Fiaker. Schon will sie ihm ihre Adresse angeben,

da fällt ihr ein, daß das vielleicht unklug wäre, und sie ruft ihm

irgendeinen Straßennamen zu, der ihr eben einfällt. Wie sie durch die

Praterstraße fährt, möchte sie gern irgend etwas empfinden, aber sie

kann es nicht; sie fühlt, daß sie nur einen Wunsch hat: zu Hause, in

Sicherheit sein. Alles andere ist ihr gleichgültig. Im Augenblick, da

sie sich entschlossen hat, den Toten allein auf der Straße liegen zu

lassen, hat alles in ihr verstummen müssen, was um ihn klagen und

jammern wollte. Sie kann jetzt nichts mehr empfinden als Sorge um sich.

Sie ist ja nicht herzlos ... o nein!... sie weiß ganz gewiß, es werden

Tage kommen, wo sie verzweifeln wird; vielleicht wird sie daran zugrunde

gehen; aber jetzt ist nichts in ihr als die Sehnsucht, mit trockenen

Augen und ruhig zu Hause am selben Tisch mit ihrem Gatten und ihrem

Kinde zu sitzen. Sie sieht durchs Fenster hinaus. Der Wagen fährt durch

die innere Stadt; hier ist es hell erleuchtet, und ziemlich viele

Menschen eilen vorbei. Da ist ihr plötzlich, als könne alles, was sie in

den letzten Stunden durchlebt, gar nicht wahr sein. Wie ein böser Traum

erscheint es ihr ... unfaßbar als Wirkliches, Unabänderliches. In einer

Seitengasse nach dem Ring läßt sie den Wagen halten, steigt aus, biegt

rasch um die Ecke und nimmt dort einen andern Wagen, dem sie ihre

richtige Adresse angibt. Es kommt ihr vor, als wäre sie jetzt überhaupt

nicht mehr fähig, einen Gedanken zu fassen. Wo ist er jetzt, fährt es

ihr durch den Sinn. Sie schließt die Augen, und sie sieht ihn vor sich

auf einer Bahre liegen, im Krankenwagen – und plötzlich ist ihr, als

sitze sie neben ihm und fahre mit ihm. Und der Wagen beginnt zu

schwanken, und sie hat Angst, daß sie herausgeschleudert werde, wie

damals – und sie schreit auf. Da hält der Wagen. Sie fährt zusammen; sie

ist vor ihrem Haustor. – Rasch steigt sie aus, eilt durch den Flur, mit

leisen Schritten, so daß der Portier hinter seinem Fenster gar nicht

aufschaut, die Treppen hinauf, sperrt leise die Tür auf, um nicht gehört

zu werden ... durchs Vorzimmer in ihr Zimmer – es ist gelungen! Sie

macht Licht, wirft eilig ihre Kleider ab und verbirgt sie wohl im

Schrank. Über Nacht sollen sie trocknen – morgen will sie sie selber

bürsten und reinigen. Dann wäscht sie sich Gesicht und Hände und nimmt

einen Schlafrock um.

Jetzt klingelt es draußen. Sie hört das Stubenmädchen an die Wohnungstür

kommen und öffnen. Sie hört die Stimme ihres Mannes; sie hört, wie er

den Stock hinstellt. Sie fühlt, daß sie jetzt stark sein müsse, sonst

kann noch immer alles vergeblich gewesen sein. Sie eilt ins

Speisezimmer, so daß sie im selben Augenblick eintritt wie ihr Gatte.

»Ah, du bist schon zu Haus?« sagt er.

»Gewiß,« antwortet sie, »schon lang.«

»Man hat dich offenbar nicht kommen gesehn.« Sie lächelt, ohne sich dazu

zwingen zu müssen. Es macht sie nur sehr müde, daß sie auch lächeln muß.

Er küßt sie auf die Stirn.

Der Kleine sitzt schon bei Tisch; er hat lang warten müssen, ist

eingeschlafen. Auf dem Teller hat er sein Buch liegen, auf dem offenen

Buch ruht sein Gesicht. Sie setzt sich neben ihn, der Gatte ihr

gegenüber, nimmt eine Zeitung und wirft einen flüchtigen Blick hinein.

Dann legt er sie weg und sagt: »Die anderen sitzen noch zusammen und

beraten weiter.«

»Worüber?« fragt sie.

Und er beginnt zu erzählen, von der heutigen Sitzung, sehr lang, sehr

viel. Emma tut, als höre sie zu, nickt zuweilen.

Aber sie hört nichts, sie weiß nicht, was er spricht, es ist ihr zumute

wie einem, der furchtbaren Gefahren auf wunderbare Weise entronnen ...

sie fühlt nichts als: Ich bin gerettet, ich bin daheim. Und während ihr

Mann immer weiter erzählt, rückt sie ihren Sessel näher zu ihrem Jungen,

nimmt seinen Kopf und drückt ihn an ihre Brust. Eine unsägliche

Müdigkeit überkommt sie – sie kann sich nicht beherrschen, sie fühlt,

daß der Schlummer über sie kommt; sie schließt die Augen.

Plötzlich fährt ihr eine Möglichkeit durch den Sinn, an die sie seit

dem Augenblick, da sie sich aus dem Graben erhoben hat, nicht mehr

gedacht. Wenn er nicht tot wäre! Wenn er ... Ach nein, es war kein

Zweifel möglich ... Diese Augen ... dieser Mund – und dann ... kein

Hauch von seinen Lippen. – Aber es gibt ja den Scheintod. Es gibt Fälle,

wo sich geübte Blicke irren. Und sie hat gewiß keinen geübten Blick.

Wenn er lebt, wenn er schon wieder zu Bewußtsein gekommen ist, wenn er

sich plötzlich mitten in der Nacht auf der Landstraße allein gefunden

... wenn er nach ihr ruft ... ihren Namen ... wenn er am Ende fürchtet,

sie sei verletzt ... wenn er den Ärzten sagt, hier war eine Frau, sie

muß weiter weggeschleudert worden sein. Und ... und ... ja, was dann?

Man wird sie suchen. Der Kutscher wird zurückkommen vom Franz Josefsland

mit Leuten ... er wird erzählen ... die Frau war ja da, wie ich

fortgegangen bin – und Franz wird ahnen. Franz wird wissen ... er kennt

sie ja so gut ... er wird wissen, daß sie davongelaufen ist, und ein

gräßlicher Zorn wird ihn erfassen, und er wird ihren Namen nennen, um

sich zu rächen. Denn er ist ja verloren ... und es wird ihn so tief

erschüttern, daß sie ihn in seiner letzten Stunde allein gelassen, daß

er rücksichtslos sagen wird: Es war Frau Emma, meine Geliebte ... feig

und dumm zugleich, denn nicht wahr, meine Herren Ärzte, Sie hätten sie

gewiß nicht um ihren Namen gefragt, wenn man Sie um Diskretion ersucht

hätte. Sie hätten sie ruhig gehen lassen, und ich auch, o ja – nur hätte

sie dableiben müssen, bis Sie gekommen sind. Aber da sie so schlecht

gewesen ist, sag ich Ihnen, wer sie ist ... es ist ... Ah!

»Was hast du?« sagt der Professor sehr ernst, indem er aufsteht.

»Was ... wie?... Was ist?«

»Ja, was ist dir denn?«

»Nichts.« Sie drückt den Jungen fester an sich.

Der Professor sieht sie lang an. »Weißt du, daß du begonnen hast,

einzuschlummern und –«

»Und?«

»Dann hast du plötzlich aufgeschrien.«

»... So?«

»Wie man im Traum schreit, wenn man Alpdrücken hat. Hast du geträumt?«

»Ich weiß nicht. Ich weiß gar nichts.«

Und sich selbst gegenüber im Wandspiegel sieht sie ein Gesicht, das

lächelt, grausam, und mit verzerrten Zügen. Sie weiß, daß es ihr eigenes

ist, und doch schaudert ihr davor ... Und sie merkt, daß es starr wird,

sie kann den Mund nicht bewegen, sie weiß es: dieses Lächeln wird,

solange sie lebt, um ihre Lippen spielen. Und sie versucht zu schreien.

Da fühlt sie, wie sich zwei Hände auf ihre Schultern legen, und sie

sieht, wie sich zwischen ihr eigenes Gesicht und das im Spiegel das

Antlitz ihres Gatten drängt; seine Augen, fragend und drohend, senken

sich in die ihren. Sie weiß: übersteht sie diese letzte Prüfung nicht,

so ist alles verloren. Und sie fühlt, wie sie wieder stark wird, sie hat

ihre Züge, ihre Glieder in der Gewalt; sie kann in diesem Augenblick mit

ihnen anfangen, was sie will; aber sie muß ihn benützen, sonst ist es

vorbei, und sie greift mit ihren beiden Händen nach denen ihres Gatten,

die noch auf ihren Schultern liegen, zieht ihn zu sich; sieht ihn heiter

und zärtlich an.

Und während sie die Lippen ihres Mannes auf ihrer Stirn fühlt, denkt

sie: freilich ... ein böser Traum. Er wird es niemandem sagen, wird sich

nie rächen, nie ... er ist tot ... er ist ganz gewiß tot ... und die

Toten schweigen.

»Warum sagst du das?« hört sie plötzlich die Stimme ihres Mannes. Sie

erschrickt tief. »Was hab ich denn gesagt?« Und es ist ihr, als habe sie

plötzlich alles ganz laut erzählt ... als habe sie die ganze Geschichte

dieses Abends hier bei Tisch mitgeteilt ... und noch einmal fragt sie,

während sie vor seinem entsetzten Blick zusammenbricht: »Was hab ich

denn gesagt?«

»Die Toten schweigen,« wiederholt ihr Mann sehr langsam.

»Ja ...« sagt sie, »ja ...«

Und in seinen Augen liest sie, daß sie ihm nichts mehr verbergen kann,

und lange sehn die beiden einander an. »Bring den Buben zu Bett,« sagt

er dann zu ihr; »ich glaube, du hast mir noch etwas zu erzählen ...«

»Ja,« sagt sie.

Und sie weiß, daß sie diesem Manne, den sie durch Jahre betrogen hat, im

nächsten Augenblick die ganze Wahrheit sagen wird.

Und während sie mit ihrem Jungen langsam durch die Tür schreitet, immer

die Augen ihres Gatten auf sich gerichtet fühlend, kommt eine große Ruhe

über sie, als würde vieles wieder gut ................

Die Weissagung

1

Unweit von Bozen, auf einer mäßigen Höhe, im Walde wie versunken und von

der Landstraße aus kaum sichtbar, liegt die kleine Besitzung des

Freiherrn von Schottenegg. Ein Freund, der seit zehn Jahren als Arzt in

Meran lebt und dem ich im Herbste dort wieder begegnete, hatte mich mit

dem Freiherrn bekannt gemacht. Dieser war damals fünfzig Jahre alt und

dilettierte in mancherlei Künsten. Er komponierte ein wenig, war tüchtig

auf Violine und Klavier, auch zeichnete er nicht übel. Am ernstesten

aber hatte er in früherer Zeit die Schauspielerei getrieben. Wie es

hieß, war er als ganz junger Mensch unter angenommenem Namen ein paar

Jahre lang auf kleinen Bühnen draußen im Reiche umhergezogen. Ob nun der

dauernde Widerstand des Vaters, unzureichende Begabung oder mangelndes

Glück der Anlaß war, jedenfalls hatte der Freiherr diese Laufbahn früh

genug aufgegeben, um noch ohne erhebliche Verspätung in den Staatsdienst

treten zu können und damit dem Beruf seiner Vorfahren zu folgen, den er

dann auch zwei Jahrzehnte hindurch treu, wenn auch ohne Begeisterung

erfüllte. Aber als er, kaum über vierzig Jahre alt, gleich nach dem Tode

des Vaters, das Amt verließ, sollte sich erst zeigen, mit welcher Liebe

er an dem Gegenstand seiner jugendlichen Träume noch immer hing. Er ließ

die Villa auf dem Abhang des Guntschnaberges instand setzen und

versammelte dort, insbesondere zur Sommers- und Herbstzeit, einen

allmählich immer größer werdenden Kreis von Herren und Damen, die

allerlei leicht zu agierende Schauspiele oder lebende Bilder vorführten.

Seine Frau, aus einer alten Tiroler Bürgerfamilie, ohne wirkliche

Anteilnahme an künstlerischen Dingen, aber klug und ihrem Gatten mit

kameradschaftlicher Zärtlichkeit zugetan, sah seiner Liebhaberei mit

einigem Spotte zu, der sich aber um so gutmütiger anließ, als das

Interesse des Freiherrn ihren eigenen geselligen Neigungen entgegenkam.

Die Gesellschaft, die man im Schlosse antraf, mochte strengen

Beurteilern nicht gewählt genug erscheinen, aber auch Gäste, die sonst

nach Geburt und Erziehung zu Standesvorurteilen geneigt waren, nahmen

keinerlei Anstoß an der zwanglosen Zusammensetzung eines Kreises, die

durch die dort geübte Kunst genügend gerechtfertigt schien und von dem

überdies der Name und Ruf des freiherrlichen Paares jeden Verdacht

freierer Sitten durchaus fernhielt. Unter manchen anderen, deren ich

mich nicht mehr entsinne, begegnete ich auf dem Schlosse einem jungen

Grafen von der Innsbrucker Bezirkshauptmannschaft, einem Jägeroffizier

aus Riva, einem Generalstabshauptmann mit Frau und Tochter, einer

Operettensängerin aus Berlin, einem Bozener Likörfabrikanten mit zwei

Söhnen, dem Baron Meudolt, der damals eben von seiner Weltreise

zurückgekommen war, einem pensionierten Hofschauspieler aus Bückeburg,

einer verwitweten Gräfin Saima, die als junges Mädchen Schauspielerin

gewesen war, mit ihrer Tochter, und dem dänischen Maler Petersen.

Im Schlosse selbst wohnten nur die wenigsten Gäste. Einige nahmen in

Bozen Quartier, andere in einem bescheidenen Gasthof, der unten an der

Wegscheide lag, wo eine schmälere Straße nach dem Gute abzweigte. Aber

meist in den ersten Nachmittagsstunden war der ganze Kreis oben

versammelt, und dann wurden, manchmal unter der Leitung des ehemaligen

Hofschauspielers, zuweilen unter der des Freiherrn, der selbst niemals

mitwirkte, bis in die späten Abendstunden Proben abgehalten, anfangs

unter Scherzen und Lachen, allmählich aber mit immer größerem Ernste,

bis der Tag der Vorstellung herannahte, und je nach Witterung, Laune,

Vorbereitung, möglichst mit Rücksicht auf den Schauplatz der Handlung,

entweder auf dem an den Wald grenzenden Wiesenplatz hinter dem

Schloßgärtchen oder in dem ebenerdigen Saal mit den drei großen

Bogenfenstern die Aufführung stattfand.

Als ich das erstemal den Freiherrn besuchte, hatte ich keinen anderen

Vorsatz, als an einem neuen Ort unter neuen Menschen einen heiteren Tag

zu verbringen. Aber wie das so kommt, wenn man ohne Ziel und in

vollkommener Freiheit umherstreift, und überdies bei allmählich

schwindender Jugend keinerlei Beziehungen bestehen, die lebhafter in die

Heimat zurückrufen, ließ ich mich vom Freiherrn zu längerem Bleiben

bereden. Aus dem einen Tag wurden zwei, drei und mehr, und so, zu meiner

eignen Verwunderung wohnte ich bis tief in den Herbst oben auf dem

Schlößchen, wo mir in einem kleinen Turm ein sehr wohnlich

ausgestattetes Zimmer mit dem Blick ins Tal eingeräumt war. Dieser erste

Aufenthalt auf dem Guntschnaberg wird für mich stets eine angenehme und,

trotz aller Lustigkeit und alles Lärms um mich herum, sehr stille

Erinnerung bleiben, da ich mit keinem der Gäste anders als flüchtig

verkehrte und überdies einen großen Teil meiner Zeit, zu Nachdenken und

Arbeit gleichermaßen angeregt, auf einsamen Waldspaziergängen

verbrachte. Auch der Umstand, daß der Freiherr aus Höflichkeit einmal

eines meiner kleinen Stücke darstellen ließ, störte die Ruhe meines

Aufenthaltes nicht, da niemand von meiner Eigenschaft als Verfasser

Notiz nahm. Vielmehr bedeutete mir dieser Abend ein höchst anmutiges

Erlebnis, da mit dieser Aufführung auf grünem Rasen, unter freiem Himmel

ein bescheidener Traum meiner Jugendjahre so spät als unerwartet in

Erfüllung ging.

Die lebhafte Bewegung im Schlosse ließ allmählich nach, der Urlaub der

Herren, die in einem Berufe standen, war großenteils abgelaufen, und nur

manchmal kam Besuch von Freunden, die in der Nähe ansässig waren. Erst

jetzt gewann ich selbst zu dem Freiherrn ein näheres Verhältnis und fand

bei ihm zu einiger Überraschung mehr Selbstbescheidung, als sie

Dilettanten sonst eigen zu sein pflegt. Er täuschte sich keineswegs

darüber, daß das, was auf seinem Schlosse getrieben wurde, nichts

anderes war, als eine höhere Art von Gesellschaftsspiel. Aber da es ihm

im Gange seines Lebens versagt geblieben war, in eine dauernde und

ernsthafte Beziehung zu seiner geliebten Kunst zu treten, so ließ er

sich an dem Schimmer genügen, der wie aus entlegenen Fernen über das

harmlose Theaterwesen im Schlosse geglänzt kam, und freute sich

überdies, daß hier von mancher Erbärmlichkeit, die das Berufliche doch

überall mit sich bringt, kein Hauch zu spüren war.

Auf einem unserer Spaziergänge sprach er ohne jede Zudringlichkeit den

Einfall aus, einmal auf seiner Bühne im Freien ein Stück dargestellt zu

sehen, das schon in Hinblick auf den unbegrenzten Raum und auf die

natürliche Umgebung geschaffen wäre. Diese Bemerkung kam einem Plan, den

ich seit einiger Zeit in mir trug, so ungezwungen entgegen, daß ich dem

Freiherrn versprach, seinen Wunsch zu erfüllen.

Bald darauf verließ ich das Schloß.

Die griechische Tänzerin, und andere Novellen · 第 3 / 8 段