Gram ist Erkenntniss. - Wie gern möchte man die falschen Behauptungen

der Priester, es gebe einen Gott, der das Gute von uns verlangte,

Wächter und Zeuge jeder Handlung, jedes Augenblickes, jedes Gedankens

sei, der uns liebe, in allem Unglück unser Bestes wolle, - wie gern

möchte man diese mit Wahrheiten vertauschen, welche ebenso heilsam,

beruhigend und wohlthuend wären, wie jene Irrthümer! Doch solche

Wahrheiten giebt es nicht; die Philosophie kann ihnen höchstens

wiederum metaphysische Scheinbarkeiten (im Grunde ebenfalls

Unwahrheiten) entgegensetzen. Nun ist aber die Tragödie die, dass man

jene Dogmen der Religion und Metaphysik nicht glauben kann, wenn man

die strenge Methode der Wahrheit im Herzen und Kopfe hat, andererseits

durch die Entwickelung der Menschheit so zart, reizbar, leidend

geworden ist, um Heil- und Trostmittel der höchsten Art nöthig zu

haben; woraus also die Gefahr entsteht, dass der Mensch sich an der

erkannten Wahrheit verblute. Diess drückt Byron in unsterblichen

Versen aus:

Sorrow is knowledge: they who know the most

must mourn the deepst o'er the fatal truth,

the tree of knowledge is not that of life.

Gegen solche Sorgen hilft kein Mittel besser, als den feierlichen

Leichtsinn Horazens, wenigstens für die schlimmsten Stunden und

Sonnenfinsternisse der Seele, heraufzubeschwören und mit ihm zu sich

selber zu sagen:

quid aeternis minorem

consiliis animum fatigas?

cur non sub alta vel platano vel hac

pinu jacentes -

Sicherlich aber ist Leichtsinn oder Schwermuth jeden Grades besser,

als eine romantische Rückkehr und Fahnenflucht, eine Annäherung an das

Christenthum in irgend einer Form: denn mit ihm kann man sich, nach

dem gegenwärtigen Stande der Erkenntniss, schlechterdings nicht mehr

einlassen, ohne sein in intellectuales Gewissen heillos zu beschmutzen

und vor sich und Anderen preiszugeben. Jene Schmerzen mögen peinlich

genug sein: aber man kann ohne Schmerzen nicht zu einem Führer und

Erzieher der Menschheit werden; und wehe Dem, welcher diess versuchen

möchte und jenes reine Gewissen nicht mehr hätte!

110.

Die Wahrheit in der Religion. - In der Periode der Aufklärung war man

der Bedeutung der Religion nicht gerecht geworden, daran ist nicht zu

zweifeln: aber ebenso steht fest, dass man, in dem darauffolgenden

Widerspiel der Aufklärung, wiederum um ein gutes Stück über die

Gerechtigkeit hinausgieng, indem man die Religionen mit Liebe, selbst

mit Verliebtheit behandelte und ihnen zum Beispiel ein tieferes,

ja das allertiefste Verständniss der Welt zuerkannte; welches die

Wissenschaft des dogmatischen Gewandes zu entkleiden habe, um dann

in unmythischer Form die "Wahrheit" zu besitzen. Religionen sollen

also - diess war die Behauptung aller Gegner der Aufklärung - sensu

allegorico, mit Rücksicht auf das Verstehen der Menge, jene uralte

Weisheit aussprechen, welche die Weisheit an sich sei, insofern alle

wahre Wissenschaft der neueren Zeit immer zu ihr hin, anstatt von ihr

weg, geführt habe: so dass zwischen den ältesten Weisen der Menschheit

und allen späteren Harmonie, ja Gleichheit der Einsichten walte und

ein Fortschritt der Erkenntnisse - falls man von einem solchen reden

wolle - sich nicht auf das Wesen, sondern die Mittheilung desselben

beziehe. Diese ganze Auffassung von Religion und Wissenschaft ist

durch und durch irrthümlich; und Niemand würde jetzt noch zu ihr sich

zu bekennen wagen, wenn nicht Schopenhauer's Beredtsamkeit sie in

Schutz genommen hätte: diese laut tönende und doch erst nach einem

Menschenalter ihre Hörer erreichende Beredtsamkeit. So gewiss man aus

Schopenhauer's religiös-moralischer Menschen- und Weltdeutung sehr

viel für das Verständniss des Christenthums und anderer Religionen

gewinnen kann, so gewiss ist es auch, dass er über den Werth der

Religion für die Erkenntniss sich geirrt hat. Er selbst war darin ein

nur zu folgsamer Schüler der wissenschaftlichen Lehrer seiner Zeit,

welche allesammt der Romantik huldigten und dem Geiste der Aufklärung

abgeschworen hatten; in unsere jetzige Zeit hineingeboren, würde er

unmöglich vom sensus allegoricus der Religion haben reden können; er

würde vielmehr der Wahrheit die Ehre gegeben haben, wie er es pflegte,

mit den Worten: noch nie hat eine Religion, weder mittelbar, noch

unmittelbar, weder als Dogma, noch als Gleichniss, eine Wahrheit

enthalten. Denn aus der Angst und dem Bedürfniss ist eine jede

geboren, auf Irrgängen der Vernunft hat sie sich in's Dasein

geschlichen; sie hat vielleicht einmal, im Zustande der Gefährdung

durch die Wissenschaft, irgend eine philosophische Lehre in ihr System

hineingelogen, damit man sie später darin vorfinde: aber diess ist ein

Theologenkunststück, aus der Zeit, in welcher eine Religion schon an

sich selber zweifelt. Diese Kunststücke der Theologie, welche freilich

im Christenthum, als der Religion eines gelehrten, mit Philosophie

durchtränkten Zeitalters, sehr früh schon geübt wurden, haben auf

jenen Aberglauben vom sensus allegoricus hingeleitet, noch mehr

aber die Gewohnheit der Philosophen (namentlich er Halbwesen, der

dichterischen Philosophen und der philosophirenden Künstler), alle

die Empfindungen, welche sie in sich vorfanden, als Grundwesen

des Menschen überhaupt zu behandeln und somit auch ihren eigenen

religiösen Empfindungen einen bedeutenden Einfluss auf den Gedankenbau

ihrer Systeme zu gestatten. Weil die Philosophen vielfach unter

dem Herkommen religiöser Gewohnheiten, oder mindestens unter der

altvererbten Macht jenes "metaphysischen Bedürfnisses" philosophirten,

so gelangten sie zu Lehrmeinungen, welche in der That den jüdischen

oder christlichen oder indischen Religionsmeinungen sehr ähnlich

sahen, - ähnlich nämlich, wie Kinder den Müttern zu sehen pflegen,

nur dass in diesem Falle die Väter sich nicht über jene Mutterschaft

klar waren, wie diess wohl vorkommt, - sondern in der Unschuld ihrer

Verwunderung von einer Familien-Aehnlichkeit aller Religion und

Wissenschaft fabelten. In der That besteht zwischen der Religion und

der wirklichen Wissenschaft nicht Verwandtschaft, noch Freundschaft,

noch selbst Feindschaft: sie leben auf verschiedenen Sternen. Jede

Philosophie, welche einen religiösen Kometenschweif in die Dunkelheit

ihrer letzten Aussichten hinaus erglänzen lässt, macht Alles an sich

verdächtig, was sie als Wissenschaft vorträgt: es ist diess Alles

vermuthlich ebenfalls Religion, wenngleich unter dem Aufputz der

Wissenschaft. - Uebrigens: wenn alle Völker über gewisse religiöse

Dinge, zum Beispiel die Existenz eines Gottes, übereinstimmten (was,

beiläufig gesagt, in Betreff dieses Punctes nicht der Fall ist), so

würde diess doch eben nur ein Gegenargument gegen jene behaupteten

Dinge, zum Beispiel die Existenz eines Gottes sein: der consensus

gentium und überhaupt hominum kann billigerweise nur einer Narrheit

gelten. Dagegen giebt es einen consensus omnium sapientium gar nicht,

in Bezug auf kein einziges Ding, mit jener Ausnahme, von welcher der

Goethe'sche Vers spricht:

Alle die Weisesten aller der Zeiten

lächeln und winken und stimmen mit ein:

Thöricht, auf Bess'rung der Thoren zu harren!

Kinder der Klugheit, o habet die Narren

eben zum Narren auch, wie sich's gehört!

Ohne Vers und Reim gesprochen und auf unseren Fall angewendet: der

consensus sapientium besteht darin, dass der consensus gentium einer

Narrheit gilt.

111.

Ursprung des religiösen Cultus'. - Versetzen wir uns in die Zeiten

zurück, in welchen das religiöse Leben am kräftigsten aufblühte, so

finden wir eine Grundüberzeugung vor, welche wir jetzt nicht mehr

theilen und derentwegen wir ein für alle Mal die Thore zum religiösen

Leben uns verschlossen sehen: sie betrifft die Natur und den Verkehr

mit ihr. Man weiss in jenen Zeiten noch Nichts von Naturgesetzen;

weder für die Erde noch für den Himmel giebt es ein Müssen; eine

Jahreszeit, der Sonnenschein, der Regen kann kommen oder auch

ausbleiben. Es fehlt überhaupt jeder Begriff der natürlichen

Causalität. Wenn man rudert, ist es nicht das Rudern, was das Schiff

bewegt, sondern Rudern ist nur eine magische Ceremonie, durch welche

man einen Dämon zwingt, das Schiff zu bewegen. Alle Erkrankungen,

der Tod selbst ist Resultat magischer Einwirkungen. Es geht bei

Krankwerden und Sterben nie natürlich zu; die ganze Vorstellung vom

"natürlichen Hergang" fehlt, - sie dämmert erst bei den älteren

Griechen, das heisst in einer sehr späten Phase der Menschheit, in der

Conception der über den Göttern thronenden Moira. Wenn Einer mit dem

Bogen schiesst, so ist immer noch eine irrationelle Hand und Kraft

dabei; versiegen plötzlich die Quellen, so denkt man zuerst an

unterirdische Dämonen und deren Tücken; der Pfeil eines Gottes muss

es sein, unter dessen unsichtbarer Wirkung ein Mensch auf einmal

niedersinkt. In Indien pflegt (nach Lubbock) ein Tischler seinem

Hammer, seinem Beil und den übrigen Werkzeugen Opfer darzubringen;

ein Brahmane behandelt den Stift, mit dem er schreibt, ein Soldat die

Waffen, die er im Felde braucht, ein Maurer seine Kelle, ein Arbeiter

seinen Pflug in gleicher Weise. Die ganze Natur ist in der Vorstellung

religiöser Menschen eine Summe von Handlungen bewusster und wollender

Wesen, ein ungeheurer Complex von Willkürlichkeiten. Es ist in Bezug

auf Alles, was ausser uns ist, kein Schluss gestattet, dass irgend

Etwas so und so sein werde, so und so kommen müsse; das ungefähr

Sichere, Berechenbare sind wir: der Mensch ist die Regel, die Natur

die Regellosigkeit, - dieser Satz enthält die Grundüberzeugung, welche

rohe, religiös productive Urculturen beherrscht. Wir jetzigen Menschen

empfinden gerade völlig umgekehrt: je reicher jetzt der Mensch sich

innerlich fühlt, je polyphoner sein Subject ist, um so gewaltiger

wirkt auf ihn das Gleichmaass der Natur; wir Alle erkennen mit Goethe

in der Natur das grosse Mittel der Beschwichtigung für die moderne

Seele, wir hören den Pendelschlag der grössten Uhr mit einer Sehnsucht

nach Ruhe, nach Heimisch- und Stillewerden an, als ob wir dieses

Gleichmaass in uns hineintrinken und dadurch zum Genuss unser selbst

erst kommen könnten. Ehemals war es umgekehrt: denken wir an rohe,

frühe Zustände von Völkern zurück oder sehen wir die jetzigen Wilden

in der Nähe, so finden wir sie auf das stärkste durch das Gesetz, das

Herkommen bestimmt: das Individuum ist fast automatisch an dasselbe

gebunden und bewegt sich mit der Gleichförmigkeit eines Pendels. Ihm

muss die Natur - die unbegriffene, schreckliche, geheimnissvolle

Natur - als das Reich der Freiheit, der Willkür, der höheren Macht

erscheinen, ja gleichsam als eine übermenschliche Stufe des Daseins,

als Gott. Nun aber fühlt jeder Einzelne solcher Zeiten und Zustände,

wie von jenen Willkürlichkeiten der Natur seine Existenz, sein Glück,

das der Familie, des Staates, das Gelingen aller Unternehmungen

abhängen: einige Naturvorgänge müssen zur rechten Zeit eintreten,

andere zur rechten Zeit ausbleiben. Wie kann man einen Einfluss auf

diese furchtbaren Unbekannten ausüben, wie kann man das Reich der

Freiheit binden? so fragt er sich, so forscht er ängstlich: giebt

es denn keine Mittel, jene Mächte ebenso durch ein Herkommen und

Gesetz regelmässig zu machen, wie du selber regelmässig bist? - Das

Nachdenken der magie- und wundergläubigen Menschen geht dahin, der

Natur ein Gesetz auf zulegen -: und kurz gesagt, der religiöse Cultus

ist das Ergebniss dieses Nachdenkens. Das Problem, welches jene

Menschen sich vorlegen, ist auf das engste verwandt mit diesem: wie

kann der schwächere Stamm dem stärkeren doch Gesetze dictiren, ihn

bestimmen, seine Handlungen (im Verhalten zum schwächeren) leiten? Man

wird zuerst sich der harmlosesten Art eines Zwanges erinnern, jenes

Zwanges, den man ausübt, wenn man jemandes Neigung erworben hat.

Durch Flehen und Gebete, durch Unterwerfung, durch die Verpflichtung

zu regelmässigen Abgaben und Geschenken, durch schmeichelhafte

Verherrlichungen ist es also auch möglich, auf die Mächte der Natur

einen Zwang auszuüben, insofern man sie sich geneigt macht: Liebe

bindet und wird gebunden. Dann kann man Verträge schliessen, wobei

man sich zu bestimmtem Verhalten gegenseitig verpflichtet, Pfänder

stellt und Schwüre wechselt. Aber viel wichtiger ist eine Gattung

gewaltsameren Zwanges, durch Magie und Zauberei. Wie der Mensch mit

Hülfe des Zauberers einem stärkeren Feind doch zu schaden weiss und

ihn vor sich in Angst erhält, wie der Liebeszauber in die Ferne wirkt,

so glaubt der schwächere Mensch auch die mächtigeren Geister der Natur

bestimmen zu können. Das Hauptmittel aller Zauberei ist, dass man

Etwas in Gewalt bekommt, das jemandem zu eigen ist, Haare, Nägel,

etwas Speise von seinem Tisch, ja selbst sein Bild, seinen Namen. Mit

solchem Apparate kann man dann zaubern; denn die Grundvoraussetzung

lautet: zu allem Geistigen gehört etwas Körperliches; mit dessen Hülfe

vermag man den Geist zu binden, zu Schädigen, zu vernichten; das

Körperliche giebt die Handhabe ab, mit der man das Geistige fassen

kann. So wie nun der Mensch den Menschen bestimmt, so bestimmt er auch

irgend einen Naturgeist; denn dieser hat auch sein Körperliches, an

dem er zu fassen ist. Der Baum und, verglichen mit ihm, der Keim,

aus dem er entstand, - dieses räthselhafte Nebeneinander scheint

zu beweisen, dass in beiden Formen sich ein und der selbe Geist

eingekörpert habe, bald klein, bald gross. Ein Stein, der plötzlich

rollt, ist der Leib, in welchem ein Geist wirkt; liegt auf einsamer

Haide ein Block, erscheint es unmöglich, an Menschenkraft zu denken,

die ihn hierher gebracht habe, so muss also der Stein sich selbst

hinbewegt haben, das heisst: er muss einen Geist beherbergen. Alles,

was einen Leib hat, ist der Zauberei zugänglich, also auch die

Naturgeister. Ist ein Gott geradezu an sein Bild gebunden, so kann

man auch ganz directen Zwang (durch Verweigerung der Opfernahrung,

Geisseln, in-Fesseln-Legen und Aehnliches) gegen ihn ausüben. Die

geringen Leute in China umwinden, um die fehlende Gunst ihres Gottes

zu ertrotzen, das Bild desselben, der sie in Stich gelassen hat, mit

Stricken, reissen es nieder, schleifen es über die Strassen durch

Lehm- und Düngerhaufen; "du Hund von einem Geiste, sagen sie, wir

liessen dich in einem prächtigen Tempel wohnen, wir vergoldeten dich

hübsch, wir fütterten dich gut, wir brachten dir Opfer und doch bist

du so undankbar." Aehnliche Gewaltmaassregeln gegen Heiligen- und

Muttergottesbilder, wenn sie etwa bei Pestilenzen oder Regenmangel

ihre Schuldigkeit nicht thun wollten, sind noch während dieses

Jahrhunderts in katholischen Ländern vorgekommen. - Durch alle diese

zauberischen Beziehungen zur Natur sind unzählige Ceremonien in's

Leben gerufen: und endlich, wenn der Wirrwarr derselben zu gross

geworden ist, bemüht man sich, sie zu ordnen, zu systematisiren,

so dass man den günstigen Verlauf des gesammten Ganges der

Natur, namentlich des grossen Jahreskreislaufs, sich durch einen

entsprechenden Verlauf eines Proceduren-Systems zu verbürgen meint.

Der Sinn des religiösen Cultus' ist, die Natur zu menschlichem

Vortheil zu bestimmen und zu bannen, also ihr eine Gesetzlichkeit

einzuprägen, die sie von vornherein nicht hat; während in der jetzigen

Zeit man die Gesetzlichkeit der Natur erkennen will, um sich in sie zu

schicken. Kurz, der religiöse Cultus ruht auf den Vorstellungen der

Zauberei zwischen Mensch und Mensch; und der Zauberer ist älter,

als der Priester. Aber ebenso ruht er auf anderen und edleren

Vorstellungen; er setzt das sympathische Verhältniss von Mensch zu

Mensch, das Dasein von Wohlwollen, Dankbarkeit, Erhörung Bittender,

von Verträgen zwischen Feinden, von Verleihung der Unterpfänder, von

Anspruch auf Schutz des Eigenthums voraus. Der Mensch steht auch in

sehr niederen Culturstufen nicht der Natur als ohnmächtiger Sclave

gegenüber, er ist nicht nothwendig der willenlose Knecht derselben:

auf der griechischen Stufe der Religion, besonders im Verhalten zu den

olympischen Göttern, ist sogar an ein Zusammenleben von zwei Kasten,

einer vornehmeren, mächtigeren und einer weniger vornehmen zu denken;

aber beide gehören, ihrer Herkunft nach, irgendwie zusammen und sind

Einer Art, sie brauchen sich vor einander nicht zu schämen. Das ist

das Vornehme in der griechischen Religiosität.

112.

Beim Anblick gewisser antiker Opfergeräthschaften. - Wie manche

Empfindungen uns verloren gehen, ist zum Beispiel an der Vereinigung

des Possenhaften, selbst des Obscönen, mit dem religiösen Gefühl zu

sehen: die Empfindung für die Möglichkeit dieser Mischung schwindet,

wir begreifen es nur noch historisch, dass sie existirte, bei den

Demeter- und Dionysosfesten, bei den christlichen Osterspielen und

Mysterien: aber auch wir kennen noch das Erhabene im Bunde mit

dem Burlesken und dergleichen, das Rührende mit dem Lächerlichen

verschmolzen: was vielleicht eine spätere Zeit auch nicht mehr

verstehen wird.

113.

Christenthum als Alterthum. - Wenn wir eines Sonntag Morgens die alten

Glocken brummen hören, da fragen wir uns: ist es nur möglich! diess

gilt einem vor zwei Jahrtausenden gekreuzigten Juden, welcher sagte,

er sei Gottes Sohn. Der Beweis für eine solche Behauptung fehlt. -

Sicherlich ist innerhalb unserer Zeiten die christliche Religion

ein aus ferner Vorzeit hereinragendes Alterthum, und dass man jene

Behauptung glaubt, - während man sonst so streng in der Prüfung von

Ansprüchen ist -, ist vielleicht das älteste Stück dieses Erbes. Ein

Gott, der mit einem sterblichen Weibe Kinder erzeugt; ein Weiser, der

auffordert, nicht mehr zu arbeiten, nicht mehr Gericht zu halten, aber

auf die Zeichen des bevorstehenden Weltunterganges zu achten; eine

Gerechtigkeit, die den Unschuldigen als stellvertretendes Opfer

annimmt; jemand, der seine jünger sein Blut trinken heisst; Gebete

um Wundereingriffe; Sünden an einem Gott verübt, durch einen Gott

gebüsst; Furcht vor einem jenseits, zu welchem der Tod die Pforte ist;

die Gestalt des Kreuzes als Symbol inmitten einer Zeit, welche die

Bestimmung und die Schmach des Kreuzes nicht mehr kennt, - wie

schauerlich weht uns diess Alles, wie aus dem Grabe uralter

Vergangenheit, an! Sollte man glauben, dass so Etwas noch geglaubt

wird?

114.

Das Ungriechische im Christenthum. - Die Griechen sahen über sich die

homerischen Götter nicht als Herren und sich unter ihnen nicht als

Knechte, wie die Juden. Sie sahen gleichsam nur das Spiegelbild der

gelungensten Exemplare ihrer eigenen Kaste, also ein Ideal, keinen

Gegensatz des eigenen Wesens. Man fühlt sich mit einander verwandt, es

besteht ein gegenseitiges Interesse, eine Art Symmachie. Der Mensch

denkt vornehm von sich, wenn er sich solche Götter giebt, und stellt

sich in ein Verhältniss, wie das des niedrigeren Adels zum höheren

ist; während die italischen Völker eine rechte Bauern-Religion haben,

mit fortwährender Aengstlichkeit gegen böse und launische Machtinhaber

und Quälgeister. Wo die olympischen Götter zurücktraten, da war auch

das griechische Leben düsterer und ängstlicher. - Das Christenthum

dagegen zerdrückte und zerbrach den Menschen vollständig und versenkte

ihn wie in tiefen Schlamm: in das Gefühl völliger Verworfenheit

liess es dann mit Einem Male den Glanz eines göttlichen Erbarmens

hineinleuchten, so dass der Ueberraschte, durch Gnade Betäubte, einen

Schrei des Entzückens ausstiess und für einen Augenblick den ganzen

Himmel in sich zu tragen glaubte. Auf diesen krankhaften Excess des

Gefühls, auf die dazu nöthige tiefe Kopf- und Herz-Corruption wirken

alle psychologischen Erfindungen des Christenthums hin: es will

vernichten, zerbrechen, betäuben, berauschen, es will nur Eins nicht:

das Maass, und desshalb ist es im tiefsten Verstande barbarisch,

asiatisch, unvornehm, ungriechisch.

115.

Mit Vortheil religiös sein. - Es giebt nüchterne und gewerbstüchtige

Leute, denen die Religion wie ein Saum höheren Menschenthums

angestickt ist: diese thun sehr wohl, religiös zu bleiben, es

verschönert sie. - Alle Menschen, welche sich nicht auf irgend ein

Waffenhandwerk verstehen - Mund und Feder als Waffen eingerechnet -

werden servil: für solche ist die christliche Religion sehr nützlich,

denn die Servilität nimmt darin den Anschein einer christlichen Tugend

an und wird erstaunlich verschönert. - Leute, welchen ihr tägliches

Leben zu leer und eintönig vorkommt, werden leicht religiös: diess ist

begreiflich und verzeihlich, nur haben sie kein Recht, Religiosität

von Denen zu fordern, denen das tägliche Leben nicht leer und eintönig

verfliesst.

116.

Der Alltags-Christ. - Wenn das Christenthum mit seinen Sätzen vom

rächenden Gotte, der allgemeinen Sündhaftigkeit, der Gnadenwahl und

der Gefahr einer ewigen Verdammniss, Recht hätte, so wäre es ein

Zeichen von Schwachsinn und Charakterlosigkeit, nicht Priester,

Apostel oder Einsiedler zu werden und mit Furcht und Zittern einzig am

eigenen Heile zu arbeiten; es wäre unsinnig, den ewigen Vortheil gegen

die zeitliche Bequemlichkeit so aus dem Auge zu lassen. Vorausgesetzt,

dass überhaupt geglaubt wird, so ist der Alltags-Christ eine

erbärmliche Figur, ein Mensch, der wirklich nicht bis drei

zählen kann, und der übrigens, gerade wegen seiner geistigen

Unzurechnungsfähigkeit, es nicht verdiente, so hart bestraft zu

werden, als das Christenthum ihm verheisst.

117.

Von der Klugheit des Christenthums. - Es ist ein Kunstgriff des

Christenthums, die völlige Unwürdigkeit, Sündhaftigkeit und

Verächtlichkeit des Menschen überhaupt so laut zu lehren, dass die

Verachtung der Mitmenschen dabei nicht mehr möglich ist. "Er mag

sündigen, wie er wolle, er unterscheidet sich doch nicht wesentlich

von mir: ich bin es, der in jedem Grade unwürdig und verächtlich

ist," so sagt sich der Christ. Aber auch dieses Gefühl hat seinen

spitzigsten Stachel verloren, weil der Christ nicht an seine

individuelle Verächtlichkeit glaubt: er ist böse als Mensch überhaupt

und beruhigt sich ein Wenig bei dem Satze: Wir Alle sind Einer Art.

118.

Personenwechsel. - Sobald eine Religion herrscht, hat sie alle Die zu

ihren Gegnern, welche ihre ersten jünger gewesen wären.

119.

Schicksal des Christenthums. - Das Christenthum entstand, um das Herz

zu erleichtern; aber jetzt müsste es das Herz erst beschweren, um es

nachher erleichtern zu können. Folglich wird es zu Grunde gehen.

120.

Der Beweis der Lust. - Die angenehme Meinung wird als wahr angenommen:

diess ist der Beweis der Lust (oder, wie die Kirche sagt, der Beweis

der Kraft), auf welchen alle Religionen so stolz sind, während sie

sich dessen doch schämen sollten. Wenn der Glaube nicht selig machte,

so würde er nicht geglaubt werden: wie wenig wird er also werth sein!

121.

Gefährliches Spiel. - Wer jetzt der religiösen Empfindung wieder in

sich Raum giebt, der muss sie dann auch wachsen lassen, er kann nicht

anders. Da verändert sich allmählich sein Wesen, es bevorzugt das dem

religiösen Element Anhängende, Benachbarte, der ganze Umkreis des

Urtheilens und Empfindens wird umwölkt, mit religiösen Schatten

überflogen. Die Empfindung kann nicht still stehen; man nehme sich

also in Acht.

122.

Die blinden Schüler. - So lange Einer sehr gut die Stärke und,

Schwäche seiner Lehre, seiner Kunstart, seiner Religion kennt, ist

deren Kraft noch gering. Der Schüler und Apostel, welcher für die

Schwäche der Lehre, der Religion und so weiter, kein Auge hat,

geblendet durch das Ansehen des Meisters und durch seine Pietät gegen

ihn, hat desshalb gewöhnlich mehr Macht, als der Meister. Ohne die

blinden Schüler ist noch nie der Einfluss eines Mannes und seines

Werkes gross geworden. Einer Erkenntniss zum Siege verhelfen heisst

oft nur: sie so mit der Dummheit verschwistern, dass das Schwergewicht

der letzteren auch den Sieg für die erstere erzwingt.

123.

Abbruch der Kirchen. - Es ist nicht genug an Religion in der Welt, um

die Religionen auch nur zu vernichten.

124.

Menschliches, Allzumenschliches: Ein Buch Fuer Freie Geister · 第 7 / 24 段