die Welt gekommen" ist, nämlich durch Irrthümer der Vernunft, vermöge
deren die Menschen unter einander, ja der einzelne Mensch sich selbst
für viel schwärzer und böser nimmt, als es thatsächlich der Fall ist,
so wird die ganze Empfindung sehr erleichtert, und Menschen und Welt
erscheinen mitunter in einer Glorie von Harmlosigkeit, dass es Einem
von Grund aus wohl dabei wird. Der Mensch ist inmitten der Natur
immer das Kind an sich. Diess Kind träumt wohl einmal einen schweren
beängstigenden Traum, wenn es aber die Augen aufschlägt, so sieht es
sich immer wieder im Paradiese.
125.
Irreligiosität der Künstler. - Homer ist unter seinen Göttern so zu
Hause: und hat als Dichter ein solches Behagen an ihnen, dass er
jedenfalls tief unreligiös gewesen sein muss; mit dem, was der
Volksglaube ihm entgegenbrachte - einen dürftigen, rohen, zum Theil
schauerlichen Aberglauben - verkehrte er so frei, wie der Bildhauer
mit seinem Thon, also mit der selben Unbefangenheit, welche Aeschylus
und Aristophanes besassen und durch welche sich in neuerer Zeit
die grossen Künstler der Renaissance, sowie Shakespeare und Goethe
auszeichneten.
126.
Kunst und Kraft der falschen Interpretation. - Alle die Visionen,
Schrecken, Ermattungen, Entzückungen des Heiligen sind bekannte
Krankheits-Zustände, welche von ihm, auf Grund eingewurzelter
religiöser und psychologischer Irrthümer, nur ganz anders, nämlich
nicht als Krankheiten, gedeutet werden. - So ist vielleicht auch das
Dämonion des Sokrates ein Ohrenleiden, das er sich, gemäss seiner
herrschenden moralischen Denkungsart, nur anders, als es jetzt
geschehen würde, auslegt. Nicht anders steht es mit dem Wahnsinn und
Wahnreden der Propheten und Orakelpriester; es ist immer der Grad
von Wissen, Phantasie, Bestrebung, Moralität in Kopf und Herz der
Interpreten, welcher daraus so viel gemacht hat. Zu den grössten
Wirkungen der Menschen, welche man Genie's und Heilige nennt, gehört
es, dass sie sich Interpreten erzwingen, welche sie zum Heile der
Menschheit missverstehen.
127.
Verehrung des Wahnsinns. - Weil man bemerkte, dass eine Erregung
häufig den Kopf heller machte und glückliche Einfälle hervorrief, so
meinte man, durch die höchsten Erregungen werde man der glücklichsten
Einfälle und Eingebungen theilhaftig: und so verehrte man den
Wahnsinnigen als den Weisen und Orakelgebenden. Hier liegt ein
falscher Schluss zu Grunde.
128.
Verheissungen der Wissenschaft. - Die moderne Wissenschaft hat als
Ziel: so wenig Schmerz wie möglich, so lange leben wie möglich, -
also eine Art von ewiger Seligkeit, freilich eine sehr bescheidene im
Vergleich mit den Verheissungen der Religionen.
129.
Verbotene Freigebigkeit. - Es ist nicht genug Liebe und Güte in der
Welt, um noch davon an eingebildete Wesen wegschenken zu dürfen.
130.
Fortleben des religiösen Cultus' im Gemüth. - Die katholische Kirche,
und vor ihr aller antike Cultus, beherrschte das ganze Bereich von
Mitteln, durch welche der Mensch in ungewöhnliche Stimmungen versetzt
wird und der kalten Berechnung des Vortheils oder dem reinen
Vernunft-Denken entrissen wird. Eine durch tiefe Töne erzitternde
Kirche, dumpfe, regelmässige, zurückhaltende Anrufe einer
priesterlichen Schaar, welche ihre Spannung unwillkürlich auf die
Gemeinde überträgt und sie fast angstvoll lauschen lässt, wie als wenn
eben ein Wunder sich vorbereitete, der Anhauch der Architektur, welche
als Wohnung einer Gottheit sich in's Unbestimmte ausreckt und in allen
dunklen Räumen das Sich-Regen derselben fürchten lässt, - wer wollte
solche Vorgänge den Menschen zurückbringen, wenn die Voraussetzungen
dazu nicht mehr geglaubt werden? Aber die Resultate von dem Allen sind
trotzdem nicht verloren: die innere Welt der erhabenen, gerührten,
ahnungsvollen, tiefzerknirschten, hoffnungsseligen Stimmungen ist den
Menschen vornehmlich durch den Cultus eingeboren worden; was jetzt
davon in der Seele existirt, wurde damals, als er keimte, wuchs und
blühte, gross gezüchtet.
131.
Religiöse Nachwehen. - Glaubt man sich noch so sehr der Religion
entwöhnt zu haben, so ist es doch nicht in dem Grade geschehen, dass
man nicht Freude hätte, religiösen Empfindungen und Stimmungen ohne
begrifflichen Inhalt zu begegnen, zum Beispiel in der Musik; und wenn
eine Philosophie uns die Berechtigung von metaphysischen Hoffnungen,
von dem dorther zu erlangenden tiefen Frieden der Seele aufzeigt und
zum Beispiel von "dem ganzen sichern Evangelium im Blick der Madonnen
bei Rafael" spricht, so kommen wir solchen Aussprüchen und Darlegungen
mit besonders herzlicher Stimmung entgegen: der Philosoph hat es hier
leichter, zu beweisen, er entspricht mit dem, was er geben will, einem
Herzen, welches gern nehmen will. Daran bemerkt man, wie die weniger
bedachtsamen Freigeister eigentlich nur an den Dogmen Anstoss nehmen,
aber recht wohl den Zauber der religiösen Empfindung kennen; es thut
ihnen wehe, letztere fahren zu lassen, um der ersteren willen. -
Die wissenschaftliche Philosophie muss sehr auf der Hut sein, nicht
auf Grund jenes Bedürfnisses - eines gewordenen und folglich auch
vergänglichen Bedürfnisses - Irrthümer einzuschmuggeln: selbst Logiker
sprechen von "Ahnungen" der Wahrheit in Moral und Kunst (zum Beispiel
von der Ahnung, "dass das Wesen der Dinge Eins ist"): was ihnen doch
verboten sein sollte. Zwischen den sorgsam erschlossenen Wahrheiten
und solchen" geahnten" Dingen bleibt unüberbrückbar die Kluft, dass
jene dem Intellect, diese dem Bedürfniss verdankt werden. Der Hunger
beweist nicht, dass es zu seiner Sättigung eine Speise giebt, aber er
wünscht die Speise. "Ahnen" bedeutet nicht das Dasein einer Sache in
irgend einem Grade erkennen, sondern dasselbe für möglich halten,
insofern man sie wünscht oder fürchtet; die "Ahnung" trägt keinen
Schritt weit in's Land der Gewissheit. - Man glaubt unwillkürlich, die
religiös gefärbten Abschnitte einer Philosophie seien besser bewiesen,
als die anderen; aber es ist im Grunde umgekehrt, man hat nur den
inneren Wunsch, dass es so sein möge, - also dass das Beseligende auch
das Wahre sei. Dieser Wunsch verleitet uns, schlechte Gründe als gute
einzukaufen.
132.
Von dem christlichen Erlösungsbedürfniss. - Bei sorgsamer Ueberlegung
muss es möglich sein, dem Vorgange in der Seele eines Christen,
welchen man Erlösungsbedürfniss nennt, eine Erklärung abzugewinnen,
die frei von Mythologie ist: also eine rein psychologische. Bis jetzt
sind freilich die psychologischen Erklärungen religiöser Zustände und
Vorgänge in einigem Verrufe gewesen, insoweit eine sich frei nennende
Theologie auf diesem Gebiete ihr unerspriessliches Wesen trieb: denn
bei ihr war es von vornherein, sowie es der Geist ihres Stifters,
Schleiermacher's, vermuthen lässt, auf die Erhaltung der christlichen
Religion und das Fortbestehen der christlichen Theologen abgesehen;
als welche in der psychologischen Analysis der religiösen "Thatsachen"
einen neuen Ankergrund und vor Allem eine neue Beschäftigung gewinnen
sollten. Unbeirrt von solchen Vorgängern, wagen wir folgende Auslegung
des bezeichneten Phänomens. Der Mensch ist sich gewisser Handlungen
bewusst, welche in der gebräuchlichen Rangordnung der Handlungen tief
stehen, ja er entdeckt in sich einen Hang zu dergleichen Handlungen,
der ihm fast so unveränderlich wie sein ganzes Wesen erscheint. Wie
gerne versuchte er sich in jener anderen Gattung von Handlungen,
welche in der allgemeinen Schätzung als die obersten und höchsten
anerkannt sind, wie gerne fühlte er sich voll des guten Bewusstseins,
welches einer selbstlosen Denkweise folgen soll! Leider aber bleibt es
eben bei diesem Wunsche: die Unzufriedenheit darüber, demselben nicht
genügen zu können, kommt zu allen übrigen Arten von Unzufriedenheit
hinzu, welche sein Lebensloos überhaupt oder die Folgen jener
böse genannten Handlungen in ihm erregt haben; so dass eine tiefe
Verstimmung entsteht, mit dem Ausblicke nach einem Arzte, der diese,
und alle ihre Ursachen, zu heben vermöchte. - Dieser Zustand würde
nicht so bitter empfunden werden, wenn der Mensch sich nur mit anderen
Menschen unbefangen vergliche: dann nämlich hätte er keinen Grund, mit
sich in einem besonderen Maasse unzufrieden zu sein, er trüge eben
nur an der allgemeinen Last der menschlichen Unbefriedigung und
Unvollkommenheit. Aber er vergleicht sich mit einem Wesen, welches
allein jener Handlungen fähig ist, die unegoistisch genannt werden,
und im fortwährenden Bewusstsein einer selbstlosen Denkweise lebt,
mit Gott; dadurch, dass er in diesen hellen Spiegel schaut, erscheint
ihm sein Wesen so trübe, so ungewöhnlich verzerrt. Sodann ängstigt
ihn der Gedanke an das selbe Wesen, insofern dieses als strafende
Gerechtigkeit vor seiner Phantasie schwebt: in allen möglichen kleinen
und grossen Erlebnissen glaubt er seinen Zorn, seine Drohung zu
erkennen, ja die Geisselschläge seines Richter- und Henkerthums schon
vorzuempfinden. Wer hilft ihm in dieser Gefahr, welche durch den
Hinblick auf eine unermessliche Zeitdauer der Strafe an Grässlichkeit
alle anderen Schrecknisse der Vorstellung überbietet?
133.
Bevor wir diesen Zustand in seinen weiteren Folgen uns vorlegen,
wollen wir es doch uns eingestehen, dass der Mensch in diesen Zustand
nicht durch seine "Schuld" und "Sünde", sondern durch eine Reihe von
Irrthümern der Vernunft gerathen ist, dass es der Fehler des Spiegels
war, wenn ihm sein Wesen in jenem Grade dunkel und hassenswerth
vorkam, und dass jener Spiegel sein Werk, das sehr unvollkommene Werk
der menschlichen Phantasie und Urtheilskraft war. Erstens ist ein
Wesen, welches einzig rein unegoistischer Handlungen fähig wäre,
noch fabelhafter als der Vogel Phönix; es ist deutlich nicht einmal
vorzustellen, schon desshalb, weil der ganze Begriff "unegoistische
Handlung" bei strenger Untersuchung in die Luft verstiebt. Nie hat ein
Mensch Etwas gethan, das allein für Andere und ohne jeden persönlichen
Beweggrund gethan wäre; ja wie sollte er Etwas thun können, das ohne
Bezug zu ihm wäre, also ohne innere Nöthigung (welche ihren Grund doch
in einem persönlichen Bedürfniss haben müsste)? Wie vermöchte das
ego ohne ego zu handeln? - Ein Gott, der dagegen ganz Liebe ist, wie
gelegentlich angenommen wird, wäre keiner einzigen unegoistischen
Handlung fähig: wobei man sich an einen Gedanken Lichtenberg's, der
freilich einer niedrigeren Sphäre entnommen ist, erinnern sollte:
"Wir können unmöglich für Andere fühlen, wie man zu sagen pflegt; wir
fühlen nur für uns. Der Satz klingt hart, er ist es aber nicht, wenn
er nur recht verstanden wird. Man liebt weder Vater, noch Mutter, noch
Frau, noch Kind, sondern die angenehmen Empfindungen, die sie uns
machen", oder wie La Rochefoucauld sagt: "si on croit aimer sa
maîtresse pour l'amour d'elle, on est bien trompe'." Wesshalb
Handlungen der Liebe höher geschätzt werden, als andere, nämlich nicht
ihres Wesens, sondern ihrer Nützlichkeit halber, darüber vergleiche
man die schon vorher erwähnten Untersuchungen "über den Ursprung der
moralischen Empfindungen". Sollte aber ein Mensch wünschen, ganz wie
jener Gott, Liebe zu sein, Alles für Andere, Nichts für sich zu thun,
zu wollen, so ist letzteres schon desshalb unmöglich, weil er sehr
viel für sich thun muss, um überhaupt Anderen Etwas zu Liebe thun zu
können. Sodann setzt es voraus, dass der Andere Egoist genug ist, um
jene Opfer, jenes Leben für ihn, immer und immer wieder anzunehmen:
so dass die Menschen der Liebe und Aufopferung ein Interesse an dem
Fortbestehen der liebelosen und aufopferungsunfähigen Egoisten haben,
und die höchste Moralität, um bestehen zu können, förmlich die
Existenz der Unmoralität erzwingen müsste (wodurch sie sich freilich
selber aufheben würde). - Weiter. die Vorstellung eines Gottes
beunruhigt und demüthigt so lange, als sie geglaubt wird, aber
wie sie entstanden ist, darüber kann bei dem jetzigen Stande der
völkervergleichenden Wissenschaft kein Zweifel mehr sein; und mit der
Einsicht in jene Entstehung fällt jener Glaube dahin. Es geht dem
Christen, welcher sein Wesen mit dem Gotte vergleicht, so, wie dem
Don Quixote, der seine eigne Tapferkeit unterschätzt, weil er die
Wunderthaten der Helden aus den Ritterromanen im Kopfe hat; der
Maassstab, mit welchem in beiden Fällen gemessen wird, gehört in's
Reich der Fabel. Fällt aber die Vorstellung des Gottes weg, so
auch das Gefühl der "Sünde" als eines Vergehens gegen göttliche
Vorschriften, als eines Fleckens an einem gottgeweihten Geschöpfe.
Dann bleibt wahrscheinlich noch jener Unmuth übrig, welcher mit
der Furcht vor Strafen der weltlichen Gerechtigkeit, oder vor der
Missachtung der Menschen, sehr verwachsen und verwandt ist; der Unmuth
der Gewissensbisse, der schärfste Stachel im Gefühl der Schuld, ist
immerhin abgebrochen, wenn man einsieht, dass man sich durch seine
Handlungen wohl gegen menschliches Herkommen, menschliche Satzungen
und Ordnungen vergangen habe, aber damit noch nicht das "ewige Heil
der Seele" und ihre Beziehung zur Gottheit gefährdet habe. Gelingt es
dem Menschen zuletzt noch, die philosophische Ueberzeugung von der
unbedingten Nothwendigkeit aller Handlungen und ihrer völligen
Unverantwortlichkeit zu gewinnen und in Fleisch und Blut aufzunehmen,
so verschwindet auch jener Rest von Gewissensbissen.
134.
Ist nun der Christ, wie gesagt, durch einige Irrthümer in das
Gefühl der Selbstverachtung gerathen, also durch eine falsche
unwissenschaftliche Auslegung seiner Handlungen und Empfindungen,
so muss er mit höchstem Erstaunen bemerken, wie jener Zustand der
Verachtung, der Gewissensbisse, der Unlust überhaupt, nicht anhält,
wie gelegentlich Stunden kommen, wo ihm dies Alles von der Seele
weggeweht ist und er sich wieder frei und muthig fühlt. In Wahrheit
hat die Lust an sich selber das Wohlbehagen an der eigenen Kraft, im
Bunde mit der nothwendigen Abschwächung jeder tiefen Erregung, den
Sieg davongetragen; der Mensch liebt sich wieder, er fühlt es, - aber
gerade diese Liebe, diese neue Selbstschätzung, kommt ihm unglaublich
vor, er kann in ihr allein das gänzlich unverdiente Herabströmen eines
Gnadenglanzes von Oben sehen. Wenn er früher in allen Begebnissen
Warnungen, Drohungen, Strafen und jede Art von Anzeichen des
göttlichen Zornes zu erblicken glaubte, so deutet er jetzt in seine
Erfahrungen die göttliche Güte hinein: diess Ereigniss kommt ihm
liebevoll, jenes wie ein hülfreicher Fingerzeig, ein drittes und
namentlich seine ganze freudige Stimmung als Beweis vor, dass Gott
gnädig sei. Wie er früher im Zustande des Unmuthes namentlich seine
Handlungen falsch ausdeutete, so jetzt namentlich seine Erlebnisse;
die getröstete Stimmung fasst er als Wirkung einer ausser ihm
waltenden Macht auf, die Liebe, mit der er sich im Grunde selbst
liebt, erscheint als göttliche Liebe; Das, was er Gnade und Vorspiel
der Erlösung nennt, ist in Wahrheit Selbstbegnadigung, Selbsterlösung.
135.
Also: eine bestimmte falsche Psychologie, eine gewisse Art von
Phantastik in der Ausdeutung der Motive und Erlebnisse ist die
nothwendige Voraussetzung davon, dass Einer zum Christen werde und das
Bedürfniss der Erlösung empfinde. Mit der Einsicht in diese Verirrung
der Vernunft und Phantasie hört man auf, Christ zu sein.
136.
Von der christlichen Askese und Heiligkeit. - So sehr einzelne Denker
sich bemüht haben, in den seltenen Erscheinungen der Moralität,
welche man Askese und Heiligkeit zu nennen pflegt, ein Wunderding
hinzustellen, dem die Leuchte einer vernünftigen Erklärung in's
Gesicht zu halten, beinahe schon Frevel und Entweihung sei: so stark
ist hinwiederum die Verführung zu diesem Frevel. Ein mächtiger Antrieb
der Natur hat zu allen Zeiten dazu geführt, gegen jene Erscheinungen
überhaupt zu protestiren; die Wissenschaft, insofern sie, wie früher
gesagt, eine Nachahmung der Natur ist, erlaubt sich wenigstens gegen
die behauptete Unerklärbarkeit, ja Unnahbarkeit derselben Einsprache
zu erheben. Freilich gelang es ihr bis jetzt nicht: jene Erscheinungen
sind immer noch unerklärt, zum grossen Vergnügen der erwähnten
Verehrer des moralisch-Wunderbaren. Denn, allgemein gesprochen: das
Unerklärte soll durchaus unerklärlich, das Unerklärliche durchaus
unnatürlich, übernatürlich, wunderhaft sein, - so lautet die Forderung
in den Seelen aller Religiösen und Metaphysiker (auch der Künstler,
falls sie zugleich Denker sind); während der wissenschaftliche Mensch
in dieser Forderung das "böse Princip" sieht. - Die allgemeine erste
Wahrscheinlichkeit, auf welche man bei Betrachtung der Askese und
Heiligkeit zuerst geräth, ist diese, dass ihre Natur eine complicirte
ist: denn fast überall, innerhalb der physischen Welt sowohl wie in
der moralischen, hat man mit Glück das angeblich Wunderbare auf das
Complicirte und mehrfach Bedingte zurückgeführt. Wagen wir es also,
einzelne Antriebe in der Seele der Heiligen und Asketen zunächst zu
isoliren und zum Schluss sie in einander uns verwachsen zu denken.
137.
Es giebt einen Trotz gegen sich selbst, zu dessen sublimirtesten
Aeusserungen manche Formen der Askese gehören. Gewisse Menschen
haben nämlich ein so hohes Bedürfniss, ihre Gewalt und Herrschsucht
auszuüben, dass sie, in Ermangelung anderer Objecte, oder, weil es
ihnen sonst immer misslungen ist, endlich darauf verfallen, gewisse
Theile ihres eigenen Wesens, gleichsam Ausschnitte oder Stufen ihrer
selbst, zu tyrannisiren. So bekennt sich mancher Denker zu Ansichten,
welche ersichtlich nicht dazu dienen, seinen Ruf zu vermehren oder zu
verbessern; mancher beschwört förmlich die Missachtung Anderer auf
sich herab, während er es leicht hätte, durch Stillschweigen ein
geachteter Mann zu bleiben; andere widerrufen frühere Meinungen
und scheuen es nicht, fürderhin inconsequent genannt zu werden: im
Gegentheil, sie bemühen sich darum und benehmen sich wie übermüthige
Reiter, welche das Pferd, erst wenn es wild geworden, mit Schweiss
bedeckt, scheu gemacht ist, am liebsten mögen. So steigt der Mensch
auf gefährlichen Wegen in die höchsten Gebirge, um über seine
Aengstlichkeit und seine schlotternden Kniee Hohn zu lachen; so
bekennt sich der Philosoph zu Ansichten der Askese, Demuth und
Heiligkeit, in deren Glanze sein eigenes Bild auf das ärgste
verhässlicht wird. Dieses Zerbrechen seiner selbst, dieser Spott über
die eigene Natur, dieses spernere se sperni, aus dem die Religionen so
viel gemacht haben, ist eigentlich ein sehr hoher Grad der Eitelkeit.
Die ganze Moral der Bergpredigt gehört hierher: der Mensch hat
eine wahre Wollust darin, sich durch übertriebene Ansprüche zu
vergewaltigen und dieses tyrannisch fordernde Etwas in seiner Seele
nachher zu vergöttern. In jeder asketischen Moral betet der Mensch
einen Theil von sich als Gott an und hat dazu nöthig, den übrigen
Theil zu diabolisiren. -
138.
Der Mensch ist nicht zu allen Stunden gleich moralisch, diess ist
bekannt: beurtheilt man seine Moralität nach der Fähigkeit zu grosser
aufopfernder Entschliessung und Selbstverleugnung (welche, dauernd
und zur Gewohnheit geworden, Heiligkeit ist), so ist er im Affect am
moralischsten; die höhere Erregung reicht ihm ganz neue Motive dar,
welcher er, nüchtern und kalt wie sonst, vielleicht nicht einmal fähig
zu sein glaubte. Wie kommt diess? Wahrscheinlich aus der Nachbarschaft
alles Grossen und hoch Erregenden; ist der Mensch einmal in eine
ausserordentliche Spannung gebracht, so kann er ebensowohl zu
einer furchtbaren Rache, als zu einer furchtbaren Brechung seines
Rachebedürfnisses sich entschliessen. Er will, unter dem Einflusse der
gewaltigen Emotion, jedenfalls das Grosse, Gewaltige, Ungeheure, und
wenn er zufällig merkt, dass ihm die Aufopferung seiner selbst ebenso
oder noch mehr genugthut, als die Opferung des Anderen, so wählt er
sie. Eigentlich liegt ihm also nur an der Entladung seiner Emotion;
da fasst er wohl, um seine Spannung zu erleichtern, die Speere
der Feinde zusammen und begräbt sie in seine Brust. Dass in der
Selbstverleugnung, und nicht nur in der Rache, etwas Grosses liege,
musste der Menschheit erst in langer Gewöhnung anerzogen werden;
eine Gottheit, welche sich selbst opfert, war das stärkste und
wirkungsvollste Symbol dieser Art von Grösse. Als die Besiegung des
schwerst zu besiegenden Feindes, die plötzliche Bemeisterung eines
Affectes, - als Diess erscheint diese Verleugnung; und insofern gilt
sie als der Gipfel des Moralischen. In Wahrheit handelt es sich bei
ihr um die Vertauschung der einen Vorstellung mit der andern, während
das Gemüth seine gleiche Höhe, seinen gleichen Fluthstand, behält.
Ernüchterte, vom Affect ausruhende Menschen verstehen die Moralität
jener Augenblicke nicht mehr, aber die Bewunderung Aller, die jene
miterlebten, hält sie aufrecht; der Stolz ist ihr Trost, wenn der
Affect und das Verständniss ihrer That weicht. Also: im Grunde sind
auch jene Handlungen der Selbstverleugnung nicht moralisch, insofern
sie nicht streng in Hinsicht auf Andere gethan sind; vielmehr giebt
der Andere dem hochgespannten Gemüthe nur eine Gelegenheit, sich zu
erleichtern, durch jene Verleugnung.
139.
In mancher Hinsicht sucht sich auch der Asket das Leben leicht zu
machen, und zwar gewöhnlich durch die vollkommene Unterordnung unter
einen fremden Willen oder unter ein umfängliches Gesetz und Ritual;
etwa in der Art, wie der Brahmane durchaus Nichts seiner eigenen
Bestimmung überlässt und sich in jeder Minute durch eine heilige
Vorschrift bestimmt. Diese Unterordnung ist ein mächtiges Mittel, um
über sich Herr zu werden; man ist beschäftigt, also ohne Langeweile,
und hat doch keine Anregung des Eigenwillens und der Leidenschaft
dabei; nach vollbrachter That fehlt das Gefühl der Verantwortung und
damit die Qual der Reue. Man hat ein für alle Mal auf eigenen Willen
verzichtet, und diess ist leichter, als nur gelegentlich einmal
zu verzichten; sowie es auch leichter ist, einer Begierde ganz zu
entsagen, als in ihr Maass zu halten. Wenn wir uns der jetzigen
Stellung des Mannes zum Staate erinnern, so finden wir auch da, dass
der unbedingte Gehorsam bequemer ist, als der bedingte. Der Heilige
also erleichtert sich durch jenes völlige Aufgeben der Persönlichkeit
sein Leben, und man täuscht sich, wenn man in jenem Phänomen das
höchste Heldenstück der Moralität bewundert. Es ist in jedem Falle
schwerer, seine Persönlichkeit ohne Schwanken und Unklarheit
durchzusetzen, als sich von ihr in der erwähnten Weise zu lösen;
überdiess verlangt es viel mehr Geist und Nachdenken.
140.
Nachdem ich, in vielen der schwerer erklärbaren Handlungen,
Aeusserungen jener Lust an der Emotion an sich gefunden habe, möchte
ich auch in Betreff der Selbstverachtung, welche zu den Merkmalen der
Heiligkeit gehört, und ebenso in den Handlungen der Selbstquälerei
(durch Hunger und Geisselschläge, Verrenkungen der Glieder,
Erheuchelung des Wahnsinns) ein Mittel erkennen, durch welches jene
Naturen gegen die allgemeine Ermüdung ihres Lebenswillens (ihrer
Nerven) ankämpfen: sie bedienen sich der schmerzhaftesten Reizmittel
und Grausamkeiten, um für Zeiten wenigstens aus jener Dumpfheit und
Langenweile aufzutauchen, in welche ihre grosse geistige Indolenz
und jene geschilderte Unterordnung unter einen fremden Willen sie so
häufig verfallen lässt.
141.