Im Ganzen sind die wissenschaftlichen Methoden mindestens ein ebenso

wichtiges Ergebniss der Forschung als irgend ein sonstiges Resultat:

denn auf der Einsicht in die Methode beruht der wissenschaftliche

Geist, und alle Resultate der Wissenschaft könnten, wenn jene Methoden

verloren giengen, ein erneutes Ueberhandnehmen des Aberglaubens und

des Unsinns nicht verhindern. Es mögen geistreiche Leute von den

Ergebnissen der Wissenschaft lernen so viel sie wollen: man merkt es

immer noch ihrem Gespräche und namentlich den Hypothesen in demselben

an, dass ihnen der wissenschaftliche Geist fehlt: sie haben nicht

jenes instinctive Misstrauen gegen die Abwege des Denkens, welches in

der Seele jedes wissenschaftlichen Menschen in Folge langer Uebung

seine Wurzeln eingeschlagen hat. Ihnen genügt es, über eine Sache

überhaupt irgendeine Hypothese zu finden, dann sind sie Feuer und

Flamme für dieselbe und meinen, damit sei es gethan. Eine Meinung

haben heisst bei ihnen schon: dafür sich fanatisiren und sie als

Ueberzeugung fürderhin sich an's Herz legen. Sie erhitzen sich bei

einer unerklärten Sache für den ersten Einfall ihres Kopfes, der einer

Erklärung derselben ähnlich sieht: woraus sich, namentlich auf dem

Gebiete der Politik, fortwährend die schlimmsten Folgen ergeben. -

Desshalb sollte jetzt Jedermann mindestens eine Wissenschaft von Grund

aus kennen gelernt haben: dann weiss er doch, was Methode heisst und

wie nöthig die äusserste Besonnenheit ist. Namentlich ist den Frauen

dieser Rath zu geben; als welche jetzt rettungslos die Opfer aller

Hypothesen sind, zumal wenn diese den Eindruck des Geistreichen,

Hinreissenden, Belebenden, Kräftigenden machen. Ja bei genauerem

Zusehen bemerkt man, dass der allergrösste Theil aller Gebildeten noch

jetzt von einem Denker Ueberzeugungen und Nichts als Ueberzeugungen

begehrt, und dass allein eine geringe Minderheit Gewissheit will. Jene

wollen stark fortgerissen werden, um dadurch selber einen Kraftzuwachs

zu erlangen; diese Wenigen haben jenes sachliche Interesse, welches

von persönlichen Vortheilen, auch von dem des erwähnten Kraftzuwachses

absieht. Auf jene bei Weitem überwiegende Classe wird überall dort

gerechnet, wo der Denker sich als Genie benimmt und bezeichnet,

also wie ein höheres Wesen drein schaut, welchem Autorität zukommt.

Insofern das Genie jener Art die Glut der Ueberzeugungen unterhält

und Misstrauen gegen den vorsichtigen und bescheidenen Sinn der

Wissenschaft weckt, ist es ein Feind der Wahrheit und wenn es sich

auch noch so sehr als deren Freier glauben sollte.

636.

Es giebt freilich auch eine ganz andere Gattung der Genialität, die

der Gerechtigkeit; und ich kann mich durchaus nicht entschliessen,

dieselbe niedriger zu schätzen, als irgend eine philosophische,

politische oder künstlerische Genialität. Ihre Art ist es, mit

herzlichem Unwillen Allem aus dem Wege zu gehen, was das Urtheil über

die Dinge blendet und verwirrt; sie ist folglich eine Gegnerin der

Ueberzeugungen, denn sie will Jedem, sei es ein Belebtes oder Todtes,

Wirkliches oder Gedachtes, das Seine geben - und dazu muss sie es rein

erkennen; sie stellt daher jedes Ding in das beste Licht und geht

um dasselbe mit sorgsamem Auge herum. Zuletzt wird sie selbst ihrer

Gegnerin, der blinden oder kurzsichtigen "Ueberzeugung" (wie Männer

sie nennen: - bei Weibern heisst sie "Glaube") geben was der

Ueberzeugung ist - um der Wahrheit willen.

637.

Aus den Leidenschaften wachsen die Meinungen; die Trägheit des Geistes

lässt diese zu Ueberzeugungen erstarren. - Wer sich aber freien,

rastlos lebendigen Geistes fühlt, kann durch beständigen Wechsel

diese Erstarrung verhindern; und ist er gar insgesammt ein denkender

Schneeballen, so wird er überhaupt nicht Meinungen, sondern nur

Gewissheiten und genau bemessene Wahrscheinlichkeiten in seinem

Kopfe haben. - Aber wir, die wir gemischten Wesens sind und bald vom

Feuer durchglüht, bald vom Geiste durchkältet sind, wollen vor der

Gerechtigkeit knieen, als der einzigen Göttin, welche wir über uns

anerkennen. Das Feuer in uns macht uns für gewöhnlich ungerecht und,

im Sinne jener Göttin, unrein; nie dürfen wir in diesem Zustande ihre

Hand fassen, nie liegt dann das ernste Lächeln ihres Wohlgefallens auf

uns. Wir verehren sie als die verhüllte Isis unsers Lebens; beschämt

bringen wir ihr unsern Schmerz als Busse und Opfer dar, wenn das Feuer

uns brennt und verzehren will. Der Geist ist es, der uns rettet, dass

wir nicht ganz verglühen und verkohlen; er reisst uns hier und da fort

von dem Opferaltare der Gerechtigkeit oder hüllt uns in ein Gespinnst

aus Asbest. Vom Feuer erlöst, schreiten wir dann, durch den Geist

getrieben von Meinung zu Meinung, durch den Wechsel der Parteien, als

edle Verräther aller Dinge, die überhaupt verrathen werden können -

und dennoch ohne ein Gefühl von Schuld.

638.

Der Wanderer. - Wer nur einigermaassen zur Freiheit der Vernunft

gekommen ist, kann sich auf Erden nicht anders fühlen, denn als

Wanderer, - wenn auch nicht als Reisender nach einem letzten Ziele:

denn dieses giebt es nicht. Wohl aber will er zusehen und die Augen

dafür offen haben, was Alles in der Welt eigentlich vorgeht; desshalb

darf er sein Herz nicht allzufest an alles Einzelne anhängen; es muss

in ihm selber etwas Wanderndes sein, das seine Freude an dem Wechsel

und der Vergänglichkeit habe. Freilich werden einem solchen Menschen

böse Nächte kommen, wo er müde ist und das Thor der Stadt, welche ihm

Rast bieten sollte, verschlossen findet; vielleicht, dass noch dazu,

wie im Orient, die Wüste bis an das Thor reicht, dass die Raubthiere

bald ferner bald näher her heulen, dass ein starker Wind sich erhebt,

dass Räuber ihm seine Zugthiere wegführen. Dann sinkt für ihn wohl die

schreckliche Nacht wie eine zweite Wüste auf die Wüste, und sein Herz

wird des Wanderns müde. Geht ihm dann die Morgensonne auf, glühend wie

eine Gottheit des Zornes, öffnet sich die Stadt, so sieht er in den

Gesichtern der hier Hausenden vielleicht noch mehr Wüste, Schmutz,

Trug, Unsicherheit, als vor den Thoren - und der Tag ist fast

schlimmer, als die Nacht. So mag es wohl einmal dem Wanderer ergehen;

aber dann kommen, als Entgelt, die wonnevollen Morgen anderer Gegenden

und Tage, wo er schon im Grauen des Lichtes die Musenschwärme im Nebel

des Gebirges nahe an sich vorübertanzen sieht, wo ihm nachher, wenn

er still, in dem Gleichmaass der Vormittagsseele, unter Bäumen sich

ergeht, aus deren Wipfeln und Laubverstecken heraus lauter gute und

helle Dinge zugeworfen werden, die Geschenke aller jener freien

Geister, die in Berg, Wald und Einsamkeit zu Hause sind und welche,

gleich ihm, in ihrer bald fröhlichen bald nachdenklichen Weise,

Wanderer und Philosophen sind. Geboren aus den Geheimnissen der Frühe,

sinnen sie darüber nach, wie der Tag zwischen dem zehnten und zwölften

Glockenschlage ein so reines, durchleuchtetes, verklärt-heiteres

Gesicht haben könne: - sie suchen die Philosophie des Vormittages.

Unter Freunden.

Ein Nachspiel.

1.

Schön ist's, mit einander schweigen,

Schöner, mit einander lachen, -

Unter seidenem Himmels-Tuche

Hingelehnt zu Moos und Buche

Lieblich laut mit Freunden lachen

Und sich weisse Zähne zeigen.

Macht' ich's gut, so woll'n wir schweigen;

Macht' ich's schlimm -, so woll'n wir lachen

Und es immer schlimmer machen, Schlimmer machen,

schlimmer lachen, Bis wir in die Grube steigen.

Freunde! ja! So soll's geschehn? -

Amen! Und auf Wiedersehn!

2.

Kein Entschuld'gen! Kein Verzeihen!

Gönnt ihr Frohen, Herzens-Freien

Diesem unvernünft'gen Buche

Ohr und Herz und Unterkunft!

Glaubt mir, Freunde, nicht zum Fluche

Ward mir meine Unvernunft!

Was ich finde, was ich suche -

Stand das je in einem Buche?

Ehrt in mir die Narren-Zunft!

Lernt aus diesem Narrenbuche,

Wie Vernunft kommt - "zur Vernunft"!

Also, Freunde, soll's geschehn? -

Amen! Und auf Wiedersehn!

Menschliches, Allzumenschliches: Ein Buch Fuer Freie Geister · 第 24 / 24 段