Anschuldigungen, selbst wenn sie uns Unrecht thun, ohne Widerlegung
hinzunehmen, im Fall der Anschuldigende darin ein noch grösseres
Unrecht unsererseits sehen würde, wenn wir ihm widersprächen und etwa
gar ihn widerlegten. Freilich kann Einer auf diese Weise immer Unrecht
haben und immer Recht behalten und zuletzt mit dem besten Gewissen
von der Welt der unerträglichste Tyrann und Quälgeist werden; und was
vom Einzelnen gilt, kann auch bei ganzen Classen der Gesellschaft
vorkommen.
341.
Zuwenig geehrt. - Sehr eingebildete Personen, denen man Zeichen von
geringerer Beachtung gegeben hat, als sie erwarteten, versuchen lange,
sich selbst und Andere darüber irre zu führen und werden spitzfindige
Psychologiker, um herauszubekommen, dass der Andere sie doch genügend
geehrt hat: erreichen sie ihr Ziel nicht, reisst der Schleier der
Täuschung, so geben sie sich einer um so grösseren Wuth hin.
342.
Urzustände in der Rede nachklingend. - In der Art, wie jetzt die
Männer im Verkehre Behauptungen aufstellen, erkennt man oft einen
Nachklang der Zeiten, wo dieselben sich besser auf Waffen, als auf
irgend Etwas verstanden: sie handhaben ihre Behauptungen bald wie
zielende Schützen ihr Gewehr, bald glaubt man das Sausen und Klirren
der Klingen zu hören; und bei einigen Männern poltert eine Behauptung
herab wie ein derber Knüttel. - Frauen dagegen sprechen so, wie Wesen,
welche Jahrtausende lang am Webstuhl sassen oder die Nadel führten
oder mit Kindern kindisch waren.
343.
Der Erzähler. - Wer Etwas erzählt, lässt leicht merken, ob er erzählt,
weil ihn das Factum interessirt oder weil er durch die Erzählung
interessiren will. Im letzteren Falle wird er übertreiben, Superlative
gebrauchen und Aehnliches thun. Er erzählt dann gewöhnlich schlechter,
weil er nicht so sehr an die Sache, als an sich denkt.
344.
Der Vorleser. - Wer dramatische Dichtungen vorliest, macht
Entdeckungen über seinen Charakter: er findet für gewisse Stimmungen
und Scenen seine Stimme natürlicher, als für andere, etwa für
alles Pathetische oder für das Scurrile, während er vielleicht
im gewöhnlichen Leben nur nicht Gelegenheit hatte, Pathos oder
Scurrilität zu zeigen.
345.
Eine Lustspiel-Scene, welche im Leben vorkommt. - Jemand denkt
sich eine geistreiche Meinung über ein Thema aus, um sie in einer
Gesellschaft vorzutragen. Nun würde man im Lustspiel anhören und
ansehen, wie er mit allen Segeln an den Punct zu kommen und die
Gesellschaft dort einzuschiffen sucht, wo er seine Bemerkung machen
kann: wie er fortwährend die Unterhaltung nach Einem Ziele schiebt,
gelegentlich die Richtung verliert, sie wiedergewinnt, endlich den
Augenblick erreicht: fast versagt ihm der Athem - und da nimmt ihm
Einer aus der Gesellschaft die Bemerkung vom Munde weg. Was wird er
thun? Seiner eigenen Meinung opponiren?
346.
Wider Willen unhöflich. - Wenn jemand wider Willen einen Andern
unhöflich behandelt, zum Beispiel nicht grüsst, weil er ihn nicht
erkennt, so wurmt ihn diess, obwohl er nicht seiner Gesinnung einen
Vorwurf machen kann; ihn kränkt die schlechte Meinung, welche er bei
dem Andern erzeugt hat, oder er fürchtet die Folgen einer Verstimmung,
oder ihn schmerzt es, den Andern verletzt zu haben, - also Eitelkeit,
Furcht oder Mitleid können rege werden, vielleicht auch alles
zusammen.
347.
Verräther-Meisterstück. - Gegen den Mitverschworenen den kränkenden
Argwohn zu äussern, ob man nicht von ihm verrathen werde, und diess
gerade in dem Augenblicke, wo man selbst Verrath übt, ist ein
Meisterstück der Bosheit, weil es den Andern persönlich occupirt
und ihn zwingt, eine Zeit lang sich sehr unverdächtig und offen zu
benehmen, so dass der wirkliche Verräther sich freie Hand gemacht hat.
348.
Beleidigen und beleidigt werden. - Es ist weit angenehmer, zu
beleidigen und später um Verzeihung zu bitten, als beleidigt zu werden
und Verzeihung zu gewähren. Der, welcher das Erste thut, giebt ein
Zeichen von Macht und nachher von Güte des Charakters. Der Andere,
wenn er nicht als inhuman gelten will, muss schon verzeihen; der
Genuss an der Demüthigung des Anderen ist dieser Nöthigung wegen
gering.
349.
Im Disput. - Wenn man zugleich einer anderen Meinung widerspricht und
dabei seine eigene entwickelt, so verrückt gewöhnlich die fortwährende
Rücksicht auf die andere Meinung die natürliche Haltung der eigenen:
sie erscheint absichtlicher, schärfer, vielleicht etwas übertrieben.
350.
Kunstgriff. - Wer etwas Schwieriges von einem Andern erlangen will,
muss die Sache überhaupt nicht als Problem fassen, sondern schlicht
seinen Plan hinlegen, als sei er die einzige Möglichkeit; er muss
es verstehen, wenn im Auge des Gegners der Einwand, der Widerspruch
dämmert, schnell abzubrechen und ihm keine Zeit zu geben.
351.
Gewissensbisse nach Gesellschaften. - Warum haben wir nach
gewöhnlichen Gesellschaften Gewissensbisse? Weil wir wichtige Dinge
leicht genommen haben, weil wir bei der Besprechung von Personen
nicht mit voller Treue gesprochen oder weil wir geschwiegen haben,
wo wir reden sollten, weil wir gelegentlich nicht aufgesprungen und
fortgelaufen sind, kurz weil wir uns in der Gesellschaft benahmen, als
ob wir zu ihr gehörten.
352.
Man wird falsch beurtheilt. - Wer immer darnach hinhorcht, wie er
beurtheilt wird, hat immer Aerger. Denn wir werden schon von Denen,
welche uns am nächsten stehen ("am besten kennen"), falsch beurtheilt.
Selbst gute Freunde lassen ihre Verstimmung mitunter in einem
missgünstigen Worte aus; und würden sie unsere Freunde sein, wenn sie
uns genau kennten? - Die Urtheile der Gleichgültigen thun sehr weh,
weil sie so unbefangen, fast sachlich klingen. Merken wir aber gar,
dass Jemand, der uns feind ist, uns in einem geheim gehaltenen Puncte
so gut kennt, wie wir uns, wie gross ist dann erst der Verdruss!
353.
Tyrannei des Portraits. - Künstler und Staatsmänner, die schnell
aus einzelnen Zügen das ganze Bild eines Menschen oder Ereignisses
combiniren, sind am meisten dadurch ungerecht, dass sie hinterdrein
verlangen, das Ereigniss oder der Mensch müsse wirklich so sein,
wie sie es malten; sie verlangen geradezu, dass Einer so begabt, so
verschlagen, so ungerecht sei, wie er in ihrer Vorstellung lebt.
354.
Der Verwandte als der beste Freund. - Die Griechen, die so gut
wussten, was ein Freund sei, - sie allein von allen Völkern haben eine
tiefe, vielfache philosophische Erörterung der Freundschaft; sodass
ihnen zuerst, und bis jetzt zuletzt, der Freund als ein lösenswerthes
Problem erschienen ist - diese selben Griechen haben die Verwandten
mit einem Ausdrucke bezeichnet, welcher der Superlativ des Wortes
"Freund" ist. Diess bleibt mir unerklärlich.
355.
Verkannte Ehrlichkeit. - Wenn jemand im Gespräche sich selber citirt
("ich sagte damals", "ich pflege zu sagen"), so macht diess den
Eindruck der Anmaassung, während es häufiger gerade aus der
entgegengesetzten Quelle hervorgeht, mindestens aus Ehrlichkeit,
welche den Augenblick nicht mit den Einfällen schmücken und
herausputzen will, welche einem früheren Augenblicke angehören.
356.
Der Parasit. - Es bezeichnet einen völligen Mangel an vornehmer
Gesinnung, wenn Jemand lieber in Abhängigkeit, auf Anderer Kosten,
leben will, um nur nicht arbeiten zu müssen, gewöhnlich mit einer
heimlichen Erbitterung gegen Die, von denen er abhängt. - Eine solche
Gesinnung ist viel häufiger bei Frauen als bei Männern, auch viel
verzeihlicher (aus historischen Gründen).
357.
Auf dem Altar der Versöhnung. - Es giebt Umstände, wo man eine Sache
von einem Menschen nur so erlangt, dass man ihn beleidigt und sich
verfeindet: dieses Gefühl, einen Feind zu haben, quält ihn so, dass
er gern das erste Anzeichen einer milderen Stimmung zur Versöhnung
benützt und jene Sache auf dem Altar dieser Versöhnung opfert, an der
ihm früher so viel gelegen war, dass er sie um keinen Preis geben
wollte.
358.
Mitleid fordern als Zeichen der Anmaassung. - Es giebt Menschen,
welche, wenn sie in Zorn gerathen und die Anderen beleidigen, dabei
erstens verlangen, dass man ihnen Nichts übel nehme und zweitens,
dass man mit ihnen Mitleid habe, weil sie so heftigen Paroxysmen
unterworfen sind. So weit geht die menschliche Anmaassung.
359.
Köder. - "Jeder Mensch hat seinen Preis", - das ist nicht wahr. Aber
es findet sich wohl für Jeden ein Köder, an den er anbeissen muss. So
braucht man, um manche Personen für eine Sache zu gewinnen, dieser
Sache nur den Glanz des Menschenfreundlichen, Edlen, Mildthätigen,
Aufopfernden zu geben - und welcher Sache könnte man ihn nicht geben?
- Es ist das Zuckerwerk und die Näscherei ihrer Seele; andere haben
anderes.
360.
Verhalten beim Lobe. - Wenn gute Freunde die begabte Natur loben, so
wird sie sich öfters aus Höflichkeit und Wohlwollen darüber erfreut
zeigen, aber in Wahrheit ist es ihr gleichgültig. Ihr eigentliches
Wesen ist ganz träge dagegen und um keinen Schritt dadurch aus der
Sonne oder dem Schatten, in dem sie liegt, herauszuwälzen; aber
die Menschen wollen durch Lob eine Freude machen und man würde sie
betrüben, wenn man sich über ihr Lob nicht freute.
361.
Die Erfahrung des Sokrates. - Ist man in einer Sache Meister geworden,
so ist man gewöhnlich eben dadurch in den meisten andern Sachen ein
völliger Stümper geblieben; aber man urtheilt gerade umgekehrt, wie
diess schon Sokrates erfuhr. Diess ist der Uebelstand, welcher den
Umgang mit Meistern unangenehm macht.
362.
Mittel der Verthierung. - Im Kampf mit der Dummheit werden die
billigsten und sanftesten Menschen zuletzt brutal. Sie sind damit
vielleicht auf dem rechten Wege der Vertheidigung; denn an die dumme
Stirn gehört, als Argument, von Rechtswegen die geballte Faust. Aber
weil, wie gesagt, ihr Charakter sanft und billig ist, so leiden sie
durch diese Mittel der Nothwehr mehr als sie Leid zufügen.
363.
Neugierde. - Wenn die Neugierde nicht wäre, würde wenig für das Wohl
des Nächsten gethan werden. Aber die Neugierde schleicht sich unter
dem Namen der Pflicht oder des Mitleides in das Haus des Unglücklichen
und Bedürftigen. - Vielleicht ist selbst an der vielberühmten
Mutterliebe ein gut Stück Neugierde.
364.
Verrechnung in der Gesellschaft. - Dieser wünscht interessant zu sein
durch seine Urtheile, jener durch seine Neigungen und Abneigungen,
der Dritte durch seine Bekanntschaften, ein Vierter durch seine
Vereinsamung - und sie verrechnen sich Alle. Denn Der, vor dem das
Schauspiel aufgeführt wird, meint selber dabei das einzig in Betracht
kommende Schauspiel zu sein.
365.
Duell. - Zu Gunsten aller Ehrenhändel und Duelle ist zu sagen, dass,
wenn Einer ein so reizbares Gefühl hat, nicht leben zu wollen, wenn
Der und Der das und das über ihn sagt oder denkt, er ein Recht hat,
die Sache auf den Tod des Einen oder des Andern ankommen zu lassen.
Darüber, dass er so reizbar ist, ist gar nicht zu rechten, damit
sind wir die Erben der Vergangenheit, ihrer Grösse sowohl wie ihrer
Uebertreibungen, ohne welche es nie eine Grösse gab. Existirt nun ein
Ehren-Kanon, welcher Blut an Stelle des Todes gelten lässt, so dass
nach einem regelmässigen Duell das Gemüth erleichtert ist, so ist
diess eine grosse Wohlthat, weil sonst viele Menschenleben in Gefahr
wären. - So eine Institution erzieht übrigens die Menschen in Vorsicht
auf ihre Aeusserungen und macht den Umgang mit ihnen möglich.
366.
Vornehmheit und Dankbarkeit. - Eine vornehme Seele wird sich gern zur
Dankbarkeit verpflichtet fühlen und den Gelegenheiten, bei denen sie
sich verpflichtet, nicht ängstlich aus dem Wege zu gehen; ebenso wird
sie nachher gelassen in den Aeusserungen der Dankbarkeit sein; während
niedere Seelen sich gegen alles Verpflichtet werden sträuben oder
nachher in den Aeusserungen ihrer Dankbarkeit übertrieben und allzu
sehr beflissen sind. Letzteres kommt übrigens auch bei Personen von
niederer Herkunft oder gedrückter Stellung vor: eine Gunst, ihnen
erwiesen, deucht ihnen ein Wunder von Gnade.
367.
Die Stunden der Beredtsamkeit. - Der Eine hat, um gut zu sprechen,
jemanden nöthig, der ihm entschieden und anerkannt überlegen ist, der
Andere kann nur vor Einem, den er überragt, völlige Freiheit der Rede
und glückliche Wendungen der Beredtsamkeit finden: in beiden Fällen
ist es der selbe Grund; jeder von ihnen redet nur gut, wenn er
sans gêne redet, der Eine, weil er vor dem Höheren den Antrieb der
Concurrenz, des Wettbewerbs nicht fühlt, der Andere ebenfalls desshalb
angesichts des Niederen. - Nun giebt es eine ganz andere Gattung von
Menschen, die nur gut reden, wenn sie im Wetteifer, mit der Absicht zu
siegen, reden. Welche von beiden Gattungen ist die ehrgeizigere: die,
welche aus erregter Ehrsucht gut, oder die, welche aus eben diesen
Motiven schlecht oder gar nicht spricht?
368.
Das Talent zur Freundschaft. - Unter den Menschen, welche eine
besondere Gabe zur Freundschaft haben, treten zwei Typen hervor. Der
Eine ist in einem fortwährenden Aufsteigen und findet für jede Phase
seiner Entwickelung einen genau zugehörigen Freund. Die Reihe von
Freunden, welche er auf diese Weise erwirbt, ist unter sich selten im
Zusammenhang, mitunter in Misshelligkeit und Widerspruch: ganz dem
entsprechend, dass die späteren Phasen in seiner Entwickelung die
früheren Phasen aufheben oder beeinträchtigen. Ein solcher Mensch
mag im Scherz eine Leiter heissen. - Den andern Typus vertritt Der,
welcher eine Anziehungskraft auf sehr verschiedene Charaktere und
Begabungen ausübt, so dass er einen ganzen Kreis von Freunden gewinnt;
diese aber kommen dadurch selber unter einander in freundschaftliche
Beziehung, trotz aller Verschiedenheit. Einen solchen Menschen
nenne man einen Kreis: denn in ihm muss jene Zusammengehörigkeit
so verschiedener Anlagen und Naturen irgendwie vorgebildet sein. -
Uebrigens ist die Gabe, gute Freunde zu haben, in manchem Menschen
viel grösser, als die Gabe, ein guter Freund zu sein.
369.
Taktik im Gespräch. - Nach einem Gespräch mit jemandem ist man am
besten auf den Mitunterredner zu sprechen, wenn man Gelegenheit hatte,
seinen Geist, seine Liebenswürdigkeit vor ihm im ganzen Glanze zu
zeigen. Diess benutzen kluge Menschen, welche jemanden sich günstig
stimmen wollen, indem sie bei der Unterredung ihm die besten
Gelegenheiten zu einem guten Witz und dergleichen zuschieben. Es wäre
ein lustiges Gespräch zwischen zwei sehr Klugen zu denken, welche
sich gegenseitig günstig stimmen wollen und sich desshalb die schönen
Gelegenheiten im Gespräch hin und her zuwerfen, während keiner sie
annimmt: so dass das Gespräch im Ganzen geistlos und unliebenswürdig
verliefe, weil Jeder dem Andern die Gelegenheit zu Geist und
Liebenswürdigkeit zuwiese.
370.
Entladung des Unmuthes. - Der Mensch, dem Etwas misslingt, führt diess
Misslingen lieber auf den bösen Willen eines Anderen, als auf den
Zufall zurück. Seine gereizte Empfindung wird dadurch erleichtert,
eine Person und nicht eine Sache sich als Grund seines Misslingens
zu denken; denn an Personen kann man sich rächen, die Unbilden des
Zufalls aber muss man hinunterwürgen. Die Umgebung eines Fürsten
pflegt desshalb, wenn diesem Etwas misslungen ist, einen einzelnen
Menschen als angebliche Ursache ihm zu bezeichnen und im Interesse
aller Höflinge aufzuopfern; denn der Missmuth des Fürsten würde sich
sonst an ihnen Allen auslassen, da er ja an der Schicksalsgöttin
selber keine Rache nehmen kann.
371.
Die Farbe der Umgebung annehmen. - Warum ist Neigung und Abneigung so
ansteckend, dass man kaum in der Nähe einer stark empfindenden Person
leben kann, ohne wie ein Gefäss mit ihrem Für und Wider angefüllt zu
werden? Erstens ist die völlige Enthaltung des Urtheils sehr schwer,
mitunter für unsere Eitelkeit geradezu unerträglich; sie trägt da
gleiche Farbe mit der Gedanken- und Empfindungsarmuth oder mit der
Aengstlichkeit, der Unmännlichkeit: und so werden wir wenigstens dazu
fortgerissen, Partei zu nehmen, vielleicht gegen die Richtung unserer
Umgebung, wenn diese Stellung unserm Stolze mehr Vergnügen macht.
Gewöhnlich aber - das ist das Zweite - bringen wir uns den
Uebergang von Gleichgültigkeit zu Neigung oder Abneigung gar
nicht zum Bewusstsein, sondern allmählich gewöhnen wir uns an die
Empfindungsweise unserer Umgebung, und weil sympathisches Zustimmen
und Sichverstehen so angenehm ist, tragen wir bald alle Zeichen und
Parteifarben dieser Umgebung.
372.
Ironie. - Die Ironie ist nur als pädagogisches Mittel am Platze, von
seiten eines Lehrers im Verkehr mit Schülern irgend welcher Art: ihr
Zweck ist Demüthigung, Beschämung, aber von jener heilsamen Art,
welche gute Vorsätze erwachen lässt und Dem, welcher uns so
behandelte, Verehrung, Dankbarkeit als einem Arzte entgegenbringen
heisst. Der Ironische stellt sich unwissend und zwar so gut, dass die
sich mit ihm unterredenden Schüler, getäuscht sind und in ihrem guten
Glauben an ihr eigenes Besserwissen dreist werden und sich Blössen
aller Art geben; sie verlieren die Behutsamkeit und zeigen sich, wie
sie sind, - bis in einem Augenblick die Leuchte, die sie dem Lehrer
in's Gesicht hielten, ihre Strahlen sehr demüthigend auf sie selbst
zurückfallen lässt. - Wo ein solches Verhältniss, wie zwischen Lehrer
und Schüler, nicht stattfindet, ist sie eine Unart, ein gemeiner
Affect. Alle ironischen Schriftsteller rechnen auf die alberne Gattung
von Menschen, welche sich gerne allen Anderen mit dem Autor zusammen
überlegen fühlen wollen, als welchen sie für das Mundstück ihrer
Anmaassung ansehen. - Die Gewöhnung an Ironie, ebenso wie die an
Sarkasmus, verdirbt übrigens den Charakter, sie verleiht allmählich
die Eigenschaft einer schadenfrohen Ueberlegenheit: man ist zuletzt
einem bissigen Hunde gleich, der noch das Lachen gelernt hat, ausser
dem Beissen.
373.
Anmaassung. - Vor Nichts soll man sich so hüten, als vor dem
Aufwachsen jenes Unkrautes, welches Anmaassung heisst und uns jede
gute Ernte verdirbt; denn es giebt Anmaassung in der Herzlichkeit,
in der Ehrenbezeigung, in der wohlwollenden Vertraulichkeit, in der
Liebkosung, im freundschaftlichen Rathe, im Eingestehen von Fehlern,
in dem Mitleid für Andere, und alle diese schönen Dinge erwecken
Widerwillen, wenn jenes Kraut dazwischen wächst. Der Anmaassende, das
heisst Der, welcher mehr bedeuten will als er ist oder gilt, macht
immer eine falsche Berechnung. Zwar hat er den augenblicklichen Erfolg
für sich, insofern die Menschen, vor denen er anmaassend ist, ihm
gewöhnlich das Maass von Ehre zollen, welches er fordert, aus Angst
oder Bequemlichkeit; aber sie nehmen eine schlimme Rache dafür,
insofern sie ebensoviel, als er über das Maass forderte, von dem
Werthe subtrahiren, den sie ihm bis jetzt beilegten. Es ist Nichts,
was die Menschen sich theurer bezahlen lassen, als Demüthigung. Der
Anmaassende kann sein wirkliches grosses Verdienst so in den Augen der
Andern verdächtigen und klein machen, dass man mit staubigen Füssen
darauf tritt. Selbst ein stolzes Benehmen sollte man sich nur dort
erlauben, wo man ganz sicher sein kann, nicht missverstanden und
als anmaassend betrachtet zu werden, zum Beispiel vor Freunden und
Gattinnen. Denn es giebt im Verkehre mit Menschen keine grössere
Thorheit, als sich den Ruf der Anmaassung zuzuziehen; es ist noch
schlimmer, als wenn man nicht gelernt hat, höflich zu lügen.
374.
Zwiegespräch. - Das Zwiegespräch ist das vollkommene Gespräch, weil
Alles, was der Eine sagt, seine bestimmte Farbe, seinen Klang, seine
begleitende Gebärde in strenger Rücksicht auf den Anderen, mit dem
gesprochen wird, erhält, also dem entsprechend, was beim Briefverkehr
geschieht, dass ein und der selbe zehn Arten des seelischen Ausdrucks
zeigt, je nachdem er bald an Diesen, bald an Jenen schreibt. Beim
Zwiegespräch giebt es nur eine einzige Strahlenbrechung des Gedankens:
diese bringt der Mitunterredner hervor, als der Spiegel, in welchem
wir unsere Gedanken möglichst schön wiedererblicken wollen. Wie aber
ist es bei zweien, bei dreien und mehr Mitunterrednern? Da verliert
nothwendig das Gespräch an individualisirender Feinheit, die
verschiedenen Rücksichten kreuzen sich, heben sich auf; die Wendung,
welche dem Einen wohlthut, ist nicht der Sinnesart des Andern gemäss.
Desshalb wird der Mensch im Verkehr mit Mehreren gezwungen, sich auf
sich zurückzuziehen, die Thatsachen hinzustellen, wie sie sind, aber
jenen spielenden Aether der Humanität den Gegenständen zu nehmen,
welcher ein Gespräch zu den angenehmsten Dingen der Welt macht. Man
höre nur den Ton, in welchem Männer im Verkehr mit ganzen Gruppen von
Männern zu reden pflegen, es ist als ob der Grundbass aller Rede der
sei: "das bin ich, das sage ich, nun haltet davon, was ihr wollt!"
Diess ist der Grund, wesshalb geistreiche Frauen bei Dem, welcher
sie in der Gesellschaft kennen lernte, meistens einen befremdenden,
peinlichen, abschreckenden Eindruck hinterlassen: es ist das Reden
zu Vielen, vor Vielen, welches sie aller geistigen Liebenswürdigkeit
beraubt und nur das bewusste Beruhen auf sich selbst, ihre Taktik und
die Absicht auf öffentlichen Sieg in grellem Lichte zeigt: während
die selben Frauen im Zwiegespräche wieder zu Weibern werden und ihre
geistige Anmuth wiederfinden.
375.
Nachruhm. - Auf die Anerkennung einer fernen Zukunft hoffen, hat nur
Sinn, wenn man die Annahme macht, dass die Menschheit wesentlich
unverändert bleibe und dass alles Grosse nicht für Eine, sondern für
alle Zeiten als gross empfunden werden müsse. Diess ist aber ein
Irrthum; die Menschheit, in allem Empfinden und Urtheilen über
Das, was schön und gut ist, verwandelt sich sehr stark; es ist
Phantasterei, von sich zu glauben, dass man eine Meile Wegs voraus
sei und dass die gesammte Menschheit unsere Strasse ziehe. Zudem: ein
Gelehrter, der verkannt wird, darf jetzt bestimmt darauf rechnen, dass
seine Entdeckung von Anderen auch gemacht wird, und dass ihm besten
Falls einmal später von einem Historiker zuerkannt wird, er habe diess
und jenes auch schon gewusst, sei aber nicht im Stande gewesen, seinem
Satz Glauben zu verschaffen. Nicht-anerkannt-werden wird von der
Nachwelt immer als Mangel an Kraft ausgelegt. - Kurz, man soll der
hochmüthigen Vereinsamung nicht so leicht das Wort reden. Es giebt
übrigens Ausnahmefälle; aber zumeist sind es unsere Fehler, Schwächen
und Narrheiten, welche die Anerkennung unserer grossen Eigenschaften
verhindern.
376.