#Ew. Hochwohlgebornen#
Weimar, den 3. April 1787.
ergebenster
Friedrich Schulz.
Moriz.
Erstes Buch.
Erstes Kapitel.
_Mysterien._
»Er darf es noch nicht wissen, Martha,« sagte mein Papa zu seiner
Haushälterin: »Du weißt, daß der Junge, so klein er ist, schon einen
gewaltigen Nagel im Kopfe hat. Er gehorcht mir jetzt schon nicht mehr, wie
er sollte, was würde daraus werden, wenn er erführe, daß ich nicht sein
Vater bin? Laß Du nur noch einige Jahre hingehen. Es wird sich schon
eine Gelegenheit finden, wo wir's ihm mit Manier beybringen können. Und
vielleicht stirbt der Alte bald, dann erfährt er's auf einmal. Er hört's
doch wohl nicht?« setzte er leise hinzu: »Geh hin, und sieh einmal zu, ob
er noch schläft!«
Martha kam und sahe zu, ob ich noch schliefe. Ich hatte mich auf Papa's
Bette hingestreckt. Mein rechter Arm trug den Kopf und der linke lag
unbeweglich auf dem Deckbette. Meine Augen waren fest zu, der Mund halb
offen, und der Athem flog mit Geräusch durch Mund und Nase aus und ein.
Ich machte den Schlafenden so natürlich, daß Martha sogleich zum Papa
zurückging und ihm versicherte: ich schliefe wie eine Ratze.
»Nun, es ist gut,« sagte Papa: »wenn ich zurückkomme, wollen wir weiter
davon sprechen. Jetzt laß mir mein Pferd satteln, ich will fort!«
Martha ging und Papa zog sich an.
Mir war es sehr unangenehm, daß diese Unterredung, die mir so merkwürdig
vorkam, aber höchst dunkel und geheimnißvoll war, so plötzlich abgebrochen
wurde. Ich war so boshaft, zu wünschen, daß Papa's Brauner auf der Stelle
lahm werden möchte, damit Papa gezwungen würde, zu Hause zu bleiben, und
das Gespräch da wieder anzufangen, wo er es abgebrochen hatte. Aber mein
Wünschen half nichts! Martha kam zurück und meldete, der Braune wäre
gesattelt. Papa nahm seine Reitgerte, umarmte Marthen und gab ihr einen
Abschiedskuß, daß die Stube wiederhallte. »Adje, Martchen!« rief er und
ging zur Thür hinaus.
Martha trat ans Fenster, machte es auf, sah meinem Papa eine Weile nach,
schlug darauf das Fenster zu, und kam langsam und auf den Zehen zu mir vor
das Bette. Ich schlief immer noch so fest als vorher.
Zweytes Kapitel.
_Martha: ein Monolog._
»_Morizchen_, _Morizchen_,« rief sie leise und tippte mit ihrem eißkalten
Finger mir auf den linken Backen: »schläfst du noch?«
Ich schlief dicht und fest.
»I, du lieber Goldjunge! (Sie bückte sich zu mir herunter und drückte
ihre Lippen sanft auf die meinigen) Ach, wie warm die Lippen des kleinen
Schlingels sind! -- Noch einmal (sie küßte mich von neuem) Noch einmal! und
-- noch einmal!«
Ich schlief dicht und fest.
»Und, die kleinen rothen Bäckchen,« rief sie wie entzückt, »die kleinen
rothen Bäckchen, so voll, so fest!«
Sie rückte leise einen Stuhl vors Bette, setzte sich darauf, und legte
ihren rechten Backen auf meinen linken. Mein Backen brannte wie Feuer, und
erhitzte nach und nach den ihrigen, der anfangs sehr kalt war. So blieb sie
eine Weile liegen, ohne einen Laut von sich zu geben.
Mir ward diese Lage in die Länge beschwerlich, und ich war einigemal im
Begrif, zu erwachen; aber die Besorgniß, daß ich ein plötzliches Erwachen
nicht natürlich und unverdächtig würde machen können, hielt mir die Augen
zu. Nach einigen Minuten richtete sie sich auf und krabbelte mir sanft und
leise um Hals und Kinn.
»Alles so fein, so fleischigt, so glatt!« sagte sie mit leiser zitternder
Stimme: »Ich möchte den Jungen aufessen vor Liebe! -- Wenn ich meinen alten
Ernst dagegen ansehe, der hat eine Haut wie Elefantenleder. Aber hier?
Wie fein, wie glatt die Stirn ist? Wie prall und rund die Backen! Der alte
Ernst hat hundert Millionen Runzeln vor dem Kopfe, und seine Backen sind
so dick, so aufgedunsen und kirschbraun! Und das kleine Mäulchen hier -- so
frisch, so roth, so klein! -- Warum kann ichs denn so lange ansehen?«
Sie bückte sich von neuem zu mir herunter, und gab mir einen Kuß. Diese
kleinen Späße gefielen mir, und ich schlief mit jeder Minute fester ein.
»Der alte Ernst,« fuhr sie fort: »hat ein Maul wie ein Thorweg, und
riecht immer nach Taback, daß mir möchte schlimm werden. Laß einmal sehen,
Morizchen (sie bückte sich so weit herunter, daß ihre Lippen die meinigen
berührten) nein, du riechst nicht nach Taback. -- Ach! (sie schnupperte,
als wenn man den Geruch einer Sache unterscheiden will) Ach, Schelm,
warte, ich will dich kriegen. Du bist mir über den Malagga gewesen! (sie
schnupperte wieder) Ja, der pure klare Wein! Warte, Schelm, warte!«
Ich fühlte, daß mir über und über warm ward. Ich war wirklich über ihrem
Malagga gewesen.
»Darum war dir auch der Kopf so schwer,« fuhr sie fort: »darum warst du so
schläfrig, so müde! -- Ha, ha, Vogel, komme ich so darhinter? Aber warte,
ich will ihn schon besser verstecken!«
Es ward mir immer wärmer und wärmer, und plötzlich stieg mir die Hitze ins
Gesicht. Ich schlug die Augen auf und drehete mich um. Martha trat hurtig
ein paar Schritte zurück und sagte ganz gleichgültig: »Nun, Moriz, hast du
ausgeschlafen?«
Ja, Mamsell! sagte ich und sprang aus dem Bette. Ich hatte nicht das Herz,
ihr ins Gesicht zu sehen, und in drey Sprüngen war ich an der Thür, riß sie
auf und fort. Sie rief hinterdrein, aber ich fürchtete eine Untersuchung
über den Wein und kam nicht.
Drittes Kapitel.
_Ernst -- erste Schilderey._
Als ich im Freyen war, kam mir das geheimnißvolle Gespräch zwischen Papa
und Marthen ins Gedächtniß zurück. Aber ich nahm es auf die leichte Achsel
und überredete mich, daß es nicht mir gegolten habe, ob ich gleich deutlich
genug gehört hatte, daß es auf keinen andern, als auf mich gehen konnte.
»Wenn auch Papa nicht mein Vater ist, dachte ich, schadet nichts! Ich habe
Essen und Trinken; Papa ist mir gut, Martha auch; und erfahren soll ichs ja
mit der Zeit, wer mein Vater ist. Mag's seyn, wer's will! Heissa!«
Und hiermit drehete ich mich dreymal auf dem Absatz herum und suchte meine
Spielkameraden.
Meinen Lesern ist es gleichgültig, ob ich Ball, oder sonst etwas gespielt
habe; aber nicht so gleichgültig ist es ihnen, wer Papa und seine
Wirthschafterin Martha wohl gewesen seyn möchten.
Mein Papa hieß _Ernst_. Es war ein kurzer, dicker Mann. Sein Gesicht
glühete beständig wie ein Kohlfeuer. Er trug gewöhnlich eine Perücke von
altfränkischem Stutze, die von der Scheitel bis auf die Schultern herab
mit breitgedrückten Pferdehaarlocken übersäet war. Wenn er Gala machte,
so zierte er sie mit einem Haarbeutel, der wenigstens achtzehn Quadratzoll
lang und breit war; wenn er aber ausritt oder mit Marthen spazieren ging,
so wackelte ein kleines, fingerlanges Zöpfchen auf dem breiten Rücken,
das sich immer einige Zoll hob, wenn er sich bückte. Ein paar kleine graue
Augen hatten sich unter dicken, buschigten Augenbraunen verkrochen, und
warfen aus ihrem Verstecke ziemlich muntre Blicke über die vorstehenden
Backen herüber. Wenn ihn Martha küßte, weg waren die Augen! Denn sie hatte
die Gewohnheit, ihn dabey zärtlich unter das Kinn zu fassen, und da alles,
was bey minder genährten Leuten Muskel ist, bey ihm aufgedunsenes, weiches
Milchfleisch war, so schob sich dies hinauf und vergrub seine Augen. Seine
Nase war klein, in der Mitte etwas eingedrückt, und über und über mit
kleinen hochrothen Hügelchen bestreut, deren Spitzen, wenn er des Morgens
aufstand, ins Blaue schattirten, sich aber, sobald er seine erste Flasche
Malagga getrunken hatte, in weisse und hellrothe Tippchen verwandelten.
Ein dünner, röthlicher Bart zog sich von den Ohren über Mund und Kinn, und
einen Theil des kurzen Halses herüber. Er barbierte sich selbst, nicht
aus Knauserey, sondern weil er in seiner Jugend die Ehre gehabt hatte, dem
Kammerpräsidenten von Lemberg in aller Unterthänigkeit den Bart zu nehmen
und sich dieses Geschäftes zu Höchstdesselben Zufriedenheit zu entledigen.
Darum bildete er sich auch viel darauf ein, und wenn er jemand unumschränkt
liebgewinnen sollte, so mußte er, außer dem Talente, daß er eine gute Hand
schrieb, auch die Fähigkeit besitzen, sich selbst den Bart zu scheeren.
Sein Hals war, wie gesagt, ungemein kurz. Wenn er zu Hause war, so schlug
er eine schmale, weisse Binde um selbigen; wenn er aber in die Kirche ging,
oder nach der Stadt ritt, so zierte er ihn mit einer langen, blaugestärkten
Halsschärpe, welche Martha sehr zierlich in Falten zu legen wußte. Unter
dem Kinne ward sie leicht zugeschlungen, und die beyden Enden, die mit
feinen Spitzen besetzt waren, flatterten auf der Brust.
Sein Leibrock war von blauem Plüsch, unter welchem er bald hellrothe, bald
schwarze manchesterne Beinkleider und Weste trug. Er war nach einer uralten
Mode geschnitten, hatte eine sehr kurze, aber erschrecklich breite Taille,
ellenlange Aufschläge, und war über und über, hinten und vorne, von oben
herab bis unten aus, mit langen, blinden Knopflöchern ausstaffirt. Die
Weste reichte ihm bis auf die Kniee, und deckte mit ihren Flügeln die
kurzen Beinkleider, auf welchen sich Falte an Falte drängte. Die Beingürtel
daran waren entsetzlich lang und steif. Er zog sie durch eine schmale
silberne Schnalle und steckte sie nicht unter, sondern ließ die Enden
steif hintenweg stehen. Dazu trug er schwarzwollene Strümpfe, die er
wie Kamaschen aufschlug. Seine Schuhe waren von Rauchleder und vorne
aufgestülpt; die Riemen derselben waren überaus schmal und durch ein paar
Schnallen gezogen, die von eben der Form, und nur ein wenig größer waren,
als die Beingürtelschnallen.
Seine Füße waren hölzern und dünne und trugen mit Mühe einen Bauch, den
zwey lange Männer kaum umspannt haben würden.
Bis hieher das leibliche Konterfey meines Papa, nun das geistige.
Sein erstes und vorzüglichstes geistiges Talent war: daß er eine Hand
schrieb, wie in Kupfer gestochen. Dieser Fähigkeit hatte er alles, was er
war und besaß, zu verdanken. Durch sie ward er Kammerdiener des Präsidenten
von Lemberg; durch sie in der Folge Kammerkoncipist, und nicht lange darauf
erster Kammersekretair, und als solcher kam er durch mancherley erlaubte
Wege, immer die Feder in der Hand, zu einem Vermögen, wovon er sich ein
Guth, fünf und zwanzig tausend Thaler an Werth, kaufen konnte, und noch
übrig behielt. Aber er war auch nicht undankbar gegen die Feder, die ihn
zum Manne gemacht hatte. Auf seinem Petschaft, das wohl anderthalb Zoll
im Durchmesser hatte, lag eine Hand, die eine lange buschigte Feder hielt;
über dieselbe ging die Sonne auf und warf ihre Strahlen auf sie herunter;
rund um das Petschaft standen die Worte aus der Bibel:[1] _Aus Machir
sind Regenten kommen und von Sebulon sind Regierer worden durch die
Schreibfeder._
[1]: Buch der Könige, Kap. 5, v. 14.
Leute, die nicht so gut schrieben, aber studiert hatten, machten ihn zwar
dieses Wappens wegen, bey jeder Gelegenheit lächerlich, blieben aber doch
nur Koncipisten, die sich mit höchstens zwey hundert Thalern jährlich durch
die Welt schleppen mußten.
Der Neid bekam meinem Papa. Er ward von Tage zu Tage dicker und fetter
und seine Zufriedenheit nahm mit jeder Flasche Wein, die mit Mißgunst
eingesegnet war, wundersam zu.
Ueberhaupt war der Wein das Oel, welches seiner Verstandeslampe Nahrung
gab. Wenn er des Morgens aufstand, so klagte er gewöhnlich, daß ihm der
Kopf ausserordentlich leer sey, und das war für Marthen der Wink, in den
Keller zu laufen und eine Flasche Malagga zu holen. Wenn er das erste Glas
in die Hand nahm, zitterte er zum Erstaunen; beym zweyten nur halb so; beym
dritten fast gar nicht, und das vierte zog er so fest und rasch zu Munde,
daß auch nicht ein Tröpfchen auf die Erde fiel. Alsdann setzte Martha die
Flasche weg und brachte Kaffee und Pfeife. Nun war er auf einmal wieder der
muntre, beredte, tiefdenkende und witzige Papa, der gestern Abend zu Bette
ging, und nun ließ er sich von mir erzählen, was ich gehört, gesehen und
gelernt hatte. Wenn dies geschehen war, bestellte er das Mittagessen und
dann mußte ich mein Schreibebuch hernehmen und schreiben. Vor allen meine
bitterste, mühseligste Stunde! Bey dem ersten falschen Strich, den ich
machte, schüttelte er den Kopf; beym zweyten legte er seine Pfeife hin,
nahm die Feder und sagte: so mußt du es machen! Beym dritten stieß er mich
ganz sanft mit der Nase auf die Vorschrift und sagte gelassen: Morizchen,
sieh doch nur, wie es da gemacht ist! Beym vierten rief er: Sudeley und
kein Ende! und dabey vergrub er mich in Tabacksdampf. Beym fünften: Junge,
ich bitte dich, sieh auf die Vorschrift! und beym sechsten und letzten
sprang er hitzig auf, zeigte nach der Thür und sagte: Moriz, aus dir wird
nimmermehr 'was!
Das waren dann tröstliche Worte für mich! Ich ging und erholte mich bey
meinen Spielkameraden.
Wenn ich fort war, hatte Mamsell Martha Audienz. Er besprach sich mit
ihr über die vorigen Zeiten; über den Bestand des Weinkellers, der
Räucherkammer etc. etc. ersann und schuf neue leckerhafte Gerichte;
erzählte, wie er bey dem Präsidenten von Lemberg in Gnaden gestanden und
noch stände; von diesem kam das Gespräch auf mich; auf meinen Leichtsinn
und auf meine geringe Lust zum schreiben. Wenn mir dann die gute Martha
in diesem Punkte das Wort reden wollte; so sprang er hurtig auf, zog seine
goldene Uhr heraus, zeigte ihr sein Petschaft und sagte: Lies, lies, lies!
-- Dies war die letzte Instanz. Wenn sie ihn nicht böse machen wollte, so
durfte sie von der Minute an kein Wort zu meiner Vertheidigung mehr sagen.
Sodann entfernte sich Martha und bestellte die Küche. Er nahm unterdessen
die Zeitungen, und alle erdenkliche politische Blätter, die stoßweise auf
seinem Tische lagen; las und überdachte; prophezeite und warnte, und ward
bedenklich und schrieb andre Gesetze und Hülfsmittel vor, die er diesem
oder jenem Staate als sehr heilsam dringendst anempfahl. Dabey hielt er
sich so lange auf, bis seine Flasche rein ausgeleert war, und dann ging er
zum Pastor und unterhielt sich mit ihm, bis ich ihn zu Tische rief.
Er aß wenig, aber gut. Wir beteten jedesmal alle drey zugleich und laut,
selbst wenn wir Fremde hatten. Ein junger Accessist hatte sich einmal
unterfangen, über den seltsamen Zusammenklang unsrer Stimmen zu lächeln --
er bat ihn nie wieder zu Tische und konnte ihn von dem Augenblick an nicht
mehr leiden.
Nach Tische legte er sich auf das Kanapee und schlief bis um zwey Uhr. Mit
dem Schlage mußte ihn Martha wecken und mit Kaffee und Pfeife zur Stelle
seyn. Während er schmauchte und trank, ward sein Pferd gesattelt, und
sobald er fertig war, ritt er nach der Stadt. Hier wandte er eine Stunde
an, um die Arbeiten seines Substituten durchzusehen, und sobald dies
geschehen war, ritt er in den _goldenen Hecht_, wo sie den besten Wein
hatten. Da blieb er bis gegen Abend; man half ihm aufs Pferd, und es
schritt mit ihm langsam und wohlbedächtig zu Hause. Die Leute, die ihn
tagtäglich vorbeyreiten sahen, nannten ihn nur immer Silen, und sein Pferd,
Silen's Eselein. Zu Hause stieg, oder sank, oder fiel er, je nachdem ihm
der Wein geschmeckt hatte, seiner Martha in die Arme, die ihn auszog und zu
Bette brachte.
So lebte er einen wie alle Tage, Sommer und Winter hindurch, nur mit dem
kleinen Unterschiede, daß er in der strengern Jahrszeit in einer Kutsche
nach der Stadt fuhr.
Viertes Kapitel.
_Martha -- zweyte Schilderey._
Martha war eine Jungfer von wenigstens acht und vierzig Sommern. Ihren
Familiennamen habe ich nie erfahren, denn so lange ich sie kannte, hatte
ich sie nie anders, als Mamsell Martha nennen hören. Es war eine lange,
hagre Gestalt, von einem so dünnen, geschmeidigen Wuchse, daß sie einer
Spinne um ein Haar ähnlich war, wenn sie, ihrer Gewohnheit nach, drey Röcke
über einander gezogen hatte. Wenn sie neben Papa herging, so gab es den
seltsamsten, lächerlichsten Kontrast: _Er_, roth, gemästet, vierschrötig
und satt -- _Sie_, blaß wie der Tod, dürr wie eine Schindel, dünne wie
ein Windspiel, schnurgrade, wie auf Drath gezogen. Papa hing in seinen
Kleidern, und sie war in die ihrigen mit Gewalt hineingepreßt.
So unähnlich sich ihr Aeußeres war, so ähnlich ihr Inneres. Sie sprach eben
so gern von vergangenen Zeiten, wie er, trank eben so gern Wein, war eben
die sorglose, unschuldige Haut, sie aß, wenn sie hungerte, trank, wenn sie
dürstete, schlief gern und plauderte gern.
Ihr Lieblingsthema war das Kapitel vom _Heirathen_. Dies hatte sie,
trotz ihrer Jungfrauschaft, so überdacht, geprüft und von allen Seiten
beleuchtet, daß sie vier und zwanzig Stunden in einem Zuge davon schwatzen,
und, soviel ich damals davon verstand, nicht uneben schwatzen konnte. Den
Eingang dazu machte gewöhnlich eine genaue Schilderung aller der Freyer,
die sich um sie beworben hatten. Jeder derselben hatte seinen Hauptfehler.
Der eine war zu arm, der andre zu reich; der eine zu groß, der andre zu
klein; dieser zu dick, jener zu dünne; jener zu höflich, dieser zu grob
gewesen; ein andrer hatte ihr vor der Hochzeit Dinge zugemuthet, die sie
nicht nannte, ohne sich vorher dreymal zu räuspern; ein andrer hatte sich
nicht undeutlich vermerken lassen, er würde ihr im Ehebette nicht sehr
beschwerlich fallen; und mit Einem war es schon bis zur Verlobung gekommen,
aber, o Jammer! ein altes Weib, das ihn gerne für sich weggekapert hätte,
that ihm 'was an, und er starb! Nie sprach sie von ihm, ohne die bittersten
Thränen zu vergießen, wobey sie sich in einen Strom von Verwünschungen auf
die alte neidische Hexe ergoß. Bey seinem Grabe hatte sie gelobt, nie zu
heirathen, und sie hat dies feyerliche Gelübde unverbrüchlich gehalten,
denn er war der letzte, der sich um sie bewarb.
Uebrigens war es die gutherzigste Seele unter der Sonne. Was sie meinem
Papa und mir an den Augen absehen konnte, that sie mit unermüdeter
Willigkeit. Wenn er unbaß war, wurden ihre Augen nicht trocken, und wenn
ich zu einer Näscherey Appetit zeigte, so ruhete sie nicht eher, bis sie
mir dieselbe verschafft hatte, und wenn es mir dann recht wohl schmeckte,
so hielt sie sich für ihre Mühe hundertfach belohnt.
Sie war in allen erdenklichen Wirthschaftskünsten ausgelernt. Sie kochte
gut, buck vortrefliches Brod, machte köstlichen Kaffee und noch köstlichere
Schokolate. Wenn mein Papa ein neues leckeres Gericht ergrübelt hatte,
so stand es in kurzer Zeit schmackhaft und appetitlich vor ihm. Niemand
verstand besser, glühenden Wein zu machen, niemand herrlichere Torten. Kein
Koch in der ganzen Christenheit spickte einen Hasen fertiger, künstlicher
und geschmackvoller, und keiner wußte ihm seine neun Felle, so sauber, so
behutsam abzuziehen -- kurz, sie war die Krone aller Köche und Köchinnen,
die auf Erden lebten und je leben werden.
Ihre hauptsächlichsten Geschäfte waren Küche und Wäsche, und nächst diesen
lag ihr die große Pflicht ob, meinem Papa das Bette zu machen. Wie die
Küssen unter ihren Händen aufschwollen! Wie geschmackvoll sie das weisse,
glänzende, feine Bettuch in Falten, gleich breit, gleich abgemessen zu
legen wußte! -- Bis über die Ohren plumpte dann mein guter Papa in die
Flaumfedern, und er pflegte sein Bette immer das irdische Paradies zu
nennen.
Auf ihr eignes Bette wandte sie nicht so viel Fleiß. Woher das kam? Ich
habe es mir immer aus dem Umstande erklärt, daß es manchmal acht Tage
dastand, ohne eine Spur, daß jemand darin gelegen hätte.
Bey allen diesen belobten Gaben hatte Mamsell Martha ein paar kleine
unbedeutende Fehler, die sich um so eher entschuldigen lassen, da sie
beyde Naturfehler waren: sie putzte sich manchmal zu lange, und konnte die
Buchstaben k. r. sch. und g. nicht aussprechen.
»_Mohizchen,_« sagte sie immer des Abends zu mir: »_wilt du nicht zu Bette
ehn?_«
Fünftes Kapitel.
_Moriz -- dritte Schilderey._
Ich war um die Zeit ein Junge von dreyzehn Jahren. So lange ich denken
konnte, hatte ich mich unter den Augen meines Papa und Marthens befunden,
und wußte nicht anders, als daß ich Papa's Sohn sey, meine Mutter aber in
früher Kindheit verloren habe. Munter und lustig, wie man in diesen Jahren
immer ist, war ich im höchsten Grade, und vielleicht manchmal zu lustig;
denn alle Augenblicke lief Klage über mich ein. Bald traf ich mit der
Schleuder so gut und geschickt in die Fenster unsers Nachbars, daß ihm die
Scheiben auf die Nase sprangen; bald kletterte ich in seinen Garten und
machte mich über seine Blumen, Aepfel, Birnen und Kirschen; bald hatte ich
Pastors Wilhelmchen links und rechts geohrfeigt, und bald unsern Kantor
einen Saufaus geheissen.
Alles das blieb freylich nicht verschwiegen, aber doch kam es selten bis
vor meinen Papa. Niemand konnte zu ihm, wenn er sich nicht vorher bey
Marthen gemeldet hatte, und diese war mir zu gut, als daß sie solche
Hiobsbothen hätte vor ihn lassen sollen. Sie machte den Schaden entweder
mit guten Worten, oder mit einem Glase Wein, oder mit Geld wieder gut, und
ich trug höchstens ein: _Fi häme dich, Mohizchen!_ davon.
Aber dies war der geradeste Weg, mich zum wildesten, unbändigsten Jungen
zu machen. Alle vier Wochen brauchte ich ein Paar neue Schuh, und wenn
neue Stiefeln an meine Füße kamen, so wadete ich in allen Pfützen umher,
um herauszubringen, ob sie Wasser hielten. Wenn ich Beinkleider bekam, (sie
waren gewöhnlich von Plüsch und schrieben sich aus Papa's Kleiderschrank
her) so war es mir tödlich zuwider, daß sie so rauch waren, und ich
rutschte und kroch so lange im Grase herum, bis sie kahl wurden und sich
grün färbten. Ueberdies hatte ich einen unsäglichen Abscheu gegen alles,
was weiß war. Wenn ich des Morgens ein Paar weisse baumwollene Strümpfe
anziehen mußte, so konnte ich die Zeit nicht erwarten, bis ich damit zum
Hause hinaus kam; dann ging es schnurstracks auf einen ziemlich breiten
Graben zu, an welchem ich mich im Springen übte. Ich sprang so lange
herüber und hinüber, bis ich hineinplumpte, und dann war es um die weissen
Strümpfe gethan.
Kein Gebüsch war mir zu dicke, kein Baum zu hoch. Ich kroch und kletterte
so lange, bis man Morizen stückweise auf den Hecken und Aesten hangen sah.
Mit allen Jungen aus der Nachbarschaft balgte ich mich herum, sagte aber
kein Wort, wenn sie mich weidlich zerprügelt hatten, sondern trug mein
Kreutz geduldig; aber, wenn ich den Sieg davontrug, so mußt' es alle Welt
wissen. Je größer der Junge war, desto lieber schlug ich mich mit ihm. Die
Kleinen konnten mich necken wie sie wollten, ich war zu stolz, um sie dafür
abzubläuen.
Mein beständiger Gefährte war ein großer englischer Hund. Weil ich mit ihm
aufgewachsen war, so hatte ich seine Freundschaft in dem Grade, daß sich
niemand unterstehen durfte, mich anzugreifen, wenn er nicht mit
zerrissenem Rocke nach Hause gehen wollte. Balgte ich mich mit einem meiner
Spielkameraden und lachte dazu, so blieb er ruhig, entfuhr mir aber ein
Laut, der weinerlich klang; so nahm er meinen Gegner beym Rockzipfel, oder
war er groß, bey der Wade, und zerrte ihn unter Brummen und Murren einige
Schritte rückwärts. Bis in mein zwölftes Jahr ritt ich auf ihm, aber nach
der Zeit wurde ich ihm zu schwer, und wenn ich ihm einen Ritt zumuthen
wollte, legte er sich nieder, und schlug mit allen Vieren um sich, aber
nicht grimmig, sondern mit freundlichen Manieren. Von dieser Zeit an ging
ich zu Fuße.
Um mein Wissen stand es damals nicht sonderlich. Ich konnte ein bischen
lateinisch decliniren, ein bischen rechnen und ein paar Worte französisch.
Mit der Feder wußte ich noch am besten umzuspringen, und das war, nach dem,
was ich oben gesagt habe, kein Wunder. Mit dem Katechismus stand es so so!
Das Vaterunser und die gewöhnlichen Tischgebete, konnte ich, wenn ich nicht
gerade recht hungrig war, ohne Anstoß; aber die fünf Hauptstücke und was
dazu gehört, konnte ich nicht so gut. Mamsell Martha nahm sich zwar dann
und wann die Mühe, mich darin zu examiniren, aber was half es, da es blos
auf mich ankam, ob ich mich wollte examiniren lassen oder nicht.
Dicht an unser Guth stieß ein andres, das einem Edelmanne gehörte, der als
Husaren-Oberster seinen Abschied genommen hatte. Er hatte drey Kinder, zwey
Töchter und einen Sohn, für die er einen Hofmeister hielt. Weil er mich
meiner Munterkeit wegen lieb gewonnen hatte, so erlaubte er mir, die
Stunden zu besuchen, die der Hofmeister seinen Kindern gab, räumte mir auch
sonst noch vielerley Freyheiten ein, die mir ein andrer schon darum, weil
ich schlechtweg _Ernst_ hieß, nicht eingeräumt haben würde.
Der junge Herr, sein Sohn, war ein Pinsel, aber die beyden Fräulein waren
desto munterer. Er war der ewige Gegenstand unsres Spottes und unsrer
Neckereyen, lernte aber in einer Stunde mehr, als wir andre zusammen
genommen, in acht Tagen. Dafür war er der Liebling unsres Hofmeisters: eine
Ehre, um die wir nicht eine taube Nuß gaben. Sein Vater glaubte, daß meine
natürliche Wildheit, seine Träumerseele ein wenig aufheitern sollte, und
sah mir deshalb bey vielen Gelegenheiten durch die Finger; aber er blieb in
seinem Seelenschlafe, und ging immer und ewig langsam, wenn wir andre uns
ausser Athem liefen.
In den Stunden lernte ich, was ich wollte und konnte, und es war mir so
wenig Ernst, als den beyden wilden Mädchen. Ich konnte sie nicht ohne
Lachen ansehen, und sie mich nicht. Der Hofmeister durfte auch nicht viel
sagen, denn die eine war das Schooßkind der Mama, die andre des Papa, und
ich der Liebling beyder, und der Liebhaber von Malchen. So hing eins an dem
andern wie Kletten, und der künftige Stammhalter der Familie durfte nicht
mucksen.
So jung ich damals auch war, so viel Ehrgeitz hatte ich. Aber war es anders
möglich? Papa und Martha trugen mich auf den Händen; Fräulein Malchen
nannte mich beständig: _lieber Moriz!_ Fräulein Louischen: _Wildfang!_
Ihre Mama: _kleiner Flachskopf!_ Der Papa: _sappermentscher Springinsfeld_.
Dieses, und der Umstand, daß die ganze junge Mannschaft in unsrer Gegend,
Respekt vor mir hatte, spornte meinen Ehrgeitz, und machte mich dreist und
ausgelassen.
Zudem hatte man mich öfter, als es gut war, hören lassen: ich sey
ein hübscher Junge. Dies schmeichelte mir nicht wenig, hatte aber den
Nachtheil, daß ich früher anfing, mich bemerkbar zu machen, als andre
Kinder. Sonderbar genug waren zuweilen die Mittel, wodurch ich diesen
Endzweck erreichte. Wenn Fremde bey meinem Papa oder auf dem Schlosse
waren, und sie bemerkten mich nicht auf dem ersten Blick, so packte ich den
ersten den besten vorübergehenden Jungen oder Hund an und suchte Händel mit
ihm; oder ich sprang über breite Graben und fiel hinein; oder kletterte auf
Bäume, und warf die darunter weggingen, mit Aepfeln oder Birnen -- wenn man
mich nur bemerkte, das war mir genug.
Es war natürlich, daß ich über dem Ehrgeitz, bemerkt zu werden, selbst
bemerkte. Daher kam es, daß der allgemeine, unverdringliche Trieb der Natur
sich sehr früh in mir regte. Aber konnte dies ausbleiben, da ich so oft
sehen mußte, daß Papa Marthen küßte; da mich die beyden wilden Fräulein
täglich hundertmal beym Kopfe nahmen und abherzten, und da mir ihre Mama,
statt der Hand, jedesmal den Mund reichte, wenn ich auf das Schloß kam?
Sechstes Kapitel.
_Die Geschichte geht zurück._
Ich war hoch erfreut, daß ich einer genauern Untersuchung über den Wein
glücklich entgangen war, denn ich kam nicht auf die erlaubteste Art
dazu. Martha hatte in ihrer Kammer ein Schränkchen, worein sie ihren Wein
verschloß. Der Dunstkreis um dasselbe war unendlich süß, und auch einen
größern und ältern würde die Neubegierde geplagt haben, zu wissen, was
darin verborgen wäre. Ich besah es hinten und vorne, faßte es oben und
unten an, rückte und schob, aber es war und blieb zu. Meine Neugier, oder
genauer gesagt, mein Appetit auf den süßen Wein, ward mit jedem Hindernisse
größer. Ich wußte, daß Martha ein Schlüsselchen dazu hatte, und daß sie es
nicht immer bey sich trug, sondern es zu verstecken pflegte, wenn sie es
gebraucht hatte. Ich rückte einen Stuhl herzu, suchte auf allen Gesimsen
und Schränken, fand aber nichts. Trostlos, die Hände in einander
geschlagen, den Hut auf einem Ohre, stellte ich mich mitten in die Stube
und sah mit herzlicher Sehnsucht nach dem Schränkchen. Unter diesen
Bewegungen blickte ich von ungefähr seitwärts, und auf einmal fiel mir
einer von Marthens Unterröcken in die Augen. Ich springe hin, durchsuche
die erste Tasche, finde nichts; rasch zur andern, hineingefahren,
umgewandt, und siehe da! aus der einen Ecke fällt mir das Schlüsselchen
entgegen. Ich sprang ellenhoch, nahm es, probirt' es, und es schloß den
Schrank glücklich. Ohne mich zu bedenken, griff ich nach der ersten der
besten Flasche -- gluck! gluck! ging es, in Ermangelung eines Glases.
Der Wein ward mit jedem Schlucke süßer, und ich hätte mich sicher zu Boden
genippt, wenn mir nicht noch zu rechter Zeit eingefallen wäre, daß Martha
ein paar erschreckliche Augen machen würde, wenn sie eine von ihren
Flaschen leer fände.
Jeder Dummkopf ist ein Genie, wenn er Wein getrunken hat, und jedes Genie
kann in eben dem Fall ein Dummkopf werden. Mir wenigstens ging es jetzt
so. Ich war sonst nicht der dümmste Junge, aber diesmal betrug ich mich
unbeschreiblich albern; denn ich fing von ganzem Herzen an zu weinen, als
ich die Flasche gegen den Tag hielt und fand, daß sie fast zur Hälfte leer
war. Eine Thräne jagte die andre. Ich machte mir sonst sehr wenig aus einem
Verweise, und diesmal stand mir gewiß kein außerordentlicher bevor, aber
der Umstand, daß ich dies Verbrechen so heimlich und so diebisch begangen
hatte, schlug mich völlig darnieder.
In der Angst hatte ich einen Einfall, der mir in meiner damaligen
Bestürzung sehr glücklich schien, aber im Grunde nicht der glücklichste
war: ich füllte die halbleere Flasche aus den übrigen wieder an, setzte sie
an Ort und Stelle, und war nun fest überzeugt, daß Martha, um den Abgang zu
bemerken, ein wenig allwissend seyn müßte; denn ich hatte längst vergessen,
daß ich die andern Flaschen, um die eine anzufüllen, bis auf die Hälfte
ihrer Hälse ausgeleert hatte.
Wie ruhig ich den kleinen Schlüssel wieder in Marthens Tasche steckte! Wie
unbesorgt ich die Kammer verließ, um frische Luft zu schöpfen! Mit welcher
Zuversicht ich Marthen ins Gesicht sah, als sie aus der Stadt zurückkam!
Unmöglich, unmöglich kann sie etwas merken! rief ich laut und fiel
längelang auf eine Rasenbank, die vor unserm Hause angebracht war. Martha
kam dazu, und wollte wissen, was mir fehlte? Ich bin müde! sagte ich. Sie
nahm mich bey dem Arm und führte mich zu Papa's Bette.
Ich schlief bald ein, und erwachte gerade, als jene dunkle Unterredung, die
mich betraf, zu Ende ging. Und nun wäre der Leser wieder an dem Orte, von
wo ich ihn wegführte, um ihm drey Schildereyen zu zeigen.
Siebentes Kapitel.
_Die Geschichte rückt fort._
Mit drey Sprüngen war ich auf dem Schlosse. Ich suchte Fräulein Malchen,
und fand sie im Garten, wo sie Blumen pflückte und Kränze flocht. Ich stahl
mich ganz leise hinzu. Sie hatte sich ins Gras gesetzt, pflückte alles, so
weit sie mit der Hand erreichen konnte, um sich weg, und war so ämsig damit
beschäftigt, daß ich mich ihr bis auf ein paar Schritte unbemerkt nähern
konnte. Anfangs war ich Willens, ihr von hinten die Augen zuzuhalten, und
sie rathen zu lassen, wer es wäre, aber ich hörte, daß sie etwas für sich
sprach, und das wollte ich gerne wissen. Ich horchte und vernahm folgendes:
»Es ist bald um drey und er kömmt nicht! Wenn es drey geschlagen hat,
muß ich in die Schule, und dann können wir nicht noch vorher ein bischen
spielen. Wenn er nur wüßte, daß ich allein hier bin, er käme gewiß. Er
spielt doch lieber mit mir, als mit Louisen. Wenn er dummes Zeug macht,
und ich sage: lieber Moriz, laß doch das bleiben! so läßt ers; aber wenn es
Louise haben will, thut ers nicht!«
Mir fing das Herz an zu schlagen, und ich weiß nicht, wie es kam, ich
wünschte weit weg zu seyn, um nichts zu hören, und doch blieb ich.
»Den großen Kranz soll er haben,« fuhr sie fort: »aber wenn er ihn gleich
zerreißt, werde ich böse und flechte ihm in meinem Leben keinen wieder. Er
wird ihn aber wohl nicht zerreißen. Wenn wir zum Magister müssen, so kann
er ihn so lange hinlegen, bis die Stunden aus sind, dann kann er ihn auf
den Kopf setzen, und mit zu Hause nehmen.«
Ich fing merklich an zu zittern, und setzte den Fuß zurück, um zu gehen,
blieb aber doch.
»Aber -- -- Herr Gott!« fuhr sie fort und legte den Zeigefinger der rechten
Hand auf den Mund: »Ich muß den Kranz lieber zerreißen! Wenn ich ihm 'was
schenke, will er mir immer ein Mäulchen dafür geben, und Mama sagt, davon
bekäme ich einen langen, schwarzen Bart! Aber es ist doch so hübsch! Mama
kriegt ja auch keinen schwarzen Bart, wenn sie der Papa küßt, und Papa hat
doch einen rechten scharfen, schwarzen Bart! Er reibt Louisen immer die
Backen damit, wenn sie wild ist. Aber Moriz hat doch keinen scharfen Bart.
Er hat mir auch schon oft ein Küßchen gegeben, wenn Mama nicht da war, und
ich habe doch keinen gekriegt!«
Es war mir, als wenn ich lachen sollte, konnte aber vor Angst und
Zittern nicht dazu kommen. Mein sehnlichster Wunsch war, unvermerkt
fortzuschleichen, und doch machte ich keine Anstalt dazu.
»Eins -- zwey -- drey -- Viertel auf drey, und er kömmt nicht!« fuhr sie
fort: »Das ist doch recht schlecht! Was wär' es denn mehr, wenn er einmal
eine halbe Stunde früher vom Hause wegginge? Heute ist es gerade so hübsch!
Louise ist nicht da, Fritze auch nicht, wir könnten recht hübsch mit
einander spielen. Ach! (sie streute die Blumen umher) ich bin böse!«
Meine Angst stieg auf den höchsten Grad. Alle mein Leichtsinn, meine
Dreistigkeit war fort. Ich stand da, wie ein armer Sünder. Und was hatte
ich zu fürchten? Jetzt weiß ich wohl, weß Geistes Kind diese Erscheinung
war, aber damals noch nicht. Wenn es Louise gewesen wäre, so wäre ich
hervorgesprungen und hätte sie ausgelacht; aber bey Malchen fiel mir dies
nicht ein. Jeden Augenblick fürchtete ich, daß sie aufspringen, mich sehen
und erschrecken würde; aber es geschah nicht, sondern sie nahm ihre Blumen
wieder zusammen und flocht an ihrem Kranze fleißig fort, indem sie zuweilen
nickte, wenn sie eine Blume nach Wunsch angelegt hatte. Ich zog mich mit
möglichster Behutsamkeit zurück, und als ich ungefähr hundert Schritte von
ihr war, fing ich auf einmal an zu springen und zu jauchzen, und lief auf
sie zu.
Achtes Kapitel.
_Schon Heuchlerin?_
Sie erschrack, sprang auf und kam mir entgegen. Ihre kleinen Wangen wurden
über und über roth.
»Kömmst Du schon Moriz? Ist es denn schon um drey?«
Noch nicht, aber es wird bald schlagen!
»Hast Du nach der Uhr gesehen, oder hast Du es schlagen hören?«
Nein!
»Nun, woher weißt Du es denn?«
I, i, i, -- es muß wohl noch nicht geschlagen haben. -- Wir wollen noch ein
bischen spielen, eh es drey schlägt. Nicht wahr, Malchen?
»Wir allein?«
Warum nicht?
»Wenn Louise, oder mein Bruder da wäre -- Aber so -- was wollen wir denn
beyde allein anfangen?«
Ein bischen abjagen!
»Nein, ich habe heute keine rechte Lust zu laufen!«
Klettern!
»Vollends nicht! Weißt Du 'was, wir wollen uns hier ins Gras setzen und
Blumen pflücken. Aber Du magst nicht gerne sitzen!«