Am dritten Abend öfnete sich die Thür --

Zwölftes Kapitel.

_Aufklärung._

Und es trat herein der Schneider, im Gefolge des Blaumantels, der ein Licht

trug. Jener warf sein Bündel auf den Tisch, nahm mich herzu, und zog mich

bis aufs Hemde aus. Ich zitterte in banger Erwartung. Er probirte mir

Rock, Weste und Beinkleider an, fand sie nach seinem Geschmacke, zierlich

geschnitten und fein gearbeitet, wünschte mir Glück dazu und ging ab.

Ihm folgte ein Bedienter, der mich wieder auszog, mir einen Pudermantel

überhing, frisirte und puderte, ein weißes Hemde, seidene Strümpfe, neue

Schuhe (die ein wenig zu weit waren) mir anzog, einen Federhut aufsetzte,

und das neue Kleid wieder anziehen half.

Ich staunte und stutzte mich an, aber er ließ mir nicht Zeit, meiner

Verwunderung nachzuhängen, sondern nahm mich bey der Hand, führte mich eine

Treppe hinan, hustete -- plötzlich flog eine Doppelthür auf, und ich stand

in einem großen, prächtig erleuchtetem Saale, in dessen Hintergrunde ich

ein Gewimmel von Herren und Damen sahe, die alle ihre Blicke auf mich

richteten.

Ich stand wie versteinert. Es war mir als sähe ich in einen Guckkasten.

Ich wußte nicht, ob ich stehen bleiben, oder vorrücken, ob ich lachen oder

weinen sollte.

»Tritt näher, gottloser Schelm!« rief eine Stimme, und wer konnt' es anders

seyn als Papa? Ich trat näher, und er kam mir entgegen. -- Bester Papa,

rief ich schluchsend und nahm seine Hand -- »Ich bin dein Papa _gewesen_!«

unterbrach er mich und führte mich zu einem Herrn, der mit einer Dame auf

der Seite stand und mir den Rücken zukehrte. Er drehete sich um -- und es

war der Legationsrath. -- »Mein Sohn!« rief er -- »Mein bester Sohn! komm

an meine Brust!« -- Er schloß mich zärtlich in seine Arme. Ich weinte laut.

-- »Moriz,« rief eine weibliche Stimme von der andern Seite: »Mein guter

Sohn!« -- Die Dame umschloß mich, hob mich auf und drückte mich an ihre

Brust. Papa Ernst gab sich alle Mühe, zu lachen, aber er konnte vor Thränen

nicht dazu kommen. »Ich bin dein Papa gewesen,« sagte er: »hier (auf den

Legationsrath zeigend) das ist dein Papa, und hier (er winkte auf die Dame)

das ist deine Mama!« -- »Und ihr hast du es zu danken,« sagte mein Vater,

»daß du drey Tage früher aus deinem Gefängniß bist erlös't worden!« -- Ich

wollte ihr die Hand küssen, aber sie zog mich sanft zu sich und drückte

mich an ihr Herz. »Moriz,« sagte Papa Ernst, und hob die rechte Hand auf,

»einem solchen Vater und einer solchen Mutter hast du entlaufen wollen!«

Ich war ausser mir vor Angst und Freude. Die Umstehenden lächelten gerührt.

Erhole dich, Kind, sagte meine Mutter, und führte mich zu einer Seitenthür:

wir wollen ein wenig abtreten, du sollst mir erzählen, wie es dir auf

deiner Reise ergangen ist.

Sie öfnete die Thür.

»Da ist er, da ist er!« rief ein Mädchen und hüpfte mir entgegen. Ich sah

sie an, und siehe da, Fräulein Louise! »Du reisender Handwerkspursche!«

rief sie und riß mich in die Mitte des Zimmers. Ihre Eltern kamen herzu und

umarmten mich. Der Oberste besonders drückte mich an seine Brust mit einer

Kraft, daß mir der Rest von Athem hätte ausbleiben mögen, den ich bey

allen den frohen und unerwarteten Erscheinungen noch übrig behalten hatte.

Malchen stand von ferne am Fenster und malte auf den Scheiben. »Nun,

Malchen,« rief ihr Vater, »willst du nicht näher?« -- Sie kam ganz langsam

herbey, und als ich sie bey der Hand nahm, sah sie nach Osten und ich nach

Westen. »Freut ihr euch nicht?« sagte der alte Lehmniz. Ich weinte mit

Malchen in die Wette.

»Ach, habt euch nicht so närrisch, Kinder!« sagte der Oberste: »Pfui,

Springinsfeld, wer wollte weinen! Das schickt sich nicht für einen Kerl,

wie du bist!« Mit den Worten schob er uns in den großen Saal zurück. Mein

Vater kam mir entgegen und sagte: du hast nun alle alte Bekannte gesehen,

nun muß ich dir noch zwey vorstellen. Er führte mich in die Küche, und

Martha trat mir entgegen. Sie konnte vor Schluchsen kaum reden, umarmte

und küßte mich und stotterte die Versicherung dabey, dies sey der erste und

letzte Kuß, den sie nach Absterben ihres ewiggeliebten letzten Bräutigams

einer Mannsperson gegeben habe.

Unterdessen öfnete mein Vater eine Seitenthür und heraussprang -- Phylax.

Ich riß mich von Marthen los und ihm entgegen. Er that ganz spröde, ging

um mich herum, beschnupperte mich, und schien mich in meinem neuen Anzuge

nicht zu kennen. Als ich ihn aber anredete, tanzte und hüpfte er, was er

konnte, und trieb seine Höflichkeit so weit, daß er nach meinem Haarbeutel

sprang und ihn um ein Haar zwischen seine großen Zähne genommen hätte.

Mein Vater verließ uns, vermuthlich, damit ich mich ein wenig erholen

sollte, und weil es sich für Marthen am besten schickte, mir über das, was

vorging, Auskunft zu geben. In weniger als fünf Minuten erfuhr ich nun:

daß mein Vater und Mutter heute öffentlich Hochzeit machten, nachdem mein

Großvater, der sich bis daher ihrer Verbindung widersetzt, gestorben sey,

und meine Mutter als Meisterin ihres Willens zurückgelassen habe. Papa

Ernst sey nur mein Pflegepapa gewesen, und sie (wie sie mir deutlich zu

verstehen gab) meine Pflegemama. Der gnädige Herr (Malchens Papa) sey mit

der ganzen Familie (Fink und den jungen Herrn ausgenommen, die den Tag

vor der Abreise plötzlich krank geworden) und mit Papa und ihr in zwey

Reisewagen abgeholt worden. Man sey mir schon am zweyten Tage meiner Flucht

auf der Spur gewesen, habe mich aber nicht finden können, bis endlich der

Gastwirth vor der Stadt meinem Vater die Nachricht gebracht hätte, daß ich

mich in seinem Hause befände. Weil ich ihm und dem Bedienten aber unter den

Händen entwischt sey, wäre man meinetwegen von neuem in Sorge gewesen,

bis endlich mein Reisegefährte selbst gekommen wäre und meinen Aufenthalt

angezeigt habe. Zur Strafe für meinen Leichtsinn, habe man mich so

erschreckt, und so lange eingesperrt, u. s. w. Mein alter Wirth sey ein

verrückter Kandidat der Theologie, der unter dem Namen Magister Stapps in

D** bekannt sey. Mein Vater habe ihn neu gekleidet und ihm Geld gegeben,

mit der Sicherung einer jährlichen Pension von funfzig Thalern. Den

Bedienten, meinen Reisegefährten, habe er in seine Dienste genommen, und

Phylax sey diesem aus dem Gasthofe hieher gefolgt.

Jetzt kam mein Vater und führte mich in den großen Saal zurück. Wie

glücklich ich mich fühlte! Aber es dauerte lange, ehe ich mich völlig

überzeugen konnte, daß diese ganze Begebenheit kein Traum sey.

Moriz.

Drittes Buch.

Erstes Kapitel.

_Moriz wird Page._

Ich hatte nicht lange das Glück, unter den Augen meiner Eltern erzogen zu

werden. Mein Vater ging nach vier Jahren als Gesandter nach Frankreich und

nahm meine Mutter mit. Mich ließen sie zurück.

Acht Tage vor ihrer Abreise kündigten sie mir an, wozu sie mich bestimmt

hätten. »Du sollst ein paar Jahre Page bleiben,« sagte mein Vater, »und

sodann Soldat werden. Jenes ist deiner Gemüthsart nicht ganz angemessen,

das weiß ich, aber ich wünschte, deinen Hitzkopf eben dadurch zu bändigen.

Nur bitte ich dich, lieber Sohn (bey diesen Worten umarmte er mich

zärtlich) vertausche dein Feuer nicht mit Sklavensinn. Du wirst bald sehen,

was ich damit sagen will, und dein eignes Gefühl, hoffe ich, soll dich

davor bewahren. Mache mir die große Freude, dich als Mann wieder zu finden,

wenn ich zurück komme!«

Was hätte ich nicht alles versprochen, an dem klopfenden Herzen eines

Vaters und unter den zärtlichen Liebkosungen einer Mutter! Sie reiseten

ab und ich sah der Kutsche mit herzlicher Wehmuth nach. Man gab mir

Pagen-Uniform, und ich zog sie an, aber mit dem festen Entschluß, _mein

Feuer nicht mit Sklavensinn zu vertauschen_. Ich hatte jetzt freylich noch

keine deutliche Vorstellung von dem Verstande dieses Wortes; aber mein

Vater hatte mir ja versichert, mein eigenes Gefühl würde es mir sagen, und

diesen Zeitpunkt erwartete ich mit Verlangen.

Zweytes Kapitel.

_Sklavensinn._

Ich kam unter eine Gesellschaft von jungen Leuten, funfzehn an der Zahl.

Wenn der Instruktor nicht zugegen war, sprangen sie auf Tische und Bänke.

Jeder hatte, so lange die Lektion dauerte, seinen kleinen Plan zu irgend

einem Schelmstück ausgebrütet, und so bald sie den Nacken frey hatten,

ging es Kopf oben Kopf unten. Aus allen ihren Mienen und Gebährden sprach

Verachtung unserer Aufseher, und doch zitterten sie, wenn einer von ihnen

erschien, und Die vorher die meiste Geringschätzigkeit geäußert hatten,

waren dann die geschmeidigsten und höflichsten.

Dies Betragen gefiel mir nicht. Ich machte manchen kleinen Schwärmer mit,

fühlte aber nicht, daß ich meine Vorgesetzten, aus Furcht entdeckt und

bestraft zu werden, verachtete. Dies hatte aber für mich die Folge, daß ich

fast immer der letzte war, der sich zurückzog, wenn wir einen unbesonnenen

Streich gemacht hatten, und daß man sich in solchen Fällen jedesmal an mich

hielt und mich für das Volk büßen ließ.

»Auf meine Ehre!« sagten dann immer die Knaben, wenn ich die Strafe hätte

leiden müssen: »Auf meine Ehre, ich erschösse den Kerl, wenn er es mir so

machte!«

Für diesen Vorschlag hatte ich gar keinen Sinn, und ich begriff nicht,

wie ich gegen einen Mann Tücke nähren könnte, der mich mit Fug und Recht

bestraft hatte.

Es war natürlich, daß ich bey dieser Gesinnung der ganzen Gesellschaft

junger, heimlicher Teufel, furchtbar werden mußte. Wenn mich einer

beleidigte, so brannte im Nu die Strafe auf seinem Backen, statt daß

die übrigen die Beleidigung in sich verschlossen und auf heimliche

Rache dachten. Denn wenn sie sich auf der Stelle rächten, so mußten sie

befürchten, daß der Geschlagene unsern Aufsehern seine Klagen vorbrächte;

und dann hätten sie das große Unglück gehabt, Vorwürfe oder Strafe leiden

müssen, oder wohl gar als unruhige Köpfe öffentlich entdeckt zu werden, da

sie es doch heimlich seyn wollten. Lieber unterdrückten sie ihren Verdruß

und bezahlten dem Beleidiger bey einer andern Gelegenheit durch die dritte

Hand mit zehnfachem Wucher, und hätten Wochen und Monate darüber hingehen

sollen.

Von dem allen that ich gerade das Gegentheil, aber dies hatte für mich

den Schaden, daß ich bey unsern Vorgesetzten in den Ruf des unbändigsten,

starrsinnigsten und streitsüchtigsten aller Pagen kam.

Diese Leute waren wenig besser, als ihre Untergebenen. Sie schienen gar

nicht zu wissen, daß es Charaktere giebt, oder geben müsse, die offen und

geradezu handeln; mithin hielten sie das an mir für störrische Bosheit, was

helle, unversteckte Gutherzigkeit war.

Hatte einer von meinen Mitpagen einen boshaften Streich gemacht, der die

schärfste Züchtigung verdiente, so hingen die übrigen an einander wie

Kletten, wenn es zur Untersuchung kam. Fragte man mich aber, und ich wußte

es, so gestand ich die Wahrheit, wurde aber auch der Martyrer derselben.

Denn der, der von mir angegeben wurde, war unschuldig, wie die Sonne;

aber _ich_ war der Thäter, _ich_ hatte ihn aus Bosheit angegeben, um die

verdiente Strafe von mir auf ihn zu wälzen.

An meinen Lehrern lag es also nicht, wenn ich in kurzer Zeit nicht eben so

verdorben ward, als die übrigen. Sie bothen mir, wie man sieht, hülfreiche

Hände zu dieser Metamorphose.

Mein Vater hatte gesagt, ich würde fühlen, was er unter dem Worte

_Sklavensinn_ verstanden hätte. Jetzt glaubte ich ihm auf der Fährte zu

seyn, und dies hielt mich ab, die Gesinnung meiner Mitpagen anzunehmen.

Die tiefen Verbeugungen, die sie zu machen pflegten, gefielen mir eben so

wenig. Der Tanzmeister hatte seine Noth mit mir. Er predigte und predigte,

und reckte und dehnte mich, aber meine Verbeugungen hielten das Mittel, und

er war in Verzweiflung, daß er keinen Anstand hineinbringen konnte. Einmal

äusserte er die Vermuthung, mein Rücken müsse wohl von Eisen seyn. Sogleich

setzte ich einen Stuhl mitten in den Saal, legte mich rücklings über

denselben hin, und nahm in dieser Stellung ein Stück Geld mit dem Munde von

der Erde auf. Als dies geschehen war, setzte ich den Stuhl stillschweigend

weg und sah den bestürzten Tanzmeister an. Er zuckte die Achseln und sagte

zu einem unsrer Aufseher: er hat unerhörte Geschmeidigkeit, aber will mir

nicht den Gefallen thun, und sie zum Guten anwenden. Dies zog mir von neuem

Vorwürfe und Drohungen zu; aber ich achtete sie nicht, weil ich meinem

Vater die Freude machen wollte, mich als Mann wieder zu finden. Ich glaubte

ihn nun völlig verstanden zu haben.

Drittes Kapitel.

_Moriz wird über die Achsel angesehen._

Als ich ungefähr ein halbes Jahr Page war, wurde eine neue Hofdame

vorgestellt. Ich sah sie im Vorzimmer und sie würdigte mich einiger Blicke,

die eine mir ganz fremde Wirkung auf mich thaten, und deren Wesen ich mir

nicht erklären konnte. Sie starrte einigemal auf mich her, daß meine

Blicke unwillkührlich zu Boden sanken. Ich fühlte eine Art von beklemmendem

Zittern, und zugleich stieg es mir warm vom Herzen bis zur Scheitel

herauf, und meine Haare krisselten auf derselben gerade so, als wenn man zu

Winterszeiten den bloßen Kopf der Luft aussetzt.

Diese Empfindung war mir unerträglich. Ich wandte der Frau den Rücken zu

und fühlte Verachtung gegen sie, ohne mir einen Grund davon angeben zu

können.

So oft ich mich umsah, begegneten mir ihre Blicke und ich hatte jedesmal

dieselbe Empfindung. Zwey andre Damen bemerkten die Aufmerksamkeit, womit

sie mich ansah, und sagten ihr lachend etwas ins Ohr. »_O_,« erwiederte sie

ganz laut: »_mir fällt nur seine blutrothe, bäurische Farbe auf und seine

ausgestopfte Figur! Wie lange ist er Page?_«

Hu! wie mir das ans Herz schoß! Es konnte niemand gelten, als mir, denn ich

war gerade der einzige Page im Vorzimmer. Aber hier konnte meine Wuth nicht

ausbrechen. Nie erinnere ich mich, in so einem fürchterlichen und so völlig

unerträglichen Zustande gewesen zu seyn.

Verachtung war mir von jeher die tödtlichste Beleidigung gewesen, und

jetzt ward ich von einer Frau verachtet, die ich verachtete, die ich nie

beleidigt hatte. Dabey sah ich keinen Weg vor mir, mich an ihr zu rächen,

und mußte den Trost entbehren, der den andern Pagen bey einer solchen

Gelegenheit nicht entgangen wäre. Diese hätten sich in Geduld gefaßt und

ihren Verdruß mit süßen Aussichten auf eine schleichende, stille Rache

niedergedrückt. Es fehlte wenig, so hätte ich ihnen diese Gemüthsart

beneidet.

Man wollte die Dame gern ehren, und gab ihr einen Pagen zum Dienst. Wie

froh war ich, daß es mich nicht traf!

Viertes Kapitel.

_Das Zucken in den Muskeln des rechten Armes._

Aber man denke sich meinen Unmuth, als mir der Hausmarschall den folgenden

Tag ankündigte: ich sey zum Dienste der neuen Hofdame bestimmt, und müsse

sogleich den Pagen Neuberg ablösen. Ich wäre lieber durch Feuer gelaufen,

aber hier galt keine Widerrede. »Seyn Sie hübsch gelehrig!« sagte der

Marschall zu mir, als er sich entfernte.

Ich verstand nicht, was er damit sagen wollte und ging murrend auf meinen

Posten. Der Page Neuberg kam mir entgegen und schien etwas gegen mich auf

dem Herzen zu haben.

»Sie dreymal glücklicher Mensch!« hub er endlich mit sichtbarer Bosheit an:

»Gräfin Waller hat _Sie_ ausdrücklich verlangt!«

Ich sah ihn ernsthaft an und sogleich sprang er auf einen andern Ton über.

»Ich habe den Korb, lieber Lemberg!« fuhr er fort: »Sie haben mich

ausgestochen. Sie sagte zum Marschall: schicken Sie mir doch den Pagen mit

den _runden_ -- ja, ich glaube, sie sagte mit den -- _runden_ Backen und

dabey beschrieb sie ihm Ihre Person sehr genau -- ha, hum! -- der Marschall

hatte Einwendungen und meynte -- -- Aber ich konnte nicht recht hören, was

er sagte. »O,« erwiederte sie, »das hab' ich bemerkt. Er ist noch sehr --

hier entfiel mir wieder das Wort, daß sie brauchte -- aber eben darum will

ich mir ein eigenes Verdienst daraus machen -- ihn -- ab -- ja, ja! ihn

abzuhobeln! Seine Mutter ist meine Freundin.«

Als er das Wort _abhobeln_ aussprach, that er einen Satz, der ihn drey

Schritte von mir entfernte. Es war der boshafteste, aber furchtsamste Gauch

unter allen Pagen. Nun verstand ich, was der Marschall hatte sagen wollen,

fühlte aber nicht, daß sich Empfindungen der Dankbarkeit gegen meine

großmüthige Lehrerin in meinem Herzen regten.

»Ist der Page da?« rief die Gräfin zur Thür heraus, und ich trat mit einem

kurzen: _Was befehlen Sie?_ ins Zimmer.

»Ach, der kleine Runde!«

Das Wort rund war mir unbeschreiblich verhaßt geworden, von dem Augenblicke

an, wo es Neuberg mit einem bedeutenden Accent von meinen Backen brauchte.

»Sind Sie nicht ein Lemberg?«

Zu Befehl, gnädige Gräfin!

»Lange keine Briefe aus Frankreich?«

Vorgestern!

»O, Ihre Mama ist meine Herzensfreundin! Wie gefällt es ihr, wie lebt sie

in Paris?«

Davon hat mein Vater nichts geschrieben!

In dem Moment sprang sie auf mich zu, nahm mich bey der Hand, zog mich

rasch und ängstlich ans Fenster und rief: Lemberg, Sie sind ein Schläger,

das werde ich Ihrer Mama schreiben!

Ich sah sie mit großen Augen an.

»Hier! (sie fuhr mit zwey Fingern sanft über meinen linken Backen) hier ist

eine große Narbe! Mit wem haben Sie sich geschlagen?«

Narbe? Geschlagen?

»Ja, ja! Nur näher, junger Herr!«

Sie zog mich näher ans Fenster, blinzelte, strich mir noch einmal mit den

zwey Fingern über den Backen, brach in ein erzwungenes Lachen aus und

sagte am Ende: sie hätte einen Schatten auf meinem Backen für eine Narbe

angesehen, und mich für einen Schläger -- beydes sey nicht wahr.

Wenn man sich erinnern will, was ihre Anmerkung im Vorzimmer von meinen

_blutrothen, bäurischen Backen_ damals für eine Wirkung auf mich that,

und wie sehr mein Verdruß durch Neubergs Aeusserung von _runden_ Backen

vermehrt worden war; so wird man schließen können, mit was für einer Mine

ich diese neue Bemerkung über meine Backen aufnahm. Ich hielt das alles

für klaren, bittern Spott und mehr als einmal fühlte ich ein Zucken in den

Muskeln des rechten Armes, das meine Hand unwillkührlich zu ballen pflegte,

wenn ich meinen Beleidiger ansah. Sobald meine Mitpagen dieses Zucken

bemerkten, hüteten sie sich wohl, mir zu nahe zu kommen, denn es folgte

gewöhnlich ein kräftiger Faustschlag darauf.

Die Gräfin wußte dies nicht, und ein Glück für sie, daß in eben dem

Augenblicke, wo ich die Fassung verlor, der Hausmarschall ins Zimmer trat.

Fünftes Kapitel.

_Ich will ihr Kammermädgen rufen!_

Ich entfernte mich und kaum war die Thür hinter mir zu, so hörte ich ein

starkes Gelächter. Dies konnte vielleicht gar keinen Bezug auf mich haben,

aber ich glaubte mit Händen zu greifen, daß es mir gölte. Es fuhr mir kalt

durch alle Adern, das Athmen ward mir unendlich schwer, und meine Brust war

wie mit starken Ketten zusammengeschnürt.

Nach einer halben Stunde entfernte sich der Marschall, und die Gräfin

ließ mich rufen. Ich trat herein und fand sie nachläßig auf eine Ottomanne

hingegossen. Ihre damalige Figur und Stellung werde ich nie vergessen, und

ich glaube, daß mir der Anblick des Todesengels in den letzten Sekunden

meines Lebens nicht widriger seyn wird.

Man denke sich eine Frau von vierzig bis fünf und vierzig Jahren, von Thee,

Punsch, Wein, Schocolate, von Liebe und Neid und langer Weile zusammen

gedörrt; mit einer kurzen Taille und einem schmalen Körper, der in einen

Reifrock eingerammelt schien; mit dünnen Armen und knöchernen Händen,

die sich wie ausgesprützte Skelette ausnahmen; über Gesicht und Arme eine

dünne, gelbliche Haut gezogen, unter welcher sich hier und da, matte,

schlaffe Adern hervor drängten; und dazu endlich ein Gesicht, so spitzig,

so eingefallen, daß man den leibhaften Tod vor sich zu sehen glaubte. Das

einzige, was noch einige Funken Leben verrieth, war ihr Auge. Ein Feuer

brannte darin, das ihre ganze Lebenskraft aufzusaugen und in ein paar

kleine graue Sterne zusammen zu drängen schien.

Diese Figur lag auf der Ottomanne, als ich herein trat. Ich erschrack und

stand wie verstürzt, als sie einen von jenen Blicken, die mir damals im

Vorzimmer ein Grausen durch alle Glieder gejagt hatten, starr auf mich

heftete.

Befehlen die gnädige Gräfin etwas? stotterte ich und sah auf den Boden.

»Muß man denn immer befehlen? Kommen Sie näher, Lemberg, erzählen Sie mir

etwas von Ihrer Mutter.«

Ich weiß nichts!

»Nun, so erzählen Sie 'was anders. Setzen Sie sich hieher! Ihr jungen

Herren habt doch sonst immer den Kopf voller Schwänke. Wie viel Mädchen

haben Sie in Ihrer Schreibtafel? (sie nahm mich beym Rockschooße) Ich will

sie sehen!«

Ich führe keine Schreibtafel!

»Ihre kurzen Antworten sind unausstehlich, Lemberg, ich will längere!«

Moriz: ein kleiner Roman · 第 5 / 11 题