ihren Männern, falls diese berühmt und gross sind, das Leben so sehr,
als dadurch dass sie gleichsam das Gefäss der allgemeinen Ungunst
und gelegentlichen Verstimmung der übrigen Menschen werden. Die
Zeitgenossen pflegen ihren grossen Männern viel Fehlgriffe und
Narrheiten, ja Handlungen grober Ungerechtigkeit nachzusehen, wenn
sie nur Jemanden finden, den sie als eigentliches Opferthier zur
Erleichterung ihres Gemüthes misshandeln und schlachten dürfen. Nicht
selten findet eine Frau den Ehrgeiz in sich, sich zu dieser Opferung
anzubieten, und dann kann freilich der Mann sehr zufrieden sein, -
falls er nämlich Egoist genug ist, um sich einen solchen freiwilligen
Blitz-, Sturm- und Regenableiter in seiner Nähe gefallen zu lassen.
431.
Angenehme Widersacher. - Die naturgemässe Neigung der Frauen zu
ruhigem, gleichmässigem, glücklich zusammenstimmendem Dasein und
Verkehren, das Oelgleiche und Beschwichtigende ihrer Wirkungen auf
dem Meere des Lebens, arbeitet unwillkürlich dem heroischeren inneren
Drange des Freigeistes entgegen. Ohne dass sie es merken, handeln die
Frauen so, als wenn man dem wandernden Mineralogen die Steine vom
Wege nimmt, damit sein Fuss nicht daran stosse, - während er gerade
ausgezogen ist, um daran zu stossen.
432.
Missklang zweier Consonanzen. - Die Frauen wollen dienen und haben
darin ihr Glück: und der Freigeist will nicht bedient sein und hat
darin sein Glück.
433.
Xanthippe. - Sokrates fand eine Frau, wie er sie brauchte, - aber auch
er hätte sie nicht gesucht, falls er sie gut genug gekannt hätte: so
weit wäre auch der Heroismus dieses freien Geistes nicht gegangen.
Thatsächlich trieb ihn Xanthippe in seinen eigenthümlichen Beruf immer
mehr hinein, indem sie ihm Haus und Heim unhäuslich und unheimlich
machte: sie lehrte ihn, auf den Gassen und überall dort zu leben,
wo man schwätzen und müssig sein konnte und bildete ihn damit zum
grössten athenischen Gassen-Dialektiker aus: der sich zuletzt selber
mit einer zudringlichen Bremse vergleichen musste, welche dem schönen
Pferde Athen von einem Gotte auf den Nacken gesetzt sei, um es nicht
zur Ruhe kommen zu lassen.
434.
Für die Ferne blind. - Ebenso wie die Mütter eigentlich nur Sinn und
Auge für die augen- und sinnfälligen Schmerzen ihrer Kinder haben, so
vermögen die Gattinnen hoch strebender Männer es nicht über sich zu
gewinnen, ihre Ehegenossen leidend, darbend und gar missachtet zu
sehen, - während vielleicht alles diess nicht nur die Wahrzeichen
einer richtigen Wahl ihrer Lebenshaltung, sondern schon die
Bürgschaften dafür sind, dass ihre grossen Ziele irgendwann einmal
erreicht werden müssen. Die Frauen intriguiren im Stillen immer gegen
die höhere Seele ihrer Männer; sie wollen dieselbe um ihre Zukunft, zu
Gunsten einer schmerzlosen, behaglichen Gegenwart, betrügen.
435.
Macht und Freiheit. - So hoch Frauen ihre Männer ehren, so ehren sie
doch die von der Gesellschaft anerkannten Gewalten und Vorstellungen
noch mehr: sie sind seit Jahrtausenden gewohnt, vor allem Herrschenden
gebückt, die Hände auf die Brust gefaltet, einherzugehen und
missbilligen alle Auflehnung gegen die öffentliche Macht. Desshalb
hängen sie sich, ohne es auch nur zu beabsichtigen, vielmehr wie
aus Instinct, als Hemmschuh in die Räder eines freigeisterischen
unabhängigen Strebens und machen unter Umständen ihre Gatten aufs
Höchste ungeduldig, zumal wenn diese sich noch vorreden, dass Liebe es
sei, was die Frauen im Grunde dabei antreibe. Die Mittel der Frauen
missbilligen und grossmüthig die Motive dieser Mittel ehren, - das ist
Männer-Art und oft genug Männer-Verzweiflung.
436.
Ceterum censeo. - Es ist zum Lachen, wenn eine Gesellschaft von
Habenichtsen die Abschaffung des Erbrechts decretirt, und nicht minder
zum Lachen ist es, wenn Kinderlose an der praktischen Gesetzgebung
eines Landes arbeiten: - sie haben ja nicht genug Schwergewicht in
ihrem Schiffe, um sicher in den Ocean der Zukunft hineinsegeln zu
können. Aber ebenso ungereimt erscheint es, wenn Der, welcher die
allgemeinste Erkenntniss und die Abschätzung des gesammten Daseins zu
seiner Aufgabe erkoren hat, sich mit persönlichen Rücksichten auf eine
Familie, auf Ernährung, Sicherung, Achtung von Weib und Kind, belastet
und vor sein Teleskop jenen trüben Schleier aufspannt, durch welchen
kaum einige Strahlen der fernen Gestirnwelt hindurchzudringen
vermögen. So komme auch ich zu dem Satze, dass in den Angelegenheiten
der höchsten philosophischen Art alle Verheiratheten verdächtig sind.
437.
Zuletzt. - Es giebt mancherlei Arten von Schierling, und gewöhnlich
findet das Schicksal eine Gelegenheit, dem Freigeiste einen Becher
dieses Giftgetränkes an die Lippen zu setzen, - um ihn zu "strafen",
wie dann alle Welt sagt. Was thun dann die Frauen um ihn? Sie werden
schreien und wehklagen und vielleicht die Sonnenuntergangs-Ruhe des
Denkers stören: wie sie es im Gefängniss von Athen thaten. "O Kriton,
heisse doch jemanden diese Weiber da fortführen!" sagte endlich
Sokrates. -
Achtes Hauptstück.
Ein Blick auf den Staat.
438.
Um das Wort bitten. - Der demagogische Charakter und die Absicht,
auf die Massen zu wirken, ist gegenwärtig allen politischen Parteien
gemeinsam: sie alle sind genöthigt, der genannten Absicht wegen, ihre
Principien zu grossen Alfresco-Dummheiten umzuwandeln und sie so
an die Wand zu malen. Daran ist Nichts mehr zu ändern, ja es ist
überflüssig, auch nur einen Finger dagegen aufzuheben; denn auf
diesem Gebiete gilt, was Voltaire sagt: quand la populace se mêle de
raisonner, tout est perdu. Seitdem diess geschehen ist, muss man sich
den neuen Bedingungen fügen, wie man sich fügt, wenn ein Erdbeben die
alten Gränzen und Umrisse der Bodengestalt verrückt und den Werth des
Besitzes verändert hat. Ueberdiess: wenn es sich nun einmal bei aller
Politik darum handelt, möglichst Vielen das Leben erträglich zu
machen, so mögen immerhin diese Möglichst-Vielen auch bestimmen, was
sie unter einem erträglichen Leben verstehen; trauen sie sich den
Intellect zu, auch die richtigen Mittel zu diesem Ziele zu finden,
was hülfe es, daran zu zweifeln? Sie wollen nun einmal ihres Glückes
und Unglückes eigene Schmiede sein; und wenn dieses Gefühl der
Selbstbestimmung, der Stolz auf die fünf, sechs Begriffe, welche ihr
Kopf birgt und zu Tage bringt, ihnen in der That das Leben so angenehm
macht, dass sie die fatalen Folgen ihrer Beschränktheit gern ertragen:
so ist wenig einzuwenden, vorausgesetzt, dass die Beschränktheit nicht
so weit geht, zu verlangen, es solle Alles in diesem Sinne zur Politik
werden, es solle jeder nach solchem Maassstabe leben und wirken.
Zuerst nämlich muss es Einigen mehr als je, erlaubt sein, sich der
Politik zu enthalten und ein Wenig bei Seite zu treten: dazu treibt
auch sie die Lust an der Selbstbestimmung, und auch ein kleiner Stolz
mag damit verbunden sein, zu schweigen, wenn zu Viele oder überhaupt
nur Viele reden. Sodann muss man es diesen Wenigen nachsehen, wenn
sie das Glück der Vielen, verstehe man nun darunter Völker oder
Bevölkerungsschichten, nicht so wichtig nehmen und sich hie und da
eine ironische Miene zu Schulden kommen lassen; denn ihr Ernst liegt
anderswo, ihr Glück ist ein anderer Begriff, ihr Ziel ist nicht von
jeder plumpen Hand, welche eben nur fünf Finger hat, zu umspannen.
Endlich kommt - was ihnen gewiss am schwersten zugestanden wird, aber
ebenfalls zugestanden werden muss - von Zeit zu Zeit ein Augenblick,
wo sie aus ihren schweigsamen Vereinsamungen heraustreten und die
Kraft ihrer Lungen wieder einmal versuchen: dann rufen sie nämlich
einander zu wie Verirrte in einem Walde, um sich einander zu erkennen
zu geben und zu ermuthigen; wobei freilich Mancherlei laut wird, was
den Ohren, für welche es nicht bestimmt ist, übel klingt. - Nun,
bald darauf ist es wieder stille im Walde, so stille, dass man das
Schwirren, Summen und Flattern der zahllosen Insecten, welche in, über
und unter ihm leben, wieder deutlich vernimmt. -
439.
Cultur und Kaste. - Eine höhere Cultur kann allein dort entstehen,
wo es zwei unterschiedene Kasten der Gesellschaft giebt: die der
Arbeitenden und die der Müssigen, zu wahrer Musse Befähigten; oder
mit stärkerem Ausdruck: die Kaste der Zwangs-Arbeit und die Kaste der
Frei-Arbeit. Der Gesichtspunct der Vertheilung des Glücks ist nicht
wesentlich, wenn es sich um die Erzeugung einer höheren Cultur
handelt; jedenfalls aber ist die Kaste der Müssigen die
leidensfähigere, leidendere, ihr Behagen am Dasein ist geringer, ihre
Aufgabe grösser. Findet nun gar ein Austausch der beiden Kasten statt,
so, dass die stumpferen, ungeistigeren Familien und Einzelnen aus
der oberen Kaste in die niedere herabgesetzt werden und wiederum die
freieren Menschen aus dieser den Zutritt zur höheren erlangen: so ist
ein Zustand erreicht, über den hinaus man nur noch das offene Meer
unbestimmter Wünsche sieht. - So redet die verklingende Stimme der
alten Zeit zu uns; aber wo sind noch Ohren, sie zu hören?
440.
Von Geblüt. - Das, was Männer und Frauen von Geblüt vor Anderen voraus
haben und was ihnen unzweifelhaftes Anrecht auf höhere Schätzung
giebt, sind zwei durch Vererbung immer mehr gesteigerte Künste: die
Kunst, befehlen zu können, und die Kunst des stolzen Gehorsams. - Nun
entsteht überall, wo das Befehlen zum Tagesgeschäft gehört (wie in
der grossen Kaufmanns- und Industrie-Welt), etwas Aehnliches wie jene
Geschlechter "von Geblüt", aber ihnen fehlt die vornehme Haltung im
Gehorsam, welche bei jenen eine Erbschaft feudaler Zustände ist und
die in unserem Cultur-Klima nicht mehr wachsen will.
441.
Subordination. - Die Subordination, welche im Militär- und
Beamtenstaate so hoch geschätzt wird, wird uns bald ebenso unglaublich
werden, wie die geschlossene Taktik der Jesuiten es bereits geworden
ist; und wenn diese Subordination nicht mehr möglich ist, lässt sich
eine Menge der erstaunlichsten Wirkungen nicht mehr erreichen, und
die Welt wird ärmer sein. Sie muss schwinden, denn ihr Fundament
schwindet: der Glaube an die unbedingte Autorität, an die endgültige
Wahrheit; selbst in Militärstaaten ist der physische Zwang nicht
ausreichend, sie hervorzubringen, sondern die angeerbte Adoration
vor dem Fürstlichen wie vor etwas Uebermenschlichem. - In freieren
Verhältnissen ordnet man sich nur auf Bedingungen unter, in Folge
gegenseitigen Vertrages, also mit allen Vorbehalten des Eigennutzes.
442.
Volksheere. - Der grösste Nachtheil der jetzt so verherrlichten
Volksheere besteht in der Vergeudung von Menschen der höchsten
Civilisation; nur durch die Gunst aller Verhältnisse giebt es deren
überhaupt, - wie sparsam und ängstlich sollte man mit ihnen umgehen,
da es grosser Zeiträume bedarf, um die zufälligen Bedingungen
zur Erzeugung so zart organisirter Gehirne zu schaffen! Aber wie
die Griechen in Griechenblut wütheten, so die Europäer jetzt
in Europäerblut: und zwar werden relativ am meisten immer die
Höchstgebildeten zum Opfer gebracht, Die, welche eine reichliche und
gute Nachkommenschaft verbürgen; Solche nämlich stehen im Kampfe
voran, als Befehlende, und setzen sich überdiess, ihres höheren
Ehrgeizes wegen, den Gefahren am meisten aus. - Der grobe
Römer-Patriotismus ist jetzt, wo ganz andere und höhere Aufgaben
gestellt sind, als patria und honor, entweder etwas Unehrliches oder
ein Zeichen der Zurückgebliebenheit.
443.
Hoffnung als Anmaassung. - Unsere gesellschaftliche Ordnung wird
langsam wegschmelzen, wie es alle früheren Ordnungen gethan haben,
sobald die Sonnen neuer Meinungen mit neuer Gluth über die Menschen
hinleuchteten. Wünschen kann man diess Wegschmelzen nur, indem man
hofft: und hoffen darf man vernünftigerweise nur, wenn man sich und
seinesgleichen mehr Kraft in Herz und Kopf zutraut, als den Vertretern
des Bestehenden. Gewöhnlich also wird diese Hoffnung eine Anmaassung,
eine Ueberschätzung sein.
444.
Krieg. - Zu Ungunsten des Krieges kann man sagen: er macht den Sieger
dumm, den Besiegten boshaft. Zu Gunsten des Krieges: er barbarisirt in
beiden eben genannten Wirkungen und macht dadurch natürlicher; er ist
für die Cultur Schlaf oder Winterszeit, der Mensch kommt kräftiger zum
Guten und Bösen aus ihm heraus.
445.
Im Dienste des Fürsten. - Ein Staatsmann wird, um völlig rücksichtslos
handeln zu können, am besten thun, nicht für sich, sondern für einen
Fürsten sein Werk auszuführen. Von dem Glanze dieser allgemeinen
Uneigennützigkeit wird das Auge des Beschauers geblendet, so dass er
jene Tücken und Härten, welche das Werk des Staatsmannes mit sich
bringt, nicht sieht.
446.
Eine Frage der Macht, nicht des Rechtes. - Für Menschen, welche bei
jeder Sache den höheren Nutzen in's Auge fassen, giebt es bei dem
Socialismus, falls er wirklich die Erhebung der Jahrtausende lang
Gedrückten, Niedergehaltenen gegen ihre Unterdrücker ist, kein Problem
des Rechtes (mit der lächerlichen, weichlichen Frage: "wie weit soll
man seinen Forderungen nachgeben?"), sondern nur ein Problem der Macht
("wie weit kann man seine Forderungen benutzen?"); also wie bei einer
Naturmacht, zum Beispiel dem Dampfe, welcher entweder von dem Menschen
in seine Dienste, als Maschinengott, gezwungen wird, oder, bei Fehlern
der Maschine, das heisst Fehlern der menschlichen Berechnung im Bau
derselben, sie und den Menschen mit zertrümmert. Um jene Machtfrage
zu lösen, muss man wissen, wie stark der Socialismus ist, in welcher
Modification er noch als mächtiger Hebel innerhalb des jetzigen
politischen Kräftespiels benutzt werden kann; unter Umständen müsste
man selbst Alles thun, ihn zu kräftigen. Die Menschheit muss bei jeder
grossen Kraft - und sei es die gefährlichste - daran denken, aus ihr
ein Werkzeug ihrer Absichten zu machen. - Ein Recht gewinnt sich
der Socialismus erst dann, wenn es zwischen den beiden Mächten, den
Vertretern des Alten und Neuen, zum Kriege gekommen zu sein scheint,
wenn aber dann das kluge Rechnen auf möglichste Erhaltung und
Zuträglichkeit auf Seiten beider Parteien das Verlangen nach einem
Vertrag entstehen lässt. Ohne Vertrag kein Recht. Bis jetzt giebt es
aber auf dem bezeichneten Gebiete weder Krieg, noch Verträge, also
auch keine Rechte, kein "Sollen".
447.
Benutzung der kleinsten Unredlichkeit. - Die Macht der Presse besteht
darin, dass jeder Einzelne, der ihr dient, sich nur ganz wenig
verpflichtet und verbunden fühlt. Er sagt für gewöhnlich seine
Meinung, aber sagt sie einmal auch nicht, um seiner Partei oder der
Politik seines Landes oder endlich sich selbst zu nützen. Solche
kleine Vergehen der Unredlichkeit oder vielleicht nur einer
unredlichen Verschwiegenheit sind von dem Einzelnen nicht schwer zu
tragen, doch sind die Folgen ausserordentlich, weil diese kleinen
Vergehen von Vielen zu gleicher Zeit begangen werden. Jeder von Diesen
sagt sich: "für so geringe Dienste lebe ich besser, kann ich mein
Auskommen finden; durch den Mangel solcher kleinen Rücksichten mache
ich mich unmöglich". Weil es beinahe sittlich gleichgültig erscheint,
eine Zeile, noch dazu vielleicht ohne Namensunterschrift, mehr zu
schreiben oder nicht zu schreiben, so kann Einer, der Geld und
Einfluss hat, jede Meinung zur öffentlichen machen. Wer da weiss, dass
die meisten Menschen in Kleinigkeiten schwach sind, und seine eigenen
Zwecke durch sie erreichen will, ist immer ein gefährlicher Mensch.
448.
Allzu lauter Ton bei Beschwerden. - Dadurch, dass ein Nothstand
(zum Beispiel die Gebrechen einer Verwaltung, Bestechlichkeit und
Gunstwillkür in politischen oder gelehrten Körperschaften) stark
übertrieben dargestellt wird, verliert zwar die Darstellung bei
den Einsichtigen ihre Wirkung, aber wirkt um so stärker auf die
Nichteinsichtigen (welche bei einer sorgsamen maassvollen Darlegung
gleichgültig geblieben wären). Da diese aber bedeutend in der Mehrzahl
sind und stärkere Willenskräfte, ungestümere Lust zum Handeln in sich
beherbergen, so wird jene Uebertreibung zum Anlass von Untersuchungen,
Bestrafungen, Versprechen, Reorganisationen. - Insofern ist es
nützlich, Nothstände übertrieben darzustellen.
449.
Die anscheinenden Wettermacher der Politik. - Wie das Volk bei Dem,
welcher sich auf das Wetter versteht und es um einen Tag voraussagt,
im Stillen annimmt, dass er das Wetter mache, so legen selbst
Gebildete und Gelehrte mit einem Aufwand von abergläubischem
Glauben grossen Staatsmännern alle die wichtigen Veränderungen und
Conjuncturen, welche während ihrer Regierung eintraten, als deren
eigenstes Werk bei, wenn es nur ersichtlich ist, dass jene Etwas davon
eher wussten, als Andere, und ihre Berechnung darnach machten: sie
werden also ebenfalls als Wettermacher genommen - und dieser Glaube
ist nicht das geringste Werkzeug ihrer Macht.
450.
Neuer und alter Begriff der Regierung. - Zwischen Regierung und
Volk so zu scheiden, als ob hier zwei getrennte Machtsphären, eine
stärkere, höhere mit einer schwächeren, niederen, verhandelten und
sich vereinbarten, ist ein Stück vererbter politischer Empfindung,
welches der historischen Feststellung der Machtverhältnisse in den in
eisten Staaten noch jetzt genau entspricht. Wenn zum Beispiel Bismarck
die constitutionelle Form als einen Compromiss zwischen Regierung
und Volk bezeichnet, so redet er gemäss einem Princip, welches seine
Vernunft- in der Geschichte hat (ebendaher freilich auch den Beisatz
von Unvernunft, ohne den nichts Menschliches existiren kann). Dagegen
soll man nun lernen - gemäss einem Princip, welches rein aus dem Kopfe
entsprungen ist und erst Geschichte machen soll -, dass Regierung
Nichts als ein Organ des Volkes sei, nicht ein vorsorgliches,
verehrungswürdiges "Oben" im Verhältniss zu einem an Bescheidenheit
gewöhnten "Unten". Bevor man diese bis jetzt unhistorische und
willkürliche, wenn auch logischere Aufstellung des Begriffs Regierung
annimmt, möge man doch ja die Folgen erwägen: denn das Verhältniss
zwischen Volk und Regierung ist das stärkste vorbildliche Verhältniss,
nach dessen Muster sich unwillkürlich der Verkehr zwischen Lehrer und
Schüler, Hausherrn und Dienerschaft, Vater und Familie, Heerführer und
Soldat, Meister und Lehrling bildet. Alle diese Verhältnisse gestalten
sich jetzt, unter dem Einflusse der herrschenden constitutionellen
Regierungsform, ein Wenig um - sie werden Compromisse. Aber wie müssen
sie sich verkehren und verschieben, Namen und Wesen wechseln, wenn
jener allerneueste Begriff überall sich der Köpfe bemeistert hat! -
wozu es aber wohl ein Jahrhundert noch brauchen dürfte. Hierbei ist
Nichts mehr zu wünschen, als Vorsicht und langsame Entwickelung.
451.
Gerechtigkeit als Parteien-Lockruf. - Wohl können edle (wenn auch
nicht gerade sehr einsichtsvolle) Vertreter der berrschenden Classe
sich geloben: "wir wollen die Menschen als gleich behandeln, ihnen
gleiche Rechte zugestehen"; insofern ist eine socialistische
Denkungsweise, welche auf Gerechtigkeit ruht, möglich, aber wie gesagt
nur innerhalb der herrschenden Classe, welche in diesem Falle die
Gerechtigkeit mit Opfern und Verleugnungen übt. Dagegen Gleichheit
der Rechte fordern, wie es die Socialisten der unterworfenen Kaste
thun, ist nimmermehr der Ausfluss der Gerechtigkeit, sondern der
Begehrlichkeit. - Wenn man der Bestie blutige Fleischstücke aus der
Nähe zeigt und wieder wegzieht, bis sie endlich brüllt: meint ihr,
dass diess Gebrüll Gerechtigkeit bedeute?
452.
Besitz und Gerechtigkeit. - Wenn die Socialisten nachweisen, dass die
Eigenthums-Vertheilung in der gegenwärtigen Menschheit die Consequenz
zahlloser Ungerechtigkeiten und Gewaltsamkeiten ist, und in summa die
Verpflichtung gegen etwas so unrecht Begründetes ablehnen: so sehen
sie nur etwas Einzelnes. Die ganze Vergangenheit der alten Cultur ist
auf Gewalt, Sclaverei, Betrug, Irrthum aufgebaut; wir können aber uns
selbst, die Erben aller dieser Zustände, ja die Concrescenzen aller
jener Vergangenheit, nicht wegdecretiren und dürfen nicht ein
einzelnes Stück herausziehen wollen. Die ungerechte Gesinnung steckt
in den Seelen der Nicht-Besitzenden auch, sie sind nicht besser als
die Besitzenden und haben kein moralisches Vorrecht, denn irgend
wann sind ihre Vorfahren Besitzende gewesen. Nicht gewaltsame neue
Vertheilungen, sondern allmähliche Umschaffungen des Sinnes thun noth,
die Gerechtigkeit muss in Allen grösser werden, der gewaltthätige
Instinct schwächer.
453.
Der Steuermann der Leidenschaften. - Der Staatsmann erzeugt
öffentliche Leidenschaften, um den Gewinn von der dadurch erweckten
Gegenleidenschaft zu haben. Um ein Beispiel zu nehmen: so weiss ein
deutscher Staatsmann wohl, dass die katholische Kirche niemals mit
Russland gleiche Pläne haben wird, ja sich viel lieber mit den Türken
verbünden würde, als mit ihm; ebenso weiss er, dass Deutschland alle
Gefahr von einem Bündnisse Frankreichs mit Russland droht. Kann er es
nun dazu bringen, Frankreich zum Herd und Hort der katholischen Kirche
zu machen, so hat er diese Gefahr auf eine lange Zeit beseitigt. Er
hat demnach ein Interesse daran, Hass gegen die Katholiken zu zeigen
und durch Feindseligkeiten aller Art die Bekenner der Autorität des
Papstes in eine leidenschaftliche politische Macht zu verwandeln,
welche der deutschen Politik feindlich ist und sich naturgemäss mit
Frankreich, als dem Widersacher Deutschlands, verschmelzen muss: sein
Ziel ist ebenso nothwendig die Katholisirung Frankreichs, als Mirabeau
in der Dekatholisirung das Heil seines Vaterlandes sah. - Der eine
Staat will also die Verdunkelung von Millionen Köpfen eines anderen
Staates, um seinen Vortheil aus dieser Verdunkelung zu ziehen. Es ist
diess die selbe Gesinnung, welche die republicanische Regierungsform
des nachbarlichen Staates - le désordre organisé, wie Mérimee sagt -
aus dem alleinigen Grunde unterstützt, weil sie von dieser annimmt,
dass sie das Volk schwächer, zerrissener und kriegsunfähiger mache.
454.
Die Gefährlichen unter den Umsturz-Geistern. - Man theile Die, welche
auf einen Umsturz der Gesellschaft bedacht sind, in Solche ein, welche
für sich selbst, und in Solche, welche für ihre Kinder und Enkel Etwas
erreichen wollen. Die Letzteren sind die Gefährlicheren; denn sie
haben den Glauben und das gute Gewissen der Uneigennützigkeit. Die
Anderen kann man abspeisen: dazu ist die herrschende Gesellschaft
immer noch reich und klug genug. Die Gefahr beginnt, sobald die Ziele
unpersönlich werden; die Revolutionäre aus unpersönlichem Interesse
dürfen alle Vertheidiger des Bestehenden als persönlich interessirt
ansehen und sich desshalb ihnen überlegen fühlen.
455.
Politischer Werth der Vaterschaft. - Wenn der Mensch keine Söhne hat,
so hat er kein volles Recht, über die Bedürfnisse eines einzelnen
Staatswesens mitzureden. Man muss selber mit den Anderen sein Liebstes
daran gewagt haben; das erst bindet an den Staat fest; man muss das
Glück seiner Nachkommen in's Auge fassen, also vor Allem Nachkommen
haben, um an allen Institutionen und deren Veränderung rechten,
natürlichen Antheil zu nehmen. Die Entwickelung der höhern Moral hängt
daran, dass Einer Söhne hat; diess stimmt ihn unegoistisch, oder
richtiger: es erweitert seinen Egoismus der Zeitdauer nach, und
lässt ihn Ziele über seine individuelle Lebenslänge hinaus mit Ernst
verfolgen.
456.
Ahnenstolz. - Auf eine ununterbrochene Reihe guter Ahnen bis zum Vater
herauf darf man mit Recht stolz sein, - nicht aber auf die Reihe;
denn diese hat jeder. Die Herkunft von guten Ahnen macht den ächten
Geburtsadel aus; eine einzige Unterbrechung in jener Kette, Ein
böser Vorfahr also hebt den Geburtsadel auf. Man soll jeden, welcher
von seinem Adel redet, fragen: hast du keinen gewaltthätigen,
habsüchtigen, ausschweifenden, boshaften, grausamen Menschen unter
deinen Vorfahren? Kann er darauf in gutem Wissen und Gewissen mit Nein
antworten, so bewerbe man sich um seine Freundschaft.
457.