Der Knecht kam herein; wenn die Fuhrleute noch vor Dunkelhei

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Die griechische Tänzerin

und andere Novellen

von

Arthur Schnitzler

S. Fischer, Verlag, Berlin

Alle Rechte vorbehalten, besonders die der Übersetzung

Copyright S. Fischer, Verlag

Inhalt

Der blinde Geronimo und sein Bruder ....... 7

Die Toten schweigen ...................... 53

Die Weissagung ........................... 85

Das neue Lied ........................... 128

Die griechische Tänzerin ................ 157

Der blinde Geronimo und sein Bruder

Der blinde Geronimo stand von der Bank auf und nahm die Gitarre zur

Hand, die auf dem Tisch neben dem Weinglase bereit gelegen war. Er hatte

das ferne Rollen der ersten Wagen vernommen. Nun tastete er sich den

wohlbekannten Weg bis zur offenen Türe hin, und dann ging er die

schmalen Holzstufen hinab, die frei in den gedeckten Hofraum

hinunterliefen. Sein Bruder folgte ihm, und beide stellten sich gleich

neben der Treppe auf, den Rücken zur Wand gekehrt, um gegen den

naßkalten Wind geschützt zu sein, der über den feuchtschmutzigen Boden

durch die offenen Tore strich.

Unter dem düsteren Bogen des alten Wirtshauses mußten alle Wagen

passieren, die den Weg über das Stilfserjoch nahmen. Für die Reisenden,

welche von Italien her nach Tirol wollten, war es die letzte Rast vor

der Höhe. Zu langem Aufenthalte lud es nicht ein, denn gerade hier lief

die Straße ziemlich eben, ohne Ausblicke, zwischen kahlen Erhebungen

hin. Der blinde Italiener und sein Bruder Carlo waren in den

Sommermonaten hier so gut wie zu Hause.

Die Post fuhr ein, bald darauf kamen andere Wagen. Die meisten

Reisenden blieben sitzen, in Plaids und Mäntel wohl eingehüllt, andere

stiegen aus und spazierten zwischen den Toren ungeduldig hin und her.

Das Wetter wurde immer schlechter, ein kalter Regen klatschte herab.

Nach einer Reihe schöner Tage schien der Herbst plötzlich und allzu früh

hereinzubrechen.

Der Blinde sang und begleitete sich dazu auf der Gitarre; er sang mit

einer ungleichmäßigen, manchmal plötzlich aufkreischenden Stimme, wie

immer, wenn er getrunken hatte. Zuweilen wandte er den Kopf wie mit

einem Ausdruck vergeblichen Flehens nach oben. Aber die Züge seines

Gesichtes mit den schwarzen Bartstoppeln und den bläulichen Lippen

blieben vollkommen unbeweglich. Der ältere Bruder stand neben ihm,

beinahe regungslos. Wenn ihm jemand eine Münze in den Hut fallen ließ,

nickte er Dank und sah dem Spender mit einem raschen, wie irren Blick

ins Gesicht. Aber gleich, beinahe ängstlich, wandte er den Blick wieder

fort und starrte gleich dem Bruder ins Leere. Es war, als schämten sich

seine Augen des Lichts, das ihnen gewährt war, und von dem sie dem

blinden Bruder keinen Strahl schenken konnten.

»Bring mir Wein,« sagte Geronimo, und Carlo ging, gehorsam wie immer.

Während er die Stufen aufwärts schritt, begann Geronimo wieder zu

singen. Er hörte längst nicht mehr auf seine eigene Stimme, und so

konnte er auf das merken, was in seiner Nähe vorging. Jetzt vernahm er

ganz nahe zwei flüsternde Stimmen, die eines jungen Mannes und einer

jungen Frau. Er dachte, wie oft diese beiden schon den gleichen Weg hin

und her gegangen sein mochten; denn in seiner Blindheit und in seinem

Rausch war ihm manchmal, als kämen Tag für Tag dieselben Menschen über

das Joch gewandert, bald von Norden gegen Süden, bald von Süden gegen

Norden. Und so kannte er auch dieses junge Paar seit langer Zeit.

Carlo kam herab und reichte Geronimo ein Glas Wein. Der Blinde schwenkte

es dem jungen Paare zu und sagte: »Ihr Wohl, meine Herrschaften!«

»Danke,« sagte der junge Mann; aber die junge Frau zog ihn fort, denn

ihr war dieser Blinde unheimlich.

Jetzt fuhr ein Wagen mit einer ziemlich lärmenden Gesellschaft ein:

Vater, Mutter, drei Kinder, eine Bonne.

»Deutsche Familie,« sagte Geronimo leise zu Carlo.

Der Vater gab jedem der Kinder ein Geldstück, und jedes durfte das seine

in den Hut des Bettlers werfen. Geronimo neigte jedesmal den Kopf zum

Dank. Der älteste Knabe sah dem Blinden mit ängstlicher Neugier ins

Gesicht. Carlo betrachtete den Knaben. Er mußte, wie immer beim Anblick

solcher Kinder, daran denken, daß Geronimo gerade so alt gewesen war,

als das Unglück geschah, durch das er das Augenlicht verloren hatte.

Denn er erinnerte sich jenes Tages auch heute noch, nach beinahe zwanzig

Jahren, mit vollkommener Deutlichkeit. Noch heute klang ihm der grelle

Kinderschrei ins Ohr, mit dem der kleine Geronimo auf den Rasen

hingesunken war, noch heute sah er die Sonne auf der weißen Gartenmauer

spielen und kringeln und hörte die Sonntagsglocken wieder, die gerade in

jenem Augenblick getönt hatten. Er hatte wie oftmals mit dem Bolzen nach

der Esche an der Mauer geschossen, und als er den Schrei hörte, dachte

er gleich, daß er den kleinen Bruder verletzt haben mußte, der eben

vorbeigelaufen war. Er ließ das Blasrohr aus den Händen gleiten, sprang

durchs Fenster in den Garten und stürzte zu dem kleinen Bruder hin, der

auf dem Grase lag, die Hände vors Gesicht geschlagen und jammerte. Über

die rechte Wange und den Hals floß ihm Blut herunter. In derselben

Minute kam der Vater vom Felde heim, durch die kleine Gartentür, und nun

knieten beide ratlos neben dem jammernden Kinde. Nachbarn eilten herbei;

die alte Vanetti war die erste, der es gelang, dem Kleinen die Hände

vom Gesicht zu entfernen. Dann kam auch der Schmied, bei dem Carlo

damals in der Lehre war und der sich ein bißchen aufs Kurieren verstand;

und der sah gleich, daß das rechte Auge verloren war. Der Arzt, der

abends aus Poschiavo kam, konnte auch nicht mehr helfen. Ja, er deutete

schon die Gefahr an, in der das andere Auge schwebte. Und er behielt

recht. Ein Jahr später war die Welt für Geronimo in Nacht versunken.

Anfangs versuchte man ihm einzureden, daß er später geheilt werden

könnte, und er schien es zu glauben. Carlo, der die Wahrheit wußte,

irrte damals tage- und nächtelang auf der Landstraße, zwischen den

Weinbergen und in den Wäldern umher, und war nahe daran, sich

umzubringen. Aber der geistliche Herr, dem er sich anvertraute, klärte

ihn auf, daß es seine Pflicht war, zu leben und sein Leben dem Bruder zu

widmen. Carlo sah es ein. Ein ungeheures Mitleid ergriff ihn. Nur wenn

er bei dem blinden Jungen war, wenn er ihm die Haare streicheln, seine

Stirne küssen durfte, ihm Geschichten erzählte, ihn auf den Feldern

hinter dem Hause und zwischen den Rebengeländen spazieren führte,

milderte sich seine Pein. Er hatte gleich anfangs die Lehrstunden in der

Schmiede vernachlässigt, weil er sich von dem Bruder gar nicht trennen

mochte, und konnte sich nachher nicht mehr entschließen, sein Handwerk

wieder aufzunehmen, trotzdem der Vater mahnte und in Sorge war. Eines

Tages fiel es Carlo auf, daß Geronimo vollkommen aufgehört hatte, von

seinem Unglück zu reden. Bald wußte er, warum: der Blinde war zur

Einsicht gekommen, daß er nie den Himmel, die Hügel, die Straßen, die

Menschen, das Licht wieder sehen würde. Nun litt Carlo noch mehr als

früher, so sehr er sich auch selbst damit zu beruhigen suchte, daß er

ohne jede Absicht das Unglück herbeigeführt hatte. Und manchmal, wenn er

am frühen Morgen den Bruder betrachtete, der neben ihm ruhte, ward er

von einer solchen Angst erfaßt, ihn erwachen zu sehen, daß er in den

Garten hinauslief, nur um nicht dabei sein zu müssen, wie die toten

Augen jeden Tag von neuem das Licht zu suchen schienen, das ihnen für

immer erloschen war. Zu jener Zeit war es, daß Carlo auf den Einfall

kam, Geronimo, der eine angenehme Stimme hatte, in der Musik weiter

ausbilden zu lassen. Der Schullehrer von Tola, der manchmal Sonntags

herüberkam, lehrte ihn die Gitarre spielen. Damals ahnte der Blinde

freilich noch nicht, daß die neuerlernte Kunst einmal zu seinem

Lebensunterhalt dienen würde.

Mit jenem traurigen Sommertag schien das Unglück für immer in das Haus

des alten Lagardi eingezogen zu sein. Die Ernte mißriet ein Jahr nach

dem anderen; um eine kleine Geldsumme, die der Alte erspart hatte, wurde

er von einem Verwandten betrogen; und als er an einem schwülen Augusttag

auf freiem Felde vom Schlag getroffen hinsank und starb, hinterließ er

nichts als Schulden. Das kleine Anwesen wurde verkauft, die beiden

Brüder waren obdachlos und arm und verließen das Dorf.

Carlo war zwanzig, Geronimo fünfzehn Jahre alt. Damals begann das

Bettel- und Wanderleben, das sie bis heute führten. Anfangs hatte Carlo

daran gedacht, irgendeinen Verdienst zu finden, der zugleich ihn und den

Bruder ernähren könnte; aber es wollte nicht gelingen. Auch hatte

Geronimo nirgend Ruhe; er wollte immer auf dem Wege sein.

Zwanzig Jahre war es nun, daß sie auf Straßen und Pässen herumzogen, im

nördlichen Italien und im südlichen Tirol, immer dort, wo eben der

dichtere Zug der Reisenden vorüberströmte.

Und wenn auch Carlo nach so vielen Jahren nicht mehr die brennende Qual

verspürte, mit der ihn früher jedes Leuchten der Sonne, der Anblick

jeder freundlichen Landschaft erfüllt hatte, es war doch ein stetes

nagendes Mitleid in ihm, beständig und ihm unbewußt, wie der Schlag

seines Herzens und sein Atem. Und er war froh, wenn Geronimo sich

betrank.

Der Wagen mit der deutschen Familie war davongefahren. Carlo setzte

sich, wie er gern tat, auf die untersten Stufen der Treppe, Geronimo

aber blieb stehen, ließ die Arme schlaff herabhängen und hielt den Kopf

nach oben gewandt.

Maria, die Magd, kam aus der Wirtsstube.

»Habt’s viel verdient heut?« rief sie herunter.

Carlo wandte sich gar nicht um. Der Blinde bückte sich nach seinem Glas,

hob es vom Boden auf und trank es Maria zu. Sie saß manchmal abends in

der Wirtsstube neben ihm; er wußte auch, daß sie schön war.

Carlo beugte sich vor und blickte gegen die Straße hinaus. Der Wind

blies, und der Regen prasselte, so daß das Rollen des nahenden Wagens in

den heftigen Geräuschen unterging. Carlo stand auf und nahm wieder

seinen Platz an des Bruders Seite ein.

Geronimo begann zu singen, schon während der Wagen einfuhr, in dem nur

ein Passagier saß. Der Kutscher spannte die Pferde eilig aus, dann eilte

er hinauf in die Wirtsstube. Der Reisende blieb eine Weile in seiner

Ecke sitzen, ganz eingewickelt in einen grauen Regenmantel; er schien

auf den Gesang gar nicht zu hören. Nach einer Weile aber sprang er aus

dem Wagen und lief mit großer Hast hin und her, ohne sich weit vom Wagen

zu entfernen. Er rieb immerfort die Hände aneinander, um sich zu

erwärmen. Jetzt erst schien er die Bettler zu bemerken. Er stellte sich

ihnen gegenüber und sah sie lange wie prüfend an. Carlo neigte leicht

den Kopf, wie zum Gruße. Der Reisende war ein sehr junger Mensch mit

einem hübschen, bartlosen Gesicht und unruhigen Augen. Nachdem er eine

ganze Weile vor den Bettlern gestanden, eilte er wieder zu dem Tore,

durch das er weiterfahren sollte, und schüttelte bei dem trostlosen

Ausblick in Regen und Nebel verdrießlich den Kopf.

»Nun?« fragte Geronimo.

»Noch nichts,« erwiderte Carlo. »Er wird wohl geben, wenn er fortfährt.«

Der Reisende kam wieder zurück und lehnte sich an die Deichsel des

Wagens. Der Blinde begann zu singen. Nun schien der junge Mann plötzlich

mit großem Interesse zuzuhören. Der Knecht erschien und spannte die

Pferde wieder ein. Und jetzt erst, als besänne er sich eben, griff der

junge Mann in die Tasche und gab Carlo einen Frank.

»O danke, danke,« sagte dieser.

Der Reisende setzte sich in den Wagen und wickelte sich wieder in

seinen Mantel. Carlo nahm das Glas vom Boden auf und ging die Holzstufen

hinauf. Geronimo sang weiter. Der Reisende beugte sich zum Wagen heraus

und schüttelte den Kopf mit einem Ausdruck von Überlegenheit und

Traurigkeit zugleich. Plötzlich schien ihm ein Einfall zu kommen, und er

lächelte. Dann sagte er zu dem Blinden, der kaum zwei Schritte weit von

ihm stand: »Wie heißt du?«

»Geronimo.«

»Nun, Geronimo, laß dich nur nicht betrügen.« In diesem Augenblick

erschien der Kutscher auf der obersten Stufe der Treppe.

»Wieso, gnädiger Herr, betrügen?«

»Ich habe deinem Begleiter ein Zwanzig-Frankstück gegeben.«

»O Herr, Dank, Dank!«

»Ja; also paß auf.«

»Er ist mein Bruder, Herr; er betrügt mich nicht.«

Der junge Mann stutzte eine Weile, aber während er noch überlegte, war

der Kutscher auf den Bock gestiegen und hatte die Pferde angetrieben.

Der junge Mann lehnte sich zurück mit einer Bewegung des Kopfes, als

wolle er sagen: Schicksal, nimm deinen Lauf! und der Wagen fuhr davon.

Der Blinde winkte mit beiden Händen lebhafte Gebärden des Dankes nach.

Jetzt hörte er Carlo, der eben aus der Wirtsstube kam. Der rief

herunter: »Komm, Geronimo, es ist warm heroben, Maria hat Feuer

gemacht!«

Geronimo nickte, nahm die Gitarre unter den Arm und tastete sich am

Geländer die Stufen hinauf. Auf der Treppe schon rief er: »Laß es mich

anfühlen! Wie lang hab ich schon kein Goldstück angefühlt!«

»Was gibt’s?« fragte Carlo. »Was redest du da?«

Geronimo war oben und griff mit beiden Händen nach dem Kopf seines

Bruders, ein Zeichen, mit dem er stets Freude oder Zärtlichkeit

auszudrücken pflegte. »Carlo, mein lieber Bruder, es gibt doch gute

Menschen!«

»Gewiß,« sagte Carlo. »Bis jetzt sind es zwei Lire und dreißig

Zentesimi; und hier ist noch österreichisches Geld, vielleicht eine

halbe Lira.«

»Und zwanzig Franken – und zwanzig Franken!« rief Geronimo. »Ich weiß es

ja!« Er torkelte in die Stube und setzte sich schwer auf die Bank.

»Was weißt du?« fragte Carlo.

»So laß doch die Späße! Gib es mir in die Hand! Wie lang hab ich schon

kein Goldstück in der Hand gehabt!«

»Was willst du denn? Woher soll ich ein Goldstück nehmen? Es sind zwei

Lire oder drei.«

Der Blinde schlug auf den Tisch. »Jetzt ist es aber genug, genug! Willst

du es etwa vor mir verstecken?«

Carlo blickte den Bruder besorgt und verwundert an. Er setzte sich neben

ihn, rückte ganz nahe und faßte wie begütigend seinen Arm: »Ich

verstecke nichts vor dir. Wie kannst du das glauben? Niemandem ist es

eingefallen, mir ein Goldstück zu geben.«

»Aber er hat mir’s doch gesagt!«

»Wer?«

»Nun, der junge Mensch, der hin und her lief.«

»Wie? Ich versteh dich nicht!«

»So hat er zu mir gesagt: ›Wie heißt du?‹ und dann: ›Gib acht, gib acht,

laß dich nicht betrügen!‹«

»Du mußt geträumt haben, Geronimo – das ist ja Unsinn!«

»Unsinn? Ich hab es doch gehört, und ich höre gut. ›Laß dich nicht

betrügen; ich habe ihm ein Goldstück ...‹ – nein, so sagte er: ›Ich habe

ihm ein Zwanzig-Frankstück gegeben.‹«

Der Wirt kam herein. »Nun, was ist’s mit euch? Habt ihr das Geschäft

aufgegeben? Ein Vierspänner ist gerade angefahren.«

»Komm!« rief Carlo, »komm!«

Geronimo blieb sitzen. »Warum denn? Warum soll ich kommen? Was hilft’s

mir denn? Du stehst ja dabei und –«

Carlo berührte ihn am Arm. »Still, komm jetzt hinunter!«

Geronimo schwieg und gehorchte dem Bruder. Aber auf den Stufen sagte er:

»Wir reden noch, wir reden noch!«

Carlo begriff nicht, was geschehen war. War Geronimo plötzlich verrückt

geworden? Denn, wenn er auch leicht in Zorn geriet, in dieser Weise

hatte er noch nie gesprochen.

In dem eben angekommenen Wagen saßen zwei Engländer; Carlo lüftete den

Hut vor ihnen, und der Blinde sang. Der eine Engländer war ausgestiegen

und warf einige Münzen in Carlos Hut. Carlo sagte: »Danke« und dann, wie

vor sich hin: »Zwanzig Zentesimi.« Das Gesicht Geronimos blieb unbewegt;

er begann ein neues Lied. Der Wagen mit den zwei Engländern fuhr davon.

Die Brüder gingen schweigend die Stufen hinauf. Geronimo setzte sich auf

die Bank, Carlo blieb beim Ofen stehen.

»Warum sprichst du nicht?« fragte Geronimo.

»Nun,« erwiderte Carlo, »es kann nur so sein, wie ich dir gesagt habe.«

Seine Stimme zitterte ein wenig.

»Was hast du gesagt?« fragte Geronimo.

»Es war vielleicht ein Wahnsinniger.«

»Ein Wahnsinniger? Das wäre ja vortrefflich! Wenn einer sagt: ›Ich habe

deinem Bruder zwanzig Franken gegeben,‹ so ist er wahnsinnig! – Eh, und

warum hat er gesagt: ›Laß dich nicht betrügen‹ – eh?«

»Vielleicht war er auch nicht wahnsinnig ... aber es gibt Menschen, die

mit uns armen Leuten Späße machen ...«

»Eh!« schrie Geronimo, »Späße? – Ja, das hast du noch sagen müssen –

darauf habe ich gewartet!« Er trank das Glas Wein aus, das vor ihm

stand.

»Aber, Geronimo!« rief Carlo, und er fühlte, daß er vor Bestürzung kaum

sprechen konnte, »warum sollte ich ... wie kannst du glauben ...?«

»Warum zittert deine Stimme ... eh ... warum ...?«

»Geronimo, ich versichere dir, ich –«

»Eh – und ich glaube dir nicht! Jetzt lachst du ... ich weiß ja, daß du

jetzt lachst!«

Der Knecht rief von unten: »He, blinder Mann, Leut’ sind da!«

Ganz mechanisch standen die Brüder auf und schritten die Stufen hinab.

Zwei Wagen waren zugleich gekommen, einer mit drei Herren, ein anderer

mit einem alten Ehepaar. Geronimo sang; Carlo stand neben ihm,

fassungslos. Was sollte er nur tun? Der Bruder glaubte ihm nicht! Wie

war das nur möglich? – Und er betrachtete Geronimo, der mit zerbrochener

Stimme seine Lieder sang, angstvoll von der Seite. Es war ihm, als sähe

er über diese Stirne Gedanken fliehen, die er früher dort niemals

gewahrt hatte.

Die Wagen waren schon fort, aber Geronimo sang weiter. Carlo wagte

nicht, ihn zu unterbrechen. Er wußte nicht, was er sagen sollte, er

fürchtete, daß seine Stimme wieder zittern würde. Da tönte Lachen von

oben, und Maria rief: »Was singst denn noch immer? Von mir kriegst du ja

doch nichts!«

Geronimo hielt inne, mitten in einer Melodie; es klang, als wäre seine

Stimme und die Saiten zugleich abgerissen. Dann ging er wieder die

Stufen hinauf, und Carlo folgte ihm. In der Wirtsstube setzte er sich

neben ihn. Was sollte er tun? Es blieb ihm nichts anderes übrig: er

mußte noch einmal versuchen, den Bruder aufzuklären.

»Geronimo,« sagte er, »ich schwöre dir ... bedenk doch, Geronimo, wie

kannst du glauben, daß ich –«

Geronimo schwieg, seine toten Augen schienen durch das Fenster in den

grauen Nebel hinauszublicken. Carlo redete weiter: »Nun, er braucht ja

nicht wahnsinnig gewesen zu sein, er wird sich geirrt haben ... ja er

hat sich geirrt ...« Aber er fühlte wohl, daß er selbst nicht glaubte,

was er sagte.

Geronimo rückte ungeduldig fort. Aber Carlo redete weiter, mit

plötzlicher Lebhaftigkeit: »Wozu sollte ich denn – du weißt doch, ich

esse und trinke nicht mehr als du, und wenn ich mir einen neuen Rock

kaufe, so weißt du’s doch ... wofür brauch ich denn so viel Geld? Was

soll ich denn damit tun?«

Da stieß Geronimo zwischen den Zähnen hervor: »Lüg nicht, ich höre, wie

du lügst!«

»Ich lüge nicht, Geronimo, ich lüge nicht!« sagte Carlo erschrocken.

»Eh! hast du ihr’s schon gegeben, ja? Oder bekommt sie’s erst nachher?«

schrie Geronimo.

»Maria?«

»Wer denn, als Maria? Eh, du Lügner, du Dieb!« Und als wollte er nicht

mehr neben ihm am Tische sitzen, stieß er mit dem Ellbogen den Bruder in

die Seite.

Carlo stand auf. Zuerst starrte er den Bruder an, dann verließ er das

Zimmer und ging über die Stiege in den Hof. Er schaute mit weit offenen

Augen auf die Straße hinaus, die vor ihm in bräunlichen Nebel versank.

Der Regen hatte nachgelassen. Carlo steckte die Hände in die

Hosentaschen und ging ins Freie. Es war ihm, als hätte ihn sein Bruder

davongejagt. Was war denn nur geschehen?... Er konnte es noch immer

nicht fassen. Was für ein Mensch mochte das gewesen sein? Einen Franken

schenkt er her und sagt, es waren zwanzig! Er mußte doch irgendeinen

Grund dazu gehabt haben?... Und Carlo suchte in seiner Erinnerung, ob er

sich nicht irgendwo jemanden zum Feind gemacht, der nun einen anderen

hergeschickt hatte, um sich zu rächen ... Aber soweit er zurückdenken

mochte, nie hatte er jemanden beleidigt, nie irgendeinen ernsten Streit

mit jemandem vorgehabt. Er hatte ja seit zwanzig Jahren nichts anderes

getan, als daß er in Höfen oder an Straßenrändern gestanden war mit dem

Hut in der Hand ... War ihm vielleicht einer wegen eines Frauenzimmers

böse?... Aber wie lange hatte er schon mit keiner was zu tun gehabt ...

die Kellnerin in La Rosa war die letzte gewesen, im vorigen Frühjahr ...

aber um die war ihm gewiß niemand neidisch ... Es war nicht zu

begreifen!... Was mochte es da draußen in der Welt, die er nicht kannte,

für Menschen geben?... Von überallher kamen sie ... was wußte er von

ihnen?... Für diesen Fremden hatte es wohl irgendeinen Sinn gehabt, daß

er zu Geronimo sagte: Ich habe deinem Bruder zwanzig Franken gegeben ...

Nun ja ... Aber was war nun zu tun?... Mit einem Male war es offenbar

geworden, daß Geronimo ihm mißtraute!... Das konnte er nicht ertragen!

Irgend etwas mußte er dagegen unternehmen ... Und er eilte zurück.

Als er wieder in die Wirtsstube trat, lag Geronimo auf der Bank

ausgestreckt und schien das Eintreten Carlos nicht zu bemerken. Maria

brachte den beiden Essen und Trinken. Sie sprachen während der Mahlzeit

kein Wort. Als Maria die Teller abräumte, lachte Geronimo plötzlich auf

und sagte zu ihr: »Was wirst du dir denn dafür kaufen?«

»Wofür denn?!«

»Nun, was? Einen neuen Rock oder Ohrringe?«

»Was will er denn von mir?« wandte sie sich an Carlo.

Indes dröhnte unten der Hof von lastenbeladenen Fuhrwerken, laute

Stimmen tönten herauf und Maria eilte hinunter. Nach ein paar Minuten

kamen drei Fuhrleute und nahmen an einem Tische Platz; der Wirt trat zu

ihnen und begrüßte sie. Sie schimpften über das schlechte Wetter.

»Heute nacht werdet ihr Schnee haben,« sagte der eine.

Der zweite erzählte, wie er vor zehn Jahren Mitte August auf dem Joch

eingeschneit und beinahe erfroren war. Maria setzte sich zu ihnen. Auch

der Knecht kam herbei und erkundigte sich nach seinen Eltern, die unten

in Bormio wohnten.

Jetzt kam wieder ein Wagen mit Reisenden. Geronimo und Carlo gingen

hinunter, Geronimo sang, Carlo hielt den Hut hin, und die Reisenden

gaben ihr Almosen. Geronimo schien jetzt ganz ruhig. Er fragte manchmal:

»Wieviel?« und nickte zu den Antworten Carlos leicht mit dem Kopfe.

Indes versuchte Carlo selbst seine Gedanken zu fassen. Aber er hatte

immer nur das dumpfe Gefühl, daß etwas Schreckliches geschehen und daß

er ganz wehrlos war.

Als die Brüder wieder die Stufen hinaufschritten, hörten sie die

Fuhrleute oben wirr durcheinanderreden und lachen. Der jüngste rief dem

Geronimo entgegen: »Sing uns doch auch was vor, wir zahlen schon! –

Nicht wahr?« wandte er sich an die anderen.

Maria, die eben mit einer Flasche rotem Wein kam, sagte: »Fangt heut

nichts mit ihm an, er ist schlechter Laune.«

Statt jeder Antwort stellte sich Geronimo mitten ins Zimmer hin und

fing an zu singen. Als er geendet, klatschten die Fuhrleute in die

Hände.

»Komm her, Carlo!« rief einer, »wir wollen dir unser Geld auch in den

Hut werfen wie die Leute unten!« Und er nahm eine kleine Münze und hielt

die Hand hoch, als wollte er sie in den Hut fallen lassen, den ihm Carlo

entgegenstreckte. Da griff der Blinde nach dem Arm des Fuhrmannes und

sagte: »Lieber mir, lieber mir! Es könnte daneben fallen – daneben!«

»Wieso daneben?«

»Eh, nun! Zwischen die Beine Marias!«

Alle lachten, der Wirt und Maria auch, nur Carlo stand regungslos da.

Nie hatte Geronimo solche Späße gemacht!...

»Setz dich zu uns!« riefen die Fuhrleute. »Du bist ein lustiger Kerl!«

Und sie rückten zusammen, um Geronimo Platz zu machen. Immer lauter und

wirrer war das Durcheinanderreden; Geronimo redete mit, lauter und

lustiger als sonst, und hörte nicht auf zu trinken. Als Maria eben

wieder hereinkam, wollte er sie an sich ziehen; da sagte der eine von

den Fuhrleuten lachend: »Meinst du vielleicht, sie ist schön? Sie ist ja

ein altes häßliches Weib!«

Aber der Blinde zog Maria auf seinen Schoß. »Ihr seid alle Dummköpfe,«

sagte er. »Glaubt ihr, ich brauche meine Augen, um zu sehen? Ich weiß

auch, wo Carlo jetzt ist – eh! – dort am Ofen steht er, hat die Hände in

den Hosentaschen und lacht.«

Alle schauten auf Carlo, der mit offenem Munde am Ofen lehnte und nun

wirklich das Gesicht zu einem Grinsen verzog, als dürfte er seinen

Bruder nicht Lügen strafen.

Der Knecht kam herein; wenn die Fuhrleute noch vor Dunkelheit in Bormio

sein wollten, mußten sie sich beeilen. Sie standen auf und

verabschiedeten sich lärmend. Die beiden Brüder waren wieder allein in

der Wirtsstube. Es war die Stunde, um die sie sonst manchmal zu schlafen

pflegten. Das ganze Wirtshaus versank in Ruhe wie immer um diese Zeit

der ersten Nachmittagsstunden. Geronimo, den Kopf auf dem Tisch, schien

zu schlafen. Carlo ging anfangs hin und her, dann setzte er sich auf die

Bank. Er war sehr müde. Es schien ihm, als wäre er in einem schweren

Traum befangen. Er mußte an allerlei denken, an gestern, vorgestern und

alle Tage, die früher waren, und besonders an warme Sommertage und an

weiße Landstraßen, über die er mit seinem Bruder zu wandern pflegte, und

alles war so weit und unbegreiflich, als wenn es nie wieder so sein

könnte.

Am späten Nachmittage kam die Post aus Tirol und bald darauf in kleinen

Zwischenpausen Wagen, die den gleichen Weg nach dem Süden nahmen. Noch

viermal mußten die Brüder in den Hof hinab. Als sie das letztemal

heraufgingen, war die Dämmerung hereingebrochen, und das Öllämpchen, das

von der Holzdecke herunterhing, fauchte. Arbeiter kamen, die in einem

nahen Steinbruche beschäftigt waren und ein paar hundert Schritte

unterhalb des Wirtshauses ihre Holzhütten aufgeschlagen hatten. Geronimo

setzte sich zu ihnen; Carlo blieb allein an seinem Tische. Es war ihm,

als dauerte seine Einsamkeit schon sehr lange. Er hörte, wie Geronimo

drüben laut, beinahe schreiend, von seiner Kindheit erzählte: daß er

sich noch ganz gut an allerlei erinnerte, was er mit seinen Augen

gesehen, Personen und Dinge: an den Vater, wie er auf dem Felde

arbeitete, an den kleinen Garten mit der Esche an der Mauer, an das

niedrige Häuschen, das ihnen gehörte, an die zwei kleinen Töchter des

Schusters, an den Weinberg hinter der Kirche, ja an sein eigenes

Kindergesicht, wie es ihm aus dem Spiegel entgegengeblickt hatte. Wie

oft hatte Carlo das alles gehört. Heute ertrug er es nicht. Es klang

anders als sonst: jedes Wort, das Geronimo sprach, bekam einen neuen

Sinn und schien sich gegen ihn zu richten. Er schlich hinaus und ging

wieder auf die Landstraße, die nun ganz im Dunkel lag. Der Regen hatte

aufgehört, die Luft war sehr kalt, und der Gedanke erschien Carlo

beinahe verlockend, weiterzugehen, immer weiter, tief in die Finsternis

hinein, sich am Ende irgendwohin in den Straßengraben zu legen,

einzuschlafen, nicht mehr zu erwachen. – Plötzlich hörte er das Rollen

eines Wagens und erblickte den Lichtschimmer von zwei Laternen, die

immer näher kamen. In dem Wagen, der vorüberfuhr, saßen zwei Herren.

Einer von ihnen mit einem schmalen, bartlosen Gesichte fuhr erschrocken

zusammen, als Carlos Gestalt im Lichte der Laternen aus dem Dunkel

hervortauchte. Carlo, der stehen geblieben war, lüftete den Hut. Der

Wagen und die Lichter verschwanden. Carlo stand wieder in tiefer

Finsternis. Plötzlich schrak er zusammen. Das erstemal in seinem Leben

machte ihm das Dunkel Angst. Es war ihm, als könnte er es keine Minute

länger ertragen. In einer sonderbaren Art vermengten sich in seinem

dumpfen Sinnen die Schauer, die er für sich selbst empfand, mit einem

quälenden Mitleid für den blinden Bruder und jagten ihn nach Hause.

Als er in die Wirtsstube trat, sah er die beiden Reisenden, die vorher

an ihm vorbeigefahren waren, bei einer Flasche Rotwein an einem Tische

sitzen und sehr angelegentlich miteinander reden. Sie blickten kaum

auf, als er eintrat.

An dem anderen Tische saß Geronimo wie früher unter den Arbeitern.

»Wo steckst du denn, Carlo?« sagte ihm der Wirt schon an der Tür. »Warum

läßt du deinen Bruder allein?«

»Was gibt’s denn?« fragte Carlo erschrocken.

»Geronimo traktiert die Leute. Mir kann’s ja egal sein, aber ihr solltet

doch denken, daß bald wieder schlechtere Zeiten kommen.«

Carlo trat rasch zu dem Bruder und faßte ihn am Arme. »Komm!« sagte er.

»Was willst du?« schrie Geronimo.

»Komm zu Bett,« sagte Carlo.

»Laß mich, laß mich! Ich verdiene das Geld, ich kann mit meinem Gelde

tun, was ich will – eh! – alles kannst du ja doch nicht einstecken! Ihr

meint wohl, er gibt mir alles! O nein! Ich bin ja ein blinder Mann! Aber

es gibt Leute – es gibt gute Leute, die sagen mir: ›Ich habe deinem

Bruder zwanzig Franken gegeben!‹«

Die Arbeiter lachten auf.

»Es ist genug,« sagte Carlo, »komm!« Und er zog den Bruder mit sich,

schleppte ihn beinah die Treppe hinauf bis in den kahlen Bodenraum, wo

sie ihr Lager hatten. Auf dem ganzen Wege schrie Geronimo: »Ja, nun ist

es an den Tag gekommen, ja, nun weiß ich’s! Ah, wartet nur. Wo ist sie?

Wo ist Maria? Oder legst du’s ihr in die Sparkassa? – Eh, ich singe für

dich, ich spiele Gitarre, von mir lebst du – und du bist ein Dieb!« Er

fiel auf den Strohsack hin.

Vom Gang her schimmerte ein schwaches Licht herein; drüben stand die Tür

zu dem einzigen Fremdenzimmer des Wirtshauses offen, und Maria richtete

die Betten für die Nachtruhe her. Carlo stand vor seinem Bruder und sah

ihn daliegen mit dem gedunsenen Gesicht, mit den bläulichen Lippen, das

feuchte Haar an der Stirne klebend, um viele Jahre älter aussehend, als

er war. Und langsam begann er zu verstehen. Nicht von heute konnte das

Mißtrauen des Blinden sein, längst mußte es in ihm geschlummert haben,

und nur der Anlaß, vielleicht der Mut hatte ihm gefehlt, es

auszusprechen. Und alles, was Carlo für ihn getan, war vergeblich

gewesen; vergeblich die Reue, vergeblich das Opfer seines ganzen Lebens.

Was sollte er nun tun? – Sollte er noch weiterhin Tag für Tag, wer weiß

wie lange noch, ihn durch die ewige Nacht führen, ihn betreuen, für ihn

betteln und keinen anderen Lohn dafür haben als Mißtrauen und Schimpf?

Wenn ihn der Bruder für einen Dieb hielt, so konnte ihm ja jeder Fremde

dasselbe oder Besseres leisten als er. Wahrhaftig, ihn allein lassen,

sich für immer von ihm trennen, das wäre das klügste. Dann mußte

Geronimo wohl sein Unrecht einsehen, denn dann erst würde er erfahren,

was es heißt, betrogen und bestohlen werden, einsam und elend sein. Und

er selbst, was sollte er beginnen? Nun, er war ja noch nicht alt; wenn

er für sich allein war, konnte er noch mancherlei anfangen. Als Knecht

zum mindesten fand er überall sein Unterkommen. Aber während diese

Gedanken durch seinen Kopf zogen, blieben seine Augen immer auf den

Bruder geheftet. Und er sah ihn plötzlich vor sich, allein am Rande

einer sonnbeglänzten Straße auf einem Stein sitzen, mit den weit

offenen, weißen Augen zum Himmel starrend, der ihn nicht blenden konnte,

und mit den Händen in die Nacht greifend, die immer um ihn war. Und er

fühlte, so wie der Blinde niemand anderen auf der Welt hatte als ihn, so

hatte auch er niemand anderen als diesen Bruder. Er verstand, daß die

Liebe zu diesem Bruder der ganze Inhalt seines Lebens war, und wußte zum

ersten Male mit völliger Deutlichkeit, nur der Glaube, daß der Blinde

diese Liebe erwiderte und ihm verziehen, hatte ihn alles Elend so

geduldig tragen lassen. Er konnte auf diese Hoffnung nicht mit einem

Male verzichten. Er fühlte, daß er den Bruder gerade so notwendig

brauchte als der Bruder ihn. Er konnte nicht, er wollte ihn nicht

verlassen. Er mußte entweder das Mißtrauen erdulden oder ein Mittel

finden, um den Blinden von der Grundlosigkeit seines Verdachtes zu

überzeugen ... Ja, wenn er sich irgendwie das Goldstück verschaffen

könnte! Wenn er dem Blinden morgen früh sagen könnte: »Ich habe es nur

aufbewahrt, damit du’s nicht mit den Arbeitern vertrinkst, damit es dir

die Leute nicht stehlen« ... oder sonst irgend etwas ...

Schritte näherten sich auf der Holztreppe; die Reisenden gingen zur

Ruhe. Plötzlich durchzuckte seinen Kopf der Einfall, drüben anzuklopfen,

den Fremden wahrheitsgetreu den heutigen Vorfall zu erzählen und sie um

die zwanzig Franken zu bitten. Aber er wußte auch gleich: das war

vollkommen aussichtslos! Sie würden ihm die ganze Geschichte nicht

einmal glauben. Und er erinnerte sich jetzt, wie erschrocken der eine

blasse zusammengefahren war, als er, Carlo, plötzlich im Dunkel vor dem

Wagen aufgetaucht war.

Er streckte sich auf den Strohsack hin. Es war ganz finster im Zimmer.

Jetzt hörte er, wie die Arbeiter laut redend und mit schweren Schritten

über die Holzstufen hinabgingen. Bald darauf wurden beide Tore

geschlossen. Der Knecht ging noch einmal die Treppe auf und ab, dann war

es ganz still. Carlo hörte nur mehr das Schnarchen Geronimos. Bald

verwirrten sich seine Gedanken in beginnenden Träumen. Als er erwachte,

war noch tiefe Dunkelheit um ihn. Er sah nach der Stelle, wo das Fenster

war; wenn er die Augen anstrengte, gewahrte er dort mitten in dem

undurchdringlichen Schwarz ein tiefgraues Viereck. Geronimo schlief noch

immer den schweren Schlaf des Betrunkenen. Und Carlo dachte an den Tag,

der morgen war; und ihn schauderte. Er dachte an die Nacht nach diesem

Tage, an den Tag nach dieser Nacht, an die Zukunft, die vor ihm lag, und

Grauen erfüllte ihn vor der Einsamkeit, die ihm bevorstand. Warum war er

abends nicht mutiger gewesen? Warum war er nicht zu den Fremden gegangen

und hatte sie um die zwanzig Franken gebeten? Vielleicht hätten sie doch

Erbarmen mit ihm gehabt. Und doch – vielleicht war es gut, daß er sie

nicht gebeten hatte. Ja, warum war es gut?... Er setzte sich jäh auf und

fühlte sein Herz klopfen. Er wußte, warum es gut war: Wenn sie ihn

abgewiesen hätten, so wäre er ihnen jedenfalls verdächtig geblieben –

so aber ... Er starrte auf den grauen Fleck, der matt zu leuchten begann

... Das, was ihm gegen seinen eigenen Willen durch den Kopf gefahren,

war ja unmöglich, vollkommen unmöglich!... Die Tür drüben war versperrt

– und überdies: sie konnten aufwachen ... Ja, dort – der graue

leuchtende Fleck mitten im Dunkel war der neue Tag – – –

Carlo stand auf, als zöge es ihn dorthin, und berührte mit der Stirn die

kalte Scheibe. Warum war er denn aufgestanden? Um zu überlegen?... Um es

zu versuchen?... Was denn?... Es war ja unmöglich – und überdies war es

ein Verbrechen. Ein Verbrechen? Was bedeuten zwanzig Franken für solche

Leute, die zum Vergnügen tausend Meilen weit reisen? Sie würden ja gar

nicht merken, daß sie ihnen fehlten ... Er ging zur Türe und öffnete sie

leise. Gegenüber war die andere, mit zwei Schritten zu erreichen,

geschlossen. An einem Nagel im Pfosten hingen Kleidungsstücke. Carlo

fuhr mit der Hand über sie ... Ja, wenn die Leute ihre Börsen in der

Tasche ließen, dann wäre das Leben sehr einfach, dann brauchte bald

niemand mehr betteln zu gehen ... Aber die Taschen waren leer. Nun, was

blieb übrig? Wieder zurück ins Zimmer, auf den Strohsack. Es gab

vielleicht doch eine bessere Art, sich zwanzig Franken zu verschaffen –

eine weniger gefährliche und rechtlichere. Wenn er wirklich jedesmal

einige Zentesimi von den Almosen zurückbehielte, bis er zwanzig Franken

zusammengespart, und dann das Goldstück kaufte ... Aber wie lang konnte

das dauern – Monate, vielleicht ein Jahr. Ah, wenn er nur Mut hätte!

Noch immer stand er auf dem Gang. Er blickte zur Tür hinüber ... Was war

das für ein Streif, der senkrecht von oben auf den Fußboden fiel? War es

möglich? Die Tür war nur angelehnt, nicht versperrt?... Warum staunte er

denn darüber? Seit Monaten schon schloß die Tür nicht. Wozu auch? Er

erinnerte sich: nur dreimal hatten hier in diesem Sommer Leute

geschlafen, zweimal Handwerksburschen und einmal ein Tourist, der sich

den Fuß verletzt hatte. Die Tür schließt nicht – er braucht jetzt nur

Mut – ja, und Glück! Mut? Das Schlimmste, was ihm geschehen kann, ist,

daß die beiden aufwachen, und da kann er noch immer eine Ausrede finden.

Er lugt durch den Spalt ins Zimmer. Es ist noch so dunkel, daß er eben

nur die Umrisse von zwei auf den Betten lagernden Gestalten gewahren

kann. Er horcht auf: sie atmen ruhig und gleichmäßig. Carlo öffnet die

Tür leicht und tritt mit seinen nackten Füßen völlig geräuschlos ins

Zimmer. Die beiden Betten stehen der Länge nach an der gleichen Wand dem

Fenster gegenüber. In der Mitte des Zimmers ist ein Tisch; Carlo

schleicht bis hin. Er fährt mit der Hand über die Fläche und fühlt ein

Schlüsselbund, ein Federmesser, ein kleines Buch – weiter nichts ... Nun

natürlich!... Daß er nur daran denken konnte, sie würden ihr Geld auf

den Tisch legen! Ah, nun kann er gleich wieder fort!... Und doch,

vielleicht braucht es nur einen guten Griff und es ist geglückt ... Und

er nähert sich dem Bett neben der Tür; hier auf dem Sessel liegt etwas –

er fühlt danach – es ist ein Revolver ... Carlo zuckt zusammen ... Ob er

ihn nicht lieber gleich behalten sollte? Denn warum hat dieser Mensch

den Revolver bereitliegen? Wenn er erwacht und ihn bemerkt ... Doch

nein, er würde ja sagen: Es ist drei Uhr, gnädiger Herr, aufstehn!...

Und er läßt den Revolver liegen.

Und er schleicht tiefer ins Zimmer. Hier auf dem anderen Sessel unter

den Wäschestücken ... Himmel! das ist sie ... das ist eine Börse – er

hält sie in der Hand!... In diesem Moment hört er ein leises Krachen.

Mit einer raschen Bewegung streckt er sich der Länge nach zu Füßen des

Bettes hin ... Noch einmal dieses Krachen – ein schweres Aufatmen – ein

Räuspern – dann wieder Stille, tiefe Stille. Carlo bleibt auf dem Boden

liegen, die Börse in der Hand, und wartet. Es rührt sich nichts mehr.

Schon fällt der Dämmer blaß ins Zimmer herein. Carlo wagt nicht

aufzustehen, sondern kriecht auf dem Boden vorwärts bis zur Tür, die

weit genug offen steht, um ihn durchzulassen, kriecht weiter bis auf den

Gang hinaus, und hier erst erhebt er sich langsam, mit einem tiefen

Atemzug. Er öffnet die Börse; sie ist dreifach geteilt: links und rechts

nur kleine Silberstücke. Nun öffnet Carlo den mittleren Teil, der durch

einen Schieber nochmals verschlossen ist, und fühlt drei

Zwanzigfrankenstücke. Einen Augenblick denkt er daran, zwei davon zu

nehmen, aber rasch weist er diese Versuchung von sich, nimmt nur ein

Goldstück heraus und schließt die Börse zu. Dann kniet er nieder, blickt

durch die Spalte in die Kammer, in der es wieder völlig still ist, und

dann gibt er der Börse einen Stoß, so daß sie bis unter das zweite Bett

gleitet. Wenn der Fremde aufwacht, wird er glauben müssen, daß sie vom

Sessel heruntergefallen ist. Carlo erhebt sich langsam. Da knarrt der

Boden leise, und im gleichen Augenblick hört er eine Stimme von drinnen:

»Was ist’s? Was gibt’s denn?« Carlo macht rasch zwei Schritte rückwärts,

mit verhaltenem Atem, und gleitet in seine eigene Kammer. Er ist in

Sicherheit und lauscht ... Noch einmal kracht drüben das Bett, und dann

ist alles still. Zwischen seinen Fingern hält er das Goldstück. Es ist

gelungen – gelungen! Er hat die zwanzig Franken, und er kann seinem

Bruder sagen: ›Siehst du nun, daß ich kein Dieb bin!‹ Und sie werden

sich noch heute auf die Wanderschaft machen – gegen den Süden zu, nach

Bormio, dann weiter durchs Veltlin ... dann nach Tirano ... nach Edole

... nach Breno ... an den See von Iseo wie voriges Jahr ... Das wird

durchaus nicht verdächtig sein, denn schon vorgestern hat er selbst zum

Wirt gesagt: »In ein paar Tagen gehen wir hinunter.«

Immer lichter wird es, das ganze Zimmer liegt in grauem Dämmer da. Ah,

wenn Geronimo nur bald aufwachte! Es wandert sich so gut in der Frühe!

Noch vor Sonnenaufgang werden sie fortgehen. Einen guten Morgen dem

Wirt, dem Knecht und Maria auch, und dann fort, fort ... Und erst wenn

sie zwei Stunden weit sind, schon nahe dem Tale, wird er es Geronimo

sagen.

Geronimo reckt und dehnt sich. Carlo ruft ihn an: »Geronimo!«

»Nun, was gibt’s?« Und er stützt sich mit beiden Händen und setzt sich

auf.

»Geronimo, wir wollen aufstehen.«

»Warum?« Und er richtet die toten Augen auf den Bruder. Carlo weiß, daß

Geronimo sich jetzt des gestrigen Vorfalles besinnt, aber er weiß auch,

daß der keine Silbe darüber reden wird, ehe er wieder betrunken ist.

»Es ist kalt, Geronimo, wir wollen fort. Es wird heuer nicht mehr

besser; ich denke, wir gehen. Zu Mittag können wir in Boladore sein.«

Geronimo erhob sich. Die Geräusche des erwachenden Hauses wurden

vernehmbar. Unten im Hof sprach der Wirt mit dem Knecht. Carlo stand auf

und begab sich hinunter. Er war immer früh wach und ging oft schon in

der Dämmerung auf die Straße hinaus. Er trat zum Wirt hin und sagte:

»Wir wollen Abschied nehmen.«

»Ah, geht ihr schon heut?« fragte der Wirt.

»Ja. Es friert schon zu arg, wenn man jetzt im Hof steht, und der Wind

zieht durch.«

»Nun, grüß mir den Baldetti, wenn du nach Bormio hinunterkommst, und er

soll nicht vergessen, mir das Öl zu schicken.«

»Ja, ich will ihn grüßen. Im übrigen – das Nachtlager von heut.« Er

griff in den Sack.

»Laß sein, Carlo,« sagte der Wirt. »Die zwanzig Zentesimi schenk ich

deinem Bruder; ich hab ihm ja auch zugehört. Guten Morgen.«

»Dank,« sagte Carlo. »Im übrigen, so eilig haben wir’s nicht. Wir sehen

dich noch, wenn du von den Hütten zurückkommst; Bormio bleibt am selben

Fleck stehen, nicht wahr?« Er lachte und ging die Holzstufen hinauf.

Geronimo stand mitten im Zimmer und sagte: »Nun, ich bin bereit zu

gehen.«

»Gleich,« sagte Carlo.

Aus einer alten Kommode, die in einem Winkel des Raumes stand, nahm er

ihre wenigen Habseligkeiten und packte sie in ein Bündel. Dann sagte er:

»Ein schöner Tag, aber sehr kalt.«

»Ich weiß,« sagte Geronimo. Beide verließen die Kammer.

»Geh leise,« sagte Carlo, »hier schlafen die zwei, die gestern abend

gekommen sind.« Behutsam schritten sie hinunter. »Der Wirt läßt dich

grüßen,« sagte Carlo; »er hat uns die zwanzig Zentesimi für heut nacht

geschenkt. Nun ist er bei den Hütten draußen und kommt erst in zwei

Stunden wieder. Wir werden ihn ja im nächsten Jahre wiedersehen.«

Geronimo antwortete nicht. Sie traten auf die Landstraße, die im

Dämmerschein vor ihnen lag. Carlo ergriff den linken Arm seines

Bruders, und beide schritten schweigend talabwärts. Schon nach kurzer

Wanderung waren sie an der Stelle, wo die Straße in langgezogenen Kehren

weiterzulaufen beginnt. Nebel stiegen nach aufwärts, ihnen entgegen, und

über ihnen die Höhen schienen von den Wolken wie eingeschlungen. Und

Carlo dachte: Nun will ich’s ihm sagen.

Carlo sprach aber kein Wort, sondern nahm das Goldstück aus der Tasche

und reichte es dem Bruder; dieser nahm es zwischen die Finger der

rechten Hand, dann führte er es an die Wange und an die Stirn, endlich

nickte er. »Ich hab’s ja gewußt,« sagte er.

»Nun ja,« erwiderte Carlo und sah Geronimo befremdet an.

»Auch wenn der Fremde mir nichts gesagt hätte, ich hätte es doch

gewußt.«

»Nun ja,« sagte Carlo ratlos. »Aber du verstehst doch, warum ich da oben

vor den anderen – ich habe gefürchtet, daß du das Ganze auf einmal – –

Und sieh, Geronimo, es wäre doch an der Zeit, hab ich mir gedacht, daß

du dir einen neuen Rock kaufst und ein Hemd und Schuhe auch, glaube ich;

darum habe ich ...«

Der Blinde schüttelte heftig den Kopf. »Wozu?« Und er strich mit der

einen Hand über seinen Rock. »Gut genug, warm genug; jetzt kommen wir

nach dem Süden.«

Carlo begriff nicht, daß Geronimo sich gar nicht zu freuen schien, daß

er sich nicht entschuldigte. Und er redete weiter: »Geronimo, war es

denn nicht recht von mir? Warum freust du dich denn nicht? Nun haben wir

es doch, nicht wahr? Nun haben wir es ganz. Wenn ich dir’s oben gesagt

hätte, wer weiß ... Oh, es ist gut, daß ich dir’s nicht gesagt habe –

gewiß!«

Da schrie Geronimo: »Hör auf zu lügen, Carlo, ich habe genug davon!«

Carlo blieb stehen und ließ den Arm des Bruders los. »Ich lüge nicht.«

»Ich weiß doch, daß du lügst!... Immer lügst du!... Schon hundertmal

hast du gelogen!... Auch das hast du für dich behalten wollen, aber

Angst hast du bekommen, das ist es!«

Carlo senkte den Kopf und antwortete nichts. Er faßte wieder den Arm des

Blinden und ging mit ihm weiter. Es tat ihm weh, daß Geronimo so sprach;

aber er war eigentlich erstaunt, daß er nicht trauriger war.

Die Nebel zerteilten sich. Nach langem Schweigen sprach Geronimo: »Es

wird warm.« Er sagte es gleichgültig, selbstverständlich, wie er es

schon hundertmal gesagt, und Carlo fühlte in diesem Augenblick: für

Geronimo hatte sich nichts geändert. Für Geronimo war er immer ein Dieb

gewesen.

»Hast du schon Hunger?« fragte er.

Geronimo nickte, zugleich nahm er ein Stück Käse und Brot aus der

Rocktasche und aß davon. Und sie gingen weiter.

Die Post von Bormio begegnete ihnen; der Kutscher rief sie an: »Schon

hinunter?« Dann kamen noch andere Wagen, die alle aufwärts fuhren.

»Luft aus dem Tal,« sagte Geronimo, und im gleichen Augenblick, nach

einer raschen Wendung, lag das Veltlin zu ihren Füßen.

Wahrhaftig – nichts hat sich geändert, dachte Carlo ... Nun hab ich gar

für ihn gestohlen – und auch das ist umsonst gewesen.

Die Nebel unter ihnen wurden immer dünner, der Glanz der Sonne riß

Löcher hinein. Und Carlo dachte: ›Vielleicht war es doch nicht klug, so

rasch das Wirtshaus zu verlassen ... Die Börse liegt unter dem Bett, das

ist jedenfalls verdächtig ...‹ Aber wie gleichgültig war das alles! Was

konnte ihm noch Schlimmes geschehen? Sein Bruder, dem er das Licht der

Augen zerstört, glaubte sich von ihm bestohlen und glaubte es schon

jahrelang und wird es immer glauben – was konnte ihm noch Schlimmes

geschehen?

Da unter ihnen lag das große weiße Hotel wie in Morgenglanz gebadet, und

tiefer unten, wo das Tal sich zu weiten beginnt, lang hingestreckt, das

Dorf. Schweigend gingen die beiden weiter, und immer lag Carlos Hand auf

dem Arm des Blinden. Sie gingen an dem Park des Hotels vorüber, und

Carlo sah auf der Terrasse Gäste in lichten Sommergewändern sitzen und

frühstücken. »Wo willst du rasten?« fragte Carlo.

»Nun, im ›Adler‹, wie immer.«

Als sie bei dem kleinen Wirtshause am Ende des Dorfes angelangt waren,

kehrten sie ein. Sie setzten sich in die Schenke und ließen sich Wein

geben.

»Was macht ihr so früh bei uns?« fragte der Wirt.

Carlo erschrak ein wenig bei dieser Frage. »Ist’s denn so früh? Der

zehnte oder elfte September – nicht?«

»Im vergangenen Jahr war es gewiß viel später, als ihr herunterkamt.«

»Es ist so kalt oben,« sagte Carlo. »Heut nacht haben wir gefroren. Ja

richtig, ich soll dir bestellen, du möchtest nicht vergessen, das Öl

hinaufzuschicken.«

Die Luft in der Schenke war dumpf und schwül. Eine sonderbare Unruhe

befiel Carlo; er wollte gern wieder im Freien sein, auf der großen

Straße, die nach Tirano, nach Edole, nach dem See von Iseo, überallhin,

in die Ferne führt! Plötzlich stand er auf.

»Gehen wir schon?« fragte Geronimo.

»Wir wollen doch heut mittag in Boladore sein, im ›Hirschen‹ halten die

Wagen Mittagsrast; es ist ein guter Ort.«

Und sie gingen. Der Friseur Benozzi stand rauchend vor seinem Laden.

»Guten Morgen,« rief er. »Nun, wie sieht’s da oben aus? Heut nacht hat

es wohl geschneit?«

»Ja, ja,« sagte Carlo und beschleunigte seine Schritte.

Das Dorf lag hinter ihnen, weiß dehnte sich die Straße zwischen Wiesen

und Weinbergen, dem rauschenden Fluß entlang. Der Himmel war blau und

still. ›Warum hab ich’s getan?‹ dachte Carlo. Er blickte den Blinden von

der Seite an. ›Sieht sein Gesicht denn anders aus als sonst? Immer hat

er es geglaubt – immer bin ich allein gewesen – und immer hat er mich

gehaßt.‹ Und ihm war, als schritte er unter einer schweren Last weiter,

die er doch niemals von den Schultern werfen dürfte, und als könnte er

die Nacht sehen, durch die Geronimo an seiner Seite schritt, während die

Sonne leuchtend auf allen Wegen lag.

Und sie gingen weiter, gingen, gingen stundenlang. Von Zeit zu Zeit

setzte sich Geronimo auf einen Meilenstein, oder sie lehnten beide an

einem Brückengeländer, um zu rasten. Wieder kamen sie durch ein Dorf.

Vor dem Wirtshause standen Wagen, Reisende waren ausgestiegen und gingen

hin und her; aber die beiden Bettler blieben nicht. Wieder hinaus auf

die offene Straße. Die Sonne stieg immer höher; Mittag mußte nahe sein.

Es war ein Tag wie tausend andere.

Die griechische Tänzerin, und andere Novellen · 第 1 / 8 段