»Also nicht nach L**. Ich glaube selbst, daß Ihnen der Ort zuwider seyn
muß, weil er Sie in Arrest gebracht hat.«
Sie sagte dies mit einer studierten Ernsthaftigkeit, die mir durch Mark und
Bein ging.
»Aber Sie wären doch der erstaunlichen Ritte überhoben, wenn Sie unter das
Regiment nach L** gingen?«
Jedes Wort war mir ein zweyschneidiges Schwerdt. Ich siedete und kochte,
fühlte aber nicht das mindeste Zucken in den Muskeln des rechten Armes. Wie
theuer mußte ich die Schelle bezahlen!
»Ich habe schon gesagt, Lemberg, daß Sie selbst nicht wissen, was Sie
wollen, ich muß mich schon Ihrer annehmen. Kommen Sie morgen wieder, und
holen Sie sich Bescheid!«
Ich drehete mich stillschweigend um und ging. Sie rief mich zurück.
»Noch eins muß ich Ihnen sagen! Sie gelten bey Hofe für einen Anverwandten
von mir, merken Sie sich das! Es hat gute Gründe, die Ihnen in die Augen
fallen werden. Nun gehen Sie!«
Das Betragen der Gräfin blieb mir von Anfang bis zu Ende unbegreiflich,
und das war kein Wunder, da ich sie aus einem ganz falschen Gesichtspunkt
ansah, den Umstand ungerechnet, daß mein Kopf und Herz in einer Lage waren,
die mir durchaus nicht erlaubte, das zu erforschen, was um mich vorging.
Ich wußte ja nicht einmal, wie mir eigentlich war.
Den folgenden Tag bekam ich das Patent zu einer Fähndrichsstelle unter dem
Regimente zu L** und ich war wie vom Himmel gefallen.
Sogleich rannte ich zu der Gräfin, um ihr zu danken, denn es war gewiß,
daß sie das alles bewirkt hatte. Aber weshalb interessierte sie sich so für
mich? _Um ihrer Freundin Malchen einen Gefallen damit zu erweisen._
Diese seltsame Grille verließ mich nicht. Wie würde die Gräfin gelacht
haben, wenn sie derselben auf die Spur gekommen wäre.
»Ich konnte es nicht anders machen,« hub sie mit verbißnem Lachen an: »Sie
mußten nach L**. Es fehlte gerade ein Fähndrich. Wenn es Ihnen aber da
nicht gefällt, so schreiben Sie es mir, ich will sorgen, daß Sie mit der
Zeit an ein anderes Regiment vertauscht werden!«
Es schien, als ob ich dazu verurtheilt gewesen wäre, unter ihren Augen den
Stummen zu spielen. Ich hatte mir vorgesetzt, ihr _soviel_ zu sagen, aber
konnt' ich es? Drey Worte und ein Blick von ihr machten mich zum Kinde.
Beym Abschiede sagte sie zu mir: es bleibt dabey, Sie sind mein Vetter.
Oder mögen Sie nicht aus meiner Verwandtschaft seyn?
»Welch ein Glück für mich, _wenn_ ichs wäre!« sagte ich, und man bewundere
meinen erstaunlichen Muth.
Endlich einmal ein Wort, das sich hören läßt! erwiederte sie: Schade, daß
es so sehr spät kömmt! Augenblicklich machte sie die Thür hinter mir zu.
Den folgenden Tag ging ich zum Regiment ab. Habe ich wohl nöthig, die
Bewegungen zu schildern, die mich ergriffen, als ich die Thürme von L**
erblickte?
Vierzehntes Kapitel.
_Schüchternheit wahrer Liebe._
Man wird es mir auf mein Wort glauben, daß ich die H** Straße sehr gut zu
finden wußte. Drey bis viermal stahl ich mich täglich unter dem Erker weg,
in welchem ich Malchen damals gesehen haben wollte; aber es dauerte gegen
drey Wochen, eh ich das Glück hatte, sie abermals zu sehen. Und als ich
sie endlich sah -- man denke sich mein Staunen -- da war es in dem Fenster
eines Hauses, das ich bis jetzt keines Blickes gewürdigt hatte; es stand
an dem andern Ende und auf der andern Seite der Straße. Diese seltsame
Erscheinung erklärte ich mir am natürlichsten dadurch, daß die Französin
eine andre Wohnung bezogen haben müßte. Denn es war unumstößlich gewiß, daß
ich Malchen damals an dem andern Ende und auf der entgegengesetzten Seite
der Straße, im Erker gesehen hatte. --
So viel ich auch auf dreyßig Schritte unterscheiden konnte, war Malchen,
seitdem ich sie nicht gesehen hatte, ein volles, frisches, ausgewachsenes
Mädchen geworden. Das war sonderbar! Als ich sie damals im Erker erblickte,
war sie noch genau so groß, als sie immer gewesen war, da ich noch mit ihr
spielte. Aber in den vier Wochen war sie erstaunlich gewachsen.
Auch diesmal betrug ich mich sehr albern. So lange ich weit genug von ihr
entfernt war, sah ich starren Blicks nach ihr hin, als ich mich aber nahe
unter ihrem Fenster befand, sah ich vor mich auf die Erde und beschleunigte
meine Schritte. Ein Anderer hätte ihr wenigstens ein Kompliment gemacht.
Ich weiß nicht, wie lange ich dies Spiel getrieben haben würde, wenn nicht
mein Muth durch einen Zufall gewachsen wäre. Einmal kam ich die Straße
herunter und sah Malchen wieder im Fenster. Sie hatte ihr Gesicht nach der
andern Seite gewandt und sah mich nicht. Ich hatte also das süße Vergnügen,
ihren Haarputz von hinten zu sehen. Meine Blicke waren fest auf sie
geheftet, und ließen nicht eher ab, als bis ich dicht unter ihrem Fenster
war -- plötzlich drehete sie den Kopf, sah mich an, fuhr zurück und machte
das Fenster zu.
Ihr Blick fuhr wie ein elektrischer Schlag durch mein ganzes Wesen. Alles
tanzte vor meinen Augen, meine Füße waren mir zu leicht, und mit jedem
Schritte glaubt' ich in eine Grube zu treten.
Es dauerte eine gute halbe Stunde, eh ich zu mir selbst kam, und nun war
mein erster Gedanke, durch die H** Straße zurück zu gehen. Am Eingange
derselben ward ich auf einmal unschlüssig und ich hätte gewiß einen andern
Weg genommen, wenn sich nicht gerade einer meiner Kameraden zu mir gefunden
hätte.
»Aha, Lemberg,« sagte er, »haben Sie das Terrain von L** so studirt?«
Wie so?
»Sie gehen doch durch die H** Straße um die Krone von L** zu sehen?«
Mir fing unwillkürlich das Herz an zu pochen, und ich muß roth geworden
seyn.
»Habe ichs getroffen? Armer Lemberg! Sie sind nicht der einzige, dem's
unterm Küraß schlägt, wenn er das Haus da (er zeigte mit dem Stocke auf
das Haus, wo ich Malchen gesehen hatte) ansieht. Es war eine Zeit, wo ich
selbst solch ein Narr war. Kommen Sie! _Sehen_ können Sie den Engel, aber
das ist auch alles!«
Ich fühlte eine höchst unangenehme innerliche Bewegung, jener ähnlich, die
der große Blumist in Holland hatte, als ihm ein Fremder versicherte,
er habe eben die Blume, die er nur auf dem ganzen Erdboden _allein_ zu
besitzen glaubte, schon bey einem deutschen Gärtner gesehen.
Mein Begleiter zog mich halb wider meinen Willen fort, und ein Glück für
mich, daß Malchen nicht gerade aus dem Fenster sah, ich wäre sonst unter
ihren Augen umgekehrt, und hätte dem Offizier die lächerlichste Blöße
gegeben. Wir kamen näher, ich wagte einen Blick, sie stand am Fenster,
begegnete mir mit ihren Augen, und, sollte man es denken! ich war bäurisch
genug, einige Schritte vorbeyzugehen, ehe es mir einfiel, den Hut zu
ziehen. Ich that es endlich, aber ohne hinter mich zu sehen, und sie war so
nachsichtsvoll, das Fenster aufzureißen und mir zu danken. Mein Begleiter
versicherte mich, sie habe gerufen: wie kommen Sie hieher, Herr von
Lemberg? Ich hatte nichts gehört, glaubte es ihm auch nicht.
Mein Kamerad erkundigte sich, woher unsere Bekanntschaft rührte, und ich
erzählte ihm, in einer Art von Verzückung, daß ich sie schon lange kennte
und mit ihr erzogen wäre.
»Sie sind zu beneiden, Lemberg!« sagte er: »Aber warum besuchen Sie das
schöne Mädchen nicht? Oder ist es schon geschehen?«
Ich versetzte ganz gleichgültig, daß ich ihr bey Gelegenheit meine
Aufwartung machen würde.
»Bey Gelegenheit? Auf der Stelle sollten Sie es thun! Sie hat, auf meine
Ehre, gerufen!«
Mit diesen Worten verließ er mich.
Von diesem Tage an besuchte ich die H** Straße mit leichterm Herzen, und
hatte sogar den Muth, Malchen von der Seite anzusehen, wenn ich sie grüßte.
Aber hinauf zu gehen und mit ihr zu sprechen? Es hätte eines Riesenarmes
bedurft, um mich in das Haus zu schieben.
Funfzehntes Kapitel.
_Eine Hiobspost._
Dies Unwesen trieb ich gegen vier Wochen, ohne mich nur einen Schritt näher
an sie zu wagen, und doch war ich unbeschreiblich glücklich.
»Wissen Sie wohl, Lemberg« -- sagte der vorhin erwähnte Officier auf der
Wachparade zu mir: »aber, was sollten Sie's nicht wissen! Fräulein von
Lehmniz ist Braut!«
Ein Donnerschlag! Ich versicherte ihm mit zitternder Stimme: das wüßte ich
nicht.
»Freylich muß ihr ein reicher Graf lieber seyn, als ein Fähndrich,« fuhr
er fort: »aber lassen Sie sich kein graues Haar darüber wachsen. Sie sind
nicht der erste, dem es so geht!«
Ich stieß mit meinem Rohre große Löcher in den Sand.
»Kennen Sie den Bräutigam?«
Ich schüttelte mit aufeinander gebissenen Zähnen den Kopf.
»Graf Waller!«
Wild und wüthend fuhr ich auf.
»Sehen Sie, da steht er, der dumme, ausgetrocknete, süße Narr! Nur ein paar
Schritte näher, so können Sie ihn riechen!«
Ich warf den Kopf herum, mit einer Bewegung, die meinem Gesellschafter sehr
lächerlich seyn mußte.
»So sehen Sie ihn doch nur wenigstens an. Sie müssen sich doch an seinen
Anblick gewöhnen. Er bleibt mit seiner Braut in L**.«
Ich war wie auf der Folter, faßte aber doch endlich Muth und sah den Grafen
an. Er stand mit einem Offizier Hand in Hand.
»Wie kann man sich aber mit solch einem elenden Menschen abgeben?« sagte
ich, mit der ganzen Wuth, die sich mir aufs Herz geworfen hatte: »Ein
Soldat, und solch ein Windbeutel! Dem Lieutenant Rahm kann ich nie wieder
gut werden, weil er ein vertrauter Freund von ihm ist!«
Bravo, bravo! rief mein Gesellschafter lachend: Sie werden beredt! Immer
geben Sie von sich, was Sie auf dem Herzen haben, das wird Ihnen gute
Dienste thun. -- Wissen Sie, wie man hier die beyden Leute nennt? _Damon
und Pythias_. Solch eine Freundschaft ist unerhört! Sie wohnen auf Einer
Stube, schlafen in Einem Bette, halten sich Ein Mädchen, kurz, einer ist
des andern Schatten. Das ist bekannt, und Sie haben sie gewiß selbst mehr
als hundertmal gesehn!
»Kann seyn, aber es ist mir nicht aufgefallen!«
Und nun fällts Ihnen so stark auf, daß Sie kochen? Ich sehe, wo es Ihnen
fehlt, lieber Lemberg, aber ich sage Ihnen, die Lehmniz straft sich selbst.
Vielleicht ist sie auch von ihren Eltern -- dazu -- gezwungen worden. --
Aber, mein Gott, das müssen Sie ja alles wissen?
»Ich weiß nichts!«
Nun, so begreife ich Sie nicht. Sie müssen mir sagen, wie Sie mit ihr
stehen. Gleich auf der Stelle, ich lasse nicht nach.
Ich war also gezwungen zu beichten. Ich erzählte ihm, daß ich zwar mit ihr
erzogen wäre; daß ich sie aber in vier Jahren nicht gesehen habe: kurz,
gestand ihm alles, was man weiß.
Nun denn, nahm er das Wort, denn haben Sie auch keine Ansprüche auf
sie, und es ist Ihre eigne Schuld, wenn sie einem Andern die Hand giebt.
Sonderbarer Mensch! Wie können Sie vermuthen, daß es einem Mädchen genug
seyn wird, wenn Sie sich täglich zwey- oder dreymal unter ihrem Fenster
wegstehlen, und sie höchstens grüßen? Wie kann sie glauben daß Sie etwas
für sie empfinden, wenn Sie nicht zu ihr kommen, da Ihnen der Zutritt
unverwehrt ist? Lieber, lieber Lemberg, sich selbst haben Sie es
zuzuschreiben, wenn Sie unglücklich sind. Nun ist es zu spät. In acht Tagen
ist Hochzeit! Muth gefaßt und vergessen -- weiter ist kein Weg übrig!
Sechzehntes Kapitel.
_Ein Quiproquo._
Es wäre vergeblich, den damaligen Zustand meines Herzens zu schildern.
Ich erinnere mich, acht Tage hindurch keinen einzigen hellen und dauernden
Gedanken gehabt zu haben. Eine Menge von Bildern schwebte meiner Phantasie
vorüber, alle mit Blut und Mord gezeichnet; aber meine Raserey kam nicht
zum Ausbruch, so gewaltsam auch der Stoß war, den sie die letzten Tage
vor Malchens Hochzeit erhielt. Gräfin Waller kam aus D** und ließ mich
freundlichst zur Hochzeit bitten. Herr und Frau von Lehmniz kamen und
verkündigten mir die Vermählung ihrer Tochter unter Jubel und Freude.
Fräulein Louise wollte mich zu ihrem Tänzer in Beschlag nehmen. Graf
von Waller erschien mit seinem Busenfreunde Rahm und freuete sich, meine
Bekanntschaft zu machen -- Unerträglich, unerträglich! Ich wußte nicht, wo
ich war! Ich kannte mich selbst nicht!
Die ganze Stadt war voll von dieser Vermählung. »Ja,« hieß es, »er ist
freylich Graf, soll auch sehr reich seyn -- aber« -- den Nachsatz sagte
sich der Bürger ins Ohr, und der Soldat lachte und sagte öffentlich: Armer
Graf, wie wirds in der Brautnacht aussehen?
Indessen ging die Hochzeit vor sich. Ich blieb im Bette und mußte das
Fieber haben. Je dichter ich mich in meine Küssen verhüllte, desto
lebhafter wurden mir die Bilder von Malchen und dem Grafen Waller. Ich nahm
mir fest vor, in vier Wochen nicht aus dem Bette aufzustehen, aber wie sehr
fiel mir schon ein halber Tag zur Last! Gegen Abend vermehrte sich meine
Unruhe. Ich wollte dies thun, wollte das thun, und that nichts. Endlich
beschloß ich, mich zu verkleiden, und mich unter die Zuschauer zu mischen,
um -- ja, wenn ich auch gewußt hätte, was ich da thun wollte. Ich nahm die
Uniform meines Kerls, zog sie an und hin. Alles war um und um erleuchtet,
alles zeigte Glanz und Freude. Das Souper war in einem Gartenhause,
ausserhalb der Stadt, welches der Graf seiner neuen Gemahlin gemiethet
hatte, und der Garten, der dazu gehörte, war aufs prächtigste erleuchtet.
Aber eben der Glanz und die Fröhlichkeit sagten mir nicht zu. Ich ging
zurück, wie ich gekommen war, und beschloß, mich tief in mein Bette zu
vergraben. Ich zog mich aus -- plötzlich ward ich wieder anderes Sinnes.
So kämpfte ich zwischen Wollen und Nichtwollen bis gegen zwey Uhr in der
Nacht. Endlich widerstand ich nicht länger. Ich warf einen großen Mantel,
wie sie damals allgemein getragen wurden, über den Schlafrock, und ging
nach dem Gartenhause zurück.
Alles war still; die Gesellschaft schien auseinander gegangen zu seyn und
die Lampen im Garten waren meist erloschen. Die schauerliche Dunkelheit
hielt mich. Ich ging dreymal um das Haus, die Augen in düsterer
Verzweifelung auf ein Zimmer geheftet, wo ein dürftiges Licht zu brennen
schien. Auf einmal erlosch auch dieses, und die Ideen, die mir dieser
Umstand erweckte, raubten mir Verstand und Bewußtseyn.
Und indem ich zum viertenmal so dicht im Mantel verhüllt, um das Haus
schlich, öfnete sich die Thür. Es kam eine Mannsperson hinter mir her
gesprungen und hielt mich. »Nun ists Zeit, Rahm, flüsterte sie, mach'
alles, wie wirs verabredet haben!«
Ich stutzte und erstarrte. Der Mann führte mich mit zitternder Hand zum
Hause, und ich folgte, ohne einen Laut von mir geben zu können. »Wo -- wo,
will das hinaus?« dachte ich und fühlte einen erschütternden Frost in allen
Gliedern.
Wir stiegen mit äußerster Behutsamkeit die Hälfte einer Treppe hinan.
Hier nahm mir der Graf den Mantel ab und sagte: die erste Thüre rechts, du
kannst nicht fehlen! Er schien eben so sehr aus aller Fassung zu seyn als
ich, und schob mich die Treppe hinauf. Ich verhielt mich ganz leidend; auch
nicht der kleinste Laut kam über meine Lippen.
Aber wie ward mir, als ich die Treppe vollends hinantappte, da plötzlich
eine Thür aufging, ein sanfter, warmer Hauch mich anwehete, eine weiche
glühende Hand meine Rechte ergriff und mich nach sich zog! Ich wäre
mitgegangen und wenn sich die Hölle mit allen ihren Schrecknissen vor mir
aufgethan hätte!
Moriz.
Viertes Buch.
Erstes Kapitel.
_Extasen._
Sie drückte mich an ihren wallenden Busen und sprach mit dem ganzen Zauber
der weiblichen Lippe, wenn sie von Mitleid überfließt, zu mir: ist Ihnen
wieder wohl, lieber Graf?
Der süße Ton ihrer Stimme durchdrang mein Innerstes, und ein heftiges
Zittern, das mich wie Fieberschauer erschütterte, war die Folge dieser
Anrede.
Und hätte ich auch reden wollen, ich hätte es nicht gekonnt. Alle meine
Empfindungen blieben nur halb empfunden, so Schlag auf Schlag durchkreutzte
eine die andre, unterdrückte sie, und war von einer andern unterdrückt. Es
war ein Zustand der Betäubung, wo ich vor lauter Gefühlen nichts fühlte, wo
keines derselben dauernd genug war und Gewalt genug hatte, das eiserne Band
meiner Zunge zu lösen.
»Sie antworten mir nicht?« sagte sie im Tone der Aengstlichkeit -- »Ich
will -- ach! -- ich muß rufen!«
Das Wort _rufen_ erweckte mich wie aus einem tiefen Schlafe. Das Bewußtseyn
meiner ganzen jetzigen Lage flog meiner Seele vorüber und schnell folgte
die That dem Gedanken: ich umschloß sie mit dem ganzen gewaltigen Feuer der
Liebe.
Und indem ich sie an mein lautpochendes Herz drückte, fühlte ich, wie ihr
rechter Arm, der um meinen Nacken lag, drey- viermal zuckte, als wenn man
plötzlich erschrickt, und daß dieser Arm in der nächsten Sekunde darauf,
sanft auf meiner Schulter liegen blieb.
Sie sagte noch ein paar Worte, die ich nicht verstand, ließ mich rasch los
und that einen kurzen Schritt zurück. Nur ihre Linke hatte ich noch,
und diese drückte ich an mein Herz, als ob ich sie in meine Brust hätte
hineindrücken wollen.
»Ums Himmelswillen, sind Sies, oder« --
Die Worte erstarben ihr auf den Lippen. Das »_oder_« war der Hauch eines
sanften Flüsterns, welches die Stelle des Lautes einnimmt, in dem Momente,
wo die Seele fühlt, daß die Zunge im Begrif ist entweder unschickliche oder
beleidigende Dinge zu sagen: sie verwandelt mit der Schnelligkeit eines
Blitzstrahls den Hauch, der einen lauten Ton geben sollte, in jenes
Flüstern, das kaum hörbar über die Lippen säuselt.
In dem Augenblicke, wo ihre Seele den ersten Gedanken mit dem zweyten
verdrung, trat sie mir auch wieder näher, drückte sie auch meine Hand
wieder feuriger. Ich umschloß sie von neuem, sie mich -- und so in eins, so
innig verschlungen, brennende Wange an brennende Wange fest geheftet, beyde
nur einen Herzschlag fühlend, beyde fast eins -- sanken wir, in unnennbare
Wonne aufgelöst, zurück. Ohne Bewußtseyn, lebendigtodt, und doch voll
Kraft, fühllos, und doch bis aufs innerste Mark bewegt, brannte und
fror ich, starb und erwacht' ich wechselsweise, bis endlich meine ganze
Lebenskraft in einen Hauch zusammen schoß, und sich in einen Seufzer
auflöste, der kaum stark genug war, den süßen Namen _Malchen_ über meine
bebende Lippen zu drängen. Mein Kopf glitt langsam von ihrem Busen herab,
und ihre Rechte schob mich mit einem sanften Druck auf die Seite.
Zweytes Kapitel.
_Muth und Stärke._
Plötzlich sprang die Thür auf und Rahm stürzte mit Wallern herein. Malchen
drückte das halb geschlossene Auge ganz zu, und blieb ohne Bewegung auf dem
Bette liegen. Aber ich stand vor ihr, beyde Arme fest an den Leib gedrückt,
alle ihre Muskeln so straff angespannt, als ich Eichbäume hätte entwurzeln
wollen. Mein starrer Blick schoß von Waller auf Rahm, von Rahm auf Waller,
und nur zuweilen von der Seite auf Malchen, die ich hülflos liegen ließ,
mit dem wilden Gedanken, der Kampf zwischen uns dreyen werde sie zeitig
genug aufschrecken.
Rahm trat ein paar Schritte näher, hob das Licht auf, das er in der Hand
hielt, und sah mir ins Gesicht. Stumm und sprachlos vor Erstaunen und Wuth,
setzte er das Licht auf den Tisch und hielt sich mit beyden Händen fest an
demselben. Der Tisch zitterte und krachte, bald stärker, bald schwächer, so
wie ein innerer gewaltiger Sturm Rahmen ergriff und erschütterte.
Waller ging todtenblaß und auf den Zehen um ihn herum. Bey jedem Schritte,
den er that, knickten die Gelenke des Fußes, worauf er trat, hörbar. »_O,
mein armes Weib!_« sagte er endlich, indem er den Kopf furchtsam nach dem
Bette hinstreckte und sich mit beyden Händen fest an Rahmen hielt. Je näher
sein Kopf auf mich zu kam, desto weiter rückte ihm meine festgeballte Faust
entgegen. »Eher soll sie ewig schlafen, als durch _dich_ erweckt werden!«
dies war der einzige helle Gedanke, dessen ich mich während dieser
wechselseitigen Pantomime erinnere.
Mit dem einen Auge hütete ich den Grafen, mit dem andern seinen Freund.
Bey der kleinsten Bewegung, die dieser machte, spannten sich meine Muskeln
unwillkührlich straffer an, und auf meine Füße trat ich so fest, als wollte
ich mich in den Boden tief hineinpflanzen, um unerschütterlich zu stehen,
wenn man mich angriffe.
Ich weiß nicht, wie lange wir in dieser stummen Stellung blieben. Malchen
regte sich endlich wieder, hüllte sich aber in eben dem Augenblicke mit
einem: _Ach Gott, was wird das werden!_ ins Kopfküssen. Ich konnte nur
einen kleinen, flüchtigen Seitenblick auf sie, von Rahmen abmüßigen, aber
durch alle meine Glieder schoß eine betäubende Hitze, die aus der Besorgniß
entstand, sie möchte sich noch einmal regen und rufen; ich fühlte, daß
mich der klagende Ton ihrer Stimme rührte, und auf einige Momente muthlos
machte, darum wünschte ich, sie nicht mehr zu hören.
»_O, helfen Sie doch!_« rief der Graf, und sein Zittern erschütterte
Rahmen, an den er sich immer noch fest hielt, und der Tisch, auf welchen
sich dieser mit beyden flachen Händen gestützt hatte, zitterte und krachte.
Rahm sah eine Zeitlang stumm vor sich hin, sodann schlug er die Augen auf
und sah sich im Zimmer um, als ob er etwas suchte. Meine Blicke folgten den
seinigen überall hin; wo sie ruhten, ruheten die meinigen; wandte er sie
aber auf Malchen, so stellte ich mich ihnen entgegen -- auch sehen sollte
er mein Malchen nicht, auch nicht sehen! -- Und angreifen? darauf stand Tod
und Verderben.
Endlich verweilte sein Blick in der einen Ecke des Zimmers ein paar
Augenblicke, und ich bemerkte, daß dort ein Degen stand. Sollte ich ihm
zuvorkommen, und den Degen für mich nehmen? -- Nein, durchaus nein! Denn
unterdessen hätte sich der Graf dem Bette nähern können. Ich stand immer
noch, wie in den Boden gewurzelt. Rahm riß sich von Wallern los, sprang
nach dem Degen und faßte ihn, und plötzlich sah ich um mich und über mich,
wie wenn der Boden unter mir einstürzte, und ich nun noch, um nicht zu
versinken, mit verzweifelnder Aengstlichkeit nach etwas suchte, woran ich
mich halten könnte. Die Schnelligkeit, womit ich dies that, leidet keine
Vergleichung, und eben so wenig die gewaltsame Bewegung, die mich während
dieser unsäglich kurzen Momente ergriff. Aber indem ich so nach Rettung
um mich blickte, bemerkte ich ein Pistol neben mir über dem Bette. Sehen,
fassen und spannen war eins!
»Sie ist geladen, um Gottes willen!« rief der Graf, indem er von weitem
seine Hände nach mir ausstreckte, und dann schnell auf Rahmen zusprang, um
ihm den Degen zu entwinden.
Er ist geschliffen, ich beschwöre dich, Rahm! sagte er zu diesem, und ward
von ihm ungestüm zurückgestoßen. Aber er stellte sich von neuem
zwischen uns, den Rücken nach mir gekehrt, und beyde Hände gegen Rahmen
ausgebreitet. Dieser sah mit blitzendem Auge und zuckender Lippe über
Wallers rechte Schulter, und über die linke schoß die Spitze seines Degens
auf mich her; aber ich streckte ihm mein Pistol über die rechte Schulter
des Grafen entgegen.
Da standen wir! Er stach nicht zu, und konnte nicht zustechen, ich schoß
nicht, obgleich ich schießen konnte. Hatten sie doch mein Malchen noch
nicht berührt! Nur _darauf_ stand Tod und Verderben.
Von beyden Seiten kein Wort, kein Laut -- nur das Geräusch des Athems, der
aus drey gefesselten Busen gewaltsam hervorbrach, nur das Zittern der Diele
auf welcher wir standen!
In dem Augenblicke regte sich Malchen von neuem, und es erfolgte der vorige
Ausruf. Ihre Stimme schien uns alle Drey gleichstark zu erschüttern; mir
wollten die Sehnen des rechten Armes erschlaffen; ich fühlte, daß ich
schwächer ward, und stärkte, in unsäglicher Anstrengung, um Muth zu
behalten, Muth mit Muth. Unausbleiblich war hier Ohnmacht oder Raserey! Es
ward letztre, und nun drang ich, in wilder Wuth, mit der Linken alles vor
mir her wegstoßend, und die drohende Rechte aufgehoben, auf meine Gegner,
packte den Grafen im Nacken, und hob und stürzte ihn über Rahmen hin. Beyde
fielen. Rahm ließ den Degen fallen, ich mein Pistol, ich ergriff mit
der Linken den Grafen, und mit der Rechten seinen Freund, und zerrte und
schleppte sie nach der Thür, stieß mit dem Fuße wider dieselbe, sie sprang
auf, und nun warf ich mich, mit Löwenstärke im Arme, und mit Tigerwuth im
Herzen, auf beyde, und drängte sie zur Thür hinaus. Der Graf kollerte ein
paar Stufen die Treppe hinab, und Rahm blieb wie ausser sich vor der Thüre
liegen, die ich im Triumph zuschlug und verriegelte.
Nun ging ich, so kalt, als wäre nichts geschehen, putzte das Licht, setzte
mich zu Malchen aufs Bette, und dabey war mir immer, als wenn ich lachen
sollte.
So wird allerhöchste Glut zur Kälte, und allerhöchste Kälte zur Glut!
Aber dieser Zustand dauerte nicht zwey Minuten. Meine Glieder waren wie vom
Rade zerschmettert, ich fühlte sie nicht, und konnte sie nicht regen, und
meine Augen sanken zu, während ein kalter Schauer durch meine Adern fuhr,
und meine Sinnen betäubte und gleichsam vernichtete.
Drittes Kapitel.
_Geständnisse ohne Worte._
Ich weiß nicht, wie lange ich in diesem Zustande blieb. Als ich die Augen
aufschlug, erblickte ich Malchen mit dem Lichte in der Hand vor mir.
»Gott! er lebt wieder!« rief sie mit einer Stimme, deren unendlich rührende
Modulation ich noch zu hören glaube. Sie sank halbohnmächtig in einen
Lehnstuhl, und ich sprang auf und flog zu ihr. Ich nahm ihre Hand, und
drückte meine Lippen fest auf die ihrigen. Sie kam wieder zu sich.
O, der erste Blick, der aus ihrem halbgeöfneten Auge langsam auf mich fiel
-- nie und nimmer werde ich ihn vergessen! Ein Meer von Wonne strömte aus
ihm in mein erwärmtes Herz, unwillkührlich sank ich vor ihr auf die Kniee,
und noch jetzt schäme ich mich dieser Stellung nicht. Das weibliche Auge,
welchem _die_ himmlische Güte entströmen konnte, verdiente Anbetung vom
Manne. Sie legte ihre rechte Hand sanft auf meine Schulter und mit der
linken hob sie mich auf. »O, ziehn Sie mich aus dieser Unruhe, Lemberg,«
sagte sie, indem sie meine Hand ergriff und sie langsam an ihr Herz
drückte: »oder ich sterbe unter Ihren Händen!«
Ich fühlte mich wie verjüngt und verklärt. Der Nebel der alle meine
Geisteskräfte bis daher verhüllt hatte, schwand auf einmal, und ich sah
mit geläutertem Auge auf das, was geschehen war, und geschehen würde.
Ich zitterte nicht mehr, wenn ich Malchen ansah, sondern eine bescheidene
Vertraulichkeit trat an die Stelle der Furcht, die mich sonst bey ihrem
Andenken oder ihrem Anblicke befiel. Und sie selbst schien mich nicht zu
fürchten, ihre Blicke verriethen nichts, als diejenige Unruhe, die aus
hochgespannter Neugier entsteht, und zwey oder drey derselben sagten mir
noch einmal das Verlangen, das sie mir vorhin schon mit Worten zu erkennen
gegeben hatte.
Nun stand ich nicht länger an, sie zu befriedigen. Ich erzählte ihr mit
einer feurigen Beredtsamkeit die Geschichte dieses Abends: wie ich voll
Verzweiflung ums Haus gelaufen, wie mich der Graf gerufen und geheimnißvoll
in ihr Zimmer geführt habe; wie ich empfindungs- und gedankenlos in ihre
Arme gesunken sey. --
»O, ich wußte, daß es der Graf nicht war!« sagte sie und schien in eben dem
Augenblick über dies Geständniß herzlich zu erschrecken. Sie wandte ihren
Blick von mir, legte die linke Hand vor die Augen und der helle Inkarnat
der Unschuld glühete auf ihren Wangen.
»Sie wußten -- Sie wußten es?« rief ich: »O, wie konnten Sie das wissen?«
Ich drang in sie, aber sie schwieg. Es entstand eine lange Pause, die aber
nicht ängstlich war, denn ich hielt Malchen fest umschlossen. Ihr rechter
Arm ruhete auf meiner linken Schulter, so daß ihre Finger dicht über meiner
Herzgrube lagen, und ihr linker Arm, drückte meinen rechten, den ich um sie
geschlungen hatte, fest an ihr Herz. Ihr Haupt ließ sie, um ihre Lippen vor
den meinigen zu schützen, lächelnd auf die linke Schulter zurücksinken.
Ach, in dieser Stellung hätte ich sterben wollen! Ein sanftes Feuer
durchfloß meine Adern, brannte auf meinen Wangen, glühete auf meinen
Lippen, und o! in meinem Herzen lebte die sanftere Freude, die auf den
ersten wilden Erguß des Entzückens zu folgen pflegt, und Bilder, unendlich
schöner als Alles, was je eine feurige Einbildungskraft, die in Aether und
Sonnenstrahl lebt und webt, gesehn und erfunden hat, wallten im Gewande
der sanftern Morgenröthe meinem geistigen Auge vorüber. Himmel und Erde
entschwanden meinem verklärten Blicke, und nichts als mich und Malchen,
sah ich in dem gränzenlosen All, das sich mir zu Liebe in sein herrlichstes
Feyergewand gekleidet hatte.
In Malchens Auge glänzte ein ganzer Himmel voll Wonne, in einen einzigen,
reinen Kristalltropfen aufgelöst, der bebend und flimmernd über die
glühende Wange herab rollte.
Viertes Kapitel.
_Erläuterungen._
Unter diesen himmlischen Träumen würden wir noch Stunden zugebracht haben,
wenn uns nicht ein Geräusch aufgeschreckt hätte. Ich sprang auf und lehnte
mich gegen die Thür, mit einer Kraft, als wenn ich dem Stoße eines Riesen
zu widerstehen gehabt hätte. Aber das Geräusch ließ nach, und ich hörte,
daß man in halblautem Wortwechsel die Treppe hinunter ging. Es waren die
beyden Freunde, die sich wieder aufgerafft hatten. »Morgen früh, soll sich
alles aufklären,« sagte der Graf: »Ich beschwöre dich, warte so lange,
sonst ziehen wir das ganze Haus herbey!«
»O, wir sind sicher bis morgen früh« -- rief ich und hüpfte zu Malchen:
»Lustig, gutes Malchen, lustig!«
Ich that drey hohe Sprünge und sie lachte dazu.
»Wie wir uns so vergessen können!« sagte sie erröthend: »Ich glaube, wenn
wir beyde morgen sterben sollten, wir dächten nicht daran! Aber, lieber
Lemberg, wenn Sie sich entfernten, es wäre wohl besser!«
Ich erinnere mich in meinem Leben nicht so erschrocken zu seyn, als bey
diesen Worten. Der helle Angstschweiß stand mir vor der Stirn, und wenn
zehn Degenspitzen auf mich eingedrungen wären, um mich aus dem Zimmer zu
vertreiben, so hätten sie meinen Muth nicht so niederschlagen können.
Vielleicht las sie in meinen Blicken, wie tödtlich sie mich erschreckt
hatte, denn sie drang nicht weiter in mich und sagte nicht nein, als ich
ihr versicherte: daß ich sie ewig nicht aus meinen Augen lassen würde. Mit
Tagesanbruch sollte ihr Vater die ganze Geschichte erfahren, und dann über
uns alle Recht sprechen; dann sollte er entscheiden, ob seine Tochter die
Gattin eines Menschen bleiben könnte, der so wenig Gefühl für Ehre und
Schande besäße, und dann -- Aber ich hatte nicht Herz genug, ihr zu sagen,
was dann geschehen sollte. Aber sie errieth es ohne meine Worte, das zeigte
ihr heiteres Auge, welches sie langsam von meiner Hand auf die Erde gleiten
ließ.
Wir gingen Arm in Arm in herzlicher Vertraulichkeit im Zimmer auf und ab,
und ihre Zunge schien sich auf einmal zu lösen:
»O, wenn Sie wüßten, lieber Moriz -- ach! ich muß Sie so nennen, denn
dieser Name setzt mich in die glücklichsten Zeiten meines Lebens zurück --
wenn Sie wüßten, wie man mich überrascht hat! -- Vor drey Wochen erfuhr ich
zuerst, daß ich an den Grafen verheyrathet werden sollte, und seit gestern
bin ichs schon« --
_Gewesen! Gewesen!_ unterbrach ich sie hitzig: Sie sollen sehen, Sie sollen
sehen!
»Die erste Nachricht, von dem Unglücke, das mir bevorstand, bekam ich
von meiner Mutter. Es war ein Brief von der Gräfin Waller an meinen Vater
eingelaufen, worin sie anfangs die Verdienste und das Alter seiner Familie
gehörig anerkannte, und gleich darauf mit dem Verlangen ihres Neffen
hinterdrein kam. Er sollte mich in L** gesehen, und vom ersten Anblick an
nichts sehnlicher gewünscht haben, als sich mit mir zu verbinden. Er
sey Graf, reich, und einziger Erbe einer Tante, die einen Abgott aus ihm
machte.«
»Sie wissen, wie offen das gute Herz meines Vaters gegen Schmeicheleyen
ist, besonders wenn sie von dem Alter seiner Familie und seinen Kindern
hergenommen sind. Ohne sich lange zu bedenken, ohne mich zu fragen,
schreibt er mit der nächsten Post zurück, er wäre nicht abgeneigt, nur
wünschte er seinen Schwiegersohn zu sehen. Dieser kommt in wenig Tagen an,
und vollendet den Eindruck, den der Brief der Gräfin gemacht hatte.«
»Eh ichs mir versehe, kömmt mein Vater mit dem Grafen hieher und stellt
mir ihn gleich bey der ersten Anrede als meinen künftigen Gemahl vor. Ich
glaubte in den Boden zu sinken! Ach, mein Herz war schon zu voll, um noch
eine größere Last zu tragen! Ich hatte Sie öfters unter unserm Fenster
hingehen sehen, Ihr Anblick nach so langer Zeit hatte alle die Freuden von
neuem in meinem Herzen aufgeweckt.« -- --
»O, Lemberg (sie senkte ihr Haupt zärtlich auf meine Schulter) und
Sie sahen nicht einmal zu mir herauf! Ach, und ich hätte Sie so gern
gesprochen, hätte mich so gern unsrer frohen kleinen Spiele erinnert!«
»Anfangs glaubte ich, Sie wüßten es nicht, daß ich mich in L** befände.
Unwiderstehlich ward am Ende mein Verlangen, Ihnen dies zu erkennen zu
geben. Als Sie wieder einmal vorbeygingen (es war noch ein Offizier bey
Ihnen) riß ich, wie ausser mir, das Fenster auf, und rief Ihnen nach: _Wie
kommen Sie hieher, Herr von Lemberg?_ Und kaum sahen Sie sich um, kaum
grüßten Sie mich aus der Entfernung, und umsonst hatte ich die Augen der
Vorübergehenden auf mich gezogen!«
Malchen zerdrückte ihre Thränen im Auge, aber mir liefen sie hell über die
Backen. Ich suchte Worte, und fand keine, die mich hätten entschuldigen
können.
»Von der Zeit an fühlte ich eine Art von Erbitterung auf Sie, aber sie
machte mich unruhiger, als vorher meine Neugier. Sonst war ich stündlich am
Fenster, um Ihnen zu zeigen, wie nahe ich Ihnen sey, jetzt eben so oft, um
Ihnen zu zeigen, daß ich -- böse auf Sie sey. Aber Beydes machten Sie mir
unmöglich, denn Sie gönnten mir nicht einen einzigen vollen Blick, und
schielten von der Seite, als ob Sie sich vor mir fürchteten.«
»In dieser Stimmung meines Herzens überraschte mich mein Vater. Alles
redete und drang in mich, und zeigte mir das Glück, das ich mit dem Grafen
machen würde. Alles, von der Gouvernante an bis zur jüngsten Pensionaire,
pries mich glücklich: die eine, daß ich einen Grafen heyrathen, die andre,
daß ich nun bald ein recht prächtiges Brautkleid anziehen würde. Eine
Herzens Freundin von mir, die einen B** Grafen, ebenfalls ohne ihr Herz,
geheyrathet hatte, wirkte durch ihr Beyspiel auch auf mich -- So von allen
Seiten bestürmt und überrascht, so ganz vergessen von dem, den ich unter
allen meinen Jugendfreunden gerade zuletzt vergessen hätte« --
O, ich hatte Sie nicht vergessen! rief ich, und eine Thräne nach der andern
tröpfelte auf ihre Hand, die ich fest an meine Brust drückte. --
»_Ihm, diesem_ (sie zeigte lächelnd auf mich) zum Trotz, gab ich dem Grafen
das Jawort, und bin -- unglücklich!«
Fünftes Kapitel.
_Fortsetzung._
_Glücklich, glücklich!_ rief ich, und mein argloses Herz, aus welchem
dieser Ausruf hervordrang, pochte vor Freude, ihr dies versichern zu
können. Denn sie gab mir ja deutlich zu verstehen, daß sie mich liebte, und
daß ihr ganzes Glück davon abhienge, des Grafen los zu werden, und dafür
_mich_ -- -- und _mich_ konnte sie ja haben!
Ich muß lächeln, wenn ich mich dieser kleinen Züge der unerkünstelten
Unschuld erinnere. Man muß uns unsre damalige Unerfahrenheit zu Gute
halten, denn, genau gerechnet, waren wir ja beyde noch Kinder. Aber gewiß
ist es, daß uns diese Treuherzigkeit in jenen Augenblicken unbeschreiblich
glücklich machte.
»Wenn ich nur auf der Stelle einen Boten gehabt hätte, (fuhr Malchen
fort) so hätte ich Ihnen in Triumph verkündigen lassen, daß ich nun einen
_Grafen_ heyrathen würde. Wären Sie gerade durch unsre Straße gegangen, so
hätte ich alles angewandt, es Ihnen zu verstehen zu geben: so eifrig
war ich darauf bedacht, Ihnen zu zeigen, wie wenig ich mir nun aus Ihnen
machte. Aber es gelang mir nicht. Doch gab ich noch nicht alle Hoffnung
auf, weil mir der Hochzeittag noch bevorstand, wo Sie mir gewiß nicht
ausweichen konnten. Daß Sie so oft, und durch so mancherley Bekannte und
Unbekannte zur Hochzeit gebeten wurden, haben Sie mir zu danken. Ich
wollte Sie durchaus sehen, um Ihnen zu zeigen, daß ich nun mit einem Grafen
vermählt würde, da Sie« --
Malchen sah von der Seite, und nickte drey oder viermal mit dem Kopfe, wie
Kinder nicken, die sich entzweyt haben, um einander zu sagen: ich kann doch
spielen ohne dich!
»Aber es hieß, Sie wären krank und würden nicht kommen. Auf einmal
verschwand alle meine Heiterkeit, und eine tödtliche Unruhe trat an ihre
Stelle. Zuweilen war es mir ganz dunkel zu Muthe, als ob die ganze heutige
Feyerlichkeit nur angestellt wäre um Sie zu kränken; und als Sie wirklich
nicht kamen, hatte ich ein sehr sonderbares Gefühl, das mich überredete,
nun würde auch aus der ganzen Heyrath nichts werden. Aber welch ein
unbeschreiblicher Schreck, als der Priester ins Zimmer trat! Noch zwey
bis dreymal sah ich mich ängstlich nach Ihnen um, und als ich Sie nicht
bemerkte -- o, Moriz, ich hätte laut aufschreyen und aus dem Zimmer laufen
mögen! Gesicht und Gehör verließen mich, vor meinen Augen ward alles
schwarz, und, sobald ich das unglückliche _Ja_ ausgesprochen hatte, ward
ich ohnmächtig!«
»Man ermunterte mich zwar, aber ich kam den ganzen Tag nicht zu mir selbst.
Hundertmal war ich im Begriff meinen Bräutigam »_lieber Moriz_« zu nennen,
hundertmal erstarb das Wort auf meiner Zunge. Noch nie hatte ich so oft und
so lebhaft an Sie gedacht, als heute, wo es Verbrechen geworden war, an Sie
zu denken. Aber ich konnte -- ich konnte mein Herz nicht bändigen, das Sie
ungestüm von mir forderte. Sie schwebten mir vor Augen, und meine Blicke
hingen an Ihrem Bilde. Meine Mutter machte mir Vorwürfe, daß ich an dem
glücklichsten Tage meines Lebens so still und traurig wäre, und meinen
Bräutigam ängstigte. Aber -- der zeigte eben so wenig aufrichtige Freude,
als ich, und die Gesellschaft machte sich auf seine Kosten lustig.«
»O, wie oft suchte Sie mein nasses Auge unter den Zuschauern und Gästen!
Verschwunden war jede unfreundliche Empfindung gegen Sie. Nun wünschte ich
Sie zu sehen, um -- Ihnen mein Unglück zu klagen, nicht, um über Sie zu
triumphiren. Und wenn ich mich dann so ganz in mich und meinen Kummer
verlor, so war mirs immer, als ob mir jemand ins Ohr raunte: _Du sollst ihn
sehen!_ Sehnsuchtsvoll irrte dann mein Auge von neuem umher, um Sie unter
der Menge zu entdecken, aber vergebens, immer vergebens!«
»Das Andenken an die kommende Nacht schlug mich vollends zu Boden. Mein
Vater eilte fast angelegentlicher, als es der Wohlstand erlaubte, die
Gesellschaft zum Aufbruche zu bewegen. Ich bat ihn, so oft es sich
unvermerkt thun ließ, nicht so zu eilen, aber er lachte über meine
Verlegenheit. Alles verlor sich nach und nach, und endlich sah ich mich nur
noch mit meiner Mutter und der Gräfin in dem weiten Zimmer allein. O, das
Herz hätte mir springen mögen, als sie mich bey der Hand nahmen und hieher
führten. Ich weinte und schluchzte laut, und alle ihre Tröstungen, so wenig
als ihre Scherze, vermochten etwas über mich. Ich bat nur um einen einzigen
Tag Aufschub, aber sie waren unerbittlich, und ließen mich endlich allein.«
»Mein voriger Zustand war nichts gegen den, in welchen ich nun gerieth.
Nun war alle Hoffnung verschwunden! _Mögliche_ Umstände konnten mich nicht
retten, mein armes Herz hing sich also an _unmögliche_, um doch nicht ganz
der Verzweiflung zu erliegen. Ich schwärmte wie im hitzigen Fieber, und --
o, lieber, lieber Moriz, was gesteh ich Ihnen nicht alles -- Sie hatten
den größ'ten Antheil an diesen Schwärmereyen. Ich vergaß über Ihnen den
Grafen!«
»Aber ich hatte diesen letzten kleinen Trost nicht lange. Er erschien
selbst und kam auf mich zu. Er war in der sichtbarsten Verlegenheit, und
die Hand, womit er mich angriff, zitterte gewaltsamer, als die meinige. Auf
seiner Stirn lag finstrer Mißmuth (so kam es mir vor) und seine Lippen,
die er auf meine Hand drückte, waren eißkalt. Er klagte über Hitze und
wüthendes Kopfweh, schwieg eine Zeitlang ganz, stammelte wieder ein paar
Worte, und that endlich die Lichter bis auf ein Nachtlämpchen aus. Mit
jedem erloschenen Lichtstrahl, erstarb ein Strahl meiner Hoffnung, und sie
erlosch am Ende fast ganz, und flackerte nur noch zuweilen matt und bebend
auf, wie das Lämpchen, das neben mir auf dem Tische stand. Und o! als er
auch dies auslöschte, und um und um dicke Finsterniß im Zimmer lag -- hin
war meine Hoffnung, hin Gefühl und Bewußtseyn!«
»Ich erinnere mich nur noch ganz dunkel, daß der Graf nun angelegentlicher
über Kopfschmerz klagte, und daß er endlich aus dem Zimmer ging, unter
dem Vorwande, ein Flakon zu holen. Da war ich allein, in dem finstern,
einsamen, todten Zimmer! Ich hörte nichts mehr, als das ängstliche
Pochen meines eignen Herzens. Jetzt wünschte ich lebhaft, daß der Graf
zurückkommen möchte. Ich tappte nach der Thür, fand sie, und machte sie
leise auf, ich hörte jemand auf der Treppe, er kam näher, ich reichte ihm
meine Hand -- o, welch ein Unterschied! Aber ich hatte nicht Muth, mir
denselben zu gestehen.«
»Statt der vorigen kalten, erwärmte jetzt eine feurige Hand die meinige,
ein anderer Athemzug, ein festerer Tritt, ein Druck, der feuriger war, als
des Grafen feurigste Umarmung -- alles das hörte, fühlte ich -- aber meine
Brust war wie in Ketten geklemmt, ich hatte nicht Athem genug zu rufen,
nicht Muth genug, zu zweifeln, nicht Kraft genug, mich loszuwinden. Ein
dunkles, ahndendes Gefühl beschäftigte und erfüllte mein Herz, arbeitete
und pochte in demselben, meine Augen sahen nichts, aber meine Hand leistete
mir ihre Dienste -- es war der Graf nicht, der mich in seine Arme schloß,
er konnte es nicht seyn -- »_Und wer wäre es sonst?_« lispelte es leise in
meiner Seele, aber ich bekämpfte diesen Einwurf mit einem unüberzeugbaren,
störrischen »_er ist es nicht!_« -- Ach und er war es auch nicht! Moriz --
Moriz -- war es! das wußt' ich, das wußt' ich! Aber ich weiß nicht, woher
ichs wußte!«
Mit diesen Worten warf sich Malchen in meine Arme und weg! über Erde und
Himmel hinweg schwebten wir beyde!
Sechstes Kapitel.
_Gräfin Waller erscheint, um -- zu verschwinden._
Unter diesen Ergießungen wechselseitiger Zärtlichkeit brach der Tag an,
und mit demselben ging ein neues Licht in meiner Seele auf. Denn bis
daher hatte ich nur wenig, und gleichsam wider Willen an Vergangenheit und
Zukunft gedacht. Jetzt machte ich mich auf große Begebenheiten gefaßt, und
bestrebte mich, ihnen mit Unerschrockenheit zu begegnen. Aber Malchen war
ausser sich vor ängstlicher Erwartung, und mein Muth schien ihre Angst zu
vermehren, weil sie nicht Kräfte genug hatte, sich demselben anzuschließen.
Es pochte an der Thür und eine Stimme rief: Machen Sie auf, Herr von
Lemberg! Malchen fuhr zusammen, aber ich sprang, den Degen in der Hand,
nach der Thür, machte sie auf, und Gräfin Waller trat herein.
Sie machte die Miene eines Kaufmanns, der seinen Freunden lachend
ankündigt, daß ihm eine kleine Spekulation, mit einem nicht nennenswerthen
Verlust von funfzig tausend Thalern verunglückt sey. -- »Guten Morgen, Frau
mit drey Männern,« rief sie, indem sie auf Malchen zu hüpfte und vor Lachen
ersticken wollte: »Hierdurch werden Sie (sie gab ihr ein zusammengelegtes
Papier) hierdurch werden Sie zwey davon los: einen Grafen und ein
Premier-Lieutenant, und nun wird Ihnen von selbst zufallen (indem sie sich
nach der Thür zog, das Gesicht von mir abgewandt und die rechte Hand in der
Lage, womit man Schellen auffängt) _der Fähndrich_!« -- Husch! war sie zur
Thür hinaus und mit schallendem Gelächter die Treppe hinunter. Nach einigen
Minuten rollte ihr Wagen unter unserm Fenster hinweg und wir verloren sie
bald aus den Augen.
Siebentes Kapitel.
_Es ist ja richtig!_
Die Schrift war an den Obersten von Lehmniz, Malchens Vater überschrieben.
Ich erboth mich, ihm dieselbe auf der Stelle auszuhändigen, denn ihr Inhalt
ging mich (wie ich aus den Worten der Gräfin schloß) viel zu nahe an, als
daß ich hätte ruhig dabey bleiben können. Aber Malchen wollte lieber, daß
ich seine Ankunft erwarten sollte, denn sie fürchtete immer noch, von dem
Grafen überrascht zu werden. Der Oberste kam endlich mit seiner Gemahlin.
»Nein,« sagte er, als er in die Thüre trat: »so ganz richtig ist es diese
Nacht nicht zugegangen. Ich bin ein paarmal über dem Gepolter aufgewacht.
Nu, wir wollen jetzt sehn!«
Er erstarrte, als ich ihm so auf einmal in die Augen fiel! »Was Henker und
Hagel!« rief er, indem er mich wild beym Arme nahm und ans Fenster zog:
»Fähndrich Springinsfeld in einer Nachtjacke bey meiner Tochter? Ich bitt'
euch um Gottes willen, sprecht, sprecht!«
Frau von Lehmniz stand ohne Bewegung von der Seite, und sah uns mit starren
Augen an. Malchen konnte eben so wenig sprechen als ich. Stillschweigend
reichte ich dem Alten die Schrift der Gräfin. Er riß sie ungestüm auf
und einige Stücke Papier fielen ihm entgegen. Ich hob sie auf, setzte sie
zusammen, und sahe, daß es ein zerrißner Ehekontrakt war.
»Verwünschte Pfote,« rief der Alte: »verwünschte Pfote!« und alle seine
Glieder zitterten. »Lies Jettchen, lies!« Er gab seiner Gemahlin die
Schrift, und sie las:
»Es sind diese Nacht in der Brautkammer Dinge vorgefallen, die sich mit
Menschenzungen nicht aussprechen lassen« --
»Ha, Fähndrich!« rief Malchens Vater, und packte mich vor der Brust.
Malchen that einen lauten Schrey, und Frau von Lehmniz suchte mich von
ihm loszumachen. Ich hätte mich nicht gewehrt, und wenn er mich erdrosselt
hätte!
Mein Gott! sagte Frau von Lehmniz -- laß ihn doch nur los, bis ich alles
gelesen habe!
»Nein,« rief er, »nein!« und dabey packte er mich noch grimmiger an, und
schüttelte mich, daß mir die Zähne klapperten. Frau von Lehmniz las weiter:
»Mein Neffe hat zuweilen Anfälle von Unsinn und Verrückung, das hat
er diese Nacht gezeigt. Ihre Tochter und der Fähndrich werden Ihnen
erzählen« --
In dem Augenblicke nahm er Malchen bey der Hand und schüttelte sie eben
so wie mich: »erzählt, erzählt!« rief er dabey wie ausser Athem. Hätte er
Malchen noch einmal so geschüttelt, so wär' ich dazwischen gesprungen,
aber er schien sich etwas zu mäßigen, und ich fing an zu erzählen. Während
meiner Erzählung ward die Hand, womit er mich fest hielt, immer lockerer,
und endlich ließ er mich ganz los und behielt nur noch Malchens Hand, die
er hitzig hin und herschleuderte. Zuweilen fragte er: ist das alles wahr,
meine Tochter? Malchen nickte dann jedesmal mit dem Kopfe, und blickte
dabey ihre Mutter ängstlich von der Seite an.
Während meiner Erzählung trat Fräulein Louise ins Zimmer. »Was will _sie_
hier?« fuhr er sie an, und Louise machte die Thür unter allen Merkmalen des
höchsten Erstaunens langsam wieder zu.
Als ich meine Erzählung geendigt hatte, sprang er auf, ging nachdenkend
im Zimmer auf und ab -- plötzlich ergriff er das Pistol und fuhr zur Thür
hinaus. Ich stürzte hinterdrein. Er rannte die Treppen hinunter und rief
eines Rufens: Wo ist er? Wo ist er? der --
Aber kein Graf zu hören und zu sehen! Fräulein Louise sprang herzu, und
sagte: er ist fort! »Warum,« schrie der Alte und griff nach ihrem Arm,
»warum hast du ihn fort gelassen?« Das arme Mädchen zitterte und bebte und
fiel mir halbohnmächtig entgegen. Ihr Vater ließ sie los, und blieb einige
Augenblicke unbeweglich auf einem Flecke stehen. Auf einmal nahm er mich
bey der Hand, schüttelte sie und sagte: bey den _Haaren_, hast du sie aus
der Kammer geschleppt? -- Ja, sagte ich, und die Treppe hinunter geworfen!
Es schien, als ob er sich nach dieser Frage und Antwort ein wenig
beruhigte. Er sah Louisen, die sich mit dem Kopfe gegen einen Pfeiler
gelehnt hatte, an, und nahm sie bey der Hand. »Komm nur mit herauf
Louischen,« sagte er sanft zu ihr, »daß du selbst siehst, daß du selbst
hörst« -- Er ward von neuem hitzig, aber nicht in dem Grade als vorher.
Wir gingen hinauf und fanden Malchen und ihre Mutter in Thränen. »Lies
weiter!« sagte der Oberste und warf sich in einen Lehnstuhl, daß er laut
krachte.
»alles erzählen!«
»Mein Gott, das hast du ja schon gelesen! sagte er zur Frau von Lehmniz und
sie las weiter:
»Ihre Tochter wird mit einem Fähndrich, der seine gesunde fünf Sinne
hat, besser fahren, als mit einem Grafen, der nicht richtig im Kopfe
ist; deswegen erfolgt hierbey der Ehekontrakt zerrissen zurück und die
Ehescheidung soll binnen hier und vier Wochen auf Ihrem Guthe seyn.
Uebrigens würden Sie wohl thun, wenn Sie die ganze Sache schlafen
ließen, und nicht durch einen unüberlegten Schritt uns alle, besonders
aber Ihre arme Tochter, zum Gelächter machten. Ich habe mich deshalb
entfernt, und Sie thun wohl, wenn Sie meinem Beyspiele folgen und sich
nicht den Fingerzeigen der Welt aussetzen. Von meinem Neffen sage ich
mich hiermit ein für allemal los, und Sie würden sehr ungerecht seyn,
wenn Sie mich wollten büßen lassen, was er verbrochen hat. Wenn er
Ihnen einmal in die Hände fallen sollte, (woran ich aber zweifle, denn
er ist vor einer Stunde fort geritten und niemand weiß wohin) so werden
Sie schon so mit ihm verfahren, (das traue ich Ihrem bekannten Gefühle
für Ehre zu) daß er sich in Zukunft hüten wird, sich eine Gemahlin für
einen Andern zu nehmen. Leben Sie wohl, und halten Sie die ganze Sache
so geheim als möglich -- das verlangt Ihre eigne und Ihrer Tochter
Ehre.«
»Den Kopf spalt' ich ihm!« rief der Oberste: »darauf kann er rechnen!
Und wäre das Weib nicht ein Weib -- seht, Kinder! -- Aber was meynst du,
Jettchen -- fuhr er zu seiner Gemahlin fort -- der Blitzjunge hat die
beyden Kerls bey den Haaren zur Thür herausgeschleppt? Hättest du ihm das
wohl angesehen?«
Ja, das hat er gethan! rief Malchen und ihre Augen funkelten vor Freude.
Frau von Lehmniz und Louischen sahen mich verwundert an. In den Mienen und
Bewegungen der letztern zeigte sich eine aufs höchste gespannte Neugier;
aber zum Unglück waren wir alle zu sehr vertieft, als daß wir auch die
kleinste ihrer Fragen hätten beantworten können.
Aber, was soll nun werden? sagte Frau von Lehmniz.
»O, ich wollte, daß du mit deinen Fragen« -- sagte der Alte: »Der Kopf ist
mir ja so verrückt, daß ich noch nicht 'mal weiß, was geschehen ist,
viel weniger, was geschehen soll. -- Beym T** du kannst mir ja doch eine
Viertelstunde Bedenkzeit gönnen!«
Wir wollen den Papa allein lassen! sagte Fräulein Louise -- komm Malchen,
du sollst mir erz--
»Durchaus nicht! Ihr sollt alle hier bleiben!« rief der Oberste. Louischen
trat trostlos zurück.
»Noch eins, Jettchen« -- sagte er zu Frau von Lehmniz: »examinire 'mal
die da (auf Malchen zeigend) ob nicht -- Henker! Du verstehst mich ja! Geh
doch! Du weißt, als es noch kleine Krabben waren --«
Frau von Lehmniz nahm Malchen bey der Hand und führte sie zum Zimmer
hinaus. Louischen wollte hinterdrein, aber die Thür ward ihr vor der Nase
zugedrückt. Sie ging ans Fenster und die hellen Thränen schossen ihr über
die Backen.
Mich nahm der Alte beyseite und sagte halblaut, halbleise: »Springinsfeld,
hat der Teufel sein Spiel gehabt?«
Mir schoß mein ganzes Blut ins Gesicht und ich bebte ärger als ein
Missethäter.
»Ja, Junge? Nicke nur, oder schüttle, wenn du es nicht sagen kannst!«
Ich konnte weder nicken noch schütteln. Nicken _wollt'_ ich nicht, und
schütteln _konnt'_ ich nicht, mithin stand mein Kopf wie eingerammelt.
Du sollst es ja nicht sagen! Nicke, oder schüttle doch nur! Du schüttelst
nicht? Mithin ist es richtig! Nicht? -- Du schüttelst nicht? -- Es ist
richtig, es ist richtig! rief er auf einmal und ließ mich los -- Jettchen,
komm 'rein, es ist richtig!
Frau von Lehmniz erschien mit Malchen. Er nahm die Hand der letztern und
legte sie in die meinige. »Sieh, Jettchen,« sagte er zu Frau von Lehmniz
und ein paar große Thränen stiegen ihm aus den Augenwinkeln: »Sieh nur --
diese Kinder sollen sich heyrathen!«
»Heyrathen?« schrie Fräulein Louise und sprang mitten unter uns.
»Es ist ja richtig!« rief ihr Vater: »Kinder, es ist ja richtig! Was kann
es anders werden? (er wandte sich zu seiner Gemahlin) Hast du's nicht auch
richtig befunden?«
Malchen zerdrehete die Zipfel ihres Halstuches, ich sah an die Decke, und
Fräulein Louise guckte andächtiglich durchs Fenster.
Achtes Kapitel.
_Aussichten zu Mord und Todschlag._
Nach einigen Minuten trat ein Offizier ins Zimmer, und foderte mich
im Namen des Premier-Lieutenants Rahm auf Schuß oder Stich. Die drey
Frauenzimmer erschraken von ganzem Herzen, aber der alte Husar hatte eine
innerliche Freude. »Ich sekundire ihm,« rief er -- »Aber sagen Sie dem
Herrn von Rahm zurück: brave Kerls schlügen sich auf den Hieb! Um Neun
Uhr kann er ins *** kommen, da soll er uns finden; und wenn ihm _der_ (er
zeigte auf mich) nicht genug giebt, so kriegt ers von mir -- denn sehen
Sie (auf Malchen zeigend) das Mädchen ist meine Tochter! Sagen Sie ihm das
wieder!«
Bey den letztern Worten fingen die drey Weiber laut an zu schreien.
»Hast du es vergessen,« sagte er zur Frau von Lehmniz: -- »Daß ich mich mit
drey Oestreichern 'rumgehauen habe? -- Und du (zu Malchen) daß _der_ diese
Nacht die beyden Kerls bey den Haaren zur Stube 'rausgeschleppt hat? --
Also! -- Und nun gebt mir keinen Laut von euch, daß ichs höre?«
Darauf schickte er seinen Jäger fort, der meine Uniform und Degen holen
mußte. Während der Zeit nahm er mich beym Arm, und ging mit mir im Zimmer
auf und ab. Zugleich horchte er, ob eine von den Damen wimmerte, und hörte
er einen Seufzer, so drückte er jedesmal meinen Arm fest an sich, um mich
aufmerksam darauf zu machen.
Als meine Uniform kam, half er sie mir anziehen. Seine Uhr legte er auf
den Tisch, und wenn eine Viertelstunde vorbey war, sagte er es jedesmal.
Endlich schlug es drey Viertel auf Neun, und es wurden zwey Pferde
vorgeführt. Nun konnten die ernstlichsten Drohungen die Weiber nicht mehr
zurückhalten. Sie hingen sich wechselsweise an mich und an den Vater,
aber er sagte ihnen statt alles Trostes: Die Ehre ruft! Habt euch nicht so
närrisch, Kinder! -- Für Malchen behielt er seinen kräftigsten Trostspruch
bis zuletzt auf, denn erst unten an der Treppe sagte er zu ihr: er soll dir
ein paar Finger mitbringen zum Brautgeschenk; freuest du dich nicht darauf,
Töchterchen? -- Aber Töchterchen wurde ohnmächtig! Ohne sich weiter um
sie zu bekümmern, nahm er mich bey der Hand und sagte: Närrchen, es war ja
nicht mein Ernst!
Neuntes Kapitel.
_Nur zwey Finger! und die ganze Geschichte ist aus._
»Springinsfeld,« sagte er unterwegs zu mir: »es wäre doch so übel nicht,
wenn Du ihm ein paar Finger kürzer machtest! Warum streckt er sie nach
verbotener Frucht aus. Sieh (er zeigte mir mit seinem Hirschfänger eine
Bewegung) wenn du, eh er sichs versieht, mit dem Degen von der Seite
herumfährst, so sind die Finger, die am Griffe liegen bloß, und du kannst
sie ihm mit einem Hieb abnehmen. Dann ist die ganze Geschichte aus, und ihr
seyd wieder gute Freunde!«
Ich mußte dem alten wunderlichen Manne versprechen, mein Möglichstes zu
thun, um ihm zwey Finger abzunehmen, und wir kamen in ** an. Rahm erschien
mit seinem Sekundanten kurz nach uns.
Rahms Anblick brachte mich aus aller Fassung. Alle Ideen der vorigen Nacht
wurden in meinem Kopfe von neuem rege, und ich griff eben so rasch nach
meinem Degen, als ich vor einigen Stunden nach dem Pistol griff. Ich zog
und legte mich in Positur.
Rahm ließ mich nicht lange warten. Sein Degen pfiff auf mich ein, und
Schlag auf Schlag fiel hier und da!
»Was ich dir gesagt habe, Fähndrich!« sagte der alte Husar, der mir zur
Seite stand -- »das Brautgeschenk!«
Aber ich hatte es mit keinem Neulinge zu thun! Rahms Streiche fielen so
rasch, so hageldicht, so gewaltig, daß solch ein frischer Arm dazu gehörte,
als der meinige war, wenn er nicht am Degengriff erstarren sollte.
Keiner von uns gab einen Laut, aber der Alte machte bey jedem Ausfall ein
Feldgeschrey mit seinem »Was ich dir gesagt habe, Fähndrich!«
Wir thaten drey Gänge, und von beyden Seiten kein Tropfen Blut. »Brave
Jungen, brave Jungen!« sagte der Alte während der Pause -- »Aber was ich
dir gesagt habe!«
Zum viertenmal stürzten wir auf einander, und Rahm schien seine ganze Wuth
und Stärke zusammenzunehmen. Hitziger als vorher drang er auf mich ein,
und mit jedem Hiebe stieg seine Erbitterung. Seine Streiche wurden immer
gewaltiger, aber seine Paraden immer sorgloser und unordentlicher, und
als er endlich einen wüthenden Kopfhieb auf mich führte, that ich einen
Seitenschritt, und hieb ihm über den Arm, daß sein Degen sank und ein Strom
von Blut an demselben herunterschoß.
»Victoria!« schrie der alte Husar, und sprang zwischen uns -- »Alles gut,
alles vergessen! Nun vertragt euch!«
Rahm reichte mir mit weggewandtem Gesichte seine linke Hand, und als mich
der Alte zum Versöhnungskuß schob, drehete er den Kopf, und ließ mich sein
Ohr küssen.
»Pfui« -- sagte der Oberste, indem er sein Schnupftuch herauszog, und es
Rahmen fest um seine Wunde wickelte -- »Blut macht gut! Ihr sollt und müßt
euch vertragen!« Darauf drehete er mir Rahms Mund entgegen. Rahm lächelte,
und umschloß mich mit seiner linken recht herzlich. Der alte Lehmniz that
einen Luftsprung. Wir halfen dem Lieutenant auf sein Pferd, und er war im
Begriff mit seinem Sekundanten, ohne uns, davon zu reiten, aber der Oberste
sprengte hinterdrein, und sagte: »Rahm, Ihr hättet eure Schuldigkeit nicht
halb gethan, wenn Ihr nicht mit mir rittet, und euch nicht noch mit meiner
Tochter vertrüget. Denn seht nur, das arme Mädchen habt Ihr am meisten
beleidigt!«
Mir wurde warm bey diesen Worten.
»O, ersparen Sie mir diese Demüthigung,« erwiederte Rahm -- »zu allem
andern steh ich zu Befehl!«
»Nun gut, bey einer andern Gelegenheit! Aber sagt mir nur, warum hat der
Windbeutel nicht zu meiner Tochter ins Bette gewollt? Sie ist doch, beym
T**! nicht häßlich!«
Schön wie ein Engel! sagte Rahm, und bey mir stieg eine Art von Verdruß
auf, daß er sich unterfing, dies zu sagen: Aber heute verlangen Sie keine
weitläuftige Erzählung von mir. Waller heyrathete nicht Ihre Tochter,
sondern Ihr Geld. Sein Vermögen war durch die Lüfte, das hätten Sie bey der
geringsten Nachforschung erfahren können. Seine Tante spürte Sie auf, bey
einer Geschichte, die Lembergen betraf, und sie konnte nicht besser wählen,
denn Sie sind der gutherzigste Mann von der Welt. Aber Waller hatte auf
seiner Reise nach _Paris_ mit seinem Vermögen -- _Alles_ verloren. Ich
sollte das ersetzen, und er wollte das Geld nehmen! Dies sey Ihnen für
heute genug. Wenn ich geheilt bin, erlauben Sie mir wohl einen Besuch auf
Ihrem Guth?
»O, Du kömmst mit zur Hochzeit!« -- erwiederte der Oberste: »Aber, das
sag' ich dir: Hand von der Braut! Nun reit' in Gottes Namen, und laß dich
verbinden!«
Er gab seinem Ungar die Spornen, und wir sprengten davon. Zu Hause
empfingen sie uns mit lautem Freudengeschrey. Malchen musterte mich von
oben bis unten, und eine sanfte Freude leuchtete aus ihren Augen, als sie
mich so ganz unversehrt wiedersah. Unterdessen ließ ihr Vater anspannen,
die Kutsche fuhr vor, und die ganze Familie stieg ein. Ich begleitete sie
bis vor das ** Thor, wo mich der Oberste umkehren hieß. Malchen streckte
mir ihr weißes Händchen aus der Kutsche her, und ihr Vater rief: »In
vier Wochen, Springinsfeld! Sobald die alte Schlange in D** die Scheidung
schickt, schreibe ichs dir: dann sitz' auf und komm!«
Moriz.
Fünftes Buch.
Erstes Kapitel.
_Liebe und Subordination._
Während der vier Wochen hatte Malchen fleißig an mich geschrieben, und ich
eben so fleißig an sie. Dieser ganze Zeitraum war für mich eine unendliche
Kette von Freuden, die nur glückliche Liebe, welche mit allem, was die
Hoffnung Entzückendes hat, genährt wird, so rein und lauter, so abwechselnd
und ewig neu über ein zärtliches Herz ausschütten kann. Ich brannte vor
Ungeduld, Malchen zu sehen, ich zählte anfangs jeden Tag, dann jede Stunde
und endlich jede Minute. Diese däuchten mir jetzt einzeln länger, als
anfangs der ganze Zeitraum von vier Wochen.
Endlich kam der Brief, der mir Nachricht gab, daß die Ehescheidung
ausgewirkt und schon auf dem Gute des Obersten sey.
»Nun komm, Moriz,« schrieb mir Malchen, »flieg in meine Arme. Meine
Augen sollen die ersten seyn, die Dich sehen, meine Arme die ersten,
die Dich umschließen, meine Lippen die ersten, die auf den deinigen
haften. Dein Athem soll mich zuerst anwehen, Dein Herz zuerst an
dem meinigen pochen. Darum steige nicht vor dem Schlosse ab, wenn Du
kömmst, sondern an der Gartenthür; sie soll offen stehen, und ich
bin an derselben. Hand in Hand fliegen wir dann auf das Zimmer meines
Vaters, und dann zu meiner Mutter, und dann überall hin. Ich schlafe
nicht, bis ich Dich sehe, und werde nicht schlafen können, wenn ich
Dich gesehen habe. Uebermorgen zwischen vier und sechs Uhr mußt Du bey
mir seyn, und bist Du es nicht, so bist Du todt, oder Du liebst mich
nicht mehr.«
Diese Zeilen gossen Feuer in meine Adern. Zu Fuße hätte ich fortlaufen
mögen, wenn ich bedachte, daß mein Pferd erst gesattelt werden müßte. Ohne
Urlaub wäre ich davon gesprengt, wenn mich nicht meine Kameraden gehalten
hätten. Ich muß halb von Sinnen gewesen seyn.
»Zwischen vier und sechs Uhr muß ich da seyn!« sagte ich zu meinem General,
als ich ihn um Urlaub bat, und glaubte ihm dadurch den allerkräftigsten
Bewegungsgrund zur Erfüllung meiner Bitte angegeben zu haben.
»Es wird wohl etwas später werden, mein lieber Lemberg!« sagte der alte
Krieger lächelnd, denn er wußte, wo es mir fehlte.
»Nicht eine Minute später,« sagte ich, »sie hält mich sonst entweder für
untreu oder für todt!«
»Recht soldatische Bewegungsgründe, haben Sie zu Ihrer Reise, mein lieber
Lemberg!« erwiederte er: »sie leuchten mir ein, und deßhalb sollen Sie
morgen früh um neun Uhr den Urlaub haben!«
Ich erstarrte. Morgen früh um neun Uhr! Da hätte ich in sieben
Stunden sechszehn Meilen reiten müssen. Unmöglich! Kaum hatte ich dies
ausgerechnet, so drehete ich mich um, mit dem festen Entschluß, ohne
Erlaubniß davon zu jagen.
»Sprudelkopf,« rief er ernsthaft: »ich weiß, was du willst! -- Ein Soldat
muß _lieben_ und _gehorchen_ können. Hier ist dein Urlaub auf sechs Monat,
schon geschrieben, aber du bekömmst ihn nicht eher als morgen früh um sechs
Uhr. Nun steht es bey dir, zu bleiben oder zu reiten.«
Ich ging stillschweigend nach der Thür.
»Sag' zu meinem Johann,« rief er mir nach: »daß er sogleich aufsitzt, und
auf jeder Station Pferde in meinem Namen bestellt. Ihrer kannst du dich
bedienen. Sorge nun, daß deine Liebe soviel von ihren Rechten nachläßt, als
die Subordination von den ihrigen. Reise glücklich!«
Er ging. Ich sah ihm stumm und verstürzt nach, und das helle Wasser stand
mir in den Augen.
Zweytes Kapitel.
_Er kömmt und -- sieht!_
Welch eine Nacht hatte ich zuzubringen! Meine Liebe kämpfte unabläßig
mit meiner Pflicht, besiegte sie, und ward von ihr besiegt. Meine Freunde
thaten alles, um mich aufzuheitern, aber ich ward erst froh, als es sechs
Uhr war. Der Adjutant brachte mir den Urlaub, und ich sprang auf mein
Pferd, das schon seit zwey Stunden gesattelt vor meinem Quartiere gestanden
hatte.
Armer Rappe! riefen meine Kameraden, und ich sprengte davon. Der Boden
zitterte unter mir, und meine Haare und die Mähne meines Rosses sausten.
Mein Geist war bey Malchen, und mein Körper sechszehn Meilen von ihr. Mein
armes Pferd mußt' es entgelten, wenn jener durch irgend einen Zufall auf
einige Minuten zu diesem zurückgerufen wurde.
Auf jeder Station schrieb man sich meinen und des Generals Namen sorgfältig
auf, und versprach, Nachricht zu geben, ob die Pferde, die ich geritten,
mit dem Leben davon kommen würden. Auf der letzten mußte ich mir das Pferd
geradezu kaufen, weil der Postmeister dasjenige, was mich zu ihm gebracht
hatte, vor seinem Hause umfallen sah.
Es war drey Viertel auf vier, als ich den Schloßthurm von Lehmniz
erblickte. Beynah hätte ich vergessen, was mir Malchen so dringend
aufgegeben hatte: durch den Garten mich dem Schlosse zu nähern.
Ein paar tausend Schritte von der Gartenmauer erhob sich ein kleiner Hügel,
von dem ich alles übersehen konnte. Ich glaubte auf einer Terrasse mitten
im Garten ein Frauenzimmer zu erblicken. Sie schien eilig die Terrasse
herabzusteigen, als sie mich dahersprengen sahe. »Wer kann es anders seyn
als Malchen,« rief ich laut: »sie eilt von der Terrasse, und mir entgegen!«
In wenig Minuten war ich an der Gartenthür; ich sprang vom Pferde, und band
es an den ersten den besten Baum. Ich trat in den Garten; kein Malchen war
da. »Und sie wollte doch an der Gartenthür seyn!« murmelte ich. -- Ich
ging die Allee hinan, die zur erwähnten Terrasse führte -- kein Malchen zu
sehen! -- »Wenn sie auf der Terrasse war, konnte sie hundertmal herab
zur Gartenthür und zurückgelaufen seyn, ehe ich den Garten erreichte« --
murmelte ich wieder, und ich fühlte auf einmal die Kopfschmerzen, die mir
die Luft und das Stoßen des Pferdes verursacht hatten. Als ich Malchen noch
an der Gartenthür zu finden hoffte, fühlte ich sie nicht. Ich näherte mich
der Terrasse. An dem Fuße derselben war ein chinesisches Gartenhäuschen,
durch ein Seitenfenster sah ich hinein, und o! was sahe ich!
Malchen saß -- mit einer Mannsperson in blauer Uniform auf einem Kanapee.
Er hatte seinen linken Arm fest um sie geschlungen, sie ihren rechten um
ihn. Sein Kopf ruhte an ihrer Brust, sie sahe schmachtend zu ihm hinab, er
schmachtend zu ihr hinauf. Zuweilen schielten beyde, wie es mich dünkte,
lächelnd nach dem Fenster, das vor ihnen war. Die Mannsperson kam mir sehr
jung und sehr bekannt vor, aber ich hatte nicht Zeit, es zu untersuchen.