sich, wie genau Geronimo die Entfernungen berechnen konnte: wirklich war
der Turm von Boladore am Horizont erschienen. Noch von ziemlich weither
kam ihnen jemand entgegen. Es schien Carlo, als sei er am Wege gesessen
und plötzlich aufgestanden. Die Gestalt kam näher. Jetzt sah Carlo, daß
es ein Gendarm war, wie er ihnen so oft auf der Landstraße begegnete.
Trotzdem schrak Carlo leicht zusammen. Aber als der Mann näher kam,
erkannte er ihn und war beruhigt. Es war Pietro Tenelli; erst im Mai
waren die beiden Bettler im Wirtshaus des Raggazzi in Morignone mit ihm
zusammen gesessen, und er hatte ihnen eine schauerliche Geschichte
erzählt, wie er von einem Strolch einmal beinahe erdolcht worden war.
»Es ist einer stehen geblieben,« sagte Geronimo.
»Tenelli, der Gendarm,« sagte Carlo.
Nun waren sie an ihn herangekommen.
»Guten Morgen, Herr Tenelli,« sagte Carlo und blieb vor ihm stehen.
»Es ist nun einmal so,« sagte der Gendarm, »ich muß euch vorläufig beide
auf den Posten nach Boladore führen.«
»Eh!« rief der Blinde.
Carlo wurde blaß. ›Wie ist das nur möglich?‹ dachte er. ›Aber es kann
sich nicht darauf beziehen. Man kann es ja hier unten noch nicht
wissen.‹
»Es scheint ja euer Weg zu sein,« sagte der Gendarm lachend, »es macht
euch wohl nichts, wenn ihr mitgeht.«
»Warum redest du nichts, Carlo?« fragte Geronimo.
»O ja, ich rede ... Ich bitte, Herr Gendarm, wie ist es denn möglich ...
was sollen wir denn ... oder vielmehr, was soll ich ... wahrhaftig, ich
weiß nicht ...«
»Es ist nun einmal so. Vielleicht bist du auch unschuldig. Was weiß ich.
Jedenfalls haben wir die telegraphische Anzeige ans Kommando bekommen,
daß wir euch aufhalten sollen, weil ihr verdächtig seid, dringend
verdächtig, da oben den Leuten Geld gestohlen zu haben. Nun, es ist auch
möglich, daß ihr unschuldig seid. Also vorwärts!«
»Warum sprichst du nichts, Carlo?« fragte Geronimo.
»Ich rede – o ja, ich rede ...«
»Nun geht endlich! Was hat es für einen Sinn, auf der Straße
stehenzubleiben! Die Sonne brennt. In einer Stunde sind wir an Ort und
Stelle. Vorwärts!«
Carlo berührte den Arm Geronimos wie immer, und so gingen sie langsam
weiter, der Gendarm hinter ihnen.
»Carlo, warum redest du nicht?« fragte Geronimo wieder.
»Aber was willst du, Geronimo, was soll ich sagen? Es wird sich alles
herausstellen; ich weiß selber nicht ...«
Und es ging ihm durch den Kopf: Soll ich’s ihm erklären, eh wir vor
Gericht stehen?... Es geht wohl nicht. Der Gendarm hört uns zu ... Nun,
was tut’s. Vor Gericht werd ich ja doch die Wahrheit sagen. »Herr
Richter,« werd ich sagen, »es ist doch kein Diebstahl wie ein anderer.
Es war nämlich so: ...« Und nun mühte er sich, die Worte zu finden, um
vor Gericht die Sache klar und verständlich darzustellen. »Da fuhr
gestern ein Herr über den Paß ... es mag ein Irrsinniger gewesen sein –
oder am End hat er sich nur geirrt ... und dieser Mann ...«
Aber was für ein Unsinn! Wer wird es glauben? ... Man wird ihn gar nicht
so lange reden lassen. – Niemand kann diese dumme Geschichte glauben ...
nicht einmal Geronimo glaubt sie ... – Und er sah ihn von der Seite an.
Der Kopf des Blinden bewegte sich nach alter Gewohnheit während des
Gehens wie im Takte auf und ab, aber das Gesicht war regungslos, und die
leeren Augen stierten in die Luft. – Und Carlo wußte plötzlich, was für
Gedanken hinter dieser Stirne liefen ... ›So also stehen die Dinge,‹
mußte Geronimo wohl denken. – ›Carlo bestiehlt nicht nur mich, auch die
anderen Leute bestiehlt er ... Nun, er hat es gut, er hat Augen, die
sehen, und er nützt sie aus ...‹ – Ja, das denkt Geronimo, ganz gewiß
... Und auch, daß man kein Geld bei mir finden wird, kann mir nicht
helfen, – nicht vor Gericht, nicht vor Geronimo. Sie werden mich
einsperren und ihn ... Ja, ihn geradeso wie mich, denn er hat ja das
Geldstück. – Und er konnte nicht mehr weiter denken, er fühlte sich so
sehr verwirrt. Es schien ihm, als verstünde er überhaupt nichts mehr von
der ganzen Sache, und wußte nur eines: daß er sich gern auf ein Jahr in
den Arrest setzen ließe ... oder auf zehn, wenn nur Geronimo wüßte, daß
er für ihn allein zum Dieb geworden war.
Und plötzlich blieb Geronimo stehen, so daß auch Carlo innehalten mußte.
»Nun, was ist denn?« sagte der Gendarm ärgerlich. »Vorwärts, vorwärts!«
Aber da sah er mit Verwunderung, daß der Blinde die Gitarre auf den
Boden fallen ließ, seine Arme erhob und mit beiden Händen nach den
Wangen des Bruders tastete. Dann näherte er seine Lippen dem Munde
Carlos, der zuerst nicht wußte, wie ihm geschah, und küßte ihn.
»Seid ihr verrückt?« fragte der Gendarm. »Vorwärts! vorwärts! Ich habe
keine Lust zu braten.«
Geronimo hob die Gitarre vom Boden auf, ohne ein Wort zu sprechen. Carlo
atmete tief auf und legte die Hand wieder auf den Arm des Blinden. War
es denn möglich? Der Bruder zürnte ihm nicht mehr? Er begriff am Ende –?
Und zweifelnd sah er ihn von der Seite an.
»Vorwärts!« schrie der Gendarm. »Wollt ihr endlich –!« Und er gab Carlo
eins zwischen die Rippen.
Und Carlo, mit festem Druck den Arm des Blinden leitend, ging wieder
vorwärts. Er schlug einen viel rascheren Schritt ein als früher. Denn er
sah Geronimo lächeln in einer milden glückseligen Art, wie er es seit
den Kinderjahren nicht mehr an ihm gesehen hatte. Und Carlo lächelte
auch. Ihm war, als könnte ihm jetzt nichts Schlimmes mehr geschehen, –
weder vor Gericht, noch sonst irgendwo auf der Welt. – Er hatte seinen
Bruder wieder ... Nein, er hatte ihn zum erstenmal ...
Die Toten schweigen
Er ertrug es nicht länger, ruhig im Wagen zu sitzen; er stieg aus und
ging auf und ab. Es war schon dunkel; die wenigen Laternenlichter in
dieser stillen, abseits liegenden Straße flackerten, vom Winde bewegt,
hin und her. Es hatte aufgehört zu regnen; die Trottoire waren beinahe
trocken; aber die ungepflasterten Fahrstraßen waren noch feucht, und an
einzelnen Stellen hatten sich kleine Tümpel gebildet.
Es ist sonderbar, dachte Franz, wie man sich hier, hundert Schritt von
der Praterstraße, in irgendeine ungarische Kleinstadt versetzt glauben
kann. Immerhin – sicher dürfte man hier wenigstens sein; hier wird sie
keinen ihrer gefürchteten Bekannten treffen.
Er sah auf die Uhr ... Sieben – und schon völlige Nacht. Der Herbst ist
diesmal früh da. Und der verdammte Sturm.
Er stellte den Kragen in die Höhe und ging rascher auf und ab. Die
Laternenfenster klirrten. »Noch eine halbe Stunde,« sagte er zu sich,
»dann kann ich gehen. Ah – ich wollte beinahe, es wäre so weit.« Er
blieb an der Ecke stehen; hier hatte er einen Ausblick auf beide
Straßen, von denen aus sie kommen könnte.
Ja, heute wird sie kommen, dachte er, während er seinen Hut festhielt,
der wegzufliegen drohte. – Freitag – Sitzung des Professorenkollegiums –
da wagt sie sich fort und kann sogar länger ausbleiben ... Er hörte das
Geklingel der Pferdebahn; jetzt begann auch die Glocke von der nahen
Nepomukkirche zu läuten. Die Straße wurde belebter. Es kamen mehr
Menschen an ihm vorüber: meist, wie ihm schien, Bedienstete aus den
Geschäften, die um sieben geschlossen wurden. Alle gingen rasch und
waren mit dem Sturm, der das Gehen erschwerte, in einer Art von Kampf
begriffen. Niemand beachtete ihn; nur ein paar Ladenmädel blickten mit
leichter Neugier zu ihm auf. – Plötzlich sah er eine bekannte Gestalt
rasch herankommen. Er eilte ihr entgegen. Ohne Wagen? dachte er. Ist
sie’s?
Sie war es; als sie seiner gewahr wurde, beschleunigte sie ihre
Schritte.
»Du kommst zu Fuß?« sagte er.
»Ich hab den Wagen schon beim Karltheater fortgeschickt. Ich glaube, ich
bin schon einmal mit demselben Kutscher gefahren.«
Ein Herr ging an ihnen vorüber und betrachtete die Dame flüchtig. Der
junge Mann fixierte ihn scharf, beinahe drohend; der Herr ging rasch
weiter. Die Dame sah ihm nach. »Wer war’s?!« fragte sie ängstlich.
»Ich kenne ihn nicht. Hier gibt es keine Bekannten, sei ganz ruhig. –
Aber jetzt komm rasch; wir wollen einsteigen.«
»Ist das dein Wagen?«
»Ja.«
»Ein offener?«
»Vor einer Stunde war es noch so schön.«
Sie eilten hin; die junge Frau stieg ein.
»Kutscher,« rief der junge Mann.
»Wo ist er denn?« fragte die junge Frau.
Franz schaute ringsumher. »Das ist unglaublich,« rief er, »der Kerl ist
nicht zu sehen.«
»Um Gotteswillen!« rief sie leise.
»Wart einen Augenblick, Kind; er ist sicher da.«
Der junge Mann öffnete die Tür zu dem kleinen Wirtshause; an einem Tisch
mit ein paar anderen Leuten saß der Kutscher; jetzt stand er rasch auf.
»Gleich, gnä’ Herr,« sagte er und trank stehend sein Glas Wein aus.
»Was fällt Ihnen denn ein?«
»Bitt schön, Euer Gnaden; i bin schon wieder da.«
Er eilte ein wenig schwankend zu den Pferden. »Wohin fahr’n mer denn,
Euer Gnaden?«
»Prater – Lusthaus.«
Der junge Mann stieg ein. Die junge Frau lehnte ganz versteckt, beinahe
zusammengekauert, in der Ecke unter dem aufgestellten Dach.
Franz faßte ihre beiden Hände. Sie blieb regungslos. – »Willst du mir
nicht wenigstens guten Abend sagen?«
»Ich bitt dich; laß mich nur einen Moment, ich bin noch ganz atemlos.«
Der junge Mann lehnte sich in seine Ecke. Beide schwiegen eine Weile.
Der Wagen war in die Praterstraße eingebogen, fuhr an dem
Tegethoff-Monument vorüber, und nach wenigen Sekunden flog er die
breite, dunkle Praterallee hin. Jetzt umschlang Emma plötzlich mit
beiden Armen den Geliebten. Er schob leise den Schleier zurück, der ihn
noch von ihren Lippen trennte, und küßte sie.
»Bin ich endlich bei dir!« sagte sie.
»Weißt du denn, wie lang wir uns nicht gesehen haben?« rief er aus.
»Seit Sonntag.«
»Ja, und da auch nur von weitem.«
»Wieso? Du warst ja bei uns.«
»Nun ja ... bei euch. Ah, das geht so nicht fort. Zu euch komm ich
überhaupt nie wieder. Aber was hast du denn?«
»Es ist ein Wagen an uns vorbeigefahren.«
»Liebes Kind, die Leute, die heute im Prater spazieren fahren, kümmern
sich wahrhaftig nicht um uns.«
»Das glaub ich schon. Aber zufällig kann einer hereinschaun.«
»Es ist unmöglich, jemanden zu erkennen.«
»Ich bitt dich, fahren wir wo anders hin.«
»Wie du willst.«
Er rief dem Kutscher, der aber nicht zu hören schien. Da beugte er sich
vor und berührte ihn mit der Hand. Der Kutscher wandte sich um.
»Sie sollen umkehren. Und warum hauen Sie denn so auf die Pferde ein?
Wir haben ja gar keine Eile, hören Sie! Wir fahren in die ... wissen
Sie, die Allee, die zur Reichsbrücke führt.«
»Auf die Reichsstraßen?«
»Ja, aber rasen Sie nicht so, das hat ja gar keinen Sinn.«
»Bitt schön, gnä’ Herr, der Sturm, der macht die Rösser so wild.«
»Ah freilich, der Sturm.« Franz setzte sich wieder.
Der Kutscher wandte die Pferde. Sie fuhren zurück.
»Warum habe ich dich gestern nicht gesehen?« fragte sie.
»Wie hätt’ ich denn können?«
»Ich dachte, du warst auch bei meiner Schwester geladen.«
»Ach so.«
»Warum warst du nicht dort?«
»Weil ich es nicht vertragen kann, mit dir unter anderen Leuten zusammen
zu sein. Nein, nie wieder.«
Sie zuckte die Achseln.
»Wo sind wir denn?« fragte sie dann.
Sie fuhren unter der Eisenbahnbrücke in die Reichsstraße ein.
»Da geht’s zur großen Donau,« sagte Franz, »wir sind auf dem Weg zur
Reichsbrücke. Hier gibt es keine Bekannten!« setzte er spöttisch hinzu.
»Der Wagen schüttelt entsetzlich.«
»Ja, jetzt sind wir wieder auf Pflaster.«
»Warum fährt er so im Zickzack?«
»Es scheint dir so.«
Aber er fand selbst, daß der Wagen sie heftiger als nötig hin und her
warf. Er wollte nichts davon sagen, um sie nicht noch ängstlicher zu
machen.
»Ich habe heute viel und ernst mit dir zu reden, Emma.«
»Da mußt du bald anfangen, denn um neun muß ich zu Hause sein.«
»In zwei Worten kann alles entschieden sein.«
»Gott, was ist denn das?« ... schrie sie auf. Der Wagen war in ein
Pferdebahngeleise geraten und machte jetzt, als der Kutscher
herauswenden wollte, eine so scharfe Biegung, daß er fast zu stürzen
drohte. Franz packte den Kutscher beim Mantel. »Halten Sie,« rief er ihm
zu. »Sie sind ja betrunken.«
Der Kutscher brachte die Pferde mühsam zum Stehen. »Aber gnä’ Herr ...«
»Komm, Emma, steigen wir hier aus.«
»Wo sind wir?«
»Schon an der Brücke. Es ist auch jetzt nicht mehr gar so stürmisch.
Gehen wir ein Stückchen. Man kann während des Fahrens nicht ordentlich
reden.«
Emma zog den Schleier herunter und folgte.
»Nicht stürmisch nennst du das?« rief sie aus, als ihr gleich beim
Aussteigen ein Windstoß entgegenfuhr.
Er nahm ihren Arm. »Nachfahren,« rief er dem Kutscher zu.
Sie spazierten vorwärts. Solang die Brücke allmählich anstieg, sprachen
sie nichts; und als sie beide das Wasser unter sich rauschen hörten,
blieben sie eine Weile stehen. Tiefes Dunkel war um sie. Der breite
Strom dehnte sich grau und in unbestimmten Grenzen hin, in der Ferne
sahen sie rote Lichter, die über dem Wasser zu schweben schienen und
sich darin spiegelten. Von dem Ufer her, das die beiden eben verlassen
hatten, senkten sich zitternde Lichtstreifen ins Wasser; jenseits war
es, als verlöre sich der Strom in die schwarzen Auen. Jetzt schien ein
ferneres Donnern zu ertönen, das immer näher kam; unwillkürlich sahen
sie beide nach der Stelle, wo die roten Lichter schimmerten; Bahnzüge
mit hellen Fenstern rollten zwischen eisernen Bogen hin, die plötzlich
aus der Nacht hervorzuwachsen und gleich wieder zu versinken schienen.
Der Donner verlor sich allmählich, es wurde still; nur der Wind kam in
plötzlichen Stößen.
Nach langem Schweigen sagte Franz: »Wir sollten fort.«
»Freilich,« erwiderte Emma leise.
»Wir sollten fort,« sagte Franz lebhaft, »ganz fort, mein ich ...«
»Es geht ja nicht.«
»Weil wir feig sind, Emma; darum geht es nicht.«
»Und mein Kind?«
»Er würde es dir lassen, ich bin fest überzeugt.«
»Und wie?« fragte sie leise ... »Davonlaufen bei Nacht und Nebel?«
»Nein, durchaus nicht. Du hast nichts zu tun, als ihm einfach zu sagen,
daß du nicht länger bei ihm leben kannst, weil du einem andern gehörst.«
»Bist du bei Sinnen, Franz?«
»Wenn du willst, erspar ich dir auch das, – ich sag es ihm selber.«
»Das wirst du nicht tun, Franz.«
Er versuchte, sie anzusehen; aber in der Dunkelheit konnte er nicht mehr
bemerken, als daß sie den Kopf erhoben und zu ihm gewandt hatte.
Er schwieg eine Weile. Dann sagte er ruhig: »Hab keine Angst, ich werde
es nicht tun.«
Sie näherten sich dem anderen Ufer.
»Hörst du nichts?« sagte sie. »Was ist das?«
»Es kommt von drüben,« sagte er.
Langsam rasselte es aus dem Dunkel hervor; ein kleines rotes Licht
schwebte ihnen entgegen; bald sahen sie, daß es von einer kleinen
Laterne kam, die an der vorderen Deichsel eines Landwagens befestigt
war; aber sie konnten nicht sehen, ob der Wagen beladen war und ob
Menschen mitfuhren. Gleich dahinter kamen noch zwei gleiche Wagen. Auf
dem letzten konnten sie einen Mann in Bauerntracht gewahren, der eben
seine Pfeife anzündete. Die Wagen fuhren vorbei. Dann hörten sie wieder
nichts als das dumpfe Geräusch des Fiakers, der zwanzig Schritte hinter
ihnen langsam weiterrollte. Jetzt senkte sich die Brücke leicht gegen
das andere Ufer. Sie sahen, wie die Straße vor ihnen zwischen Bäumen ins
Finstere weiter lief. Rechts und links von ihnen lagen in der Tiefe die
Auen; sie sahen wie in Abgründe hinein.
Nach langem Schweigen sagte Franz plötzlich: »Also das letztemal ...«
»Was?« fragte Emma in besorgtem Ton.
»– Daß wir zusammen sind. Bleib bei ihm. Ich sag dir adieu.«
»Sprichst du im Ernst?«
»Vollkommen.«
»Siehst du, daß du es bist, der uns immer die paar Stunden verdirbt, die
wir haben; nicht ich!«
»Ja, ja, du hast recht,« sagte Franz. »Komm, fahren wir zurück.«
Sie nahm seinen Arm fester. »Nein,« sagte sie zärtlich, »jetzt will ich
nicht. Ich laß mich nicht so fortschicken.«
Sie zog ihn zu sich herab und küßte ihn lang. »Wohin kämen wir,« fragte
sie dann, »wenn wir hier immer weiter führen?«
»Da geht’s direkt nach Prag, mein Kind.«
»So weit nicht,« sagte sie lächelnd, »aber noch ein bißchen weiter da
hinaus, wenn du willst.« Sie wies ins Dunkle.
»He, Kutscher!« rief Franz. Der hörte nichts.
Franz schrie: »Halten Sie doch!«
Der Wagen fuhr immer weiter. Franz lief ihm nach. Jetzt sah er, daß der
Kutscher schlief. Durch heftiges Anschreien weckte ihn Franz auf. »Wir
fahren noch ein kleines Stück weiter – die gerade Straße – verstehen Sie
mich?«
»Is’ schon gut, gnä’ Herr ...«
Emma stieg ein; nach ihr Franz. Der Kutscher hieb mit der Peitsche
drein; wie rasend flogen die Pferde über die aufgeweichte Straße hin.
Aber die beiden im Wagen hielten einander fest umarmt, während der Wagen
sie hin und her warf.
»Ist das nicht auch ganz schön,« flüsterte Emma ganz nahe an seinem
Munde.
In diesem Augenblick war ihr, als flöge der Wagen plötzlich in die Höhe
– sie fühlte sich fortgeschleudert, wollte sich an etwas klammern, griff
ins Leere; es schien ihr, als drehe sie sich mit rasender
Geschwindigkeit im Kreise herum, so daß sie die Augen schließen mußte –
und plötzlich fühlte sie sich auf dem Boden liegen, und eine ungeheure
schwere Stille brach herein, als wenn sie fern von aller Welt und völlig
einsam wäre. Dann hörte sie verschiedenes durcheinander: Geräusch von
Pferdehufen, die ganz in ihrer Nähe auf den Boden schlugen, ein leises
Wimmern; aber sehen konnte sie nichts. Jetzt faßte sie eine tolle Angst;
sie schrie; ihre Angst ward noch größer, denn sie hörte ihr Schreien
nicht. Sie wußte plötzlich ganz genau, was geschehen war: der Wagen war
an irgend etwas gestoßen, wohl an einen der Meilensteine, hatte
umgeworfen, und sie waren herausgestürzt. Wo ist _er?_ war ihr nächster
Gedanke. Sie rief seinen Namen. Und sie hörte sich rufen, ganz leise
zwar, aber sie hörte sich. Es kam keine Antwort. Sie versuchte, sich zu
erheben. Es gelang ihr so weit, daß sie auf den Boden zu sitzen kam, und
als sie mit den Händen ausgriff, fühlte sie einen menschlichen Körper
neben sich. Und nun konnte sie auch die Dunkelheit mit ihrem Auge
durchdringen. Franz lag neben ihr, völlig regungslos. Sie berührte mit
der ausgestreckten Hand sein Gesicht; sie fühlte etwas Feuchtes und
Warmes darüber fließen. Ihr Atem stockte. Blut ...? Was war da
geschehen? Franz war verwundet und bewußtlos. Und der Kutscher – wo war
er denn? Sie rief nach ihm. Keine Antwort. Noch immer saß sie auf dem
Boden. Mir ist nichts geschehen, dachte sie, obwohl sie Schmerzen in
allen Gliedern fühlte. Was tu ich nur, was tu ich nur ... es ist doch
nicht möglich, daß mir gar nichts geschehen ist. »Franz!« rief sie. Eine
Stimme antwortete ganz in der Nähe: »Wo sind S’ denn, gnä’ Fräul’n, wo
ist der gnä’ Herr? Es ist doch nix g’schehn? Warten S’, Fräulein, – i
zünd nur die Latern an, daß wir was sehn; i weiß net, was die Krampen
heut hab’n. Ich bin net Schuld, meiner Seel ... in ein Schoderhaufen
sein s’ hinein, die verflixten Rösser.«
Emma hatte sich, trotzdem ihr alle Glieder weh taten, vollkommen
aufgerichtet, und daß dem Kutscher nichts geschehen war, machte sie ein
wenig ruhiger. Sie hörte, wie der Mann die Laternenklappe öffnete und
Streichhölzchen anrieb. Angstvoll wartete sie auf das Licht. Sie wagte
es nicht, Franz noch einmal zu berühren, der vor ihr auf dem Boden lag;
sie dachte: wenn man nichts sieht, scheint alles furchtbarer; er hat
gewiß die Augen offen ... es wird nichts sein.
Ein Lichtschimmer kam von der Seite. Sie sah plötzlich den Wagen, der
aber zu ihrer Verwunderung nicht auf dem Boden lag, sondern nur schief
gegen den Straßengraben zu gestellt war, als wäre ein Rad gebrochen.
Die Pferde standen vollkommen still. Das Licht näherte sich; sie sah den
Schein allmählich über einen Meilenstein, über den Schotterhaufen in den
Graben gleiten; dann kroch er auf die Füße Franzens, glitt über seinen
Körper, beleuchtete sein Gesicht und blieb darauf ruhen. Der Kutscher
hatte die Laterne auf den Boden gestellt; gerade neben den Kopf des
Liegenden. Emma ließ sich auf die Knie nieder, und es war ihr, als hörte
ihr Herz zu schlagen auf, wie sie das Gesicht erblickte. Es war blaß;
die Augen halb offen, so daß sie nur das Weiße von ihnen sah. Von der
rechten Schläfe rieselte langsam ein Streifen Blut über die Wange und
verlor sich unter dem Kragen am Halse. In die Unterlippe waren die Zähne
gebissen. »Es ist ja nicht möglich!« sagte Emma vor sich hin.
Auch der Kutscher war niedergekniet und starrte das Gesicht an. Dann
packte er mit beiden Händen den Kopf und hob ihn in die Höhe. »Was
machen Sie?« schrie Emma mit erstickter Stimme und erschrak vor diesem
Kopf, der sich selbständig aufzurichten schien.
»Gnä’ Fräul’n, mir scheint, da ist ein großes Malheur geschehn.«
»Es ist nicht wahr,« sagte Emma. »Es kann nicht sein. Ist denn Ihnen
was geschehen? Und mir ...«
Der Kutscher ließ den Kopf des Regungslosen wieder langsam sinken; – in
den Schoß Emmas, die zitterte. »Wenn nur wer käm ... wenn nur die
Bauersleut eine Viertelstund’ später daherkommen wären ...«
»Was sollen wir denn machen?« sagte Emma mit bebenden Lippen.
»Ja, Fräul’n, wenn der Wagen net brochen wär ... aber so, wie er jetzt
zug’richt ist ... Wir müssen halt warten, bis wer kommt.« Er redete noch
weiter, ohne daß Emma seine Worte auffaßte; aber während dem war es ihr,
als käme sie zur Besinnung, und sie wußte, was zu tun war.
»Wie weit ist’s bis zu den nächsten Häusern?« fragte sie.
»Das ist nimmer weit, Fräul’n, da ist ja gleich das Franz Josefsland ...
Wir müßten die Häuser sehen, wenn’s licht wär, in fünf Minuten müßte man
dort sein.«
»Gehen Sie hin. Ich bleibe da, holen Sie Leute.«
»Ja, Fräul’n, ich glaub schier, es ist g’scheiter, ich bleib mit Ihnen
da – es kann ja nicht so lang dauern, bis wer kommt, es ist ja
schließlich die Reichsstraße, und –«
»Da wird’s zu spät, da kann’s zu spät werden. Wir brauchen einen
Doktor.«
Der Kutscher sah auf das Gesicht des Regungslosen, dann schaute er
kopfschüttelnd Emma an.
»Das können Sie nicht wissen,« – rief Emma, »und ich auch nicht.«
»Ja, Fräul’n ... aber wo find’ i denn ein’ Doktor im Franz Josefsland?«
»So soll von dort jemand in die Stadt und –«
»Fräul’n, wissen’s was! I denk mir, die werden dort vielleicht ein
Telephon haben. Da könnten wir um die Rettungsgesellschaft
telephonieren.«
»Ja, das ist das beste! Gehen Sie nur, laufen Sie, um Himmels willen!
Und Leute bringen Sie mit ... Und ... bitt’ Sie, gehen Sie nur, was tun
Sie denn noch da?«
Der Kutscher schaute in das blasse Gesicht, das nun auf Emmas Schoß
ruhte. »Rettungsgesellschaft, Doktor, wird nimmer viel nützen.«
»Gehen Sie! Um Gottes willen! Gehen Sie!«
»I geh schon – daß S’ nur nicht Angst kriegen, Fräul’n, da in der
Finstern.« Und er eilte rasch über die Straße fort. »I kann nix dafür,
meiner Seel,« murmelte er vor sich hin. »Ist auch eine Idee, mitten in
der Nacht auf die Reichsstraßen ...«
Emma war mit dem Regungslosen allein auf der dunklen Straße. »Was
jetzt?« dachte sie. Es ist doch nicht möglich ... das ging ihr immer
wieder durch den Kopf ... es ist ja nicht möglich. – Es war ihr
plötzlich, als hörte sie neben sich atmen. Sie beugte sich herab zu den
blassen Lippen. Nein, von da kam kein Hauch. Das Blut an Schläfe und
Wangen schien getrocknet zu sein. Sie starrte die Augen an; die
gebrochenen Augen, und bebte zusammen. Ja warum glaube ich es denn nicht
– es ist ja gewiß ... das ist der Tod! Und es durchschauerte sie. Sie
fühlte nur mehr: ein Toter. Ich und ein Toter, der Tote auf meinem
Schoß. Und mit zitternden Händen rückte sie den Kopf weg, so daß er
wieder auf den Boden zu liegen kam. Und jetzt erst kam ein Gefühl
entsetzlicher Verlassenheit über sie. Warum hatte sie den Kutscher
weggeschickt? Was für ein Unsinn! Was soll sie denn da auf der
Landstraße mit dem toten Manne allein anfangen? Wenn Leute kommen ...
Ja, was soll sie denn tun, wenn Leute kommen? Wie lang wird sie hier
warten müssen? Und sie sah wieder den Toten an. Ich bin nicht allein mit
ihm, fiel ihr ein. Das Licht ist ja da. Und es kam ihr vor, als wäre
dieses Licht etwas Liebes und Freundliches, dem sie danken müßte. Es war
mehr Leben in dieser kleinen Flamme, als in der ganzen weiten Nacht um
sie; ja, es war ihr fast, als sei ihr dieses Licht ein Schutz gegen den
blassen fürchterlichen Mann, der neben ihr auf dem Boden lag ... Und sie
sah in das Licht so lang, bis ihr die Augen flimmerten, bis es zu tanzen
begann. Und plötzlich hatte sie das Gefühl, als wenn sie erwachte. Sie
sprang auf! Das geht ja nicht, das ist ja unmöglich, man darf mich doch
nicht hier mit ihm finden ... Es war ihr, als sähe sie sich jetzt selbst
auf der Straße stehen, zu ihren Füßen den Toten und das Licht; und sie
sah sich, als ragte sie in sonderbarer Größe in die Dunkelheit hinein.
Worauf wart ich, dachte sie, und ihre Gedanken jagten ... Worauf wart
ich? Auf die Leute? – Was brauchen mich denn die? Die Leute werden
kommen und fragen ... und ich ... was tu ich denn hier? Alle werden
fragen, wer ich bin. Was soll ich ihnen antworten? Nichts. Kein Wort
werd ich reden, wenn sie kommen, schweigen werd ich. Kein Wort ... sie
können mich ja nicht zwingen.