und die Industrie, der Bücher- und Briefverkehr, die Gemeinsamkeit
aller höheren Cultur, das schnelle Wechseln von Ort und Landschaft,
das jetzige Nomadenleben aller Nicht-Landbesitzer, - diese Umstände
bringen nothwendig eine Schwächung und zuletzt eine Vernichtung der
Nationen, mindestens der europäischen, mit sich: so dass aus ihnen
allen, in Folge fortwährender Kreuzungen, eine Mischrasse, die des
europäischen Menschen, entstehen muss. Diesem Ziele wirkt jetzt
bewusst oder unbewusst die Abschliessung der Nationen durch Erzeugung
nationaler Feindseligkeiten entgegen, aber langsam geht der Gang jener
Mischung dennoch vorwärts, trotz jener zeitweiligen Gegenströmungen:
dieser künstliche Nationalismus ist übrigens so gefährlich wie der
künstliche Katholicismus es gewesen ist, denn er ist in seinem Wesen
ein gewaltsamer Noth- und Belagerungszustand, welcher von Wenigen über
Viele verhängt ist, und braucht List, Lüge und Gewalt, um sich in
Ansehen zu halten. Nicht das Interesse der Vielen (der Völker),
wie man wohl sagt, sondern vor Allem das Interesse bestimmter
Fürstendynastien, sodann das bestimmter Classen des Handels und der
Gesellschaft, treibt zu diesem Nationalismus; hat man diess einmal
erkannt, so soll man sich nur ungescheut als guten Europäer ausgeben
und durch die That an der Verschmelzung der Nationen arbeiten: wobei
die Deutschen durch ihre alte bewährte Eigenschaft, Dolmetscher und
Vermittler der Völker zusein, mitzuhelfen vermögen. - Beiläufig: das
ganze Problem der Juden ist nur innerhalb der nationalen Staaten
vorhanden, insofern hier überall ihre Thatkräftigkeit und höhere
Intelligenz, ihr in langer Leidensschule von Geschlecht zu Geschlecht
angehäuftes Geist- und Willens-Capital, in einem neid- und
hasserweckenden Maasse zum Uebergewicht kommen muss, so dass die
litterarische Unart fast in allen jetzigen Nationen überhand nimmt -
und zwar je mehr diese sich wieder national gebärden -, die Juden als
Sündenböcke aller möglichen öffentlichen und inneren Uebelstände zur
Schlachtbank zu führen. Sobald es sich nicht mehr um Conservirung
von Nationen, sondern um die Erzeugung einer möglichst kräftigen
europäischen Mischrasse handelt, ist der Jude als Ingredienz ebenso
brauchbar und erwünscht, als irgend ein anderer nationaler Rest.
Unangenehme, ja gefährliche Eigenschaften hat jede Nation, jeder
Mensch; es ist grausam, zu verlangen, dass der Jude eine Ausnahme
machen soll. Jene Eigenschaften mögen sogar bei ihm in besonderem
Maasse gefährlich und abschreckend sein; und vielleicht ist
der jugendliche Börsen-Jude die widerlichste Erfindung des
Menschengeschlechtes überhaupt. Trotzdem möchte ich wissen, wie viel
man bei einer Gesammtabrechnung einem Volke nachsehen muss, welches,
nicht ohne unser Aller Schuld, die leidvollste Geschichte unter allen
Völkern gehabt hat und dem man den edelsten Menschen (Christus), den
reinsten Weisen (Spinoza), das mächtigste Buch und das wirkungsvollste
Sittengesetz der Welt verdankt. Ueberdiess: in den dunkelsten Zeiten
des Mittelalters, als sich die asiatische Wolkenschicht schwer
über Europa gelagert hatte, waren es jüdische Freidenker, Gelehrte
und Aerzte, welche das Banner der Aufklärung und der geistigen
Unabhängigkeit unter dem härtesten persönlichen Zwange festhielten und
Europa gegen Asien vertheidigten; ihren Bemühungen ist es nicht am
wenigsten zu danken, dass eine natürlichere, vernunftgemässere und
jedenfalls unmythische Erklärung der Welt endlich wieder zum Siege
kommen konnte und dass der Ring der Cultur, welcher uns jetzt mit
der Aufklärung des griechisch-römischen Alterthums zusammenknüpft,
unzerbrochen blieb. Wenn das Christenthum Alles gethan hat, um den
Occident zu orientalisiren, so hat das judenthum wesentlich mit
dabei geholfen, ihn immer wieder zu occidentalisiren: was in einem
bestimmten Sinne so viel heisst als Europa's Aufgabe und Geschichte zu
einer Fortsetzung der griechischen zumachen.
476.
Scheinbare Ueberlegenheit des Mittelalters. - Das Mittelalter zeigt
in der Kirche ein Institut mit einem ganz universalen, die gesammte
Menschheit in sich begreifenden Ziele, noch dazu einem solchen,
welches den - vermeintlich - höchsten Interessen derselben galt:
dagegen gesehen, machen die Ziele der Staaten und Nationen, welche die
neuere Geschichte zeigt, einen beklemmenden Eindruck; sie erscheinen
kleinlich, niedrig, materiell, räumlich beschränkt. Aber dieser
verschiedene Eindruck auf die Phantasie soll unser Urtheil ja nicht
bestimmen; denn jenes universale Institut entsprach erkünstelten,
auf Fictionen beruhenden Bedürfnissen, welche es, wo sie noch nicht
vorhanden waren, erst erzeugen musste (Bedürfniss der Erlösung); die
neuen Institute helfen wirklichen Nothzuständen ab; und die Zeit
kommt, wo Institute entstehen, um den gemeinsamen wahren Bedürfnissen
aller Menschen zu dienen und das phantastische Urbild, die katholische
Kirche, in Schatten und Vergessenheit zu stellen.
477.
Der Krieg unentbehrlich. - Es ist eitel Schwärmerei und
Schönseelenthum, von der Menschheit noch viel (oder gar: erst
recht viel) zu erwarten, wenn sie verlernt hat, Kriege zu führen.
Einstweilen kennen wir keine anderen Mittel, wodurch mattwerdenden
Völkern jene rauhe Energie des Feldlagers, jener tiefe unpersönliche
Hass, jene Mörder-Kaltblütigkeit mit gutem Gewissen, jene gemeinsame
organisirende Gluth in der Vernichtung des Feindes, jene stolze
Gleichgültigkeit gegen grosse Verluste, gegen das eigene Dasein und
das der Befreundeten, jenes dumpfe erdbebenhafte Erschüttern der Seele
ebenso stark und sicher mitgetheilt werden könnte, wie diess jeder
grosse Krieg thut: von den hier hervorbrechenden Bächen und Strömen,
welche freilich Steine und Unrath aller Art mit sich wälzen und
die Wiesen zarter Culturen zu Grunde richten, werden nachher unter
günstigen Umständen die Räderwerke in den Werkstätten des Geistes mit
neuer Kraft umgedreht. Die Cultur kann die Leidenschaften, Laster und
Bosheiten durchaus nicht entbehren. - Als die kaiserlich gewordenen
Römer der Kriege etwas müde wurden, versuchten sie aus Thierhetzen,
Gladiatorenkämpfen und Christenverfolgungen sich neue Kraft zu
gewinnen. Die jetzigen Engländer, welche im Ganzen auch dem Kriege
abgesagt zu haben scheinen, ergreifen ein anderes Mittel, um
jene entschwindenden Kräfte neu zu erzeugen: jene gefährlichen
Entdeckungsreisen, Durchschiffungen, Erkletterungen, zu
wissenschaftlichen Zwecken, wie es heisst, unternommen, in Wahrheit,
um überschüssige Kraft aus Abenteuern und Gefahren aller Art mit nach
Hause zu bringen. Man wird noch vielerlei solche Surrogate des Krieges
ausfindig machen, aber vielleicht durch sie immer mehr einsehen, dass
eine solche hoch cultivirte und daher nothwendig matte Menschheit, wie
die der jetzigen Europäer, nicht nur der Kriege, sondern der grössten
und furchtbarsten Kriege - also zeitweiliger Rückfälle in die Barbarei
- bedarf, um nicht an den Mitteln der Cultur ihre Cultur und ihr
Dasein selber einzubüssen.
478.
Fleiss im Süden und Norden. - Der Fleiss entsteht auf zwei ganz
verschiedene Arten. Die Handwerker im Süden werden fleissig, nicht aus
Erwerbstrieb, sondern aus der beständigen Bedürftigkeit der Anderen.
Weil immer Einer kommt, der ein Pferd beschlagen, einen Wagen
ausbessern lassen will, so ist der Schmied fleissig. Käme Niemand, so
würde er auf dem Markte herumlungern. Sich zu ernähren, das hat in
einem fruchtbaren Lande wenig Noth, dazu brauchte er nur ein sehr
geringes Maass von Arbeit, jedenfalls keinen Fleiss; schliesslich
würde er betteln und zufrieden sein. - Der Fleiss englischer Arbeiter
hat dagegen den Erwerbssinn hinter sich: er ist sich seiner selbst und
seiner Ziele bewusst und will mit dem Besitz die Macht, mit der Macht
die grösstmögliche Freiheit und individuelle Vornehmheit.
479.
Reichthum als Ursprung eines Geblütsadels. - Der Reichthum erzeugt
nothwendig eine Aristokratie der Rasse, denn er gestattet die
schönsten Weiber zu wählen, die besten Lehrer zu besolden, er gönnt
dem Menschen Reinlichkeit, Zeit zu körperlichen Uebungen und vor Allem
Abwendung von verdumpfender körperlicher Arbeit. Soweit verschafft er
alle Bedingungen, um, in einigen Generationen, die Menschen vornehm
und schön sich bewegen, ja selbst handeln zu machen: die grössere
Freiheit des Gemüthes, die Abwesenheit des Erbärmlich-Kleinen, der
Erniedrigung vor Brodgebern, der Pfennig-Sparsamkeit. - Gerade diese
negativen Eigenschaften sind das reichste Angebinde des Glückes für
einen jungen Menschen; ein ganz Armer richtet sich gewöhnlich durch
Vornehmheit der Gesinnung zu Grunde, er kommt nicht vorwärts und
erwirbt Nichts, seine Rasse ist nicht lebensfähig. - Dabei ist aber zu
bedenken, dass der Reichthum fast die gleichen Wirkungen ausübt, wenn
Einer dreihundert Thaler oder dreissigtausend jährlich verbrauchen
darf: es giebt nachher keine wesentliche Progression der
begünstigenden Umstände mehr. Aber weniger zu haben, als Knabe zu
betteln und sich zu erniedrigen, ist furchtbar: obwohl für Solche,
welche ihr Glück im Glanze der Höfe, in der Unterordnung unter
Mächtige und Einflussreiche suchen oder welche Kirchenhäupter werden
wollen, es der rechte Ausgangspunct sein mag. (- Es lehrt, gebückt
sich in die Höhlengänge der Gunst einzuschleichen.)
480.
Neid und Trägheit in verschiedener Richtung. - Die beiden gegnerischen
Parteien, die socialistische und die nationale - oder wie die Namen
in den verschiedenen Ländern Europa's lauten mögen - sind einander
würdig: Neid und Faulheit sind die bewegenden Mächte in ihnen beiden.
In jenem Heerlager will man so wenig als möglich mit den Händen
arbeiten, in diesem so wenig als möglich mit dem Kopf; in letzterem
hasst und neidet man die hervorragenden, aus sich wachsenden
Einzelnen, welche sich nicht gutwillig in Reih und Glied zum Zwecke
einer Massenwirkung stellen lassen; in ersterem die bessere,
äusserlich günstiger gestellte Kaste der Gesellschaft, deren
eigentliche Aufgabe, die Erzeugung der höchsten Culturgüter, das Leben
innerlich um so viel schwerer und schmerzensreicher macht. Gelingt es
freilich, jenen Geist der Massenwirkung zum Geiste der höheren Classen
der Gesellschaft zu machen, so sind die socialistischen Schaaren
ganz im Rechte, wenn sie auch äusserlich zwischen sich und jenen zu
nivelliren suchen, da sie ja innerlich, in Kopf und Herz, schon mit
einander nivellirt sind. - Lebt als höhere Menschen und thut immerfort
die Thaten der höheren Cultur, - so gesteht euch Alles, was da lebt,
euer Recht zu, und die Ordnung der Gesellschaft, deren Spitze ihr
seid, ist gegen jeden bösen Blick und Griff gefeit!
481.
Grosse Politik und ihre Einbussen. - Ebenso wie ein Volk die grössten
Einbussen, welche Krieg und Kriegsbereitschaft mit sich bringen, nicht
durch die Unkosten des Krieges, die Stauungen im Handel und Wandel
erleidet, ebenso nicht durch die Unterhaltung der stehenden Heere - so
gross diese Einbussen auch jetzt sein mögen, wo acht Staaten Europa's
jährlich die Summe von zwei bis drei Milliarden darauf verwenden -,
sondern dadurch, dass Jahr aus Jahr ein die tüchtigsten, kräftigsten,
arbeitsamsten Männer in ausserordentlicher Anzahl ihren eigentlichen
Beschäftigungen und Berufen entzogen werden, um Soldaten zu sein:
ebenso erleidet ein Volk, welches sich anschickt, grosse Politik zu
treiben und unter den mächtigsten Staaten sich eine entscheidende
Stimme zu sichern, seine grössten Einbussen nicht darin, worin man
sie gewöhnlich findet. Es ist wahr, dass es von diesem Zeitpuncte ab
fortwährend eine Menge der hervorragendsten Talente auf dem "Altar
des Vaterlandes" oder der nationalen Ehrsucht opfert, während früher
diesen Talenten, welche jetzt die Politik verschlingt, andere
Wirkungskreise offen standen. Aber abseits von diesen öffentlichen
Hekatomben, und im Grunde viel grauenhafter als diese, begiebt
sich ein Schauspiel, welches fortwährend in hunderttausend Acten
gleichzeitig sich abspielt: jeder tüchtige, arbeitsame, geistvolle,
strebende Mensch eines solchen nach politischen Ruhmeskränzen
lüsternen Volkes wird von dieser Lüsternheit beherrscht und gehört
seiner eigenen Sache nicht mehr, wie früher, völlig an: die täglich
neuen Fragen und Sorgen des öffentlichen Wohles verschlingen eine
tägliche Abgabe von dem Kopf- und Herz-Capitale jedes Bürgers:
die Summe all dieser Opfer und Einbussen an individueller Energie
und Arbeit ist so ungeheuer, dass das politische Aufblühen eines
Volkes eine geistige Verarmung und Ermattung, eine geringere
Leistungsfähigkeit zu Werken, welche grosse Concentration und
Einseitigkeit verlangen, fast mit Nothwendigkeit nach sich zieht.
Zuletzt darf man fragen: lohnt sich denn all diese Blüthe und Pracht
des Ganzen (welche ja doch nur als Furcht der anderen Staaten vor
dem neuen Coloss und als dem Auslande abgerungene Begünstigung der
nationalen Handels- und Verkehrs-Wohlfahrt zu Tage tritt), wenn
dieser groben und buntschillernden Blume der Nation alle die edleren,
zarteren, geistigeren Pflanzen und Gewächse, an welchen ihr Boden
bisher so reich war, zum Opfer gebracht werden müssen?
482.
Und nochmals gesagt. - Oeffentliche Meinungen - private Faulheiten.
Neuntes Hauptstück.
Der Mensch mit sich allein.
483.
Feinde der Wahrheit. - Ueberzeugungen sind gefährlichere Feinde der
Wahrheit, als Lügen.
484.
Verkehrte Welt. - Man kritisirt einen Denker schärfer, wenn er einen
uns unangenehmen Satz hinstellt; und doch wäre es vemünftiger, diess
zu thun, wenn sein Satz uns angenehm ist.
485.
Charaktervoll. - Charaktervoll erscheint ein Mensch weit häufiger,
weil er immer seinem Temperamente, als weil er immer seinen Principien
folgt.
486.
Das Eine, was Noth thut. - Eins muss man haben: entweder einen von
Natur leichten Sinn oder einen durch Kunst und Wissen erleichterten
Sinn.
487.
Die Leidenschaft für Sachen. - Wer seine Leidenschaft auf Sachen
(Wissenschaften, Staatswohl, Culturinteressen, Künste) richtet,
entzieht seiner Leidenschaft für Personen viel Feuer (selbst wenn sie
Vertreter jener Sachen sind, wie Staatsmänner, Philosophen, Künstler
Vertreter ihrer Schöpfungen sind).
488.
Die Ruhe in der That. - Wie ein Wasserfall im Sturz langsamer und
schwebender wird, so pflegt der grosse Mensch der That mit mehr Ruhe
zu handeln, als seine stürmische Begierde vor der That es erwarten
liess.
489.
Nicht zu tief. - Personen, welche eine Sache in aller Tiefe erfassen,
bleiben ihr selten auf immer treu. Sie haben eben die Tiefe an's Licht
gebracht: da giebt es immer viel Schlimmes zu sehen.
490.
Wahn der Idealisten. - Alle Idealisten bilden sich ein, die Sachen,
welchen sie dienen, seien wesentlich besser, als die anderen Sachen
in der Welt, und wollen nicht glauben, dass wenn ihre Sache überhaupt
gedeihen soll, sie genau des selben übel riechenden Düngers bedarf,
welchen alle anderen menschlichen Unternehmungen nöthig haben.
491.
Selbstbeobachtung. - Der Mensch ist gegen sich selbst, gegen
Auskundschaftung und Belagerung durch sich selber, sehr gut
vertheidigt, er vermag gewöhnlich nicht mehr von sich, als
seine Aussenwerke wahrzunehmen. Die eigentliche Festung ist ihm
unzugänglich, selbst unsichtbar, es sei denn, dass Freunde und Feinde
die Verräther machen und ihn selber auf geheimem Wege hineinführen.
492.
Der richtige Beruf. - Männer halten selten einen Beruf aus, von dem
sie nicht glauben oder sich einreden, er sei im Grunde wichtiger, als
alle anderen. Ebenso geht es Frauen mit ihren Liebhabern.
493.
Adel der Gesinnung. - Der Adel der Gesinnung besteht zu einem grossen
Teil aus Gutmüthigkeit und Mangel an Misstrauen, und enthält also
gerade Das, worüber sich die gewinnsüchtigen und erfolgreichen
Menschen so gerne mit Ueberlegenheit und Spott ergehen.
494.
Ziel und Wege. - Viele sind hartnäckig in Bezug auf den einmal
eingeschlagenen Weg, Wenige in Bezug auf das Ziel.
495.
Das Empörende an einer individuellen Lebensart. - Alle sehr
individuellen Maassregeln des Lebens bringen die Menschen gegen Den,
der sie ergreift, auf; sie fühlen sich durch die aussergewöhnliche
Behandlung, welche jener sich angedeihen lässt, erniedrigt, als
gewöhnliche Wesen.
496.
Vorrecht der Grösse. - Es ist das Vorrecht der Grösse, mit geringen
Gaben hoch zu beglücken.
497.
Unwillkürlich vornehm. - Der Mensch beträgt sich unwillkürlich
vornehm, wenn er sich gewöhnt hat, von den Menschen Nichts zu wollen
und ihnen immer zu geben.
498.
Bedingung des Heroenthums. - Wenn Einer zum Helden werden will, so
muss die Schlange vorher zum Drachen geworden sein, sonst fehlt ihm
sein rechter Feind.
499.
Freund. - Mit Freude, nicht Mitleiden, macht den Freund.
500.
Ebbe und Fluth zu benutzen. - Man muss zum Zwecke der Erkenntniss jene
innere Strömung zu benutzen wissen, welche uns zu einer Sache hinzieht
und wiederum jene, welche uns nach einer Zeit von der Sache fortzieht.
501.
Freude an sich.- "Freude an der Sache" so sagt man: aber in Wahrheit,
ist es Freude an sich vermittelst einer Sache.
502.
Der Bescheidene. - Wer gegen Personen bescheiden ist, zeigt gegen
Sachen (Stadt, Staat, Gesellschaft, Zeit, Menschheit) um so stärker
seine Anmaassung. Das ist seine Rache.
503.
Neid und Eifersucht. - Neid und Eifersucht sind die Schamtheile der
menschlichen Seele. Die Vergleichung kann vielleicht fortgesetzt
werden.
504.
Der vornehmste Heuchler. - Gar nicht von sich zu reden, ist eine sehr
vornehme Heuchelei.
505.
Verdruss. - Der Verdruss ist eine körperliche Krankheit, welche
keineswegs dadurch schon gehoben ist, dass die Veranlassung zum
Verdruss hinterdrein beseitigt wird.
506.
Vertreter der Wahrheit. - Nicht wenn es gefährlich ist, die Wahrheit
zu sagen, findet sie am seltensten Vertreter, sondern wenn es
langweilig ist.
507.
Beschwerlicher noch, als Feinde. - Die Personen, von deren
sympathischem Verhalten wir nicht unter allen Umständen überzeugt
sind, während uns irgend ein Grund (z.B. Dankbarkeit) verpflichtet,
den Anschein der unbedingten Sympathie unsererseits aufrecht zu
erhalten, quälen unsere Phantasie viel mehr, als unsere Feinde.
508.
Die freie Natur. - Wir sind so gern in der freien Natur, weil diese
keine Meinung über uns hat.
509.
Jeder in Einer Sache überlegen. - In civilisirten Verhältnissen fühlt
sich Jeder jedem Anderen in Einer Sache wenigstens überlegen: darauf
beruht das allgemeine Wohlwollen, insofern Jeder einer ist, der unter
Umständen helfen kann und desshalb sich ohne Scham helfen lassen darf.
510.
Trostgründe. - Bei einem Todesfall braucht man zumeist Trostgründe,
nicht sowohl um die Gewalt des Schmerzes zu lindern, als um zu
entschuldigen, dass man sich so leicht getröstet fühlt.
511.
Die Ueberzeugungstreuen. - Wer viel zu thun hat, behält seine
allgemeinen Ansichten und Standpuncte fast unverändert bei. Ebenso
jeder, der im Dienst einer Idee arbeitet: er wird die Idee selber
nie mehr prüfen, dazu hat er keine Zeit mehr; ja es geht gegen sein
Interesse, sie überhaupt noch für discutirbar zu halten.
512.
Moralität und Quantität. - Die höhere Moralität des einen Menschen, im
Vergleich zu der eines anderen, liegt oft nur darin, dass die Ziele
quantitativ grösser sind. Jenen zieht die Beschäftigung mit dem
Kleinen, im engen Kreise, nieder.
513.
Das Leben als Ertrag des Lebens. - Der Mensch mag sich noch so weit
mit seiner Erkenntniss ausrecken, sich selber noch so objectiv
vorkommen: zuletzt trägt er doch Nichts davon, als seine eigene
Biographie.
514.
Die eherne Nothwendigkeit. - Die eherne Nothwendigkeit ist ein Ding,
von dem die Menschen im Verlauf der Geschichte einsehen, dass es weder
ehern noch nothwendig ist.
515.
Aus der Erfahrung. - Die Unvernunft einer Sache ist kein Grund gegen
ihr Dasein, vielmehr eine Bedingung desselben.
516.
Wahrheit. - Niemand stirbt jetzt an tödtlichen Wahrheiten: es giebt zu
viele Gegengifte.
517.
Grundeinsicht. - Es giebt keine prästabilirte Harmonie zwischen der
Förderung der Wahrheit und dem Wohle der Menschheit.
518.
Menschenloos. - Wer tiefer denkt, weiss, dass er immer Unrecht hat, er
mag handeln und urtheilen, wie er will.
519.
Wahrheit als Circe. - Der Irrthum hat aus Thieren Menschen gemacht;
sollte die Wahrheit im Stande sein, aus dem Menschen wieder ein Thier
zu machen?
520.
Gefahr unserer Cultur. - Wir gehören einer Zeit an, deren Cultur in
Gefahr ist, an den Mitteln der Cultur zu Grunde zu gehen.
521.
Grösse heisst: Richtung-geben. - Kein Strom ist durch sich selber
gross und reich: sondern dass er so viele Nebenflüsse aufnimmt und
fortführt, das macht ihn dazu. So steht es auch mit allen Grössen des
Geistes. Nur darauf kommt es an, dass Einer die Richtung angiebt,
welcher dann so viele Zuflüsse folgen müssen; nicht darauf, ob er von
Anbeginn arm oder reich begabt ist.
522.
Schwaches Gewissen. - Menschen, welche von ihrer Bedeutung für
die Menschheit sprechen, haben in Bezug auf gemeine bürgerliche
Rechtlichkeit im Halten von Verträgen, Versprechungen, ein schwaches
Gewissen.
523.
Geliebt sein wollen. - Die Forderung, geliebt zu werden, ist die
grösste der Anmaassungen.
524.
Menschenverachtung. - Das unzweideutigste Anzeichen von einer
Geringschätzung der Menschen ist diess, dass man Jedermann nur als
Mittel zu seinem Zwecke oder gar nicht gelten lässt.
525.
Anhänger aus Widerspruch. - Wer die Menschen zur Raserei gegen sich
gebracht hat, hat sich immer auch eine Partei zu seinen Gunsten
erworben.
526.
Erlebnisse vergessen. - Wer viel denkt, und zwar sachlich denkt,
vergisst leicht seine eigenen Erlebnisse, aber nicht so die Gedanken,
welche durch jene hervorgerufen wurden.
527.
Festhalten einer Meinung. - Der Eine hält eine Meinung fest, weil er
sich Etwas darauf einbildet, von selbst auf sie gekommen zu sein, der
Andere, weil er sie mit Mühe gelernt hat und stolz darauf ist, sie
begriffen zu haben: Beide also aus Eitelkeit.
528.
Das Licht scheuen. - Die gute That scheut ebenso ängstlich das Licht,
als die böse That: diese fürchtet, durch das Bekanntwerden komme der
Schmerz (als Strafe), jene fürchtet, durch das Bekanntwerden schwinde
die Lust (jene reine Lust an sich selbst nämlich, welche sofort
aufhört, sobald eine Befriedigung der Eitelkeit hinzutritt).
529.
Die Länge des Tages. - Wenn man viel hineinzustecken hat, so hat ein
Tag hundert Taschen.
530.
Tyrannengenie. - Wenn in der Seele eine unbezwingliche Lust dazu rege
ist, sich tyrannisch durchzusetzen, und das Feuer beständig unterhält,
so wird selbst eine geringe Begabung (bei Politikern, Künstlern)
allmählich zu einer fast unwiderstehlichen Naturgewalt.
531.
Das Leben des Feindes. - Wer davon lebt, einen Feind zu bekämpfen, hat
ein Interesse daran, dass er am Leben bleibt.
532.
Wichtiger. - Man nimmt die unerklärte dunkle Sache wichtiger, als die
erklärte helle.
533.
Abschätzung erwiesener Dienste. - Dienstleistungen, die uns jemand
erweist, schätzen wir nach dem Werthe, den Jener darauf legt, nicht
nach dem, welchen sie für uns haben.
534.
Unglück. - Die Auszeichnung, welche im Unglück liegt (als ob es ein
Zeichen von Flachheit, Anspruchslosigkeit, Gewöhnlichkeit sei, sich
glücklich zu fühlen), ist so gross, dass wenn Jemand Einem sagt: "Aber
wie glücklich Sie sind!" man gewöhnlich protestirt.
535.
Phantasie der Angst. - Die Phantasie der Angst ist jener böse äffische
Kobold, der dem Menschen gerade dann noch auf den Rücken springt, wenn
er schon am schwersten zu tragen hat.
536.
Werth abgeschmackter Gegner. - Man bleibt mitunter einer Sache nur
desshalb treu, weil ihre Gegner nicht aufhören, abgeschmackt zu sein.
537.
Werth eines Berufes. - Ein Beruf macht gedankenlos; darin liegt
sein grösster Segen. Denn er ist eine Schutzwehr, hinter welche
man sich, wenn Bedenken und Sorgen allgemeiner Art Einen anfallen,
erlaubtermaassen zurückziehen kann.
538.
Talent. - Das Talent manches Menschen erscheint geringer als es ist,
weil er sich immer zu grosse Aufgaben gestellt hat.
539.
Jugend. - Die Jugend ist unangenehm; denn in ihr ist es nicht möglich
oder nicht vernünftig, productiv zu sein, in irgend einem Sinne.
540.
Zugrosse Ziele. - Wer sich öffentlich grosse Ziele stellt und
hinterdrein im Geheimen einsieht, dass er dazu zu schwach ist, hat
gewöhnlich auch nicht Kraft genug, jene Ziele öffentlich zu widerrufen
und wird dann unvermeidlich zum Heuchler.
541.