Das gewöhnlichste Mittel, welches der Asket und Heilige anwendet,

um sich das Leben doch noch erträglich und unterhaltend zu machen,

besteht in gelegentlichem Kriegführen und in dem Wechsel von Sieg

und Niederlage. Dazu braucht er einen Gegner und findet ihn in dem

sogenannten "inneren Feinde". Namentlich nützt er seinen Hang zur

Eitelkeit, Ehr- und Herrschsucht, sodann seine sinnlichen Begierden

aus, um sein Leben wie eine fortgesetzte Schlacht und sich wie ein

Schlachtfeld ansehen zu dürfen, auf dem gute und böse Geister mit

wechselndem Erfolge ringen. Bekanntlich wird die sinnliche Phantasie

durch die Regelmässigkeit des geschlechtlichen Verkehrs gemässigt,

ja fast unterdrückt, umgekehrt, durch Enthaltsamkeit oder Unordnung

im Verkehre entfesselt und wüst. Die Phantasie vieler christlichen

Heiligen war in ungewöhnlichem Maasse schmutzig; vermöge jener

Theorie, dass diese Begierden wirkliche Dämonen seien, die in ihnen

wütheten, fühlten sie sich nicht allzusehr verantwortlich dabei;

diesem Gefühle verdanken wir die so belehrende Aufrichtigkeit ihrer

Selbstzeugnisse. Es war in ihrem Interesse, dass dieser Kampf in

irgend einem Grade immer unterhalten wurde, weil durch ihn, wie

gesagt, ihr ödes Leben unterhalten wurde. Damit der Kampf aber wichtig

genug erscheine, um andauernde Theilnahme und Bewunderung bei den

Nicht-Heiligen zu erregen, musste die Sinnlichkeit immer mehr

verketzert und gebrandmarkt werden, ja die Gefahr ewiger Verdammnis

wurde so eng an diese Dinge geknüpft, dass höchstwahrscheinlich durch

ganze Zeitalter hindurch die Christen mit bösem Gewissen Kinder

zeugten; wodurch gewiss der Menschheit ein grosser Schade angethan

worden ist. Und doch steht hier die Wahrheit ganz auf dem Kopfe:

was für die Wahrheit besonders unschicklich ist. Zwar hatte das

Christenthum gesagt: jeder Mensch sei in Sünden empfangen und geboren,

und im unausstehlichen Superlativ-Christenthume des Calderon hatte

sich dieser Gedanke noch einmal zusammengeknotet und verschlungen,

so dass er die verdrehteste Paradoxie wagte, die es giebt, in dem

bekannten Verse:

die grösste Schuld des Menschen

ist, dass er geboren ward.

In allen pessimistischen Religionen wird der Zeugungsact als schlecht

an sich empfunden, aber keineswegs ist diese Empfindung eine

allgemein-menschliche; selbst nicht einmal das Urtheil aller

Pessimisten ist sich hierin gleich. Empedokles zum Beispiel weiss gar

Nichts vom Beschämenden, Teuflischen, Sündhaften in allen erotischen

Dingen; er sieht vielmehr auf der grossen Wiese des Unheils eine

einzige heil- und hoffnungsvolle Erscheinung, die Aphrodite; sie gilt

ihm als Bürgschaft, dass der Streit nicht ewig herrschen, sondern

einem milderen Dämon einmal das Scepter überreichen werde. Die

christlichen Pessimisten der Praxis hatten, wie gesagt, ein Interesse

daran, dass eine andere Meinung in der Herrschaft blieb; sie brauchten

für die Einsamkeit und die geistige Wüstenei ihres Lebens einen immer

lebendigen Feind: und einen allgemein anerkannten Feind, durch dessen

Bekämpfung und Ueberwältigung sie dem Nicht-Heiligen sich immer

von Neuem wieder als halb unbegreifliche, übernatürliche Wesen

darstellten. Wenn dieser Feind endlich, in Folge ihrer Lebensweise

und ihrer zerstörten Gesundheit, die Flucht für immer ergriff, so

verstanden sie es sofort, ihr Inneres mit neuen Dämonen bevölkert zu

sehen. Das Auf- und Niederschwanken der Wagschalen Hochmuth und Demuth

unterhielt ihre grübelnden Köpfe so gut, wie der Wechsel von Begierde

und Seelenruhe. Damals diente die Psychologie dazu, alles Menschliche

nicht nur zu verdächtigen, sondern zu lästern, zu geisseln, zu

kreuzigen; man wollte sich möglichst schlecht und böse finden, man

suchte die Angst um das Heil der Seele, die Verzweiflung an der eignen

Kraft. Alles Natürliche, an welches der Mensch die Vorstellung des

Schlechten, Sündhaften anhängt (wie er es zum Beispiel noch jetzt

in Betreff des Erotischen gewöhnt ist), belästigt, verdüstert die

Phantasie, giebt einen scheuen Blick, lässt den Menschen mit sich

selber hadern und macht ihn unsicher und vertrauenslos; selbst seine

Träume bekommen einen Beigeschmack des gequälten Gewissens. Und doch

ist dieses Leiden am Natürlichen in der Realität der Dinge völlig

unbegründet: es ist nur die Folge von Meinungen über die Dinge. Man

erkennt leicht, wie die Menschen dadurch schlechter werden, dass sie

das unvermeidlich-Natürliche als schlecht bezeichnen und später immer

als so beschaffen empfinden. Es ist der Kunstgriff der Religion und

jener Metaphysiker, welche den Menschen als böse und sündhaft von

Natur wollen, ihm die Natur zu verdächtigen und so ihn selber schlecht

zu machen: denn so lernt er sich als schlecht empfinden, da er das

Kleid der Natur nicht ausziehen kann. Allmählich fühlt er sich,

bei einem langen Leben im Natürlichen, von einer solchen Last von

Sünden bedrückt, dass übernatürliche Mächte nöthig werden, um

diese Last heben zu können; und damit ist das schon besprochene

Erlösungsbedürfniss auf den Schauplatz getreten, welches gar keiner

wirklichen, sondern nur einer eingebildeten Sündhaftigkeit entspricht.

Man gehe die einzelnen moralischen Aufstellungen der Urkunden

des Christenthums durch und man wird überall finden, dass die

Anforderungen überspannt sind, damit der Mensch ihnen nicht genügen

könne; die Absicht ist nicht, dass er moralischer werde, sondern dass

er sich möglichst sündhaft fühle. Wenn dem Menschen diess Gefühl nicht

angenehm gewesen wäre, - wozu hätte er eine solche Vorstellung erzeugt

und sich so lange an sie gehängt? Wie in der antiken Welt eine

unermessliche Kraft von Geist und Erfindungsgabe verwendet worden ist,

um die Freude am Leben durch festliche Culte zu mehren: so ist in der

Zeit des Christenthums ebenfalls unermesslich viel Geist einem andern

Streben geopfert worden: der Mensch sollte auf alle Weise sich

sündhaft fühlen und dadurch überhaupt erregt, belebt, beseelt werden.

Erregen, beleben, beseelen, um jeden Preis - ist das nicht das

Losungswort einer erschlafften, überreifen, übercultivirten Zeit? Der

Kreis aller natürlichen Empfindungen war hundertmal durchlaufen, die

Seele war ihrer müde geworden: da erfanden der Heilige und der Asket

eine neue Gattung von Lebensreizen. Sie stellten sich vor Aller

Augen hin, nicht eigentlich zur Nachahmung für Viele, sondern als

schauderhaftes und doch entzückendes Schauspiel, welches an jenen

Gränzen zwischen Welt und Ueberwelt aufgeführt wurde, wo Jedermann

damals bald himmlische Lichtblicke, bald unheimliche, aus der Tiefe

lodernde Flammenzungen zu erblicken glaubte. Das Auge des Heiligen,

hingerichtet auf die in jedem Betracht furchtbare Bedeutung des kurzen

Erdenlebens, auf die Nähe der letzten Entscheidung über endlose neue

Lebensstrecken, diess verkohlende Auge, in einem halb vernichteten

Leibe, machte die Menschen der alten Welt bis in alle Tiefen

erzittern; hinblicken, schaudernd wegblicken, von Neuem den Reiz des

Schauspiels spüren, ihm nachgeben, sich an ihm ersättigen, bis die

Seele in Gluth und Fieberfrost erbebt, - das war die letzte Lust,

welche das Alterthum erfand, nachdem es selbst gegen den Anblick von

Thier- und Menschenkämpfen stumpf geworden war.

142.

Um das Gesagte zusammenzufassen: jener Seelenzustand, dessen sich

der Heilige oder Heiligwerdende erfreut, setzt sich aus Elementen

zusammen, welche wir Alle recht wohl kennen, nur dass sie sich unter

dem Einfluss anderer als religiöser Vorstellungen anders gefärbt

zeigen und dann den Tadel der Menschen ebenso stark zu erfahren

pflegen, wie sie, in jener Verbrämung mit Religion und letzter

Bedeutsamkeit des Daseins, auf Bewunderung, ja Anbetung rechnen

dürfen, - mindestens in früheren Zeiten rechnen durften. Bald übt der

Heilige jenen Trotz gegen sich selbst, der ein naher Verwandter der

Herrschsucht ist und auch dem Einsamsten noch das Gefühl der Macht

giebt; bald springt seine angeschwellte Empfindung aus dem Verlangen,

seine Leidenschaften dahinschiessen zu lassen, über in das Verlangen,

sie wie wilde Rosse zusammenstürzen zu machen, unter dem mächtigen

Druck einer stolzen Seele; bald will er ein völliges Aufhören aller

störenden, quälenden, reizenden Empfindungen, einen wachen Schlaf,

ein dauerndes Ausruhen im Schoosse einer dumpfen, thier- und

pflanzenhaften Indolenz; bald sucht er den Kampf und entzündet ihn

in sich, weil ihm die Langeweile ihr gähnendes Gesicht entgegenhält:

er geisselt seine Selbstvergötterung mit Selbstverachtung und

Grausamkeit, er freut sich an dem wilden Aufruhre seiner Begierden,

an dem scharfen Schmerz der Sünde, ja an der Vorstellung des

Verlorenseins, er versteht es, seinem Affect, zum Beispiel dem der

äussersten Herrschsucht, einen Fallstrick zu legen, so dass er in den

der äussersten Erniedrigung übergeht und seine aufgehetzte Seele durch

diesen Contrast aus allen Fugen gerissen wird; und zuletzt: wenn es

ihn gar nach Visionen, Gesprächen mit Todten oder göttlichen Wesen

gelüstet, so ist es im Grunde eine seltene Art von Wollust, welche er

begehrt, aber vielleicht jene Wollust, in der alle anderen in einen

Knoten zusammengeschlungen sind. Novalis, eine der Autoritäten in

Fragen der Heiligkeit durch Erfahrung und Instinct, spricht das ganze

Geheimniss einmal mit naiver Freude aus: "Es ist wunderbar genug, dass

nicht längst die Association von Wollust, Religion und Grausamkeit

die Menschen aufmerksam auf ihre innige Verwandtschaft und

gemeinschaftliche Tendenz gemacht hat."

143.

Nicht Das, was der Heilige ist, sondern Das, was er in den Augen der

Nicht-Heiligen bedeutet, giebt ihm seinen welthistorischen Werth.

Dadurch, dass man sich über ihn irrte, dass man seine Seelenzustände

falsch auslegte und ihn von sich so stark als möglich abtrennte, als

etwas durchaus Unvergleichliches und fremdartig-Uebermenschliches:

dadurch gewann er die ausserordentliche Kraft, mit welcher er die

Phantasie ganzer Völker, ganzer Zeiten beherrschen konnte. Er

selbst kannte sich nicht; er selbst verstand die Schriftzüge seiner

Stimmungen, Neigungen, Handlungen nach einer Kunst der Interpretation,

welche ebenso überspannt und künstlich war, wie die pneumatische

Interpretation der Bibel. Das Verschrobene und Kranke in seiner Natur,

mit ihrer Zusammenkoppelung von geistiger Armuth, schlechtem Wissen,

verdorbener Gesundheit, überreizten Nerven, blieb seinem Blick ebenso

wie dem seiner Beschauer verborgen. Er war kein besonders guter

Mensch, noch weniger ein besonders weiser Mensch: aber er bedeutete

Etwas, das über menschliches Maass in Güte und Weisheit hinausreiche.

Der Glaube an ihn unterstützte den Glauben an Göttliches und

Wunderhaftes, an einen religiösen Sinn alles Daseins, an einen

bevorstehenden letzten Tag des Gerichtes. In dem abendlichen Glanze

einer Weltuntergangs-Sonne, welche über die christlichen Völker

hinleuchtete, wuchs die Schattengestalt des Heiligen in's Ungeheure:

ja bis zu einer solchen Höhe, dass selbst in unserer Zeit, die nicht

mehr an Gott glaubt, es noch genug Denker giebt, welche an den

Heiligen glauben.

144.

Es versteht sich von selbst, dass dieser Zeichnung des Heiligen,

welche nach dem Durchschnitt der ganzen Gattung entworfen ist, manche

Zeichnung entgegengestellt werden kann, welche eine angenehmere

Empfindung hervorbringen möchte. Einzelne Ausnahmen jener

Gattung heben sich heraus, sei es durch grosse Milde und

Menschenfreundlichkeit, sei es durch den Zauber ungewöhnlicher

Thatkraft; andere sind im höchsten Grade anziehend, weil bestimmte

Wahnvorstellungen über ihr ganzes Wesen Lichtströme ausgiessen: wie es

zum Beispiel mit dem berühmten Stifter des Christenthums der Fall ist,

der sich für den eingeborenen Sohn Gottes hielt und desshalb sich

sündlos fühlte; so dass er durch eine Einbildung - die man nicht zu

hart beurtheilen möge, weil das ganze Alterthum von Göttersöhnen

wimmelt - das selbe Ziel erreichte, das Gefühl völliger Sündlosigkeit,

völliger Unverantwortlichkeit, welches jetzt durch die Wissenschaft

Jedermann sich erwerben kann. - Ebenfalls habe ich abgesehen von

den indischen Heiligen, welche auf einer Zwischenstufe zwischen dem

christlichen Heiligen und dem griechischen Philosophen stehen und

insofern keinen reinen Typus darstellen: die Erkenntniss, die

Wissenschaft - soweit es eine solche gab -, die Erhebung über die

anderen Menschen durch die logische Zucht und Schulung des Denkens

wurde bei den Buddhaisten als ein Kennzeichen der Heiligkeit ebenso

gefordert, wie die selben Eigenschaften in der christlichen Welt, als

Kennzeichen der Unheiligkeit, abgelehnt und verketzert werden.

Viertes Hauptstück.

Aus der Seele der Künstler und Schriftsteller.

145.

Das Vollkommene soll nicht geworden sein. - Wir sind gewöhnt, bei

allem Vollkommenen die Frage nach dem Werden zu unterlassen: sondern

uns des Gegenwärtigen zu freuen, wie als ob es auf einen Zauberschlag

aus dem Boden aufgestiegen sei. Wahrscheinlich stehen wir hier noch

unter der Nachwirkung einer uralten mythologischen Empfindung. Es

ist uns beinahe noch so zu Muthe (zum Beispiel in einem griechischen

Tempel wie der von Pästum), als ob eines Morgens ein Gott spielend aus

solchen ungeheuren Lasten sein Wohnhaus gebaut habe: anderemale als

ob eine Seele urplötzlich in einen Stein hineingezaubert sei und

nun durch ihn reden wolle. Der Künstler weiss, dass sein Werk nur

voll wirkt, wenn es den Glauben an eine Improvisation, an eine

wundergleiche Plötzlichkeit der Entstehung erregt; und so hilft er

wohl dieser Illusion nach und führt jene Elemente der begeisterten

Unruhe, der blind greifenden Unordnung, des aufhorchenden Träumens

beim Beginn der Schöpfung in die Kunst ein, als Trugmittel, um

die Seele des Schauers oder Hörers so zu stimmen, dass sie an das

plötzliche Hervorspringen des Vollkommenen glaubt. - Die Wissenschaft

der Kunst hat dieser Illusion, wie es sich von selbst versteht,

auf das bestimmteste zu widersprechen und die Fehlschlüsse und

Verwöhnungen des Intellects aufzuzeigen, vermöge welcher er dem

Künstler in das Netz läuft.

146.

Der Wahrheitssinn des Künstlers. - Der Künstler hat in Hinsicht auf

das Erkennen der Wahrheiten eine schwächere Moralität, als der Denker;

er will sich die glänzenden, tiefsinnigen Deutungen des Lebens

durchaus nicht nehmen lassen und wehrt sich gegen nüchterne, schlichte

Methoden und Resultate. Scheinbar kämpft er für die höhere Würde

und Bedeutung des Menschen; in Wahrheit will er die für seine

Kunst wirkungsvollsten Voraussetzungen nicht aufgeben, also das

Phantastische, Mythische, Unsichere, Extreme, den Sinn für das

Symbolische, die Ueberschätzung der Person, den Glauben an etwas

Wunderartiges im Genius: er hält also die Fortdauer seiner Art des

Schaffens für wichtiger, als die wissenschaftliche Hingebung an das

Wahre in jeder Gestalt, erscheine diese auch noch so schlicht.

147.

Die Kunst als Todtenbeschwörerin. - Die Kunst versieht nebenbei

die Aufgabe zu conserviren, auch wohl erloschene, verblichene

Vorstellungen ein Wenig wieder aufzufärben; sie flicht, wenn sie diese

Aufgabe löst, ein Band um verschiedene Zeitalter und macht deren

Geister wiederkehren. Zwar ist es nur ein Scheinleben wie über

Gräbern, welches hierdurch entsteht, oder wie die Wiederkehr geliebter

Todten im Traume, aber wenigstens auf Augenblicke wird die alte

Empfindung noch einmal rege und das Herz klopft nach einem sonst

vergessenen Tacte. Nun muss man wegen dieses allgemeinen Nutzens

der Kunst dem Künstler selber es nachsehen, wenn er nicht in

den vordersten Reihen der Aufklärung und der fortschreitenden

Vermännlichung der Menschheit steht: er ist zeitlebens ein Kind oder

ein Jüngling geblieben und auf dem Standpunct zurückgehalten, auf

welchem er von seinem Kunsttriebe überfallen wurde; Empfindungen der

ersten Lebensstufen stehen aber zugestandenermaassen denen früherer

Zeitläufte näher, als denen des gegenwärtigen Jahrhunderts.

Unwillkürlich wird es zu seiner Aufgabe, die Menschheit zu

verkindlichen; diess ist sein Ruhm und seine Begränztheit.

148.

Dichter als Erleichterer des Lebens. - Die Dichter, insofern auch sie

das Leben der Menschen erleichtern wollen, wenden den Blick entweder

von der mühseligen Gegenwart ab oder verhelfen der Gegenwart durch

ein Licht, das sie von der Vergangenheit herstrahlen machen, zu neuen

Farben. Um diess zu können, müssen sie selbst in manchen Hinsichten

rückwärts gewendete Wesen sein: so dass man sie als Brücken zu ganz

fernen Zeiten und Vorstellungen, zu absterbenden oder abgestorbenen

Religionen und Culturen gebrauchen kann. Sie sind eigentlich

immer und nothwendig Epigonen. Es ist freilich von ihren Mitteln

zur Erleichterung des Lebens einiges Ungünstige zu sagen: sie

beschwichtigen und heilen nur vorläufig, nur für den Augenblick;

sie halten sogar die Menschen ab, an einer wirklichen Verbesserung

ihrer Zustände zu arbeiten, indem sie gerade die Leidenschaft der

Unbefriedigten, welche zur That drängen, aufheben und palliativisch

entladen.

149.

Der langsame Pfeil der Schönheit. - Die edelste Art der Schönheit

ist die, welche nicht auf einmal hinreisst, welche nicht stürmische

und berauschende Angriffe macht (eine solche erweckt leicht Ekel),

sondern jene langsam einsickernde, welche man fast unbemerkt mit sich

fortträgt und die Einem im Traum einmal wiederbegegnet, endlich aber,

nachdem sie lange mit Bescheidenheit an unserm Herzen gelegen, von uns

ganz Besitz nimmt, unser Auge mit Thränen, unser Herz mit Sehnsucht

füllt. - Wonach sehnen wir uns beim Anblick der Schönheit? Darnach,

schön zu sein: wir wähnen, es müsse viel Glück damit verbunden sein. -

Aber das ist ein Irrthum.

150.

Beseelung der Kunst. - Die Kunst erhebt ihr Haupt, wo die Religionen

nachlassen. Sie übernimmt eine Menge durch die Religion erzeugter

Gefühle und Stimmungen, legt sie an ihr Herz und wird jetzt selber

tiefer, seelenvoller, so dass sie Erhebung und Begeisterung

mitzutheilen vermag, was sie vordem noch nicht konnte. Der zum Strome

angewachsene Reichthum des religiösen Gefühls bricht immer wieder aus

und will sich neue Reiche erobern: aber die wachsende Aufklärung hat

die Dogmen der Religion erschüttert und ein gründliches Misstrauen

eingeflösst: so wirft sich das Gefühl, durch die Aufklärung aus der

religiösen Sphäre hinausgedrängt, in die Kunst; in einzelnen Fällen

auch auf das politische Leben, ja selbst direct auf die Wissenschaft.

Ueberall, wo man an menschlichen Bestrebungen eine höhere düstere

Färbung wahrnimmt darf man vermuthen, dass Geistergrauen,

Weihrauchduft und Kirchenschatten daran hängen geblieben sind.

151.

Wodurch das Metrum verschönert. - Das Metrum legt Flor über die

Realität; es veranlasst einige Künstlichkeit des Geredes und

Unreinheit des Denkens; durch den Schatten, den es auf den Gedanken

wirft, verdeckt es bald, bald hebt es hervor. Wie Schatten nöthig ist,

um zu verschönern, so ist das "Dumpfe" nöthig, um zu verdeutlichen. -

Die Kunst macht den Anblick des Lebens erträglich, dadurch dass sie

den Flor des unreinen Denkens über dasselbe legt.

152.

Kunst der hässlichen Seele. - Man zieht der Kunst viel zu enge

Schranken, wenn man verlangt, dass nur die geordnete, sittlich im

Gleichgewicht schwebende Seele sich in ihr aussprechen dürfe. Wie in

den bildenden Künsten, so auch giebt es in der Musik und Dichtung eine

Kunst der hässlichen Seele, neben der Kunst der schönen Seele; und die

mächtigsten Wirkungen der Kunst, das Seelenbrechen, Steinebewegen und

Thierevermenschlichen ist vielleicht gerade jener Kunst am meisten

gelungen.

153.

Die Kunst macht dem Denker das Herz schwer. - Wie stark das

metaphysische Bedürfniss ist und wie sich noch zuletzt die Natur den

Abschied von ihm schwer macht, kann man daraus entnehmen, dass noch

im Freigeiste, wenn er sich alles Metaphysischen entschlagen hat,

die höchsten Wirkungen der Kunst leicht ein Miterklingen der lange

verstummten, ja zerrissenen metaphysischen Saite hervorbringen, sei

es zum Beispiel, dass er bei einer Stelle der neunten Symphonie

Beethoven's sich über der Erde in einem Sternendome schweben fühlt,

mit dem Traume der Unsterblichkeit im Herzen: alle Sterne scheinen um

ihn zu flimmern und die Erde immer tiefer hinabzusinken. - Wird er

sich dieses Zustandes bewusst, so fühlt er wohl einen tiefen Stich

im Herzen und seufzt nach dem Menschen, welcher ihm die verlorene

Geliebte, nenne man sie nun Religion oder Metaphysik, zurückführe. In

solchen Augenblicken wird sein intellectualer Charakter auf die Probe

gestellt.

154.

Mit dem Leben spielen. - Die Leichtigkeit und Leichtfertigkeit der

homerischen Phantasie war nöthig, um das übermässig leidenschaftliche

Gemüth und den überscharfen Verstand des Griechen zu beschwichtigen

und zeitweilig aufzuheben. Spricht bei ihnen der Verstand: wie herbe

und grausam erscheint dann das Leben! Sie täuschen sich nicht, aber

sie umspielen absichtlich das Leben mit Lügen. Simonides rieth seinen

Landsleuten, das Leben wie ein Spiel zu nehmen; der Ernst war ihnen

als Schmerz allzubekannt (das Elend der Menschen ist ja das Thema,

über welches die Götter so gern singen hören) und sie wussten, dass

einzig durch die Kunst selbst das Elend zum Genusse werden könne. Zur

Strafe für diese Einsicht waren sie aber von der Lust, zu fabuliren,

so geplagt, dass es ihnen im Alltagsleben schwer wurde, sich von Lug

und Trug frei zu halten, wie alles Poetenvolk eine solche Lust an

der Lüge hat und obendrein noch die Unschuld dabei. Die benachbarten

Völker fanden das wohl mitunter zum Verzweifeln.

155.

Glaube an Inspiration. - Die Künstler haben ein Interesse daran, dass

man an die plötzlichen Eingebungen, die sogenannten Inspirationen

glaubt; als ob die Idee des Kunstwerks, der Dichtung, der Grundgedanke

einer Philosophie, wie ein Gnadenschein vom Himmel herableuchte. In

Wahrheit producirt die Phantasie des guten Künstlers oder Denkers

fortwährend, Gutes, Mittelmässiges und Schlechtes, aber seine

Urtheilskraft, höchst geschärft und geübt, verwirft, wählt aus, knüpft

zusammen; wie man jetzt aus den Notizbüchern Beethoven's ersieht,

dass er die herrlichsten Melodien allmählich zusammengetragen und aus

vielfachen Ansätzen gewissermaassen ausgelesen hat. Wer weniger streng

scheidet und sich der nachbildenden Erinnerung gern überlässt, der

wird unter Umständen ein grosser Improvisator werden können; aber die

künstlerische Improvisation steht tief im Verhältniss zum ernst und

mühevoll erlesenen Kunstgedanken. Alle Grossen waren grosse Arbeiter,

unermüdlich nicht nur im Erfinden, sondern auch im Verwerfen, Sichten,

Umgestalten, Ordnen.

156.

Nochmals die Inspiration. - Wenn sich die Productionskraft eine Zeit

lang angestaut hat und am Ausfliessen durch ein Hemmnis gehindert

worden ist, dann giebt es endlich einen so plötzlichen Erguss, als ob

eine unmittelbare Inspiration, ohne vorhergegangenes inneres Arbeiten,

also ein Wunder sich vollziehe. Diess macht die bekannte Täuschung

aus, an deren Fortbestehen, wie gesagt, das Interesse aller Künstler

ein wenig zu sehr hängt. Das Capital hat sich eben nur angehäuft,

es ist nicht auf einmal vom Himmel gefallen. Es giebt übrigens auch

anderwärts solche scheinbare Inspiration, zum Beispiel im Bereiche der

Güte, der Tugend, des Lasters.

157.

Menschliches, Allzumenschliches: Ein Buch Fuer Freie Geister · 第 9 / 24 段