gleichsam mörderisch mich ergriffen, mag keine Feder beschreiben, kein
Pinsel malen, keine Zunge aussprechen. -- Meinen Degen ziehen, in das Haus
stürzen, der Mannsperson, die mir lachend entgegen sprang, und dadurch
meine Wuth vermehrte, den Degen in die Seite stoßen, Malchen, die sich mir
schreiend um den Hals warf, weit von mir wegschleudern, aus dem Lusthause
in den Garten, durch die Allee zur Gartenthür hinausrennen, auf mein Pferd
springen, und in gestrecktem Laufe davon eilen -- alle diese gewaltsame
Handlungen waren das Werk von zwey Minuten, deren schreckliche Qualen
alles, was je ein menschliches Herz Grausames erduldet, was je die
Einbildungskraft eines Menschenquälers Schmerzliches erdacht und erfunden
hat, weit und weit übertrafen.
»Vier Pferde todt geritten,« sagte ich kalt und bitter: »um sie -- in den
Armen eines Andern zu sehen!« --
Diese Worte wiederholte ich einmal über das andre, indem ich jedesmal den
Kopf langsam dazu schüttelte. Endlich erlag meine Seele dem Schmerze, meine
Zunge ward stumm, mein Ohr taub, und mein starres Auge sahe nichts mehr als
den Kopf meines Pferdes, das mich, wohin es wollte, im Sprunge forttrug.
Drittes Kapitel.
_Ein Nachtstück._
Ich weiß nicht, wie lange es dauerte, ehe meine Seele sich wieder so weit
ermannte, daß sie einzelne Lichtstrahlen durch das Chaos von Empfindungen,
die mein Herz zu sprengen drohten, zu werfen Gewalt genug hatte. Gewiß ist
es, daß der Abend schon weit vorgerückt war, als mir die ersten Thränen, in
die sich mein wilder Schmerz auflöste, über die Wangen herabrollten.
Ich wußte nicht, wohin mein Pferd mich getragen hatte, und dachte nicht
eher daran, als bis mich ein gewaltiger Riß queer über das Gesicht,
aufmerksam darauf machte. Ich befand mich in einem dicken Gebüsche, durch
welches sich mein Pferd einen Weg bahnte, wahrscheinlich weil ich es von
Zeit zu Zeit, ohne es zu wissen, gespornt hatte. Ich sprang ab. Jetzt
fühlte ich erst, wie die körperlichen und geistigen Beschwerlichkeiten
des Tages mich angegriffen hatten. Ich konnte mich nicht auf den Füßen
erhalten, und meine Kniee sanken unwillkührlich unter mir zusammen. Mein
Pferd blieb in einiger Entfernung von mir stehen, und stillte seinen Hunger
mit den Blättern der umstehenden jungen Stauden.
Ich legte mich nieder. Auf meine Linke stemmte ich den Kopf, und mit der
Rechten riß ich große Büschel Gras aus, und schleuderte sie weit von mir.
Kein Seufzer, kein Laut kam über meine Lippen. Mein stummer Schmerz vergrub
sich tief in mein Inneres, und da keine lindernde Tropfen über meine Wangen
mehr flossen, mußte er in jenen ungestümen Bewegungen meiner rechten Hand
sich ankündigen.
Malchen in den Armen eines Andern! Dieses Bild schwebte mir immerfort vor
Augen, und peinigte mich am grausamsten. Zuweilen wurde es zwar von dem
Bilde des Gestochenen verdrungen, aber dieses war mir bey weitem nicht so
peinlich als jenes.
Unterdessen brach die Nacht ein. Mit ihr erhob sich ein Sturm, der in den
Aesten und Wipfeln der umstehenden großen Eichen brauste, und sie bis
auf die Wurzeln erschütterte. Um und neben mir rauschten und pfiffen
die Blätter des Gebüsches, und große Regentropfen fielen mir einzeln auf
Gesicht und Hände. Mein Pferd scharrte mit den Füßen, und wieherte vor
Hunger und Kälte, während eine dicke Finsterniß alles was mich umgab in
ihren schwarzen Schooß vergrub, und die ganze lebendige Schöpfung meiner
Seele ähnlich zu machen schien.
Diese Empörung der Natur sagte der Empörung meines Herzens zu. Ich wickelte
mich fest in meinen Oberrock, verbarg die Hände im Busen, das Gesicht unter
meinem Schnupftuche, und dem Winde wandte ich gleichsam wie im Trotze den
Rücken zu. So ganz in mich selbst versunken und verschlossen, sah ich
den Bildern, die mir meine Einbildungskraft vorführte, mit Muth und
Standhaftigkeit ins Gesicht, und endlich schien meine Seele ihrer gewohnt
zu werden. Dies war Betäubung, aber eine sehr wohlthätige Betäubung, denn
sie ließ Betrachtungen über die Zukunft in meiner Seele Raum.
Die Treulose je wiederzusehen, war ein Gedanke, vor dem ich zurückbebte,
und doch schwebte sie immerfort vor mir. In meine Garnison zurückzukehren
und mich von meinen Bekannten mit großen Augen ansehen, auch wohl aufziehen
zu lassen, war ein zweyter, der mich um die Welt gejagt haben würde; und
doch fühlte ich ein Verlangen, ihnen zu sagen, wie ich meinen Nebenbuhler
bestraft hätte. Aber die Art, wie ich mich dabey benommen hatte, empörte
mein Gefühl für Ehre, und machte mich schaamroth. Ich hatte ihn unversehens
überfallen, und konnte fürchten, als Meuchelmörder verachtet und bestraft
zu werden.
So vereinigten sich endlich Unwillen auf die Ungetreue, gekränkter Stolz,
Furcht vor Verachtung, Schaam vor mir selbst, und endlich Angst des
Mörders, um den Entschluß, nie wieder in meine Garnison zurückzukehren,
in mir zur Reife zu bringen. Ich wollte bey einer andern Macht unter einem
andern Namen Dienste nehmen, sollte es auch nur als Gemeiner seyn, um mich
dadurch auf immer den Nachforschungen meiner Freunde zu entziehen.
Kaum war dieser Entschluß gefaßt, so sprang ich auf, um ihn auszuführen. --
Aber, wo war ich? Auf welchem Wege war ich in dieses Gebüsche gekommen? Wie
sollte ich mich herausfinden? Ich nahm mein Pferd her, setzte den Fuß in
den Steigbügel, um davon zu reiten, und setzte ihn wieder auf die Erde, um
den Tag zu erwarten. Mitten unter diesen Bewegungen hörte ich einen Hund
bellen, der, nach dem Schalle zu urtheilen, nicht weit von mir seyn konnte.
Ich arbeitete mich nach der Seite, wo der Schall herzukommen schien, durch
das Gebüsch und zog mein Pferd hinter mir her. Das Gebell des Hundes kam
mir immer näher, und endlich gelangte ich auf einen lichten Platz, an
dessen einem Ende ein dürftiges Licht durch Gebüsche schimmerte.
Wäre es mir auch nur von weitem wahrscheinlich gewesen, ohne fremde Hülfe
aus dem Walde zu kommen, so hätte ich mich dem Lichte gewiß nicht genähert,
weil ich mir einbildete, man würde alles, was mir begegnet war, auf meinem
Gesichte lesen können; und wirklich ging ich auch nicht eher auf das Licht
zu, als bis ich, nach verschiedenen Seiten hin, einen Weg aus dem Walde
gesucht, aber nicht gefunden hatte.
Viertes Kapitel.
_Der alte Hans._
Ich pochte mit zitternder Hand an den Fensterladen. »Wer ist da?« rief eine
männliche Stimme. »Ein Reisender, der sich verirrt hat!« antwortete ich.
»Will gleich aufmachen!« rief der Mann, und ich konnte es hören, wie er
aus dem Bette sprang. »Um Gottes willen! ließ sich eine weibliche Stimme
vernehmen: mache nicht auf, Mann, wer weiß, wer es ist; es können wohl
mehr seyn als einer. Sie schlagen uns todt, noch ehe wir um Hülfe schreien
können!«
Der Verdacht des Weibes machte, daß mir alle Glieder zitterten. Sie hielt
mich für einen Mörder, das griff mir ans Herz. Hätte ich mich nicht für
einen gehalten, würde ich nicht gezittert haben. Es fehlte wenig, so hätte
ich mich von neuem in das Dickigt zurückbegeben.
Der Mann schien sich zu bedenken. Endlich sagte er: ich will meine Büchse
nehmen, und in Gottes Namen aufmachen! »Und ich nehme die andere!« sagte
die weibliche. -- »Und ich des Vaters Hirschfänger!« eine dritte Stimme,
die ich einem Knaben zuschrieb.
Die Thüre ging auf, und ein langer Mann, der in der rechten Hand ein Gewehr
und in der linken eine Leuchte hielt, trat heraus. Hinter ihm stand eine
halbangezogene Frauensperson, welcher die Haare wild um den Kopf hingen,
und neben ihr ein Knabe, der in der rechten Hand einen bloßen Hirschfänger
hatte, und mit der linken sich fest an dem Vater hielt.
Der Mann wiederholte seine Frage, und ich trat näher und gab ihm die vorige
Antwort. Mein Pferd, dessen Zaum ich in meiner linken Hand hielt, streckte
seinen Kopf über meine rechte Schulter, und gab den Laut von sich, den die
Pferde hören lassen, wenn man ihnen zu fressen bringt, oder wenn sie nach
einer Tagereise eine bekannte Herberge vor sich sehen.
Der Mann machte einen langen Hals, und leuchtete das Pferd an. -- »Ey,
alter Hans,« sagte er, und richtete, ohne sich um mich zu bekümmern, seine
Worte an mein Pferd: »wie kömmst du hieher?« -- Dieses sagte er mit einer
Freude, als wenn er einen alten Freund, den er lange für todt gehalten,
unverhofft wiedergefunden hätte. »Ach, unser Hans, Mutter!« rief der Knabe,
und sprang hervor. »Wer hätte das gedacht?« sagte die Mutter, und trat
auch zu meinem Pferde hin. Ich mochte sagen und fragen, was ich wollte,
man hörte mich nicht. Ihre Furcht vor Räubern und Mördern schien völlig
verschwunden zu seyn: wie konnten sie auch etwas Böses von einem
Menschen erwarten, der sich als den Besitzer ihres alten geliebten Hansen
ankündigte?
Der alte Hans war immer das dritte Wort, während ich von einer brennenden
Ungeduld gefoltert wurde. Endlich ließ ich dem Knaben den Zügel, und er
führte das Pferd in das Haus. Die Mutter nahm dem Vater die Laterne aus der
Hand und leuchtete dem Buben. Ich folgte dem Vater in die Stube.
»Ja,« sagte er, »wenn Sie meinen Hans nicht gehabt hätten, würden Sie
nimmermehr nach meinem Hause gekommen seyn. Ich habe ihn erst vor acht
Tagen an den Postmeister zu G* verkauft. -- Bleiben Sie nur diese Nacht bey
mir, morgen in aller Frühe bringe ich Sie aus dem Walde!«
Ich ließ es mir nothgedrungen gefallen, und nachdem ich ihm über seinen
Hans mit drey Worten Auskunft gegeben hatte, erfuhr ich, daß ich mich in
dem A* Gebiethe ohnweit W*, mithin sechs Meilen von Lehmniz und sieben
Meilen von L* befände.
Der Alte ward sehr gesprächig, aber ich hörte wenig von allem was er sagte.
Wie konnte ich es auch bey dem Sturme von Empfindungen, der in meiner Brust
tobte? Ich stämmte mein Haupt auf beyde Hände, sah starr vor mich hin, und
antwortete ihm endlich gar nicht mehr.
»Der junge Herr ist verdrüßlich,« sagte er zu Frau und Sohn, als sie
zurückkamen, und mir erzählen wollten, daß sie den alten Hans in den Stall
geführt und ihm zu fressen gegeben hätten: »Laßt ihn in Ruhe! -- Doch setz'
ihm zu Essen her,« fuhr er zur Frau fort, »wenn er etwa hungrig ist, und
dann geh mit dem Jungen schlafen. Ich lege mich nicht mehr nieder, es ist
bald zwey Uhr.«
Die Frau brachte Milch, Butter und Brod und entfernte sich mit dem Knaben.
Der Alte näherte sich mir und sagte: »Junger Herr, hier ist zu essen, wenn
Sie essen wollen, und dort mein Bette, wenn Sie schlafen wollen!« -- Ich
sah ihn gerührt an und reichte ihm stillschweigend meine Hand. Aber ich
hatte weder Eßlust noch Schlaflust.
Sobald der Tag anbrach, setzte ich mich in Bewegung. Meinen Wirth fand ich
bey meinem Pferde. Er hatte ihm zu Fressen gegeben, und war im Begriff, es
zu striegeln. Ohne ihm ein Wort zu sagen, nahm ich Sattel und Zaum. Er
wand mir beydes aus den Händen und sagte: ich sollte ihm die Freude lassen,
seinen alten Hans zum letztenmale zu satteln. Diese Freude ließ ich ihm
gern. Voller Ungeduld ging ich auf den Hof, denn er fing von neuem an zu
bitten, daß ich doch noch ein Stündchen länger warten möchte. Man weiß
schon, um _wessentwillen_ er bat.
Endlich nach langem Zaudern führte er ihn aus dem Stall, und ich sprang
in den Sattel, ohne zu bedenken, daß ich nicht durch die niedrige Hausthür
würde reiten können. Ich mußte also wieder absteigen, und das Pferd durch
das Haus führen. Vor der Thür sprang ich von neuem auf, und ritt davon.
»He,« rief mir der Alte nach, »wissen Sie denn den Weg?« -- Er schüttelte
bedenklich den Kopf, und schien gar nicht mit sich einig werden zu können,
was er aus mir machen und wie er sich mein Betragen erklären sollte.
Welch eine Pein für mich, daß ich meinem Wegweiser zu gefallen langsam
reiten, länger als eine Stunde langsam reiten mußte. Die hellen Tropfen
standen mir vor der Stirn, und tausendmal fragte ich ihn: kann ich den
Weg nun allein finden? Endlich sagte er ja, und schon hatte ich die Füße
aufgehoben, um meinem Pferde die Spornen zu geben, als es mir erst einfiel,
dem guten Alten zu danken. Ich griff in meinen Beutel und reichte ihm, was
mir in die Hand fiel. _Er_ wollte nichts nehmen und ich brannte vor
Eifer, es ihm zu geben, weil ich -- fort mußte. Als er mir endlich zu viel
Umstände machte, warf ich eine ganze Hand voll Silbergeld hitzig über
ihn her, und sprengte davon. Er rief mir nach: »da heißts wohl recht, es
schneyet Geld!« -- Ich sah mich nicht nach ihm um -- -- »Adje Hans!« rief
er noch stärker. -- _Mir_ hatte er keine glückliche Reise gewünscht.
Fünftes Kapitel.
_Funken unter der Asche._
Nach einer Stunde sah ich mich glücklich im Freyen. Ich erkundigte mich bey
dem ersten Bauer, der mir begegnete, nach dem Wege, der nach W* führte. Ich
erfuhr, daß ich die Landstraße nur verfolgen dürfe, um gerade auf die Stadt
zu stoßen. Aber es war meine Absicht, um sie herum und nicht hinein zu
reiten.
Mein Entschluß war nun gefaßt: ich wollte gerade nach B* und mich dort
zu K* Diensten anwerben lassen. Es war mir gleich, wozu man mich machen
wollte, zum Kavalleristen oder Infanteristen, zum Kaporal oder zum Gemeinen
-- wenn ich nur meinen Bekannten und Freunden verborgen blieb.
Gegen Abend befand ich mich nicht weit von D*. Ich war fast in einem Zuge
fortgeritten, und hatte mir kaum Zeit genommen, des Mittags mein Pferd
füttern zu lassen und selbst einige Bissen zu mir zu nehmen. Ich war
Willens, noch diese Nacht wenigstens bis zur B* Gränze zu reiten, aber ein
unwiderstehlicher Schlaf überfiel mich, während ich in einer Dorfschenke am
Tische saß und meinen Gedanken nachhing. Als ich am andern Morgen erwachte,
fand ich mich noch in eben der Stellung, in welcher ich den Abend vorher
eingeschlafen war. Es herrschte eine Stille in meiner Seele, die mich
überzeugte, ich sey ganz ruhig und habe von den gewaltsamen Empfindungen,
die mich bisher Tag und Nacht umhertrieben, nun nichts mehr zu fürchten.
Ich setzte meine Reise fort, und in einer halben Stunde hatte ich D* vor
mir. Auf lauter Abwegen, über Sand und Wiesen und Aecker, ritt' ich um
diese Stadt, und ließ mich an eben der Stelle, und vielleicht noch auf eben
derselben Fähre über die Elbe setzen, die mich als Knabe überfuhr, nachdem
ich dem Bedienten meines Vaters aus dem Wirthshause unter den Händen
entlaufen war.
Binnen drey Stunden war ich an der B* Gränze. Jetzt fiel es mir erst ein,
daß ich in meinem Anzuge wohl nicht in B* hineingelassen werden dürfte.
Unter meinem grünen Oberrocke trug ich die ganze S* Uniform, an meinem
Degen das S* Porte-Epee und um meinen Hut S* Kordons. Alles mußte ich
ablegen, weil ich mich durch keinen Paß verwahren konnte.
Ich ritt in den Wald, der vor mir lag, und stieg in einem dicken Gebüsche
vom Pferde. Zuerst schnitt ich die Kordons von meinem Hute, sodann zog
ich meine Uniform aus und legte endlich meinen Degen ab. Mein Herz
war unbeschreiblich beklemmt, und wenn ich die vor mir liegenden
Kleidungsstücke ansah, stiegen mir unwillkürlich die Thränen in die Augen.
Ich trug endlich das Ganze zu einer Fuchshöhle, die in der Nähe war,
steckt' es hinein und vergrub es unter Reisern, Sand und Steinen. Mit
gefalteten Händen, den nassen Blick auf die Stelle geheftet, wo ich meinen
vorigen Stand begraben hatte, stand ich da, und brach endlich schluchzend
in die Worte aus: so ist denn alle Hoffnung zur Rückkehr verschwunden? --
Ich erschrak vor mir selbst. Ich weinte, daß ich nicht mehr zurückkehren
konnte, und schnitt mir selbst alle Hoffnung zur Rückkehr ab. Ich war Tag
und Nacht geritten, um ihrem Bilde zu entfliehen, und nie war es mir näher,
als jetzt. Ich verabscheuete sie, als ich sie sah, und liebte sie, als ich
dreyßig Meilen von ihr war!
O Liebe, du bist der Phönix, der sich selbst verbrennt, um auf neuen
Fittigen emporzuschweben. Du bist der Vogel, von dem man sagt, daß er seine
Jungen mit eignem Blute nähre. Du bist das Bild der Natur, die ewig sich
selbst entblättert und ewig neue Knospen treibt. Dein Schmerz ist Wollust,
deine Wollust ist Schmerz. Du siehest mit verschloßnen Augen, und mit
offnen bist du blind. Du bist nur selten Du selbst; unter tausend Gestalten
quälst oder beglückest du das Herz, in welchem du wohnest; du bist Hoffnung
und Verzweiflung; du bist Honig und Wermuth, Ruhe und Unruhe, Leben und
Tod; du bist das alles auf einmal, und vereinigest das alles, sobald du
willst, in einem Blick, in einem Seufzer, oder in einer Thräne.
Sechstes Kapitel.
_Moriz wird Jäger._
Alle die gewaltsamen Empfindungen, die von dem Augenblick an, wo ich
Malchen in eines Andern Armen gesehen hatte, in meiner Seele stürmten,
bekamen jetzt neue Nahrung, und durchliefen, wie damals, alle die Grade
von Eifersucht, Wuth, Unwillen und Schmerz, bis sie endlich, wie damals
und durch eben dieselben Gegengründe verdrängt, in den festen Entschluß
zusammen flossen: die Treulose nie wieder zu sehen, und deßhalb nie in jene
Gegenden zurückzukehren.
Ich sprang auf mein Pferd und ritt weiter, aber doch langsamer als ich seit
zwey Tagen zu reiten gewohnt war.
»Reiten wir Einen Weg?« hörte ich eine Stimme hinter mir.
Ich sah mich um, und erblickte einen Herrn auf einem stolzen Engländer. Ihm
folgte ein Reitknecht zu Pferde, dem zwey Büchsen über der Schulter hingen.
Vielleicht! erwiederte ich: Ich reite nach B*.
»Der Herr ist schon d'rin!« sagte er lächelnd. Ich muß über und über roth
geworden seyn.
»Der Herr ist ein Jäger?«
Ja, sagte ich in aller Eil, um seinen Fragen auszuweichen.
»Und sucht Dienste?« fuhr er fort.
Ja! sagte ich noch einmal eben so eilig, und der Gedanke, mich für einen
Jäger auszugeben, gefiel mir. Mein grüner Oberrock hatte ihn wohl zunächst
auf diese Frage gebracht.
»Aber wie kömmt der Herr hieher?«
Ich weiß nicht genau, was ich ihm in der ersten Angst erzählte, aber das
weiß ich, daß kein Zug aus meiner wahren Geschichte darin war. Ich machte
mich zu einem Land-Jägers Sohn aus dem P*. Ich wäre ausgetreten, sagte ich,
um der Muskete zu entgehen, womit man mir gedrohet habe. Da meine Flucht
heimlich geschehen, hätte ich mich weder mit Pässen noch mit Attestaten zu
meinem künftigen Fortkommen versehen können, also würde mir doch wohl am
Ende nichts übrig bleiben, als die Muskete.
Die Angst ist eine vortrefliche Lügnerin. Zu jeder andern Zeit hätte ich
stundenlang auf einen solchen Roman sinnen können, und doch wohl nicht
soviel Wahrscheinlichkeit hineingebracht. Mir ward es ganz leicht ums Herz,
als ich ihn glücklich verwickelt und entwickelt hatte.
Der Herr nahm mich einigemal scharf aufs Korn. Mein Gesicht und
überhaupt mein ganzes Aeussere schien ihm zu gefallen. Er ritt eine Weile
stillschweigend neben mir und sagte endlich: Mein Sohn, es wäre schade um
dich, wenn du wider Willen Soldat werden solltest. Willst du bey mir als
Jäger bleiben?
»Aber ich bin erst zwey Jahre bey der Jägerey gewesen!« sagte ich mit
derjenigen bewundernswürdigen Geistesgegenwart, die ich nun schon seit fünf
Minuten an mir gewohnt war.
Daran liegt nichts, erwiederte er, mein alter Tobias wird dir alles sagen
und zeigen, was du noch nicht weißt. Versprichst du treu und fleißig zu
seyn?
Ja, sagte ich und reichte ihm meine Hand. Er lächelte, und ich fühlte mein
Gesicht glühen, darüber, daß ich meine Rolle vergessen hatte. Ich, ein
angenommener Jäger, reiche meinem Gebieter die Hand! Ich glühete noch
stärker, als er zu mir sagte: _Nun, so reite hinter mir_, und glühete am
allerstärksten, als mich der Reitknecht, mit dem Titel: _Herr Kamerad_,
beehrte, und mir die Hand reichte.
Ein Glück für mich, daß mein Herr in diesen Augenblicken weiter keine
Fragen, meine Geschichte betreffend, an mich that, ich würde sonst alles
schlecht gemacht haben, was ich vorhin gut gemacht hatte. In weniger als
einer Stunde kamen wir auf dem Schlosse des Grafen an. Daß er ein Graf sey,
sagte mir mein -- Kamerad.
Siebentes Kapitel.
_Morizens Lage._
Ich war einsam, in mir selbst verschlossen und stumm. Der Graf fragte
mich täglich, ob ich von Natur so wäre, und ich bejahete es. Die übrige
männliche und weibliche Dienerschaft sah mich mit großen Augen an und
steckte den Kopf über mich zusammen. Alle ihre Blicke waren unaufhörlich
beschäftigt, um den Wunderjäger zu ergründen, der bey höchstens achtzehn
Jahren nicht spielte, nicht trank, fast gar nicht sprach, sich weder auf
dem Schlosse noch in dem nahgelegenen Dorfe ein Mädchen suchte; von dem
der alte Tobias (des gnädigen Herrn rechte Hand) sagte: er sey ein braver
Pursch; den der Graf immer als Muster der Treue und des Fleißes den
Uebrigen vorstellte; an dem die gnädige Frau eine feine Haut und edle Miene
bemerkt haben wollte; von dem die Gouvernante gesagt hatte, er schiene
sogar »=monde=« zu besitzen; von dem endlich die Vertraute der gnädigen
Frau, ihre Kammerjungfer, die noch keine Mannsperson hatte leiden können,
sich nicht undeutlich verlauten ließ, daß er ihr nicht übel gefiele, und
daß sie, wenn sie sich je entschließen könnte, zu heyrathen, allenfalls
seine Frau zu heißen sich nicht schämen würde.
Dieses gab mir eine Ueberlegenheit im Hause, die mir bey meinem Hange zur
Einsamkeit lästig ward. Alles drängte sich zu mir, um mich zu unterhalten,
und mich, wie man sagte, aufzuheitern; alles fragte mich bey seinen kleinen
Angelegenheiten um Rath; die Gouvernante selbst ließ sich herab, mit
mir Französisch zu sprechen, als ich es bey einer gewissen Gelegenheit
verrathen hatte, daß ich diese Sprache verstände; und die Kammerjungfer
sogar, wirbelte sich, wenn sie ein neues Kleidungsstück angezogen hatte,
so lange vor meinen Augen herum, bis sie geradezu oder durch Umschweife von
mir herausgebracht hatte, daß sie gut und mit Geschmack gewählt habe. Alle
diese Erscheinungen stiegen dem alten Jäger Tobias, der ein großer Denker
war, zu Kopfe, und er pflegte immer zu mir zu sagen: _Wilhelm, wenn du
nicht ein Jägerssohn bist, so mußt du wenigstens ein Fürstenkind seyn._
Ich lächelte zu solchen Aeußerungen und schwieg.
Achtes Kapitel.
_Der Graf und sein Haus._
Der Graf war ein Mann von ungefähr funfzig Jahren: ein wilder Jäger, was er
aus einem wilden Soldaten geworden war; hitzig, aber immer bereit, was er
in der Hitze gethan hatte, wieder gut zu machen; ohne modische Bildung und
Lektüre, aber reich an praktischen Regeln des Lebens, wie er sie für die
individuelle Lage seiner physischen und moralischen Umstände brauchte;
rechthaberisch bis zur Unziemlichkeit in Sachen, die er zu verstehen sich
einbildete, und fast auf eine kindische Art gelehrig, wenn man ihm etwas
vortrug, daß er noch nicht wußte, und was er brauchen zu können glaubte; im
eigentlichsten Verstande Herr in seinem Hause, und bis zur unleidlichsten
Hartnäckigkeit eigensinnig in dem System der häuslichen Angelegenheiten.
Seine Gemahlin hatte er geheyrathet, um den Familienstamm aufrecht zu
halten, und weiter bekümmerte er sich nicht um ihre Beschäftigungen und
ihren Zeitvertreib.
Die Gräfin war noch sehr jung, und, als ich in das Haus kam, erst zwey
Monate mit dem Grafen verheyrathet. Dieses ungleiche Alter, noch mehr
aber die Art des Grafen, mußten nothwendig eine seltsame Gattung von Ehe
hervorbringen. Er schwärmte ganze Tage auf Feldern und in Wäldern umher;
sie saß ganze Tage in ihrem Zimmer, und vertrieb sich die Zeit, so gut sie
konnte, mit weiblichen Arbeiten, mit Büchern, und mit zwey Fräulein aus
der Verwandschaft des Grafen. Zuweilen, aber doch nur höchstens einmal die
Woche, hatte sie Besuche von Frauenzimmern, die sich aber immer entfernten,
so bald der Graf in seine Mauern einzog. Selten machte sie Gegenbesuche,
weil es der Graf nicht gerne sah, daß sie abwesend war. »Aber wie kann
solch eine junge Dame das einförmige Leben aushalten?« fragte ich einmal
den alten Tobias -- -- »Das macht,« erwiederte er, »weil sie der Herr aus
einer Pension zu L* geradezu weggeheyrathet und sie zur Gräfin gemacht
hat, weil er ihr giebt, was sie wünscht, weil er kein anderes Frauenzimmer
ansieht, und weil er regelmäßig alle Abende mit ihr zu Bette geht.«
Der alte Tobias war, wie man sieht, ein alter Schalk.
Die beyden erwähnten Fräulein waren noch jung, und standen unter dem
Scepter einer Gouvernante, die in ihren besten Jahren war, und wiederum von
einem Piaristen geleitet und geführt wurde. Dieser unterrichtete die beyden
Fräulein im Christenthum und die Gouvernante in der deutschen Sprache. Der
alte Tobias nahm vor dem Mönch den Hut nicht ab, und räusperte sich
immer, wenn er die Gouvernante sahe. Ich fragte ihn nach der Ursach dieses
Betragens, und er gab mir zu verstehen, daß er einmal in der großen Laube
dazu gekommen wäre, als der Pater der Gouvernante -- _keine_ Kollegia
über die deutsche Sprache gelesen hätte. Es wäre gerade in der Brunstzeit
gewesen -- setzte er in aller Unschuld hinzu.
Er wüßte wohl noch mehr von diesen beyden Leuten, fuhr er fort, aber er
wartete nur auf eine Gelegenheit, wo er ihnen noch näher auf die Fährte
kommen könnte. Sodann sollte der Herr alles erfahren.
Uebrigens zerfiel das ganze gräfliche Haus in zwey Hauptparteyen. An der
Spitze der einen stand der Graf mit der ganzen männlichen, und an der
Spitze der andern, die Gräfin mit der ganzen weiblichen Dienerschaft. Der
Mönch wußte es mit beyden sehr geschickt zu halten.
Neuntes Kapitel.
_Rückfälle._
Als ich ungefähr vierzehn Tage in dem Hause des Grafen gewesen war, kam
der Briefbote aus der nächsten Stadt mit einem Brief an die Gräfin. Da er
meiner zuerst ansichtig ward, so überreicht' er ihn mir, daß ich ihn der
Gräfin aushändigen sollte.
Ich blickte von ungefähr auf die Adresse -- und o! wie ward mir! Ich
glaubte Malchens Hand in derselben zu erkennen. Wie ein Wirbelwind
plötzlich einen stillen See empört, und seine Gewässer zu hohen schäumenden
Wellen aufregt -- so drang diese Vorstellung in mein Herz, das ich
seit einigen Tagen, vielleicht aus bloßer Eigenliebe, für ganz beruhigt
gehalten. Der Funke, der tief im Innersten versteckt gelegen hatte, schlug
in helle Flammen auf.
Ich zitterte, und ließ den Brief dreymal fallen, und hob ihn eben so oft
wieder auf. Ich las die Aufschrift, und las sie immer wieder, zergliederte
jeden Strich, jeden Buchstaben, jeden Federzug, und zermarterte meine Augen
so lange, bis der ganze Brief in eine schwärzlichgraue Masse zusammenfloß,
die mich keinen Buchstaben mehr erkennen ließ.
Der Briefbote, der vermuthlich nicht ohne Befremdung mein seltsames
Betragen angesehen haben mochte, brachte mich dadurch ein wenig zu mir
selbst, daß er in mich drang, den Brief abzugeben, er habe nicht Zeit zu
warten.
Ich erinnerte mich, daß ich die Gräfin vor einigen Minuten im Garten
gesehen hatte. Wie ausser mir lief ich hinein, fand sie, überreichte ihr
den Brief und sagte: Hier ist ein Brief von Ma--
Ich erschrack tödtlich, während ich noch im Begriff war, die andere Hälfte
des Wortes Malchen auszusprechen.
Von _wem_? sagte die Gräfin. Sie sah mich zum Glück nicht an, sondern las
die Aufschrift.
Von der nächsten Stadt! stammelte ich, und drehete mich eilig um. Als ich
einige Schritte von ihr war, rief sie mich zurück. Ich stand zitternd von
der Seite.
»Wilhelm,« sagte sie: »ich muß Sie schon sonst irgendwo gesehn haben, eh'
Sie in unser Haus gekommen sind.«
Mir lief es kalt über den Rücken.
»Ich wüßte nicht wo!« stotterte ich, und wollte fort.
Etwa in L*? sagte sie.
»Nein, nein,« rief ich, »nein, nein!« und lief beynah im Sprunge davon,
indem ich die Bewegung mit der linken Hand machte, die man zu machen
pflegt, wenn man etwas verneint, das man bejahen sollte. Ich glaubte ihr
dadurch recht geschickt bewiesen zu haben, daß ich nie in L* gewesen wäre.
Alles vereinigte sich, um mich in die tödtlichste Unruhe zu setzen. Zwey
volle Stunden hatte ich zu kämpfen, eh' ich mich bereden konnte, meine
Phantasie habe mir mit der Adresse einen Streich gespielt, und die Gräfin
müsse irgend einen andern für mich angesehn haben. Aber, daß sie mich
gerade in L* gesehn haben wollte! Diesen Einwurf widerlegte ich damit, daß
ich mich nicht erinnerte, _sie_ in L* gesehn zu haben. Man bewundere die
unumstößliche Beweiskraft dieses Arguments. Daß der Brief nicht von Malchen
gewesen, bewies ich mir damit, daß ich ihr Wappen sogleich müßte gekannt
haben. Ich hatte es längst vergessen, daß ich während der Hitze und
Anstrengung, womit ich die Buchstaben der Aufschrift untersuchte, gar nicht
daran gedacht, das Siegel zu untersuchen.
Am Abende dieses Tages saß ich mit dem alten Tobias auf dem Schloßhofe
unter der Linde. Er sprach nicht viel, und ich noch weniger. Eh' ich mirs
versah, stand das Kammermädchen der Gräfin vor uns, und suchte uns Rede
anzugewinnen. Der alte Tobias duldete sie, weil sie ein kluges Mädchen war,
weil sie ihm immer den grauen Bart krauete, und weil er sahe, daß ich
mir ihr Geschwätz zuweilen hatte gefallen lassen. Sie brüstete sich nicht
wenig, wenn sie bey mir saß, weil sie die einzige vom weiblichen Gesinde
war, die ich nicht zurückschreckte. Alle ihre Gespräche liefen am Ende auf
Liebe und Heyrathen hinaus, und zwar blos darum, weil sie sich, nach ihrem
Geständniß, weder zum Lieben noch zum Heyrathen versucht fühlte.
Diesen Abend unterhielt sie mich über das Kapitel der Untreue und der
Unerklärbarkeit der Männer, und führte ein Beyspiel davon an, welches das
Maaß meiner Unruhe voll machte.
»Die Gräfin hätte heute einen Brief bekommen,« sagte sie: »von einer
Freundin, mit welcher sie zu L* in Pension gewesen wäre.« --
Bey diesen Worten regten sich alle meine Haare auf der Scheitel.
»Die Gräfin hätte ihr zwar den Brief von Anfang bis zu Ende lesen lassen,«
fuhr sie fort, »aber er wäre so lang gewesen, daß sie nicht alles hätte
behalten können. Genug, ihre Freundin habe einen Herrn sehr lange und von
ganzem Herzen geliebt, und habe geglaubt, auch von ihm geliebt zu seyn;
aber ein paar Tage vorher, da die Hochzeit hätte vor sich gehen sollen,
wär' er gekommen, habe sie unversehens überfallen, und ihre Schwester
mit dem Degen gestochen, doch ohne ihr Schaden zu thun, wäre sodann davon
geritten und niemand wisse, wohin!«
Ich bekam wieder Athem bey den Worten »_ihre Schwester gestochen_« denn ich
wußte sehr genau, daß ich eine _Mannsperson_ gestochen hatte; aber ruhig
machte mich dieser Gedanke nicht, weil die übrigen Umstände gar zuviel
Aehnliches mit meiner Geschichte hatten. Die Freundin der Gräfin war zu L*
in Pension gewesen -- das paßte auf Malchen -- ihr Liebhaber hatte sie kurz
vor der Hochzeit überfallen -- das paßte auf mich -- war davon geritten und
niemand wüßte wohin -- ich war auch davon geritten, und vermuthlich wußte
niemand, wohin. Ich that noch hundert schüchterne Fragen nach dem Namen
der Freundin, nach dem Orte, wo die Begebenheit vorgefallen, und wie der
Liebhaber geheißen habe; aber sie wußte keine zu beantworten, und gestand
endlich, vermuthlich weil sie sich vergaß, daß sie den Brief nicht
selbst gelesen, sondern nur dazu gekommen wäre, als die Gräfin den Inhalt
desselben der Gouvernante erzählt habe. Wenn mir aber daran gelegen wäre,
so wollte sie die Gräfin befragen und ich sollte alles erfahren.
Was für Ursachen sich heute eine auf die andre häuften, um mich in die
schrecklichste Unruhe zu versetzen! Bald war mir der erwähnte Brief so
gewiß von Malchen, daß ich aufsprang, und noch diesen Abend davon
wollte; bald dünkte es mich so unwahrscheinlich, daß ich laut über meine
Aengstlichkeit lachte. So ward ich die ganze Nacht hindurch zwischen Ja
und Nein hin und her geworfen, bis ich endlich, aber nicht eher, als da die
Sonne aufging, mit festem Muth auf dem Nein beharrete. So lange es Nacht
blieb, und ich nur mit den Augen der Phantasie sehen konnte, war es mir
nicht möglich gewesen, mich von dem ängstlichen Ja loszuwinden.
Zehntes Kapitel.
_Der Graf verreiset._
Es geschah, daß der Graf in Familienangelegenheiten nach W* ging. Die
Gräfin hätte diese Reise, wie ich hörte, gerne mit ihm gethan, aber er
fürchtete, daß sie ihm in W* auf mancherley Art zur Last fallen möchte.
Besuche geben und nehmen, sich anziehen, sich zur Schau stellen, war
seine Sache nicht; und das wäre unvermeidlich gewesen, wenn er seine junge
Gemahlin der Familie hätte aufführen wollen. Er ließ sie also zurück. Mich
hätte er gerne mitgenommen, wenn es möglich gewesen wäre, den eisgrauen
Schildknappen Tobias von seiner Seite zu entfernen.
Um mit Glanz in W* zu erscheinen, nahm er alle männliche Bediente mit,
und niemand blieb im Hause, als die Gräfin, ihre Kammerjungfer, die
Gouvernante, die beyden Fräulein und ich. Der Piarist blieb jetzt halbe
Tage hindurch auf dem Schlosse, um, wie er sagte, den Frauenzimmern die
Zeit zu vertreiben; und er war auch wirklich sehr wohl bey ihnen gelitten,
denn er konnte -- krähen wie ein Hahn, bellen wie ein Hund, und miauen wie
eine Katze.
Der alte Tobias sagte mir, als er mit dem Grafen abreiste, ich sollte ein
wachsames Auge auf den Pfaffen und auf die Französin haben, er trauete
beyden nur so weit als er sie sähe.
Sie selbst mochten es auch wohl wissen, daß sie an dem alten Tobias einen
unbestechlichen Argus hatten. Beyde waren um so höflicher und gefälliger
gegen ihn, je mehr sie sich vor ihm fürchteten. Sobald er also den Rücken
gewandt hatte, glaubten sie freyes Feld zu haben. Sie gingen stundenlang
im Garten spazieren, und waren immerfort in sehr geheimnißvollen und
ernsthaften Gesprächen begriffen.
Drey Tage nach der Abreise des Grafen befand ich mich im Garten und
verpflanzte unter der Aufsicht des Gärtners einige junge Bäume. Der Piarist
erschien mit der Gouvernante und den beyden Fräulein, doch mußten letztere
immer eine Strecke voraus gehen. Als sie nicht weit mehr von uns entfernt
waren, zog der Piarist in der Hitze des Gesprächs das Schnupftuch heraus,
und mit demselben etwas Glänzendes, das ich für einen Schlüssel hielt.
Ich sprang hin und hob es auf, aber es war kein Schlüssel, sondern ein
Dietrich. Ich lief ihm nach und reichte ihm das verdächtige Werkzeug. Die
Gouvernante ward todtenblaß und sah den Pater an. »Er gehört nicht mir!«
sagte er, und gab mir den Dietrich mit der gleichgültigsten Miene von der
Welt zurück. »Ich hab' ihn aber mit dem Schnupftuche herausziehn sehen!«
sagte ich. -- »Sie sind nicht gescheut, Wilhelm!« sagte die Gouvernante mit
zuckenden Lippen, und zog den Piaristen fort. Ich dachte sehr lebhaft an
den alten Tobias, und steckte den Dietrich ein.
Eilftes Kapitel.
_Moriz ist unruhig._
Während der Abwesenheit des Grafen suchte ich mich so gut zu beschäftigen
und zu zerstreuen als ich konnte. Ich war zuweilen ganze Tage hindurch auf
der Jagd; legte mich, wenn ich meine Pflicht als Jäger gethan hatte, auf
die Oekonomie; fischte, und half unserm Gärtner bey seinen Arbeiten; las
auch zuweilen französische Bücher, die mir die Gouvernante aus der kleinen
Bibliothek der Gräfin verschaffte, nicht etwa verstohlnerweise, sondern mit
der völligen Bewilligung der Gräfin, die oft gesagt hatte, mein Fleiß, mein
Eifer, und meine stille Aufführung verdienten, daß man mich von dem übrigen
Gesinde unterschiede; auch hätte ich so etwas in meinem Aeussern, wodurch
es ihr unmöglich gemacht würde, mich, wie die übrigen Bedienten, mit _Er_
oder _Ihr_ anzureden.
Ueberhaupt schien die Gräfin nicht weniger als die Uebrigen neugierig zu
seyn, was es wohl eigentlich für eine Bewandniß mit mir haben möchte. So
oft sie mich sah, nahm sie mich scharf aufs Korn, und sagte entweder zu
mir, oder zu jedem andern, der gerade bey ihr war: Es ist gewiß, daß ich
den Jäger Wilhelm schon sonst irgendwo gesehen habe. Sie verließ mich dann
jedesmal mit einer nachdenklichen Miene.
Man kann leicht glauben, daß ich bey solchen Aeußerungen nicht ruhig
blieb. Mehr als einmal war ich fest entschlossen, die Dienste des Grafen
zu verlassen. Aber heimlich wollt' ich es nicht, und öffentlich konnte ichs
nicht, weil ich keinen Grund dazu anzugeben wußte.
O, ich hatte noch eine Ursache, warum ichs nicht that. Man wird sie
errathen, und über mich lachen. Eben die Ursache, die mich in der einen
Minute forttrieb, hielt mich in der andern. Ich zitterte, wenn mich
die Gräfin so aufmerksam ansah, und glaubte doch, es müßte nicht wenig
interessant seyn, von ihr erkannt zu werden. Ich suchte mich auf die
schicklichste Art zu entfernen, wenn sie in den Garten kam, und mir und dem
Gärtner zusah; und brannte vor Begierde, im Garten zu seyn, wenn ich wußte,
daß sie darin war. Ich erschrak vor dem Gedanken, sie möchte mit Malchen
in Briefwechsel stehen, und hätte dem feind werden können, der mich völlig
überzeugt hätte, sie stände _gewiß nicht_ mit ihr in Briefwechsel. Ich
Thor, ich unbegreiflicher Thor! -- Aber, werfe den ersten Stein auf mich,
wer da will. Vor dem, der geliebt hat, und dem, der das menschliche Herz
kennt, bin ich sehr sicher!
Zwölftes Kapitel.
_Hülfe! Hülfe! Hülfe!_
Am Abend des zehnten Tages nach der Abreise des Grafen, ließ mich meine
Phantasie, die durch ein neues Examen von Seiten der Gräfin aufgeregt
worden war, nicht einschlafen. Es war ein unfreundliches Wetter draussen.
Sturm, Regen und Schlossen brausten und rasselten auf Dächern und an den
Fenstern. Der Wetterhahn auf dem Schloßthurm schwirrte, und die Hunde
heulten in ihren Zwingern. Ich verhüllte mich fest in meine Küssen, und
wartete ängstlich auf den Schlaf, aber meine Einbildungskraft, die sich mit
dem Brausen des Windes vereinigte, entfernte ihn immer weiter und weiter
von mir.
Voll Ungeduld richtete ich mich endlich im Bette auf. Im Nu kam es mir
vor, als ob ein Lichtstrahl plötzlich in meine Kammer fiele, und eben so
plötzlich wieder verschwände. Meine Kammer war unten im Hause, gerade
der Treppe gegenüber, die in den ersten Stock zur Wohnung der Herrschaft
führte. Hinter mir war die Thüre, durch die man auf einigen Stufen in den
Garten hinab kommen konnte. Diese Thür mußte offen seyn, denn ich glaubte
deutlich zu hören, wie sie vom Winde hin und her geworfen wurde, und doch
wußte ich sehr genau, daß ich sie, eh' ich mich niederlegte, fest zugemacht
hatte.
Ich stand auf, um sie zuzumachen. Während ich meinen Oberrock umwarf, fiel
abermals ein Lichtstrahl durch das Fenster, welches in meiner Kammerthür
angebracht war. Ich sah hindurch und sah nichts. Voll Befremden darüber,
doch ohne mir etwas Besonderes dabey zu denken, suche ich nach dem Drücker,
finde ihn, drücke und drücke -- meine Thüre war und blieb fest zu. Ich
erinnerte mich zwar nicht, sie abgeschlossen zu haben, nahm aber doch den
Schlüssel um aufzuschließen. -- Meine Thür war nicht zugeschlossen gewesen,
ging aber auch nicht auf.
Indem ich mich noch zermarterte, um sie zu öffnen, hörte ich auf einmal ein
durchdringendes _Jesus Maria!_ -- Weinend vor Ungeduld, lehnte ich mich mit
meiner ganzen vereinigten Kraft gegen die Thür, und krach! sprang sie aus
den Angeln und stürzte mit großem Geräusch auf den Boden, der mit Steinen
gepflastert war. Ich stürmte die Treppe hinan, und hörte die Stimme des
Kammermädchens, die Hülfe! Hülfe! Hülfe! schrie. Ich eilte in das Zimmer
der Gräfin, welches weit offen stand, und sah Lichtstrahlen aus ihrem
Schlafzimmer in dieses größere fallen. Ein dumpfes Stöhnen kam mir aus
jenem entgegen.
Ich sprang hinein, und erblickte eine Weibsperson, die sich über das Bette
der Gräfin geworfen hatte und mit beyden Händen beschäftigt war, sie
unter Küssen zu begraben; eine Mannsperson, die vor einem geöffneten
Seitenschranke stand und mit beyden Händen im Gelde wühlte; auf dem
Seitentisch eine kleine brennende Diebslaterne.
Ich ergriff die Weibsperson, um sie wegzuschleudern, sie schrie, und in
dem Augenblick fühlte ich einen Stich durch die rechte Seite. Meine Arme
erschlafften, und ich sank ohne Bewußtseyn zu Boden.
Moriz.
Sechstes Buch.
Erstes Kapitel.
_Neue Wunden._
Als ich zu mir selbst kam, sah ich mich noch im Schlafzimmer der Gräfin auf
einem Kanape, das ihrem Bette gegenüber stand. Mir zur Seiten erblickte ich
die beyden jungen Fräulein, welche Todesangst auf dem Gesichte trugen.
Die eine hatte ein Wachslicht in der Hand, die andre ein Glas voll Wasser,
womit sie mir das Gesicht besprengte. -- »Er lebt noch!« rief die letztre,
als ich die Augen öffnete. Die Gräfin richtete sich im Bette auf.
Guter Wilhelm! rief sie mit schwacher Stimme, und streckte die rechte Hand
nach mir aus. -- Ich wollte aufspringen, um sie zu ergreifen, und sank
kraftlos zurück.
Ihr schönes Auge, welches fest an mir haftete, schwamm in Thränen. »O,
kommen sie _noch_ nicht?« rief sie, voll Angst und Ungeduld, als sie einen
Blick auf das Blut warf, womit das Kanape über und über bedeckt war. --
»Geh, lauf,« fuhr sie zum ältesten Fräulein fort: »sieh, ob sie kommen!«
Das Fräulein sah sie mit der allerhöchsten Angst im Blicke an, und wagte es
nicht, den Fuß aus dem Zimmer zu setzen. »So geht beyde!« fuhr die Gräfin
fort. Sie schlossen sich fest an einander, und gingen langsam in das
Vorzimmer. Die eine zog Muth aus der Furchtsamkeit der andern. Sie nahmen
das Licht mit, und das Schlafzimmer wurde nur noch von dem matten
Schein der Nachtlampe, die nahe bey dem Bette der Gräfin stand, dürftig
erleuchtet.
Immer noch war ihr Auge mit dem Ausdrucke des innigsten Mitleids auf mich
gerichtet. Ihr Haupt hatte sie auf die linke Hand gestemmt, und die rechte,
in welcher sie ein Schnupftuch hielt, ruhte auf dem Deckbette. Ihr blondes
Haar floß in reizender Unordnung über Schultern und Brust herab, und
überwebte gleichsam stellenweise den Umriß des vollen Busens, der, durch
Schrecken, Todesfurcht und Nothwehr aus seinen Schranken gedrängt, langsam
stieg und sank.
Verloren in dem Anschauen der Schönheit, die sich hier meinem Blicke so
überraschend entschleyerte, fühlte ich keinen Schmerz, wußte ich von keiner
Wunde, von keiner Entkräftung mehr. Meine ganze Seele lebte in meinem Auge,
und in dem ihrigen flimmerten die hellen Perlen, in welche sich das Mitleid
auflöst, wenn die Zunge dem gerührten Herzen nicht folgen kann. Immerfort
begegneten sich unsre Blicke, und immerfort sanken sie zu Boden, als wenn
wir wechselsweise vor einander erschräken.
»O, wenn sie mir doch noch einmal die Hand reichte!« Dieser Wunsch ward
nach einigen Augenblicken der herrschende in meiner Seele. Ich hütete alle
ihre Bewegungen, und als sie einmal die rechte Hand aufhob, glaubte ich ihn
erfüllt, sprang auf und that einen raschen Schritt nach dem Bette. Sie fuhr
erschrocken zusammen, zog den Arm unter die Decke, und hüllte sich völlig
ein. Ich taumelte nach dem Kanape zurück, warf den Blick seitwärts, und --
dachte an meine Wunde, und fühlte meinen Schmerz und meine Entkräftung von
neuem.
Die beyden Fräulein kamen zurück und brachten die Nachricht, daß sie
eine Laterne von weitem gesehen hätten: es würde wohl der Gärtner mit der
Jungfer und dem Chirurgus seyn. »Dem Himmel sey gedankt!« rief die Gräfin
freudig: »Nun, wird sich der arme Wilhelm nicht verbluten!«
Mein ganzes Herz bewegte sich bey diesen Worten. Für jedes hätte ich willig
einen _neuen_ Stich erdulden wollen. Ich bestrebte mich, ihr zu sagen,
wie sehr mich ihre Theilnehmung rührte, aber die Zunge versagte mir ihren
Dienst; ich sprach mit Blicken, und sie schien mich zu verstehen.
Bald nachher kamen der Gärtner, der Chirurgus und das Kammermädchen. Man
führte mich in meine Kammer, untersuchte meine Wunde und verband sie. Der
Chirurgus fand sie nicht gefährlich und nannte sie eine Kleinigkeit, was
nicht alle Wundärzte in ähnlichen Fällen zu thun pflegen.
Zweytes Kapitel.
_Moriz in letzten Zügen._
Ich wollte den Gärtner, dem es von der Gräfin ausdrücklich aufgetragen war,
bey mir zu wachen, mehr als einmal fortschicken, aber er ging nicht.
Wie lästig war mir seine Sorgfalt und Theilnehmung! Ich fühlte ja keinen
Schmerz, ich wußte ja von keiner Wunde, mir war so leicht und wohl, wie
mir nie gewesen war! -- O, ich hatte aus den Augen der Gräfin eine Stärkung
gesogen, welche die feinsten meiner Fibern innig durchdrang, und wie der
Balsam der Unsterblichkeit, mein ganzes Wesen zu einem neuen Leben stärkte
und auffrischte.
Immer noch saß ich ihrem Bette gegenüber auf dem Kanape; immer noch
lispelte ihre melodische Stimme: _Armer Wilhelm!_ vor meinem Ohre; immer
noch sah ich die runde Hand, auf die sich ihr Haupt, wie auf eine Säule von
Elfenbein gesenkt hatte; immer noch die sanften Wogen des blühenden Busens,
der, hie und da vom seidenen Haar überflossen, bey der schwachen Dämmerung
des Nachtlichts, den Schneehügeln Nordens sich verglich, um deren Häupter
feine, monderhellte Silberwölkchen leise weben und schimmern.
Und wenn mir auch Malchen getreu geblieben wäre, so hätte ich doch in
diesen Augenblicken nicht an sie gedacht.
Je tiefer ich mich in meine Küssen verhüllte, desto lebhafter wurden jene
Bilder, desto fruchtbarer ward meine _Phantasie_ (denn mein _Verstand_
feyerte) an abentheuerlichen Entwürfen, wodurch ich mir das Glück
verschaffen wollte, der Gräfin -- noch einmal so gegenüber zu sitzen. Es
ist sonderbar, aber sehr natürlich, daß die kühnsten meiner Wünsche gerade
nur auf diesen Umstand sich einschränkten, der ihnen die Entstehung gegeben
hatte.
Am andern Morgen erschien die Kammerjungfer der Gräfin, und erkundigte sich
im Namen ihrer Gebieterin nach meinem Befinden. Ich stellte mich Wunder wie
stark, und sagte mit einer Stimme, die nichts weniger als einen kränklichen
Ton hatte: _mir ist wohl, mir fehlt nichts, ich werde sogleich aufstehen!_
Ich zitterte bey dem Gedanken, daß sie an meinem Wohlbefinden zweifeln
möchte.
»Aber die Gräfin ist herzlich krank,« sagte sie, »und wird wohl unter drey
Tagen das Bette nicht verlassen dürfen!«
Drey Tage? Drey Tage? rief ich erschrocken, denn ich hatte Rechnung darauf
gemacht, sie _heute noch_ zu sehen; und deßhalb _befand ich mich vorhin
so wohl_, deßhalb _fehlte mir nichts_, und deßhalb _wollte ich sogleich
aufstehen_! Jetzt glaubte ich mich weit übler zu befinden, als zwey volle
Minuten vorher, und ich sagte zu der Kammerjungfer, daß es auch bey mir
leicht drey Tage dauern könnte, eh' ich meine Kräfte wieder erlangte.
»Und die Gräfin glaubt,« unterbrach sie mich mit nassen Augen: »daß Sie in
drey Tagen nicht mehr leben werden.«
Was? rief ich, indem ich mich schnell im Bette aufrichtete -- Was? -- Nicht
mehr leben? Bin ich nicht frisch und gesund?
Ich wollte aus dem Bette springen, aber der Gärtner hielt mich zurück.
»Ach,« fuhr sie fort, »wenn die Kranken nicht wissen, wie krank sie sind,
so ist es ein Zeichen, daß sie in den letzten Zügen liegen!«
Sie weinte und schluchzte ganz erbärmlich, und ich -- ich hätte verzweifeln
mögen über ihre Albernheit!
In dem Augenblicke trat der Wundarzt herein. Er untersuchte meinen Puls,
prophezeiete, daß ein Wundfieber unterwegs sey, und rieth mir, _mich aller
Gemüthsbewegungen zu enthalten_. Darauf ging er mit der Kammerjungfer zur
Gräfin. Ich flüsterte ihm ins Ohr: er sollte der Gräfin sagen, ich wäre
gesund wie ein Fisch, und bat ihn zugleich noch heimlicher und leiser, mir
Nachricht zu bringen, was sie dazu gesagt hätte.
Drittes Kapitel.
_Er sieht sie._
Mit dem dritten Tage fand ich mich völlig gesund. Der Arzt mochte sagen,
was er wollte, ich blieb nicht im Bette. Das Wetter ward gegen Mittag so
schön, daß er mir erlauben mußte, einen Spatziergang im Garten zu machen.
Es hieß, die Gräfin werde heute auch das erstemal wieder ihr Zimmer
verlassen, und in den Garten kommen. In eben dem Augenblicke, wo ich
diese Nachricht erhielt, griff mir der Arzt von ungefähr an den Puls,
und versicherte, mein Blut wäre sehr in Wallung. Ich fühlte es wohl,
versicherte ihm aber das Gegentheil.
Ich ging mit ihm in den Garten, und in weniger als zehn Minuten sahen wir
die Gräfin mit der Kammerjungfer die große Allee herabkommen, uns entgegen.
»Es schickt sich wohl nicht,« sagte mein ängstlicher Führer: »daß wir in
eben der Allee spatzieren gehen, wo die gnädige Herrschaft geht, wir wollen
umkehren.«
Er wälzte mir durch diesen Vorschlag einen Stein vom Herzen. Mir war gerade
so zu Muthe, als damals, wo ich auf meinem großen Ritterzuge nach L**
Malchen mit verschlossenen Augen am Fenster zu sehen glaubte. Wir kehrten
um, gingen aber sehr langsam, woran jedoch mein Begleiter nicht schuld war.
In wenig Augenblicken hörte ich die Stimme der Gräfin nahe hinter mir. Sie
sprach stärker, als gewöhnlich -- »Vermuthlich,« dachte ich bey mir selbst:
»damit ichs hören soll!« -- Aber ich hatte nicht den Muth, mich umzusehen.
»Warum laufen Sie vor mir, mein lieber Doktor?« rief sie meinem Begleiter
zu, und es that mir weh, daß sie nicht _mir_ zurief.
Wir standen still, und sie trat näher.
»Was macht Ihr Patient?«
Er antwortete, ich schwieg unzufrieden.
»Wird ihm die Bewegung nicht schaden?«
Ich hoffe nicht! sagte er.
Auch nicht eines Blickes würdigt sie mich! sagte ich bey mir selbst, und
meine Unzufriedenheit stieg --
»Sehn Ihr' Gnaden wohl, wie blaß der arme Wilhelm aussieht?« sagte die
Kammerjungfer.
Ich glühete über und über bey dieser Bemerkung, und die Gräfin, die mich
nur mit einem halben Blicke von der Seite ansah, glühete wo möglich noch
stärker.
»Ja,« sagte sie, »recht blaß, recht sehr blaß!« Sie drehete sich um, und
that, als ob ihr ein Staubkörnchen ins Auge gefahren wäre.
»Hast du es ihm schon erzählt?« fuhr sie nach einer Pause zur Kammerjungfer
fort.
Ich? sagte diese: Nein! Ihr' Gnaden wollten es ihm ja selbst erzählen.
Die Gräfin ward von neuem roth, wandte das Gesicht weg, und sagte
stammelnd: es kann ein andermal geschehen! Ich habe jetzt -- er wird jetzt
-- er darf wohl nicht lange in der freyen Luft seyn, Herr Doktor?
»So lange die gnädige Gräfin befehlen« -- rief ich eilig, weil ich glaubte,
der Arzt würde mir mit einem bedenklichen Achselzucken zuvorkommen. Ich war
nicht wenig mit mir zufrieden, daß ich diese Worte glücklich herausgebracht
hatte.
»Also kurz,« nahm die Gräfin das Wort: »man hat die _Gouvernante_ und den
_Pater Benedikt_ auf der Gränze ertappt, und beyde nach P** geliefert.
Ich erwarte in einigen Tagen nähere Nachricht. Gewiß ist es, daß sie ihrer
Strafe nun nicht entgehen werden. -- Aber,« fuhr sie mit weggewandtem
Gesichte fort: »dadurch werden die Schmerzen des armen Wilhelms nicht
gelindert!«
»Ich habe keine Schmerzen!« rief ich mit aufwallender Freude.
»Weinen möchte ich über solche Großmuth!« sagte sie zur Kammerjungfer, und
legte die rechte Hand vor die Augen: »Gute Besserung, mein lieber Wilhelm,«
rief sie nach einer Pause, indem sie den linken Fuß fortsetzte, und mit der
rechten Hand auf mich winkte.
Ich sprang wie ausser mir hin, und ergriff diese Hand, und legte sie an
mein Herz, und drückte sie, und küßte sie, und -- o, ich weiß nicht mehr,
was ich in diesen Augenblicken alles that!
Auf ihren Wangen brannte Bestürzung und holde Schaam. Sie riß sich mit Mühe
von mir los, und verschwand in eine Seitenallee. Ich sah ihr mit starren
Blicken nach, und als ich sie aus den Augen verloren hatte, sagte ich zu
meinem Begleiter, der mich seinerseits auch starr ansah: mir ist nicht
wohl! -- Das glaub' ich gern! erwiederte er, und führte mich aus dem
Garten.
Viertes Kapitel.
_Mißverständnisse._
Die Gräfin ließ sich fast stündlich nach meinem Befinden erkundigen, und
das Kammermädchen versicherte mir, daß sie trostlos sey, wenn sie an die
Schmerzen dächte, die ich ihrentwegen erdulden müßte; daß sie ihren ganzen
Verstand beschäftigte, um eine Belohnung zu ersinnen, die dem Dienst
entspräche, den ich ihr geleistet; daß ich selbst verlangen möchte, was ich
nur wollte, so sollt' ich es haben, und wär' es ihr auch das liebste
und theuerste auf der Welt: dieses ließ sie mir durch ihre Vertraute
versichern, und wenn ich sie denn selbst sah, und eben dies von ihr
selbst wiederholt zu hören vermuthete: so war eine kalte Frage nach meinem
Befinden, die sie noch dazu nur immer mit weggewandtem Gesichte an mich
that, das einzige, was sie meinem dürstenden Herzen darzubieten pflegte.
»Ich wüßte wohl, was ich mir von ihr zur Belohnung ausbitten wollte,« sagte
das Kammermädchen bey einer Gelegenheit zu mir --
Ich verlange nichts! sagte ich.
»Einen Kuß, mein lieber Wilhelm, wenn ich an Ihrer Stelle wäre!« -- Sie sah
mich dabey mit einem bedeutenden Lächeln an, welches mir mein ganzes Blut
ins Gesicht trieb. -- »Errathen?« fuhr sie fort, indem sie zur Thür hinaus
ging: »Sie bekommen ihn gewiß, wenn Sie ihn verlangen!«
Ich muß ein höchst albernes Gesicht gemacht haben, denn es kam in diesen
Augenblicken auf nichts Geringeres an, als die höchste Verlegenheit, die
höchste Freude und die süßeste Hoffnung unter einer gleichgültigen Miene zu
verbergen.
Was soll ich es läugnen! Meine Eigenliebe wollte, trotz dem kalten Betragen
der Gräfin, irgend etwas in ihren Blicken gelesen haben, das nichts weniger
als Kaltsinn wäre. Alle die kleinen Züge, Winke und Bewegungen; das ganze
Spiel ihrer Augen, ihrer Lippen und selbst ihrer Finger; den Ton ihrer
Stimme, bis auf den unmerklichsten Accent, den sie auf das kleinste ihrer
Worte legte -- musterte und erklärte mir diese Zauberin, die das ganze
menschliche Geschlecht mit sichtbaren oder unsichtbaren Fäden umspinnt, und
es tanzen läßt, wie der Puppenspieler seine Puppen.
Ich glaubte also im Grunde meines Herzens, daß mir die Gräfin durch jene
Aeußerung ihrer Vertrauten einen Wink hätte geben wollen, in Zukunft nicht
mehr so übertrieben scheu und furchtsam zu seyn; aber ich hatte doch
nicht Muth genug, diese Ueberzeugung durch mein Betragen kundbar werden zu
lassen. Indessen war ich fest entschlossen, bey der ersten Gelegenheit, wo
die Gräfin von Belohnung sprechen würde, Herz zu fassen, und statt alles
übrigen, einen Kuß von ihr zu verlangen. Wie selig mich dieser Vorsatz
machte, den ich im Geiste schon ausgeführt sah, kann man sich ohne Mühe
denken.
Gegen Abend bat mich die Kammerjungfer, ein wenig mit ihr auf ihr Zimmer zu
kommen. Ich that es gern und willig, ob ich gleich sonst alle Einladungen
dieser Art mit Hartnäckigkeit von mir gewiesen hatte. Aber was für eine
Aussicht öffnete sich mir, wenn ich es _diesmal_ ihr nicht abschlug! Das
Zimmer der Gräfin stieß an das ihrige -- wie leicht konnte sie ihr nicht
irgend einen Auftrag zu machen haben -- sie mußte mich sehen, und gewiß mit
mir sprechen -- ich hätte dann Gelegenheit, das von ihr zu fodern, was sie
mir durch ihre Vertraute hatte -- anbieten lassen -- und vielleicht geschah
diese Einladung wiederum auf ihr ausdrückliches Verlangen.
Diese Gedanken jagten mich gleichsam zu dem Zimmer der Kammerjungfer. Es
mußte der Bübin sehr leicht werden, diese ungewöhnliche Bereitwilligkeit
auszudeuten.
Kaum fünf Minuten vorbey, so ging die Thür auf, und in derselben stand die
Gräfin. Ich sprang auf.
»Laßt euch nicht stören, Kinder!« sagte sie mit einer überaus _gnädigen_
Miene: »Ihr seyd überdies so still, daß man euch kaum hört! -- Wilhelmen
ist heute wieder wohl?« fuhr sie zu mir fort.
Recht wohl! erwiederte ich, und in diesen Augenblicken fühlte ich mich auch
wirklich recht wohl.
»O, es ist ihm ja nie weh gewesen!« schnatterte die Kammerjungfer
dazwischen. Die Gräfin schien flüchtig zu erröthen, aber ich brannte über
und über.
»Er verlangt auch nicht einmal ein kleines Schmerzengeld!« fuhr sie fort.
Ich war wie mit heissem Wasser begossen, und zitterte an Händen und Füßen.
»Ich habe ihm eins in Vorschlag gebracht,« fuhr sie fort und hustete auf
eine schelmische Art, indem sie mich scharf ins Auge faßte und mich bey der
Hand nahm --
»Soll ichs sagen, Wilhelm?«
Vorher dürstete ich nach einer Gelegenheit, der Gräfin mein Anliegen
vorzutragen, und jetzt, als ich sie in Händen hatte, war ich halbtodt!
»Er will weiter nichts, als« -- sie führte mich zur Gräfin, und deutete mit
dem Zeigefinger der linken Hand auf ihre Lippen und auf die meinigen --
»O,« rief die Gräfin wie aufgebracht: »_meine_ Einwilligung habt ihr! Wenn
der Herr zurückkömmt, will ich es ihm vortragen. Wenn das alles ist, was
Wilhelm verlangt, das soll ihm gewährt werden« --
Ich fuhr nach ihrer Hand, denn ich bildete mir ein, sie hätte die Pantomime
der Kammerjungfer gerade so verstanden, wie ich --
»Ja, ja,« rief sie noch hitziger als vorher, und zog die Hand zurück:
»ja, ja! Ihr sollt -- Mann und Frau werden, auf mein Ehrenwort.« -- Sie
schlüpfte in ihr Zimmer, und ich wußte nicht, ob ich im Himmel oder auf
Erden war. Die Kammerjungfer wollte sich halbtodt lachen.
»Mann und Frau!« rief ich, wie aus einem Traum erwachend: »Wir beyde Mann
und Frau?«
Nicht anders, mein lieber Wilhelm! sagte sie lachend, und wollte mich bey
der Hand nehmen. Ich schleuderte sie unsanft von mir.
»Ich bin nicht in Sie verliebt,« rief ich so laut, daß mich die Gräfin wohl
hören konnte: »ich bin nicht in Sie verliebt! Ich mag Sie nicht heyrathen!
Ich mag keine Frau! Das ist ein Mißverstand« --
Unter diesen Worten lief ich lärmend aus dem Zimmer und die Treppe
hinunter. Aber kaum war ich unten, so fuhr mir der Irrthum der Gräfin
von neuem wilder als vorher durch den Kopf; ich stürmte die Treppe hinan,
rannte, schier ohne Bewußtseyn, durch das Zimmer der Kammerjungfer, machte
das Zimmer der Gräfin weit auf, und rief hinein: _Nein, gnädige Gräfin, ich
bin nicht in Lisetten verliebt!_ schlug die Thür zu, und stürzte wie vorher
die Treppe hinunter.
Wie bitter war ich getäuscht! Ich glaubte eines Kusses von ihren
Rosenlippen schon so gewiß zu seyn, und statt desselben soll ich bekommen
-- eine Frau?
Fünftes Kapitel.
_Welch eine Heldenthat!_
Was wollte ich nicht alles thun, um der Gräfin zu beweisen, daß es mir nie
eingefallen wäre, mich in ihr Kammermädchen zu verlieben, vielweniger
sie von ihr zur Frau zu begehren. Halbverrückt machte mich dieses
Mißverständniß. Aber ich bekam auch dadurch Muth, alles zu wagen. Meine
Liebe und meine Ehre wirkten hier vereint, und diese ersteigen den Himmel,
wenn sie wollen.
Am Abende dieses Tages, dem schönsten in der Natur, saß ich, trübsinnig und
in Gedanken verloren, in dem kleinen Lustgehölze, das an den Garten stieß,
unter Bäumen, deren Zweige, vom leisen Abendwinde bewegt, sanft über meinem
Haupte zitterten. Vor mir wallte ein großer Teich, den der aufgehende Mond
in fließendes Silber verwandelte, und neben mir rauschte ein kleiner Bach
in gekräuselten Wellen dem Wasserbehälter zu. Bald sah ich mit starren
Blicken in den spiegelhellen Teich, und beschäftigte mich mit den kleinen
Wölkchen, die dem Monde vorüberschwebten; bald blickte ich in das Gewimmel
der kleinen Krystallwellen, die sich rauschend in tausend Brillanten
zerschlugen, über einander hüpften, von neuem sich sammleten, und von neuem
auseinander rauschten.
Ich sah das alles, sah es aber nur. Eine süße Wehmuth bemächtigte sich
meines Herzens, und meine Phantasie hing an dem Bilde der Gräfin, das sich
mir immer noch in eben dem Lichte zeigte, worin es den ersten gewaltigen
Eindruck auf mich gemacht hatte.
Was würde ich ihr nicht alles sagen, wenn ich sie jetzt sehen sollte! rief
ich, und in dem Augenblick hörte ich ein kleines Geräusch hinter mir. Ich
sah mich um, und vor mir stand -- die Gräfin. Fort war mein Muth, meine
schönen Phantasien mit ihm!
Sie setzte den Fuß erschrocken zurück. Mit Zittern erwartete ich ihr erstes
Wort. Ihre Verwirrung schien der meinigen nichts nachzugeben.
Ist Lisette hier? sagte sie endlich mit zitternder Stimme.
Was sollte _die_ hier? versetzte ich hastig.
Ich dachte! fuhr sie gleichgültig fort.
Jetzt Muth gefaßt, sagte ich bey mir selbst, oder nimmer.
»Die gnädige Gräfin glauben wohl immer noch, daß ich in Lisetten verliebt
sey?«
Sie lächelte bey diesen Worten, die ich mit Mühe hervorbrachte.
»Nein,« sagte sie, »nach Ihrer heutigen lauten Erklärung glaub' ichs nicht
mehr. Sie dachten gewiß, man wollte Sie zwingen. Sie waren außer sich!«
Kein Wunder, sagte ich, solch ein Mißverstand!
»Lisette hat mir aus dem Traum geholfen!« erwiederte sie. Sie wollte
lachen, aber es schien ihr sauer zu werden. Auch kam es mir vor, als ob sie
immer noch eben so sehr verlegen wäre, als ich selbst.
»Lisette hat _alles_ gesagt?« rief ich, und trat näher, und ergriff sie,
als sie den Fuß fortsetzen wollte, bey der Hand. Sie wandte ihr Gesicht
sorgsam auf die Seite, gleichsam als ob ich schon im Begriff wäre, mir das
bewußte Schmerzengeld von ihren Lippen auszahlen zu lassen. Dies sehen, sie
umfassen, und ihr den feurigsten Kuß mit Heftigkeit auf die Wange drücken,
war das Werk eines Augenblicks, während dessen ich drey Himmel vor mir
aufgethan zu sehen glaubte.
Sie entriß sich, der schönsten Verwirrung voll, meinen Armen, und rief mir,
indem sie sich eilig entfernte, die Worte zu: ein Glück für Sie, daß Sie
mir das Leben gerettet haben!
Welch eine Heldenthat! Triumphirend ging ich in meine Kammer, aber ich
schlief diese Nacht nicht weniger unruhig, als die vorhergehenden.
Sechstes Kapitel.
_Der Graf kömmt zurück._
Ich konnte es nicht gewiß wissen, ob die Gräfin bey allen diesen Auftritten
mit ihrer Vertrauten aus Einer Karte spielte oder nicht. Bey der vorletzten
Scene, als die Gräfin mich so schmerzlich mißverstand, schien Lisette uns
beyde zum Besten zu haben, aber die Begebenheit des vorigen Abends konnte
ich nicht für bloßen Zufall halten: denn die Gräfin ging sonst, selbst bey
hellem Tage, nicht allein im Garten spatzieren, noch weniger des Abends.
Auch glaubt' ich aus gewissen kleinen geheimnißvollen Aeußerungen der
Kammerjungfer schließen zu können, daß sie von meiner heldenmüthigen
Unternehmung auf die Lippen der Gräfin etwas müsse gewußt haben. Auf jedem
Fall benahmen sich beyde sehr meisterhaft: die Gräfin als eine Frau von
Erziehung und Gefühl für Ehre und weibliche Würde; und ihre Vertraute,
als ein Mädchen voll Schlauigkeit und Erfahrung, verbunden mit einer
unumschränkten Ergebenheit für ihre Gebieterin.
Man glaube nicht, daß ich diese Bemerkung auf der Stelle habe machen
können. Kopf und Herz standen mir ja damals in lichten Flammen.
Nach jedem Kampfe wuchs meine Liebe mächtiger heran. Ich suchte die Gräfin,
und floh sie, wenn ich sie gefunden hatte; ich zitterte, wenn ich mit ihr
sprechen sollte, und zitterte, wenn ich schweigen sollte. O, die Erfüllung
des ersten Wunsches war die Mutter von Millionen andern geworden! Seit
jenem Kuß brannte ein Feuer in meinen Adern, das meine ganze Lebenskraft
aufzulösen und auszutrocknen drohete.
In diesem Zustande war ich, als der Graf zurückkam. Er trug mich fast
auf den Händen, und bot mir Belohnungen an, deren Größe und Umfang mich
beschämten. Aber was konnte er mir anbieten, das nicht schon tausendfach
von der Belohnung überwogen ward, die ich mir selbst genommen hatte? Der
alte Tobias sagte: ich könnte wenigstens _den Titel eines Leibjägers_ dafür
verlangen.
Die Zurückkunft des Grafen machte, daß ich die Gräfin nicht mehr so oft
sehen und sprechen konnte, als vorher. Sie war durch ihren Gemahl gebunden,
und ich durch den alten Tobias. Wenn auch beyde oft ganze Tage auf der Jagd
waren, so blieben doch immer die übrigen Bedienten im Hause. Meine Wunde
ward auch zusehends besser, und meine Jägerspflicht wartete auf mich.
Aber das war noch nicht alles. Lisette sagte mir, daß eine Busenfreundin
der Gräfin unterwegs sey, die den ganzen Sommer, und auch wohl -- _je
nachdem es wäre_ -- setzte sie geheimnißvoll hinzu -- den Herbst bey
ihr zubringen würde. Da sie sich sehr lange und immer als die besten
Freundinnen in L* gekannt hätten, so würden sie wohl unzertrennlich seyn.
Es hätte eine besondere Bewandniß mit dieser Dame -- fuhr sie erröthend
fort -- die sie mir aber nicht sagen könnte. -- Es würde auch zu R** (der
nächsten Stadt) ein Zimmer für sie gemiethet, weil es dort (sie that die
Hand vor die Augen) einen geschickten -- Geburtshelfer gebe.
Ich hörte wenig auf alles, was sie mir sagte, weil ich mehr mit dem
Hinderniß meiner Liebe selbst, als mit den Umständen beschäftigt war, die
es veranlaßten. Von allen Seiten war also meine Leidenschaft eingeengt,
und sie ward gewaltiger dadurch. Sie drohete Durchbruch, wie ein verhaltner
Strom.
Seit drey Tagen, so lange der Graf zurück war, hatte ich sie nicht
gesprochen. Was für Plane machte ich nicht während dieser drey Tage! Ich
ging täglich hundertmal in den Garten, und machte mir, mit dem Grabscheit
oder Gärtnermesser, unter ihrem Fenster etwas zu schaffen. Aber dadurch
erhielt ich nichts, als daß ich sie zuweilen am Fenster sah. -- »Ehedem,
als ich ihr noch nicht das Leben gerettet hatte,« sagte ich oft, in
gewissen Anwandlungen von Unwillen, bey mir selbst: »sprach sie zuweilen
aus dem Fenster zu mir, und jetzt kehrt sie mir den Rücken zu, wenn sie
mich erblickt!« --
Ich glaube, daß ich damals diesen Umstand ganz falsch deutete.
Am Morgen des vierten Tages, als der Herr auf der Jagd war, und der alte
Tobias den Vogelsteller machte, sah ich, daß Lisette das Frühstück der
Gräfin in den Garten trug. Ich flugs hinterdrein, band einen Strauß von
Blumen, um einen Vorwand zu haben, und erwartete sodann die Gräfin.
Sie erschien bald, und ich näherte mich der Laube, wo das Frühstück auf
sie wartete. Lisette hüpfte mir entgegen, und sagte, sie wolle hinaus, dem
alten Tobias entgegen, welcher der Gräfin eine Amsel zu bringen versprochen
hätte.
Ich zeigte ihr den Strauß, und fragte sie, ob sie ihn der Gräfin
einhändigen wollte. »Ich sollte es selbst thun!« sagte sie und flog davon.
Ich wäre auch in Verzweiflung gewesen, wenn sie sich dazu erboten hätte.
Mit schwankenden Knieen trat ich in die Laube, die rund herum dicht
überwachsen war. Sie saß im Hintergrunde derselben. Ich trat hinzu und
überreichte ihr die Blumen, ohne einen Laut hervorbringen zu können.
Für mich, mein lieber Wilhelm? sagte sie.
»Für Sie, gnädigste Gräfin! Ich habe sie selbst gezogen!«
Sie müssen das ganze Beet geplündert haben, so viel sind es!
»Auch nicht eine einzige, die schön war, ist stehen geblieben!«
Es folgte eine Pause. Ich weiß nicht, wer von uns beyden in der größten
Verlegenheit war. Um die ihrige zu verbergen, zog sie den Duft meiner
Blumen ohne Aufhören in sich. Ich bestrebte mich zu sprechen, und über
diesem Bestreben ward ich stummer und stummer.
»Sie pflegen immer viel, sehr viel zu geben, Wilhelm!« hub sie endlich, in
Bezug meiner letzten Worte, wieder an.