Von den Freunden. - Ueberlege nur mit dir selber einmal, wie

verschieden die Empfindungen, wie getheilt die Meinungen selbst unter

den nächsten Bekannten sind; wie selbst gleiche Meinungen in den

Köpfen deiner Freunde eine ganz andere Stellung oder Stärke haben, als

in deinem; wie hundertfältig der Anlass kommt zum Missverstehen, zum

feindseligen Auseinanderfliehen. Nach alledem wirst du dir sagen:

wie unsicher ist der Boden, auf dem alle unsere Bündnisse und

Freundschaften ruhen, wie nahe sind kalte Regengüsse oder böse Wetter,

wie vereinsamt ist jeder Mensch! Sieht Einer diess ein und noch dazu,

dass alle Meinungen und deren Art und Stärke bei seinen Mitmenschen

ebenso nothwendig und unverantwortlich sind wie ihre Handlungen,

gewinnt er das Auge für diese innere Nothwendigkeit der Meinungen aus

der unlösbaren Verflechtung von Charakter, Beschäftigung, Talent,

Umgebung, - so wird er vielleicht die Bitterkeit und Schärfe jener

Empfindung los, mit der jener Weise rief: "Freunde, es giebt keine

Freunde!" Er wird sich vielmehr eingestehen: ja es giebt Freunde, aber

der Irrthum, die Täuschung über dich führte sie dir zu; und Schweigen

müssen sie gelernt haben, um dir Freund zu bleiben; denn fast immer

beruhen solche menschliche Beziehungen darauf, dass irgend ein paar

Dinge nie gesagt werden, ja dass an sie nie gerührt wird; kommen diese

Steinchen aber in's Rollen, so folgt die Freundschaft hinterdrein und

zerbricht. Giebt es Menschen, welche nicht tödtlich zu verletzen sind,

wenn sie erführen, was ihre vertrautesten Freunde im Grunde von ihnen

wissen? - Indem wir uns selbst erkennen und unser Wesen selber als

eine wandelnde Sphäre der Meinungen und Stimmungen ansehen und

somit ein Wenig geringschätzen lernen, bringen wir uns wieder in's

Gleichgewicht mit den Uebrigen. Es ist wahr, wir haben gute Gründe,

jeden unserer Bekannten, und seien es die grössten, gering zu achten;

aber eben so gute, diese Empfindung gegen uns selber zu kehren. -

Und so wollen wir es mit einander aushalten, da wir es ja mit uns

aushalten; und vielleicht kommt jedem auch einmal die freudigere

Stunde, wo er sagt:

"Freunde, es giebt keine Freunde!" so rief der sterbende Weise;

"Feinde, es giebt keinen Feind!" - ruf' ich, der lebende Thor.

Siebentes Hauptstück.

Weib und Kind.

377.

Das vollkommene Weib. - Das vollkommene Weib ist ein höherer Typus

des Menschen, als der vollkommene Mann: auch etwas viel Selteneres.

- Die Naturwissenschaft der Thiere bietet ein Mittel, diesen Satz

wahrscheinlich zu machen.

378.

Freundschaft und Ehe. - Der beste Freund wird wahrscheinlich die beste

Gattin bekommen, weil die gute Ehe auf dem Talent zur Freundschaft

beruht.

379.

Fortleben der Eltern. - Die unaufgelösten Dissonanzen im Verhältniss

von Charakter und Gesinnung der Eltern klingen in dem Wesen des Kindes

fort und machen seine innere Leidensgeschichte aus.

380.

Von der Mutter her. - Jedermann trägt ein Bild des Weibes von der

Mutter her in sich: davon wird er bestimmt, die Weiber überhaupt zu

verehren oder sie geringzuschätzen oder gegen sie im Allgemeinen

gleichgültig zu sein.

381.

Die Natur corrigiren. - Wenn man keinen guten Vater hat, so soll man

sich einen anschaffen.

382.

Väter und Söhne. - Väter haben viel zu thun, um es wieder gut zu

machen, dass sie Söhne haben.

383.

Irrthum vornehmer Frauen. - Die vornehmen Frauen denken, dass eine

Sache gar nicht da ist, wenn es nicht möglich ist, von ihr in der

Gesellschaft zu sprechen.

384.

Eine Männerkrankheit. - Gegen die Männerkrankheit der Selbstverachtung

hilft es am sichersten, von einem klugen Weibe geliebt zu werden.

385.

Eine Art der Eifersucht. - Mütter sind leicht eifersüchtig auf die

Freunde ihrer Söhne, wenn diese besondere Erfolge haben. Gewöhnlich

liebt eine Mutter sich mehr in ihrem Sohn, als den Sohn selber.

386.

Vernünftige Unvernunft. - In der Reife des Lebens und des Verstandes

überkommt den Menschen das Gefühl, dass sein Vater Unrecht hatte, ihn

zu zeugen.

387.

Mütterliche Güte. - Manche Mutter braucht glückliche geehrte Kinder,

manche unglückliche: sonst kann sich ihre Güte als Mutter nicht

zeigen.

388.

Verschiedene Seufzer. - Einige Männer haben über die Entführung ihrer

Frauen geseufzt, die meisten darüber, dass Niemand sie ihnen entführen

wollte.

389.

Liebesheirathen. - Die Ehen, welche aus Liebe geschlossen werden (die

sogenannten Liebesheirathen), haben den Irrthum zum Vater und die Noth

(das Bedürfniss) zur Mutter.

390.

Frauenfreundschaft. - Frauen können recht gut mit einem Manne

Freundschaft schliessen; aber um diese aufrecht zu erhalten - dazu

muss wohl eine kleine physische Antipathie mithelfen.

391.

Langeweile. - Viele Menschen, namentlich Frauen, empfinden die

Langeweile nicht, weil sie niemals ordentlich arbeiten gelernt haben.

392.

Ein Element der Liebe. - In jeder Art der weiblichen Liebe kommt auch

Etwas von der mütterlichen Liebe zum Vorschein.

393.

Die Einheit des Ortes und das Drama. - Wenn die Ehegatten nicht

beisammen lebten, würden die guten Ehen häufiger sein.

394.

Gewöhnliche Folgen der Ehe. - Jeder Umgang, der nicht hebt, zieht

nieder, und umgekehrt; desshalb sinken gewöhnlich die Männer etwas,

wenn sie Frauen nehmen, während die Frauen etwas gehoben werden. Allzu

geistige Männer bedürfen eben so sehr der Ehe, als sie ihr wie einer

widrigen Medicin widerstreben.

395.

Befehlen lehren. - Kinder aus bescheidenen Familien muss man eben

so sehr das Befehlen durch Erziehung lehren, wie andere Kinder das

Gehorchen.

396.

Verliebt werden wollen. - Verlobte, welche die Convenienz

zusammengefügt hat, bemühen sich häufig, verliebt zu werden, um über

den Vorwurf der kalten, berechnenden Nützlichkeit hinwegzukommen.

Ebenso bemühen sich Solche, die ihres Vortheils wegen zum Christenthum

umlenken, wirklich fromm zu werden; denn so wird das religiöse

Mienenspiel ihnen leichter.

397.

Kein Stillstand in der Liebe. - Ein Musiker, der das langsame Tempo

liebt, wird die selben Tonstücke immer langsamer nehmen. So giebt es

in keiner Liebe ein Stillstehen.

398.

Schamhaftigkeit. - Mit der Schönheit der Frauen nimmt im Allgemeinen

ihre Schamhaftigkeit zu.

399.

Ehe von gutem Bestand. - Eine Ehe, in der Jedes durch das Andere ein

individuelles Ziel erreichen will, hält gut zusammen, zum Beispiel

wenn die Frau durch den Mann berühmt, der Mann durch die Frau beliebt

werden will.

400.

Proteus-Natur.- Weiber werden aus Liebe ganz zu dem, als was sie in

der Vorstellung der Männer, von denen sie geliebt werden, leben.

401.

Lieben und besitzen. - Frauen lieben meistens einen bedeutenden

Mann so, dass sie ihn allein haben wollen. Sie würden ihn gern in

Verschluss legen, wenn nicht ihre Eitelkeit widerriethe: diese will,

dass er auch vor Anderen bedeutend erscheine.

402.

Probe einer guten Ehe. - Die Güte einer Ehe bewährt sich dadurch, dass

sie einmal eine "Ausnahme" verträgt.

403.

Mittel, Alle zu Allem zu bringen. - Man kann Jedermann so durch

Unruhen, Aengste, Ueberhäufung von Arbeit und Gedanken abmatten und

schwach machen, dass er einer Sache, die den Schein des Complicirten

hat, nicht mehr widersteht, sondern ihr nachgiebt, - das wissen die

Diplomaten und die Weiber.

404.

Ehrbarkeit und Ehrlichkeit. - Jene Mädchen, welche allein ihrem

Jugendreize die Versorgung für's ganze Leben verdanken wollen und

deren Schlauheit die gewitzigten Mütter noch souffliren, wollen ganz

das Selbe wie die Hetären, nur dass sie klüger und unehrlicher als

diese sind.

405.

Masken. - Es giebt Frauen, die, wo man bei ihnen auch nachsucht, kein

Inneres haben, sondern reine Masken sind. Der Mann ist zu beklagen,

der sich mit solchen fast gespenstischen, nothwendig unbefriedigenden

Wesen einlässt, aber gerade sie vermögen das Verlangen des Mannes auf

das stärkste zu erregen: er sucht nach ihrer Seele - und sucht immer

fort.

406.

Die Ehe als langes Gespräch. - Man soll sich beim Eingehen einer Ehe

die Frage vorlegen: glaubst du, dich mit dieser Frau bis in's Alter

hinein gut zu unterhalten? Alles Andere in der Ehe ist transitorisch,

aber die meiste Zeit des Verkehrs gehört dem Gespräche an.

407.

Mädchenträume. - Unerfahrene Mädchen schmeicheln sich mit der

Vorstellung, dass es in ihrer Macht stehe, einen Mann glücklich zu

machen; später lernen sie, dass es so viel heisst als: einen Mann

geringschätzen, wenn man annimmt, dass es nur eines Mädchens bedürfe,

um ihn glücklich zu machen. - Die Eitelkeit der Frauen verlangt, dass

ein Mann mehr sei, als ein glücklicher Gatte.

408.

Aussterben von Faust und Gretchen. - Nach der sehr einsichtigen

Bemerkung eines Gelehrten ähneln die gebildeten Männer des

gegenwärtigen Deutschland einer Mischung von Mephistopheles und

Wagner, aber durchaus nicht Fausten: welchen die Grossväter (in ihrer

Jugend wenigstens) in sich rumoren fühlten. Zu ihnen passen also - um

jenen Satz fortzusetzen - aus zwei Gründen die Gretchen nicht. Und

weil sie nicht mehr begehrt werden, so sterben sie, scheint es, aus.

409.

Mädchen als Gymnasiasten. - Um Alles in der Welt nicht noch unsere

Gymnasialbildung auf die Mädchen übertragen! Sie, die häufig aus

geistreichen, wissbegierigen, feurigen jungen - Abbilder ihrer Lehrer

macht!

410.

Ohne Nebenbuhlerinnen. - Frauen merken es einem Manne leicht an,

ob seine Seele schon in Besitz genommen ist; sie wollen ohne

Nebenbuhlerinnen geliebt sein und verargen ihm die Ziele seines

Ehrgeizes, seine politischen Aufgaben, seine Wissenschaften und

Künste, wenn er eine Leidenschaft zu solchen Sachen hat. Es sei denn,

dass er durch diese glänze, - dann erhoffen sie, im Falle einer

Liebesverbindung mit ihm, zugleich einen Zuwachs ihres Glanzes; wenn

es so steht, begünstigen sie den Liebhaber.

411.

Der weibliche Intellect. - Der Intellect der Weiber zeigt sich als

vollkommene Beherrschung, Gegenwärtigkeit des Geistes, Benutzung aller

Vortheile. Sie vererben ihn als ihre Grundeigenschaft auf ihre Kinder,

und der Vater giebt den dunkleren Hintergrund des Willens dazu. Sein

Einfluss bestimmt gleichsam Rhythmus und Harmonie, mit denen das

neue Leben abgespielt werden soll; aber die Melodie desselben stammt

vom Weibe. - Für Solche gesagt, welche Etwas sich zurecht zu legen

wissen: die Weiber haben den Verstand, die Männer das Gemüth und die

Leidenschaft. Dem widerspricht nicht, dass die Männer thatsächlich es

mit ihrem Verstande so viel weiterbringen: sie haben die tieferen,

gewaltigeren Antriebe; diese tragen ihren Verstand, der an sich etwas

Passives ist, so weit. Die Weiber wundern sich im Stillen oft über die

grosse Verehrung, welche die Männer ihrem Gemüthe zollen. Wenn die

Männer vor Allem nach einem tiefen, gemüthvollen Wesen, die Weiber

aber nach einem klugen, geistesgegenwärtigen und glänzenden Wesen bei

der Wahl ihres Ehegenossen suchen, so sieht man im Grunde deutlich,

wie der Mann nach dem idealisirten Manne, das Weib nach dem

idealisirten Weibe sucht, also nicht nach Ergänzung, sondern nach

Vollendung der eigenen Vorzüge.

412.

Ein Urtheil Hesiod's bekräftigt. - Ein Zeichen für die Klugheit

der Weiber ist es, dass sie es fast überall verstanden haben, sich

ernähren zu lassen, wie Drohnen im Bienenkorbe. Man erwäge doch, was

das aber ursprünglich bedeuten will und warum die Männer sich nicht

von den Frauen ernähren lassen. Gewiss weil die männliche Eitelkeit

und Ehrsucht grösser als die weibliche Klugheit ist; denn die Frauen

haben es verstanden, sich durch Unterordnung doch den überwiegenden

Vortheil, ja die Herrschaft zu sichern. Selbst das Pflegen der Kinder

könnte ursprünglich von der Klugheit der Weiber als Vorwand benutzt

sein, um sich der Arbeit möglichst zu entziehen. Auch jetzt noch

verstehen sie, wenn sie wirklich thätig sind, zum Beispiel als

Haushälterinnen, davon ein sinnverwirrendes Aufheben zu machen:

so dass von den Männern das Verdienst ihrer Thätigkeit zehnfach

überschätzt zu werden pflegt.

413.

Die Kurzsichtigen sind verliebt. - Mitunter genügt schon eine stärkere

Brille, um den Verliebten zu heilen; und wer die Kraft der Einbildung

hätte, um ein Gesicht, eine Gestalt sich zwanzig Jahre älter

vorzustellen, gienge vielleicht sehr ungestört durch das Leben.

414.

Frauen im Hass. - Im Zustande des Hasses sind Frauen gefährlicher, als

Männer; zuvörderst weil sie durch keine Rücksicht auf Billigkeit in

ihrer einmal erregten feindseligen Empfindung gehemmt werden, sondern

ungestört ihren Hass bis zu den letzten Consequenzen anwachsen lassen,

sodann weil sie darauf eingeübt sind, wunde Stellen (die jeder Mensch,

jede Partei hat) zu finden und dort hinein zu stechen: wozu ihnen ihr

dolchspitzer Verstand treffliche Dienste leistet (während die Männer

beim Anblick von Wunden zurückhaltend, oft grossmüthig und versöhnlich

gestimmt werden).

415.

Liebe. - Die Abgötterei, welche die Frauen mit der Liebe treiben, ist

im Grunde und ursprünglich eine Erfindung der Klugheit, insofern sie

ihre Macht durch alle jene Idealisirungen der Liebe erhöhen und sich

in den Augen der Männer als immer begehrenswerther darstellen. Aber

durch die Jahrhundertelange Gewöhnung an diese übertriebene Schätzung

der Liebe ist es geschehen, dass sie in ihr eigenes Netz gelaufen sind

und jenen Ursprung vergessen haben. Sie selber sind jetzt noch mehr

die Getäuschten, als die Männer, und leiden desshalb auch mehr an der

Enttäuschung, welche fast nothwendig im Leben jeder Frau eintreten

wird - sofern sie überhaupt Phantasie und Verstand genug hat, um

getäuscht und enttäuscht werden zu können.

416.

Zur Emancipation der Frauen. - Können die Frauen überhaupt gerecht

sein, wenn sie so gewohnt sind, zu lieben, gleich für oder wider zu

empfinden? Daher sind sie auch seltener für Sachen, mehr für Personen

eingenommen: sind sie es aber für Sachen, so werden sie sofort deren

Parteigänger und verderben damit die reine unschuldige Wirkung

derselben. So entsteht eine nicht geringe Gefahr, wenn ihnen die

Politik und einzelne Theile der Wissenschaft anvertraut werden (zum

Beispiel Geschichte). Denn was wäre seltener, als eine Frau, welche

wirklich wüsste, was Wissenschaft ist? Die besten nähren sogar im

Busen gegen sie eine heimliche Geringschätzung, als ob sie irgend

wodurch ihr überlegen wären. Vielleicht kann diess Alles anders

werden, einstweilen ist es so.

417.

Die Inspiration im Urtheile der Frauen. - Jene plötzlichen

Entscheidungen über das Für und Wider, welche Frauen zu geben pflegen,

die blitzschnellen Erhellungen persönlicher Beziehungen durch ihre

hervorbrechenden Neigungen und Abneigungen, kurz die Beweise der

weiblichen Ungerechtigkeit sind von liebenden Männern mit einem Glanz

umgeben worden, als ob alle Frauen Inspirationen von Weisheit hätten,

auch ohne den delphischen Kessel und die Lorbeerbinde: und ihre

Aussprüche werden noch lange nachher wie sibyllinische Orakel

interpretirt und zurechtgelegt. Wenn man aber erwägt, dass für jede

Person, für jede Sache sich etwas geltend machen lässt, aber ebenso

gut auch Etwas gegen sie, dass alle Dinge nicht nur zwei-, sondern

drei- und vierseitig sind, so ist es beinahe Schwer, mit solchen

plötzlichen Entscheidungen gänzlich fehl zu greifen; ja man könnte

sagen: die Natur der Dinge ist so eingerichtet, dass die Frauen immer

Recht behalten.

418.

Sich lieben lassen. - Weil die eine von zwei liebenden Personen

gewöhnlich die liebende, die andere die geliebte Person ist, so

ist der Glaube entstanden, es gäbe in jedem Liebeshandel ein

gleichbleibendes Maass von Liebe: je mehr eine davon an sich reisse,

um so weniger bleibe für die andere Person übrig. Ausnahmsweise kommt

es vor, dass die Eitelkeit jede der beiden Personen überredet, sie sei

die, welche geliebt werden müsse; so dass sich beide lieben lassen

wollen: woraus sich namentlich in der Ehe mancherlei halb drollige,

halb absurde Scenen ergeben.

419.

Widersprüche in weiblichen Köpfen. - Weil die Weiber so viel mehr

persönlich als sachlich sind, vertragen sich in ihrem Gedankenkreise

Richtungen, die logisch mit einander in Widerspruch sind: sie pflegen

sich eben für die Vertreter dieser Richtungen der Reihe nach zu

begeistern und nehmen deren Systeme in Bausch und Bogen an; doch

so, dass überall dort eine todte Stelle entsteht, wo eine neue

Persönlichkeit später das Uebergewicht bekommt. Es kommt vielleicht

vor, dass die ganze Philosophie im Kopf einer alten Frau aus lauter

solchen todten Stellen besteht.

420.

Wer leidet mehr? - Nach einem persönlichen Zwiespalt und Zanke

zwischen einer Frau und einem Manne leidet der eine Theil am meisten

bei der Vorstellung, dem anderen Wehe gethan zu haben; während jener

am meisten bei der Vorstellung leidet, dem andern nicht genug Wehe

gethan zu haben, wesshalb er sich bemüht, durch Thränen, Schluchzen

und verstörte Mienen, ihm noch hinterdrein das Herz schwer zu machen.

421.

Gelegenheit zu weiblicher Grossmuth. - Wenn man sich über die

Ansprüche der Sitte einmal in Gedanken hinwegsetzt, so könnte man

wohl erwägen, ob nicht Natur und Vernunft den Mann auf mehrfache

Verheirathung nach einander anweist, etwa in der Gestalt, dass er

zuerst im Alter von zwei und zwanzig Jahren ein älteres Mädchen

heirathet, das ihm geistig und sittlich überlegen ist und seine

Führerin durch die Gefahren der zwanziger Jahre (Ehrgeiz, Hass,

Selbstverachtung, Leidenschaften aller Art) werden kann. Die Liebe

dieser würde später ganz in das Mütterliche übertreten, und sie

ertrüge es nicht nur, sondern förderte es auf die heilsamste Weise,

wenn der Mann in den dreissiger Jahren mit einem ganz jungen Mädchen

eine Verbindung eingienge, dessen Erziehung er selber in die Hand

nähme. - Die Ehe ist für die zwanziger Jahre einnöthiges, für die

dreissiger ein nützliches, aber nicht nöthiges Institut: für das

spätere Leben wird sie oft schädlich und befördert die geistige

Rückbildung des Mannes.

422.

Tragödie der Kindheit. - Es kommt vielleicht nicht selten vor, dass

edel- und hochstrebende Menschen ihren härtesten Kampf in der Kindheit

zu bestehen haben: etwa dadurch, dass sie ihre Gesinnung gegen einen

niedrig denkenden, dem Schein und der Lügnerei ergebenen Vater

durchsetzen müssen, oder fortwährend, wie Lord Byron, im Kampfe mit

einer kindischen und zornwüthigen Mutter leben. Hat man so Etwas

erlebt, so wird man sein Leben lang es nicht verschmerzen, zu wissen,

wer Einem eigentlich der grösste, der gefährlichste Feind gewesen ist.

423.

Eltern-Thorheit. - Die gröbsten Irrthümer in der Beurtheilung eines

Menschen werden von dessen Eltern gemacht: diess ist eine Thatsache,

aber wie soll man sie erklären? Haben die Eltern zu viele Erfahrung

von dem Kinde und können sie diese nicht mehr zu einer Einheit

zusammenbringen? Man bemerkt, dass Reisende unter fremden Völkern nur

in der ersten Zeit ihres Aufenthaltes die allgemeinen unterscheidenden

Züge eines Volkes richtig erfassen; je mehr sie das Volk kennen

lernen, desto mehr verlernen sie, das Typische und Unterscheidende an

ihm zu sehen. Sobald sie nah-sichtig werden, hören ihre Augen auf,

fern-sichtig zu sein. Sollten die Eltern desshalb falsch über das Kind

urtheilen, weil sie ihm nie fern genug gestanden haben? - Eine ganz

andere Erklärung wäre folgende: die Menschen pflegen über das Nächste,

was sie umgiebt, nicht mehr nachzudenken, sondern es nur hinzunehmen.

Vielleicht ist die gewohnheitsmässige Gedankenlosigkeit der Eltern der

Grund, wesshalb sie, einmal genöthigt über ihre Kinder zu urtheilen,

so schief urtheilen.

424.

Aus der Zukunft der Ehe. - Jene edlen, freigesinnten Frauen, welche

die Erziehung und Erhebung des weiblichen Geschlechtes sich zur

Aufgabe stellen, sollen einen Gesichtspunct nicht übersehen: die Ehe

in ihrer höheren Auffassung gedacht, als Seelenfreundschaft zweier

Menschen verschiedenen Geschlechts, also so, wie sie von der Zukunft

erhofft wird, zum Zweck der Erzeugung und Erziehung einer neuen

Generation geschlossen, - eine solche Ehe, welche das Sinnliche

gleichsam nur als ein seltenes, gelegentliches Mittel für einen

grösseren Zweck gebraucht, bedarf wahrscheinlich, wie man besorgen

muss, einer natürlichen Beihülfe, des Concubinats; denn wenn aus

Gründen der Gesundheit des Mannes das Eheweib auch zur alleinigen

Befriedigung des geschlechtlichen Bedürfnisses dienen soll, so wird

bei der Wahl einer Gattin schon ein falscher, den angedeuteten Zielen

entgegengesetzter Gesichtspunct maassgebend sein: die Erzielung der

Nachkommenschaft wird zufällig, die glückliche Erziehung höchst

unwahrscheinlich. Eine gute Gattin, welche Freundin, Gehülfin,

Gebärerin, Mutter, Familienhaupt, Verwalterin sein soll, ja vielleicht

abgesondert von dem Manne ihrem eigenen Geschäft und Amte vorzustehen

hat, kann nicht zugleich Concubine sein: es hiesse im Allgemeinen zu

viel von ihr verlangen. Somit könnte in Zukunft das Umgekehrte dessen

eintreten, was zu Perikles' Zeiten in Athen sich begab: die Männer,

welche damals an ihren Eheweibern nicht viel mehr als Concubinen

hatten, wandten sich nebenbei zu den Aspasien, weil sie nach den

Reizen einer kopf- und herzbefreienden Geselligkeit verlangten, wie

eine solche nur die Anmuth und geistige Biegsamkeit der Frauen zu

schaffen vermag. Alle menschlichen Institutionen, wie die Ehe,

gestatten nur einen mässigen Grad von praktischer Idealisirung,

widrigenfalls sofort grobe Remeduren nöthig werden.

425.

Sturm- und Drangperiode der Frauen. - Man kann in den drei oder vier

civilisirten Ländern Europa's aus den Frauen durch einige Jahrhunderte

von Erziehung Alles machen, was man will, selbst Männer, freilich

nicht in geschlechtlichem Sinne, aber doch in jedem anderen Sinne. Sie

werden unter einer solchen Einwirkung einmal alle männlichen Tugenden

und Stärken angenommen haben, dabei allerdings auch deren Schwächen

und Laster mit in den Kauf nehmen müssen: so viel, wie gesagt, kann

man erzwingen. Aber wie werden wir den dadurch herbeigeführten

Zwischenzustand aushalten, welcher vielleicht selber ein paar

Jahrhunderte dauern kann, während denen die weiblichen Narrheiten und

Ungerechtigkeiten, ihr uraltes Angebinde, noch die Uebermacht über

alles Hinzugewonnene, Angelernte behaupten? Diese Zeit wird es sein,

in welcher der Zorn den eigentlich männlichen Affect ausmacht,

der Zorn darüber, dass alle Künste und Wissenschaften durch einen

unerhörten Dilettantismus überschwemmt und verschlammt sind, die

Philosophie durch sinnverwirrendes Geschwätz zu Tode geredet, die

Politik phantastischer und parteiischer als je, die Gesellschaft in

voller Auflösung ist, weil die Bewahrerinnen der alten Sitte sich

selber lächerlich geworden und in jeder Beziehung ausser der Sitte zu

stehen bestrebt sind. Hatten nämlich die Frauen ihre grösste Macht in

der Sitte, wonach werden sie greifen müssen, um eine ähnliche Fülle

der Macht wiederzugewinnen, nachdem sie die Sitte aufgegeben haben?

426.

Freigeist und Ehe. - Ob die Freigeister mit Frauen leben werden? Im

Allgemeinen glaube ich, dass sie, gleich den wahrsagenden Vögeln des

Alterthums, als die Wahrdenkenden, Wahrheit-Redenden der Gegenwart es

vorziehen müssen, allein zu fliegen.

427.

Glück der Ehe. - Alles Gewohnte zieht ein immer fester werdendes Netz

von Spinneweben um uns zusammen; und alsobald merken wir, dass die

Fäden zu Stricken geworden sind und dass wir selber als Spinne in der

Mitte sitzen, die sich hier gefangen hat und von ihrem eigenen Blute

zehren muss. Desshalb hasst der Freigeist alle Gewöhnungen und Regeln,

alles Dauernde und Definitive, desshalb reisst er, mit Schmerz, das

Netz um sich immer wieder auseinander: wiewohl er in Folge dessen an

zahlreichen kleinen und grossen Wunden leiden wird, - denn jene Fäden

muss er von sich, von seinem Leibe, seiner Seele abreissen. Er muss

dort lieben lernen, wo er bisher hasste, und umgekehrt. Ja es darf

für ihn nichts Unmögliches sein, auf das selbe Feld Drachenzähne

auszusäen, auf welches er vorher die Füllhörner seiner Güte ausströmen

liess. - Daraus lässt sich abnehmen, ob er für das Glück der Ehe

geschaffen ist.

428.

Zunahe. - Leben wir zu nahe mit einem Menschen zusammen, so geht es

uns so, wie wenn wir einen guten Kupferstich immer wieder mit blossen

Fingern anfassen: eines Tages haben wir schlechtes beschmutztes Papier

und Nichts weiter mehr in den Händen. Auch die Seele eines Menschen

wird durch beständiges Angreifen endlich abgegriffen; mindestens

erscheint sie uns endlich so, - wir sehen ihre ursprüngliche

Zeichnung und Schönheit nie wieder. - Man verliert immer durch den

allzuvertraulichen Umgang mit Frauen und Freunden; und mitunter

verliert man die Perle seines Lebens dabei.

429.

Die goldene Wiege. - Der Freigeist wird immer aufathmen, wenn er sich

endlich entschlossen hat, jenes mutterhafte Sorgen und Bewachen, mit

welchem die Frauen um ihn walten, von sich abzuschütteln. Was schadet

ihm denn ein rauherer Luftzug, den man so ängstlich von ihm wehrte,

was bedeutet ein wirklicher Nachtheil, Verlust, Unfall, eine

Erkrankung, Verschuldung, Bethörung mehr oder weniger in seinem

Leben, verglichen mit der Unfreiheit der goldenen Wiege, des

Pfauenschweif-Wedels und der drückenden Empfindung, noch dazu dankbar

sein zu müssen, weil er wie ein Säugling gewartet und verwöhnt wird?

Desshalb kann sich die Milch, welche die mütterliche Gesinnung der ihn

umgebenden Frauen reicht, so leicht in Galle verwandeln.

430.

Menschliches, Allzumenschliches: Ein Buch Fuer Freie Geister · 第 18 / 24 段