welcher anders denkt, als man von ihm auf Grund seiner Herkunft,
Umgebung, seines Standes und Amtes oder auf Grund der herrschenden
Zeitansichten erwartet. Er ist die Ausnahme, die gebundenen Geister
sind die Regel; diese werfen ihm vor, dass seine freien Grundsätze
ihren Ursprung entweder in der Sucht, aufzufallen, haben oder gar auf
freie Handlungen, das heisst auf solche, welche mit der gebundenen
Moral unvereinbar sind, schliessen lassen. Bisweilen sagt man auch,
diese oder jene freien Grundsätze seien aus Verschrobenheit und
Ueberspanntheit des Kopfes herzuleiten; doch spricht so nur die
Bosheit, welche selber an Das nicht glaubt, was sie sagt, aber damit
schaden will: denn das Zeugniss für die grössere Güte und Schärfe
seines Intellectes ist dem Freigeist gewöhnlich in's Gesicht
geschrieben, so lesbar, dass es die gebundenen Geister gut genug
verstehen. Aber die beiden andern Ableitungen der Freigeisterei sind
redlich gemeint; in der That entstehen auch viele Freigeister auf die
eine oder die andere Art. Desshalb könnten aber die Sätze, zu denen
sie auf jenen Wegen gelangten, doch wahrer und zuverlässiger sein, als
die der gebundenen Geister. Bei der Erkenntniss der Wahrheit kommt es
darauf an, dass man sie hat, nicht darauf, aus welchem Antrieb man sie
gesucht, auf welchem Wege man sie gefunden hat. Haben die Freigeister
Recht, so haben die gebundenen Geister Unrecht, gleichgültig, ob die
ersteren aus Unmoralität zur Wahrheit gekommen sind, die anderen aus
Moralität bisher an der Unwahrheit festgehalten haben. - Uebrigens
gehört es nicht zum Wesen des Freigeistes, dass er richtigere
Ansichten hat, sondern vielmehr, dass er sich von dem Herkömmlichen
gelöst hat, sei es mit Glück oder mit einem Misserfolg. Für gewöhnlich
wird er aber doch die Wahrheit oder mindestens den Geist der
Wahrheitsforschung auf seiner Seite haben: er fordert Gründe, die
Anderen Glauben.
226.
Herkunft des Glaubens. - Der gebundene Geist nimmt seine Stellung
nicht aus Gründen ein, sondern aus Gewöhnung; er ist zum Beispiel
Christ, nicht weil er die Einsicht in die verschiedenen Religionen und
die Wahl zwischen ihnen gehabt hätte; er ist Engländer, nicht weil er
sich für England entschieden hat, sondern er fand das Christenthum und
das Engländerthum vor und nahm sie an ohne Gründe, wie jemand, der in
einem Weinlande geboren wurde, ein Weintrinker wird. Später, als er
Christ und Engländer war, hat er vielleicht auch einige Gründe zu
Gunsten seiner Gewöhnung ausfindig gemacht; man mag diese Gründe
umwerfen, damit wirft man ihn in seiner ganzen Stellung nicht um. Man
nöthige zum Beispiel einen gebundenen Geist, seine Gründe gegen die
Bigamie vorzubringen, dann wird man erfahren, ob sein heiliger Eifer
für die Monogamie auf Gründen oder auf Angewöhnung beruht. Angewöhnung
geistiger Grundsätze ohne Gründe nennt man Glauben.
227.
Aus den Folgen auf Grund und Ungrund zurückgeschlossen. - Alle Staaten
und Ordnungen der Gesellschaft: die Stände, die Ehe, die Erziehung,
das Recht, alles diess hat seine Kraft und Dauer allein in dem Glauben
der gebundenen Geister an sie, - also in der Abwesenheit der Gründe,
mindestens in der Abwehr des Fragens nach Gründen. Das wollen die
gebundenen Geister nicht gern zugeben und sie fühlen wohl, dass es
ein Pudendum ist. Das Christenthum, das sehr unschuldig in seinen
intellectuellen Einfällen war, merkte von diesem Pudendum Nichts,
forderte Glauben und Nichts als Glauben und wies das Verlangen nach
Gründen mit Leidenschaft ab; es zeigte auf den Erfolg des Glaubens
hin: ihr werdet den Vortheil des Glaubens schon spüren, deutete es
an, ihr sollt durch ihn selig werden. Thatsächlich verfährt der
Staat ebenso und jeder Vater erzieht in gleicher Weise seinen Sohn:
halte diess nur für wahr, sagt er, du wirst spüren, wie gut diess
thut. Diess bedeutet aber, dass aus dem persönlichen Nutzen, den
eine Meinung einträgt, ihre Wahrheit erwiesen werden soll, die
Zuträglichkeit einer Lehre soll für die intellectuelle Sicherheit und
Begründetheit Gewähr leisten. Es ist diess so, wie wenn der Angeklagte
vor Gericht spräche: mein Vertheidiger sagt die ganze Wahrheit, denn
seht nur zu, was aus seiner Rede folgt: ich werde freigesprochen. -
Weil die gebundenen Geister ihre Grundsätze ihres Nutzens wegen haben,
so vermuthen sie auch beim Freigeist, dass er mit seinen Ansichten
ebenfalls seinen Nutzen suche und nur Das für wahr halte, was ihm
gerade frommt. Da ihm aber das Entgegengesetzte von dem zu nützen
scheint, was seinen Landes- oder Standesgenossen nützt, so nehmen
diese an, dass seine Grundsätze ihnen gefährlich sind; sie sagen oder
fühlen: er darf nicht Recht haben, denn er ist uns schädlich.
228.
Der starke, gute Charakter. - Die Gebundenheit der Ansichten, durch
Gewöhnung zum Instinct geworden, führt zu dem, was man Charakterstärke
nennt. Wenn jemand aus wenigen, aber immer aus den gleichen Motiven
handelt, so erlangen seine Handlungen eine grosse Energie; stehen
diese Handlungen im Einklange mit den Grundsätzen der gebundenen
Geister, so werden sie anerkannt und erzeugen nebenbei in Dem, der sie
thut, die Empfindung des guten Gewissens. Wenige Motive, energisches
Handeln und gutes Gewissen machen Das aus, was man Charakterstärke
nennt. Dem Charakterstarken fehlt die Kenntniss der vielen
Möglichkeiten und Richtungen des Handelns; sein Intellect ist unfrei,
gebunden, weil er ihm in einem gegebenen Falle vielleicht nur zwei
Möglichkeiten zeigt; zwischen diesen muss er jetzt gemäss seiner
ganzen Natur mit Nothwendigkeit wählen, und er thut diess leicht und
schnell, weil er nicht zwischen fünfzig Möglichkeiten zu wählen hat.
Die erziehende Umgebung will jeden Menschen unfrei machen, indem sie
ihm immer die geringste Zahl von Möglichkeiten vor Augen stellt. Das
Individuum wird von seinen Erziehern behandelt, als ob es zwar etwas
Neues sei, aber eine Wiederholung werden solle. Erscheint der Mensch
zunächst als etwas Unbekanntes, nie Dagewesenes, so soll er zu etwas
Bekanntem, Dagewesenem gemacht werden. Einen guten Charakter nennt
man an einem Kinde das Sichtbarwerden der Gebundenheit durch das
Dagewesene; indem das Kind sich auf die Seite der gebundenen Geister
stellt, bekundet es zuerst seinen erwachenden Gemeinsinn; auf der
Grundlage dieses Gemeinsinns aber wird es später seinem Staate oder
Stande nützlich.
229.
Maass der Dinge bei den gebundenen Geistern. - Von vier Gattungen der
Dinge sagen die gebundenen Geister, sie seien im Rechte. Erstens: alle
Dinge, welche Dauer haben, sind im Recht; zweitens: alle Dinge, welche
uns nicht lästig fallen, sind im Recht; drittens: alle Dinge, welche
uns Vortheil bringen, sind im Recht; viertens: alle Dinge, für welche
wir Opfer gebracht haben, sind im Recht. Letzteres erklärt zum
Beispiel, wesshalb ein Krieg, der wider Willen des Volkes begonnen
wurde, mit Begeisterung fortgeführt wird, sobald erst Opfer gebracht
sind. - Die Freigeister, welche ihre Sache vor dem Forum der
gebundenen Geister führen, haben nachzuweisen, dass es immer
Freigeister gegeben hat, also dass die Freigeisterei Dauer hat,
sodann, dass sie nicht lästig fallen wollen, und endlich, dass sie
den gebundenen Geistern im Ganzen Vortheil bringen; aber weil sie von
diesem Letzten die gebundenen Geister nicht überzeugen können, nützt
es ihnen Nichts, den ersten und zweiten Punct bewiesen zu haben.
230.
Esprit fort. - Verglichen mit Dem, welcher das Herkommen auf seiner
Seite hat und keine Gründe für sein Handeln braucht, ist der Freigeist
immer schwach, namentlich im Handeln; denn er kennt zu viele Motive
und Gesichtspuncte und hat desshalb eine unsichere, ungeübte Hand.
Welche Mittel giebt es nun, um ihn doch verhältnissmässig stark zu
machen, so dass er sich wenigstens durchsetzt und nicht wirkungslos zu
Grunde geht? Wie entsteht der starke Geist (esprit fort)? Es ist diess
in einem einzelnen Falle die Frage nach der Erzeugung des Genius'.
Woher kommt die Energie, die unbeugsame Kraft, die Ausdauer, mit
welcher der Einzelne, dem Herkommen entgegen, eine ganz individuelle
Erkenntniss der Welt zu erwerben trachtet?
231.
Die Entstehung des Genie's. - Der Witz des Gefangenen, mit welchem
er nach Mitteln zu seiner Befreiung sucht, die kaltblütigste und
langwierigste Benützung jedes kleinsten Vortheils kann lehren, welcher
Handhabe sich mitunter die Natur bedient, um das Genie - ein Wort, das
ich bitte, ohne allen mythologischen und religiösen Beigeschmack zu
verstehen - zu Stande zu bringen: sie fängt es in einen Kerker ein und
reizt seine Begierde, sich zu befreien, auf das äusserste. - Oder mit
einem anderen Bilde: jemand, der sich auf seinem Wege im Walde völlig
verirrt hat, aber mit ungemeiner Energie nach irgend einer Richtung
hin in's Freie strebt, entdeckt mitunter einen neuen Weg, welchen
Niemand kennt: so entstehen die Genies, denen man Originalität
nachrühmt. - Es wurde schon erwähnt, dass eine Verstümmelung,
Verkrüppelung, ein erheblicher Mangel eines Organs häufig die
Veranlassung dazu giebt, dass ein anderes Organ sich ungewöhnlich gut
entwickelt, weil es seine eigene Function und noch eine andere zu
versehen hat. Hieraus ist der Ursprung mancher glänzenden Begabung zu
errathen. - Aus diesen allgemeinen Andeutungen über die Entstehung
des Genius' mache man die Anwendung auf den speciellen Fall, die
Entstehung des vollkommenen Freigeistes.
232.
Vermuthung über den Ursprung der Freigeisterei. - Ebenso wie die
Gletscher zunehmen, wenn in den Aequatorialgegenden die Sonne mit
grösserer Gluth als früher auf die Meere niederbrennt, so mag auch
wohl eine sehr starke, um sich greifende Freigeisterei Zeugniss
dafür sein, dass irgendwo die Gluth der Empfindung ausserordentlich
gewachsen ist.
233.
Die Stimme der Geschichte. - Im Allgemeinen scheint die Geschichte
über die Erzeugung des Genius' folgende Belehrung zu geben:
misshandelt und quält die Menschen, - so ruft sie den Leidenschaften
Neid, Hass und Wetteifer zu - treibt sie zum Aeussersten, den Einen
wider den Andern, das Volk gegen das Volk, und zwar durch Jahrhunderte
hindurch, dann flammt vielleicht, gleichsam aus einem bei Seite
fliegenden Funken der dadurch entzündeten furchtbaren Energie, auf
einmal das Licht des Genius' empor; der Wille, wie ein Ross durch den
Sporn des Reiters wild gemacht, bricht dann aus und springt auf ein
anderes Gebiet über. - Wer zum Bewusstsein über die Erzeugung des
Genius' käme und die Art, wie die Natur gewöhnlich verfährt, auch
praktisch durchführen wollte, würde gerade so böse und rücksichtslos
wie die Natur sein müssen. - Aber vielleicht haben wir uns verhört.
234.
Werth der Mitte des Wegs. - Vielleicht ist die Erzeugung des Genius'
nur einem begränzten Zeitraume der Menschheit vorbehalten. Denn man
darf von der Zukunft der Menschheit nicht zugleich alles Das erwarten,
was ganz bestimmte Bedingungen irgend welcher Vergangenheit allein
hervorzubringen vermochten; zum Beispiel nicht die erstaunlichen
Wirkungen des religiösen Gefühles. Dieses selbst hat seine Zeit gehabt
und vieles sehr Gute kann nie wieder wachsen, weil es allein aus
ihm wachsen konnte. So wird es nie wieder einen religiös umgränzten
Horizont des Lebens und der Cultur geben. Vielleicht ist selbst der
Typus des Heiligen nur bei einer gewissen Befangenheit des Intellectes
möglich, mit der es, wie es scheint, für alle Zukunft vorbei ist. Und
so ist die Höhe der Intelligenz vielleicht einem einzelnen Zeitalter
der Menschheit aufgespart gewesen: sie trat hervor - und tritt hervor,
denn wir leben noch in diesem Zeitalter -, als eine ausserordentliche,
lang angesammelte Energie des Willens sich ausnahmsweise auf geistige
Ziele durch Vererbung übertrug. Es wird mit jener Höhe vorbei sein,
wenn diese Wildheit und Energie nicht mehr gross gezüchtet werden.
Die Menschheit kommt vielleicht auf der Mitte ihres Weges, in der
mittleren Zeit ihrer Existenz, ihrem eigentlichen Ziele näher, als am
Ende. Es könnten Kräfte, durch welche zum Beispiel die Kunst bedingt
ist, geradezu aussterben; die Lust am Lügen, am Ungenauen, am
Symbolischen, am Rausche, an der Ekstase könnte in Missachtung kommen.
Ja, ist das Leben erst im vollkommenen Staate geordnet, so ist aus der
Gegenwart gar kein Motiv zur Dichtung mehr zu entnehmen, und es würden
allein die zurückgebliebenen Menschen sein, welche nach dichterischer
Unwirklichkeit verlangten. Diese würden dann jedenfalls mit Sehnsucht
rückwärts schauen, nach den Zeiten des unvollkommenen Staates, der
halb-barbarischen Gesellschaft nach unseren Zeiten.
235.
Genius und idealer Staat in Widerspruch. - Die Socialisten begehren
für möglichst Viele ein Wohlleben herzustellen. Wenn die dauernde
Heimath dieses Wohllebens, der vollkommene Staat, wirklich erreicht
wäre, so würde durch dieses Wohlleben der Erdboden, aus dem der grosse
Intellect und überhaupt das mächtige Individuum wächst, zerstört sein:
ich meine die starke Energie. Die Menschheit würde zu matt geworden
sein, wenn dieser Staat erreicht ist, um den Genius noch erzeugen
zu können. Müsste man somit nicht wünschen, dass das Leben seinen
gewaltsamen Charakter behalte und dass immer von Neuem wieder wilde
Kräfte und Energien hervorgerufen werden? Nun will das warme,
mitfühlende Herz gerade die Beseitigung jenes gewaltsamen und wilden
Charakters, und das wärmste Herz, das man sich denken kann, würde eben
darnach am leidenschaftlichsten verlangen: während doch gerade seine
Leidenschaft aus jenem wilden und gewaltsamen Charakter des Lebens ihr
Feuer, ihre Wärme, ja ihre Existenz genommen hat; das wärmste Herz
will also Beseitigung seines Fundamentes, Vernichtung seiner selbst,
das heisst doch: es will etwas Unlogisches, es ist nicht intelligent.
Die höchste Intelligenz und das wärmste Herz können nicht in einer
Person beisammen sein, und der Weise, welcher über das Leben das
Urtheil spricht, stellt sich auch über die Güte und betrachtet diese
nur als Etwas, das bei der Gesammtrechnung des Lebens mit abzuschätzen
ist. Der Weise muss jenen ausschweifenden Wünschen der unintelligenten
Güte widerstreben, weil ihm an dem Fortleben seines Typus' und an dem
endlichen Entstehen des höchsten Intellectes gelegen ist; mindestens
wird er der Begründung des "vollkommenen Staates" nicht förderlich
sein, insofern in ihm nur ermattete Individuen Platz haben. Christus
dagegen, den wir uns einmal als das wärmste Herz denken wollen,
förderte die Verdummung der Menschen, stellte sich auf die Seite der
geistig Armen und hielt die Erzeugung des grössten Intellectes auf:
und diess war consequent. Sein Gegenbild, der vollkommene Weise
- diess darf man wohl vorhersagen - wird ebenso nothwendig der
Erzeugung eines Christus hinderlich sein. - Der Staat ist eine kluge
Veranstaltung zum Schutz der Individuen gegen einander: übertreibt man
seine Veredelung, so wird zuletzt das Individuum durch ihn geschwächt,
ja aufgelöst, - also der ursprüngliche Zweck des Staates am
gründlichsten vereitelt.
236.
Die Zonen der Cultur. - Man kann gleichnissweise sagen, dass
die Zeitalter der Cultur den Gürteln der verschiedenen Klimate
entsprechen, nur dass diese hinter einander und nicht, wie die
geographischen Zonen, neben einander liegen. Im Vergleich mit der
gemässigten Zone der Cultur, in welche überzugehen unsere Aufgabe
ist, macht die vergangene im Ganzen und Grossen den Eindruck eines
tropischen Klima's. Gewaltsame Gegensätze, schroffer Wechsel von Tag
und Nacht, Gluth und Farbenpracht, die Verehrung alles Plötzlichen,
Geheimnissvollen, Schrecklichen, die Schnelligkeit der
hereinbrechenden Unwetter, überall das verschwenderische Ueberströmen
der Füllhörner der Natur: und dagegen, in unserer Cultur, ein heller,
doch nicht leuchtender Himmel, reine, ziemlich gleich verbleibende
Luft, Schärfe, ja Kälte gelegentlich: so heben sich beide Zonen gegen
einander ab. Wenn wir dort sehen, wie die wüthendsten Leidenschaften
durch metaphysische Vorstellungen mit unheimlicher Gewalt
niedergerungen und zerbrochen werden, so ist es uns zu Muthe, als
ob vor unsern Augen in den Tropen wilde Tiger unter den Windungen
ungeheurer Schlangen zerdrückt würden; unserem geistigen Klima fehlen
solche Vorkommnisse, unsere Phantasie ist gemässigt, selbst im Traume
kommt uns Das nicht bei, was frühere Völker im Wachen sahen. Aber
sollten wir über diese Veränderung nicht glücklich sein dürfen, selbst
zugegeben, dass die Künstler durch das Verschwinden der tropischen
Cultur wesentlich beeinträchtigt sind und uns Nicht-Künstler ein
Wenig zu nüchtern finden? Insofern haben Künstler wohl das Recht,
den "Fortschritt" zu leugnen, denn in der That: ob die letzten drei
Jahrtausende in den Künsten einen fortschreitenden Verlauf zeigen,
das lässt sich mindestens bezweifeln; ebenso wird ein metaphysischer
Philosoph, wie Schopenhauer, keinen Anlass haben, den Fortschritt
zu erkennen, wenn er die letzten vier Jahrtausende in Bezug auf
metaphysische Philosophie und Religion überblickt. - Uns gilt aber die
Existenz der gemässigten Zone der Cultur selbst als Fortschritt.
237.
Renaissance und Reformation. - Die italiänische Renaissance bar -
in sich alle die positiven Gewalten, welchen man die moderne Cultur
verdankt - also Befreiung des Gedankens, Missachtung der Autoritäten,
Sieg der Bildung über den Dünkel der Abkunft, - Begeisterung für die
Wissenschaft und die wissenschaftliche Vergangenheit der Menschen,
Entfesselung des Individuums, eine Gluth der Wahrhaftigkeit und
Abneigung gegen Schein und blosen Effect (welche Gluth in einer ganzen
Fülle künstlerischer Charaktere hervorloderte, die Vollkommenheit in
ihren Werken und Nichts als Vollkommenheit mit höchster sittlicher
Reinheit von sich forderten); ja, die Renaissance hatte positive
Kräfte, welche in unserer bisherigen modernen Cultur noch nicht
wieder so mächtig geworden sind. Es war das goldene Zeitalter dieses
Jahrtausends, trotz aller Flecken und Laster. Dagegen hebt sich
nun die deutsche Reformation ab als ein energischer Protest
zurückgebliebener Geister, welche die Weltanschauung des Mittelalters
noch keineswegs satt hatten und die Zeichen seiner Auflösung, die
ausserordentliche Verflachung und Veräusserlichung des religiösen
Lebens, anstatt mit Frohlocken, wie sich gebührt, mit tiefem Unmuthe
empfanden. Sie warfen mit ihrer nordischen Kraft und Halsstarrigkeit
die Menschen wieder zurück, erzwangen die Gegenreformation, das heisst
ein katholisches Christenthum der Nothwehr, mit den Gewaltsamkeiten
eines Belagerungszustandes und verzögerten um zwei bis drei
Jahrhunderte ebenso das völlige Erwachen und Herrschen der
Wissenschaften, als sie das völlige In-Eins-Verwachsen des antiken
und des modernen Geistes vielleicht für immer unmöglich machten. Die
grosse Aufgabe der Renaissance konnte nicht zu Ende gebracht werden,
der Protest des inzwischen zurückgebliebenen deutschen Wesens (welches
im Mittelalter Vernunft genug gehabt hatte, um immer und immer wieder
zu seinem Heile über die Alpen zu steigen) verhinderte diess. Es lag
in dem Zufall einer ausserordentlichen Constellation der Politik, dass
damals Luther erhalten blieb und jener Protest Kraft gewann: denn der
Kaiser schützte ihn, um seine Neuerung gegen den Papst als Werkzeug
des Druckes zu verwenden, und ebenfalls begünstigte ihn im Stillen der
Papst, um die protestantischen Reichsfürsten als Gegengewicht gegen
den Kaiser zu benutzen. Ohne diess seltsame Zusammenspiel der
Absichten wäre Luther verbrannt worden wie Huss - und die Morgenröthe
der Aufklärung vielleicht etwas früher und mit schönerem Glanze, als
wir jetzt ahnen können, aufgegangen.
238.
Gerechtigkeit gegen den werdenden Gott. - Wenn sich die ganze
Geschichte der Cultur vor den Blicken aufthut als ein Gewirr von bösen
und edlen, wahren und falschen Vorstellungen und es Einem beim Anblick
dieses Wellenschlags fast seekrank zu Muthe wird, so begreift man, was
für ein Trost in der Vorstellung eines werdenden Gottes liegt: dieser
enthüllt sich immer mehr in den Verwandelungen und Schicksalen der
Menschheit, es ist nicht Alles blinde Mechanik, sinn- und zweckloses
Durcheinanderspielen von Kräften. Die Vergottung des Werdens ist ein
metaphysischer Ausblick - gleichsam von einem Leuchtthurm am Meere
der Geschichte herab -, an welchem eine allzuviel historisirende
Gelehrtengeneration ihren Trost fand; darüber darf man nicht böse
werden, so irrthümlich jene Vorstellung auch sein mag. Nur wer, wie
Schopenhauer, die Entwickelung leugnet, fühlt auch Nichts von dem
Elend dieses historischen Wellenschlags und darf desshalb, weil er von
jenem werdenden Gotte und dem Bedürfniss seiner Annahme Nichts weiss,
Nichts fühlt, billigerweise seinen Spott auslassen.
239.
Die Früchte nach der Jahreszeit. - Jede bessere Zukunft, welche man
der Menschheit anwünscht, ist nothwendigerweise auch in manchem
Betracht eine schlechtere Zukunft: denn es ist Schwärmerei, zu
glauben, dass eine höhere neue Stufe der Menschheit alle die Vorzüge
früherer Stufen in sich vereinigen werde und zum Beispiel auch die
höchste Gestaltung der Kunst erzeugen müsse. Vielmehr hat jede
Jahreszeit ihre Vorzüge und Reize für sich und schliesst die der
anderen aus. Das, was aus der Religion und in ihrer Nachbarschaft
gewachsen ist, kann nicht wieder wachsen, wenn diese zerstört ist;
höchstens können verirrte, spät kommende Absenker zur Täuschung
darüber verleiten, ebenso wie die zeitweilig ausbrechende Erinnerung
an die alte Kunst: ein Zustand, der wohl das Gefühl des Verlustes, der
Entbehrung verräth, aber kein Beweis für die Kraft ist, aus der eine
neue Kunst geboren werden könnte.
240.
Zunehmende Severität der Welt. - je höher die Cultur eines Menschen
steigt, um so mehr Gebiete entziehen sich dem Scherz, dem Spotte.
Voltaire war für die Erfindung der Ehe und der Kirche von Herzen dem
Himmel dankbar: als welcher damit so gut für unsere Aufheiterung
gesorgt habe. Aber er und seine Zeit, und vor ihm das sechszehnte
Jahrhundert, haben diese Themen zu Ende gespottet; es ist Alles, was
jetzt Einer auf diesem Gebiete noch witzelt, verspätet und vor Allem
gar zu wohlfeil, als dass es die Käufer begehrlich machen könnte.
Jetzt fragt man nach den Ursachen; es ist das Zeitalter des Ernstes.
Wem liegt jetzt noch daran, die Differenzen zwischen Wirklichkeit und
anspruchsvollem Schein, zwischen dem, was der Mensch ist und was er
vorstellen will, in scherzhaftem Lichte zu sehen; das Gefühl dieser
Contraste wirkt alsbald ganz anders, wenn man nach den Gründen sucht.
Je gründlicher Jemand das Leben versteht, desto weniger wird er
spottet, nur dass er zuletzt vielleicht noch über die "Gründlichkeit
seines Verstehens" spottet.
241.
Genius der Cultur. - Wenn jemand einen Genius der Cultur imaginiren
wollte, wie würde dieser beschaffen sein? Er handhabt die Lüge,
die Gewalt, den rücksichtslosesten Eigennutz so sicher als seine
Werkzeuge, dass er nur ein böses dämonisches Wesen zu nennen wäre;
aber seine Ziele, welche hie und da durchleuchten, sind gross und gut.
Es ist ein Centaur, halb Thier, halb Mensch und hat noch Engelsflügel
dazu am Haupte.
242.