Lehre aus Bildern. - Betrachtet man eine Reihe Bilder von sich selber,

von den Zeiten der letzten Kindheit bis zu der der Mannesreife, so

findet man mit einer angenehmen Verwunderung, dass der Mann dem Kinde

ähnlicher sieht, als der Mann dem Jünglinge: dass also, wahrscheinlich

diesem Vorgange entsprechend, inzwischen eine zeitweilige Alienation

vom Grundcharakter eingetreten ist, über welche die gesammelte,

geballte Kraft des Mannes wieder Herr wurde. Dieser Wahrnehmung

entspricht die andere, dass alle die starken Einwirkungen von

Leidenschaften, Lehrern, politischen Ereignissen, welche in dem

Jünglingsalter uns herumziehen, später wieder auf ein festes Maass

zurückgeführt erscheinen: gewiss, sie leben und wirken in uns fort,

aber das Grundempfinden und Grundmeinen hat doch die Uebermacht und

benutzt sie wohl als Kraftquellen, nicht aber mehr als Regulatoren,

wie diess wohl in den zwanziger Jahren geschieht. So erscheint auch

das Denken und Empfinden des Mannes dem seines kindlichen Lebensalters

wieder gemässer, - und diese innere Thatsache spricht sich in der

erwähnten äusseren aus.

613.

Stimmklang der Lebensalter. - Der Ton, indem Jünglinge reden, loben,

tadeln, dichten, missfällt dem Aelter gewordenen, weil er zu laut ist

und zwar zugleich dumpf und undeutlich wie der Ton in einem Gewölbe,

der durch die Leerheit eine solche Schallkraft bekommt; denn das

Meiste, was Jünglinge denken, ist nicht aus der Fülle ihrer eigenen

Natur herausgeströmt, sondern ist Anklang, Nachklang von dem, was in

ihrer Nähe gedacht, geredet, gelobt, getadelt worden ist. Weil aber

die Empfindungen (der Neigung und Abneigung) viel stärker, als die

Gründe für jene, in ihnen nachklingen, so entsteht, wenn sie ihre

Empfindung wieder laut werden lassen, jener dumpfe, hallende Ton,

welcher für die Abwesenheit oder die Spärlichkeit von Gründen das

Kennzeichen abgiebt. Der Ton des reiferen Alters ist streng, kurz

abgebrochen, mässig laut, aber, wie alles deutlich Articulirte, sehr

weit tragend. Das Alter endlich bringt häufig eine gewisse Milde und

Nachsicht in den Klang und verzuckert ihn gleichsam: in manchen Fällen

freilich versäuert sie ihn auch.

614.

Zurückgebliebene und vorwegnehmende Menschen. - Der unangenehme

Charakter, welcher voller Misstrauen ist, alles glückliche Gelingen

der Mitbewerbenden und Nächsten mit Neid fühlt, gegen abweichende

Meinungen gewaltthätig und aufbrausend ist, zeigt, dass er einer

früheren Stufe der Cultur zugehört, also ein Ueberbleibsel ist: denn

die Art, in welcher er mit den Menschen verkehrt, war die rechte und

zutreffende für die Zustände eines Faustrecht-Zeitalters; es ist ein

zurückgebliebener Mensch. Ein anderer Charakter, welcher reich an

Mitfreude ist, überall Freunde gewinnt, alles Wachsende und Werdende

liebevoll empfindet, alle Ehren und Erfolge Anderer mitgeniesst und

kein Vorrecht, das Wahre allein zu erkennen, in Anspruch nimmt,

sondern voll eines bescheidenen Misstrauens ist, - das ist ein

vorwegnehmender Mensch, welcher einer höheren Cultur der Menschen

entgegenstrebt. Der unangenehme Charakter stammt aus den Zeiten, wo

die rohen Fundamente des menschlichen Verkehrs erst zu bauen waren,

der andere lebt auf deren höchsten Stockwerken, möglichst entfernt von

dem wilden Thier, welches in den Kellern, unter den Fundamenten der

Cultur, eingeschlossen wüthet und heult.

615.

Trost für Hypochonder. - Wenn ein grosser Denker zeitweilig

hypochondrischen Selbstquälereien unterworfen ist, so mag er sich

zum Troste sagen: "es ist deine eigene grosse Kraft, von der dieser

Parasit sich nährt und wächst; wäre sie geringer, so würdest du

weniger zu leiden haben." Ebenso mag der Staatsmann sprechen, wenn

Eifersucht und Rachegefühl, überhaupt die Stimmung des bellum omnium

contra omnes, zu der er als Vertreter einer Nation nothwendig

eine starke Begabung haben muss, sich gelegentlich auch in seine

persönlichen Beziehungen eindrängt und ihm das Leben schwer macht.

616.

Der Gegenwart entfremdet. - Es hat grosse Vortheile, seiner Zeit sich

einmal in stärkerem Maasse zu entfremden und gleichsam von ihrem Ufer

zurück in den Ocean der vergangenen Weltbetrachtungen getrieben zu

werden. Von dort aus nach der Küste zu blickend, überschaut man wohl

zum ersten Male ihre gesammte Gestaltung und hat, wenn man sich ihr

wieder nähert, den Vortheil, sie besser im Ganzen zu verstehen, als

Die, welche sie nie verlassen haben.

617.

Auf persönlichen Mängeln säen und ernten. - Menschen wie Rousseau

verstehen es, ihre Schwächen, Lücken, Laster gleichsam als Dünger

ihres Talentes zu benutzen. Wenn jener die Verdorbenheit und Entartung

der Gesellschaft als leidige Folge der Cultur beklagt, so liegt hier

eine persönliche Erfahrung zu Grunde; deren Bitterkeit giebt ihm die

Schärfe seiner allgemeinen Verurtheilung und vergiftet die Pfeile, mit

denen er schiesst; er entlastet sich zunächst als ein Individuum und

denkt ein Heilmittel zu suchen, das direct der Gesellschaft, aber

indirect und vermittelst jener, auch ihm zu Nutze ist.

618.

Philosophisch gesinnt sein. - Gewöhnlich strebt man darnach, für alle

Lebenslagen und Ereignisse eine Haltung des Gemüthes, eine Gattung

von Ansichten zu erwerben, - das nennt man vornehmlich philosophisch

gesinnt sein. Aber für die Bereicherung der Erkenntniss mag es höheren

Werth haben, nicht in dieser Weise sich zu uniformiren, sondern auf

die leise Stimme der verschiedenen Lebenslagen zu hören; diese bringen

ihre eigenen Ansichten mit sich. So nimmt man erkennenden Antheil

am Leben und Wesen Vieler, indem man sich selber nicht als starres,

beständiges, Eines Individuum behandelt.

619.

Im Feuer der Verachtung. - Es ist ein neuer Schritt zum

Selbständigwerden, wenn man erst Ansichten zu äussern wagt, die als

schmählich für Den gelten, welcher sie hegt; da pflegen auch die

Freunde und Bekannten ängstlich zu werden. Auch durch dieses Feuer

muss die begabte Natur hindurch; sie gehört sich hinterdrein noch

vielmehr selber an.

620.

Aufopferung. - Die grosse Aufopferung wird, im Falle der Wahl, einer

kleinen Aufopferung vorgezogen: weil wir für die grosse uns durch

Selbstbewunderung entschädigen, was uns bei der kleinen nicht möglich

ist.

621.

Liebe als Kunstgriff. - Wer etwas Neues wirklich kennen lernen will

(sei es ein Mensch, ein Ereigniss, ein Buch), der thut gut, dieses

Neue mit aller möglichen Liebe aufzunehmen, von Allem, was ihm daran

feindlich, anstössig, falsch vorkommt, schnell das Auge abzuwenden, ja

es zu vergessen: so dass man zum Beispiel dem Autor eines Buches den

grössten Vorsprung giebt und geradezu, wie bei einem Wettrennen, mit

klopfendem Herzen danach begehrt, dass er sein Ziel erreiche. Mit

diesem Verfahren dringt man nähmlich der neuen Sache bis an ihr Herz,

bis an ihren bewegenden Punct: und diess heisst eben sie kennen

lernen. Ist man soweit, so macht der Verstand hinterdrein seine

Restrictionen; jene Ueberschätzung, jenes zeitweilige Aushängen des

kritischen Pendels war eben nur der Kunstgriff, die Seele einer Sache

herauszulocken.

622.

Zu gut und zu schlecht von der Welt denken. - Ob man zu gut oder zu

schlecht von den Dingen denkt, man hat immer den Vortheil dabei, eine

höhere Lust einzuernten: denn bei einer vorgefassten zu guten Meinung

legen wir gewöhnlich mehr Süssigkeit in die Dinge (Erlebnisse) hinein,

als sie eigentlich enthalten. Eine vorgefasste zu schlechte Meinung

verursacht eine angenehme Enttäuschung: das Angenehme, das an sich

in den Dingen lag, bekommt einen Zuwachs durch das Angenehme der

Ueberraschung. - Ein finsteres Temperament wird übrigens in beiden

Fällen die umgekehrte Erfahrung machen.

623.

Tiefe Menschen. - Diejenigen, welche ihre Stärke in der Vertiefung der

Eindrücke haben - man nennt sie gewöhnlich tiefe Menschen - sind bei

allem Plötzlichen verhältnissmässig gefasst und entschlossen: denn im

ersten Augenblick war der Eindruck noch flach, er wird dann erst tief.

Lange vorhergesehene, erwartete Dinge oder Personen regen aber solche

Naturen am meisten auf und machen sie fast unfähig, bei der endlichen

Ankunft derselben noch Gegenwärtigkeit des Geistes zu haben.

624.

Verkehr mit dem höheren Selbst. - Ein jeder hat seinen guten Tag,

wo er sein höheres Selbst findet; und die wahre Humanität verlangt,

jemanden nur nach diesem Zustande und nicht nach den Werktagen der

Unfreiheit und Knechtung zu schätzen. Man soll zum Beispiel einen

Maler nach seiner höchsten Vision, die er zu sehen und darzustellen

vermochte, taxiren und verehren. Aber die Menschen selber verkehren

sehr verschieden mit diesem ihrem höheren Selbst und sind häufig ihre

eigenen Schauspieler, insofern sie Das, was sie in jenen Augenblicken

sind, später immer wieder nachmachen. Manche leben in Scheu und Demuth

vor ihrem Ideale und möchten es verleugnen: sie fürchten ihr höheres

Selbst, weil es, wenn es redet, anspruchsvoll redet. Dazu hat es eine

geisterhafte Freiheit zu kommen und fortzubleiben wie es will; es wird

desswegen häufig eine Gabe der Götter genannt, während eigentlich

alles Andere Gabe der Götter (des Zufalls) ist: jenes aber ist der

Mensch selber.

625.

Einsame Menschen. - Manche Menschen sind so sehr an das Alleinsein mit

sich selber gewöhnt, dass sie sich gar nicht mit Anderen vergleichen,

sondern in einer ruhigen, freudigen Stimmung, unter guten Gesprächen

mit sich, ja mit Lachen ihr monologisches Leben fortspinnen. Bringt

man sie aber dazu, sich mit Anderen zu vergleichen, so neigen sie zu

einer grübelnden Unterschätzung ihrer selbst: so dass sie gezwungen

werden müssen, eine gute, gerechte Meinung über sich erst von Anderen

wieder zu lernen: und auch von dieser erlernten Meinung werden sie

immer wieder Etwas abziehen und abhandeln wollen. - Man muss also

gewissen Menschen ihr Alleinsein gönnen und nicht so albern sein, wie

es häufig geschieht, sie desswegen zu bedauern.

626.

Ohne Melodie. - Es giebt Menschen, denen ein stätiges Beruhen in sich

selbst und ein harmonisches Sich-zurecht-legen aller ihrer Fähigkeiten

so zu eigen ist, dass ihnen jede zielesetzende Thätigkeit widerstrebt.

Sie gleichen einer Musik, welche aus lauter langgezogenen harmonischen

Accorden besteht, ohne dass je auch nur der Ansatz zu einer

gegliederten bewegten Melodie sich zeigte. Alle Bewegung von Aussen

her dient nur, dem Kahne sofort wieder sein neues Gleichgewicht auf

dem See harmonischen Wohlklangs zu geben. Moderne Menschen werden

gewöhnlich auf's Aeusserste ungeduldig, wenn sie solchen Naturen

begegnen, aus denen Nichts wird, ohne dass man ihnen sagen dürfte,

dass sie Nichts sind. Aber in einzelnen Stimmungen erregt ihr Anblick

jene ungewöhnliche Frage: wozu überhaupt Melodie? Warum genügt es uns

nicht, wenn das Leben sich ruhevoll in einem tiefen See spiegelt? -

Das Mittelalter war reicher an solchen Naturen als unsere Zeit. Wie

selten trifft man noch auf einen, der so recht friedlich und froh mit

sich auch im Gedränge fortleben kann, zu sich redend wie Goethe: "das

Beste ist die tiefe Stille, in der ich gegen die Welt lebe und wachse,

und gewinne, was sie mir mit Feuer und Schwert nicht nehmen können."

627.

Leben und Erleben. - Sieht man zu, wie Einzelne mit ihren Erlebnissen

- ihren unbedeutenden alltäglichen Erlebnissen - umzugehen wissen, so

dass diese zu einem Ackerland werden, das dreimal des Jahres Frucht

trägt; während Andere - und wie Viele! - durch den Wogenschlag

der aufregendsten Schicksale, der mannigfaltigsten Zeit- und

Volksströmungen hindurchgetrieben werden und doch immer leicht,

immer obenauf, wie Kork, bleiben: so ist man endlich versucht, die

Menschheit in eine Minorität (Minimalität) Solcher einzutheilen,

welche aus Wenigem Viel zu machen verstehen: und in eine Majorität

Derer, welche aus Vielem Wenig zu machen verstehen; ja man trifft auf

jene umgekehrten Hexenmeister, welche, anstatt die Welt aus Nichts,

aus der Welt ein Nichts schaffen.

628.

Ernst im Spiele. - In Genua hörte ich zur Zeit der Abenddämmerung von

einem Thurme her ein langes Glockenspiel: das wollte nicht enden und

klang, wie unersättlich an sich selber, über das Geräusch der Gassen

in den Abendhimmel und die Meerluft hinaus, so schauerlich, so

kindisch zugleich, so wehmuthsvoll. Da gedachte ich der Worte Plato's

und fühlte sie auf einmal im Herzen: alles Menschliche insgesammt ist

des grossen Ernstes nicht werth; trotzdem--

629.

Von der Ueberzeugung und der Gerechtigkeit. - Das, was der Mensch in

der Leidenschaft sagt, verspricht, beschliesst, nachher in Kälte und

Nüchternheit zu vertreten - diese Forderung gehört zu den schwersten

Lasten, welche die Menschheit drücken. Die Folgen des Zornes, der

aufflammenden Rache, der begeisterten Hingebung in alle Zukunft hin

anerkennen zu müssen - das kann zu einer um so grösseren Erbitterung

gegen diese Empfindungen reizen, je mehr gerade mit ihnen allerwärts

und namentlich von den Künstlern ein Götzendienst getrieben wird.

Diese züchten die Schätzung der Leidenschaften gross und haben

es immer gethan; freilich verherrlichen sie auch die furchtbaren

Genugthuungen der Leidenschaft, welche Einer an sich selber nimmt,

jene Racheausbrüche mit Tod, Verstümmelung, freiwilliger Verbannung

im Gefolge, und jene Resignation des zerbrochnen Herzens. Jedenfalls:

halten sie die Neugierde nach den Leidenschaften wach, es ist, als ob

sie sagen wollten: ihr habt ohne Leidenschaften gar Nichts erlebt. -

Weil man Treue geschworen, vielleicht gar einem rein fingirten Wesen,

wie einem Gotte, weil man sein Herz hingegeben hat, einem Fürsten,

einer Partei, einem Weibe, einem priesterlichen Orden, einem Künstler,

einem Denker, im Zustande eines verblendeten Wahnes, welcher

Entzückung über uns legte und jene Wesen als jeder Verehrung, jedes

Opfers würdig erscheinen liess - ist man nun unentrinnbar fest

gebunden? Ja haben wir uns denn damals nicht selbst betrogen? War es

nicht ein hypothetisches Versprechen, unter der freilich nicht laut

gewordenen Voraussetzung, dass jene Wesen, denen wir uns weihten

wirklich die Wesen sind, als welche sie in unserer Vorstellung

erschienen? Sind wir verpflichtet, unsern Irrthümern treu zu sein,

selbst mit der Einsicht, dass wir durch diese Treue an unserem

höheren Selbst Schaden stiften? - Nein, es giebt kein Gesetz, keine

Verpflichtung der Art, wir müssen Verräther werden, Untreue üben,

unsere Ideale immer wieder preisgeben. Aus einer Periode des Lebens

in die andere schreiten wir nicht, ohne diese Schmerzen des Verrathes

zu machen und auch daran wieder zu leiden. Wäre es nöthig, dass wir

uns, um diesen Schmerzen zu entgehen, vor den Aufwallungen unserer

Empfindung hüten müssten? Würde dann die Welt nicht zu öde, zu

gespenstisch für uns werden? Vielmehr wollen wir uns fragen, ob diese

Schmerzen bei einem Wechsel der Ueberzeugung nothwendig sind oder ob

sie nicht von einer irrthümlichen Meinung und Schätzung abhängen.

Warum bewundert man Den, welcher seiner Ueberzeugung treu bleibt, und

verachtet Den, welcher sie wechselt? Ich fürchte, die Antwort muss

sein: weil Jedermann voraussetzt, dass nur Motive gemeineren Vortheils

oder persönlicher Angst einen solchen Wechsel veranlassen. Das heisst:

man glaubt im Grunde, dass Niemand seine Meinungen verändert, so lange

sie ihm vortheilhaft sind, oder wenigstens so lange sie ihm keinen

Schaden bringen. Steht es aber so, so liegt darin ein schlimmes

Zeugniss über die intellectuelle Bedeutung aller Ueberzeugungen.

Prüfen wir einmal, wie Ueberzeugungen entstehen, und sehen wir zu,

ob sie nicht bei Weitem überschätzt werden: dabei wird sich ergeben,

dass auch der Wechsel von Ueberzeugungen unter allen Umständen nach

falschem Maasse bemessen wird und dass wir bisher zu viel an diesem

Wechsel zu leiden pflegten.

630.

Ueberzeugung ist der Glaube, in irgend einem Puncte der Erkenntniss

im Besitze der unbedingten Wahrheit zu sein. Dieser Glaube setzt also

voraus, dass es unbedingte Wahrheiten gebe; ebenfalls, dass jene

vollkommenen Methoden gefunden seien, um zu ihnen zu gelangen;

endlich, dass jeder, der Ueberzeugungen habe, sich dieser vollkommenen

Methoden bediene. Alle drei Aufstellungen beweisen sofort, dass der

Mensch der Ueberzeugungen nicht der Mensch des wissenschaftlichen

Denkens ist; er steht im Alter der theoretischen Unschuld vor uns

und ist ein Kind, wie erwachsen er auch sonst sein möge. Ganze

Jahrtausende aber haben in jenen kindlichen Voraussetzungen gelebt

und aus ihnen sind die mächtigsten Kraftquellen der Menschheit

herausgeströmt. jene zahllosen Menschen, welche sich für ihre

Ueberzeugungen opferten, meinten es für die unbedingte Wahrheit zu

thun. Sie alle hatten Unrecht darin: wahrscheinlich hat noch nie ein

Mensch sich für die Wahrheit geopfert; mindestens wird der dogmatische

Ausdruck seines Glaubens unwissenschaftlich oder halbwissenschaftlich

gewesen sein. Aber eigentlich wollte man Recht behalten, weil man

meinte, Recht haben zu müssen. Seinen Glauben sich entreissen lassen,

das bedeutete vielleicht seine ewige Seligkeit in Frage stellen. Bei

einer Angelegenheit von dieser äussersten Wichtigkeit war der "Wille"

gar zu hörbar der Souffleur des Intellects. Die Voraussetzung jedes

Gläubigen jeder Richtung war, nicht widerlegt werden zu können;

erwiesen sich die Gegengründe als sehr stark, so blieb ihm immer

noch übrig, die Vernunft überhaupt zu verlästern und vielleicht gar

das "credo quia absurdum est" als Fahne des äussersten Fanatismus

aufzupflanzen. Es ist nicht der Kampf der Meinungen, welcher die

Geschichte so gewaltthätig gemacht hat, sondern der Kampf des Glaubens

an die Meinungen, das heisst der Ueberzeugungen. Wenn doch alle Die,

welche so gross von ihrer Ueberzeugung dachten, Opfer aller Art ihr

brachten und Ehre, Leib und Leben in ihrem Dienste nicht schonten, nur

die Hälfte ihrer Kraft der Untersuchung gewidmet hätten, mit welchem

Rechte sie an dieser oder jener Ueberzeugung hiengen, auf welchem Wege

sie zu ihr gekommen seien: wie friedfertig sähe die Geschichte der

Menschheit aus! Wieviel mehr des Erkannten würde es geben! Alle die

grausamen Scenen bei der Verfolgung der Ketzer jeder Art wären uns

aus zwei Gründen erspart geblieben: einmal weil die Inquisitoren vor

Allem in sich selbst inquirirt hätten und über die Anmaassung, die

unbedingte Wahrheit zu vertheidigen, hinausgekommen wären; sodann

weil die Ketzer selber so schlecht begründeten Sätzen, wie die Sätze

aller religiösen Sectirer und "Rechtgläubigen" sind, keine weitere

Theilnahme geschenkt haben würden, nachdem sie dieselben untersucht

hätten.

631.

Aus den Zeiten her, in welchen Menschen daran gewöhnt waren, an

den Besitz der unbedingten Wahrheit zu glauben, stammt ein tiefes

Missbehagen an allen skeptischen und relativistischen Stellungen zu

irgendwelchen Fragen der Erkenntniss; man zieht meistens vor, sich

einer Ueberzeugung, welche Personen von Autorität haben (Väter,

Freunde, Lehrer, Fürsten), auf Gnade oder Ungnade zu ergeben, und hat,

wenn man diess nicht thut, eine Art von Gewissensbissen. Dieser Hang

ist ganz begreiflich und seine Folgen geben kein Recht zu heftigen

Vorwürfen gegen die Entwickelung der menschlichen Vernunft. Allmählich

muss aber der wissenschaftliche Geist im Menschen jene Tugend der

vorsichtigen Enthaltung zeitigen, jene weise Mässigung, welche im

Gebiet des praktischen Lebens bekannter ist, als im Gebiet des

theoretischen Lebens, und welche zum Beispiel Goethe im Antonio

dargestellt hat, als einen Gegenstand der Erbitterung für alle

Tasso's, das heisst für die unwissenschaftlichen und zugleich

thatlosen Naturen. Der Mensch der Ueberzeugung hat in sich ein Recht,

jenen Menschen des vorsichtigen Denkens, den theoretischen Antonio,

nicht zu begreifen; der wissenschaftliche Mensch hinwiederum hat kein

Recht, jenen desshalb zu tadeln, er übersieht ihn und weiss ausserdem,

im bestimmten Falle, dass jener sich an ihn noch anklammern wird, so

wie es Tasso zuletzt mit Antonio thut.

632.

Wer nicht durch verschiedene Ueberzeugungen hindurchgegangen ist,

sondern in dem Glauben hängen bleibt, in dessen Netz er sich zuerst

verfieng, ist unter allen Umständen eben wegen dieser Unwandelbarkeit

ein Vertreter zurückgebliebener Culturen; er ist gemäss diesem Mangel

an Bildung (welche immer Bildbarkeit voraussetzt) hart, unverständig,

unbelehrbar, ohne Milde, ein ewiger Verdächtiger, ein Unbedenklicher,

der zu allen Mitteln greift, seine Meinung durchzusetzen, weil er gar

nicht begreifen kann, dass es andere Meinungen geben müsse; er ist, in

solchem Betracht, vielleicht eine Kraftquelle und in allzu frei und

schlaff gewordenen Culturen sogar heilsam, aber doch nur, weil er

kräftig anreizt, ihm Widerpart zu halten: denn dabei wird das zartere

Gebilde der neuen Cultur, welche zum Kampf mit ihm gezwungen ist,

selber stark.

633.

Wir sind im Wesentlichen noch dieselben Menschen, wie die des

Zeitalters der Reformation: wie sollte es auch anders sein? Aber dass

wir uns einige Mittel nicht mehr erlauben, um mit ihnen unsrer Meinung

zum Siege zu verhelfen, das hebt uns gegen jene Zeit ab und beweist,

dass wir einer höhern Cultur angehören. Wer jetzt noch, in der

Art der Reformations-Menschen, Meinungen mit Verdächtigungen, mit

Wuthausbrüchen bekämpft und niederwirft, verräth deutlich, dass er

seine Gegner verbrannt haben würde, falls er in anderen Zeiten gelebt

hätte, und dass er zu allen Mitteln der Inquisition seine Zuflucht

genommen haben würde, wenn er als Gegner der Reformation gelebt hätte.

Diese Inquisition war damals vernünftig, denn sie bedeutete nichts

Anderes, als den allgemeinen Belagerungszustand, welcher über den

ganzen Bereich der Kirche verhängt werden musste, und der, wie jeder

Belagerungszustand, zu den äussersten Mitteln berechtigte, unter der

Voraussetzung nämlich (welche wir jetzt nicht mehr mit jenen Menschen

theilen), dass man die Wahrheit, in der Kirche, habe, und um jeden

Preis mit jedem Opfer zum Heile der Menschheit bewahren müsse. Jetzt

aber giebt man Niemandem so leicht mehr zu, dass er die Wahrheit

habe: die strengen Methoden der Forschung haben genug Misstrauen und

Vorsicht verbreitet, so dass Jeder, welcher gewaltthätig in Wort

und Werk Meinungen vertritt, als ein Feind unserer jetzigen Cultur,

mindestens als ein zurückgebliebener empfunden wird. In der That:

das Pathos, dass man die Wahrheit habe, gilt jetzt sehr wenig im

Verhältniss zu jenem freilich milderen und klanglosen Pathos des

Wahrheit-Suchens, welches nicht müde wird, umzulernen und neu zu

prüfen.

634.

Uebrigens ist das methodische Suchen der Wahrheit selber das Resultat

jener Zeiten, in denen die Ueberzeugungen mit einander in Fehde lagen.

Wenn nicht dem Einzelnen an seiner "Wahrheit", das heisst an seinem

Rechtbehalten gelegen hätte, so gebe es überhaupt keine Methode der

Forschung; so aber, bei dem ewigen Kampfe der Ansprüche verschiedener

Einzelner auf unbedingte Wahrheit, gieng man Schritt vor Schritt

weiter, um unumstössliche Prinzipien zu finden, nach denen das Recht

der Ansprüche geprüft und der Streit geschlichtet werden könne.

Zuerst entschied man nach Autoritäten, später, kritisirte man sich

gegenseitig die Wege und Mittel, mit denen die angebliche Wahrheit

gefunden worden war; dazwischen gab es eine Periode, wo man die

Consequenzen des gegnerischen Satzes zog und vielleicht sie als

schädlich und unglücklich machend erfand: woraus dann sich für

Jedermanns Urtheil ergeben sollte, dass die Ueberzeugung des Gegners

einen Irrthum enthalte. Der persönliche Kampf der Denker hat

schliesslich die Methoden so verschärft, dass wirklich Wahrheiten

entdeckt werden konnten und dass die Irrgänge früherer Methoden vor

Jedermanns Blicken blosgelegt sind.

635.

Menschliches, Allzumenschliches: Ein Buch Fuer Freie Geister · 第 23 / 24 段