Flechten Sie der Louise einen andern und geben --

Ich machte mit Augen und Händen eine Bewegung, daß sie ihn mir geben

sollte.

»Ey, ja doch! Nein, nein!«

Bitte, bitte recht schön!

»Nichts!«

Ich fühlte eine kleine Regung von Unwillen in mir aufsteigen, denn ich

hatte doch deutlich gehört, daß der Kranz für mich geflochten war.

Wollen Sie nicht?

»Nein!«

Nun, so lassen Sie's bleiben!

»Das will ich auch!«

Ich pflücke mir selbst Blumen und flechte mir einen.

»Du kannst es doch nicht so hübsch, wie ich!«

Spaß!

»Aber solche hübsche Blumen wie diese, wirst Du doch nicht finden!«

Hm! wo diese gestanden haben, stehen mehr!

Ich entfernte mich einige Schritte von ihr, setzte mich nieder und

pflückte, was mir unter die Hände kam. Sie sah ein paarmal verstohlen

nach mir her und besserte immerfort an dem zerdrückten Kranze. Nach einer

kleinen Pause sagte sie zu mir:

»Steht nicht da bey Dir ein Tausendschönchen?«

So erbittert ich war, so rasch und willig drehete ich mich um, und sah nach

einem Tausendschönchen. Ich fand eins, pflückt' es und bracht' es ihr, ohne

eine Sylbe zu sagen.

»Ich danke Dir, Moriz! Siehst Du, hier fehlt es!«

So?

Ich ging stillschweigend fort und setzte mich wieder an meinen alten Platz.

Sie machte sich sehr viel mit dem Kranze zu schaffen; im Grunde besserte

sie aber nichts daran, konnte auch nichts daran bessern, denn er war nicht

im mindesten beschädigt. Nach einer kleinen Weile fing sie wieder an:

»Ach, Morizchen, nur noch eins!«

Ich stand brummend auf, und pflückt' es. Das Morizchen that mir unendlich

sanft, aber mein Verdruß ließ nicht zu, daß ich es mir eingestund.

Da ist es, Malchen.

In dem Augenblicke schlug es drey. Sie sprang auf, faßte mit ihrer Linken

meine Rechte, und mit ihrer Rechten setzte sie mir in vollem Laufe, den

Kranz auf den Kopf. So jagten wir völlig versöhnt auf das Schloß zu.

Neuntes Kapitel.

_Das Liebespfand._

Wir rauschten in die Stube hinein, wo wir den Magister Fink, den jungen

Herrn, und Fräulein Louisen schon antrafen.

»Man gehe hübsch sachte auf ein andermal,« sagte der Magister, »man könnte

fallen. Ueberhaupt aber schickt es sich nicht, wenn man in ein Zimmer

gleichsam hereinbrauset, um so weniger, da ich diese Stunde unserer

allerheiligsten Religion gewidmet habe. Man nehme die Katechismos!«

Wir setzten uns lachend zu den Andern und thaten, als wenn wir von der

Strafpredigt nichts hörten.

»Monsieur Ernst, wo hat man seinen Katechismum?«

Ich hab' ihn vergessen!

»=Proh Deum=, über die unerhörte =negligentiam=!«

Ich kann ja mit in Malchens Buch sehen!

»Man mache sich keine Hoffnung! -- Aber -- was erblicke ich! -- einen

Kranz? Man nehme hurtig den Kranz vom Kopfe, man würde nur die Andern in

ihrem Fleiße stören!«

Bitte, Herr Magister!

»Man bitte hin und bitte her -- man wird nichts damit ausrichten. Man nehme

hurtig den Kranz vom Kopfe!«

Ich will recht stille seyn, liebster Herr Magister!

»Nun ist man der liebste Herr Magister! Man mache sich keine Hoffnung, ihn

mit Schmeicheleyen auf seine Seite zu bringen.«

Liebster, bester Herr Magister!

»Nun, wird es bald? Ich sehe wohl, man muß nicht anstehen, ihm den Kranz

mit eignen Händen herunter zu reißen!«

Ich sprang auf und lief zur Thür.

»O, Herr Magister,« riefen Malchen und Louise zugleich, »lassen Sie ihm

doch den Kranz!«

Man halte das Maul! sagte Fink zornig.

Malchen und Louise hielten sich mit beyden Händen den Mund zu.

Bey dem Lärmen kann man auch gar nichts lernen! brummte der junge Herr,

machte sein Buch zu und schob es von sich. Als Fink sahe, daß sein Liebling

böse wurde, stieg sein Zorn auf den äußersten Grad. Er lief auf mich zu,

aber ich war in einem Sprunge zur Thür hinaus. Malchen that einen lauten

Schrey, als er seine Hand ausstreckte, um mich zu packen.

»Verstockter Bösewicht!« rief er hinter mir her und machte die Thüre zu.

Mir war nicht am besten zu Muthe. Ganz fort zu gehen, und dem Magister

für heute nicht wieder zu nahe zu kommen, dazu hatte ich nicht Herz genug.

Meinen Kranz abzulegen, und dadurch dem ganzen Streit ein Ende zu machen,

fiel mir nicht ein, denn er kam von einer Hand, für die ich durch Feuer und

Wasser gelaufen wäre.

So stand ich eine Weile auf dem Saale, unschlüßig, ob ich umkehren

sollte, oder nicht. Wenn die Geschichte mit Marthens Weinschränkchen nicht

vorgefallen wäre, so würde ich den geradesten Weg nach Hause genommen

haben; aber eine Untersuchung über die verstohlne Näscherey fürchtete ich

eben so sehr, als den Zorn des Magisters.

Ich näherte mich der Thür einigemal und streckte die Hand aus, um sie

aufzumachen, aber der fürchterliche Gedanke: Fink könne an derselben

stehen, und mir, so wie ich den Kopf herein steckte, den Kranz herunter

reißen -- jagte mich immer wieder zurück. Endlich wagt' ich es, aber mit

Vorsicht. Ich nahm den Kranz herunter, hielt ihn in der linken Hand und

mit der rechten machte ich die Thür auf. Als ich den Magister am Ende des

Zimmers auf seinem Stuhle sitzen sah, kam ich dreist herein und zog mich

hinten herum gerade zu Malchen. Der Kranz saß wie vorher auf dem Kopfe.

Des Magisters Hitze schien sich abgekühlt zu haben. Er examinirte Louischen

im Katechismus, und that, als ob er mich nicht sähe. Aber einige gierige

Blicke, die er von Zeit zu Zeit auf meinen Kranz schießen ließ, machten

mich mißtrauisch. Bey der kleinsten Bewegung von seiner Seite, fuhr ich

zusammen, und dabey legte ich meine rechte Hand jedesmal auf den Kopf, um

den Kranz zu schützen, wenn er etwa einen Hauptsturm auf denselben wagen

sollte. Blut und Leben hätte ich seiner Vertheidigung aufgeopfert, und

Malchen hätte nicht einmal nöthig gehabt mir ins Ohr zu sagen: Laß ihn dir

nicht nehmen!

Es vergingen wohl zehn Minuten, ohne daß von feindlicher Seite etwas

unternommen wurde. Ich hielt mich am Ende schon für sicher, und gab

deswegen nicht mehr so fleißig auf den Magister Achtung. Plötzlich sprang

er auf, und fuhr mit seinem langen Arm nach meinem Kopfe; meine Hände

fanden sich zur Vertheidigung ein; ich bog den Kopf weit zurück, aber doch

nicht weit genug, als daß er den Kranz nicht hätte erreichen können. Ich

schrie was ich konnte, aber er ließ sich nicht irre machen. Endlich riß

ich mich los und er behielt ein Stück des Kranzes in Händen. Mit rasendem

Grimme sprang ich zur Thür, machte sie weit auf, sah mich erst um, ob

auch jemand in der Nähe wäre, der mich halten und dem Magister ausliefern

könnte; als ich aber niemand bemerkte, stellte ich mich, roth wie ein

Truthahn, in die Thür, und rief mit einer fürchterlichen Anstrengung:

_Alter Schlingel!_ und nun über Hals, über Kopf die Treppe hinunter, und

zum Hause hinaus.

Zehntes Kapitel.

_Furcht und Unruhe gebären einen sehr kecken Entschluß._

Als ich im Freyen war, und sich meine Hitze gelegt hatte, stieg eine

peinvolle Besorgniß in mir auf. Ich konnte leicht vermuthen, daß der

Magister »_den alten Schlingel_« nicht auf sich sitzen lassen, und daß

er zum gnädigen Herrn und von da zu meinem Papa gehen und mich verklagen

würde. Bey dem erstern würde es die Folge haben, daß er mir von stundan

das Haus verböthe, unter dem Vorwande, daß ich seine Kinder mit meiner

Gottlosigkeit ansteckte; und bey dem letztern die, daß ich nach Befinden

wohl gar die Ruthe davon trüge. Es wäre mir nicht halb so bange gewesen,

wenn ich an Marthen eine gnädige Schutzheilige gehabt hätte, aber bey

ihr, besorgte ich, durch die Unternehmung auf das Weinschränkchen, alles

verdorben zu haben, und dieser Gedanke machte mich muthlos. Ich warf mich,

in einer Verzweiflung, die so stark war, als sie in jenen Jahren seyn kann,

nicht weit vom Schlosse nieder, und wälzte mich voll einer Angst, die

am Ende in helle Thränentropfen ausbrach, Kopf oben, Kopf unten im Grase

herum.

Mein erster Gedanke war, in alle Welt zu gehen. Vom Schlosse gejagt zu

werden und die Ruthe zu bekommen, waren ein paar Umstände, die mich in

einem Zuge bis zum Vorgebirge der guten Hoffnung würden gehetzt haben, und

die um so heftiger auf mich wirkten, da es ganz ausser Zweifel war, daß sie

Malchen zu Ohren kommen würden. Hätt' ich in meinem Leben wieder die Augen

zu ihr aufschlagen können, wenn ich mich wie ein ABC-Schütz hätte hinlegen

müssen, um mir den St** mit der Ruthe malen zu lassen?

Wenn die Angst erst den kleinen Finger hat, nimmt sie bald die ganze Hand.

Besorgnisse, die mich in meinem gewöhnlichen Zustande nicht angefochten

haben würden, waren mir jetzt unsäglich quälend. Ich stellte mir unter

allen argen Gerichten, die über mich ergehen würden, gerade das allerärgste

vor, und wenn sich auch mein sonstiger Leichtsinn von Zeit zu Zeit einmal

rührte, war er doch nicht fähig, die ängstlichen Grillen zu verjagen. Ruthe

und Malchen, waren zwey Begriffe, die sich durchaus nicht vertrugen, und

die allein schon fähig gewesen wären, meinen Entschluß, in alle Welt zu

gehen, mit jeder Minute fester zu machen; aber es kam noch ein dritter

hinzu, der mir vollends keinen andern Weg übrig ließ.

Mein Papa hatte jährlich drey- oder viermal einen Besuch, auf welchen unser

ganzes Haus, wie auf eine frohe Erscheinung vom Himmel, wartete. Ein

Neffe des Präsidenten von Lemberg, der als Legationsrath in D** stand, kam

jährlich einigemal zu seinem Onkel, und da er meinen Papa als einen alten

vertrauten Freund in der Nähe hatte, so machte er ihm bey der Gelegenheit

jedesmal seinen Besuch. Wenn er in die Stube trat, war ich der erste, der

in seine Arme lief. Er umschloß mich dann mit allem Feuer einer väterlichen

Zärtlichkeit, nannte mich seinen guten Moriz, oder auch (was mir unendlich

süßer klang) seinen lieben Sohn. Er unterhielt sich mit meinem Papa nicht

halb soviel, als mit mir. Ich mußte ihm erzählen, was ich seit seinem

letzten Besuche gelernt, gethan und geschwärmt hatte, und ob ich artig

oder unartig, folgsam oder ungehorsam gewesen? Bey diesem letztern Artikel

wurden auch Papa und Martha vernommen, und sie verschwiegen ihm nichts.

Manche Dinge, die für den Papa bis dahin ein Geheimniß geblieben waren,

kamen dann an den Tag; denn Martha schien es sich zu einer strengen Regel

gemacht zu haben, meinem Papa alles, aber dem Legationsrath nichts zu

verbergen, was ich Böses oder Gutes die Zeit über vorgenommen hatte. Woher

es kam, daß sie diesem Manne keine einzige meiner großen und kleinen Sünden

verschwieg, konnte ich mir aus keinem andern Umstand erklären, als daß

sie, so lange er bey uns war, (und das dauerte zuweilen vier bis fünf Tage)

täglich eine oder zwey Stunden geheime Konferenz mit ihm hielt, und wenn er

abreisete, jedesmal einen neuen Anzug oder ein paar Louisd'or, auch öfters

beydes zugleich bekam. Durch dieses Mittel hatte er sie, wie es mir schien,

so auf seine Seite gezogen, daß sie ihre ganze sonstige Nachsicht gegen

mich vergaß und alles haarklein beichtete, was sie von mir wußte.

Eine Hauptregel, die er mir bey seiner Ankunft und Abreise jedesmal

dringend ans Herz legte und anpries, war diese:

_Hab' Ehrfurcht und Gehorsam gegen deinen Vater und Lehrer, und mache

dir niemand, auch den Geringsten nicht, zum Feinde._

Verstoßungen gegen diesen Grundsatz ahndete er sehr scharf, nicht mit

harten Ausdrücken, sondern mit Ton und Worten einer zärtlichen Rührung, die

lieber weinen als schelten möchte.

Nun denke man sich, was ein Blick auf diesen Mann und diesen Grundsatz für

eine Zerstöhrung in meinem Herzen anrichten mußte. Papa hatte schon seit

acht Tagen gesagt, daß der Legationsrath ehestens kommen würde. »Vielleicht

ist er schon da!« sagte mein beklommenes Herz: »Wenn du nach Hause kömmst,

läuft er dir mit offnen Armen entgegen, drückt dich an seine Brust,

nennt dich seinen lieben Sohn, und mitten unter diesen Ergießungen der

Zärtlichkeit, tritt der Magister in die Stube, und erzählt, wie gottlos du

ihn behandelt hast!«

»Nein, du kannst nicht nach Hause gehen!« war der erste und nächste

Gedanke, der aus jenem entsprang, und sich meiner mit solcher Gewalt

bemächtigte, daß ich aufsprang und ein paar hundert Schritt in größ'ter

Eile fortlief. Aber, so rüstig ich auch vorwärts jagte, holten mich doch

zwey Gedanken ein, die mich anfangs fest, wie angenagelt hielten, und bald

nachher mich auf das Schloß und von da auf unser Gut zurückschoben. Der

eine war: willst du fortlaufen, ohne Malchen etwas davon zu sagen? und der

andre: du mußt deinen guten Phylax mitnehmen, damit dir unterweges niemand

etwas zu Leide thun kann.

Ich ging einigemal verstohlen um das Schloß herum, und hoffte Malchen zu

sehen, aber vergebens. Ich ward zehnmal ungeduldig und wieder geduldig, eh'

es mir einfiel, daß ich sie vor Endigung der Schule nicht würde zu sehen

bekommen. Also entschloß ich mich, unterdessen meinen Phylax zu holen.

Nicht ohne Furcht, der Martha in die Augen zu fallen, stahl ich mich

auf unsern Hof, und fand meinen künftigen Reisegefährten in seiner Hütte

schlafend. Ich nahm ihn beym Ohr und er riß die Augen und seinen großen

Rachen gähnend auf. Als er sahe, daß ich es war, machte er beydes wieder

zu, und steckte den Kopf unter, um wieder einzuschlafen. »Nein, nein,

komm!« sagte ich voller Ungeduld und zupfte ihn beym Ohre. Nun stand er auf

und ging mit.

Ich kam glücklich ohne bemerkt zu werden vom Hofe herunter. Es war mir

unbeschreiblich weh um das Herz, als ich noch einmal nach dem Hause meines

Papa zurücksah; aber diese aufsteigende Wehmuth änderte meinen Entschluß

nicht. Ich ging gerade nach dem Schlosse und versteckte mich in dem

Baumgarten, wo wir gewöhnlich zu spielen pflegten, wenn wir der Zucht des

Magisters entgangen waren.

Eilftes Kapitel.

_Die Gewalt des Naturtriebes._

»Der arme Moriz!« sagte Malchen, als sie in den Garten trat: »Es wird ihm

übel gehn! Aber ich bin an allem Schuld!« Sie nahm die Schürze vor die

Augen.

Er wird sich schon durchbeißen! sagte Louischen.

»Ja, durchbeißen!« brummte der Junker: »Er wird seinen Theil schon kriegen!

Der Herr Magister will es dem Papa sagen!«

Ach, der dumme Magister auch! sagte Malchen.

»Ey warte, das sag' ich ihm wieder!« unterbrach sie ihr Bruder.

Sags, sags, sags! riefen die beyden Mädchen, und fuhren auf ihn zu, eine

nahm ihn bey der linken, die andre bey der rechten Hand, und so sprangen

sie mit ihm zum Garten hinaus, und warfen ihm die Thür hinter dem Rücken

zu.

Nun bekam ich Muth. Bis jetzt hatte ich mich nicht hervorgewagt, weil ich

besorgte, der Junker möchte sich davon stehlen und den Magister rufen. Aber

von den beyden Mädchen hatte ich nichts zu fürchten.

Als sie mich sahen, kamen sie gesprungen und nahmen mich bey der Hand.

»Du hast wieder 'was Schönes gemacht!« sagte Louise.

»Du armer Moriz,« sagte Malchen schluchzend: »wenn sie dir 'was thun

wollen, so schieb die Schuld auf mich!«

Auf Sie? fiel ich hitzig ein. Warum?

»Ich habe dir doch den Kranz aufgesetzt!«

Der Magister wird's dem Papa sagen! fuhr Louise fort.

»Glaub' es nicht, Moriz,« unterbrach sie Malchen: »sie will dir nur bange

machen. Er wird wohl nicht hingehen.«

Bey diesen Worten blinkte sie mit den Augen auf Louisen. Diese verstand

den Wink und verschluckte die Betheurung, daß er ganz gewiß zum Papa gehen

würde. Ich bemerkte dies und wurde um nichts ruhiger.

So fest ich mir vorgenommen hatte, Malchen nur mit zwey Worten zu

sagen: ich will fort! so wenig fähig war ich dazu. Der Vorsatz lag mir

centnerschwer auf dem Herzen! Alle Augenblicke wollt' ich ihn herabwälzen,

aber, wenn es dazu kam, fehlten mir Worte und Muth.

Ich schlenderte stumm und unentschlossen neben den beyden Mädchen her, und

je fester ich mir vornahm, mein Herz auszuschütten, desto schwerer ward

es mir. Zuletzt glaubte ich, meine Unschlüßigkeit rühre von Louischens

Gegenwart her; aber auch daran lag es nicht, denn sie entfernte sich bald

nachher, um zu horchen, ob es Papa schon wüßte, und doch blieb ich so

unruhig und unentschlossen, als vorher, wurde es sogar mit jeder Sekunde

immer mehr und mehr. Ich bekümmerte mich wenig darum, ob Louischen eine

freudige oder fürchterliche Nachricht zurückbringen würde, und Malchen, wie

es schien, eben so wenig. Wir waren beyde gleichtief mit uns beschäftigt.

_Sie_, mit ihrem mitleidigen Herzen und mit ihren Augen, die in Thränen

schwammen, und ich zunächst mit dem Entschlusse, ihr meine Flucht zu

entdecken.

Wir kamen unvermerkt aus dem Garten und gingen Hand in Hand auf ein kleines

Gebüsche zu, das an denselben stieß. In der Mitte war ein Rasenplatz; hier

setzte sich Malchen nieder und ich mich zu ihr. Sie schlug ihren rechten

Arm fest um meinen Nacken, ich meinen linken eben so fest um den ihrigen.

Ich weiß nicht, was für eine wunderseltsame Empfindung sich meiner

bemächtigte. Ich dachte weder an Magister, noch Papa, noch Marthen. Alles,

was mir heute begegnet war, kam mir wie ein Traum vor, dessen Figuren mit

jedem Blick auf Malchens rothe Wangen, sich weiter und weiter entfernten.

Ich war meiner Zunge nicht mächtig, sie eben so wenig. Ich umschloß sie mit

jedem Athemzuge inniger, sie mich, und so sanken wir in das blumigte Gras

zurück. Ich sah nicht, und hörte nicht, und eine Thräne nach der andern

lief mir über die Backen. Die Empfindungen, die mir dieselben

erpreßten, waren nicht traurig, nicht bitter: sie waren so himmlisch, so

unaussprechlich süß! Mein Mund begegnete dem ihrigen, Lippe heftete sich

auf Lippe fest und innig: es war ein ewiger Kuß!

Malchens Herz pochte dem meinigen durch die Schnürbrust fühlbar entgegen,

und ihre Augen fielen langsam zu. Die meinigen blieben halb offen, und

ließen nur einen schwachen Schimmer herein. Vor meinen Ohren flüsterte ein

leises Lispeln und Schwirren, wie wenn man im Begriff ist einzuschlummern.

Manchmal war mirs, als wenn sich ein kältlicher Schauer auf meiner Scheitel

entspönne; er floß hinab bis zum Herzen, von da schoß er brennend zurück

zum Kopfe, und von da, wie ein Feuerstrom, durch die innersten meiner

Nerven und Fibern. Ich zitterte, Malchen noch stärker. Dann und wann machte

sie eine kleine Bewegung, sich aufzuraffen; aber während des Entschlusses

erstarb die Hand, die mich sanft auf die Seite schieben sollte.

Ich weiß nicht, wie lange wir in dieser Lage geblieben seyn würden. Ich

ward ihrer nicht überdrüßig, und Malchen, wie es schien, eben so wenig.

O! sie wurde mit jedem Augenblick entzückender! Ewig und ewig hätte ich so

liegen bleiben mögen, aber --

Zwölftes Kapitel.

_Die Reise geht fort._

Urplötzlich rief eine bekannte Stimme: »Wollt ihr auseinander!« -- Wir

erschracken heftig, sprangen aber nicht auf -- »Junge,« rief es von neuem:

»willst du die Hand da weg thun!« und in eben demselben Augenblicke brannte

eine kräftige Maulschelle auf meinem Backen.

Und wenn ich sterben soll, so weiß ich diese Stunde noch nicht, wo meine

Hand gelegen hat. Ich war ausser mir in jenen Augenblicken; ich wußte

nicht, daß ich Hände hatte, ich wußte nicht einmal, daß ich lebte.

Wir sprangen beyde mit gleichen Füßen auf, rieben uns die Augen, und vor

uns stand -- Malchens Mama. Ich wollte ausreißen, aber sie erhaschte mich

beym Fittig und zog mir über den andern Backen noch so eine Schelle.

»Gottloser Junge,« rief sie dabey, »auf ein andermal steck die Hand _da_

wieder hin!«

Ich stand mit offnen Munde da, und zitterte am ganzen Leibe. Malchen hatte

keinen Athem und drehete an ihrer Schürze.

»Wo du dich wieder hier sehen lässest« -- rief ihre Mama und wollte von

neuem auf mich los; aber mein Phylax stand neben mir und wies ihr seine

großen Zähne.

Sie zog sich zurück, ergriff Malchen beym Arm und puffte sie zum Garten

hinaus. »Du sollst deinen Lohn auch bekommen!« rief sie drohend zurück, und

verschwand.

Ich stand wie versteinert. Das war für mich ein Tag der Angst und des

Schreckens! Was für Verbrechen ich heute eins auf das andre häufte! Und da

sollte ich Muth genug gehabt haben, nach Hause zurückzugehen?

Komm Phylax, sagte ich zu meinem Gefährten, und die Thränen liefen mir über

die Backen: hieher kommen wir nicht wieder! -- Du armes Malchen! Nun hab'

ich dirs doch nicht sagen können!

Ich drückte den Hut tief in die Augen und ging. Phylax watschelte hinter

mir her.

Moriz.

Zweytes Buch.

Erstes Kapitel.

_Nachwehen._

Sobald ich drey oder vierhundert Schritt vom Schlosse entfernt war und

glauben konnte, daß mich von daher niemand mehr beobachtete, setzte ich

mich in Galopp. Dörfer und Menschen vermied ich mit vieler Behutsamkeit,

weil ich in jedem Dorfe einen Spion vermuthete, der mir auflauren, und in

jedem Menschen einen Nachsetzer sah, der mich einholen und zu meinem

Papa zurückbringen würde. Selbst wenn ein Hund kam, um meinen Phylax

anzuschnautzen, oder um ihm, wenn er von höflichern Manieren war, nach

Hundesart sein Kompliment zu machen, hatte ich Angst, denn ich hielt ihn

für einen Spürer; und wenn er dann zu seinem Herrn zurücklief, so war dies

ein Bewegungsgrund für mich, noch ärger zu laufen als er, weil ich keinen

Augenblick zweifelte, daß er nur darum zurückliefe, um seinem Herrn, auf

seine Art zu verstehen zu geben, er habe den Flüchtling aufgespürt.

In dieser Angst und Eile vergaß ich, daß es Nacht werden, und eine Zeit

kommen würde, wo mir Kraft, Athem und Muth ausgehen müßten. Nicht eher

dachte ich an diese fürchterlichen Hindernisse meiner Flucht, als bis

sie hereinbrachen. Auf einmal stutzt' ich, und kaum konnte ich vor

Herzensbeklemmung und Mattigkeit den Fuß vorwärts setzen. Es schien, als

wenn mich alle Schrecknisse, die mir bis jetzt nur immer noch im Rücken

gewesen waren, nun auf einmal eingeholt hätten.

Leiden der Seele und des Körpers bemächtigten sich meiner, und ich weiß

nicht, welche von beyden mich am grausamsten quälten. Ich setzte mich am

Eingange eines Gebüsches nieder, und Phylax legte sich stöhnend an meine

Seite, indem er seinen Kopf auf meinem Schenkel ruhen ließ.

»Was wird Malchen sagen, wenn sie hört, daß man nicht weiß, wo ich bin!«

Dieser traurige Gedanke ergriff mich jetzt: »Und ach, ihre Mama war so

böse, als sie uns überraschte! Sie wird es ihrem Papa sagen, und der nimmt

die Hetzpeitsche und prügelt« --

Ein kalter Schauer lief mir bey diesem Gedanken durch alle Glieder. Ich

wollte aufspringen und fiel wie ohnmächtig zurück.

»O, meine Füße, meine Füße!« winselte ich dann wieder: »Ach, was soll ich

anfangen? Ich muß liegen bleiben! Ich kann nicht gehen, nicht stehen!

Ach, wenn Papa und Martha wüßten, wie elend und krank ich hier liege, sie

würden« --

Wieder ein unerträglicher Gedanke! Ich wollte von neuem aufspringen und

fiel von neuem zurück.

»Wenn sie es wüßten, sie holten mich gewiß zurück -- und ich ginge auch

gern« --

In dem Augenblick hörte ich das Gerassel eines Wagens. Ich sprang auf und

wäre darauf gestorben, daß es Papa's Kutsche sey. Ob ich gleich keinen

Blick zurück gewagt hatte, glaubte ich doch Marthen, den Papa und den

Magister leibhaftig in derselben erblickt zu haben.

Jetzt fühlte ich keine Mattigkeit mehr. Ich brach über Hals über Kopf in

das Gebüsche, fand einen Fußsteig, lief ihn eine gute halbe Stunde endlang

und es dauerte keine kleine Zeit, ehe die Vernunft meiner Furcht bewies,

daß eine Kutsche den schmalen Fußsteig, der von beyden Seiten mit Gebüsch

überwachsen war, unmöglich befahren könne.

Ich ging noch eine Weile auf dem Wege fort, und er ward nach und nach immer

lichter und geräumiger. Auf einmal hörte ich Trompeten und Pauken. Es war

ein lustiger Klang, der meine Bekümmerniß zum Theil vertrieb. Unschlüßig,

ob ich dem Schalle nachgehen, oder die Nacht im Gebüsche zubringen sollte,

setzte ich mich nieder. Beyde Wege schienen mir gefährlich. Suchte ich

den Ort auf, wo die Musik war, so konnte sich zum Unglück ein Bekannter

daselbst finden und mich anhalten; und blieb ich im Gebüsche -- wer gab mir

Brot, wenn mich hungerte? Wasser, wenn mich dürstete? Wer ein Obdach, wenn

es regnete? -- Mein Magen meldete sich ungestüm und meine Zunge lechzte

nach einem Trunke.

Zweytes Kapitel.

_Eine Erscheinung._

Ich saß unter einem Eichbaum, und ein Wiesenplan, hundert Schritt lang und

breit, mit Bäumen und Gebüsch umkränzt, breitete sich vor mir aus. Mein

Auge schwamm in Thränen. Es war alles still; nur ein kleiner leiser

Abendwind, bewegte die äußersten Spitzen der Bäume und rauschte in

den Blättern der Gebüsche. Der Mond lächelte rein und heiter herab und

spiegelte sein sanftes Antlitz in Millionen Regentropfen, die von einem

Spatregen an den Grashalmen zurückgeblieben waren und an den Spitzen

derselben flimmernd zitterten. Die ganze Wiese war ein sanftwallender,

bebender Silberstrom, auf welchem (so schien es meinem nassen, zitternden

Blicke) ungeheure Gestalten, bald Riesen, bald Felsen, bald mächtige Thiere

umherwandelten, so wie der Wind die umstehenden großen Eichen bewegte und

ihren Schatten hin und her trieb.

Mir ward unbeschreiblich bange, und mein ganzes Wesen schmolz in eine

beklemmende Wehmuth zusammen, die sich in großen Thränen über meine Backen

ergoß. Endlich legte ich mich nieder und drückte die Augen fest zu. Mein

rechter Arm diente mir zum Kopfküssen und der linke ruhete auf meinem

Phylax, der sich dicht neben mir niedergelegt hatte.

Ich verlor mich bald. Alles, was mir heute begegnet war, schwamm

ununterscheidbar und wie in Dämmerung meiner Seele vorüber. Nur dann und

wann fuhr ein fürchterlicher Gedanke, schnell wie ein Blitzstrahl, durch

mein Inneres, und es war mir dann immer, als wenn ich einen lebhaften Stich

durch die linke Seite fühlte. Ich fuhr mit der Hand nach dem Orte, wo

ich zu leiden wähnte, und darüber wiegte mich von neuem eine Art von

betäubendem Schlummer in ruhige Vergessenheit ein.

Wau! Wau! schallte es auf einmal, und ich fuhr bebend aus meinen

Träumereyen auf. Was mir zuerst in die Augen fiel, war die Gestalt eines

Frauenzimmers, die einige Schritte von mir stand, und über das Bellen

meines Hundes erschrocken schien. Ich wußte nicht, was ich zu dieser

Erscheinung sagen, ob ich laufen oder bleiben sollte -- denn sie hatte

Marthens Größe.

Als sie sah, daß ich nicht minder erschrocken war, als sie, und da mein

Phylax näher kam, und mit dem Schwanze wedelte, (gegen Frauenzimmer, Kinder

und kleine Hunde war er sehr höflich) faßte sie Herz und trat zu mir.

Ich hatte nicht den Muth, sie anzusehen, und doch hätt' es nur eines halben

Blickes bedurft, um mich zu überzeugen, daß es nicht Martha war, die mich

bey der Hand nahm.

»Wer bist du, Kleiner,« sagte sie, »wie kömmst Du in der späten Nacht

hieher?«

Wenn es Martha wäre -- so schloß ich nun erst -- würde sie wohl nicht

diese Frage an mich thun. Und nun drehete ich mich um und sah ihr ziemlich

herzhaft ins Gesicht. Ihre sanfte Mine schloß mein ganzes Herz für sie auf,

und schon schwebte ein pünktliches Bekenntniß auf meinen Lippen, als sie

fortfuhr und mich fragte, ob ich mich verirrt hätte? Ja! sagte ich, und

nun war an kein Geständniß mehr zu denken, da sie mir selbst den Mittelweg

zwischen Wahrheit und Lügen eröfnet hatte. Ich betrachtete sie aufmerksam

von der Seite -- und mit eins! glaubte ich Malchens Mama vor mir zu sehen,

denn ihr Haar war mit einem Rosenbande umwunden, gerade so, wie ihn jene

trug als sie uns im Gebüsche überraschte.

Mir ward wieder bange, und meine Blicke wurden schüchterner, als vorher.

Sie nahm mich von neuem bey der Hand, und zog mich halb wider meinen Willen

mit fort. Ich faßte Muth und sah sie noch einigemal herzhaft von der Seite

an, bis ich mich endlich fest überzeugte, es sey nicht Malchens Mama,

sondern ein Frauenzimmer, die ich nicht kannte, so wenig, als sie mich.

Wir kamen der Musik, die ich vorhin gehört hatte, immer näher, und ich ward

immer unschlüßiger, ob ich mich losreißen, und ins Gebüsche zurückkriechen,

oder mit meiner Begleiterin nach Hause gehen sollte. Diese hatte an mir zu

ziehen und zuzureden, daß ich mich nicht scheuen, sondern dreist mitgehen

sollte: Essen, Trinken, Nachtlager, einen Bothen, der mich nach Hause

brächte, alles sollt' ich haben. Die erstern Punkte gefielen mir

ausserordentlich, aber nicht im mindesten der letztere.

Nach einigen Minuten standen wir vor einem Hause, dessen erster Stock um

und um erleuchtet war. Es gab da Musik, Tanz und ein großes Getümmel von

Zuschauern. Schon hatten wir den Fuß auf die Treppe gesetzt, als eine

starke Stimme, wie im Zorn und Unmuth, herunter rief: _Kar'line! Kar'line!

Wo hat dich denn_ --

Drittes Kapitel.

_Wie Moriz empfangen wird._

Hier, hier bin ich schon! rief meine Begleiterin ängstlich, und sprang

hurtig die Treppe hinauf. Kaum nahm sie sich Zeit, mir in aller Hast zu

sagen: ich sollte nur nachkommen und mich so lange an die Thür des Saales

stellen, bis sie mich abholte.

»Nachtgespenst!« rief die rauhe Stimme droben: »Bist du schon wieder auf

dem Hofe oder im Busche umhergespukt?«

Liebster Papa, sagte Karoline, ich wollte nur ein wenig frische Luft

schöpfen.

So viel konnte ich nur von ihrer sanften Stimme hören. Ich hatte das gute

Mädchen jetzt tausendmal mehr liebgewonnen, da sie so hart angefahren

wurde.

»Landjägers Sohn,« fuhr ihr Vater fort: »hat schon vor einer Stunde mit

dir tanzen wollen, und du -- aber, ich will dir noch das Buschkriechen

abgewöhnen, oder nicht dein Vater heißen.«

Diese Unfreundlichkeit flößte mir wenig Vertrauen zu dem Vater, aber desto

mehr zu der Tochter, ein. Ich stieg zitternd die übrigen Stufen hinan und

stellte mich in die Thür des Saales.

Jetzt erst fühlte ich, was ich vorher so deutlich nicht bemerkt hatte:

daß mich gewaltig hungerte. Auf einem Seitentische standen Braten,

Butterschnitte, Wein und Gebackenes. Gegen Einen Blick, den ich auf meine

sanfte Begleiterin warf, die am äußersten Ende des Saals tanzte, warf ich

Zehn auf die Lebensmittel, die mir so nahe standen; und ich war mehr als

einmal willens, den ersten den besten um ein paar Bissen anzusprechen. Aber

Furchtsamkeit oder Stolz, oder beydes zusammen, drückte von Zeit zu Zeit

meinen aufsteigenden Appetit nieder.

Mein Phylax war nicht so bettelstolz. Kaum witterte er Braten, so ging er

der Spur nach. Er hatte nicht einmal nöthig, sich auf die Hinterfüße zu

stellen, um eine ganze Schöpsenkeule mit einem Ruck vom Tische zu holen.

Der Tisch krachte, die Gläser klirrten und die Weinflaschen stürzten eine

über die andre und kollerten Schlag auf Schlag vom Tisch herunter, während

eine Fluth von Wein den ganzen Saal überströmte.

Ich hatte einen tödtlichen Schreck, aber Phylax legte sich gelassen unter

dem nächsten Tische nieder und schmauste still und dummdreist von seiner

Keule.

Alles, was im Saale war, stürzte herzu.

»Hagel! Wer hat das gekonnt?« rief die Stimme, die ich schon dreymal mit

Entsetzen gehört hatte. Ein kleines Mädchen, das bey mir stand, zeigte mit

dem Finger auf meinen Phylax. Er nahm ein Licht, beleuchtete den Hund und

rief mit schallendem Gelächter: »_Ey! prosit die Mahlzeit!_« -- Nerr--r--r

-- machte Phylax, indem er ihn ansah und ihm die Zähne wies. -- »_Nu, nu!_«

fuhr der Mann fort, »_nur nicht so böse! Ich will dir deine Keule nicht

nehmen. -- Karline, Gottlob, Friedrich! Andern Braten, andern Wein her!_«

Mir fiel ein schwerer Stein vom Herzen, aber bald drückte mich die Frage:

wem in aller Welt gehört denn das Vieh? zehnmal schwerer.

Karoline war über dem Lärm auch herzugekommen und stand bey mir. Ihr Vater

trat näher. »Der Hund gehört mir!« rief ich etwas zu vorlaut und zitterte

am ganzen Leibe dabey. »So?« sagte der Vater und nahm mich dabey schärfer

aufs Korn: »Ich kenne dich und deinen Hund nicht. Wer bist du? Wo kömmst du

her?«

Karoline nahm für mich das Wort, und erzählte, wo und wie sie mich gefunden

hätte. »Ich will wissen,« fuhr er sie an, »wie er heißt!« und mit den

Worten nahm er mich beym Fittig und zog mich ans Licht -- »Ich heiße

_Ernst, Ernst_!« rief ich ängstlich. -- »Ist das dein Vorname, oder heißt

dein Vater so?« -- Mein Vater heißt so! -- »Bist du ein Sohn von dem dicken

_Ernst_?« -- Ja! sagt' ich. -- »Da, Pursche!« rief er und schleuderte mich

unfreundlich zur Thür hinaus: »Geh, wo du hergekommen bist!«

Karoline that einen lauten Schrey, aber ihr Vater -- brüllte, denn Phylax

hatte ihn bey der Wade. Dieser hatte trotz seinem Appetit den Braten

verlassen, um mir zu Hülfe zu kommen. Er schützte mich vor einer

gewaltsamern Behandlung und ließ den groben Mann nicht eher los, bis ich

die Treppe hinunter war.

Als dieser sahe, daß mich Phylax so kräftig in Schutz nahm, wagt' er

es nicht, mich zu verfolgen, sondern blieb oben an der Treppe stehen,

schimpfte auf meinen Papa und erzählte, was ihm dieser Alles zu Leide

gethan hätte.

»Und der Bastart,« so schloß er: »Es weiß ja doch kein Mensch, wo der alte

dicke Esel den Jungen her hat, er hat sich ja immer mit M** beholfen --

Das H**kind, kann hieher kommen, um mich in meiner Freude zu stöhren; kann

seinen Hund über meinen Braten schicken, daß er alles um und um reißt, und

mich selber am Ende bey der Wade packt -- Wart', Junge, nun will ich _dich_

hetzen!«

Auf einmal kam er die Treppe herunter gestürmt, pfiff auf dem Finger und

schrie: _Spitz_, _Sultan_, _Diane_, faß, faß! Plötzlich stürzten drey Hunde

herzu; aber Phylax warf einen hierhin, den andern dorthin, und deckte mir

den Rücken. So kam ich unversehrt vom Hofe.

Viertes Kapitel.

_Findet er nun ein Obdach?_

Ich wußte nicht, ob ich weinen, oder mich erboßen sollte. Bald trocknete

ich mir die Thränen ab, bald bückte ich mich, mit festaufeinandergebissenen

Zähnen, und suchte Steine, um dem Barbaren die Fenster einzuwerfen. Aber

allmählig legten sich Wehmuth und Ungestüm, und der Gedanke: was ich nun

beginnen, wohin ich mich wenden, und wo ich Nachtlager und Brot hernehmen

sollte? drückte eins wie das andre, völlig nieder.

Als ich einige Schritte in tiefen Gedanken fortgegangen war, begegnete mir

ein Mann. Ich faßte Muth und bat ihn, mich mit nach Hause zu nehmen, ich

wüßte nicht, wo ich über Nacht bleiben sollte; aber er entschuldigte sich

damit, daß er selbst nur ein Knecht sey, nichts Eignes besitze, und selbst

im Pferdestalle schlafen müsse. »Ich will ja auch gern im Pferdestall

schlafen,« rief ich, und hängte mich ängstlich an seinen Arm, um seinen

raschen Schritt aufzuhalten: »Nehm' Er mich nur mit!« -- Junge! erwiederte

er halb unwillig: Ich kann Dich nicht mitnehmen! Wer weiß denn, was an Dir

ist? Da (indem er auf ein dabeystehendes Haus zeigte) da ist die Schenke.

Geh!

Ich ließ ihn langsam los und ging unter bittern Thränen auf das Haus zu.

Ein Mann stand in der Thür und sah mich freundlich an; aber ich konnte vor

Schluchzen mein Anliegen nicht herausbringen.

»Was weinst Du, Kind?« sagte der Mann, indem er sich zu mir herunter bückte

und mir die Hand von den Augen nahm: »Wo kömmst Du her? Wem gehörst Du an?«

Ich konnte noch nicht reden. Er nahm mich bey der Hand und führte mich in

die Stube.

»Nu, was bringt er da 'mal wieder geschleppt?« fing eine Weibsperson

an, die in einer Ecke am Tische saß und bey einer düstern Lampe Strümpfe

ausbesserte: »Und das große L** von Hund? Willst du 'naus!«

[Illustration]

Frau, sagte der gütige Mann, der Hund gehört dem kleinen Jungen hier!

»Ey was! Ich will von dem Jungen und seinem Hunde nichts wissen! Fort aus

dem Hause, alle beyde!«

Sag' mir nur, wo das arme Kind über Nacht bleiben soll? Denk' doch

christlich!

»Christlich? Christlich? (Sie trat, beyde Arme in die Seite gestämmt, vor

ihn, sprang darauf fort und suchte nach Knittel und Peitsche.) Ist

das christlich, wenn ich mir selbst im Lichte steh, und solch Gesindel

beherberge, wie der lumpigte Bediente vorhin, und füttre sie, und noch

obendrein Hunde? Warte, großes L**, wenn ich nur erst die Peitsche habe,

ich will dich und deinen« --

Sie fand einen Dornknittel und ging auf Phylaxen los. Als dieser sah, daß

es ihr Ernst war, sprang er auf (er hatte sichs, so wie er herein kam,

bequem gemacht, und mitten in der Stube alle Viere von sich gestreckt) und

wies ihr mit schrecklichem Knurren die Zähne. Sie prallte erschrocken, und

vor Zorn ausser Athem, zurück.

»Du E -- du E--sel, hab' ich dich darum aus dem Stall gezogen, gekleidet

und geschuhet, daß du große Hunde auf mich hetzest, und liederliche Bengel

herbringst, die ihren Eltern entlaufen sind.«

Frau, sagte der Mann gelassen und setzte sie sanft auf einen Schemmel: du

bist ausser dir! Erhole dich! Laß uns nur erst hören, wie das Kind hieher

kömmt und wem es angehört. Er ist nicht von schlechten Eltern. Sieh 'mal

die weiße Haut --

»Ich mag nichts sehen!« rief sie und drehete das Gesicht rasch nach dem

Ofen.

Während dieses Wortwechsels stand ich stumm und zitternd da und fing

endlich an zu beichten. Daß ich dem Papa entlaufen sey, sagte ich nicht,

daß mich aber der Mann, dessen Tochter Karoline hieße (so beschrieb ich ihm

jenen unfreundlichen Mann) zur Thür hinausgeworfen, und mit Hunden vom Hofe

gehetzt habe, das gestand ich, um sie zum Mitleid zu bewegen.

Aber kaum hörte das Weib diesen letzten Umstand, so sprang sie wüthender

als vorher auf, warf alles um und um, und wollte ihrem Manne zu Leibe.

Wie ich hörte, so hatte sie die Schenke von Karolinens Vater in Pacht, und

fürchtete, er möchte sie verjagen, wenn er erführe, daß sie mich beherbergt

hätte. Sie rechnete ihrem Manne alles vor, was Jener für sie gethan hätte,

und drang hiermit und mit wiederholten Drohungen, sich morgen des Tages von

ihm scheiden zu lassen, so lange und nachdrücklich in ihn, bis er mich bey

der Hand nahm und zum Hause hinaus führte.

»Sey nur still, Kleiner!« sagte er, als ich laut zu weinen anfing: »Du

sollst doch über Nacht hier schlafen. Halt dich nur so lange in der Nähe

auf, bis sie zu Bette ist, da will ich dich holen!«

Ich ging um das Haus herum und setzte mich unter bittern Thränen hinter

einem Zaune nieder. Nach einer halben Stunde ungefähr kam er zurück, nahm

mich bey der Hand und führte mich durch eine Hinterthür über den Hof auf

seinen Heuboden. Hier verließ er mich, und brachte mir nicht lange nachher

ein Butterbrot und ein Kopfküssen, doch mit dem Bescheid, daß ich mich

morgen in aller Frühe, wenn seine Frau noch schliefe, auf den Weg machen

müßte.

Fünftes Kapitel.

_Schrecken und Graus._

Unter Seufzen und Stöhnen fing ich an mein Butterbrot zu bearbeiten. Phylax

bekam nichts davon, weil er Braten gegessen hatte. Je länger ich aß, desto

weiter flohen von mir Besorgniß und Furcht, und als ich es rein

aufgezehrt hatte (es war nicht klein) wickelte ich mich in mein Küssen, um

einzuschlafen.

Auf einmal hörte ich nicht weit von mir ein starkes, zischendes Athemholen.

Ich fuhr erschrocken zusammen, erholte mich aber bald wieder, weil ich

wußte, daß die Eulen zur Nachtzeit auf Heuböden und in Scheunen auf Raub

ausgehen, und öfters darüber einzuschlafen pflegen. Eben wollte ich mich

fester in mein Küssen vergraben, und auf nichts mehr horchen und hören,

als ich eine Stimme vernahm, halb laut, halb leise, halb ängstlich. Ich

horchte, obgleich ich nicht horchen wollte.

_Halsabschneiden_ -- flüsterte diese schreckliche Stimme -- _Halsumdrehen!_

-- _Pack ihn! Pack ihn!_ fügte sie etwas stärker hinzu. _Messer her! Mein

Messer her!_ rief sie laut und vernehmlich.

Ich fuhr auf, durch und durch in Todesschweiß gebadet. Angstvoll und bebend

sah ich mich nach der Thür um, und als ich vor mir ein lichteres Fleckchen

bemerkte, sprang ich auf und wollte dahin.

Indem ich forttappte, raschelte es vor mir im Heu, und Phylax stand neben

mir und schnupperte. Ich wußte nicht, ob ich vorwärts gehen, oder umkehren

sollte. Endlich faßte ich Muth und wollte zur Thür. Ich streckte meinen Fuß

aus, trat behutsam zu und fühlte, daß ich nicht auf Heu träte. Die Angst

ließ mich nicht untersuchen, was es war, und als ich fester auftrat, um

den linken Fuß nachzuholen -- _Jesus! was ist das?_ schrye eine menschliche

Stimme, und in dem Augenblick stolperte und fiel ich. Dabey stämmten sich

zwey Hände gegen meine Brust und stießen mich gewaltsam von sich.

_Halsabschneiden_, _pack' ihn_ und _Messer her_! Diese drey fürchterlichen

Ideen raubten mir Sinne und Bewußtseyn. Aber in eben dem Augenblicke rief

die Stimme: _Gnade! Gnade!_ und ich kam wieder soweit zu mir selbst, daß

ich bemerkte, wie sich Phylax mit dem vermeynten Mörder herumbalgte. Nun

stellte sich ein nothgedrungener Muth bey mir ein, ich drückte die Augen

fest zu und rief herzhaft: _Wer da?_ -- »_Gnade, Barmherzigkeit!_« rief die

Stimme von neuem: »_Der Hund zerreißt mich!_« Ich lockte meinen Phylax,

und er kam aufs Wort zu mir. Nun beschloß ich, den Mörder förmlich zu

vernehmen, um zu sehen, ob gütlich mit ihm auszukommen sey, wo nicht, so

war Phylax immer noch da!

Es kam etwas auf allen Vieren näher gekrochen und bat nur immer, den großen

Hund nicht loszulassen. Nach und nach richtete es sich auf. Des Mörders

demüthige Stimme machte mir Muth, und auch er erholte sich, als er hörte,

daß ich Phylaxen von Zeit zu Zeit das Murren verboth.

Allmählig öfneten wir uns wechselsweise das Verständniß. Es war ein

herrenloser Bedienter, der kurz vor mir auf den Heuboden gekrochen war,

und sich niedergelegt hatte. Was er von _Halsabschneiden_ und _Messern_

gesprochen hatte, war nicht sein Ernst, sondern ein fürchterlicher

Traum gewesen. Ich faßte ein großes Vertrauen zu ihm (welches er wohl

hauptsächlich meiner Freude zuzuschreiben hatte, daß er kein Mörder war)

und erzählte ihm meine Geschichte der Länge nach. Anfangs rieth er mir, zu

meinem Papa umzukehren; als er aber meinen Widerwillen sah, schlug er

mir vor, mit ihm zu gehen, ich sollte Brot und Unterkommen finden. Ich

versprach es ihm, und darauf legten wir uns nieder und schliefen ein.

Sechstes Kapitel.

_Sie wandern._

Kaum war ich recht eingeschlafen, als ich die Stimme des gutherzigen Wirths

hörte. Er rüttelte mich, und als ich die Hände auseinander schlug, um mich

noch einmal von ganzem Herzen zu dehnen, steckte er mir in die rechte Hand

ein dickes Butterbrot, und in die linke einen Kupferdreyer. »Nun komm, mein

Sohn,« sagte er dabey: »ehe meine Frau aufsteht. Sag mir aber erst, wo

du zu Hause bist, mein Junge soll dich hinbringen.« -- Ich gehe den Weg,

unterbrach ihn der Bediente und ersparte mir dadurch ein Geständniß, das

mir auf der Zunge schwebte: er hat mir gesagt, wo seine Eltern wohnen. Ich

denke ein kleines Trinkgeld von ihnen zu erhalten.

Ich konnte es dem Wirth ansehen, daß er gerne gewußt hätte, wer meine

Eltern wären; aber in dem Augenblick hörte er die Stimme seiner Frau, die

mit Toben und Schelten die Mägde weckte. Er sagte uns nur noch in Eil, wir

sollten durch den Garten gehn, und uns nicht sehen lassen, sonst hätte er

in vierzehn Tagen keine ruhige Stunde.

Er stieg vom Boden hinunter, wir folgten ihm bald nachher und kamen

unbemerkt ins freye Feld.

Darauf theilte ich mein Butterbrot in drey ziemlich gleiche Theile.

Wir bissen alle drey mit gleichem Appetit hinein, und dies gab meinem

Reisegefährten Anlaß, mich zu fragen: wovon ich denn so lange leben wollte,

bis ich irgendwo Unterkommen fände? Ich sah ihn mit großen Augen an und

verrieth dadurch, daß ich daran noch nicht gedacht hatte. »Von der Luft

können wir nicht leben,« fuhr er fort, »und wenn du kein Geld hast, mußt du

umkehren!«

Das fiel mir wie ein Stein aufs Herz. Ich stand still und hätte lieber

geweint. Aber ich erinnerte mich an meinen Kupferdreyer! Ich hatte ihn

in der flachen Hand liegen und je öfter und länger ich ihn ansah, desto

lebhafter fühlte ich meinen Muth heranwachsen. Mein Gefährte beobachtete

mein Mienenspiel und fieng an herzlich zu lachen.

»Ich merke schon,« sagte er, »du verläßest dich auf deinen Kupferdreyer;

aber du mußt wissen, daß wir nur noch eine halbe Meile haben, so sind wir

im Sächsischen, wo ihn die Leute nicht umsonst nehmen. (er faßte mich bey

der rechten Schulter und schüttelte mich) Was meynst du dazu, Kundmann?«

Mir ward es trocken im Munde und beklommen ums Herz. Ich reichte ihm

den Dreyer hin, und wollte ihm zu verstehen geben, er sollte etwas dafür

einkaufen, damit wir im Sächsischen zu zehren hätten. Er nahm ihn, lief auf

ein Haus zu, das am Eingange eines Dorfes stand, und stellte sich, während

ich herzu kam, in die Thür, mit einem Gläschen in der Hand. »_Willst du?_«

sagte er. Ich schauderte zusammen, als ich sah, daß es Brantwein war. --

»_Kannst du keinen trinken?_« -- Ich schüttelte betrübt den Kopf, und mit

Einem Stoße warf er meinen Kupferdreyer mit allen den Hoffnungen, die ich

auf ihn gebauet hatte, die Kehle hinunter.

Da stand ich!

Er gab dem Wirthe das Glas zurück, nahm mich bey der Hand und zog mich mit

fort.

Die feurige Lobrede, die er hierauf dem Brantwein hielt, gefiel mir

nicht im mindesten, denn mein Dreyer schwebte mir noch viel zu lebhaft im

Gemüthe. Doch gab ich mich endlich zufrieden, weil ich nun Anspruch auf

seinen Beutel zu haben glaubte, da ich ihm mein Letztes zum Besten gegeben

hatte.

Es ward hoher Mittag und ich fühlte großen Hunger. Es konnte nicht fehlen,

daß ich jetzt lebhaft an Papa's Tafel zurück dachte, und daß mit dieser

Vorstellung eine lange Reihe andrer in mir rege wurden. Aber so unangenehm

sie auch waren, brachten sie mir doch den Nutzen, daß ich, so lange sie

lebhaft blieben, Hunger und Durst vergaß.

»Hier mußt du betteln!« sagte mein Gefährte am Eingang eines Dorfes zu mir,

und riß mich dadurch aus meinen Betrachtungen. Ich sah ihn mit großen Augen

an, aber er versicherte, es sey sein völliger Ernst.

»Dich wird so gut hungern als mich,« fuhr er fort: »und dir geben die Leute

eher einen Zehrpfennig als mir. Faß' nur Muth, mein Söhnchen, und thu' mir

den Gefallen, es soll dein Schade nicht seyn. Du darfst nur sagen: Dein

Vater sey ein alter lahmer Soldat. Er liege vor dem Dorfe und habe nichts

zu essen!«

Ein gutes Wort konnte mir den Rock vom Leibe ziehen.

Ich ging in das Dorf. Die kleinern Häuser ließ ich und sah mich nach den

größern um. Ich trat in eins der letztern und bat einen Mann, der mir

entgegen kam, um einen Zehrpfennig. Dabey erzählte ich den Roman von meinem

Vater, dem lahmen Soldaten. Er sah mich an, schüttelte den Kopf, ging in

die Stube und brachte eine Weibsperson mit heraus.

»Freylich ist ers,« sagte diese halblaut, »es trift alles ein, wie ihn der

Mann beschrieb. Wir wollen ihn bey uns behalten.«

Mir lief es kalt durch alle Glieder, denn ich hatte genug gehört, um mich

zu überzeugen, daß ein Nachsetzer in der Nähe sey. Ich dachte auch wohl ans

Davonlaufen, aber die Leute standen mir zu nahe und ließen nicht ab, mich

auszuforschen.

Unterdessen trat mein Phylax, der sich herabgelassen hatte, mit andern

Hunden vor dem Hause zu spielen, in die Thüre.

»Siehst du,« sagte die Frau und stieß den Mann an: »da ist der Hund auch!

Er ist es ganz gewiß. -- Willst du nicht ein bischen in die Stube kommen,

Kleiner?« fuhr sie zu mir fort: »Du sollst 'was zu Essen haben. Wenn

der Bothe zurückkömmt,« sagte sie leise zu ihrem Manne, »kann er ihn

mitnehmen!«

Ich war in der tödtlichsten Unruhe und zitterte am ganzen Leibe. Als mich

die Frau bey der Hand nahm, um mich in die Stube zu führen, riß ich mich

los, und machte linksum, aber der Mann faßte mich beym Rockzipfel und

hielt mich. Ich that einen lauten Schrey und -- war auf einmal erlöst, denn

Phylax hatte den Wirth bey der Wade.

Und nun aus allen Kräften zum Dorfe hinaus! Phylax in kurzem Galopp

hinterdrein.

Mein Gefährte stand vor dem Dorfe, und lief mir, als er mich so

dahersprengen sah, eilig entgegen. Kaum hatte ich Athem genug, ihm

gebrochen zu sagen, man hätte mich aufhalten und zu Hause bringen wollen.

Er meynte, ich hätte nicht nöthig, so erschrecklich zu laufen, aber ich

meynte, ich hätte es _höchst_ nöthig. Wollt' er also wohl oder übel, so

mußte er mir, trotz seinem Hunger, nachrennen, so lange es meiner Angst

beliebte.

Siebentes Kapitel.

_Moriz löset Fesseln._

Wir liefen auf lauter Abwegen. Mein Gefährte ward es am ersten überdrüßig.

Er versicherte mich, indem er außer Athem neben mir her trabte, ich hätte

nichts mehr zu fürchten: wir wären im Sächsischen, wo uns niemand etwas zu

befehlen hätte, und wenn der Vater selbst käme, um seinen Sohn zu holen,

und dieser wollte nicht, so könnte und würde ihn niemand zwingen. Als er

mir diese Versicherung noch einigemal wiederholt hatte, legte sich meine

Angst und ich ging langsamer.

Ich kann bis diese Stunde keinen befriedigenden Grund angeben, warum dieser

Mensch so viel Geduld mit mir hatte. Er konnte mich ja nur laufen lassen

und sich nicht weiter um mich bekümmern. Oder glaubte er, desto leichter

einen Dienst zu bekommen, wenn er mich mitnahm, die Aufmerksamkeit eines

Herrn auf mich zog, und mich nur mit dem Beding ihm überließ, wenn er

selbst in Dienste genommen würde? Wenigstens sagte er immer unterweges:

wenn wir in eine große Stadt kämen, und es fände sich eine Herrschaft für

mich, so sollte ich nicht in ihre Dienste gehen, wenn sie nicht auch ihn

haben wollte. Er steifte sich, wie es scheint, auf die Mode der Jokay's.

Sey es, wie es wolle, genug er ging in das erste Dorf, worauf wir stießen,

bettelte Brot und andere Lebensmittel und muthete mir auch in der Folge

nicht wieder zu, daß ich betteln sollte. Wie es schien, so fürchtete er

eben so sehr, mich zu verlieren, als mir vor der Rückkehr zu meinem Papa

bange war.

So waren wir vier Tage fortgewandert, als wir uns auf einem Berge befanden,

von welchem wir eine Stadt, die ungefähr eine halbe Meile von uns lag, in

ihrer ganzen Größe sehen konnten. Als ich meinen Begleiter fragte, wie

sie hieße, war es D**. Ich erschrack und bat ihn, nicht hineinzugehen, und

erzählte ihm, daß sich eben der Legationsrath daselbst befände, der meinen

Papa immer besuchte, und daß er mich zurückschicken würde, wenn er mich zu

sehen bekäme. Aber er benahm mir fast alle Furcht durch die Versicherung,

D** sey so groß, daß sich die Leute, die auf Einer Straße, ja sogar, die in

Einem Hause wohnten, öfters nicht kennten.

Darauf verließ er mich, um in einem Dorfe, das an der einen Seite des

Berges lag, zu betteln. Meinen Phylax, der sich während unsrer Reise an

ihn, als den Proviantmeister gewöhnt hatte, nahm er mit und sagte: wenn er

seinen Umgang gehalten hätte, wollte er mich abholen.

Ich setzte mich nicht weit von dem Dorfe nieder und erwartete seine

Zurückkunft. Er blieb länger aus, als gewöhnlich, und ich gerieth in

Unruhe. Schon war ich eine Strecke auf das Dorf zugelaufen, als er mir

entgegen kam und alle Taschen voll Lebensmittel hatte. Aber meinen Phylax

sah ich nicht.

Wo ist mein Hund? rief ich ihm von weitem zu. Er schüttelte den Kopf. Wo

ist mein Hund? fragte ich noch einmal ängstlicher.

Er stellte sich zornig und trostlos. Ich drang in ihn und erfuhr: mein

armer Phylax sey von einem Jäger erschossen worden, weil er keinen Knittel

am Halse getragen hätte. Diese Hiobspost machte mich stumm und sprachlos.

Anfangs brach mein Schmerz in Thränen, aber bald darauf in Wuth aus. Ich

steckte mir alle Taschen voll Steine, lief wie rasend in das Dorf, und es

war ein Glück, daß mir kein grüngekleideter Mann in den Wurf kam, ich hätte

ihm sonst alle meine Kiesel an den Kopf geschleudert.

Ich durchlief das ganze Dorf und fragte jeden, der mir begegnete, ob er

nicht einen Jäger gesehen hätte? aber niemand konnte mir Nachricht geben.

Langsam und mit hellen Thränentropfen auf den Backen, kehrte ich um. Auf

einmal hörte ich ein Winseln, das mir bekannt vorkam. Ich ging dem Schalle

nach, trat in einen Bauerhof und siehe da! meinen Phylax an der Kette. Ich

sah und hörte nicht vor Freude, und Phylax sprang, so weit es ihm die

Kette erlaubte, rund herum. Ich entschloß mich kurz, und wollte nichts

Geringeres, als die Kette entzwey reißen. Schon dreymal hatte ich alle

meine Kräfte vergebens angestrengt, als ich erst zu bemerken anfing, daß es

geradehin unmöglich sey. Aber noch sank mein Muth nicht. Ich nahm einen

von den Kieseln, die ich zu Mord und Todschlag zu mir gesteckt hatte, und

pochte unter Thränen der Bosheit und Ungeduld an der Kette -- aber sie war

von Eisen!

Junge, was machst du? hörte ich auf einmal eine Stimme hinter mir: Ich habe

den Hund gekauft!

Wie David ehedem vor Goliath mag gestanden haben, so stand ich jetzt vor

dem Bauer, in jeder Hand einen Stein, ohne einen Laut hervorbringen zu

können. -- »Hitzige Blitzkröte!« rief der Bauer und schleuderte mich auf

einen Düngerhaufen, der hinter mir lag.

Mir sank aller Muth. Ich hatte nicht Tollkühnheit genug, mich einem großen,

breitschultrigen Manne zu widersetzen, der mich zu Brey gedrückt hätte,

mithin war für mich kein andrer Weg als Güte. Ich weinte und bat ihn, mir

meinen Hund wieder zu geben. Der Schlingel hat ihn mir gestohlen! Der Hund

gehört mir! rief ich eines Rufens. -- »Wenn du mir mein Geld wiedergiebst,«

sagte der Bauer lächelnd, »sonst nicht!« -- Lieber Gott! wo soll ichs denn

hernehmen? erwiederte ich schluchzend, und bat von neuem, er möchte mir

ihn so wiedergeben. Er ließ sich noch ein paarmal bitten, und machte

sodann meinen Phylax los. Wie der sprang! Wie ich sprang! Ohne dem Bauer zu

danken, sprengte ich vom Hofe hinunter und zum Dorfe hinaus, im bittersten

Zorn auf meinen Gefährten. Dieser saß noch auf dem Flecke, wo ich ihn

gelassen hatte und erwartete mich ganz ruhig. Als ich nicht weit mehr von

ihm war, fing ich an zu schimpfen und ihn mit meinen Steinen zu ängstigen.

Sie fielen so hageldicht, daß er seine ganze Gelenkigkeit zusammen nehmen

mußte, um ihnen auszuweichen. Als ich mich verschossen hatte, lief er auf

mich zu, und umklammerte mich so fest, daß ich mich nicht regen konnte.

Närrischer Junge! rief er und ließ mich plötzlich los, denn Phylax fuhr ihm

schnarchend nach dem Rockschooße: Du hast ja den Hund wieder und wir haben

obendrein noch auf drey Tage zu leben. Dabey zeigte er mir, was er für das

Geld alles eingekauft hatte. Mein Hunger trug viel zu meiner gänzlichen

Besänftigung bey. Wir versöhnten uns und gingen auf D** zu.

Achtes Kapitel.

_Moriz in Gefahr._

Wir gingen um die Stadt herum und traten eine halbe Stunde von derselben in

einen Gasthof. Für etwas Großes schien uns der Wirth nicht zu halten, denn

er fragte uns mit solcher Zudringlichkeit aus, daß er in wenig Minuten

soviel von mir wußte, als mein Gefährte. Hierauf erkundigte er sich nach

unsern Pässen und gab durch den Ton, womit er dies that, deutlich genug

zu verstehen, daß er uns nicht aufnehmen würde, wenn wir nicht Schwarz auf

Weiß darthun könnten, daß wir weder Diebe noch Landstreicher wären.

Mein Gefährte suchte in allen Taschen, und als er nichts fand, fing er an,

auf seine Unachtsamkeit zu fluchen. Das Ende davon war, daß er keinen Paß

hatte. »So geht, wo ihr hergekommen seyd,« sagte der Wirth zu ihm, »ich

will mir eurentwegen keine Strafe zuziehen!« -- Mein Gefährte bat ihn nur

um eine einzige Nacht, erhielt aber nichts, als Nachricht, wo er einen

Logiszettel bekommen könnte, wenn er seine Umstände, Vorhaben und

Handthierung anzeigte.

Unterdessen erwartete ich mit Furcht und Zittern meinen Bescheid. »Du

kannst hier bleiben,« sagte er zu mir, »du bist weder Dieb noch Spitzbube,

wenigstens siehst du nicht so aus.«

Mein Gefährte ging, und wenn er mir nicht den boshaften Streich mit meinem

Phylax gespielt hätte, so wäre ich mit ihm gegangen. Wenigstens ließ er es

an Bitten und Vorstellungen nicht fehlen, und trieb es so lange, bis ihm

der Wirth (der sich meiner annehmen zu wollen schien) ernstlich die Thüre

wies.

Als er fort war, nahm mich der Wirth noch einmal in die Presse. Ich hatte

mich schon bey dem ersten Verhöre verlauten lassen, daß ich mit aus Furcht

vor dem Legationsrath, meinem Papa entlaufen sey; jetzt erkundigte er sich

noch einmal und genauer nach diesem Manne. Ich gab ihm so viel Umstände

von ihm an, als ich konnte, und nicht lange darauf zog er sich an und ging

fort.

Weil ich von der Reise ermüdet war, legte ich mich auf eine Bank nieder,

die am Ofen stand. Ich war noch im Einschlummern, als der Wirth mit einem

Menschen in die Stube trat, der eine Livree trug, die mir mehr als zu

bekannt war. Der Bediente trat näher und sagte leise: _Ist er das?_ --

»Ja!« -- _Nun_, fuhr er fort, _mein Herr wird gleich nachkommen, und ihn

abholen._

Meine Angst, als ich damals auf dem Heuboden meinen Gefährten von

Halsabschneiden schwatzen hörte, kann nicht größer gewesen seyn, als

die ich jetzt empfand. Bey jedem kleinen Geräusche fuhr ich zusammen und

glaubte die Stimme des Legationsraths zu hören. Ich sah und fand keinen

Ausweg, der mich diesmal aus der Klemme führen konnte. Entlaufen? war nicht

möglich. Nicht mitgehen, wenn er käme, um mich abzuholen? eben so wenig.

Ich war um ein Haar in dem Zustand eines zum Rade Verurtheilten, der im

Troge daliegt, und dem Stoße, der ihm die Brust zerschmettern soll, nicht

ausweichen kann, weil er an Hals und Fuß gebunden ist. Ich drückte die

Augen fest zu, und konnte nichts thun, als den Ausgang erwarten.

Der Wirth und Bediente sprachen noch einige Worte heimlich und gingen zur

Stube hinaus. Ich sprang auf und bemerkte durch ein Fenster, das auf den

Hof ging, beyde auf demselben. Mein Entschluß war bald gefaßt. Ich sprang

zur Thür hinaus, durch das Haus auf die Straße, ging erst einige Schritte

langsam und lief darauf im Sprunge davon! Vor mir sah ich Weinberge und ein

Dickigt von kurzen Sandweiden, an welchen die Elbe hinströmte. Hier glaubte

ich mich eine Zeitlang verkriechen zu können. Aber die Weinberge waren

mit Mauern eingeschlossen, und der Boden des Sandhegers, worauf die Weiden

standen, war schwammig und naß. In einen dicken Tannenwald, der mir zur

Linken auf einer Anhöhe lag, wagte ich mich nicht, weil ich gehört hatte,

daß es in Sachsen wilde Schweine gebe. Es blieb mir also nichts übrig, als

ein schmaler Weg zwischen der Elbe und den Weinbergen. Ich verfolgte ihn,

kam an ein Dorf, lief hindurch, fand eine Fähre an der Elbe, die eben

im Begriff war, nach dem andern Ufer abzufahren, sprang hinein, fuhr mit

hinüber, sprang wieder heraus, ohne mich um das Fährgeld zu bekümmern; von

neuem ein Dorf, von neuem hindurch, und endlich sank ich hinter demselben

unter einzelnen Tannen ohnmächtig nieder.

Neuntes Kapitel.

_Hypochondrie._

Ich hatte kaum fünf Minuten unter den Bäumen gesessen, als ich ein Geräusch

neben mir hörte. Ich blickte auf, und vor mir stand ein Mann, der mich

mit stieren Blicken unverwandt ansahe. Sein Kopf hing weit über den Rumpf

heraus, und überhaupt beschrieb seine ganze Figur ein =S=. Ein kleines,

dreyspitziges Hütchen deckte die halbe Scheitel und die ganze Stirn, und

ruhete auf einer Nase, die über den Mund herüberhing. Sein Kinn saß sehr

hoch und berührte die äusserste Spitze der Nase. Ein rundes Stutzperückchen

stand eine gute Hand breit vom Nacken ab und rundherum sah ein dünnes

greises Haar hervor. Ein gelbblasses eingefallenes Gesicht, auf welchem

eine tiefe Falte an der andern lag, bewies, daß Alter und Krankheit seine

Gesundheit untergraben hatten. Er trug einen kahlen schwarzen Rock, der ihm

bis in die Kniekehlen reichte und von oben bis unten fest zugeknöpft war.

Seine Kniescheiben schienen durch Gicht oder Abzehrung unbeweglich geworden

zu seyn, denn Schenkel und Füße beschrieben so ziemlich einen Triangel.

»Wes Landes?« hub er an.

Ich wußte nicht, was ich antworten sollte.

»Aus Judäa, oder aus Samaria?« fuhr er fort.

Ich sah ihn mit großen Augen an und sein starrer Blick machte mir allmählig

Angst. Auf einmal schien es, als ob er aus einem tiefen Schlaf erwachte.

Seine Miene heiterte sich etwas auf; er nahm mich bey der Hand und fragte

mich mit einer sanften Stimme: »Kind, du fürchtest dich vor mir? Ich bin

ein armer elender Mann, ich thue dir nichts. Ach! ich kann dir nichts thun!

Sieh hier diese dürre verwelkte Hand; sie kann kaum dies leichte Stöckchen

heben. Befürchte nichts, Kind! Nein, du hast nichts zu befürchten!«

Mit diesen Worten setzte er sich zu mir und nahm mich von neuem sanft bey

der Hand.

»Ich bin sehr lange krank gewesen, liebes Kind,« fuhr er fort, »heute

bin ich zum erstenmal wieder ausgegangen. Ich habe an der Hypochondrie

laborirt. Ein schreckliches Malum, mein Kind, ein sehr schreckliches Malum!

Kennst du es?«

Ich sah ihn befremdet an, und schüttelte den Kopf.

»Du kennst es nicht? (fuhr er wie in Hitze fort) Wenn du still und

trübsinnig, mit krummen Rücken und mit zur Erde geschlagenem Blick, über

Stock und Stein, durch Sümpfe, Moore und Bäche, durch Sandpfützen und

Wälder hinschleichst; mit jedem altem Weibe, das dir begegnet, zusammen

läufst; wenn sie zur rechten ausweicht, rechts springst; wenn sie zur

linken ausweicht, links springst; und wieder rechts und wieder links und

dich abarbeitest, um ihr nicht vor den Kopf zu rennen; wenn mitten unter

diesem Bestreben, von ihr loszukommen, dem alten Weibe plötzlich ein

spitziger Schnabel ans Maul wächst, womit sie dir in die Brust pickt, die

Haut abschält und endlich zwischen die obern Rippen hindurchfährt und dir

am Herzen zu nagen anfängt; wenn dirs dann grün und gelb und feuerfarb und

himmelblau und rabenschwarz vor Augen wird; wenn sich alle diese Farben

zusammen mischen und in Kugeln, oder Schlangengewinden, oder Meereswogen

vor deinem Auge umherrollen; wenn es dicke Nacht in allen deinen Sinnen

wird; Gewitterwolken sich über dein Haupt zusammen ziehen und Sturm tobt,

und tausend Donner brüllen, und Blitz auf Blitz dir zischend durch das

Gehirn fährt; wenn mitten in diesem schrecklichen Gewirr eine eherne,

glühende Pfanne aus dem Boden heraufsteigt, Teufelslarven, Schlangen, Löwen

und Riesen um sie her tanzen, Feuer anlegen und es anschüren, daß die Lohe

himmelan sprüht; wenn dich dann eine der schrecklichsten Gestalten beym

linken Fuß packt, und dich in die glühende Pfanne schleudert, daß das

siedende Oel rauschend, zischend und raschelnd über dich zusammen schlägt

und aufschäumt; wenn du in dem Augenblicke, da du glaubst, daß sich

Feuerströme in deine innersten Fibern hineinfressen werden, urplötzlich

auf eine blühende Wiese entrückt wirst, wo Nachtigallen dein Ohr letzen;

wo Wohlgerüche und kühlende Balsamdüfte eine herzerhebende Linderung durch

dein ganzes Wesen gießen; wo Mädchen in Engelsgestalt, in weissem

luftigen Gewande vor deinem trunknen Blick einher schweben; wenn du rasch

aufspringst, voll Sehnsucht, eine dieser Huldgöttinnen zu umarmen; wenn sie

flieht, du sie einholst, sie fest umschlossen hältst, deinen Mund fest

auf den ihrigen drückst; wenn dein Herz an ihrem Busen pocht; wenn du mit

matten, in Liebe schwimmendem Auge aufblickst, um das Mädchen zu sehen, das

Himmel und Erde vor deinem Blicke schwinden machte -- und plötzlich eine

ungeheure von Gift geschwollene schuppigte Schlange, statt ihrer, fest in

die Arme schließest, die ihren schrecklichen Rachen aufreißt und Pesthauch

auf dich her bläst -- wenn du solche Erscheinungen hast, dann bist du

hypochondrisch!«

Er schwieg und holte Athem.

Es war eine schreckliche Schilderung, die das Feuer und der bald bebende,

bald rauschende, bald ängstliche und weinerliche Ton und das lebhafte

Gebährdenspiel, womit er sie hersagte, mir im äußersten Grade fürchterlich

machte.

Jetzt bin ich von diesem Uebel befreyt, setzte er hinzu, und, wie ich

hoffe, auf immer. Ich muß mir nur fleißig Bewegung machen, und oft in

Gesellschaft gehen. Das ist das beste Mittel darwider!

Ich erholte mich nach und nach von meiner Aengstlichkeit und sprach

einige Worte mit ihm. Er ließ auch am Ende sein Lieblingsthema,

seine Krankheitsgeschichte fahren, fragte nach meinen Eltern, wie ich

hiehergekommen etc. etc. und da ich Zurückhaltung bey ihm nicht nöthig zu

haben glaubte, oder weil einem Offenherzigkeit in der Jugend so natürlich

ist, so entdeckte ich ihm alles, und schloß mit dem Wunsche: wenn ich nur

wüßte, wo ich diese Nacht bleiben sollte!

Du gehst mit mir! sagte er, und wollte aufstehen, fiel aber kraftlos

zurück. Ich sprang auf und half ihm auf die Füße. Wir setzten uns in

Bewegung, aber mir war immer, als ob ich etwas vergessen hätte. Ich sah

mich um, und wie ward mir! mein Phylax war nicht da. Ohne meinem Begleiter

ein Wort zu sagen, ohne selbst eine lebhafte Idee zu haben von dem, was

ich thun oder lassen sollte, um meinen Hund zu finden, flog ich davon. Alle

funfzig Schritte stand ich still und rief Phylax! und wenn er dann nicht

erschien, so lief ich unter Geschrey der Ungeduld weiter. Endlich fiel mir

ein, daß er im Gasthofe zurückgeblieben seyn müsse. Nun stutzte ich und

ging bald vor- bald rückwärts, bis ich mich endlich, aber mit unsäglicher

Mühe und Beklemmung entschloß, Phylaxen zu lassen, wo er wäre, und mich

nicht der Gefahr einer Auslieferung auszusetzen. Ueberdies hatte ich das

festeste Vertrauen auf seine Spürkunst, und überzeugte mich endlich, weil

ich mußte und es wünschte, daß er mich ganz gewiß wiederfinden würde.

Der Alte erwartete mich und fragte nach der Ursach meines plötzlichen

Entlaufens. Der besorgliche Mann hatte geglaubt, seine Gesichtsbildung

sey mir auf einmal so fürchterlich geworden, und ob ich ihm gleich meinen

Verlust sehr deutlich erklärte, fragte er mich in der Folge doch noch

einigemal: ob er denn etwas fürchterliches im Gesichte habe?

Wir kamen an das Ufer der Elbe, und als wir ein paar hundert Schritt an

demselben hingegangen waren, ward mein Begleiter auf einmal unruhig.

»Nicht wahr, Kind,« hub er an, und sah starr in den Strom: »man hat

Beyspiele, daß reißende Ströme plötzlich angeschwollen sind, und Land und

Leute verschlungen haben?«

Ich hatte nichts davon gehört.

»Ja, Kind,« fuhr er mit zunehmender Bangigkeit fort: »es ist dir sehr

oft geschehen! Es kömmt von Wolkenbrüchen, mein Sohn, von starken

Wolkenbrüchen! (er sah starr gen Himmel) Sieh einmal die Wolke, Kind! Eine

dicke, schwarze Wolke, so schwer, so langsam zieht sie da herauf! Wenn

nur nicht -- (er beschleunigte seine Schritte) Kind, siehst du nicht die

schwarze, dicke Wolke da? -- Sie enthält lauter Wasser, lauter Wasser!«

Es war ein kleines, unbedeutendes Wölkchen, weder schwarz, noch schwer,

noch dicke.

»Hörst du es nicht rauschen?« fuhr er fort, und sah sich angstvoll nach der

Elbe um: »Sie tritt über -- sie bricht aus -- lauf, lauf, lauf!«

Und mit den Worten fing er an zu laufen, als ob ihm der Strom schon auf den

Fersen wäre. Rette dich! rette dich! rief er eines Rufens, und lief dabey,

nach seiner Art, vogelschnell feldein. Ich nahm mir mehr Zeit, denn die

Elbe blieb, wo sie war. Ob er sich gleich nicht umsah, versicherte er mir

doch immerfort, der Strom wäre uns sehr nahe. Ich sprach aus allen

Kräften dagegen, aber er lief immer schneller, und als ich sah, daß mit

Vorstellungen nichts auszurichten war, lief ich zur Gesellschaft mit.

Ich weiß nicht, wo der schwächliche Mann die Kräfte dazu hernahm. Er ließ

nicht eher nach, als bis wir an die P** Vorstadt kamen. Hier setzte er

sich ohnmächtig auf einen Eckstein nieder und sagte: wenn wir nicht so

ausserordentlich gelaufen wären, hätte uns der reißende Strom verschlungen.

Ich konnte nicht umhin, über den sonderbaren alten Mann zu lächeln.

Zehntes Kapitel.

_Trost des Evangeliums._

Er ging mit mir durch lauter entlegene Straßen, die fast immer an der

Stadtmauer fortführten, und schien den Anblick der Menschen eben so sehr zu

fliehen, als ich: und das war mir recht, denn ich war in großer Besorgniß,

der Legationsrath möchte mir begegnen. Wir kamen endlich an ein gewölbtes

finstres Thor, das auf eine Brücke führte. Ueber diese gingen wir und

geriethen in eine schmale, dunkle Gasse; am Ende derselben stand ein altes,

baufälliges Haus, in welches er mich führte. Es fuhr mir eine Art von

Schauder durch alle Glieder, doch beruhigte mich der Gedanke etwas, daß

hieher wohl schwerlich Nachsetzer kommen würden. Wir stiegen im Hofe eine

verfallene Treppe hinan und krochen durch eine niedrige Thür, in eine

enge räuchrige Stube, die an Möbeln nichts, als ein Pult, einen uralten

Lehnstuhl und zwey kleinere Rohrstühle, die durchgesessen und wackligt

waren, aufzuweisen hatte. Er setzte sich nieder und fing noch einmal von

dem Wolkenbruche und dem dadurch verursachten Austreten der Elbe an. Mich

ließ er wenig zu Worte kommen, als ich ihm noch einmal versichern wollte,

sein Schrecken sey ungegründet gewesen.

Es fing an, mich sehr zu hungern, und doch sah ich nicht, daß er Anstalt

machte, mir etwas anzubieten. Endlich sagt' ich ihm dreist heraus, woran

ich litte. Sogleich griff er in seine Tasche und holte unter einer Menge

Brodkrümchen zwey Dreyer heraus. »An dem Thore, wo wir hereingekommen

sind,« sagte er, »wohnt ein Bäcker, geh und hole für dies Geld!«

Ich sprang fort, fand das Thor glücklich wieder und den Bäcker an

demselben. Ich nahm Semmel für mein Geld, und war schon wieder auf dem Wege

zu meinem alten Wirth, als mich jemand von hinten bey der Schulter

faßte. Ich sah mich unter Schrecken und Zagen um, und erblickte -- meinen

Reisegefährten. Er wunderte sich nicht weniger als ich, daß wir uns in

diesem entlegenen Theile der Stadt wiederfanden. Ich erzählte ihm, daß mich

der Legationsrath verfolgen ließe, daß ich aber ein sicheres Versteck bey

einem alten wunderbaren Manne gefunden habe. Er war begierig, den Mann und

seine Wohnung zu sehen, und ich nahm ihn mit. Unterwegs erzählte er mir,

daß er bey dem Amtmann der F** Stadt gewesen, und sich einen Logiszettel

geholt habe, damit wolle er zu dem Wirthshause zurückgehen, aus welchem ich

entlaufen sey. Er kam nicht weiter, als an das Haus, wo mein Alter wohnte,

und nahm plötzlich Abschied. »Es sey genug,« sagte er, »daß er wisse, wo

ich mich befände, er würde eher wieder da seyn, als ichs vermuthete!« --

Ich band ihm noch meinen Phylax aufs Gewissen und bat ihn, mir denselben

den folgenden Morgen zu bringen. Er versprach es, und ging mit einer

bedenklichen Mine fort, die mir mehr hätte auffallen sollen.

Als ich zu meinem Alten in die Stube trat, reichte er mir die Bibel. »Lies

mir dies Evangelium,« sagte er, »zu meiner Beruhigung und Trost!« Ich sah

ihn befremdet an und biß in meine Semmel, um anzudeuten, daß mich hungere.

Aber er verstand mich nicht, er nahm mir aus der einen Hand die Semmel und

legte sie neben mir hin, und in die andre steckte er mir die Bibel. Ich

las, indem ich von Zeit zu Zeit, wenn er weg sah, in die Semmel biß und

sie behutsam wieder hinlegte: _Lasset die Kindlein zu mir kommen_ etc. etc.

etc.

Alle Züge des alten Mannes wurden lebendig und heiter. Siehst du, Kind,

rief er schluchzend, in dem Evangelio steckt ein Trost, auf welchen sichs

besser schläft, als auf gewonnene Schlachten. Daß ich dich mitgenommen

habe, daß ich dir Essen und Nachtlager gebe, diese uneigennützige

Bereitwilligkeit, dir zu dienen, verschafft mir den süssen Trost, der in

dem Evangelio allen denen versprochen wird, die Kinder lieb haben. Und nun

schlaf wohl! Ich mag nicht essen, nicht trinken. Ich will die himmlischen

Empfindungen, die mich jetzt beseelen, nicht unterbrechen. Schlaf wohl!

Bey diesen Worten öffnete er eine Seitenthür, die in eine finstre Kammer

führte, warf sich in vollem Zeuge aufs Bette und schnarchte bald darauf von

ganzem Herzen.

Nun war ich allein und meinen Betrachtungen überlassen. Diese peinigten

mich nicht sehr, denn meine Semmel beschäftigte mich ziemlich lange; und

sobald diese gegessen war, fand sich die Schläfrigkeit ein, welche

die Verdauung ankündigt, und hielt alle traurige oder fürchterliche

Vorstellungen so gut von mir ab, daß ich nach einigen Minuten auf dem

Lehnstuhle meines Wirthes ruhig einschlief.

Eilftes Kapitel.

_Wie man nach der Bastille abgeholt wurde._

Plötzlich schreckte mich ein starkes Poltern auf, und in meiner

Schlaftrunkenheit kam es mir vor, als ob das ganze Haus über mich zusammen

stürzte. Die Finsterniß vermehrte mein Schrecken. Eben war ich im Begriffe,

meinen alten Wirth zu rufen, als meine Angst in Todesfurcht überging: denn

es traten drey Männer, in große blaue Mäntel verhüllt, deren einer eine

Laterne trug, stillschweigend in die Stube und schritten auf mich zu;

der eine nahm mich bey den Schultern, der andre bey den Füßen, und so

schleppten sie mich die Treppe hinunter, alles, ohne einen Laut von sich zu

geben. Ich wollte schreyen und konnte nicht. Erst unten auf dem Hofe bekam

ich Kräfte, aus voller Kehle einen Schrey zu thun. Sogleich hörte ich des

Alten Stimme. Ich bat ihn, mir zu helfen, mich zu retten, man wollte mich

umbringen! Aber die drey furchtbaren Männer ließen sich durch mein Geschrey

nicht irre machen. Sie trugen mich durch das Haus, und als Wirth und

Wirthin erschienen, um zu sehen, was es gäbe, sagte ihnen der Mann mit

der Laterne einige Worte, worauf sie sich beruhigten und in ihre Stube

zurückgingen.

Man legte mich in eine Kutsche, die um und um zugemacht war. Die beyden

großen Männer setzten sich, dicht in ihre Mäntel gehüllt, zu mir,

und sagten zu dem mit der Laterne, wenn der Alte käme, sollt' er ihn

zurückhalten. Und nun ging es fort!

Ich saß in stummer Betäubung zwischen ihnen, und wenn ich unter Zittern und

Beben fragte: was ich begangen hätte? und, wohin sie mich denn brächten?

riefen sie: _Halt's Maul!_ oder: _wie die Arbeit, so der Lohn!_

Alle Schrecken, die ich von dem Augenblick an, wo mir Malchens Mama die

Schelle gab, bis zu den fürchterlichen Begebenheiten auf dem Heuboden und

im Wirthshause, empfunden hatte, waren nichts gegen diesen. Ich erbebte

durch alle Glieder und schnappte schluchsend nach Luft.

Endlich hielt der Wagen still und man trug mich heraus, wie man mich hinein

getragen hatte. Eine alte Frau öfnete eine Seitenthür. Man legte mich auf

ein Bette und einer der Blaumäntel sagte mit einer fürchterlichen Baßstimme

zu mir: _Morgen siehst du mich wieder!_ Darauf verschlossen sie die Thür

und ließen mich allein.

Bald wollte ich schreyen, daß die halbe Stadt mich hörte, bald aufspringen

und mit Händen und Füßen an die Thüre donnern; aber zu beydem fehlte mir

Kraft und Muth. Besorgniß und Angst nahmen ihre alte Stelle wieder ein und

brachen sich in einen Thränenguß, der rund umher, wo mein Kopf lag, das

Bette benetzte. Doch erlagen sie bald nachher einem Schlafe, der zwar

von fürchterlichen Träumen unterbrochen ward, aber doch bis gegen Morgen

dauerte.

Bald nach meinem Erwachen erschien der Blaumantel, setzte Thee und Semmel

hin, ging wieder, ohne ein Wort zu reden, und schloß die Thür hinter sich

zu. Ich hoffte jeden Augenblick, daß man die Fensterladen öffnen sollte;

aber vergebens. Ich trank meinen Thee, und ließ große Thränen in die

Schaale tröpfeln. Endlich ging meine Furcht in starre Hartherzigkeit über,

die alles, sey es auch das Aergste, was man über mich verhängen würde,

ausdauren wollte.

Nach ein paar Stunden erschien der Blaumantel wieder, und brachte noch

einen Mann mit. Dieser sollte mir das Maas zu Rock, Weste und Beinkleider

nehmen, meynte aber: bey der Finsterniß könne er nicht sehen. »Seht, wie

Ihrs macht,« sagte der Blaumantel zu ihm, »so ein Bösewicht muß weder

Tages- noch Talglicht sehen!« Sie lachten über dieses witzige Wortspiel von

ganzem Herzen, aber mir war es nicht möglich. Doch weiß ich nicht, wie es

kam, meine Bangigkeit nahm dadurch um einen großen Theil ab.

Der Schneider versicherte noch einmal, daß er im Finstern nicht sehen

könne, und nun lief der Blaumantel und holte Licht. Jetzt riß sich wiederum

ein großes Stück Furcht von meinem Herzen los, denn ich sah mich in einem

Zimmer, das mit Tapeten ausgeschlagen, und mit großen Spiegeln und mit

prächtig eingefaßten Gemälden geziert war. Nun that das gar keine Wirkung,

was sie von der neuesten Mode im Zuchthause zu W** sprachen, und von dem

harten Willkommen, der daselbst den Züchtlingen gegeben würde; denn ich

konnte an den Fingern abzählen, daß man einen Züchtling nicht in ein so

prächtiges Zimmer sperren und mit Thee und köstlicher Mundsemmel bewirthen

würde.

Als der Schneider fertig war, ging er mit dem Kerkermeister fort und

versprach in wenig Tagen des Züchtlings Kleider zu liefern, die eine Seite

grau, die andere gelb, wie sie im Zuchthause zu W** Mode wären. Wenn

mir diese letzte Aeusserung hätte Furcht machen können, so wäre sie fünf

Minuten darauf völlig erstickt worden; denn der Blaumantel brachte mir ein

Mittagsessen von solcher Schmackhaftigkeit, daß ich glaubte, es sey aus

Marthens Küche gestohlen. Es war eines meiner Lieblingsgerichte.

Den Abend geschah ein Gleiches. Ich schlief viel ruhiger, als die vorige

Nacht, und der Thee schmeckte mir den folgenden Morgen auch weit besser,

als Tages vorher. Eben so das Mittag- und Abend-Essen. Ich vergaß, daß ich

ein Gefangener war und in der Finsterniß leben mußte, und bemengte mich

endlich auch nicht mehr mit überschrecklichen Vermuthungen über das, was

mir bevorstand.

Moriz: ein kleiner Roman · 第 4 / 11 题