Gebärde und Sprache. - Aelter als die Sprache ist das Nachmachen von

Gebärden, welches unwillkürlich vor sich geht und jetzt noch, bei

einer allgemeinen Zurückdrängung der Gebärdensprache und gebildeten

Beherrschung der Muskeln, so stark ist, dass wir ein bewegtes Gesicht

nicht ohne Innervation unseres Gesichts ansehen können (man kann

beobachten, dass fingirtes Gähnen bei Einem, der es sieht, natürliches

Gähnen hervorruft). Die nachgeahmte Gebärde leitete Den, der

nachahmte, zu der Empfindung zurück, welche sie im Gesicht oder Körper

des Nachgeahmten ausdrückte. So lernte man sich verstehen: so lernt

noch das Kind die Mutter verstehen. Im Allgemeinen mögen schmerzhafte

Empfindungen wohl auch durch Gebärden ausgedrückt worden sein, welche

Schmerz ihrerseits verursachen (zum Beispiel durch Haar ausraufen,

die-Brust-schlagen, gewaltsame Verzerrungen und Anspannungen der

Gesichtsmuskeln). Umgekehrt: Gebärden der Lust waren selber lustvoll

und eigneten sich dadurch leicht zum Mittheilen des Verständnisses

(Lachen als Aeusserung des Gekitzeltwerdens, welches lustvoll ist,

diente wiederum zum Ausdruck anderer lustvoller Empfindungen).

- Sobald man sich in Gebärden verstand, konnte wiederum eine

Symbolik der Gebärde entstehen: ich meine, man konnte über eine

Tonzeichensprache sich verständigen, so zwar, dass man zuerst Ton

und Gebärde (zu der er symbolisch hinzutrat), später nur den Ton

hervorbrachte. - Es scheint sich da in früher Zeit das Selbe oftmals

ereignet zu haben, was jetzt vor unseren Augen und Ohren in der

Entwickelung der Musik, namentlich der dramatischen Musik, vor sich

geht: während zuerst die Musik, ohne erklärenden Tanz und Mimus

(Gebärdensprache), leeres Geräusch ist, wird durch lange Gewöhnung

an jenes Nebeneinander von Musik und Bewegung das Ohr zur sofortigen

Ausdeutung der Tonfiguren eingeschult und kommt endlich auf eine Höhe

des schnellen Verständnisses, wo es der sichtbaren Bewegung gar nicht

mehr bedarf und den Tondichter ohne dieselbe versteht. Man redet dann

von absoluter Musik, das heisst von Musik, in der Alles ohne weitere

Beihülfe sofort symbolisch verstanden wird.

217.

Die Entsinnlichung der höheren Kunst. - Unsere Ohren sind, vermöge der

ausserordentlichen Uebung des Intellects durch die Kunstentwickelung

der neuen Musik, immer intellectualer geworden. Desshalb ertragen wir

jetzt viel grössere Tonstärke, viel mehr "Lärm", weil wir viel besser

eingeübt sind, auf die Vernunft in ihm hin zu horchen, als unsere

Vorfahren. Thatsächlich sind nun alle unsere Sinne eben dadurch, dass

sie sogleich nach der Vernunft, also nach dem "es bedeutet" und nicht

mehr nach dem "es ist" fragen, etwas abgestumpft worden: wie sich eine

solche Abstumpfung zum Beispiel in der unbedingten Herrschaft der

Temperatur der Töne verräth; denn jetzt gehören Ohren, welche die

feineren Unterscheidungen, zum Beispiel zwischen cis und des, noch

machen, zu den Ausnahmen. In dieser Hinsicht ist unser Ohr vergröbert

worden. Sodann ist die hässliche, den Sinnen ursprünglich feindselige

Seite der Welt für die Musik erobert worden; ihr Machtbereich,

namentlich zum Ausdruck des Erhabenen, Furchtbaren, Geheimnissvollen,

hat sich damit erstaunlich erweitert; unsere Musik bringt jetzt Dinge

zum Reden, welche früher keine Zunge hatten. In ähnlicher Weise haben

einige Maler das Auge intellectualer gemacht und sind weit über Das

hinausgegangen, was man früher Farben- und Formenfreude nannte. Auch

hier ist die ursprünglich als hässlich geltende Seite der Welt vom

künstlerischen Verstande erobert worden. - Was ist von alledem die

Consequenz? je gedankenfähiger Auge und Ohr werden, um so mehr kommen

sie an die Gränze, wo sie unsinnlich werden: die Freude wird in's

Gehirn verlegt, die Sinnesorgane selbst werden stumpf und schwach, das

Symbolische tritt immer mehr an Stelle des Seienden, - und so gelangen

wir auf diesem Wege so sicher zur Barbarei, wie auf irgend einem

anderen. Einstweilen heisst es noch: die Welt ist hässlicher als je,

aber sie bedeutet eine schönere Welt als je gewesen. Aber je mehr

der Ambraduft der Bedeutung sich zerstreut und verflüchtigt, um so

seltener werden Die, welche ihn noch wahrnehmen: und die Uebrigen

bleiben endlich bei dem Hässlichen stehen und suchen es direct zu

geniessen, was ihnen aber immer misslingen muss. So giebt es in

Deutschland eine doppelte Strömung der musicalischen Entwickelung:

hier eine Schaar von Zehntausend mit immer höheren, zarteren

Ansprüchen und immer mehr nach dem "es bedeutet" hinhörend, und dort

die ungeheuere Ueberzahl, welche alljährlich immer unfähiger wird, das

Bedeutende auch in der Form der sinnlichen Hässlichkeit zu verstehen

und desshalb nach dem an sich Hässlichen und Ekelhaften, das heisst

dem niedrig Sinnlichen, in der Musik mit immer mehr Behagen greifen

lernt.

218.

Der Stein ist mehr Stein als früher. - Wir verstehen im Allgemeinen

Architektur nicht mehr, wenigstens lange nicht in der Weise, wie wir

Musik verstehen. Wir sind aus der Symbolik der Linien und Figuren

herausgewachsen, wie wir der Klangwirkungen der Rhetorik entwöhnt

sind, und haben diese Art von Muttermilch der Bildung nicht mehr vom

ersten Augenblick unseres Lebens an eingesogen. An einem griechischen

oder christlichen Gebäude bedeutete ursprünglich Alles Etwas, und zwar

in Hinsicht auf eine höhere Ordnung der Dinge: diese Stimmung einer

unausschöpflichen Bedeutsamkeit lag um das Gebäude gleich einem

zauberhaften Schleier. Schönheit kam nur nebenbei in das System

hinein, ohne die Grundempfindung des Unheimlich-Erhabenen, des durch

Götternähe und Magie Geweihten, wesentlich zu beeinträchtigen;

Schönheit milderte höchstens das Grauen, - aber dieses Grauen war

überall die Voraussetzung. - Was ist uns jetzt die Schönheit eines

Gebäudes? Das Selbe wie das schöne Gesicht einer geistlosen Frau:

etwas Maskenhaftes.

219.

Religiöse Herkunft der neueren Musik. - Die seelenvolle Musik entsteht

in dem wiederhergestellten Katholicismus nach dem tridentinischen

Concil, durch Palestrina, welcher dem neu erwachten innigen und

tief bewegten Geiste zum Klange verhalf; später, mit Bach, auch im

Protestantismus, soweit dieser durch die Pietisten vertieft und von

seinem ursprünglich dogmatischen Grundcharakter losgebunden worden

war. Voraussetzung und nothwendige Vorstufe für beide Entstehungen ist

die Befassung mit Musik, wie sie dem Zeitalter der Renaissance und

Vor-Renaissance zu eigen war, namentlich jene gelehrte Beschäftigung

mit Musik, jene im Grunde wissenschaftliche Lust an den Kunststücken

der Harmonik und Stimmführung. Andererseits musste auch die Oper

vorhergegangen sein: in welcher der Laie seinen Protest gegen eine

zu gelehrt gewordene kalte Musik zu erkennen gab und der Polyhymnia

wieder eine Seele schenken wollte. - Ohne jene tief religiöse

Umstimmung, ohne das Ausklingen des innerlichst-erregten Gemüthes

wäre die Musik gelehrt oder opernhaft geblieben; der Geist der

Gegenreformation ist der Geist der modernen Musik (denn jener

Pietismus in Bach's Musik ist auch eine Art Gegenreformation). So

tief sind wir dem religiösen Leben verschuldet. - Die Musik war die

Gegenrenaissance im Gebiete der Kunst, zu ihr gehört die spätere

Malerei des Murillo, zu ihr vielleicht auch der Barockstil: mehr

jedenfalls als die Architektur der Renaissance oder des Alterthums.

Und noch jetzt dürfte man fragen: wenn unsere neuere Musik die

Steine bewegen könnte, würde sie diese zu einer antiken Architektur

zusammensetzen? Ich zweifle sehr. Denn Das, was in dieser Musik

regiert, der Affect, die Lust an erhöhten, weit gespannten Stimmungen,

das Lebendig-werden-wollen um jeden Preis, der rasche Wechsel der

Empfindung, die starke Reliefwirkung in Licht und Schatten, die

Nebeneinanderstellung der Ekstase und des Naiven, - das hat Alles

schon einmal in den bildenden Künsten regiert und neue Stilgesetze

geschaffen: - es war aber weder im Alterthum noch in der Zeit der

Renaissance.

220.

Das Jenseits in der Kunst. - Nicht ohne tiefen Schmerz gesteht

man sich ein, dass die Künstler aller Zeiten in ihrem höchsten

Aufschwunge gerade jene Vorstellungen zu einer himmlischen Verklärung

hinaufgetragen haben, welche wir jetzt als falsch erkennen: sie sind

die Verherrlicher der religiösen und philosophischen Irrthümer der

Menschheit, und sie hätten diess nicht sein können ohne den Glauben an

die absolute Wahrheit derselben. Nimmt nun der Glaube an eine solche

Wahrheit überhaupt ab, verblassen die Regenbogenfarben um die

äussersten Enden des menschlichen Erkennens und Wähnens: so kann

jene Gattung von Kunst nie wieder aufblühen, welche, wie die divina

commedia, die Bilder Rafael's, die Fresken Michelangelo's, die

gothischen Münster, nicht nur eine kosmische, sondern auch eine

metaphysische Bedeutung der Kunstobjecte voraussetzt. Es wird eine

rührende Sage daraus werden, dass es eine solche Kunst, einen solchen

Künstlerglauben gegeben habe.

221.

Die Revolution in der Poesie. - Der strenge Zwang, welchen sich die

französischen Dramatiker auferlegten, in Hinsicht auf Einheit der

Handlung, des Ortes und der Zeit, auf Stil, Vers- und Satzbau, Auswahl

der Worte und Gedanken, war eine so wichtige Schule, wie die des

Contrapuncts und der Fuge in der Entwickelung der modernen Musik oder

wie die Gorgianischen Figuren in der griechischen Beredtsamkeit. Sich

so zu binden, kann absurd erscheinen; trotzdem giebt es kein anderes

Mittel, um aus dem Naturalisiren herauszukommen, als sich zuerst auf

das allerstärkste (vielleicht allerwillkürlichste) zu beschränken.

Man lernt so allmählich mit Grazie selbst auf den schmalen Stegen

schreiten, welche schwindelnde Abgründe überbrücken, und bringt die

höchste Geschmeidigkeit der Bewegung als Ausbeute mit heim: wie die

Geschichte der Musik vor den Augen aller Jetztlebenden beweist. Hier

sieht man, wie Schritt vor Schritt die Fesseln lockerer werden, bis

sie endlich ganz abgeworfen scheinen können: dieser Schein ist das

höchste Ergebniss einer nothwendigen Entwickelung in der Kunst.

In der modernen Dichtkunst gab es keine so glückliche allmähliche

Herauswickelung aus den selbstgelegten Fesseln. Lessing machte die

französische Form, das heisst die einzige moderne Kunstform, zum

Gespött in Deutschland und verwies auf Shakespeare, und so verlor

man die Stetigkeit jener Entfesselung und machte einen Sprung in den

Naturalismus - das heisst in die Anfänge der Kunst zurück. Aus ihm

versuchte sich Goethe zu retten, indem er sich immer von Neuem wieder

auf verschiedene Art zu binden wusste; aber auch der Begabteste bringt

es nur zu einem fortwährenden Experimentiren, wenn der Faden der

Entwickelung einmal abgerissen ist. Schiller verdankt die ungefähre

Sicherheit seiner Form dem unwillkürlich verehrten, wenn auch

verleugneten Vorbilde der französischen Tragödie und hielt sich

ziemlich unabhängig von Lessing (dessen dramatische Versuche er

bekanntlich ablehnte). Den Franzosen selber fehlten nach Voltaire auf

einmal die grossen Talente, welche die Entwickelung der Tragödie aus

dem Zwange zu jenem Scheine der Freiheit fortgeführt hätten; sie

machten später nach deutschem Vorbilde auch den Sprung in eine Art von

Rousseau'schem Naturzustand der Kunst und experimentirten. Man lese

nur von Zeit zu Zeit Voltaire's Mahomet, um sich klar vor die Seele zu

stellen, was durch jenen Abbruch der Tradition ein für alle Mal der

europäischen Cultur verloren gegangen ist. Voltaire war der letzte der

grossen Dramatiker, welcher seine vielgestaltige, auch den grössten

tragischen Gewitterstürmen gewachsene Seele durch griechisches Maass

bändigte, - er vermochte Das, was noch kein Deutscher vermochte, weil

die Natur des Franzosen der griechischen viel verwandter ist, als die

Natur des Deutschen -; wie er auch der letzte grosse Schriftsteller

war, der in der Behandlung der Prosa-Rede griechisches Ohr,

griechische Künstler-Gewissenhaftigkeit, griechische Schlichtheit

und Anmuth hatte; ja wie er einer der letzten Menschen gewesen ist,

welche die höchste Freiheit des Geistes und eine schlechterdings

unrevolutionäre Gesinnung in sich vereinigen können, ohne inconsequent

und feige zu sein. Seitdem ist der moderne Geist mit seiner Unruhe,

seinem Hass gegen Maass und Schranke, auf allen Gebieten zur

Herrschaft gekommen, zuerst entzügelt durch das Fieber der Revolution

und dann wieder sich Zügel anlegend, wenn ihn Angst und Grauen vor

sich selber anwandelte, - aber die Zügel der Logik, nicht mehr des

künstlerischen Maasses. Zwar geniessen wir durch jene Entfesselung

eine Zeit lang die Poesien aller Völker, alles an verborgenen Stellen

Aufgewachsene, Urwüchsige, Wildblühende, Wunderlich-Schöne und

Riesenhaft-Unregelmässige, vom Volksliede an bis zum "grossen

Barbaren" Shakespeare hinauf; wir schmecken die Freuden der Localfarbe

und des Zeitcostüms, die allen künstlerischen Völkern bisher

fremd waren; wir benutzen reichlich die "barbarischen Avantagen"

unserer Zeit, welche Goethe gegen Schiller geltend machte, um die

Formlosigkeit seines Faust in das günstigste Licht zu stellen. Aber

auf wie lange noch? Die hereinbrechende Fluth von Poesien aller Stile

aller Völker muss ja allmählich das Erdreich hinwegschwemmen, auf dem

ein stilles verborgenes Wachsthum noch möglich gewesen wäre; alle

Dichter müssen ja experimentirende Nachahmer, wagehalsige Copisten

werden, mag ihre Kraft von Anbeginn noch so gross sein; das Publicum

endlich, welches verlernt hat, in der Bändigung der darstellenden

Kraft, in der organisirenden Bewältigung aller Kunstmittel die

eigentlich künstlerische That zu sehen, muss immer mehr die Kraft

um der Kraft willen, die Farbe um der Farbe willen, den Gedanken um

des Gedankens willen, ja die Inspiration um der Inspiration willen

schätzen, es wird demgemäss die Elemente und Bedingungen des

Kunstwerks gar nicht, wenn nicht isolirt, geniessen und zu guterletzt

die natürliche Forderung stellen, dass der Künstler isolirt sie ihm

auch darreichen müsse. Ja, man hat die "unvernünftigen" Fesseln der

französisch-griechischen Kunst abgeworfen, aber unvermerkt sich daran

gewöhnt, alle Fesseln, alle Beschränkung unvernünftig zu finden; - und

so bewegt sich die Kunst ihrer Auflösung entgegen und streift dabei

- was freilich höchst belehrend ist - alle Phasen ihrer Anfänge,

ihrer Kindheit, ihrer Unvollkommenheit, ihrer einstmaligen Wagnisse

und Ausschreitungen: sie interpretirt, im Zu-Grunde-gehen, ihre

Entstehung, ihr Werden. Einer der Grossen, auf dessen Instinct man

sich wohl verlassen kann und dessen Theorie Nichts weiter, als ein

dreissig Jahre Mehr von Praxis fehlte, - Lord Byron hat einmal

ausgesprochen: "Was die Poesie im Allgemeinen anlangt, so bin ich, je

mehr ich darüber nachdenke, immer fester der Ueberzeugung, dass wir

allesammt auf dem falschen Wege sind, Einer wie der Andere. Wir folgen

Alle einem innerlich falschen revolutionären System, - unsere oder die

nächste Generation wird noch zu der selben Ueberzeugung gelangen." Es

ist diess der selbe Byron, welcher sagt: "Ich betrachte Shakespeare

als das schlechteste Vorbild, wenn auch als den ausserordentlichsten

Dichter." Und sagt im Grunde Goethe's gereifte künstlerische Einsicht

aus der zweiten Hälfte seines Lebens nicht genau das Selbe? - jene

Einsicht, mit welcher er einen solchen Vorsprung über eine Reihe von

Generationen gewann, dass man im Grossen und Ganzen behaupten kann,

Goethe habe noch gar nicht gewirkt und seine Zeit werde erst kommen?

Gerade weil seine Natur ihn lange Zeit in der Bahn der poetischen

Revolution festhielt, gerade weil er am gründlichsten auskostete, was

Alles indirect durch jenen Abbruch der Tradition an neuen Funden,

Aussichten, Hülfsmitteln entdeckt und gleichsam unter den Ruinen der

Kunst ausgegraben worden war, so wiegt seine spätere Umwandelung

und Bekehrung so viel: sie bedeutet, dass er das tiefste Verlangen

empfand, die Tradition der Kunst wieder zu gewinnen und den stehen

gebliebenen Trümmern und Säulengängen des Tempels mit der Phantasie

des Auges wenigstens die alte Vollkommenheit und Ganzheit anzudichten,

wenn die Kraft des Armes sich viel zu schwach erweisen sollte, zu

bauen, wo so ungeheure Gewalten schon zum Zerstören nöthig waren. So

lebte er in der Kunst als in der Erinnerung an die wahre Kunst: sein

Dichten war zum Hülfsmittel der Erinnerung, des Verständnisses alter,

längst entrückter Kunstzeiten geworden. Seine Forderungen waren zwar

in Hinsicht auf die Kraft des neuen Zeitalters unerfüllbar; der

Schmerz darüber wurde aber reichlich durch die Freude aufgewogen,

dass sie einmal erfüllt gewesen sind und dass auch wir noch an

dieser Erfüllung theilnehmen können. Nicht Individuen, sondern mehr

oder weniger idealische Masken; keine Wirklichkeit, sondern eine

allegorische Allgemeinheit; Zeitcharaktere, Localfarben zum fast

Unsichtbaren abgedämpft und mythisch gemacht; das gegenwärtige

Empfinden und die Probleme der gegenwärtigen Gesellschaft auf die

einfachsten Formen zusammengedrängt, ihrer reizenden, spannenden,

pathologischen Eigenschaften entkleidet, in jedem andern als dem

artistischen Sinne wirkungslos gemacht; keine neuen Stoffe und

Charaktere, sondern die alten, längst gewohnten in immerfort währender

Neubeseelung und Umbildung: das ist die Kunst, so wie sie Goethe

später verstand, so wie sie die Griechen, ja auch die Franzosen übten.

222.

Was von der Kunst übrig bleibt. - Es ist wahr, bei gewissen

metaphysischen Voraussetzungen hat die Kunst viel grösseren Werth,

zum Beispiel wenn der Glaube gilt, dass der Charakter unveränderlich

sei und das Wesen der Welt sich in allen Charakteren und Handlungen

fortwährend ausspreche: da wird das Werk des Künstlers zum Bild des

ewig Beharrenden, während für unsere Auffassung der Künstler seinem

Bilde immer nur Gültigkeit für eine Zeit geben kann, weil der Mensch

im Ganzen geworden und wandelbar und selbst der einzelne Mensch

nichts Festes und Beharrendes ist. - Ebenso steht es bei einer andern

metaphysischen Voraussetzung: gesetzt, dass unsere sichtbare Welt

nur Erscheinung wäre, wie es die Metaphysiker annehmen, so käme die

Kunst der wirklichen Welt ziemlich nahe zu stehen: denn zwischen der

Erscheinungswelt und der Traumbild-Welt des Künstlers gäbe es dann gar

zu viel Aehnliches; und die übrigbleibende Verschiedenheit stellte

sogar die Bedeutung der Kunst höher, als die Bedeutung der Natur,

weil die Kunst das Gleichförmige, die Typen und Vorbilder der Natur

darstellte. - Jene Voraussetzungen sind aber falsch: welche Stellung

bleibt nach dieser Erkenntniss jetzt noch der Kunst? Vor Allem hat sie

durch Jahrtausende hindurch gelehrt, mit Interesse und Lust auf das

Leben in jeder Gestalt zu sehen und unsere Empfindung so weit zu

bringen, dass wir endlich rufen: "wie es auch sei, das Leben, es

ist gut." Diese Lehre der Kunst, Lust am Dasein zu haben und das

Menschenleben wie ein Stück Natur, ohne zu heftige Mitbewegung, als

Gegenstand gesetzmässiger Entwickelung anzusehen, - diese Lehre ist in

uns hineingewachsen, sie kommt jetzt als allgewaltiges Bedürfniss des

Erkennens wieder an's Licht. Man könnte die Kunst aufgeben, würde

damit aber nicht die von ihr gelernte Fähigkeit einbüssen: ebenso wie

man die Religion aufgegeben hat, nicht aber die durch sie erworbenen

Gemüths-Steigerungen und Erhebungen. Wie die bildende Kunst und

die Musik der Maassstab des durch die Religion wirklich erworbenen

und hinzugewonnenen Gefühls-Reichthumes ist, so würde nach einem

Verschwinden der Kunst die von ihr gepflanzte Intensität und

Vielartigkeit der Lebensfreude immer noch Befriedigung fordern.

Der wissenschaftliche Mensch ist die Weiterentwickelung des

künstlerischen.

223.

Abendröthe der Kunst. - Wie man sich im Alter der Jugend erinnert und

Gedächtnissfeste feiert, so steht bald die Menschheit zur Kunst im

Verhältniss einer rührenden Erinnerung an die Freuden der Jugend.

Vielleicht dass niemals früher die Kunst so tief und seelenvoll

erfasst wurde, wie jetzt, wo die Magie des Todes dieselbe zu umspielen

scheint. Man denke an jene griechische Stadt in Unteritalien, welche

an Einem Tage des Jahres noch ihre griechischen Feste feierte, unter

Wehmuth und Thränen darüber, dass immer mehr die ausländische Barbarei

über ihre mitgebrachten Sitten triumphire; niemals hat man wohl das

Hellenische so genossen, nirgendswo diesen goldenen Nektar mit solcher

Wollust geschlürft, als unter diesen absterbenden Hellenen. Den

Künstler wird man bald als ein herrliches Ueberbleibsel ansehen und

ihm, wie einem wunderbaren Fremden, an dessen Kraft und Schönheit

das Glück früherer Zeiten hieng, Ehren erweisen, wie wir sie nicht

leicht Unseresgleichen gönnen. Das Beste an uns ist vielleicht

aus Empfindungen früherer Zeiten vererbt, zu denen wir jetzt auf

unmittelbarem Wege kaum mehr kommen können; die Sonne ist schon

hinuntergegangen, aber der Himmel unseres Lebens glüht und leuchtet

noch von ihr her, ob wir sie schon nicht mehr sehen.

Fünftes Hauptstück.

Anzeichen höherer und niederer Cultur.

224.

Veredelung durch Entartung. - Aus der Geschichte ist zu lernen, dass

der Stamm eines Volkes sich am besten erhält, in welchem die meisten

Menschen lebendigen Gemeinsinn in Folge der Gleichheit ihrer gewohnten

und undiscutirbaren Grundsätze, also in Folge ihres gemeinsamen

Glaubens haben. Hier erstarkt die gute, tüchtige Sitte, hier wird die

Unterordnung des Individuums gelernt und dem Charakter Festigkeit

schon als Angebinde gegeben und nachher noch anerzogen. Die Gefahr

dieser starken, auf gleichartige, charaktervolle Individuen

gegründeten Gemeinwesen ist die allmählich durch Vererbung gesteigerte

Verdummung, welche nun einmal aller Stabilität wie ihr Schatten folgt.

Es sind die ungebundneren, viel unsichereren und moralisch schwächeren

Individuen, an denen das geistige Fortschreiten in solchen Gemeinwesen

hängt: es sind die Menschen, welche Neues und überhaupt Vielerlei

versuchen. Unzählige dieser Art gehen, ihrer Schwäche wegen, ohne sehr

ersichtliche Wirkung zu Grunde; aber im Allgemeinen, zumal wenn sie

Nachkommen haben, lockern sie auf und bringen von Zeit zu Zeit dem

stabilen Elemente eines Gemeinwesens eine Wunde bei. Gerade an dieser

wunden und schwach gewordenen Stelle wird dem gesammten Wesen etwas

Neues gleichsam inoculirt; seine Kraft im Ganzen muss aber stark genug

sein, um dieses Neue in sein Blut aufzunehmen und sich zu assimiliren.

Die abartenden Naturen sind überall da von höchster Bedeutung, wo ein

Fortschritt erfolgen soll. Jedem Fortschritt im Grossen muss eine

theilweise Schwächung vorhergehen. Die stärksten Naturen halten den

Typus fest, die schwächeren helfen ihn fortbilden. - Etwas Aehnliches

ergiebt sich für den einzelnen Menschen; selten ist eine Entartung,

eine Verstümmelung, selbst ein Laster und überhaupt eine körperliche

oder sittliche Einbusse ohne einen Vortheil auf einer anderen Seite.

Der kränkere Mensch zum Beispiel wird vielleicht, inmitten eines

kriegerischen und unruhigen Stammes, mehr Veranlassung haben, für sich

zu sein und dadurch ruhiger und weiser zu werden, der Einäugige wird

Ein stärkeres Auge haben, der Blinde wird tiefer in's Innere schauen

und jedenfalls schärfer hören. Insofern scheint mir der berühmte Kampf

um's Dasein nicht der einzige Gesichtspunct zu sein, aus dem das

Fortschreiten oder Stärkerwerden eines Menschen, einer Rasse erklärt

werden kann. Vielmehr muss zweierlei zusammen kommen: einmal die

Mehrung der stabilen Kraft durch Bindung der Geister in Glauben und

Gemeingefühl; sodann die Möglichkeit, zu höheren Zielen zu gelangen,

dadurch dass entartende Naturen und, in Folge derselben, theilweise

Schwächungen und Verwundungen der stabilen Kraft vorkommen; gerade

die schwächere Natur, als die zartere und freiere, macht alles

Fortschreiten überhaupt möglich. Ein Volk, das irgendwo anbröckelt und

schwach wird, aber im Ganzen noch stark und gesund ist, vermag die

Infection des Neuen aufzunehmen und sich zum Vortheil einzuverleiben.

Bei dem einzelnen Menschen lautet die Aufgabe der Erziehung so: ihn so

fest und sicher hinzustellen, dass er als Ganzes gar nicht mehr aus

seiner Bahn abgelenkt werden kann. Dann aber hat der Erzieher ihm

Wunden beizubringen oder die Wunden, welche das Schicksal ihm schlägt,

zu benutzen, und wenn so der Schmerz und das Bedürfniss entstanden

sind, so kann auch in die verwundeten Stellen etwas Neues und Edles

inoculirt werden. Seine gesammte Natur wird es in sich hineinnehmen

und später, in ihren Früchten, die Veredelung spüren lassen. - Was den

Staat betrifft, so sagt Macchiavelli, dass "die Form der Regierungen

von sehr geringer Bedeutung ist, obgleich halbgebildete Leute anders

denken. Das grosse Ziel der Staatskunst sollte Dauer sein, welche

alles Andere aufwiegt, indem sie weit werthvoller ist, als Freiheit".

Nur bei sicher begründeter und verbürgter grösster Dauer ist stetige

Entwickelung und veredelnde Inoculation überhaupt möglich. Freilich

wird gewöhnlich die gefährliche Genossin aller Dauer, die Autorität,

sich dagegen wehren.

225.

Menschliches, Allzumenschliches: Ein Buch Fuer Freie Geister · 第 12 / 24 段