Sclaven und Arbeiter. - Dass wir mehr Werth auf Befriedigung der

Eitelkeit, als auf alles übrige Wohlbefinden (Sicherheit, Unterkommen,

Vergnügen aller Art) legen, zeigt sich in einem lächerlichen Grade

daran, dass jedermann (abgesehen von politischen Gründen) die

Aufhebung der Sclaverei wünscht und es auf's Aergste verabscheut,

Menschen in diese Lage zu bringen: während jeder sich sagen muss,

dass die Sclaven in allen Beziehungen sicherer und glücklicher leben,

als der moderne Arbeiter, dass Sclavenarbeit sehr wenig Arbeit im

Verhältniss zu der des "Arbeiters" ist. Man protestirt im Namen

der "Menschenwürde": das ist aber, schlichter ausgedrückt, jene

liebe Eitelkeit, welche das Nicht-gleich-gestelltsein, das

Oeffentlich-niedriger-geschätzt-werden, als das härteste Loos

empfindet. - Der Cyniker denkt anders darüber, weil er die Ehre

verachtet: - und so war Diogenes eine Zeitlang Sclave und Hauslehrer.

458.

Leitende Geister und ihre Werkzeuge. - Wir sehen grosse Staatsmänner

und überhaupt alle Die, welche sich vieler Menschen zur Durchführung

ihrer Pläne bedienen müssen, bald so, bald so verfahren: entweder

wählen sie sehr fein und sorgsam die zu ihren Plänen passenden

Menschen aus und lassen ihnen dann verhältnissmässige grosse Freiheit,

weil sie wissen, dass die Natur dieser Ausgewählten sie eben dahin

treibt, wohin sie selber Jene haben wollen; oder sie wählen schlecht,

ja nehmen was ihnen unter die Hand kommt, formen aber aus jedem

Thone etwas für ihre Zwecke Taugliches. Diese letzte Art ist

die gewaltsamere, sie begehrt auch unterwürfigere Werkzeuge;

ihre Menschenkenntniss ist gewöhnlich viel geringer, ihre

Menschenverachtung grösser, als bei den erstgenannten Geistern, aber

die Maschine, welche sie construiren, arbeitet gemeinhin besser, als

die Maschine aus der Werkstätte jener.

459.

Willkürliches Recht nothwendig. - Die Juristen streiten, ob das

am vollständigsten durchgedachte Recht oder das am leichtesten

zu verstehende in einem Volke zum Siege kommen solle. Das erste,

dessen höchstes Muster das römische ist, erscheint dem Laien

als unverständlich und desshalb nicht als Ausdruck seiner

Rechtsempfindung. Die Volksrechte, wie zum Beispiel die germanischen,

waren grob, abergläubisch, unlogisch, zum Theil albern, aber

sie entsprachen ganz bestimmten vererbten heimischen Sitten und

Empfindungen. - Wo aber Recht nicht mehr, wie bei uns, Herkommen ist,

da kann es nur befohlen, Zwang sein; wir haben Alle kein herkömmliches

Rechtsgefühl mehr, desshalb müssen wir uns Willkürsrechte gefallen

lassen, die der Ausdruck der Nothwendigkeit sind, dass es ein Recht

geben müsse. Das logischste ist dann jedenfalls das annehmbarste, weil

es das unparteilichste ist: zugegeben selbst, dass in jedem Falle

die kleinste Maasseinheit im Verhältniss von Vergehen und Strafe

willkürlich angesetzt ist.

460.

Der grosse Mann der Masse. - Das Recept zu dem, was die Masse einen

grossen Mann nennt, ist leicht gegeben. Unter allen Umständen

verschaffe man ihr Etwas, das ihr sehr angenehm ist, oder setze ihr

erst in den Kopf, dass diess und jenes sehr angenehm wäre, und gebe

es ihr dann. Doch um keinen Preis sofort: sondern man erkämpfe es mit

grösster Anstrengung oder scheine es zu erkämpfen. Die Masse muss den

Eindruck haben, dass eine mächtige, ja unbezwingliche Willenskraft

da sei; mindestens muss sie da zu sein scheinen. Den starken Willen

bewundert jedermann, weil Niemand ihn hat und Jedermann sich sagt,

dass, wenn er ihn hätte, es für ihn und seinen Egoismus keine Gränze

mehr gäbe. Zeigt sich nun, dass ein solcher starker Wille etwas

der Masse sehr Angenehmes bewirkt, statt auf die Wünsche seiner

Begehrlichkeit zu hören, so bewundert man noch einmal und wünscht sich

selber Glück. Im Uebrigen habe er alle Eigenschaften der Masse: um so

weniger schämt sie sich vor ihm, um so mehr ist er populär. Also: er

sei gewaltthätig, neidisch, ausbeuterisch, intrigant, schmeichlerisch,

kriechend, aufgeblasen, je nach Umständen alles.

461.

Fürst und Gott. - Die Menschen verkehren mit ihren Fürsten vielfach in

ähnlicher Weise wie mit ihrem Gotte, wie ja vielfach auch der Fürst

der Repräsentant des Gottes, mindestens sein Oberpriester war. Diese

fast unheimliche Stimmung von Verehrung und Angst und Scham war und

ist viel schwächer geworden, aber mitunter lodert sie auf und heftet

sich an mächtige Personen, überhaupt. Der Cultus des Genius' ist ein

Nachklang dieser Götter-Fürsten-Verehrung. Ueberall, wo man sich

bestrebt, einzelne Menschen in das Uebermenschliche hinaufzuheben,

entsteht auch die Neigung, ganze Schichten des Volkes sich roher und

niedriger vorzustellen, als sie wirklich sind.

462.

Meine Utopie. - In einer besseren Ordnung der Gesellschaft wird die

schwere Arbeit und Noth des Lebens Dem zuzumessen sein, welcher am

wenigsten durch sie leidet, also dem Stumpfesten, und so schrittweise

aufwärts bis zu Dem, welcher für die höchsten sublimirtesten Gattungen

des Leidens am empfindlichsten ist und desshalb selbst noch bei der

grössten Erleichterung des Lebens leidet.

463.

Ein Wahn in der Lehre vom Umsturz. - Es giebt politische und sociale

Phantasten, welche feurig und beredt zu einem Umsturz aller Ordnungen

auffordern, in dem Glauben, dass dann sofort das stolzeste Tempelhaus

schönen Menschenthums gleichsam von selbst sich erheben werde. In

diesen gefährlichen Träumen klingt noch der Aberglaube Rousseau's

nach, welcher an eine wundergleiche, ursprüngliche, aber gleichsam

verschüttete Güte der menschlichen Natur glaubt und den Institutionen

der Cultur, in Gesellschaft, Staat, Erziehung, alle Schuld jener

Verschüttung beimisst. Leider weiss man aus historischen Erfahrungen,

dass jeder solche Umsturz die wildesten Energien als die längst

begrabenen Furchtbarkeiten und Maasslosigkeiten fernster Zeitalter

von Neuem zur Auferstehung bringt: dass also ein Umsturz wohl eine

Kraftquelle in einer mattgewordenen Menschheit sein kann, nimmermehr

aber ein Ordner, Baumeister, Künstler, Vollender der menschlichen

Natur. - Nicht Voltaire's maassvolle, dem Ordnen, Reinigen und Umbauen

zugeneigte Natur, sondern Rousseau's leidenschaftliche Thorheiten und

Halblügen haben den optimistischen Geist der Revolution wachgerufen,

gegen den ich rufe: "Ecrasez l'infame!" Durch ihn ist der Geist der

Aufklärung und der fortschreitenden Entwickelung auf lange verscheucht

worden - sehen wir zu - ein Jeder bei sich selber - ob es möglich ist,

ihn wieder zurückzurufen!

464.

Maass. - Die volle Entschiedenheit des Denkens und Forschens, also

die Freigeisterei, zur Eigenschaft des Charakters geworden, macht im

Handeln mässig: denn sie schwächt die Begehrlichkeit, zieht viel von

der vorhandenen Energie an sich, zur Förderung geistiger Zwecke, und

zeigt das Halbnützliche oder Unnütze und Gefährliche aller plötzlichen

Veränderungen.

465.

Auferstehung des Geistes. - Auf dem politischen Krankenbette verjüngt

ein Volk gewöhnlich sich selbst und findet seinen Geist wieder, den

es im Suchen und Behaupten der Macht allmählich verlor. Die Cultur

verdankt das Allerhöchste den politisch geschwächten Zeiten.

466.

Neue Meinungen im alten Hause. - Dem Umsturz der Meinungen folgt der

Umsturz der Institutionen nicht sofort nach, vielmehr wohnen die neuen

Meinungen lange Zeit im verödeten und unheimlich gewordenen Hause

ihrer Vorgängerinnen und conserviren es selbst, aus Wohnungsnoth.

467.

Schulwesen. - Das Schulwesen wird in grossen Staaten immer höchstens

mittelmässig sein, aus dem selben Grunde, aus dem in grossen Küchen

besten Falls mittelmässig gekocht wird.

468.

Unschuldige Corruption. - In allen Instituten, in welche nicht

die scharfe Luft der öffentlichen Kritik hineinweht, wächst eine

unschuldige Corruption auf, wie ein Pilz (also zum Beispiel in

gelehrten Körperschaften und Senaten).

469.

Gelehrte als Politiker. - Gelehrten, welche Politiker werden, wird

gewöhnlich die komische Rolle zugetheilt, das gute Gewissen einer

Politik sein zu müssen.

470.

Der Wolf hinter dem Schafe versteckt. - Fast jeder Politiker hat unter

gewissen Umständen einmal einen ehrlichen Mann so nöthig, dass er,

gleich einem heisshungrigen Wolfe, in einen Schafstall bricht: nicht

aber um dann den geraubten Widder zu fressen, sondern um sich hinter

seinen wolligen Rücken zu verstecken.

471.

Glückszeiten. - Ein glückliches Zeitalter ist desshalb gar nicht

möglich, weil die Menschen es nur wünschen wollen, aber nicht haben

wollen und jeder Einzelne, wenn ihm gute Tage kommen, förmlich um

Unruhe und Elend beten lernt. Das Schicksal der Menschen ist auf

glückliche Augenblicke eingerichtet - jedes Leben hat solche -,

aber nicht auf glückliche Zeiten. Trotzdem werden diese als "das

jenseits der Berge" in der Phantasie des Menschen bestehen bleiben,

als Erbstück der Urväter; denn man hat wohl den Begriff des

Glückszeitalters seit uralten Zeiten her jenem Zustande entnommen, in

dem der Mensch, nach gewaltiger Anstrengung durch Jagd und Krieg, sich

der Ruhe übergiebt, die Glieder streckt und die Fittige des Schlafes

um sich rauschen hört. Es ist ein falscher Schluss, wenn der Mensch

jener alten Gewöhnung gemäss sich vorstellt, dass er nun auch nach

ganzen Zeiträumen der Noth und Mühsal eines Zustandes des Glücks in

entsprechender Steigerung und Dauer theilhaftig werden könne.

472.

Religion und Regierung. - Solange der Staat oder, deutlicher, die

Regierung sich als Vormund zu Gunsten einer unmündigen Menge bestellt

weiss und um ihretwillen die Frage erwägt, ob die Religion zu erhalten

oder zu beseitigen sei: wird sie höchst wahrscheinlich sich immer für

die Erhaltung der Religion entscheiden. Denn die Religion befriedigt

das einzelne Gemüth in Zeiten des Verlustes, der Entbehrung, des

Schreckens, des Misstrauens, also da, wo die Regierung sich ausser

Stande fühlt, direct Etwas zur Linderung der seelischen Leiden des

Privatmannes zu thun: ja selbst bei allgemeinen, unvermeidlichen und

zunächst unabwendbaren Uebeln (Hungersnöthen, Geldkrisen, Kriegen)

gewährt die Religion eine beruhigte, abwartende, vertrauende Haltung

der Menge. Ueberall, wo die nothwendigen oder zufälligen Mängel der

Staatsregierung oder die gefährlichen Consequenzen dynastischer

Interessen dem Einsichtigen sich bemerklich machen und ihn

widerspänstig stimmen, werden die Nicht-Einsichtigen den Finger Gottes

zu sehen meinen und sich in Geduld den Anordnungen von Oben (in

welchem Begriff göttliche und menschliche Regierungsweise gewöhnlich

verschmelzen) unterwerfen: so wird der innere bürgerliche Frieden und

die Continuität der Entwickelung gewahrt. Die Macht, welche in der

Einheit der Volksempfindung, in gleichen Meinungen und Zielen für

Alle, liegt, wird durch die Religion beschützt und besiegelt,

jene seltenen Fälle abgerechnet, wo eine Priesterschaft mit der

Staatsgewalt sich über den Preis nicht einigen kann und in Kampf

tritt. Für gewöhnlich wird der Staat sich die Priester zu gewinnen

wissen, weil er ihrer allerprivatesten, verborgenen Erziehung der

Seelen benöthigt ist und Diener zu schätzen weiss, welche scheinbar

und äusserlich ein ganz anderes Interesse vertreten. Ohne Beihülfe

der Priester kann auch jetzt noch keine Macht "legitim" werden: wie

Napoleon begriff. - So gehen absolute vormundschaftliche Regierung und

sorgsame Erhaltung der Religion nothwendig mit einander. Dabei ist

vorauszusetzen, dass die regierenden Personen und Classen über den

Nutzen, welchen ihnen die Religion gewährt, aufgeklärt werden und

somit bis zu einem Grade sich ihr überlegen fühlen, insofern sie

dieselbe als Mittel gebrauchen: wesshalb hier die Freigeisterei ihren

Ursprung hat. - Wie aber, wenn jene ganz verschiedene Auffassung des

Begriffes der Regierung, wie sie in demokratischen Staaten gelehrt

wird, durchzudringen anfängt? Wenn man in ihr Nichts als das Werkzeug

des Volkswillen sieht, kein Oben im Vergleich zu einem Unten, sondern

lediglich eine Function des alleinigen Souverains, des Volkes? Hier

kann auch nur die selbe Stellung, welche das Volk zur Religion

einnimmt, von der Regierung eingenommen werden; jede Verbreitung von

Aufklärung wird bis in ihre Vertreter hineinklingen müssen, eine

Benutzung und Ausbeutung der religiösen Triebkräfte und Tröstungen zu

staatlichen Zwecken wird nicht so leicht möglich sein (es sei denn,

dass mächtige Parteiführer zeitweilig einen Einfluss üben, welcher

dem des aufgeklärten Despotismus ähnlich sieht). Wenn aber der Staat

keinen Nutzen mehr aus der Religion selber ziehen darf oder das Volk

viel zu mannichfach über religiöse Dinge denkt, als dass es der

Regierung ein gleichartiges, einheitliches Vorgehen bei religiösen

Maassregeln gestatten dürfte, - so wird nothwendig sich der Ausweg

zeigen, die Religion als Privatsache zu behandeln und dem Gewissen

und der Gewohnheit jedes Einzelnen zu überantworten. Die Folge ist zu

allererst diese, dass das religiöse Empfinden verstärkt erscheint,

insofern versteckte und unterdrückte Regungen desselben, welchen der

Staat unwillkürlich oder absichtlich keine Lebensluft gönnte, jetzt

hervorbrechen und bis in's Extreme ausschweifen; später erweist sich,

dass die Religion von Secten überwuchert wird und dass eine Fülle

von Drachenzähnen in dem Augenblicke gesät worden ist, als man die

Religion zur Privatsache machte. Der Anblick des Streites, die

feindselige Bloslegung aller Schwächen religiöser Bekenntnisse lässt

endlich keinen Ausweg mehr zu, als dass jeder Bessere und Begabtere

die Irreligiosität zu seiner Privatsache macht: als welche Gesinnung

nun auch in dem Geiste der regierenden Personen die Ueberhand

bekommt und, fast wider ihren Willen, ihren Maassregeln einen

religionsfeindlichen Charakter giebt. Sobald diess eintritt, wandelt

sich die Stimmung der noch religiös bewegten Menschen, welche früher

den Staat als etwas Halb- oder Ganzheiliges adorirten, in eine

entschieden staatsfeindliche um; sie lauern den Maassregeln der

Regierung auf, suchen zu hemmen, zu kreuzen, zu beunruhigen, so viel

sie können, und treiben dadurch die Gegenpartei, die irreligiöse,

durch die Hitze ihres Widerspruchs in eine fast fanatische

Begeisterung für den Staat hinein; wobei im Stillen noch mitwirkt,

dass in diesen Kreisen die Gemüther seit der Trennung von der Religion

eine Leere spüren und sich vorläufig durch die Hingebung an den Staat

einen Ersatz, eine Art von Ausfüllung zu schaffen suchen. Nach diesen,

vielleicht lange dauernden Uebergangskämpfen entscheidet es sich

endlich, ob die religiösen Parteien noch stark genug sind, um einen

alten Zustand heraufzubringen und das Rad zurückzudrehen: in welchem

Falle unvermeidlich der aufgeklärte Despotismus (vielleicht weniger

aufgeklärt und ängstlicher, als früher) den Staat in die Hände

bekommt, - oder ob die religionslosen Parteien sich durchsetzen und

die Fortpflanzung ihrer Gegnerschaft, einige Generationen hindurch,

etwa durch Schule und Erziehung, untergraben und endlich unmöglich

machen. Dann aber lässt auch bei ihnen jene Begeisterung für den

Staat nach: immer deutlicher tritt hervor, dass mit jener religiösen

Adoration, für welche er ein Mysterium, eine überweltliche Stiftung

ist, auch das ehrfürchtige und pietätvolle Verhältniss zu ihm

erschüttert ist. Fürderhin sehen die Einzelnen immer nur die Seite an

ihm, wo er ihnen nützlich oder schädlich werden kann, und drängen sich

mit allen Mitteln heran, um Einfluss auf ihn zu bekommen. Aber diese

Concurrenz wird bald zu gross, die Menschen und Parteien wechseln zu

schnell, stürzen sich gegenseitig zu wild vom Berge wieder herab,

nachdem sie kaum oben angelangt sind. Es fehlt allen Maassregeln,

welche von einer Regierung durchgesetzt werden, die Bürgschaft ihrer

Dauer; man scheut vor Unternehmungen zurück, welche auf Jahrzehnte,

Jahrhunderte hinaus ein stilles Wachsthum haben müssten, um reife

Früchte zu zeitigen. Niemand fühlt eine andere Verpflichtung gegen

ein Gesetz mehr, als die, sich augenblicklich der Gewalt, welche ein

Gesetz einbrachte, zu beugen: sofort geht man aber daran, es durch

eine neue Gewalt, eine neu zu bildende Majorität zu unterminiren.

Zuletzt - man kann es mit Sicherheit aussprechen - muss das Misstrauen

gegen alles Regierende, die Einsicht in das Nutzlose und Aufreibende

dieser kurzathmigen Kämpfe die Menschen zu einem ganz neuen

Entschlusse drängen: zur Abschaffung des Staatsbegriffs, zur Aufhebung

des Gegensatzes "privat und öffentlich". Die Privatgesellschaften

ziehen Schritt vor Schritt die Staatsgeschäfte in sich hinein:

selbst der zäheste Rest, welcher von der alten Arbeit des Regierens

übrigbleibt (jene Thätigkeit zum Beispiel welche die Privaten gegen

die Privaten sicher stellen soll), wird zu allerletzt einmal durch

Privatunternehmer besorgt werden. Die Missachtung, der Verfall und

der Tod des Staates, die Entfesselung der Privatperson (ich hüte mich

zu sagen: des Individuums) ist die Consequenz des demokratischen

Staatsbegriffes; hier liegt seine Mission. Hat er seine Aufgabe

erfüllt - die wie alles Menschliche viel Vernunft und Unvernunft im

Schoosse trägt -, sind alle Rückfälle der alten Krankheit überwunden,

so wird ein neues Blatt im Fabelbuche der Menschheit entrollt, auf dem

man allerlei seltsame Historien und vielleicht auch einiges Gute lesen

wird. - Um das Gesagte noch einmal kurz zu sagen: das Interesse der

vormundschaftlichen Regierung und das Interesse der Religion gehen mit

einander Hand in Hand, so dass, wenn letztere abzusterben beginnt,

auch die Grundlage des Staates erschüttert wird. Der Glaube an eine

göttliche Ordnung der politischen Dinge, an ein Mysterium in der

Existenz des Staates ist religiösen Ursprungs: schwindet die Religion,

so wird der Staat unvermeidlich seinen alten Isisschleier verlieren

und keine Ehrfurcht mehr erwecken. Die Souveränität des Volkes, in

der Nähe gesehen, dient dazu, auch den letzten Zauber und Aberglauben

auf dem Gebiete dieser Empfindungen zu verscheuchen; die moderne

Demokratie ist die historische Form vom Verfall des Staates. - Die

Aussicht, welche sich durch diesen sichern Verfall ergiebt, ist aber

nicht in jedem Betracht eine unglückselige: die Klugheit und der

Eigennutz der Menschen sind von allen ihren Eigenschaften am besten

ausgebildet; wenn den Anforderungen dieser Kräfte der Staat nicht mehr

entspricht, so wird am wenigsten das Chaos eintreten, sondern eine

noch zweckmässigere Erfindung, als der Staat es war, zum Siege

über den Staat kommen. Wie manche organisirende Gewalt hat

die Menschheit schon absterben sehen, - zum Beispiel die der

Geschlechtsgenossenschaft, als welche Jahrtausende lang viel mächtiger

war, als die Gewalt der Familie, ja längst, bevor diese bestand, schon

waltete und ordnete. Wir selber sehen den bedeutenden Rechts- und

Machtgedanken der Familie, welcher einmal, so weit wie römisches Wesen

reichte, die Herrschaft besass, immer blasser und ohnmächtiger werden.

So wird ein späteres Geschlecht auch den Staat in einzelnen Strecken

der Erde bedeutungslos werden sehen, - eine Vorstellung, an welche

viele Menschen der Gegenwart kaum ohne Angst und Abscheu denken

können. An der Verbreitung und Verwirklichung dieser Vorstellung zu

arbeiten, ist freilich ein ander Ding: man muss sehr anmaassend von

seiner Vernunft denken und die Geschichte kaum halb verstehen, um

schon jetzt die Hand an den Pflug zu legen, - während noch Niemand die

Samenkörner aufzeigen kann, welche auf das zerrissene Erdreich nachher

gestreut werden sollen. Vertrauen wir also "der Klugheit und dem

Eigennutz der Menschen", dass jetzt noch der Staat eine gute Weile

bestehen bleibt und zerstörerische Versuche übereifriger und

voreiliger Halbwisser abgewiesen werden!

473.

Der Socialismus in Hinsicht auf seine Mittel. - Der Socialismus ist

der phantastische jüngere Bruder des fast abgelebten Despotismus, den

er beerben will; seine Bestrebungen sind also im tiefsten Verstande

reactionär. Denn er begehrt eine Fülle der Staatsgewalt, wie sie nur

je der Despotismus gehabt hat, ja er überbietet alles Vergangene

dadurch, dass er die förmliche Vernichtung des Individuums anstrebt:

als welches ihm wie ein unberechtigter Luxus der Natur vorkommt und

durch ihn in ein zweckmässiges Organ des Gemeinwesens umgebessert

werden soll. Seiner Verwandtschaft wegen erscheint er immer in der

Nähe aller excessiven Machtentfaltungen, wie der alte typische

Socialist Plato am Hofe des sicilischen Tyrannen; er wünscht (und

befördert unter Umständen) den cäsarischen Gewaltstaat dieses

Jahrhunderts, weil er, wie gesagt, sein Erbe werden möchte. Aber

selbst diese Erbschaft würde für seine Zwecke nicht ausreichen, er

braucht die allerunterthänigste Niederwerfung aller Bürger vor dem

unbedingten Staate, wie niemals etwas Gleiches existirt hat; und da er

nicht einmal auf die alte religiöse Pietät für den Staat mehr rechnen

darf, vielmehr an deren Beseitigung unwillkürlich fortwährend arbeiten

muss - nämlich weil er an der Beseitigung aller bestehenden Staaten

arbeitet -, so kann er sich nur auf kurze Zeiten, durch den äussersten

Terrorismus, hie und da einmal auf Existenz Hoffnung machen. Desshalb

bereitet er sich im Stillen zu Schreckensherrschaften vor und treibt

den halb gebildeten Massen das Wort "Gerechtigkeit" wie einen Nagel in

den Kopf, um sie ihres Verstandes völlig zu berauben (nachdem dieser

Verstand schon durch die Halbbildung sehr gelitten hat) und ihnen

für das böse Spiel, das sie spielen sollen, ein gutes Gewissen zu

schaffen. - Der Socialismus kann dazu dienen, die Gefahr aller

Anhäufungen von Staatsgewalt recht brutal und eindringlich zu lehren

und insofern vor dem Staate selbst Misstrauen einzuflössen. Wenn seine

rauhe Stimme in das Feldgeschrei "so viel Staat wie möglich" einfällt,

so wird dieses zunächst dadurch lärmender, als je: aber bald dringt

auch das entgegengesetzte mit um so grösserer Kraft hervor: "so wenig

Staat wie möglich".

474.

Die Entwickelung des Geistes, vom Staate gefürchtet. - Die griechische

Polis war, wie jede organisirende politische Macht, ausschliessend

und misstrauisch gegen das Wachsthum der Bildung, ihr gewaltiger

Grundtrieb zeigte sich fast nur lähmend und hemmend für dieselbe. Sie

wollte keine Geschichte, kein Werden in der Bildung gelten lassen; die

in dem Staatsgesetz festgestellte Erziehung sollte alle Generationen

verpflichten und auf Einer Stufe festhalten. Nicht anders wollte es

später auch noch Plato für seinen idealen Staat. Trotz der Polis

entwickelte sich also die Bildung: indirect freilich und wider Willen

half sie mit, weil die Ehrsucht des Einzelnen in der Polis auf's

Höchste angereizt wurde, so dass er, einmal auf die Bahn geistiger

Ausbildung gerathen, auch in ihr bis in's letzte Extrem fortgieng.

Dagegen soll man sich nicht auf die Verherrlichungsrede des Perikles

berufen: denn sie ist nur ein grosses optimistisches Trugbild über den

angeblich nothwendigen Zusammenhang von Polis und athenischer Cultur;

Thukydides lässt sie, unmittelbar bevor die Nacht über Athen kommt

(die Pest und der Abbruch der Tradition), noch einmal wie eine

verklärende Abendröthe aufleuchten, bei der man den schlimmen Tag

vergessen soll, der ihr vorangieng.

475.

Menschliches, Allzumenschliches: Ein Buch Fuer Freie Geister · 第 20 / 24 段