fort, starke Geister viel dumme und verworrene Köpfe.
542.
Gefahren der geistigen Befreiung. - Bei der ernstlich gemeinten
geistigen Befreiung eines Menschen hoffen im Stillen auch seine
Leidenschaften und Begierden ihren Vortheil sich zu ersehen.
543.
Verkörperung des Geistes. - Wenn Einer viel und klug denkt, so bekommt
nicht nur sein Gesicht, sondern auch sein Körper ein kluges Aussehen.
544.
Schlecht sehen und schlecht hören. - Wer wenig sieht, sieht immer
weniger; wer schlecht hört, hört immer Einiges noch dazu.
545.
Selbstgenuss in der Eitelkeit. - Der Eitele will nicht sowohl
hervorragen, als sich hervorragend fühlen, desshalb verschmäht er kein
Mittel des Selbstbetruges und der Selbstüberlistung. Nicht die Meinung
der Anderen, sondern seine Meinung von Deren Meinung liegt ihm am
Herzen.
546.
Ausnahmsweise eitel. - Der für gewöhnlich Selbstgenügsame ist
ausnahmsweise eitel und für Ruhm- und Lobsprüche empfänglich, wenn
er körperlich krank ist. In dem Maasse, in welchem er sich verliert,
muss er sich aus fremder Meinung, von Aussen her, wieder zu gewinnen
suchen.
547.
Die "Geistreichen". - Der hat keinen Geist, welcher den Geist sucht.
548.
Wink für Parteihäupter. - Wenn man die Leute dazu treiben kann, sich
öffentlich für Etwas zu erklären, so hat man sie meistens auch dazu
gebracht, sich innerlich dafür zu erklären; sie wollen fürderhin als
consequent erfunden werden.
549.
Verachtung. - Die Verachtung durch Andere ist dem Menschen
empfindlicher, als die durch sich selbst.
550.
Schnur der Dankbarkeit. - Es giebt sclavische Seelen, welche die
Erkenntlichkeit für erwiesene Wohlthaten so weit treiben, dass sie
sich mit der Schnur der Dankbarkeit selbst erdrosseln.
551.
Kunstgriff des Propheten. - Um die Handlungsweise gewöhnlicher
Menschen im Voraus zu errathen, muss man annehmen, dass sie immer den
mindesten Aufwand an Geist machen, um sich aus einer unangenehmen Lage
zu befreien.
552.
Das einzige Menschenrecht. - Wer vom Herkömmlichen abweicht, ist das
Opfer des Aussergewöhnlichen; wer im Herkömmlichen bleibt, ist der
Sclave desselben. Zu Grunde gerichtet wird man auf jeden Fall.
553.
Unter das Thier hinab. - Wenn der Mensch vor Lachen wiehert,
übertrifft er alle Thiere durch seine Gemeinheit.
554.
Halbwissen. - Der, welcher eine fremde Sprache wenig spricht, hat mehr
Freude daran, als Der, welcher sie gut spricht. Das Vergnügen ist bei
den Halbwissenden.
555.
Gefährliche Hülfbereitschaft. - Es giebt Leute, welche das Leben den
Menschen erschweren wollen, aus keinem andern Grunde, als um ihnen
hinterdrein ihre Recepte zur Erleichterung des Lebens, zum Beispiel
ihr Christenthum, anzubieten.
556.
Fleiss und Gewissenhaftigkeit. - Fleiss und Gewissenhaftigkeit sind
oftmals dadurch Antagonisten, dass der Fleiss die Früchte sauer vom
Baume nehmen will, die Gewissenhaftigkeit sie aber zu lange hängen
lässt, bis sie herabfallen und sich zerschlagen.
557.
Verdächtigen. - Menschen, welche man nicht leiden kann, sucht man sich
zu verdächtigen.
558.
Die Umstände fehlen. - Viele Menschen warten ihr Leben lang auf die
Gelegenheit, auf ihre Art gut zu sein.
559.
Mangel an Freunden. - Der Mangel an Freunden lässt auf Neid oder
Anmaassung schliessen. Mancher verdankt seine Freunde nur dem
glücklichen Umstande, dass er keinen Anlass zum Neide hat.
560.
Gefahr in der Vielheit. - Mit einem Talente mehr steht man oft
unsicherer, als mit einem weniger: wie der Tisch besser auf drei, als
auf vier Füssen steht.
561.
Den Andern zum Vorbild. - Wer ein gutes Beispiel geben will, muss
seiner Tugend einen Gran Narrheit zusetzen: dann ahmt man nach und
erhebt sich zugleich über den Nachgeahmten, - was die Menschen lieben.
562.
Zielscheibe sein. - Die bösen Reden Anderer über uns gelten oft nicht
eigentlich uns, sondern sind die Aeusserungen eines Aergers, einer
Verstimmung aus ganz anderen Gründen.
563.
Leicht resignirt. - Man leidet wenig an versagten Wünschen, wenn man
seine Phantasie geübt hat, die Vergangenheit zu verhässlichen.
564.
In Gefahr. - Man ist am Meisten in Gefahr, überfahren zu werden, wenn
man eben einem Wagen ausgewichen ist.
565.
Je nach der Stimme die Rolle. - Wer gezwungen ist, lauter zu reden,
als er gewohnt ist (etwa vor einem Halb-Tauben oder vor einem grossen
Auditorium), übertreibt gewöhnlich die Dinge, welche er mitzutheilen
hat. - Mancher wird zum Verschwörer, böswilligen Nachredner,
Intriguanten, blos weil seine Stimme sich am besten zu einem Geflüster
eignet.
566.
Liebe und Hass. - Liebe und Hass sind nicht blind, aber geblendet vom
Feuer, das sie selber mit sich tragen.
567.
Mit Vortheil angefeindet. - Menschen, welche der Welt ihre Verdienste
nicht völlig deutlich machen können, suchen sich eine starke
Feindschaft zu erwecken. Sie haben dann den Trost, zu denken, dass
diese zwischen ihren Verdiensten und deren Anerkennung stehe - und
dass mancher Andere das Selbe vermuthe: was sehr vortheilhaft für ihre
Geltung ist.
568.
Beichte. - Man vergisst seine Schuld, wenn man sie einem Andern
gebeichtet hat, aber gewöhnlich vergisst der Andere sie nicht.
569.
Selbstgenügsamkeit. - Das goldene Vliess der Selbstgenügsamkeit
schützt gegen Prügel, aber nicht gegen Nadelstiche.
570.
Schatten in der Flamme. - Die Flamme ist sich selber nicht so hell,
als den Anderen, denen sie leuchtet: so auch der Weise.
571.
Eigene Meinungen. - Die erste Meinung, welche uns einfällt, wenn wir
plötzlich über eine Sache befragt werden, ist gewöhnlich nicht unsere
eigene, sondern nur die landläufige, unserer Kaste, Stellung, Abkunft
zugehörige; die eigenen Meinungen schwimmen selten oben auf.
572.
Herkunft des Muthes. - Der gewöhnliche Mensch ist muthig und
unverwundbar wie ein Held, wenn er die Gefahr nicht sieht, für sie
keine Augen hat. Umgekehrt: der Held hat die einzig verwundbare Stelle
auf dem Rücken, also dort, wo er keine Augen hat.
573.
Gefahr im Arzte. - Man muss für seinen Arzt geboren sein, sonst geht
man an seinem Arzt zu Grunde.
574.
Wunderliche Eitelkeit. - Wer dreimal mit Dreistigkeit das Wetter
prophezeit hat und Erfolg hatte, der glaubt im Grunde seiner Seele ein
Wenig an seine Prophetengabe. Wir lassen das Wunderliche, Irrationelle
gelten, wenn es unserer Selbstschätzung schmeichelt.
575.
Beruf. - Ein Beruf ist das Rückgrat des Lebens.
576.
Gefahr persönlichen Einflusses. - Wer fühlt, dass er auf einen Anderen
einen grossen innerlichen Einfluss ausübt, muss ihm ganz freie
Zügel lassen, ja gelegentliches Widerstreben gern sehen und selbst
herbeiführen: sonst wird er unvermeidlich sich einen Feind machen.
577.
Den Erben gelten lassen. - Wer etwas Grosses in selbstloser Gesinnung
begründet hat, sorgt dafür, sich Erben zu erziehen. Es ist das Zeichen
einer tyrannischen und unedlen Natur, in allen möglichen Erben seines
Werkes seine Gegner zu sehen und gegen sie im Stande der Nothwehr zu
leben.
578.
Halbwissen. - Das Halbwissen ist siegreicher, als das Ganzwissen: es
kennt die Dinge einfacher, als sie sind, und macht daher seine Meinung
fasslicher und überzeugender.
579.
Nicht geeignet zum Parteimann. - Wer viel denkt, eignet sich nicht zum
Parteimann: er denkt sich zu bald durch die Partei hindurch.
580.
Schlechtes Gedächtniss. - Der Vortheil des schlechten Gedächtnisses
ist, dass man die selben guten Dinge mehrere Male zum Ersten Male
geniesst.
581.
Sich Schmerzen machen. - Rücksichtslosigkeit des Denkens ist oft
das Zeichen einer unfriedlichen inneren Gesinnung, welche Betäubung
begehrt.
582.
Märtyrer. - Der Jünger eines Märtyrers leidet mehr, als der Märtyrer.
583.
Rückständige Eitelkeit. - Die Eitelkeit mancher Menschen, die es
nicht nöthig hätten, eitel zu sein, ist die übriggebliebene und gross
gewachsene Gewohnheit aus der Zeit her, wo sie noch kein Recht hatten,
an sich zu glauben und diesen Glauben erst von Andern in kleiner Münze
einbettelten.
584.
Punctum saliens der Leidenschaft. - Wer im Begriff ist, in Zorn oder
in einen heftigen Liebesaffect zu gerathen, erreicht einen Punct, wo
die Seele voll ist wie ein Gefäss: aber doch muss ein Wassertropfen
noch hinzukommen, der gute Wille zur Leidenschaft (den man gewöhnlich
auch den bösen nennt). Es ist nur dieses Pünctchen nöthig, dann läuft
das Gefäss über.
585.
Gedanke des Unmuthes. - Es ist mit den Menschen wie mit den
Kohlenmeilern im Walde. Erst wenn die jungen Menschen ausgeglüht haben
und verkohlt sind, gleich jenen, dann werden sie nützlich. So lange
sie dampfen und rauchen, sind sie vielleicht interessanter, aber
unnütz und gar zu häufig unbequem. - Die Menschheit verwendet
schonungslos jeden Einzelnen als Material zum Heizen ihrer grossen
Maschinen: aber wozu dann die Maschinen, wenn alle Einzelnen (das
heisst die Menschheit) nur dazu nützen, sie zu unterhalten? Maschinen,
die sich selbst Zweck sind, - ist das die umana commedia?
586.
Vom Stundenzeiger des Lebens. - Das Leben besteht aus seltenen
einzelnen Momenten von höchster Bedeutsamkeit und unzählig vielen
Intervallen, in denen uns besten Falls die Schattenbilder jener
Momente umschweben. Die Liebe, der Frühling, jede schöne Melodie, das
Gebirge, der Mond, das Meer - Alles redet nur einmal ganz zum Herzen:
wenn es überhaupt je ganz zu Worte kommt. Denn viele Menschen haben
jene Momente gar nicht und sind selber Intervalle und Pausen in der
Symphonie des wirklichen Lebens.
587.
Angreifen oder eingreifen. - Wir machen häufig den Fehler, eine
Richtung oder Partei oder Zeit lebhaft anzufeinden, weil wir zufällig
nur ihre veräusserlichte Seite, ihre Verkümmerung oder die ihnen
nothwendig anhaftenden "Fehler ihrer Tugenden" zu sehen bekommen, -
vielleicht weil wir selbst an diesen vornehmlich theilgenommen haben.
Dann wenden wir ihnen den Rücken und suchen eine entgegengesetzte
Richtung; aber das Bessere wäre, die starken guten Seiten aufzusuchen
oder an sich selber auszubilden. Freilich gehört ein kräftigerer Blick
und besserer Wille dazu, das Werdende und Unvollkommene zu fördern,
als es in seiner Unvollkommenheit zu durchschauen und zu verleugnen.
588.
Bescheidenheit. - Es giebt wahre Bescheidenheit (das heisst die
Erkenntniss, dass wir nicht unsere eigenen Werke sind); und recht
wohl geziemt sie dem grossen Geiste, weil gerade er den Gedanken der
völligen Unverantwortlichkeit (auch für das Gute, was er schafft)
fassen kann. Die Unbescheidenheit des Grossen hasst man nicht,
insofern er seine Kraft fühlt, sondern weil er seine Kraft dadurch
erst erfahren will, dass er die Anderen verletzt, herrisch behandelt
und zusieht, wie weit sie es aushalten. Gewöhnlich beweist diess sogar
den Mangel an sicherem Gefühl der Kraft und macht somit die Menschen
an seiner Grösse zweifeln. Insofern ist Unbescheidenheit vom
Gesichtspuncte der Klugheit aus sehr zu widerrathen.
589.
Des Tages erster Gedanke. - Das beste Mittel, jeden Tag gut zu
beginnen, ist: beim Erwachen daran zu denken, ob man nicht wenigstens
einem Menschen an diesem Tage eine Freude machen könne. Wenn diess als
ein Ersatz für die religiöse Gewöhnung des Gebetes gelten dürfte, so
hätten die Mitmenschen einen Vortheil bei dieser Aenderung.
590.
Anmaassung als letztes Trostmittel. - Wenn man ein Missgeschick,
seinen intellectuellen Mangel, seine Krankheit sich so zurecht legt,
dass man hierin sein vorgezeichnetes Schicksal, seine Prüfung oder
die geheimnissvolle Strafe für früher Begangenes sieht, so macht man
sich sein eigenes Wesen dadurch interessant und erhebt sich in der
Vorstellung über seine Mitmenschen. Der stolze Sünder ist eine
bekannte Figur in allen kirchlichen Secten.
591.
Vegetation des Glückes. - Dicht neben dem Wehe der Welt, und oft auf
seinem vulcanischen Boden, hat der Mensch seine kleinen Gärten des
Glückes angelegt; ob man das Leben mit dem Blicke Dessen betrachtet,
der vom Dasein Erkenntniss allein will, oder Dessen, der sich ergiebt
und resignirt, oder Dessen, der an der überwundenen Schwierigkeit sich
freut, - überall wird er etwas Glück neben dem Unheil aufgesprosst
finden - und zwar um so mehr Glück, je vulcanischer der Boden war nur
wäre es lächerlich, zu sagen, dass mit diesem Glück das Leiden selbst
gerechtfertigt sei.
592.
Die Strasse der Vorfahren. - Es ist vernünftig, wenn jemand das
Talent, auf welches sein Vater oder Grossvater Mühe verwendet hat, an
sich selbst weiter ausbildet und nicht zu etwas ganz Neuem umschlägt;
er nimmt sich sonst die Möglichkeit, zum Vollkommenen in irgend einem
Handwerk zu gelangen. Desshalb sagt das Sprüchwort: "Welche Strasse
sollst du reiten? - die deiner Vorfahren."
593.
Eitelkeit und Ehrgeiz als Erzieher. - So lange Einer noch nicht zum
Werkzeug des allgemeinen menschlichen Nutzens geworden ist, mag ihn
der Ehrgeiz peinigen; ist jenes Ziel aber erreicht, arbeitet er mit
Nothwendigkeit wie eine Maschine zum Besten Aller, so mag dann die
Eitelkeit kommen; sie wird ihn im Kleinen vermenschlichen, geselliger,
erträglicher, nachsichtiger machen, dann, wenn der Ehrgeiz die grobe
Arbeit (ihn nützlich zu machen) an ihm vollendet hat.
594.
Philosophische Neulinge. - Hat man die Weisheit eines Philosophen eben
eingenommen, so geht man durch die Strassen mit dem Gefühle, als sei
man umgeschaffen und ein grosser Mann geworden; denn man findet lauter
Solche, welche diese Weisheit nicht kennen, hat also über Alles eine
neue unbekannte Entscheidung vorzutragen: weil man ein Gesetzbuch
anerkennt, meint man jetzt auch sich als Richter gebärden zu müssen.
595.
Durch Missfallen gefallen. - Die Menschen, welche lieber auffallen
und dabei missfallen wollen, begehren das Selbe wie Die, welche nicht
auffallen und gefallen wollen, nur in einem viel höheren Grade und
indirect, vermittelst einer Stufe, durch welche sie sich scheinbar
von ihrem Ziele entfernen. Sie wollen Einfluss und Macht, und zeigen
desshalb ihre Ueberlegenheit, selbst so, dass sie unangenehm empfunden
wird; denn sie wissen, dass Der, welcher endlich zur Macht gelangt
ist, fast in Allem was er thut und sagt, gefällt, und dass selbst, wo
er missfällt, er doch noch zu gefallen scheint. - Auch der Freigeist,
und ebenso der Gläubige, wollen Macht, um durch sie einmal zu
gefallen; wenn ihnen ihrer Lehre wegen ein übeles Schicksal,
Verfolgung, Kerker, Hinrichtung, droht, so freuen sie sich des
Gedankens, dass ihre Lehre auf diese Weise der Menschheit eingeritzt
und eingebrannt wird; sie nehmen es hin als ein schmerzhaftes, aber
kräftiges, wenngleich spät wirkendes Mittel, um doch noch zur Macht zu
gelangen.
596.
Casus belli und Aehnliches - Der Fürst, welcher zu dem gefassten
Entschlusse, Krieg mit dem Nachbar zu führen, einen casus belli
ausfindig macht, gleicht dem Vater, der seinem Kinde eine Mutter
unterschiebt, welche fürderhin als solche gelten soll. Und sind nicht
fast alle öffentlich bekannt gemachten Motive unserer Handlungen
solche untergeschobene Mütter?
597.
Leidenschaft und Recht. - Niemand spricht leidenschaftlicher von
seinem Rechte, als Der, welcher im Grunde seiner Seele einen Zweifel
an seinem Rechte hat. Indem er die Leidenschaft auf seine Seite zieht,
will er den Verstand und dessen Zweifel betäuben: so gewinnt er das
gute Gewissen und mit ihm den Erfolg bei den Mitmenschen.
598.
Kunstgriff des Entsagenden. - Wer gegen die Ehe protestirt nach
Art der katholischen Priester wird diese nach ihrer niedrigsten,
gemeinsten Auffassung zu verstehen suchen. Ebenso wer die Ehre bei den
Zeitgenossen von sich abweist, wird deren Begriff niedrig fassen; so
erleichtert er sich die Entbehrung und den Kampf dagegen. Uebrigens
wird Der, welcher sich im Ganzen viel versagt, sich im Kleinen
leicht Indulgenz geben. Es wäre möglich, dass Der, welcher über den
Beifall der Zeitgenossen erhaben ist, doch die Befriedigung kleiner
Eitelkeiten sich nicht versagen will.
599.
Lebensalter der Anmaassung. - Zwischen dem sechsundzwanzigsten und
dreissigsten Jahre liegt bei begabten Menschen die eigentliche Periode
der Anmaassung; es ist die Zeit der ersten Reife, mit einem starken
Rest von Säuerlichkeit. Man fordert auf Grund dessen, was man in sich
fühlt, von Mensen, welche Nichts oder wenig davon sehen, Ehre und
Demüthigung, und rächt sich, weil diese zunächst ausbleiben, durch
jenen Blick, jene Gebärde der Anmaassung, jenen Ton der Stimme, die
ein feines Ohr und Auge an allen Productionen jenes Alters, seien es
Gedichte, Philosophien, oder Bilder und Musik, wiedererkennt. Aeltere
erfahrene Männer lächeln dazu und mit Rührung gedenken sie dieses
schönen Lebensalters, in dem man böse über das Geschick ist, so viel
zu sein und so wenig zu scheinen. Später scheint man wirklich mehr, -
aber man hat den guten Glauben verloren, viel zu sein: man bleibe denn
zeitlebens ein unverbesserlicher Narr der Eitelkeit.
600.
Trügerisch und doch haltbar. - Wie man, um an einem Abgrund
vorbeizugehen oder einen tiefen Bach auf einem Balken zu
überschreiten, eines Geländers bedarf, nicht um sich daran
festzuhalten, - denn es würde sofort mit Einem zusammenbrechen,
sondern um die Vorstellung der Sicherheit für das Auge zu erwecken, -
so bedarf man als Jüngling solcher Personen, welche uns unbewusst den
Dienst jenes Geländers erweisen; es ist wahr, sie würden uns nicht
helfen, wenn wir uns wirklich, in grosser Gefahr, auf sie stützen
wollten, aber sie geben die beruhigende Empfindung des Schutzes in
der Nähe (zum Beispiel Väter, Lehrer, Freunde, wie sie, alle drei,
gewöhnlich sind).
601.
Lieben lernen. - Man muss lieben lernen, gütig sein lernen, und diess
von Jugend auf; wenn Erziehung und Zufall uns keine Gelegenheit zur
Uebung dieser Empfindungen geben, so wird unsere Seele trocken und
selbst zu einem Verständnisse jener zarten Erfindungen liebevoller
Menschen ungeeignet. Ebenso muss der Hass gelernt und genährt werden,
wenn Einer ein tüchtiger Hasser werden will: sonst wird auch der Keim
dazu allmählich absterben.
602.
Die Ruine als Schmuck. - Solche, die viele geistige Wandlungen
durchmachen, behalten einige Ansichten und Gewohnheiten früherer
Zustände bei, welche dann wie ein Stück unerklärlichen Alterthums und
grauen Mauerwerks in ihr neues Denken und Handeln hineinragen: oft zur
Zierde der ganzen Gegend.
603.
Liebe und Ehre. - Die Liebe begehrt, die Furcht meidet. Daran liegt
es, dass man nicht zugleich von derselben Person wenigstens in dem
selben Zeitraume, geliebt und geehrt werden kann. Denn der Ehrende
erkennt die Macht an, das heisst er fürchtet sie: sein Zustand
ist Ehrfurcht. Die Liebe aber erkennt keine Macht an, Nichts was
trennt, abhebt, über- und unterordnet. Weil sie nicht ehrt, so sind
ehrsüchtige Menschen insgeheim oder öffentlich gegen das Geliebtwerden
widerspänstig.
604.
Vorurtheil für die kalten Menschen. - Menschen, welche rasch Feuer
fangen, werden schnell kalt und sind daher im Ganzen unzuverlässig.
Desshalb giebt es für alle Die, welche immer kalt sind oder sich so
stellen, das günstige Vorurtheil, dass es besonders vertrauenswerthe
zuverlässige Menschen seien: man verwechselt sie mit Denen, welche
langsam Feuer fangen und es lange festhalten.
605.
Das Gefährliche an freien Meinungen. - Das leichte Befassen mit freien
Meinungen giebt einen Reiz, wie eine Art jucken; giebt man ihm mehr
nach, so fängt man an, die Stellen zu reiben; bis zuletzt eine offene
schmerzende Wunde entsteht, das heisst: bis die freie Meinung uns in
unserer Lebensstellung, unsern menschlichen Beziehungen zu stören, zu
quälen beginnt.
606.
Begierde nach tiefem Schmerz. - Die Leidenschaft lässt, wenn sie
vorüber ist, eine dunkele Sehnsucht nach sich selber zurück und wirft
im Verschwinden noch einen verführerischen Blick zu. Es muss doch eine
Art von Lust gewährt haben, mit ihrer Geissel geschlagen worden zu
sein. Die mässigeren Empfindungen erscheinen dagegen schaal; man will,
wie es scheint, die heftigere Unlust immer noch lieber als die matte
Lust.
607.
Unmuth über andere und die Welt. - Wenn wir, wie so häufig, unsern
Unmuth an Anderen auslassen, während wir ihn eigentlich über uns
empfinden, erstreben wir im Grunde eine Umnebelung und Täuschung
unseres Urtheils: wir wollen diesen Unmuth a posteriori motiviren
durch die Versehen, Mängel der Anderen und uns selber so aus den Augen
verlieren. - Die religiös strengen Menschen, welche gegen sich selber
unerbittliche Richter sind, haben zugleich am meisten Uebles der
Menschheit überhaupt nachgesagt: ein Heiliger, welcher sich die Sünden
und den Anderen die Tugenden vorbehält, hat nie gelebt: ebensowenig
wie jener, welcher nach Buddha's Vorschrift sein Gutes vor den Leuten
verbirgt und ihnen sein Böses allein sehen lässt.
608.
Ursache und Wirkung verwechselt. - Wir suchen unbewusst die Grundsätze
und Lehrmeinungen, welche unserem Temperamente angemessen sind, so
dass es zuletzt so aussieht, als ob die Grundsätze und Lehrmeinungen
unseren Charakter geschaffen, ihm Halt und Sicherheit gegeben hätten:
während es gerade umgekehrt zugegangen ist. Unser Denken und Urtheilen
soll nachträglich, so scheint es, zur Ursache unseres Wesens gemacht
werden: aber thatsächlich ist unser Wesen die Ursache, dass wir so
und so denken und urtheilen. - Und was bestimmt uns zu dieser fast
unbewussten Komödie? Die Trägheit und Bequemlichkeit und nicht am
wenigsten der Wunsch der Eitelkeit, durch und durch als consistent,
in Wesen und Denken einartig erfunden zu werden: denn diess erwirbt
Achtung, giebt Vertrauen und Macht.
609.
Lebensalter und Wahrheit. - junge Leute lieben das Interessante und
Absonderliche, gleichgültig wie wahr oder falsch es ist. Reifere
Geister lieben Das an der Wahrheit, was an ihr interessant und
absonderlich ist. Ausgereifte Köpfe endlich lieben die Wahrheit auch
in Dem, wo sie schlicht und einfältig erscheint und dem gewöhnlichen
Menschen Langeweile macht, weil sie gemerkt haben, dass die Wahrheit
das Höchste an Geist, was sie besitzt, mit der Miene der Einfalt zu
sagen pflegt.
610.
Die Menschen als schlechte Dichter. - So wie schlechte Dichter im
zweiten Theil des Verses zum Reime den Gedanken suchen, so pflegen die
Menschen in der zweiten Hälfte des Lebens, ängstlicher geworden, die
Handlungen, Stellungen, Verhältnisse zu suchen, welche zu denen ihres
früheren Lebens passen, so dass äusserlich Alles wohl zusammenklingt:
aber ihr Leben ist nicht mehr von einem starken Gedanken beherrscht
und immer wieder neu bestimmt, sondern an die Stelle desselben tritt
die Absicht, einen Reim zu finden.
611.
Langeweile und Spiel. - Das Bedürfniss zwingt uns zur Arbeit, mit
deren Ertrage das Bedürfniss gestillt wird; das immer neue Erwachen
der Bedürfnisse gewöhnt uns an die Arbeit. In den Pausen aber,
in welchen die Bedürfnisse gestillt sind und gleichsam schlafen,
überfällt uns die Langeweile. Was ist diese? Es ist die Gewöhnung
an Arbeit überhaupt, welche sich jetzt als neues, hinzukommendes
Bedürfniss geltend macht; sie wird um so stärker sein, je stärker
Jemand gewöhnt ist zu arbeiten, vielleicht sogar je stärker Jemand an
Bedürfnissen gelitten hat. Um der Langeweile zu entgehen, arbeitet der
Mensch entweder über das Maass seiner sonstigen Bedürfnisse hinaus
oder er erfindet das Spiel, das heisst die Arbeit, welche kein anderes
Bedürfniss stillen soll, als das nach Arbeit überhaupt. Wer des
Spieles überdrüssig geworden ist und durch neue Bedürfnisse keinen
Grund zur Arbeit hat, den überfällt mitunter das Verlangen nach einem
dritten Zustand, welcher sich zum Spiel verhält, wie Schweben zum
Tanzen, wie Tanzen zum Gehen, nach einer seligen, ruhigen Bewegtheit:
es ist die Vision der Künstler und Philosophen von dem Glück.
612.