Shakespeare als Moralist. - Shakespeare hat über die Leidenschaften

viel nachgedacht und wohl von seinem Temperamente her zu vielen einen

sehr nahen Zugang gehabt (Dramatiker sind im Allgemeinen ziemlich böse

Menschen). Aber er vermochte nicht, wie Montaigne, darüber zu reden,

sondern legte die Beobachtungen über die Passionen den passionirten

Figuren in den Mund: was zwar wider die Natur ist, aber seine Dramen

so gedankenvoll macht, dass sie alle anderen leer erscheinen lassen

und leicht einen allgemeinen Widerwillen gegen sie erwecken. - Die

Sentenzen Schiller's (welchen fast immer falsche oder unbedeutende

Einfälle zu Grunde liegen) sind eben Theatersentenzen und wirken als

solche sehr stark: während die Sentenzen Shakespeare's seinem Vorbilde

Montaigne Ehre machen und ganz ernsthafte Gedanken in geschliffener

Form enthalten, desshalb aber für die Augen des Theaterpublicums zu

fern und zu fein, also unwirksam sind.

177.

Sich gut zu Gehör bringen. - Man muss nicht nur verstehen, gut zu

spielen, sondern auch sich gut zu Gehör zu bringen. Die Geige in

der Hand des grössten Meisters giebt nur ein Gezirp von sich, wenn

der Raum zu gross ist; man kann da den Meister mit jedem Stümper

verwechseln.

178.

Das Unvollständige als das Wirksame. - Wie Relieffiguren dadurch so

stark auf die Phantasie wirken, dass sie gleichsam auf dem Wege sind,

aus der Wand herauszutreten und plötzlich, irgend wodurch gehemmt,

Halt machen: so ist mitunter die reliefartig unvollständige

Darstellung eines Gedankens, einer ganzen Philosophie wirksamer, als

die erschöpfende Ausführung: man überlässt der Arbeit des Beschauers

mehr, er wird aufgeregt, das, was in so starkem Licht und Dunkel vor

ihm sich abhebt, fortzubilden, zu Ende zu denken und jenes Hemmniss

selber zu überwinden, welches ihrem völligen Heraustreten bis dahin

hinderlich war.

179.

Gegen die Originalen. - Wenn die Kunst sich in den abgetragensten

Stoff kleidet, erkennt man sie am besten als Kunst.

180.

Collectivgeist. - Ein guter Schriftsteller hat nicht nur seinen

eigenen Geist, sondern auch noch den Geist seiner Freunde.

181.

Zweierlei Verkennung. - Das Unglück scharfsinniger und klarer

Schriftsteller ist, dass man sie für flach nimmt und desshalb ihnen

keine Mühe zuwendet: und das Glück der unklaren, dass der Leser

sich an ihnen abmüht und die Freude über seinen Eifer ihnen zu Gute

schreibt.

182.

Verhältniss zur Wissenschaft. - Alle Die haben kein wirkliches

Interesse an einer Wissenschaft, welche erst dann anfangen, für sie

warm zu werden, wenn sie selbst Entdeckungen in ihr gemacht haben.

183.

Der Schlüssel. - Der eine Gedanke, auf den ein bedeutender Mensch, zum

Gelächter und Spott der Unbedeutenden, grossen Werth legt, ist für ihn

ein Schlüssel zu verborgenen Schatzkammern, für jene nicht mehr, als

ein Stück alten Eisens.

184.

Unübersetzbar. - Es ist weder das Beste, noch das Schlechteste an

einem Buche, was an ihm unübersetzbar ist.

185.

Paradoxien des Autors. - Die sogenannten Paradoxien des Autors, an

welchen ein Leser Anstoss nimmt, stehen häufig gar nicht im Buche des

Autors, sondern im Kopfe des Lesers.

186.

Witz. - Die witzigsten Autoren erzeugen das kaum bemerkbarste Lächeln.

187.

Die Antithese. - Die Antithese ist die enge Pforte, durch welche sich

am liebsten der Irrthum zur Wahrheit schleicht.

188.

Denker als Stilisten. - Die meisten Denker schreiben schlecht, weil

sie uns nicht nur ihre Gedanken, sondern auch das Denken der Gedanken

mittheilen.

189.

Gedanken im Gedicht. - Der Dichter führt seine Gedanken festlich

daher, auf dem Wagen des Rhythmus': gewöhnlich desshalb, weil diese zu

Fuss nicht gehen können.

190.

Sünde wider den Geist des Lesers. - Wenn der Autor sein Talent

verleugnet, blos um sich dem Leser gleich zu stellen, so begeht er die

einzige Todsünde, welche ihm Jener nie verzeiht: im Fall er nämlich

Etwas davon merkt. Man darf dem Menschen sonst alles Böse nachsagen:

aber in der Art, wie man es sagt, muss man seine Eitelkeit wieder

aufzurichten wissen.

191.

Gränze der Ehrlichkeit. - Auch dem ehrlichsten Schriftsteller entfällt

ein Wort zu viel, wenn er eine Periode abrunden will.

192.

Der beste Autor. - Der beste Autor wird der sein, welcher sich schämt,

Schriftsteller zu werden.

193.

Drakonisches Gesetz gegen Schriftsteller. - Man sollte einen

Schriftsteller als einen Missethäter ansehen, der nur in den

seltensten Fällen Freisprechung oder Begnadigung verdient: das wäre

ein Mittel gegen das Ueberhandnehmen der Bücher.

194.

Die Narren der modernen Cultur. - Die Narren der mittelalterlichen

Höfe entsprechen unseren Feuilletonisten; es ist die selbe Gattung

Menschen, halbvernünftig, witzig, übertrieben, albern, mitunter nur

dazu da, das Pathos der Stimmung durch Einfälle, durch Geschwätz zu

mildern und den allzu schweren, feierlichen Glockenklang grosser

Ereignisse durch Geschrei zu übertäuben; ehemals im Dienste der

Fürsten und Adeligen, jetzt im Dienste von Parteien (wie in

Partei-Sinn und Partei-Zucht ein guter Theil der alten Unterthänigkeit

im Verkehr des Volkes mit dem Fürsten jetzt noch fortlebt). Der ganze

moderne Litteratenstand steht aber den Feuilletonisten sehr nahe, es

sind die "Narren der modernen Cultur", welche man milder beurtheilt,

wenn man sie als nicht ganz zurechnungsfähig nimmt. Schriftstellerei

als Lebensberuf zu betrachten, sollte billigerweise als eine Art

Tollheit gelten.

195.

Den Griechen nach. - Der Erkenntniss steht es gegenwärtig sehr im

Wege, dass alle Worte durch hundertjährige Uebertreibung des Gefühls

dunstig und aufgeblasen geworden sind. Die höhere Stufe der Cultur,

welche sich unter die Herrschaft (wenn auch nicht unter die Tyrannei)

der Erkenntniss stellt, hat eine grosse Ernüchterung des Gefühls

und eine starke Concentration aller Worte vonnöthen; worin uns

die Griechen im Zeitalter des Demosthenes vorangegangen sind. Das

Ueberspannte bezeichnet alle modernen Schriften; und selbst wenn

sie einfach geschrieben sind, so werden die Worte in denselben noch

zu excentrisch gefühlt. Strenge Ueberlegung, Gedrängtheit, Kälte,

Schlichtheit, selbst absichtlich bis an die Gränze hinab, überhaupt

An-sich-halten des Gefühls und Schweigsamkeit, - das kann allein

helfen. - Uebrigens ist diese kalte Schreib- und Gefühlsart, als

Gegensatz, jetzt sehr reizvoll: und darin liegt freilich eine neue

Gefahr. Denn die scharfe Kälte ist so gut ein Reizmittel, als ein

hoher Wärmegrad.

196.

Gute Erzähler schlechte Erklärer. - Bei guten Erzählern steht oft

eine bewunderungswürdige psychologische Sicherheit und Consequenz,

soweit diese in den Handlungen ihrer Personen hervortreten kann,

in einem geradezu lächerlichen Gegensatz zu der Ungeübtheit ihres

psychologischen Denkens: so dass ihre Cultur in dem einen Augenblicke

ebenso ausgezeichnet hoch, als im nächsten bedauerlich tief erscheint.

Es kommt gar zu häufig vor, dass sie ihre eigenen Helden und deren

Handlungen ersichtlich falsch erklären, - es ist daran kein Zweifel,

so unwahrscheinlich die Sache klingt. Vielleicht hat der grösste

Clavierspieler nur wenig über die technischen Bedingungen und die

specielle Tugend, Untugend, Nutzbarkeit und Erziehbarkeit jedes

Fingers (daktylische Ethik) nachgedacht, und macht grobe Fehler, wenn

er von solchen Dingen redet.

197.

Die Schriften von Bekannten und ihre Leser. - Wir lesen Schriften von

Bekannten (Freunden und Feinden) doppelt, insofern fortwährend unsere

Erkenntniss daneben flüstert: "das ist von ihm, ein Merkmal seines

inneren Wesens, seiner Erlebnisse, seiner Begabung", und wiederum eine

andere Art Erkenntniss dabei festzustellen sucht, was der Ertrag jenes

Werkes an sich ist, welche Schätzung es überhaupt, abgesehen von

seinem Verfasser, verdient, welche Bereicherung des Wissens es mit

sich bringt. Diese beiden Arten des Lesens und Erwägens stören sich,

wie das sich von selbst versteht, gegenseitig. Auch eine Unterhaltung

mit einem Freunde wird dann erst gute Früchte der Erkenntniss

zeitigen, wenn Beide endlich nur noch an die Sache denken, und

vergessen, dass sie Freunde sind.

198.

Rhythmische Opfer. - Gute Schriftsteller verändern den Rhythmus

mancher Periode blos desshalb, weil sie den gewöhnlichen Lesern nicht

die Fähigkeit zuerkennen, den Tact, welchem die Periode in ihrer

ersten Fassung folgte, zu begreifen: desshalb erleichtern sie es

ihnen, indem sie bekannteren Rhythmen den Vorzug geben. - Diese

Rücksicht auf das rhythmische Unvermögen der jetzigen Leser hat schon

manche Seufzer entlockt, denn ihr ist viel schon zum Opfer gefallen. -

Ob es guten Musikern nicht ähnlich ergeht?

199.

Das Unvollständige als künstlerisches Reizmittel. - Das Unvollständige

ist oft wirksamer als die Vollständigkeit, so namentlich in der

Lobrede: für ihre Zwecke braucht man gerade eine anreizende

Unvollständigkeit, als ein irrationales Element, welches der

Phantasie des Hörers ein Meer vorspiegelt und gleich einem Nebel

die gegenüberliegende Küste, also die Begränztheit des zu lobenden

Gegenstandes, verdeckt. Wenn man die bekannten Verdienste eines

Menschen erwähnt und dabei ausführlich und breit ist, so lässt diess

immer den Argwohn aufkommen, es seien die einzigen Verdienste. Der

vollständig Lobende stellt sich über den Gelobten, er scheint ihn zu

übersehen. Desshalb wirkt das Vollständige abschwächend.

200.

Vorsicht im Schreiben und Lehren. - Wer erst geschrieben hat und die

Leidenschaft des Schreibens in sich fühlt, lernt fast aus Allem, was

er treibt und erlebt, nur Das noch heraus, was schriftstellerisch

mittheilbar ist. Er denkt nicht mehr an sich, sondern an den

Schriftsteller und sein Publicum; er will die Einsicht, aber nicht zum

eigenen Gebrauche. Wer Lehrer ist, ist meistens unfähig, etwas Eigenes

noch für sein eigenes Wohl zu treiben, er denkt immer an das Wohl

seiner Schüler und jede Erkenntniss erfreut ihn nur, so weit er sie

lehren kann. Er betrachtet sich zuletzt als einen Durchweg des Wissens

und überhaupt als Mittel, so dass er den Ernst für sich verloren hat.

201.

Schlechte Schriftsteller nothwendig. - Es wird immer schlechte

Schriftsteller geben müssen, denn sie entsprechen dem Geschmack

der unentwickelten, unreifen Altersclassen; diese haben so gut ihr

Bedürfniss wie die reifern. Wäre das menschliche Leben länger, so

würde die Zahl der reif gewordenen Individuen überwiegend oder

mindestens gleich gross mit der der unreifen ausfallen; so aber

sterben bei Weitem die meisten zu jung, das heisst es giebt immer viel

mehr unentwickelte Intellecte mit schlechtem Geschmack. Diese begehren

überdiess, mit der grösseren Heftigkeit der Jugend, nach Befriedigung

ihres Bedürfnisses, und sie erzwingen sich schlechte Autoren.

202.

Zu nah und zu fern. - Der Leser und der Autor verstehen sich häufig

desshalb nicht, weil der Autor sein Thema zu gut kennt und es beinahe

langweilig findet, so dass er sich die Beispiele erlässt, die er zu

Hunderten weiss; der Leser aber ist der Sache fremd und findet sie

leicht schlecht begründet, wenn ihm die Beispiele vorenthalten werden.

203.

Eine verschwundene Vorbereitung zur Kunst. - An Allem, was das

Gymnasium trieb, war das Werthvollste die Uebung im lateinischen Stil:

diese war eben eine Kunstübung, während alle anderen Beschäftigungen

nur das Wissen zum Zweck hatten. Den deutschen Aufsatz voranzustellen,

ist Barbarei, denn wir haben keinen mustergültigen, an öffentlicher

Beredtsamkeit emporgewachsenen deutschen Stil; will man aber durch

den deutschen Aufsatz die Uebung im Denken fördern, so ist es gewiss

besser, wenn man einstweilen von Stil dabei überhaupt absieht, also

zwischen der Uebung im Denken und der im Darstellen scheidet. Letztere

sollte sich auf mannichfache Fassung eines gegebenen Inhaltes beziehen

und nicht auf selbständiges Erfinden eines Inhaltes. Die blose

Darstellung bei gegebenem Inhalte war die Aufgabe des lateinischen

Stils, für welchen die alten Lehrer eine längst verloren gegangene

Feinheit des Gehörs besassen. Wer ehemals gut in einer modernen

Sprache schreiben lernte, verdankte es dieser Uebung (jetzt muss man

sich nothgedrungen zu den älteren Franzosen in die Schule schicken);

aber noch mehr: er bekam einen Begriff von der Hoheit und

Schwierigkeit der Form und wurde für die Kunst überhaupt auf dem

einzig richtigen Wege vorbereitet, durch Praxis.

204.

Dunkles und Ueberhelles neben einander. - Schriftsteller, welche im

Allgemeinen ihren Gedanken keine Deutlichkeit zu geben verstehen,

werden im Einzelnen mit Vorliebe die stärksten, übertriebensten

Bezeichnungen und Superlative wählen: dadurch entsteht eine

Lichtwirkung, wie bei Fackelbeleuchtung auf verworrenen Waldwegen.

205.

Schriftstellerisches Malerthum. - Einen bedeutenden Gegenstand wird

man am besten darstellen, wenn man die Farben zum Gemälde aus dem

Gegenstande selber, wie ein Chemiker, nimmt und sie dann wie ein

Artist verbraucht: so dass man die Zeichnung aus den Gränzen und

Uebergängen der Farben erwachsen lässt. So bekommt das Gemälde Etwas

von dem hinreissenden Naturelement, welches den Gegenstand selber

bedeutend macht.

206.

Bücher, welche tanzen lehren. - Es giebt Schriftsteller, welche

dadurch, dass sie Unmögliches als möglich darstellen und vom

Sittlichen und Genialen so reden, als ob beides nur eine Laune, ein

Belieben sei, ein Gefühl von übermüthiger Freiheit hervorbringen, wie

wenn der Mensch sich auf die Fussspitzen stellte und vor innerer Lust

durchaus tanzen müsste.

207.

Nicht fertig gewordene Gedanken. - Ebenso wie nicht nur das

Mannesalter, sondern auch Jugend und Kindheit einen Werth an sich

haben und gar nicht nur als Durchgänge und Brücken zu schätzen sind,

so haben auch die nicht fertig gewordenen Gedanken ihren Werth. Man

muss desshalb einen Dichter nicht mit subtiler Auslegung quälen und

sich an der Unsicherheit seines Horizontes vergnügen, wie als ob der

Weg zu mehreren Gedanken noch offen sei. Man steht an der Schwelle;

man wartet wie bei der Ausgrabung eines Schatzes: es ist, als ob ein

Glücksfund von Tiefsinn eben gemacht werden sollte. Der Dichter nimmt

Etwas von der Lust des Denkers beim Finden eines Hauptgedankens vorweg

und macht uns damit begehrlich, so dass wir nach diesem haschen;

der aber gaukelt an unserm Kopf vorüber und zeigt die schönsten

Schmetterlingsflügel - und doch entschlüpft er uns.

208.

Das Buch fast zum Menschen geworden. - Jeden Schriftsteller überrascht

es von Neuem, wie das Buch, sobald es sich von ihm gelöst hat, ein

eigenes Leben für sich weiterlebt; es ist ihm zu Muthe, als wäre der

eine Theil eines Insectes losgetrennt und gienge nun seinen eigenen

Weg weiter. Vielleicht vergisst er es fast ganz, vielleicht erhebt

er sich über die darin niedergelegten Ansichten, vielleicht selbst

versteht er es nicht mehr und hat jene Schwingen verloren, auf denen

er damals flog, als er jenes Buch aussann: währenddem sucht es sich

seine Leser, entzündet Leben, beglückt, erschreckt, erzeugt neue

Werke, wird die Seele von Vorsätzen und Handlungen - kurz: es lebt wie

ein mit Geist und Seele ausgestattetes Wesen und ist doch kein Mensch.

- Das glücklichste Loos hat der Autor gezogen, welcher, als alter

Mann, sagen kann, dass Alles, was von lebenzeugenden, kräftigenden,

erhebenden, aufklärenden Gedanken und Gefühlen in ihm war, in seinen

Schriften noch fortlebe und dass er selber nur noch die graue Asche

bedeute, während das Feuer überall hin gerettet und weiter getragen

sei. - Erwägt man nun gar, dass jede Handlung eines Menschen, nicht

nur ein Buch, auf irgend eine Art Anlass zu anderen Handlungen,

Entschlüssen, Gedanken wird, dass Alles, was geschieht, unlösbar fest

sich mit Allem, was geschehen wird, verknotet, so erkennt man die

wirkliche Unsterblichkeit, die es giebt, die der Bewegung: was einmal

bewegt hat, ist in dem Gesammtverbande alles Seienden, wie in einem

Bernstein ein Insect, eingeschlossen und verewigt.

209.

Freude im Alter. - Der Denker und ebenso der Künstler, welcher sein

besseres Selbst in Werke geflüchtet hat, empfindet eine fast boshafte

Freude, wenn er sieht, wie sein Leib und Geist langsam von der Zeit

angebrochen und zerstört werden, als ob er aus einem Winkel einen Dieb

an seinem Geldschranke arbeiten sähe, während er weiss, dass dieser

leer ist und alle Schätze gerettet sind.

210.

Ruhige Fruchtbarkeit. - Die geborenen Aristokraten des Geistes sind

nicht zu eifrig; ihre Schöpfungen erscheinen und fallen an einem

ruhigen Herbstabend vom Baume, ohne hastig begehrt, gefördert, durch

Neues verdrängt zu werden. Das unablässige Schaffenwollen ist gemein

und zeigt Eifersucht, Neid, Ehrgeiz an. Wenn man Etwas ist, so braucht

man eigentlich Nichts zu machen, - und thut doch sehr viel. Es giebt

über dem "productiven" Menschen noch eine höhere Gattung.

211.

Achilles und Homer. - Es ist immer wie zwischen Achilles und Homer:

der Eine hat das Erlebniss, die Empfindung, der Andere beschreibt

sie. Ein wirklicher Schriftsteller giebt dem Affect und der Erfahrung

Anderer nur Worte, er ist Künstler, um aus dem Wenigen, was er

empfunden hat, viel zu errathen. Künstler sind keineswegs die Menschen

der grossen Leidenschaft, aber häufig geben sie sich als solche in

der unbewussten Empfindung, dass man ihrer gemalten Leidenschaft mehr

traut, wenn ihr eigenes Leben für ihre Erfahrung auf diesem Gebiete

spricht. Man braucht sich ja nur gehen zu lassen, sich nicht zu

beherrschen, seinem Zorn, seiner Begierde offenen Spielraum zu gönnen,

sofort schreit alle Welt: wie leidenschaftlich ist er! Aber mit der

tiefwühlenden, das Individuum anzehrenden und oft verschlingenden

Leidenschaft hat es Etwas auf sich: wer sie erlebt, beschreibt sie

gewiss nicht in Dramen, Tönen oder Romanen. Künstler sind häufig

zügellose Individuen, soweit sie eben nicht Künstler sind: aber das

ist etwas Anderes.

212.

Alte Zweifel über die Wirkung der Kunst. - Sollten Mitleid und Furcht

wirklich, wie Aristoteles will, durch die Tragödie entladen werden, so

dass der Zuhörer kälter und ruhiger nach Hause zurückkehre? Sollten

Geistergeschichten weniger furchtsam und abergläubisch machen? Es ist

bei einigen physischen Vorgängen, zum Beispiel bei dem Liebesgenuss,

wahr, dass mit der Befriedigung eines Bedürfnisses eine Linderung und

zeitweilige Herabstimmung des Triebes eintritt. Aber die Furcht und

das Mitleid sind nicht in diesem Sinne Bedürfnisse bestimmter Organe,

welche erleichtert werden wollen. Und auf die Dauer wird selbst jeder

Trieb durch Uebung in seiner Befriedigung gestärkt, trotz jener

periodischen Linderungen. Es wäre möglich, dass Mitleid und Furcht

in jedem einzelnen Falle durch die Tragödie gemildert und entladen

würden: trotzdem könnten sie im Ganzen durch die tragische Einwirkung

überhaupt grösser werden, und Plato behielte doch Recht, wenn er

meint, dass man durch die Tragödie insgesammt ängstlicher und

rührseliger werde. Der tragische Dichter selbst würde dann nothwendig

eine düstere, furchtvolle Weltbetrachtung und eine weiche, reizbare,

thränensüchtige Seele bekommen, desgleichen würde es zu Plato's

Meinung stimmen, wenn die tragischen Dichter und ebenso die ganzen

Stadtgemeinden, welche sich besonders an ihnen ergötzen, zu immer

grösserer Maass- und Zügellosigkeit ausarten. - Aber welches Recht

hat unsere Zeit überhaupt, auf die grosse Frage Plato's nach dem

moralischen Einfluss der Kunst eine Antwort zu geben? Hätten wir

selbst die Kunst, - wo haben wir den Einfluss, irgend einen Einfluss

der Kunst?

213.

Freude am Unsinn. - Wie kann der Mensch Freude am Unsinn haben? So

weit nämlich auf der Welt gelacht wird, ist diess der Fall; ja man

kann sagen, fast überall wo es Glück giebt, giebt es Freude am Unsinn.

Das Umwerfen der Erfahrung in's Gegentheil, des Zweckmässigen in's

Zwecklose, des Nothwendigen in's Beliebige, doch so, dass dieser

Vorgang keinen Schaden macht und nur einmal aus Uebermuth vorgestellt

wird, ergötzt, denn es befreit uns momentan von dem Zwange des

Nothwendigen, Zweckmässigen und Erfahrungsgemässen, in denen wir für

gewöhnlich unsere unerbittlichen Herren sehen; wir spielen und lachen

dann, wenn das Erwartete (das gewöhnlich bange macht und spannt)

sich, ohne zu schädigen, entladet. Es ist die Freude der Sclaven am

Saturnalienfeste.

214.

Veredelung der Wirklichkeit. - Dadurch, dass die Menschen in dem

aphrodisischen Triebe eine Gottheit sahen und ihn mit anbetender

Dankbarkeit in sich wirkend fühlten, ist im Verlaufe der Zeit

jener Affect mit höheren Vorstellungsreihen durchzogen und dadurch

thatsächlich sehr veredelt worden. So haben sich einige Völker,

vermöge dieser Kunst des Idealisirens, aus Krankheiten grosse

Hülfsmächte der Cultur geschaffen: zum Beispiel die Griechen, welche

in früheren Jahrhunderten an grossen Nerven-Epidemien (in der Art der

Epilepsie und des Veitstanzes) litten und daraus den herrlichen Typus

der Bacchantin herausgebildet haben. - Die Griechen besassen nämlich

Nichts weniger, als eine vierschrötige Gesundheit; - ihr Geheimniss

war, auch die Krankheit, wenn sie nur Macht hatte, als Gott zu

verehren.

215.

Musik. - Die Musik ist nicht an und für sich so bedeutungsvoll für

unser Inneres, so tief erregend, dass sie als unmittelbare Sprache des

Gefühls gelten dürfte; sondern ihre uralte Verbindung mit der Poesie

hat so viel Symbolik in die rhythmische Bewegung, in Stärke und

Schwäche des Tones gelegt, dass wir jetzt wähnen, sie spräche direct

zu in Inneren und käme aus dem Inneren. Die dramatische Musik ist erst

möglich, wenn sich die Tonkunst ein ungeheures Bereich symbolischer

Mittel erobert hat, durch Lied, Oper und hundertfältige Versuche der

Tonmalerei. Die "absolute Musik" ist entweder Form an sich, im rohen

Zustand der Musik, wo das Erklingen in Zeitmaass und verschiedener

Stärke überhaupt Freude macht, oder die ohne Poesie schon zum

Verständniss redende Symbolik der Formen, nachdem in langer

Entwickelung beide Künste verbunden waren und endlich die musicalische

Form ganz mit Begriffs- und Gefühlsfäden durchsponnen ist. Menschen,

welche in der Entwickelung der Musik zurückgeblieben sind, können das

selbe Tonstück rein formalistisch empfinden, wo die Fortgeschrittenen

Alles symbolisch verstehen. An sich ist keine Musik tief und

bedeutungsvoll, sie spricht nicht vom "Willen", vom "Dinge an sich";

das konnte der Intellect erst in einem Zeitalter wähnen, welches den

ganzen Umfang des inneren Lebens für die musicalische Symbolik erobert

hatte. Der Intellect selber hat diese Bedeutsamkeit erst in den Klang

hineingelegt, wie er in die Verhältnisse von Linien und Massen bei der

Architektur ebenfalls Bedeutsamkeit gelegt hat, welche aber an sich

den mechanischen Gesetzen ganz fremd ist.

216.

Menschliches, Allzumenschliches: Ein Buch Fuer Freie Geister · 第 11 / 24 段