Die Tyrannen des Geistes. - Nur wohin der Strahl des mythus fällt, da

leuchtet das Leben der Griechen; sonst ist es düster. Nun berauben

sich die griechischen Philosophen eben dieses Mythus': ist es

nicht, als ob sie aus dem Sonnenschein sich in den Schatten, in die

Düsterkeit setzen wollten? Aber keine Pflanze geht dem Lichte aus

dem Wege; im Grunde suchten jene Philosophen nur eine hellere Sonne,

der Mythus war ihnen nicht rein, nicht leuchtend genug. Sie fanden

diess Licht in ihrer Erkenntniss, in dem, was jeder von ihnen seine

"Wahrheit" nannte. Damals aber hatte die Erkenntniss noch einen

grösseren Glanz; sie war noch jung und wusste noch wenig von allen

Schwierigkeiten und Gefahren ihrer Pfade; sie konnte damals noch

hoffen, mit einem einzigen Sprung an den Mittelpunct alles Seins

zu kommen und von dort aus das Räthsel der Welt zu lösen. Diese

Philosophen hatten - einen handfesten Glauben an sich und ihre

"Wahrheit" und warfen mit ihr alle ihre Nachbarn und Vorgänger nieder;

jeder von ihnen war ein streitbarer gewaltthätiger Tyrann. Vielleicht

war das Glück im Glauben an den Besitz der Wahrheit nie grösser in

der Welt, aber auch nie die Härte, der Uebermuth, das Tyrannische und

Böse eines solchen Glaubens. Sie waren Tyrannen, also Das, was jeder

Grieche sein wollte und was jeder war, wenn er es sein konnte.

Vielleicht macht nur Solon eine Ausnahme; in seinen Gedichten sagt er

es, wie er die persönliche Tyrannis verschmäht habe. Aber er that es

aus Liebe zu seinem Werke, zu seiner Gesetzgebung; und Gesetzgeber

sein ist eine sublimirtere Form des Tyrannenthums. Auch Parmenides gab

Gesetze, wohl auch Pythagoras und Empedokles; Anaximander gründete

eine Stadt. Plato war der fleischgewordene Wunsch, der höchste

philosophische Gesetzgeber und Staatengründer zu werden; er scheint

schrecklich an der Nichterfüllung seines Wesens gelitten zu haben, und

seine Seele wurde gegen sein Ende hin voll der schwärzesten Galle. Je

mehr das griechische Philosophenthum an Macht verlor, um so mehr litt

es innerlich durch diese Galligkeit und Schmähsucht; als erst die

verschiedenen Secten ihre Wahrheiten auf den Strassen verfochten, da

waren die Seelen aller dieser Freier der Wahrheit durch Eifer- und

Geifersucht völlig verschlammt, das tyrannische Element wüthete jetzt

als Gift in ihrem Körper. Diese vielen kleinen Tyrannen hätten sich

roh fressen mögen; es war kein Funke mehr von Liebe und allzuwenig

Freude an ihrer eigenen Erkenntniss in ihnen übrig geblieben. -

Ueberhaupt gilt der Satz, dass Tyrannen meistens ermordet werden

und dass ihre Nachkommenschaft kurz lebt, auch von den Tyrannen des

Geistes. Ihre Geschichte ist kurz, gewaltsam, ihre Nachwirkung bricht

plötzlich ab. Fast von allen grossen Hellenen kann man sagen, dass

sie zu spät gekommen scheinen, so von Aeschylus, von Pindar, von

Demosthenes, von Thukydides; ein Geschlecht nach ihnen - und dann ist

es immer völlig vorbei. Das ist das Stürmische und Unheimliche in der

griechischen Geschichte. Jetzt zwar bewundert man das Evangelium der

Schildkröte. Geschichtlich denken heisst jetzt fast so viel, als ob zu

allen Zeiten nach dem Satze Geschichte gemacht worden wäre: "möglichst

wenig in möglichst langer Zeit!" Ach, die griechische Geschichte läuft

so rasch! Es ist nie wieder so verschwenderisch, so maasslos gelebt

worden. Ich kann mich nicht überzeugen, dass die Geschichte der

Griechen jenen natürlichen Verlauf genommen habe, der so an ihr

gerühmt wird. Sie waren viel zu mannichfach begabt dazu, um in jener

schrittweisen Manier allmählich zu sein, wie es die Schildkröte

im Wettlauf mit Achilles ist: und das nennt man ja natürliche

Entwickelung. Bei den Griechen geht es schnell vorwärts, aber eben so

schnell abwärts; die Bewegung der ganzen Maschine ist so gesteigert,

dass ein einziger Stein, in ihre Räder geworfen, sie zerspringen

macht. Ein solcher Stein war zum Beispiel Sokrates; in einer Nacht

war die bis dahin so wunderbar regelmässige, aber freilich allzu

schleunige Entwickelung der philosophischen Wissenschaft zerstört.

Es ist keine müssige Frage, ob nicht Plato, von der sokratischen

Verzauberung frei geblieben, einen noch höheren Typus des

philosophischen Menschen gefunden hätte, der uns auf immer verloren

ist. Man sieht in die Zeiten vor ihm wie in einer Bildner-Werkstätte

solcher Typen hinein. Das sechste und fünfte Jahrhundert scheint aber

doch noch mehr und Höheres zu verheissen, als es selber hervorgebracht

hat; aber es blieb bei dem Verheissen und Ankündigen. Und doch giebt

es kaum einen schwereren Verlust, als den Verlust eines Typus', einer

neuen, bis dahin unentdeckt gebliebenen höchsten Möglichkeit des

philosophischen Lebens. Selbst von den älteren Typen sind die meisten

schlecht überliefert; es scheinen mir alle Philosophen von Thales bis

Demokrit ausserordentlich schwer erkennbar; wem es aber gelingt, diese

Gestalten nachzuschaffen, der wandelt unter Gebilden von mächtigstem

und reinstem Typus. Diese Fähigkeit ist freilich selten, sie fehlte

selbst den späteren Griechen, welche sich mit der Kunde der älteren

Philosophie befassten; Aristoteles zumal scheint seine Augen nicht im

Kopfe zu haben, wenn er vor den Bezeichneten steht. Und so scheint es,

als ob diese herrlichen Philosophen umsonst gelebt hätten oder als ob

sie gar nur die streit- und redelustigen Schaaren der sokratischen

Schulen hätten vorbereiten sollen. Es ist hier, wie gesagt, eine

Lücke, ein Bruch in der Entwickelung; irgend ein grosses Unglück muss

geschehen sein und die einzige Statue, an welcher man Sinn und Zweck

jener grossen bildnerischen Vorübung erkannt haben würde, zerbrach

oder misslang: was eigentlich geschehen ist, ist für immer ein

Geheimniss der Werkstätte geblieben. - Das, was bei den Griechen sich

ereignete - dass jeder grosse Denker im Glauben daran, Besitzer der

absoluten Wahrheit zu sein, zum Tyrannen wurde, so dass auch die

Geschichte des Geistes bei den Griechen jenen gewaltsamen, übereilten

und gefährlichen Charakter bekommen hat, den ihre politische

Geschichte zeigt - diese Art von Ereignissen war damit nicht

erschöpft: es hat sich vieles Gleiche bis in die neueste Zeit hinein

begeben, obwohl allmählich seltener und jetzt schwerlich mehr mit dem

reinen naiven Gewissen der griechischen Philosophen. Denn im Ganzen

redet jetzt die Gegenlehre und die Skepsis zu mächtig, zu laut. Die

Periode der Tyrannen des Geistes ist vorbei. In den Sphären der

höheren Cultur wird es freilich immer eine Herrschaft geben müssen, -

aber diese Herrschaft liegt von jetzt ab in den Händen der Oligarchen

des Geistes. Sie bilden, trotz aller räumlichen und politischen

Trennung, eine zusammengehörige Gesellschaft, deren Mitglieder sich

erkennen und anerkennen, was auch die öffentliche Meinung und die

Urtheile der auf die Masse wirkenden Tages- und Zeitschriftsteller

für Schätzungen der Gunst oder Abgunst in Umlauf bringen mögen. Die

geistige Ueberlegenheit, welche früher trennte und verfeindete, pflegt

jetzt zu binden: wie könnten die Einzelnen sich selbst behaupten

und auf eigener Bahn, allen Strömungen entgegen, durch das Leben

schwimmen, wenn sie nicht ihres Gleichen hier und dort unter gleichen

Bedingungen leben sähen und deren Hand ergriffen, im Kampfe eben so

sehr gegen den ochlokratischen Charakter des Halbgeistes und der

Halbbildung, als gegen die gelegentlichen Versuche, mit Hülfe der

Massenwirkung eine Tyrannei aufzurichten? Die Oligarchen sind einander

nöthig, sie haben an einander ihre beste Freude, sie verstehen ihre

Abzeichen, - aber trotzdem ist ein jeder von ihnen frei, er kämpft und

siegt an seiner Stelle und geht lieber unter, als sich zu unterwerfen.

262.

Homer. - Die grösste Thatsache in der griechischen Bildung bleibt doch

die, dass Homer so frühzeitig panhellenisch wurde. Alle geistige und

menschliche Freiheit, welche die Griechen erreichten, geht auf diese

Thatsache zurück. Aber zugleich ist es das eigentliche Verhängniss

der griechischen Bildung gewesen, denn Homer verflachte, indem er

centralisirte, und löste die ernsteren Instincte der Unabhängigkeit

auf. Von Zeit zu Zeit erhob sich aus dem tiefsten Grunde des

Hellenischen der Widerspruch gegen Homer; aber er blieb immer

siegreich. Alle grossen geistigen Mächte üben neben ihrer befreienden

Wirkung auch eine unterdrückende aus; aber freilich ist es ein

Unterschied, ob Homer oder die Bibel oder die Wissenschaft die

Menschen tyrannisiren.

263.

Begabung. - In einer so hoch entwickelten Menschheit, wie die jetzige

ist, bekommt von Natur Jeder den Zugang zu vielen Talenten mit. Jeder

hat angeborenes Talent, aber nur Wenigen ist der Grad von Zähigkeit,

Ausdauer, Energie angeboren und anerzogen, so dass er wirklich ein

Talent wird, also wird, was er ist, das heisst: es in Werken und

Handlungen entladet.

264.

Der Geistreiche entweder überschätzt oder unterschätzt. -

Unwissenschaftliche, aber begabte Menschen schätzen jedes Anzeichen

von Geist, sei es nun, dass er auf wahrer oder falscher Fährte ist;

sie wollen vor Allem, dass der Mensch, der mit ihnen verkehrt, sie gut

mit seinem Geist unterhalte, sie ansporne, entflamme, zu Ernst und

Scherz fortreisse und jedenfalls vor der Langenweile als kräftigstes

Amulet schütze. Die wissenschaftlichen Naturen wissen dagegen, dass

die Begabung, allerhand Einfälle zu haben, auf das strengste durch den

Geist der Wissenschaft gezügelt werden müsse; nicht Das, was glänzt,

scheint, erregt, sondern die oft unscheinbare Wahrheit ist die Frucht,

welche er vom Baum der Erkenntniss zu schütteln wünscht. Er darf,

wie Aristoteles, zwischen "Langweiligen" und "Geistreichen" keinen

Unterschied machen, sein Dämon führt ihn durch die Wüste ebenso wie

durch tropische Vegetation, damit er überall nur an dem Wirklichen,

Haltbaren, Aechten seine Freude habe. - Daraus ergiebt sich, bei

unbedeutenden Gelehrten, eine Missachtung und Verdächtigung des

Geistreichen überhaupt, und wiederum haben geistreiche Leute häufig

eine Abneigung gegen die Wissenschaft: wie zum Beispiel fast alle

Künstler.

265.

Die Vernunft in der Schule. - Die Schule hat keine wichtigere Aufgabe,

als strenges Denken, vorsichtiges Urtheilen, consequentes Schliessen

zu lehren: desshalb hat sie von allen Dingen abzusehen, die nicht für

diese Operationen tauglich sind, zum Beispiel von der Religion. Sie

kann ja darauf rechnen, dass menschliche Unklarheit, Gewöhnung und

Bedürfniss später doch wieder den Bogen des allzustraffen Denkens

abspannen. Aber so lange ihr Einfluss reicht, soll sie Das erzwingen,

was das Wesentliche und Auszeichnende am Menschen ist- "Vernunft

und Wissenschaft des Menschen allerhöchste Kraft" - wie wenigstens

Goethe urtheilt. - Der grosse Naturforscher von Baer findet die

Ueberlegenheit aller Europäer im Vergleich zu Asiaten in der

eingeschulten Fähigkeit, dass sie Gründe für Das, was sie glauben,

angeben können, wozu Diese aber völlig unfähig sind. Europa ist in die

Schule des consequenten und kritischen Denkens gegangen, Asien weiss

immer noch nicht zwischen Wahrheit und Dichtung zu unterscheiden

und ist sich nicht bewusst, ob seine Ueberzeugungen aus eigener

Beobachtung und regelrechtem Denken oder aus Phantasien stammen. - Die

Vernunft in der Schule hat Europa zu Europa gemacht: im Mittelalter

war es auf dem Wege, wieder zu einem Stück und Anhängsel Asiens zu

werden, - also den wissenschaftlichen Sinn, welchen es den Griechen

verdankte, einzubüssen.

266.

Unterschätzte Wirkung des gymnasialen Unterrichts. - Man sucht den

Werth des Gymnasiums selten in den Dingen, welche wirklich dort

gelernt und von ihm unverlierbar heimgebracht werden, sondern in

denen, welche man lehrt, welche der Schüler sich aber nur mit

Widerwillen aneignet, um sie, so schnell er darf, von sich

abzuschütteln. Das Lesen der Classiker - das giebt jeder Gebildete

zu - ist so, wie es überall getrieben wird, eine monströse Procedur:

vor jungen Menschen, welche in keiner Beziehung dazu reif sind, von

Lehrern, welche durch jedes Wort, oft durch ihr Erscheinen schon einen

Mehlthau über einen guten Autor legen. Aber darin liegt der Werth, der

gewöhnlich verkannt wird, - dass diese Lehrer die abstracte Sprache

der höhern Cultur reden, schwerfällig und schwer zum Verstehen,

wie sie ist, aber eine hohe Gymnastik des Kopfes; dass Begriffe,

Kunstausdrücke, Methoden, Anspielungen in ihrer Sprache fortwährend

vorkommen, welche die jungen Leute im Gespräche ihrer Angehörigen und

auf der Gasse fast nie hören. Wenn die Schüler nur hören, so wird ihr

Intellect zu einer wissenschaftlichen Betrachtungsweise unwillkürlich

präformirt. Es ist nicht möglich, aus dieser Zucht völlig unberührt

von der Abstraction als reines Naturkind herauszukommen.

267.

Viele Sprachen lernen. - Viele Sprachen lernen füllt das Gedächtniss

mit Worten, statt mit Thatsachen und Gedanken, aus, während diess ein

Behältniss ist, welches bei jedem Menschen nur eine bestimmt begränzte

Masse von Inhalt aufnehmen kann. Sodann schadet das Lernen vieler

Sprachen, insofern es den Glauben, Fertigkeiten zu haben, erweckt und

thatsächlich auch ein gewisses verführerisches Ansehen im Verkehre

verleiht; es schadet sodann auch indirect dadurch, dass es dem

Erwerben gründlicher Kenntnisse und der Absicht, auf redliche Weise

die Achtung der Menschen zu verdienen, entgegenwirkt. Endlich ist es

die Axt, welche dem feineren Sprachgefühl innerhalb der Muttersprache

an die Wurzel gelegt wird: diess wird dadurch unheilbar beschädigt und

zu Grunde gerichtet. Die beiden Völker, welche die grössten Stilisten

erzeugten, Griechen und Franzosen, lernten keine fremden Sprachen. -

Weil aber der Verkehr der Menschen immer kosmopolitischer werden muss,

und zum Beispiel ein rechter Kaufmann in London jetzt schon sich in

acht Sprachen schriftlich und mündlich verständlich zu machen hat, so

ist freilich das Viele-Sprachen-lernen ein nothwendiges Uebel; welches

aber zuletzt zum Aeussersten kommend, die Menschheit zwingen wird,

ein Heilmittel zu finden: und in irgend einer fernen Zukunft wird es

eine neue Sprache, zuerst als Handelssprache, dann als Sprache des

geistigen Verkehres überhaupt, für Alle geben, so gewiss, als es

einmal Luft-Schifffahrt giebt. Wozu hätte auch die Sprachwissenschaft

ein Jahrhundert lang die Gesetze der Sprache studirt und das

Nothwendige, Werthvolle, Gelungene an jeder einzelnen Sprache

abgeschätzt!

268.

Zur Kriegsgeschichte des Individuums. - Wir finden in ein einzelnes

Menschenleben, welches durch mehrere Culturen geht, den Kampf

zusammengedrängt, welcher sich sonst zwischen zwei Generationen,

zwischen Vater und Sohn, abspielt: die Nähe der Verwandtschaft

verschärft diesen Kampf, weil jede Partei schonungslos das ihr so gut

bekannte Innere der anderen Partei mit hineinzieht; und so wird dieser

Kampf im einzelnen Individuum am erbittertsten sein; hier schreitet

jede neue Phase über die früheren mit grausamer Ungerechtigkeit und

Verkennung von deren Mitteln und Zielen hinweg.

269.

Um eine Viertelstunde früher. - Man findet gelegentlich Einen, der mit

seinen Ansichten über seiner Zeit steht, aber doch nur um so viel,

dass er die Vulgäransichten des nächsten Jahrzehnts vorwegnimmt. Er

hat die öffentliche Meinung eher, als sie öffentlich ist, das heisst:

er ist einer Ansicht, die es verdient trivial zu werden, eine

Viertelstunde eher in die Arme gefallen, als Andere. Sein Ruhm pflegt

aber viel lauter zu sein, als der Ruhm der wirklichen Grossen und

Ueberlegenen.

270.

Die Kunst, zu lesen. - jede starke Richtung ist einseitig; sie nähert

sich der Richtung der geraden Linie und ist wie diese ausschliessend,

das heisst sie berührt nicht viele andere Richtungen, wie diess

schwache Parteien und Naturen in ihrem wellenhaften Hin- und Hergehen

thun: das muss man also auch den Philologen nachsehen, dass sie

einseitig sind. Herstellung und Reinhaltung der Texte, nebst der

Erklärung derselben, in einer Zunft jahrhundertelang fortgetrieben,

hat endlich jetzt die richtigen Methoden finden lassen; das ganze

Mittelalter war tief unfähig zu einer streng philologischen Erklärung,

das heisst zum einfachen Verstehenwollen dessen, was der Autor sagt,

- es war Etwas, diese Methoden zu finden, man unterschätze es nicht!

Alle Wissenschaft hat dadurch erst Continuität und Stetigkeit

gewonnen, dass die Kunst des richtigen Lesens, das heisst die

Philologie, auf ihre Höhe kam.

271.

Die Kunst, zu schliessen. - Der grösste Fortschritt, den die Menschen

gemacht haben, liegt darin, dass sie richtig schliessen lernen. Das

ist gar nicht so etwas Natürliches, wie Schopenhauer annimmt, wenn er

sagt: "zu schliessen sind Alle, zu urtheilen Wenige fähig", sondern

ist spät erlernt und jetzt noch nicht zur Herrschaft gelangt.

Das faische Schliessen ist in älteren Zeiten die Regel: und

die Mythologien aller Völker, ihre Magie und ihr Aberglaube,

ihr religiöser Cultus, ihr Recht sind die unerschöpflichen

Beweis-Fundstätten für diesen Satz.

272.

Jahresringe der individuellen Cultur. - Die Stärke und Schwäche

der geistigen Productivität hängt lange nicht so an der angeerbten

Begabung, als an dem mitgegebenen Maasse von Spannkraft. Die meisten

jungen Gebildeten von dreissig Jahren gehen um diese Frühsonnenwende

ihres Lebens zurück und sind für neue geistige Wendungen von da an

unlustig. Desshalb ist dann gleich wieder zum Heile einer fort und

fort wachsenden Cultur eine neue Generation nöthig, die es nun

aber ebenfalls nicht weit bringt: denn um die Cultur des Vaters

nachzuholen, muss der Sohn die angeerbte Energie, welche der Vater

auf jener Lebensstufe, als er den Sohn zeugte, selber besass, fast

aufbrauchen; mit dem kleinen Ueberschuss kommt er weiter (denn weil

hier der Weg zum zweiten Mal gemacht wird, geht es ein Wenig schneller

vorwärts; der Sohn verbraucht, um das Selbe zu lernen, was der Vater

wusste, nicht ganz so viel Kraft). Sehr spannkräftige Männer, wie zum

Beispiel Goethe, durchmessen so viel als kaum vier Generationen hinter

einander vermögen; desshalb kommen sie aber zu schnell voraus, so

dass die anderen Menschen sie erst in dem nächsten Jahrhundert

einholen, vielleicht nicht einmal völlig, weil durch die häufigen

Unterbrechungen die Geschlossenheit der Cultur, die Consequenz der

Entwickelung geschwächt worden ist. - Die gewöhnlichen Phasen der

geistigen Cultur, welche im Verlauf der Geschichte errungen ist,

holen die Menschen immer schneller nach. Sie beginnen gegenwärtig in

die Cultur als religiös bewegte Kinder einzutreten und bringen es

vielleicht im zehnten Lebensjahre zur höchsten Lebhaftigkeit dieser

Empfindungen, gehen dann in abgeschwächtere Formen (Pantheismus)

über, während sie sich der Wissenschaft nähern; kommen über Gott,

Unsterblichkeit und dergleichen ganz hinaus, aber verfallen den

Zaubern einer metaphysischen Philosophie. Auch diese wird ihnen

endlich unglaubwürdig; die Kunst scheint dagegen immer mehr zu

gewähren, so dass eine Zeit lang die Metaphysik kaum noch in einer

Umwandelung zur Kunst oder als künstlerisch verklärende Stimmung

übrig bleibt und fortlebt. Aber der wissenschaftliche Sinn wird immer

gebieterischer und führt den Mann hin zur Naturwissenschaft und

Historie und namentlich zu den strengsten Methoden des Erkennens,

während der Kunst eine immer mildere und anspruchslosere Bedeutung

zufällt. Diess Alles pflegt sich jetzt innerhalb der ersten dreissig

Jahre eines Mannes zu ereignen. Es ist die Recapitulation eines

Pensums, an welchem die Menschheit vielleicht dreissigtausend Jahre

sich abgearbeitet hat.

273.

Zurückgegangen, nicht zurückgeblieben. - Wer gegenwärtig seine

Entwickelung noch aus religiösen Empfindungen heraus anhebt und

vielleicht längere Zeit nachher in Metaphysik und Kunst weiterlebt,

der hat sich allerdings ein gutes Stück zurückbegeben und beginnt

sein Wettrennen mit anderen modernen Menschen unter ungünstigen

Voraussetzungen: er verliert scheinbar Raum und Zeit. Aber dadurch,

dass er sich in jenen Bereichen aufhielt, wo Gluth und Energie

entfesselt werden und fortwährend Macht als vulcanischer Strom aus

unversiegbarer Quelle strömt, kommt er dann, sobald er sich nur

zur rechten Zeit von jenen Gebieten getrennt hat, um so schneller

vorwärts, sein Fuss ist beflügelt, seine Brust hat ruhiger, länger,

ausdauernder athmen gelernt. - Er hat sich nur zurückgezogen, um

zu seinem Sprunge genügenden Raum zu haben: so kann selbst etwas

Fürchterliches, Drohendes in diesem Rückgange liegen.

274.

Ein Ausschnitt unseres Selbst als künstlerisches Object. - Es ist ein

Zeichen überlegener Cultur, gewisse Phasen der Entwickelung, welche

die geringeren Menschen fast gedankenlos durchleben und von der Tafel

ihrer Seele dann wegwischen, mit Bewusstsein festzuhalten und ein

getreues Bild davon zu entwerfen: denn diess ist die höhere Gattung

der Malerkunst, welche nur Wenige verstehen. Dazu wird es nöthig, jene

Phasen künstlich zu isoliren. Die historischen Studien bilden die

Befähigung zu diesem Malerthum aus, denn sie fordern uns fortwährend

auf, bei Anlass eines Stückes Geschichte, eines Volkes - oder

Menschenlebens uns einen ganz bestimmten Horizont von Gedanken,

eine bestimmte Stärke von Empfindungen, das Vorwalten dieser, das

Zurücktreten jener vorzustellen. Darin, dass man solche Gedanken- und

Gefühlssysteme aus gegebenen Anlässen schnell reconstruiren kann, wie

den Eindruck eines Tempels aus einigen zufällig stehen gebliebenen

Säulen und Mauerresten, besteht der historische Sinn. Das nächste

Ergebniss desselben ist, dass wir unsere Mitmenschen als ganz

bestimmte solche Systeme und Vertreter verschiedener Culturen

verstehen, das heisst als nothwendig, aber als veränderlich.

Und wiederum, dass wir in unserer eigenen Entwickelung Stücke

heraustrennen und selbständig hinstellen können.

275.

Cyniker und Epikureer. - Der Cyniker erkennt den Zusammenhang zwischen

den vermehrten und stärkeren Schmerzen des höher cultivirten Menschen

und der Fülle von Bedürfnissen; er begreift also, dass die Menge von

Meinungen über das Schöne, Schickliche, Geziemende, Erfreuende ebenso

sehr reiche Genuss-, aber auch Unlustquellen entspringen lassen

musste. Gemäss dieser Einsicht bildet er sich zurück, indem er viele

dieser Meinungen aufgiebt und sich gewissen Anforderungen der Cultur

entzieht; damit gewinnt er ein Gefühl der Freiheit und der Kräftigung;

und allmählich, wenn die Gewohnheit ihm seine Lebensweise erträglich

macht, hat er in der That seltnere und schwächere Unlustempfindungen,

als die cultivirten Menschen, und nähert sich dem Hausthier an;

überdiess empfindet er Alles im Reiz des Contrastes und - schimpfen

kann er ebenfalls nach Herzenslust; so dass er dadurch wieder hoch

über die Empfindungswelt des Thieres hinauskommt. - Der Epikureer hat

den selben Gesichtspunct wie der Cyniker; zwischen ihm und jenem ist

gewöhnlich nur ein Unterschied des Temperamentes. Sodann benutzt der

Epikureer seine höhere Cultur, um sich von den herrschenden Meinungen

unabhängig zu machen; er erhebt sich über dieselben, während

der Cyniker nur in der Negation bleibt. Er wandelt gleichsam in

windstillen, wohlgeschützten, halbdunkelen Gängen, während über ihm,

im Winde, die Wipfel der Bäume brausen und ihm verrathen, wie heftig

bewegt da draussen die Welt ist. Der Cyniker dagegen geht gleichsam

nackt draussen im Windeswehen umher und härtet sich bis zur

Gefühllosigkeit ab.

276.

Mikrokosmus und Makrokosmus der Cultur. - Die besten Entdeckungen

über die Cultur macht der Mensch in sich selbst, wenn er darin zwei

heterogene Mächte waltend findet. Gesetzt, es lebe Einer eben so sehr

in der Liebe zur bildenden Kunst oder zur Musik als er vom Geiste der

Wissenschaft fortgerissen werde, und er sehe es als unmöglich an,

diesen Widerspruch durch Vernichtung der einen und volle Entfesselung

der anderen Macht aufzuheben: so bleibt ihm nur übrig, ein so grosses

Gebäude der Cultur aus sich zu gestalten, dass jene beiden Mächte,

wenn auch an verschiedenen Enden desselben, in ihm wohnen können,

während zwischen ihnen versöhnende Mittelmächte, mit überwiegender

Kraft, um nöthigen falls den ausbrechenden Streit zu schlichten, ihre

Herberge haben. Ein solches Gebäude der Cultur im einzelnen Individuum

wird aber die grösste Aehnlichkeit mit dem Culturbau in ganzen

Zeitperioden haben und eine fortgesetzte analogische Belehrung über

denselben abgeben. Denn überall, wo sich die grosse Architektur der

Cultur entfaltet hat, war ihre Aufgabe, die einander widerstrebenden

Mächte zur Eintracht vermöge einer übermächtigen Ansammelung der

weniger unverträglichen übrigen Mächte zu zwingen, ohne sie desshalb

zu unterdrücken und in Fesseln zu schlagen.

277.

Glück und Cultur. - Der Anblick der Umgebungen unserer Kindheit

erschüttert uns: das Gartenhaus, die Kirche mit den Gräbern, der Teich

und der Wald, - diess sehen wir immer als Leidende wieder. Mitleid

mit uns selbst ergreift uns, denn was haben wir seitdem Alles

durchgelitten! Und hier steht jegliches noch so still, so ewig da:

nur wir sind so anders, so bewegt; selbst etliche Menschen finden wir

wieder, an welchen die Zeit nicht mehr ihren Zahn gewetzt hat, als

an einem Eichenbaume: Bauern, Fischer, Waldbewohner - sie sind die

selben. - Erschütterung, Selbstmitleid im Angesichte der niederen

Cultur ist das Zeichen der höheren Cultur; woraus sich ergiebt, dass

durch diese das Glück jedenfalls nicht gemehrt worden ist. Wer eben

Glück und Behagen vom Leben ernten will, der mag nur immer der höheren

Cultur aus dem Wege gehen.

278.

Gleichniss vom Tanze. - Jetzt ist es als das entscheidende Zeichen

grosser Cultur zu betrachten, wenn jemand jene Kraft und Biegsamkeit

besitzt, um ebenso rein und streng im Erkennen zu sein als, in

andern Momenten, auch befähigt, der Poesie, Religion und Metaphysik

gleichsam hundert Schritte vorzugeben und ihre Gewalt und Schönheit

nachzuempfinden. Eine solche Stellung zwischen zwei so verschiedenen

Ansprüchen ist sehr schwierig, denn die Wissenschaft drängt zur

absoluten Herrschaft ihrer Methode, und wird diesem Drängen nicht

nachgegeben, so entsteht die andere Gefahr eines schwächlichen Auf-

und Niederschwankens zwischen verschiedenen Antrieben. Indessen: um

wenigstens mit einem Gleichniss einen Blick auf die Lösung dieser

Schwierigkeit zu eröffnen, möge man sich doch daran erinnern, dass

der Tanz nicht das Selbe wie ein mattes Hin- und Hertaumeln zwischen

verschiedenen Antrieben ist. Die hohe Cultur wird einem kühnen Tanze

ähnlich sehen: wesshalb, wie gesagt, viel Kraft und Geschmeidigkeit

noth thut.

279.

Menschliches, Allzumenschliches: Ein Buch Fuer Freie Geister · 第 15 / 24 段