zu erleichtern, ist das Idealisiren aller Vorgänge desselben; man
soll sich aber aus der Malerei recht deutlich machen, was idealisiren
heisst. Der Maler verlangt, dass der Zuschauer nicht zu genau, zu
scharf zusehe, er zwingt ihn in eine gewisse Ferne zurück, damit
er von dort aus betrachte; er ist genöthigt, eine ganz bestimmte
Entfernung des Betrachters vom Bilde vorauszusetzen; ja er muss
sogar ein ebenso bestimmtes Maass von Schärfe des Auges bei seinem
Betrachter annehmen; in solchen Dingen darf er durchaus nicht
schwanken. Jeder also, der sein Leben idealisiren will, muss es
nicht zu genau sehen wollen und seinen Blick immer in eine gewisse
Entfernung zurückbannen. Dieses Kunststück verstand zum Beispiel
Goethe.
280.
Erschwerung als Erleichterung und umgekehrt. - Vieles, was auf
gewissen Stufen des Menschen Erschwerung des Lebens ist, dient einer
höheren Stufe als Erleichterung, weil solche Menschen stärkere
Erschwerungen des Lebens kennen gelernt haben. Ebenso kommt das
Umgekehrte vor: so hat zum Beispiel die Religion ein doppeltes
Gesicht, je nachdem ein Mensch zu ihr hinaufblickt, um von ihr sich
seine Last und Noth abnehmen zu lassen, oder auf sie hinabsieht, wie
auf die Fessel, welche ihm angelegt ist, damit er nicht zu hoch in die
Lüfte steige.
281.
Die höhere Cultur wird nothwendig missverstanden. - Wer sein
Instrument nur mit zwei Saiten bespannt hat, wie die Gelehrten, welche
ausser dem Wissenstrieb nur noch einen anerzogenen religiösen haben,
der versteht solche Menschen nicht, welche auf mehr Saiten spielen
können. Es liegt im Wesen der höheren vielsaitigeren Cultur, dass sie
von der niederen immer falsch gedeutet wird; wie diess zum Beispiel
geschieht, wenn die Kunst als eine verkappte Form des Religiösen gilt.
Ja Leute, die nur religiös sind, verstehen selbst die Wissenschaft als
Suchen des religiösen Gefühls, so wie Taubstumme nicht wissen, was
Musik ist, wenn nicht sichtbare Bewegung.
282.
Klagelied. - Es sind vielleicht die Vorzüge unserer Zeiten, welche
ein Zurücktreten und eine gelegentliche Unterschätzung der vita
contemplativa mit sich bringen. Aber eingestehen muss man es sich,
dass unsere Zeit arm ist an grossen Moralisten, dass Pascal, Epictet,
Seneca, Plutarch wenig noch gelesen werden, dass Arbeit und Fleiss -
sonst im Gefolge der grossen Göttin Gesundheit - mitunter wie eine
Krankheit zu Wüthen scheinen. Weil Zeit zum Denken und Ruhe im Denken
fehlt, so erwägt man abweichende Ansichten nicht mehr: man begnügt
sich, sie zu hassen. Bei der ungeheuren Beschleunigung des Lebens
wird Geist und Auge an ein halbes oder falsches Sehen und Urtheilen
gewöhnt, und jedermann gleicht den Reisenden, welche Land und Volk von
der Eisenbahn aus kennen lernen. Selbständige und vorsichtige Haltung
der Erkenntniss schätzt man beinahe als eine Art Verrücktheit ab, der
Freigeist ist in Verruf gebracht, namentlich durch Gelehrte, welche an
seiner Kunst, die Dinge zu betrachten, ihre Gründlichkeit und ihren
Ameisenfleiss vermissen und ihn gern in einen einzelnen Winkel der
Wissenschaft bannen möchten: während er die ganz andere und höhere
Aufgabe hat, von einem einsam gelegenen Standorte aus den ganzen
Heerbann der wissenschaftlichen und gelehrten Menschen zu befehligen
und ihnen die Wege und Ziele der Cultur zu zeigen. - Eine solche
Klage, wie die eben abgesungene, wird wahrscheinlich ihre Zeit haben
und von selber einmal, bei einer gewaltigen Rückkehr des Genius' der
Meditation, verstummen.
283.
Hauptmangel der thätigen Menschen. - Den Thätigen fehlt gewöhnlich die
höhere Thätigkeit: ich meine die individuelle. Sie sind als Beamte,
Kaufleute, Gelehrte, das heisst als Gattungswesen thätig, aber nicht
als ganz bestimmte einzelne und einzige Menschen; in dieser Hinsicht
sind sie faul. - Es ist das Unglück der Thätigen, dass ihre Thätigkeit
fast immer ein Wenig unvernünftig ist. Man darf zum Beispiel bei dem
geldsammelnden Banquier nach dem Zweck seiner rastlosen Thätigkeit
nicht fragen: sie ist unvernünftig. Die Thätigen rollen, wie der Stein
rollt, gemäss der Dummheit der Mechanik. - Alle Menschen zerfallen,
wie zu allen Zeiten so auch jetzt noch, in Sclaven und Freie; denn wer
von seinem Tage nicht zwei Drittel für sich hat, ist ein Sclave, er
sei übrigens wer er wolle: Staatsmann, Kaufmann, Beamter, Gelehrter.
284.
Zu Gunsten der Müssigen. - Zum Zeichen dafür, dass die Schätzung des
beschaulichen Lebens abgenommen hat, wetteifern die Gelehrten jetzt
mit den thätigen Menschen in einer Art von hastigem Genusse, so dass
sie also diese Art, zu geniessen, höher zu schätzen scheinen, als
die, welche ihnen eigentlich zukommt und welche in der That viel mehr
Genuss ist. Die Gelehrten schämen sich des otium. Es ist aber ein edel
Ding um Musse und Müssiggehen. - Wenn Müssiggang wirklich der Anfang
aller Laster ist, so befindet er sich also wenigstens in der nächsten
Nähe aller Tugenden; der müssige Mensch ist immer noch ein besserer
Mensch als der thätige. - Ihr meint doch nicht, dass ich mit Musse und
Müssiggehen auf euch ziele, ihr Faulthiere? -
285.
Die moderne Unruhe. - Nach dem Westen zu wird die moderne Bewegtheit
immer grösser, so dass den Amerikanern die Bewohner Europa's
insgesammt sich als ruheliebende und geniessende Wesen darstellen,
während diese doch selbst wie Bienen und Wespen durcheinander fliegen.
Diese Bewegtheit wird so gross, dass die höhere Cultur ihre Früchte
nicht mehr zeitigen kann; es ist, als ob die Jahreszeiten zu rasch auf
einander folgten. Aus Mangel an Ruhe läuft unsere Civilisation in eine
neue Barbarei aus. Zu keiner Zeit haben die Thätigen, das heisst die
Ruhelosen, mehr gegolten. Es gehört desshalb zu den nothwendigen
Correcturen, welche man am Charakter der Menschheit vornehmen muss,
das beschauliche Element in grossem Maasse zu verstärken. Doch hat
schon jeder Einzelne, welcher in Herz und Kopf ruhig und stetig ist,
das Recht zu glauben, dass er nicht nur ein gutes Temperament, sondern
eine allgemein nützliche Tugend besitze und durch die Bewahrung dieser
Tugend sogar eine höhere Aufgabe erfülle.
286.
Inwiefern der thätige faul ist. - Ich glaube, dass jeder über jedes
Ding, über welches Meinungen möglich sind, eine eigene Meinung haben
muss, weil er selber ein eigenes, nur einmaliges Ding ist, das zu
allen anderen Dingen eine neue, nie dagewesene Stellung einnimmt.
Aber die Faulheit, welche im Grunde der Seele des Thätigen liegt,
verhindert den Menschen, das Wasser aus seinem eigenen Brunnen zu
schöpfen. - Mit der Freiheit der Meinungen steht es wie mit der
Gesundheit: beide sind individuell, von beiden kann kein allgemein
gültiger Begriff aufgestellt werden. Das, was das eine Individuum zu
seiner Gesundheit nöthig hat, ist für ein anderes schon Grund zur
Erkrankung, und manche Mittel und Wege zur Freiheit des Geistes dürfen
höher entwickelten Naturen als Wege und Mittel zur Unfreiheit gelten.
287.
Censor vitae. Der Wechsel von Liebe und Hass bezeichnet für eine
lange Zeit den inneren Zustand eines Menschen, welcher frei in seinem
Urtheile über das Leben werden will; er vergisst nicht und trägt den
Dingen Alles nach, Gutes und Böses. Zuletzt, wenn die ganze Tafel
seiner Seele mit Erfahrungen voll geschrieben ist, wird er das Dasein
nicht verachten und hassen, aber es auch nicht lieben, sondern über
ihm liegen bald mit dem Auge der Freude, bald mit dem der Trauer, und,
wie die Natur, bald sommerlich, bald herbstlich gesinnt sein.
288.
Nebenerfolg. - Wer ernstlich frei werden will, wird dabei ohne allen
Zwang die Neigung zu Fehlern und Lastern mit verlieren; auch Aerger
und Verdruss werden ihn immer seltener anfallen. Sein Wille nämlich
will Nichts angelegentlicher, als Erkennen und das Mittel dazu, das
heisst: den andauernden Zustand, in dem er am tüchtigsten zum Erkennen
ist.
289.
Werth der Krankheit. - Der Mensch, der krank zu Bette liegt, kommt
mitunter dahinter, dass er für gewöhnlich an seinem Amte, Geschäfte
oder an seiner Gesellschaft krank ist und durch sie jede Besonnenheit
über sich verloren hat: er gewinnt diese Weisheit aus der Musse, zu
welcher ihn seine Krankheit zwingt.
290.
Empfindung auf dem Lande. - Wenn man nicht feste, ruhige Linien am
Horizonte seines Lebens hat, Gebirgs- und Waldlinien gleichsam, so
wird der innerste Wille des Menschen selber unruhig, zerstreut und
begehrlich wie das Wesen des Städters: er hat kein Glück und giebt
kein Glück.
291.
Vorsicht der freien Geister. - Freigesinnte, der Erkenntniss allein
lebende Menschen werden ihr äusserliches Lebensziel, ihre endgültige
Stellung zu Gesellschaft und Staat bald erreicht finden und zum
Beispiel mit einem kleinen Amte oder einem Vermögen, das gerade zum
Leben ausreicht, gerne sich zufrieden geben; denn sie werden sich
einrichten so zu leben, dass eine grosse Verwandelung der äusseren
Güter, ja ein Umsturz der politischen Ordnungen ihr Leben nicht mit
umwirft. Auf alle diese Dinge verwenden sie so wenig wie möglich an
Energie, damit sie mit der ganzen angesammelten Kraft und gleichsam
mit einem langen Athem in das Element des Erkennens hinabtauchen.
So können sie hoffen, tief zu tauchen und auch wohl auf den Grund
zu sehen. - Von einem Ereigniss wird ein solcher Geist gerne nur
einen Zipfel nehmen, er liebt die Dinge in der ganzen Breite und
Weitschweifigkeit ihrer Falten nicht: denn er will sich nicht in
diese verwickeln. - Auch er kennt die Wochentage der Unfreiheit, der
Abhängigkeit, der Dienstbarkeit. Aber von Zeit zu Zeit muss ihm ein
Sonntag der Freiheit kommen, sonst wird er das Leben nicht aushalten.
- Es ist wahrscheinlich, dass selbst seine Liebe zu den Menschen
vorsichtig und etwas kurzathmig sein wird, denn er will sich nur,
so weit es zum Zwecke der Erkenntniss nöthig ist, mit der Welt der
Neigungen und der Blindheit einlassen. Er muss darauf vertrauen, dass
der Genius der Gerechtigkeit Etwas für seinen Jünger und Schützling
sagen wird, wenn anschuldigende Stimmen ihn arm an Liebe nennen
sollten. - Es giebt in seiner Lebens- und Denkweise einen verfeinerten
Heroismus, welcher es verschmäht, sich der grossen Massen-Verehrung,
wie sein gröberer Bruder es thut, anzubieten und still durch die
Welt und aus der Welt zu gehen pflegt. Was für Labyrinthe er auch
durchwandert, unter welchen Felsen sich auch sein Strom zeitweilig
durchgequält hat - kommt er an's Licht, so geht er hell, leicht und
fast geräuschlos seinen Gang und lässt den Sonnenschein bis in seinen
Grund hinab spielen.
292.
Vorwärts. - Und damit vorwärts auf der Bahn der Weisheit, guten
Schrittes, guten Vertrauens! Wie du auch bist, so diene dir selber
als Quell der Erfahrung! Wirf das Missvergnügen über dein Wesen ab,
verzeihe dir dein eignes Ich, denn in jedem Falle hast du an dir eine
Leiter mit hundert Sprossen, auf welchen du zur Erkenntniss steigen
kannst. Das Zeitalter, in welches du dich mit Leidwesen geworfen
fühlst, preist dich selig dieses Glückes wegen; es ruft dir zu, dass
dir jetzt noch an Erfahrungen zu Theil werde, was Menschen späterer
Zeit vielleicht entbehren müssen. Missachte es nicht, noch religiös
gewesen zu sein; ergründe es völlig, wie du noch einen ächten Zugang
zur Kunst gehabt hast. Kannst du nicht gerade mit Hülfe dieser
Erfahrungen ungeheuren Wegstrecken der früheren Menschheit
verständnisvoller nachgehen? Sind nicht gerade auf dem Boden, welcher
dir mitunter so missfällt, auf dem Boden des unreinen Denkens, viele
der herrlichsten Früchte älterer Cultur aufgewachsen? Man muss
Religion und Kunst wie Mutter und Amme geliebt haben, - sonst kann
man nicht weise werden. Aber man muss über sie hinaus sehen, ihnen
entwachsen können; bleibt man in ihrem Banne, so versteht man sie
nicht. Ebenso muss dir die Historie vertraut sein und das vorsichtige
Spiel mit den Wagschalen: "einerseits-andererseits". Wandle zurück, in
die Fussstapfen tretend, in welchen die Menschheit ihren leidvollen
grossen Gang durch die Wüste der Vergangenheit machte: so bist du am
gewissesten belehrt, wohin alle spätere Menschheit nicht wieder gehen
kann oder darf. Und indem du mit aller Kraft vorauserspähen willst,
wie der Knoten der Zukunft noch geknüpft wird, bekommt dein eigenes
Leben den Werth eines Werkzeuges und Mittels zur Erkenntniss. Du hast
es in der Hand zu erreichen, dass all dein Erlebtes: die Versuche,
Irrwege, Fehler, Täuschungen, Leidenschaften, deine Liebe und deine
Hoffnung, in deinem Ziele ohne Rest aufgehn. Dieses Ziel ist, selber
eine nothwendige Kette von Cultur-Ringen zu werden und von dieser
Nothwendigkeit aus auf die Nothwendigkeit im Gange der allgemeinen
Cultur zu schliessen. Wenn dein Blick stark genug geworden ist, den
Grund in dem dunklen Brunnen deines Wesens und deiner Erkenntnisse
zu sehen, so werden dir vielleicht auch in seinem Spiegel die fernen
Sternbilder zukünftiger Culturen sichtbar werden. Glaubst du, ein
solches Leben mit einem solchen Ziele sei zu mühevoll, zu ledig aller
Annehmlichkeiten? So hast du noch nicht gelernt, dass kein Honig
süsser als der der Erkenntniss ist und dass die hängenden Wolken der
Trübsal dir noch zum Euter dienen müssen, aus dem du die Milch zu
deiner Labung melken wirst. Kommt das Alter, so merkst du erst recht,
wie du der Stimme der Natur Gehör gegeben, jener Natur, welche die
ganze Welt durch Lust beherrscht: das selbe Leben, welches seine
Spitze im Alter hat, hat auch seine Spitze in der Weisheit, in jenem
milden Sonnenglanz einer beständigen geistigen Freudigkeit; beiden,
dem Alter und der Weisheit, begegnest du auf Einem Bergrücken des
Lebens, so wollte es die Natur. Dann ist es Zeit und kein Anlass zum
Zürnen, dass der Nebel des Todes naht. Dem Lichte zu - deine letzte
Bewegung; ein jauchzen der Erkenntniss - dein letzter Laut.
Sechstes Hauptstück.
Der Mensch im Verkehr.
293.
Wohlwollende Verstellung. - Es ist häufig im Verkehre mit Menschen
eine wohlwollende Verstellung nöthig, als ob wir die Motive ihres
Handelns nicht durchschauten.
294.
Copien. - Nicht selten begegnet man Copien bedeutender Menschen; und
den Meisten gefallen, wie bei Gemälden, so auch hier, die Copien
besser als die Originale.
295.
Der Redner. - Man kann höchst passend reden und doch so, dass alle
Weldt über das Gegentheil schreit: nämlich dann, wenn man nicht zu
aller Welt redet.
296.
Mangel an Vertraulichkeit. - Mangel an Vertraulichkeit unter Freunden
ist ein Fehler, der nicht gerügt werden kann, ohne unheilbar zu
werden.
297.
Zur Kunst des Schenkens. - Eine Gabe ausschlagen zu müssen, blos weil
sie nicht auf die rechte Weise angeboten wurde, erbittert gegen den
Geber.
298.
Der gefährlichste Parteimann. - In jeder Partei ist Einer, der durch
sein gar zu gläubiges Aussprechen der Parteigrundsätze die Uebrigen
zum Abfall reizt.
299.
Rathgeber des Kranken. Wer einem Kranken seine Rathschläge giebt,
erwirbt sich ein Gefühl von Ueberlegenheit über ihn, sei es, dass sie
angenommen oder dass sie verworfen werden. Desshalb hassen reizbare
und stolze Kranke die Rathgeber noch mehr als ihre Krankheit.
300.
Doppelte Art der Gleichheit. - Die Sucht nach Gleichheit kann sich so
äussern, dass man entweder alle Anderen zu sich hinunterziehen möchte
(durch Verkleinern, Secretiren, Beinstellen) oder sich mit Allen
hinauf (durch Anerkennen, Helfen, Freude an fremdem Gelingen).
301.
Gegen Verlegenheit. - Das beste Mittel, sehr verlegenen Leuten zu
Hülfe zu kommen und sie zu beruhigen, besteht darin, dass man sie
entschieden lobt.
302.
Vorliebe für einzelne Tugenden. - Wir legen nicht eher besonderen
Werth auf den Besitz einer Tugend, bis wir deren völlige Abwesenheit
an unserem Gegner wahrnehmen.
303.
Warum man widerspricht. - Man widerspricht oft einer Meinung,
während uns eigentlich nur der Ton, mit dem sie vorgetragen wurde,
unsympathisch ist.
304.
Vertrauen und Vertraulichkeit. - Wer die Vertraulichkeit mit einer
anderen Person geflissentlich zu erzwingen sucht, ist gewöhnlich nicht
sicher darüber, ob er ihr Vertrauen besitzt. Wer des Vertrauens sicher
ist, legt auf Vertraulichkeit wenig Werth.
305.
Gleichgewicht der Freundschaft. - Manchmal kehrt, im Verhältniss
von uns zu einem andern Menschen, das rechte Gleichgewicht der
Freundschaft zurück, wenn wir in unsre eigene Wagschale einige Gran
Unrecht legen.
306.
Die gefährlichsten Aerzte. - Die gefährlichsten Aerzte sind die,
welche es dem geborenen Arzte als geborene Schauspieler mit
vollkommener Kunst der Täuschung nachmachen.
307.
Wann Paradoxien am Platze sind. - Geistreichen Personen braucht man
mitunter, um sie für einen Satz zu gewinnen, denselben nur in der Form
einer ungeheuerlichen Paradoxie vorzulegen.
308.
Wie muthige Leute gewonnen werden. - Muthige Leute überredet man
dadurch zu einer Handlung, dass man dieselbe gefährlicher darstellt,
als sie ist.
309.
Artigkeiten. - Unbeliebten Personen rechnen wir die Artigkeiten,
welche sie uns erweisen, zum Vergehen an.
310.
Warten lassen. - Ein sicheres Mittel, die Leute aufzubringen und ihnen
böse Gedanken in den Kopf zu setzen, ist, sie lange warten zu lassen.
Diess macht unmoralisch.
311.
Gegen die Vertraulichen. - Leute, welche uns ihr volles Vertrauen
schenken, glauben dadurch ein Recht auf das unsrige zu haben. Diess
ist ein Fehlschluss; durch Geschenke erwirbt man keine Rechte.
312.
Ausgleichsmittel. - Es genügt oft, einem Andern, dem man einen
Nachtheil zugefügt hat, Gelegenheit zu einem Witze über uns zu geben,
um ihm persönlich Genugthuung zu schaffen, ja um ihn für uns gut zu
stimmen.
313.
Eitelkeit der Zunge. - Ob der Mensch seine schlechten Eigenschaften
und Laster verbirgt oder mit Offenheit sie eingesteht, so wünscht doch
in beiden Fällen seine Eitelkeit einen Vortheil dabei zu haben: man
beachte nur, wie fein er unterscheidet, vor wem er jene Eigenschaften
verbirgt, vor wem er ehrlich und offenherzig wird.
314.
Rücksichtsvoll. - Niemanden kränken, Niemanden beeinträchtigen wollen
kann ebensowohl das Kennzeichen einer gerechten, als einer ängstlichen
Sinnesart sein.
315.
Zum Disputiren erforderlich. - Wer seine Gedanken nicht auf Eis zu
legen versteht, der soll sich nicht in die Hitze des Streites begeben.
316.
Umgang und Anmaassung. - Man verlernt die Anmaassung, wenn man sich
immer unter verdienten Menschen weiss; Allein-sein pflanzt Uebermuth.
Junge Leute sind anmaassend, denn sie gehen mit Ihresgleichen um,
welche alle Nichts sind, aber gerne viel bedeuten.
317.
Motiv des Angriffs. - Man greift nicht nur an, um jemandem wehe zu
thun, ihn zu besiegen, sondern vielleicht auch nur, um sich seiner
Kraft bewusst zu werden.
318.
Schmeichelei. - Personen, welche unsere Vorsicht im Verkehr mit ihnen
durch Schmeicheleien betäuben wollen, wenden ein gefährliches Mittel
an, gleichsam einen Schlaftrunk, welcher, wenn er nicht einschläfert,
nur um so mehr wach erhält.
319.
Guter Briefschreiber. - Der, welcher keine Bücher schreibt, viel denkt
und in unzureichender Gesellschaft lebt, wird gewöhnlich ein guter
Briefschreiber sein.
320.
Am hässlichsten. - Es ist zu bezweifeln, ob ein Vielgereister irgendwo
in der Welt hässlichere Gegenden gefunden hat, als im menschlichen
Gesichte.
321.
Die Mitleidigen. - Die mitleidigen, im Unglück jederzeit hülfreichen
Naturen sind selten zugleich die sich mitfreuenden: beim Glück der
Anderen haben sie Nichts zu thun, sind überflüssig, fühlen sich
nicht im Besitz ihrer Ueberlegenheit und zeigen desshalb leicht
Missvergnügen.
322.
Verwandte eines Selbstmörders. - Verwandte eines Selbstmörders rechnen
es ihm übel an, dass er nicht aus Rücksicht auf ihren Ruf am Leben
geblieben ist.
323.
Undank vorauszusehen. - Der, welcher etwas Grosses schenkt, findet
keine Dankbarkeit; denn der Beschenkte hat schon durch das Annehmen zu
viel Last.
324.
In geistloser Gesellschaft. - Niemand dankt dem geistreichen Menschen
die Höflichkeit, wenn er sich einer Gesellschaft gleichstellt, in der
es nicht höflich ist, Geist zu zeigen.
325.
Gegenwart von Zeugen. - Man springt einem Menschen, der in's Wasser
fällt, noch einmal so gern nach, wenn Leute zugegen sind, die es nicht
wagen.
326.
Schweigen. - Die für beide Parteien unangenehmste Art, eine Polemik zu
erwidern, ist, sich ärgern und schweigen: denn der Angreifende erklärt
sich das Schweigen gewöhnlich als Zeichen der Verachtung.
327.
Das Geheimniss des Freundes. - Es wird Wenige geben, welche, wenn
sie um Stoff zur Unterhaltung verlegen sind, nicht die geheimeren
Angelegenheiten ihrer Freunde preisgeben.
328.
Humanität. - Die Humanität der Berühmtheiten des Geistes besteht
darin, im Verkehre mit Unberühmten auf eine verbindliche Art Unrecht
zu behalten.
329.
Der Befangene. - Menschen, die sich in der Gesellschaft nicht sicher
fühlen, benutzen jede Gelegenheit, um an einem Nahegestellten, dem sie
überlegen sind, diese Ueberlegenheit öffentlich, vor der Gesellschaft,
zu zeigen, zum Beispiel durch Neckereien.
330.
Dank. - Eine feine Seele bedrückt es, sich Jemanden zum Dank
verpflichtet zu wissen; eine grobe, sich Jemandem.
331.
Merkmal der Entfremdung. - Das stärkste Anzeichen von Entfremdung der
Ansichten bei zwei Menschen ist diess, dass beide sich gegenseitig
einiges Ironische sagen, aber keiner von beiden das Ironische daran
fühlt.
332.
Anmaassung bei Verdiensten. - Anmaassung bei Verdiensten beleidigt
noch mehr, als Anmaassung von Menschen ohne Verdienst. denn schon das
Verdienst beleidigt.
333.
Gefahr in der Stimme. - Mitunter macht uns im Gespräche der Klang der
eigenen Stimme verlegen und verleitet uns zu Behauptungen, welche gar
nicht unserer Meinung entsprechen.
334.
Im Gespräche. - Ob man im Gespräche dem Andern vornehmlich Recht giebt
oder Unrecht, ist durchaus die Sache der Angewöhnung: das Eine wie das
Andere hat Sinn.
335.
Furcht vor dem Nächsten. - Wir fürchten die feindselige Stimmung des
Nächsten, weil wir befürchten, dass er durch diese Stimmung hinter
unsere Heimlichkeiten kommt.
336.
Durch Tadel auszeichnen. - Sehr angesehene Personen ertheilen selbst
ihren Tadel so, dass sie uns damit auszeichnen wollen. Es soll uns
aufmerksam machen, wie angelegentlich sie sich mit uns beschäftigen.
Wir verstehen sie ganz falsch, wenn wir ihren Tadel sachlich nehmen
und uns gegen ihn vertheidigen; wir ärgern sie dadurch und entfremden
uns ihnen.
337.
Verdruss am Wohlwollen Anderer. - Wir irren uns über den Grad, in
welchem wir uns gehasst, gefürchtet glauben: weil wir selber zwar gut
den Grad unserer Abweichung von einer Person, Richtung, Partei kennen,
jene Andern aber uns sehr oberflächlich kennen und desshalb auch nur
oberflächlich hassen. Wir begegnen oft einem Wohlwollen, welches uns
unerklärlich ist; verstehen wir es aber, so beleidigt es uns, weil es
zeigt, dass man uns nicht ernst, nicht wichtig genug nimmt.
338.
Sich kreuzende Eitelkeiten. - Zwei sich begegnende Personen, deren
Eitelkeit gleich gross ist, behalten hinterdrein von einander einen
schlechten Eindruck, weil jede so mit dem Eindruck beschäftigt war,
den sie bei der andern hervorbringen wollte, dass die andere auf
sie keinen Eindruck machte; beide merken endlich, dass ihr Bemühen
verfehlt ist und schieben je der andern die Schuld zu.
339.
Unarten als gute Anzeichen. - Der überlegene Geist hat an den
Tactlosigkeiten, Anmaassungen, ja Feindseligkeiten ehrgeiziger
Jünglinge gegen ihn sein Vergnügen; es sind die Unarten feuriger
Pferde, welche noch keinen Reiter getragen haben und doch in Kurzem so
stolz sein werden, ihn zu tragen.
340.