Wunder-Erziehung. - Das Interesse in der Erziehung wird erst von dem

Augenblick an grosse Stärke bekommen, wo man den Glauben an einen Gott

und seine Fürsorge aufgiebt: ebenso wie die Heilkunst erst erblühen

konnte, als der Glaube an Wunder-Curen aufhörte. Bis jetzt glaubt aber

alle Welt noch an die Wunder-Erziehung: aus der grössten Unordnung,

Verworrenheit der Ziele, Ungunst der Verhältnisse sah man ja die

fruchtbarsten, mächtigsten Menschen erwachsen: wie konnte diess doch

mit rechten Dingen zugehen? - jetzt wird man, bald auch in diesen

Fällen, näher zusehen, sorgsamer prüfen: Wunder wird man dabei niemals

entdecken. Unter gleichen Verhältnissen gehen fortwährend zahlreiche

Menschen zu Grunde, das einzelne gerettete Individuum ist dafür

gewöhnlich stärker geworden, weil es diese schlimmen Umstände vermöge

unverwüstlicher eingeborener Kraft ertrug und diese Kraft noch geübt

und vermehrt hat: so erklärt sich das Wunder. Eine Erziehung, welche

an kein Wunder mehr glaubt, wird auf dreierlei zu achten haben:

erstens, wie viel Energie ist vererbt? zweitens, wodurch kann noch

neue Energie entzündet werden? drittens, wie kann das Individuum jenen

so überaus vielartigen Ansprüchen der Cultur angepasst werden, ohne

dass diese es beunruhigen und seine Einartigkeit zersplittern, -

kurz, wie kann das Individuum in den Contrapunct der privaten und

öffentlichen Cultur eingereiht werden, wie kann es zugleich die

Melodie führen und als Melodie begleiten?

243.

Die Zukunft des Arztes. - Es giebt jetzt keinen Beruf, der eine so

hohe Steigerung zuliesse, wie der des Arztes; namentlich nachdem die

geistlichen Aerzte, die sogenannten Seelsorger ihre Beschwörungskünste

nicht mehr unter öffentlichem Beifall treiben dürfen und ein

Gebildeter ihnen aus dem Wege geht. Die höchste geistige Ausbildung

eines Arztes ist jetzt nicht erreicht, wenn er die besten neuesten

Methoden kennt und auf sie eingeübt ist und jene fliegenden Schlüsse

von Wirkungen auf Ursachen zu machen versteht, derentwegen die

Diagnostiker berühmt sind: er muss ausserdem eine Beredtsamkeit haben,

die sich jedem Individuum anpasst und ihm das Herz aus dem Leibe

zieht, eine Männlichkeit, deren Anblick schon den Kleinmuth (den

Wurmfrass aller Kranken) verscheucht, eine Diplomaten-Geschmeidigkeit

im Vermitteln zwischen Solchen, welche Freude zu ihrer Genesung nöthig

haben und Solchen, die aus Gesundheitsgründen Freude machen müssen

(und können), die Feinheit eines Polizeiagenten und Advocaten, die

Geheimnisse einer Seele zu verstehen, ohne sie zu verrathen, - kurz

ein guter Arzt bedarf jetzt der Kunstgriffe und Kunstvorrechte aller

andern Berufsclassen: so ausgerüstet, ist er dann im Stande, der

ganzen Gesellschaft ein Wohlthäter zu werden, durch Vermehrung guter

Werke, geistiger Freude und Fruchtbarkeit, durch Verhütung von bösen

Gedanken, Vorsätzen, Schurkereien (deren ekler Quell so häufig

der Unterleib ist), durch Herstellung einer geistig-leiblichen

Aristokratie (als Ehestifter und Eheverhinderer), durch wohlwollende

Abschneidung aller sogenannten Seelenqualen und Gewissensbisse: so

erst wird er aus einem "Medicinmann" ein Heiland und braucht doch

keine Wunder zu thun, hat auch nicht nöthig, sich kreuzigen zu lassen.

244.

In der Nachbarschaft des Wahnsinns. - Die Summe der Empfindungen,

Kenntnisse, Erfahrungen, also die ganze Last der Cultur, ist so

gross geworden, dass eine Ueberreizung der Nerven- und Denkkräfte

die allgemeine Gefahr ist, ja dass die cultivirten Classen der

europäischen Länder durchweg neurotisch sind und fast jede ihrer

grösseren Familien in einem Gliede dem Irrsinn nahe gerückt ist. Nun

kommt man zwar der Gesundheit jetzt auf alle Weise entgegen; aber in

der Hauptsache bleibt eine Verminderung jener Spannung des Gefühls,

jener niederdrückenden Cultur-Last vonnöthen, welche, wenn sie selbst

mit schweren Einbussen erkauft werden sollte, uns doch zu der grossen

Hoffnung einer neuen Renaissance Spielraum giebt. Man hat dem

Christenthum, den Philosophen, Dichtern, Musikern eine Ueberfülle tief

erregter Empfindungen zu danken: damit diese uns nicht überwuchern,

müssen wir den Geist der Wissenschaft beschwören, welcher im Ganzen

etwas kälter und skeptischer macht und namentlich den Gluthstrom des

Glaubens an letzte endgültige Wahrheiten abkühlt; er ist vornehmlich

durch das Christenthum so wild geworden.

245.

Glockenguss der Cultur. - Die Cultur ist entstanden wie eine Glocke,

innerhalb eines Mantels von gröberem, gemeinerem Stoffe: Unwahrheit,

Gewaltsamkeit, unbegränzte Ausdehnung aller einzelnen Ich's, aller

einzelnen Völker, waren dieser Mantel. Ist es an der Zeit, ihn jetzt

abzunehmen? Ist das Flüssige erstarrt, sind die guten, nützlichen

Triebe, die Gewohnheiten des edleren Gemüthes so sicher und allgemein

geworden, dass es keiner Anlehnung an Metaphysik und die Irrthümer

der Religionen mehr bedarf, keiner Härten und Gewaltsamkeiten als

mächtigster Bindemittel zwischen Mensch und Mensch, Volk und Volk?

- Zur Beantwortung dieser Frage ist kein Wink eines Gottes uns

mehr hülfreich: unsere eigene Einsicht muss da entscheiden. Die

Erdregierung des Menschen im Grossen hat der Mensch selber in die Hand

zu nehmen, seine "Allwissenheit" muss über dem weiteren Schicksal der

Cultur mit scharfem Auge wachen.

246.

Die Cyklopen der Cultur. - Wer jene zerfurchten Kessel sieht, in denen

Gletscher gelagert haben, hält es kaum für möglich, dass eine Zeit

kommt, wo an der selben Stelle ein Wiesen- und Waldthal mit Bächen

darin sich hinzieht. So ist es auch in der Geschichte der Menschheit;

die wildesten Kräfte brechen Bahn, zunächst zerstörend, aber trotzdem

war ihre Thätigkeit nöthig, damit später eine mildere Gesittung hier

ihr Haus aufschlage. Die schrecklichen Energien - Das, was man das

Böse nennt - sind die cyklopischen Architekten und Wegebauer der

Humanität.

247.

Kreislauf des Menschenthums. - Vielleicht ist das ganze Menschenthum

nur eine Entwickelungsphase einer bestimmten Thierart von begränzter

Dauer. so dass der Mensch aus dem Affen geworden ist und wieder

zum Affen werden wird, während Niemand da ist, der an diesem

verwunderlichen Komödienausgang irgend ein Interesse nehme. So wie mit

dem Verfalle der römischen Cultur und seiner wichtigsten Ursache, der

Ausbreitung des Christenthums, eine allgemeine Verhässlichung des

Menschen innerhalb des römischen Reiches überhand nahm, so könnte auch

durch den einstmaligen Verfall der allgemeinen Erdcultur eine viel

höher gesteigerte Verhässlichung und endlich Verthierung des Menschen,

bis in's Affenhafte, herbeigeführt werden. - Gerade weil wir diese

Perspective in's Auge fassen können, sind wir vielleicht im Stande,

einem solchen Ende der Zukunft vorzubeugen.

248.

Trostrede eines desperaten Fortschritts. - Unsere Zeit macht den

Eindruck eines Interim-Zustandes; die alten Weltbetrachtungen, die

alten Culturen sind noch theilweise vorhanden, die neuen noch nicht

sicher und gewohnheitsmässig und daher ohne Geschlossenheit und

Consequenz. Es sieht aus, als ob Alles chaotisch würde, das Alte

verloren gienge, das Neue nichts tauge und immer schwächlicher werde.

Aber so geht es dem Soldaten, welcher marschiren lernt; er ist eine

Zeit lang unsicherer und unbeholfener als je, weil die Muskeln bald

nach dem alten System, bald nach dem neuen bewegt werden und noch

keines entschieden den Sieg behauptet. Wir schwanken, aber es ist

nöthig, dadurch nicht ängstlich zu werden und das Neu-Errungene etwa

preiszugeben. Ueberdiess können wir in's Alte nicht zurück, wir haben

die Schiffe verbrannt; es bleibt nur übrig, tapfer zu sein, mag nun

dabei diess oder jenes herauskommen. - Schreiten wir nur zu, kommen

wir nur von der Stelle! Vielleicht sieht sich unser Gebahren doch

einmal wie Fortschritt an; wenn aber nicht, so mag Friedrich's des

Grossen Wort auch zu uns gesagt sein und zwar zum Troste: Ah, mon cher

Sulzer, vous ne connaissez pas assez cette race maudite, ä laquelle

nous appartenons.

249.

An der Vergangenheit der Cultur leiden. - Wer sich das Problem der

Cultur klar gemacht hat, leidet dann an einem ähnlichen Gefühle wie

Der, welcher einen durch unrechtmässige Mittel erworbenen Reichthum

ererbt hat, oder wie der Fürst, der durch Gewaltthat seiner Vorfahren

regiert. Er denkt mit Trauer an seinen Ursprung und ist oft beschämt,

oft reizbar. Die ganze Summe von Kraft, Lebenswillen, Freude, welche

er seinem Besitze zuwendet, balancirt sich oft mit einer tiefen

Müdigkeit: er kann seinen Ursprung nicht vergessen. Die Zukunft sieht

er wehmüthig an, seine Nachkommen, er weiss es voraus, werden an der

Vergangenheit leiden wie er.

250.

Manieren. - Die guten Manieren verschwinden in dem Maasse, in welchem

der Einfluss des Hofes und einer abgeschlossenen Aristokratie

nachlässt: man kann diese Abnahme von Jahrzehnt zu Jahrzehnt deutlich

beobachten, wenn man ein Auge für die öffentlichen Acte hat: als

welche ersichtlich immer pöbelhafter werden. Niemand versteht mehr,

auf geistreiche Art zu huldigen und zu schmeicheln; daraus ergiebt

sich die lächerliche Thatsache, dass man in Fällen, wo man gegenwärtig

Huldigungen darbringen muss (zum Beispiel einem grossen Staatsmanne

oder Künstler), die Sprache des tiefsten Gefühls, der treuherzigen,

ehrenfesten Biederkeit borgt - aus Verlegenheit und Mangel an Geist

und Grazie. So scheint die öffentliche festliche Begegnung der

Menschen immer ungeschickter, aber gefühlvoller und biederer, ohne

diess zu sein. - Sollte es aber mit den Manieren immerfort bergab

gehen? Es scheint mir vielmehr, dass die Manieren eine tiefe Curve

machen und wir uns ihrem niedrigsten Stande nähern. Wenn erst die

Gesellschaft ihrer Absichten und Principien sicherer geworden ist, so

dass diese formbildend wirken (während jetzt die angelernten Manieren

früherer formbildender Zustände immer schwächer vererbt und angelernt

werden), so wird es Manieren des Umgangs, Gebärden und Ausdrücke des

Verkehrs geben, welche so nothwendig und schlicht natürlich erscheinen

müssen, als es diese Absichten und Principien sind. Die bessere

Vertheilung der Zeit und Arbeit, die zur Begleiterin jeder schönen

Mussezeit umgewandelte gymnastische Uebung, das vermehrte und

strenger gewordene Nachdenken, welches selbst dem Körper Klugheit und

Geschmeidigkeit giebt, bringt diess Alles mit sich. - Hier könnte man

nun freilich mit einigem Spotte unserer Gelehrten gedenken, ob denn

sie, die doch Vorläufer jener neuen Cultur sein wollen, sich in der

That durch bessere Manieren auszeichnen? Es ist diess wohl nicht der

Fall, obgleich ihr Geist willig genug dazu sein mag: aber ihr Fleisch

ist schwach. Die Vergangenheit ist noch zu mächtig in ihren Muskeln:

sie stehen noch in einer unfreien Stellung und sind zur Hälfte

weltliche Geistliche, zur Hälfte abhängige Erzieher vornehmer Leute

und Stände, und überdiess durch Pedanterie der Wissenschaft, durch

veraltete geistlose Methoden verkrüppelt und unlebendig gemacht. Sie

sind also, jedenfalls ihrem Körper nach und oft auch zu Dreiviertel

ihres Geistes, immer noch die Höflinge einer alten, ja greisenhaften

Cultur und als solche selber greisenhaft; der neue Geist, der

gelegentlich in diesen alten Gehäusen rumort, dient einstweilen nur

dazu, sie unsicherer und ängstlicher zu machen. In ihnen gehen sowohl

die Gespenster der Vergangenheit, als die Gespenster der Zukunft um:

was Wunder, wenn sie dabei nicht die beste Miene machen, nicht die

gefälligste Haltung haben?

251.

Zukunft der Wissenschaft. - Die Wissenschaft giebt Dem, welcher in

ihr arbeitet und sucht, viel Vergnügen, Dem, welcher ihre Ergebnisse

lernt, sehr wenig. Da allmählich aber alle wichtigen Wahrheiten

der Wissenschaft alltäglich und gemein werden müssen, so hört

auch dieses wenige Vergnügen auf: so wie wir beim Lernen des so

bewunderungswürdigen Einmaleins längst aufgehört haben, uns zu freuen.

Wenn nun die Wissenschaft immer weniger Freude durch sich macht und

immer mehr Freude, durch Verdächtigung der tröstlichen Metaphysik,

Religion und Kunst, nimmt: so verarmt jene grösste Quelle der Lust,

welcher die Menschheit fast ihr gesammtes Menschenthum verdankt.

Desshalb muss eine höhere Cultur dem Menschen ein Doppelgehirn,

gleichsam zwei Hirnkammern geben, einmal um Wissenschaft, sodann

um Nicht-Wissenschaft zu empfinden: neben einander liegend, ohne

Verwirrung, trennbar, abschliessbar; es ist diess eine Forderung der

Gesundheit. Im einen Bereiche liegt die Kraftquelle, im anderen der

Regulator: mit Illusionen, Einseitigkeiten, Leidenschaften muss

geheizt werden, mit Hülfe der erkennenden Wissenschaft muss den

bösartigen und gefährlichen Folgen einer Ueberheizung vorgebeugt

werden. - Wird dieser Forderung der höheren Cultur nicht genügt,

so ist der weitere Verlauf der menschlichen Entwickelung fast mit

Sicherheit vorherzusagen: das Interesse am Wahren hört auf, je weniger

es Lust gewährt; die Illusion, der Irrthum, die Phantastik erkämpfen

sich Schritt um Schritt, weil sie mit Lust verbunden sind, ihren

ehemals behaupteten Boden: der Ruin der Wissenschaften, das

Zurücksinken in Barbarei ist die nächste Folge; von Neuem muss die

Menschheit wieder anfangen, ihr Gewebe zu weben, nachdem sie es,

gleich Penelope, des Nachts zerstört hat. Aber wer bürgt uns dafür,

dass sie immer wieder die Kraft dazu findet?

252.

Die Lust am Erkennen. - Wesshalb ist das Erkennen, das Element des

Forschers und Philosophen, mit Lust verknüpft? Erstens und vor Allem,

weil man sich dabei seiner Kraft bewusst wird, also aus dem selben

Grunde, aus dem gymnastische Uebungen auch ohne Zuschauer lustvoll

sind. Zweitens, weil man, im Verlauf der Erkenntniss, über ältere

Vorstellungen und deren Vertreter, hinauskommt, Sieger wird oder

wenigstens es zu sein glaubt. Drittens, weil wir uns durch eine noch

so kleine neue Erkenntniss über Alle erhaben und uns als die Einzigen

fühlen, welche hierin das Richtige wissen. Diese drei Gründe zur

Lust sind die wichtigsten, doch giebt es, je nach der Natur des

Erkennenden, noch viele Nebengründe. - Ein nicht unbeträchtliches

Verzeichniss von solchen giebt, an einer Stelle, wo man es nicht

suchen würde, meine paraenetische Schrift über Schopenhauer: mit deren

Aufstellungen sich jeder erfahrene Diener der Erkenntniss zufrieden

geben kann, sei es auch, dass er den ironischen Anflug, der auf jenen

Seiten zu liegen scheint, wegwünschen wird. Denn wenn es wahr ist,

dass zum Entstehen des Gelehrten "eine Menge sehr menschlicher Triebe

und Triebchen zusammengegossen werden muss", dass der Gelehrte

zwar ein sehr edles, aber kein reines Metall ist und "aus einem

verwickelten Geflecht sehr verschiedener Antriebe und Reize besteht":

so gilt doch das Selbe ebenfalls von Entstehung und Wesen des

Künstlers, Philosophen, moralischen Genie's - und wie die in jener

Schrift glorificirten grossen Namen lauten. Alles Menschliche verdient

in Hinsicht auf seine Entstehung die ironische Betrachtung: desshalb

ist die Ironie in der Welt so überflüssig.

253.

Treue als Beweis der Stichhaltigkeit. - Es ist ein vollkommenes

Zeichen für die Güte einer Theorie, wenn ihr Urheber vierzig Jahre

lang kein Misstrauen gegen sie bekommt; aber ich behaupte, dass es

noch keinen Philosophen gegeben hat, welcher auf die Philosophie, die

seine Jugend erfand, nicht endlich mit Geringschätzung - mindestens

mit Argwohn - herabgesehen hätte. - Vielleicht hat er aber nicht

öffentlich von dieser Umstimmung gesprochen, aus Ehrsucht oder - wie

es bei edlen Naturen wahrscheinlicher ist - aus zarter Schonung seiner

Anhänger.

254.

Zunahme des Interessanten. - Im Verlaufe der höheren Bildung wird dem

Menschen Alles interessant, er weiss die belehrende Seite einer Sache

rasch zu finden und den Punct anzugeben, wo eine Lücke seines Denkens

mit ihr ausgefüllt oder ein Gedanke durch sie bestätigt werden

kann. Dabei verschwindet immer mehr die Langeweile, dabei auch die

übermässige Erregbarkeit des Gemüthes. Er geht zuletzt wie ein

Naturforscher unter Pflanzen, so unter Menschen herum und nimmt sich

selber als ein Phänomen wahr, welches nur seinen erkennenden Trieb

stark anregt.

255.

Aberglauben im Gleichzeitigen. - Etwas Gieichzeitiges hängt zusammen,

meint man. Ein Verwandter stirbt in der Ferne, zu gleicher Zeit

träumen wir von ihm, - also! Aber zahllose Verwandte sterben und wir

träumen nicht von ihnen. Es ist wie bei den Schiffbrüchigen, welche

Gelübde thun: man sieht später im Tempel die Votivtafeln Derer, welche

zu Grunde giengen, nicht. - Ein Mensch stirbt, eine Eule krächzt,

eine Uhr steht still, alles in Einer Nachtstunde: sollte da nicht ein

Zusammenhang sein? Eine solche Vertraulichkeit mit der Natur, wie

diese Ahnung sie annimmt, schmeichelt den Menschen. - Diese Gattung

des Aberglaubens findet sich in verfeinerter Form bei Historikern und

Culturmalern wieder, welche vor allem sinnlosen Nebeneinander, an dem

doch das Leben der Einzelnen und der Völker so reich ist, eine Art

Wasserscheu zu haben pflegen.

256.

Das Können, nicht das Wissen, durch die Wissenschaft geübt. - Der

Werth davon, dass man zeitweilig eine strenge Wissenschaft streng

betrieben hat, beruht nicht gerade auf deren Ergebnissen: denn diese

werden, im Verhältniss zum Meere des Wissenswerthen, ein verschwindend

kleiner Tropfen sein. Aber es ergiebt einen Zuwachs an Energie, an

Schlussvermögen, an Zähigkeit der Ausdauer; man hat gelernt, einen

Zweck zweckmässig zu erreichen. Insofern ist es sehr schätzbar,

in Hinsicht auf Alles, was man später treibt, einmal ein

wissenschaftlicher Mensch gewesen zu sein.

257.

Jugendreiz der Wissenschaft. - Das Forschen nach Wahrheit hat jetzt

noch den Reiz, dass sie sich überall stark gegen den grau und

langweilig gewordenen Irrthum abhebt; dieser Reiz verliert sich immer

mehr; jetzt zwar leben wir noch im Jugendzeitalter der Wissenschaft

und pflegen der Wahrheit wie einem schönen Mädchen nachzugehen; wie

aber, wenn sie eines Tages zum ältlichen, mürrisch blickenden Weibe

geworden ist? Fast in allen Wissenschaften ist die Grundeinsicht

entweder erst in jüngster Zeit gefunden oder wird noch gesucht; wie

anders reizt diess an, als wenn alles Wesentliche gefunden ist und nur

noch eine kümmerliche Herbstnachlese dem Forscher übrig bleibt (welche

Empfindung man in einigen historischen Disciplinen kennen lernen

kann).

258.

Die Statue der Menschheit. - Der Genius der Cultur verfährt wie

Cellini, als dieser den Guss seiner Perseus-Statue machte: die

flüssige Masse drohte, nicht auszureichen, aber sie sollte es: so warf

er Schüsseln und Teller und was ihm sonst in die Hände kam, hinein.

Und ebenso wirft jener Genius Irrthümer, Laster, Hoffnungen,

Wahnbilder und andere Dinge von schlechterem wie von edlerem Metalle

hinein, denn die Statue der Menschheit muss herauskommen und fertig

werden; was liegt daran, dass hie und da geringerer Stoff verwendet

wurde?

259.

Eine Cultur der Männer. - Die griechische Cultur der classischen Zeit

ist eine Cultur der Männer. Was die Frauen anlangt, so sagt Perikles

in der Grabrede Alles mit den Worten: sie seien am besten, wenn

unter Männern so wenig als möglich von ihnen gesprochen werde. -

Die erotische Beziehung der Männer zu den Jünglingen war in einem,

unserem Verständniss unzugänglichen Grade die nothwendige, einzige

Voraussetzung aller männlichen Erziehung (ungefähr wie lange Zeit alle

höhere Erziehung der Frauen bei uns erst durch die Liebschaft und Ehe

herbeigeführt wurde), aller Idealismus der Kraft der griechischen

Natur warf sich auf jenes Verhältniss, und wahrscheinlich sind junge

Leute niemals wieder so aufmerksam, so liebevoll, so durchaus in

Hinsicht auf ihr Bestes (virtus) behandelt worden, wie im sechsten und

fünften Jahrhundert, - also gemäss dem schönen Spruche Hölderlin's

"denn liebend giebt der Sterbliche vom Besten". Je höher dieses

Verhältniss genommen wurde, um so tiefer sank der Verkehr mit der

Frau: der Gesichtspunct der Kindererzeugung und der Wollust - Nichts

weiter kam hier in Betracht; es gab keinen geistigen Verkehr, nicht

einmal eine eigentliche Liebschaft. Erwägt man ferner, dass sie selbst

vom Wettkampfe und Schauspiele jeder Art ausgeschlossen waren, so

bleiben nur die religiösen Culte als einzige höhere Unterhaltung der

Weiber. - Wenn man nun allerdings in der Tragödie Elektra und Antigone

vorführte, so ertrug man diess eben in der Kunst, obschon man es im

Leben nicht mochte: so wie wir jetzt alles Pathetische im Leben nicht

vertragen, aber in der Kunst gern sehen. - Die Weiber hatten weiter

keine Aufgabe, als Schöne, machtvolle Leiber hervorzubringen, in denen

der Charakter des Vaters möglichst ungebrochen weiter lebte, und damit

der überhand nehmenden Nervenüberreizung einer so hochentwickelten

Cultur entgegenzuwirken. Diess hielt die griechische Cultur

verhältnissmässig so lange jung; denn in den griechischen Müttern

kehrte immer wieder der griechische Genius zur Natur zurück.

260.

Das Vorurtheil Zu Gunsten der Grösse. - Die Menschen überschätzen

ersichtlich alles Grosse und Hervorstechende. Diess kommt aus der

bewussten oder unbewussten Einsicht her, dass sie es sehr nützlich

finden, wenn Einer alle Kraft auf Ein Gebiet wirft und aus sich

gleichsam Ein monströses Organ macht. Sicherlich ist dem Menschen

selber eine gleichmässige Ausbildung seiner Kräfte nützlicher und

glückbringender; denn jedes Talent ist ein Vampyr, welcher den übrigen

Kräften Blut und Kraft aussaugt, und eine übertriebene Production kann

den begabtesten Menschen fast zur Tollheit bringen. Auch innerhalb der

Künste erregen die extremen Naturen viel zu sehr die Aufmerksamkeit;

aber es ist auch eine viel geringere Cultur nöthig, um von ihnen sich

fesseln zu lassen. Die Menschen unterwerfen sich aus Gewohnheit Allem,

was Macht haben will.

261.

Menschliches, Allzumenschliches: Ein Buch Fuer Freie Geister · 第 14 / 24 段