Die Leiden des Genius' und ihr Werth. - Der künstlerische Genius will

Freude machen, aber wenn er auf einer sehr hohen Stufe steht, so

fehlen ihm leicht die Geniessenden; er bietet Speisen, aber man will

sie nicht. Das giebt ihm ein unter Umständen lächerlich-rührendes

Pathos; denn im Grunde hat er kein Recht, die Menschen zum Vergnügen

zu zwingen. Seine Pfeife tönt, aber Niemand will tanzen: kann das

tragisch sein? - Vielleicht doch. Zuletzt hat er als Compensation

für diese Entbehrung mehr Vergnügen beim Schaffen, als die übrigen

Menschen bei allen anderen Gattungen der Thätigkeit haben. Man

empfindet seine Leiden übertrieben, weil der Ton seiner Klage lauter,

sein Mund beredter ist; und in mitunter sind seine Leiden wirklich

sehr gross, aber nur desshalb, weil sein Ehrgeiz, sein Neid so gross

ist. Der wissende Genius, wie Kepler und Spinoza, ist für gewöhnlich

nicht so begehrlich und macht von seinen wirklich grösseren Leiden und

Entbehrungen kein solches Aufheben. Er darf mit grösserer Sicherheit

auf die Nachwelt rechnen und sich der Gegenwart entschlagen; während

ein Künstler, der diess thut, immer ein verzweifeltes Spiel spielt,

bei dem ihm wehe um's Herz werden muss. In ganz seltenen Fällen,

- dann, wenn im selben Individuum der Genius des Könnens und des

Erkennens und der moralische Genius sich verschmelzen - kommt zu den

erwähnten Schmerzen noch die Gattung von Schmerzen hinzu, welche als

die absonderlichsten Ausnahmen in der Welt zu nehmen sind: die ausser-

und überpersönlichen, einem Volke, der Menschheit, der gesammten

Cultur, allem leidenden Dasein zugewandten Empfindungen: welche ihren

Werth durch die Verbindung mit besonders schwierigen und entlegenen

Erkenntnissen erlangen (Mitleid an sich ist wenig werth). - Aber

welchen Maassstab, welche Goldwage giebt es für deren Aechtheit? Ist

es nicht fast geboten, misstrauisch gegen Alle zu sein, welche von

Empfindungen dieser Art bei sich reden?

158.

Verhängniss der Grösse. - Jeder grossen Erscheinung folgt die

Entartung nach, namentlich im Bereiche der Kunst. Das Vorbild des

Grossen reizt die eitleren Naturen zum äusserlichen Nachmachen

oder zum Ueberbieten; dazu haben alle grossen Begabungen das

Verhängnissvolle an sich, viele schwächere Kräfte und Keime zu

erdrücken und um sich herum gleichsam die Natur zu veröden. Der

glücklichste Fall in der Entwickelung einer Kunst ist der, dass

mehrere Genie's sich gegenseitig in Schranken halten; bei diesem

Kampfe wird gewöhnlich den schwächeren und zarteren Naturen auch Luft

und Licht gegönnt.

159.

Die Kunst dem Künstler gefährlich. - Wenn die Kunst ein Individuum

gewaltig ergreift, dann zieht es dasselbe zu Anschauungen solcher

Zeiten zurück, wo die Kunst am kräftigsten blühte, sie wirkt dann

zurückbildend. Der Künstler kommt immer mehr in eine Verehrung der

plötzlichen Erregungen, glaubt an Götter und Dämonen, durchseelt die

Natur, hasst die Wissenschaft, wird wechselnd in seinen Stimmungen,

wie die Menschen des Alterthums, und begehrt einen Umsturz aller

Verhältnisse, welche der Kunst nicht günstig sind, und zwar diess mit

der Heftigkeit und Unbilligkeit eines Kindes. An sich ist nun der

Künstler schon ein zurückbleibendes Wesen, weil er beim Spiel stehen

bleibt, welches zur Jugend und Kindheit gehört: dazu kommt noch,

dass er allmählich in andere Zeiten zurückgebildet wird. So entsteht

zuletzt ein heftiger Antagonismus zwischen ihm und den gleichalterigen

Menschen seiner Periode und ein trübes Ende; so wie, nach den

Erzählungen der Alten, Homer und Aeschylus in Melancholie zuletzt

lebten und starben.

160.

Geschaffene Menschen. - Wenn man sagt, der Dramatiker (und der

Künstler überhaupt) schaffe wirklich Charaktere, so ist diess eine

schöne Täuschung und Uebertreibung, in deren Dasein und Verbreitung

die Kunst einen ihrer ungewollten, gleichsam überschüssigen Triumphe

feiert. In der That verstehen wir von einem wirklichen lebendigen

Menschen nicht viel und generalisiren sehr oberflächlich, wenn wir

ihm diesen und jenen Charakter zuschreiben: dieser unserer sehr

unvollkommenen Stellung zum Menschen entspricht nun der Dichter, indem

er ebenso oberflächliche Entwürfe zu Menschen macht (in diesem Sinne

"Schafft"), als unsere Erkenntniss der Menschen oberflächlich ist. Es

ist viel Blendwerk bei diesen geschaffenen Charakteren der Künstler;

es sind durchaus keine leibhaftigen Naturproducte, sondern ähnlich wie

die gemalten Menschen ein Wenig allzu dünn, sie vertragen den Anblick

aus der Nähe nicht. Gar wenn man sagt, der Charakter des gewöhnlichen

lebendigen Menschen widerspreche sich häufig, der vom Dramatiker

geschaffene sei das Urbild, welches der Natur vorgeschwebt habe, so

ist diess ganz falsch. Ein wirklicher Mensch ist etwas ganz und gar

Nothwendiges (selbst in jenen sogenannten Widersprüchen), aber wir

erkennen diese Nothwendigkeit nicht immer. Der erdichtete Mensch, das

Phantasma, will etwas Nothwendiges bedeuten, doch nur vor Solchen,

welche auch einen wirklichen Menschen nur in einer rohen,

unnatürlichen Simplification verstehen: so dass ein paar starke, oft

wiederholte Züge, mit sehr viel Licht darauf und sehr viel Schatten

und Halbdunkel herum, ihren Ansprüchen vollständig genügen. Sie

sind also leicht bereit, das Phantasma als wirklichen, nothwendigen

Menschen zu behandeln, weil sie gewöhnt sind, beim wirklichen Menschen

ein Phantasma, einen Schattenriss, eine willkürliche Abbreviatur für

das Ganze zu nehmen. - Dass gar der Maler und der Bildhauer die "Idee"

des Menschen ausdrücke, ist eitel Phantasterei und Sinnentrug: man

wird vom Auge tyrannisirt, wenn man so Etwas sagt, da dieses vom

menschlichen Leibe selbst nur die Oberfläche, die Haut sieht; der

innere Leib gehört aber eben so sehr zur Idee. Die bildende Kunst will

Charaktere auf der Haut sichtbar werden lassen; die redende Kunst

nimmt das Wort zu dem selben Zwecke, sie bildet den Charakter im Laute

ab. Die Kunst geht von der natürlichen Unwissenheit des Menschen über

sein Inneres (in Leib und Charakter) aus: sie ist nicht für Physiker

und Philosophen da.

161.

Selbstüberschätzung im Glauben an Künstler und Philosophen. - Wir Alle

meinen, es sei die Güte eines Kunstwerks, eines Künstlers bewiesen,

wenn er uns ergreift, erschüttert. Aber da müsste doch erst unsere

eigene Güte in Urtheil und Empfindung bewiesen sein: was nicht der

Fall ist. Wer hat mehr im Reiche der bildenden Kunst ergriffen

und entzückt, als Bernini, wer mächtiger gewirkt, als jener

nachdemosthenische Rhetor, welcher den asianischen Stil einführte und

durch zwei Jahrhunderte zur Herrschaft brachte? Diese Herrschaft über

ganze Jahrhunderte beweist Nichts für die Güte und dauernde Gültigkeit

eines Stils; desshalb soll man nicht zu sicher in seinem guten Glauben

an irgend einen Künstler sein: ein solcher ist ja nicht nur der

Glaube an die Wahrhaftigkeit unserer Empfindung, sondern auch an die

Unfehlbarkeit unseres Urtheils, während Urtheil oder Empfindung oder

beides selber zu grob oder zu fein geartet, überspannt oder roh sein

können. Auch die Segnungen und Beseligungen einer Philosophie, einer

Religion beweisen für ihre Wahrheit Nichts: ebensowenig als das Glück,

welches der Irrsinnige von seiner fixen Idee her geniesst, Etwas für

die Vernünftigkeit dieser Idee beweist.

162.

Cultus des Genius' aus Eitelkeit. - Weil wir gut von uns denken,

aber doch durchaus nicht von uns erwarten, dass wir je den Entwurf

eines Rafaelischen Gemäldes oder eine solche Scene wie die eines

Shakespeare'schen Drama's machen könnten, reden wir uns ein, das

Vermögen dazu sei ganz übermässig wunderbar, ein ganz seltener Zufall,

oder, wenn wir noch religiös empfinden, eine Begnadigung von Oben. So

fördert unsere Eitelkeit, unsere Selbstliebe, den Cultus des Genius':

denn nur wenn dieser ganz fern von uns gedacht ist, als ein miraculum,

verletzt er nicht (selbst Goethe, der Neidlose, nannte Shakespeare

seinen Stern der fernsten Höhe; wobei man sich jenes Verses

erinnern mag: "die Sterne, die begehrt man nicht"). Aber von jenen

Einflüsterungen unserer Eitelkeit abgesehen, so erscheint die

Thätigkeit des Genie's durchaus nicht als etwas Grundverschiedenes

von der Thätigkeit des mechanischen Erfinders, des astronomischen

oder historischen Gelehrten, des Meisters der Taktik. Alle diese

Thätigkeiten erklären sich, wenn man sich Menschen vergegenwärtigt,

deren Denken in Einer Richtung thätig ist, die Alles als Stoff

benützen, die immer ihrem innern Leben und dem Anderer mit Eifer

zusehen, die überall Vorbilder, Anreizungen erblicken, die in der

Combination ihrer Mittel nicht müde werden. Das Genie thut auch

Nichts, als dass es erst Steine setzen, dann bauen lernt, dass es

immer nach Stoff sucht und immer an ihm herumformt. Jede Thätigkeit

des Menschen ist zum Verwundern complicirt, nicht nur die des Genie's:

aber keine ist ein "Wunder." - Woher nun der Glaube, dass es allein

beim Künstler, Redner und Philosophen Genie gebe? dass nur sie

"Intuition" haben? (womit man ihnen eine Art von Wunder-Augenglas

zuschreibt, mit dem sie direct in's "Wesen" sehen!) Die Menschen

sprechen ersichtlich dort allein von Genius, wo ihnen die Wirkungen

des grossen Intellectes am angenehmsten sind und sie wiederum nicht

Neid empfinden wollen. Jemanden "göttlich" nennen heisst "hier

brauchen wir nicht zu wetteifern". Sodann: alles Fertige, Vollkommene

wird angestaunt, alles Werdende unterschätzt. Nun kann Niemand beim

Werke des Künstlers zusehen, wie es geworden ist; das ist sein

Vortheil, denn überall, wo man das Werden sehen kann, wird man etwas

abgekühlt. Die vollendete Kunst der Darstellung weist alles Denken

an das Werden ab; es tyrannisirt als gegenwärtige Vollkommenheit.

Desshalb gelten die Künstler der Darstellung vornehmlich als genial,

nicht aber die wissenschaftlichen Menschen. In Wahrheit ist jene

Schätzung und diese Unterschätzung nur eine Kinderei der Vernunft.

163.

Der Ernst des Handwerks. - Redet nur nicht von Begabung, angeborenen

Talenten! Es sind grosse Männer aller Art zu nennen, welche wenig

begabt waren. Aber sie bekamen Grösse, wurden "Genie's" (wie man

sagt), durch Eigenschaften, von deren Mangel Niemand gern redet,

der sich ihrer bewusst ist: sie hatten Alle jenen tüchtigen

Handwerker-Ernst, welcher erst lernt, die Theile vollkommen zu bilden,

bis er es wagt, ein grosses Ganzes zu machen; sie gaben sich Zeit

dazu, weil sie mehr Lust am Gutmachen des Kleinen, Nebensächlichen

hatten, als an dem Effecte eines blendenden Ganzen. Das Recept zum

Beispiel, wie Einer ein guter Novellist werden kann, ist leicht zu

geben, aber die Ausführung setzt Eigenschaften voraus, über die man

hinwegzusehen pflegt, wenn man sagt "ich habe nicht genug Talent". Man

mache nur hundert und mehr Entwürfe zu Novellen, keinen länger als

zwei Seiten, doch von solcher Deutlichkeit, dass jedes Wort darin

nothwendig ist; man schreibe täglich Anekdoten nieder, bis man es

lernt, ihre prägnanteste, wirkungsvollste Form zu finden, man sei

unermüdlich im Sammeln und Ausmalen menschlicher Typen und Charaktere,

man erzähle vor Allem so oft es möglich ist und höre erzählen, mit

scharfem Auge und Ohr für die Wirkung auf die anderen Anwesenden, man

reise wie ein Landschaftsmaler und Costümzeichner, man excerpire sich

aus einzelnen Wissenschaften alles Das, was künstlerische Wirkungen

macht, wenn es gut dargestellt wird, man denke endlich über die Motive

der menschlichen Handlungen nach, verschmähe keinen Fingerzeig der

Belehrung hierüber und sei ein Sammler von dergleichen Dingen bei Tag

und Nacht. In dieser mannichfachen Uebung lasse man einige zehn Jahre

vorübergehen: was dann aber in der Werkstätte geschaffen wird, darf

auch hinaus in das Licht der Strasse. - Wie machen es aber die

Meisten? Sie fangen nicht mit dem Theile, sondern mit dem Ganzen an.

Sie thun vielleicht einmal einen guten Griff, erregen Aufmerksamkeit

und thun von da an immer schlechtere Griffe, aus guten, natürlichen

Gründen. - Mitunter, wenn Vernunft und Charakter fehlen, um einen

solchen künstlerischen Lebensplan zu gestalten, übernimmt das

Schicksal und die Noth die Stelle derselben und führt den zukünftigen

Meister schrittweise durch alle Bedingungen seines Handwerks.

164.

Gefahr und Gewinn im Cultus des Genius'. - Der Glaube an grosse,

überlegene, fruchtbare Geister ist nicht nothwendig, aber sehr häufig

noch mit jenem ganz- oder halbreligiösen Aberglauben verbunden, dass

jene Geister übermenschlichen Ursprungs seien und gewisse wunderbare

Vermögen besässen, vermittelst deren sie ihrer Erkenntnisse auf

ganz anderem Wege theilhaftig würden, als die übrigen Menschen. Man

schreibt ihnen wohl einen unmittelbaren Blick in das Wesen der Welt,

gleichsam durch ein Loch im Mantel der Erscheinung, zu und glaubt,

dass sie ohne die Mühsal und Strenge der Wissenschaft, vermöge dieses

wunderbaren Seherblickes, etwas Endgültiges und Entscheidendes über

Mensch und Welt mittheilen könnten. So lange das Wunder im Bereiche

der Erkenntniss noch Gläubige findet, kann man vielleicht zugeben,

dass dabei für die Gläubigen selber ein Nutzen herauskomme, insofern

diese durch ihre unbedingte Unterordnung unter die grossen Geister,

ihrem eigenen Geiste für die Zeit der Entwickelung die beste Disciplin

und Schule verschaffen. Dagegen ist mindestens fraglich, ob der

Aberglaube vom Genie, von seinen Vorrechten und Sondervermögen für

das Genie selber von Nutzen sei, wenn er in ihm sich einwurzelt. Es

ist jedenfalls ein gefährliches Anzeichen, wenn den Menschen jener

Schauder vor sich selbst überfällt, sei es nun jener berühmte

Cäsaren-Schauder oder der hier in Betracht kommende Genie-Schauder;

wenn der Opferduft, welchen man billigerweise allein einem Gotte

bringt, dem Genie in's Gehirn dringt, so dass er zu schwanken und sich

für etwas Uebermenschliches zu halten beginnt. Die langsamen Folgen

sind: das Gefühl der Unverantwortlichkeit, der exceptionellen Rechte,

der Glaube, schon durch seinen Umgang zu begnadigen, wahnsinnige

Wuth bei dem Versuche, ihn mit Anderen zu vergleichen oder gar ihn

niedriger zu taxiren und das Verfehlte seines Werkes in's Licht zu

setzen. Dadurch, dass er aufhört, Kritik gegen sich selbst zu üben,

fällt zuletzt aus seinem Gefieder eine der Schwungfedern nach der

anderen aus: jener Aberglaube gräbt die Wurzeln seiner Kraft an und

macht ihn vielleicht gar zum Heuchler, nachdem seine Kraft von ihm

gewichen ist. Für grosse Geister selbst ist es also wahrscheinlich

nützlicher, wenn sie über ihre Kraft und deren Herkunft zur

Einsicht kommen, wenn sie also begreifen, welche rein menschlichen

Eigenschaften in ihnen zusammengeflossen sind, welche Glücksumstände

hinzutraten - also einmal anhaltende Energie, entschlossene Hinwendung

zu einzelnen Zielen, grosser persönlicher Muth, sodann das Glück einer

Erziehung, welche die besten Lehrer, Vorbilder, Methoden frühzeitig

darbot. Freilich, wenn ihr Ziel ist, die grösstmögliche Wirkung zu

machen, so hat die Unklarheit über sich selbst und jene Beigabe eines

halben Wahnsinns immer viel gethan; denn bewundert und beneidet hat

man zu allen Zeiten gerade jene Kraft an ihnen, vermöge deren sie

die Menschen willenlos machen und zum Wahne fortreissen, dass

übernatürliche Führer vor ihnen her giengen. Ja, es erhebt und

begeistert die Menschen, jemanden im Besitz übernatürlicher Kräfte

zu glauben: insofern hat der Wahnsinn, wie Plato sagt, die grössten

Segnungen über die Menschen gebracht. - In einzelnen seltenen Fällen

mag dieses Stück Wahnsinn wohl auch das Mittel gewesen sein, durch

welches eine solche nach allen Seiten hin excessive Natur fest

zusammengehalten wurde: auch im Leben der Individuen haben die

Wahnvorstellungen häufig den Werth von Heilmitteln, welche an sich

Gifte sind; doch zeigt sich endlich, bei jedem "Genie", das an seine

Göttlichkeit glaubt, das Gift in dem Grade, als das "Genie" alt

wird: man möge sich zum Beispiel Napoleon's erinnern, dessen Wesen

sicherlich gerade durch seinen Glauben an sich und seinen Stern und

durch die aus ihm fliessende Verachtung der Menschen zu der mächtigen

Einheit zusammenwuchs, welche ihn aus allen modernen Menschen

heraushebt, bis endlich aber dieser selbe Glaube in einen fast

wahnsinnigen Fatalismus übergieng, ihn seines Schnell- und

Scharfblickes beraubte und die Ursache seines Unterganges wurde.

165.

Das Genie und das Nichtige. - Gerade die originellen, aus sich

schöpfenden Köpfe unter den Künstlern können unter Umständen das ganz

Leere und Schaale hervorbringen, während die abhängigeren Naturen,

die sogenannten Talente, voller Erinnerungen an alles mögliche Gute

stecken und auch im Zustand der Schwäche etwas Leidliches produciren.

Sind die Originellen aber von sich selber verlassen, so giebt die

Erinnerung ihnen keine Hülfe: sie werden leer.

166.

Das Publicum. - Von der Tragödie begehrt das Volk eigentlich nicht

mehr, als recht gerührt zu werden, um sich einmal ausweinen zu können;

der Artist dagegen, der die neue Tragödie sieht, hat seine Freude an

den geistreichen technischen Erfindungen und Kunstgriffen, an der

Handhabung und Vertheilung des Stoffes, an der neuen Wendung alter

Motive, alter Gedanken. Seine Stellung ist die ästhetische Stellung

zum Kunstwerk, die des Schaffenden; die erstbeschriebene, mit

alleiniger Rücksicht auf den Stoff, die des Volkes. Von dem Menschen

dazwischen ist nicht zu reden, er ist weder Volk noch Artist und weiss

nicht, was er will: so ist auch seine Freude unklar und gering.

167.

Artistische Erziehung des Publicums. - Wenn das selbe Motiv nicht

hundertfältig durch verschiedene Meister behandelt wird, lernt das

Publicum nicht über das Interesse des Stoffes hinauskommen; aber

zuletzt wird es selbst die Nuancen, die zarten, neuen Erfindungen in

der Behandlung dieses Motives fassen und geniessen, wenn es also das

Motiv längst aus zahlreichen Bearbeitungen kennt und dabei keinen Reiz

der Neuheit, der Spannung mehr empfindet.

168.

Künstler und sein Gefolge müssen Schritt halten. - Der Fortgang von

einer Stufe des Stils zur andern muss so langsam sein, dass nicht nur

die Künstler, sondern auch die Zuhörer und Zuschauer diesen Fortgang

mitmachen und genau wissen, was vorgeht. Sonst entsteht auf einmal

jene grosse Kluft zwischen dem Künstler, der auf abgelegener Höhe

seine Werke schafft, und dem Publicum, welches nicht mehr zu jener

Höhe hinaufkann und endlich missmuthig wieder tiefer hinabsteigt. Denn

wenn der Künstler sein Publicum nicht mehr hebt, so sinkt es schnell

abwärts, und zwar stürzt es um so tiefer und gefährlicher, je höher es

ein Genius getragen hat, dem Adler vergleichbar, aus dessen Fängen die

in die Wolken hinaufgetragene Schildkröte zu ihrem Unheil hinabfällt.

169.

Herkunft des Komischen. - Wenn man erwägt, dass der Mensch manche

hunderttausend Jahre lang ein im höchsten Grade der Furcht

zugängliches Thier war und dass alles Plötzliche, Unerwartete ihn

kampfbereit, vielleicht todesbereit sein hiess, ja dass selbst später,

in socialen Verhältnissen, alle Sicherheit auf dem Erwarteten, auf dem

Herkommen in Meinung und Thätigkeit beruhte, so darf man sich nicht

wundern, dass bei allem Plötzlichen, Unerwarteten in Wort und That,

wenn es ohne Gefahr und Schaden hereinbricht, der Mensch ausgelassen

wird, in's Gegentheil der Furcht übergeht: das vor Angst zitternde,

zusammengekrümmte Wesen schnellt empor, entfaltet sich weit, - der

Mensch lacht. Diesen Uebergang aus momentaner Angst in kurz dauernden

Uebermuth nennt man das Komische. Dagegen geht im Phänomen des

Tragischen der Mensch schnell aus grossem, dauerndem Uebermuth in

grosse Angst über; da aber unter Sterblichen der grosse dauernde

Uebermuth viel seltener, als der Anlass zur Angst ist, so giebt es

viel mehr des Komischen, als des Tragischen in der Welt; man lacht

viel öfter, als dass man erschüttert ist.

170.

Künstler-Ehrgeiz. - Die griechischen Künstler, zum Beispiel die

Tragiker dichteten, um zu siegen; ihre ganze Kunst ist nicht ohne

Wettkampf zu denken: die hesiodische gute Eris, der Ehrgeiz, gab ihrem

Genius die Flügel. Nun verlangte dieser Ehrgeiz vor Allem, dass ihr

Werk die höchste Vortrefflichkeit vor ihren eigenen Augen erhalte,

sowie sie also die Vortrefflichkeit verstanden, ohne Rücksicht auf

einen herrschenden Geschmack und die allgemeine Meinung über das

Vortreffliche an einem Kunstwerk; und so blieben Aeschylus und

Euripides lange Zeit ohne Erfolg, bis sie sich endlich Kunstrichter

erzogen hatten, welche ihr Werk nach den Maassstäben würdigten, welche

sie selber anlegten. Somit erstreben sie den Sieg über Nebenbuhler

nach ihrer eigenen Schätzung, vor ihrem eigenen Richterstuhl, sie

wollen wirklich vortrefflicher sein; dann fordern sie von Aussen her

Zustimmung zu dieser eigenen Schätzung, Bestätigung ihres Urtheils.

Ehre erstreben heisst hier "sich überlegen machen und wünschen, dass

es auch öffentlich so erscheine". Fehlt das Erstere und wird das

Zweite trotzdem begehrt, so spricht man von Eitelkeit. Fehlt das

Letztere und wird es nicht vermisst, so redet man von Stolz.

171.

Das Nothwendige am Kunstwerk. - Die, welche so viel von dem

Nothwendigen an einem Kunstwerk reden, übertreiben, wenn sie Künstler

sind, in majorem artis gloriam, oder wenn sie Laien sind, aus

Unkenntniss. Die Formen eines Kunstwerkes, welche seine Gedanken zum

Reden bringen, also seine Art zu sprechen sind, haben immer etwas

Lässliches, wie alle Art Sprache. Der Bildhauer kann viele kleine

Züge hinzuthun oder weglassen: ebenso der Darsteller, sei es ein

Schauspieler oder, in Betreff der Musik, ein Virtuos oder Dirigent.

Diese vielen kleinen Züge und Ausfeilungen machen ihm heute Vergnügen,

morgen nicht, sie sind mehr des Künstlers als der Kunst wegen da,

denn auch er bedarf, bei der Strenge und Selbstbezwingung, welche

die Darstellung des Hauptgedankens von ihm fordert, gelegentlich des

Zuckerbrodes und der Spielsachen, um nicht mürrisch zu werden.

172.

Den Meister vergessen machen. - Der Clavierspieler, der das Werk eines

Meisters zum Vortrag bringt, wird am besten gespielt haben, wenn er

den Meister vergessen liess und wenn es so erschien, als ob er eine

Geschichte seines Lebens erzähle oder jetzt eben Etwas erlebe.

Freilich: wenn er nichts Bedeutendes ist, wird jedermann seine

Geschwätzigkeit verwünschen, mit der er uns aus seinem Leben

erzählt. Also muss er verstehen, die Phantasie des Zuhörers für

sich einzunehmen. Daraus wiederum erklären sich alle Schwächen und

Narrheiten des "Virtuosenthums".

173.

Corriger la fortune. - Es giebt schlimme Zufälligkeiten im Leben

grosser Künstler, welche zum Beispiel den Maler zwingen, sein

bedeutendstes Bild nur als flüchtigen Gedanken zu skizziren oder zum

Beispiel Beethoven zwangen, uns in manchen grossen Sonaten (wie in der

grossen B-dur) nur den ungenügenden Clavierauszug einer Symphonie zu

hinterlassen. Hier soll der späterkommende Künstler das Leben der

Grossen nachträglich zu corrigiren suchen: was zum Beispiel Der thun

würde, welcher, als ein Meister aller Orchesterwirkungen, uns jene,

dem Clavier-Scheintode verfallene Symphonie zum Leben erweckte.

174.

Verkleinern. - Manche Dinge, Ereignisse oder Personen, vertragen

es nicht, im kleinen Maassstabe behandelt zu werden. Man kann die

Laokoon-Gruppe nicht zu einer Nippesfigur verkleinern; sie hat Grösse

nothwendig. Aber viel seltener ist es, dass etwas von Natur Kleines

die Vergrösserung verträgt; wesshalb es Biographen immer noch eher

gelingen wird, einen grossen Mann klein darzustellen, als einen

kleinen gross.

175.

Sinnlichkeit in der Kunst der Gegenwart. - Die Künstler verrechnen

sich jetzt häufig, wenn sie auf eine sinnliche Wirkung ihrer

Kunstwerke hinarbeiten; denn ihre Zuschauer oder Zuhörer haben nicht

mehr ihre vollen Sinne und gerathen, ganz wider die Absicht des

Künstlers, durch sein Kunstwerk in - eine "Heiligkeit" der Empfindung,

welche der Langweiligkeit nahe verwandt ist. - Ihre Sinnlichkeit fängt

vielleicht dort an, wo die des Künstlers gerade aufhört, sie begegnen

sich also höchstens an Einem Puncte.

176.

Menschliches, Allzumenschliches: Ein Buch Fuer Freie Geister · 第 10 / 24 段