Die Lust in der Sitte. - Eine wichtige Gattung der Lust und damit

der Quelle der Moralität entsteht aus der Gewohnheit. Man thut das

Gewohnte leichter, besser, also lieber, man empfindet dabei eine Lust,

und weiss aus der Erfahrung, dass das Gewohnte sich bewährt hat, also

nützlich ist; eine Sitte, mit der sich leben lässt, ist als heilsam,

förderlich bewiesen, im Gegensatz zu allen neuen, noch nicht bewährten

Versuchen. Die Sitte ist demnach die Vereinigung des Angenehmen und

des Nützlichen, überdiess macht sie kein Nachdenken nöthig. Sobald

der Mensch Zwang ausüben kann, übt er ihn aus, um seine Sitten

durchzusetzen und einzuführen, denn für ihn sind sie die bewährte

Lebensweisheit. Ebenso zwingt eine Gemeinschaft von Individuen jedes

einzelne zur selben Sitte. Hier ist der Fehlschluss: weil man sich mit

einer Sitte wohl fühlt oder wenigstens weil man vermittelst derselben

seine Existenz durchsetzt, so ist diese Sitte nothwendig, denn sie

gilt als die einzige Möglichkeit, unter der man sich wohl fühlen kann;

das Wohlgefühl des Lebens scheint allein aus ihr hervorzuwachsen.

Diese Auffassung des Gewohnten als einer Bedingung des Daseins wird

bis auf die kleinsten Einzelheiten der Sitte durchgeführt: da die

Einsicht in die wirkliche Causalität bei den niedrig stehenden Völkern

und Culturen sehr gering ist, so sieht man mit abergläubischer Furcht

darauf, dass Alles seinen gleichen Gang gehe; selbst wo die Sitte

schwer, hart, lästig ist, wird sie ihrer scheinbar höchsten

Nützlichkeit wegen bewahrt. Man weiss nicht, dass der selbe Grad von

Wohlbefinden auch bei anderen Sitten bestehen kann und dass selbst

höhere Grade sich erreichen lassen. Wohl aber nimmt man wahr, dass

alle Sitten, auch die härtesten, mit der Zeit angenehmer und milder

werden, und dass auch die strengste Lebensweise zur Gewohnheit und

damit zur Lust werden kann.

98.

Lust und socialer Instinct. - Aus seinen Beziehungen zu andern

Menschen gewinnt der Mensch eine neue Gattung von Lust zu jenen

Lustempfindungen hinzu, welche er aus sich selber nimmt; wodurch er

das Reich der Lustempfindung überhaupt bedeutend umfänglicher macht.

Vielleicht hat er mancherlei, das hierher gehört, schon von den

Thieren her überkommen, welche ersichtlich Lust empfinden, wenn sie

mit einander spielen, namentlich die Mütter mit den jungen. Sodann

gedenke man der geschlechtlichen Beziehungen, welche jedem Männchen

ungefähr jedes Weibchen interessant in Ansehung der Lust erscheinen

lassen, und umgekehrt. Die Lustempfindung auf Grund menschlicher

Beziehungen macht im Allgemeinen den Menschen besser; die gemeinsame

Freude, die Lust mitsammen genossen, erhöht dieselbe, sie giebt dem

Einzelnen Sicherheit, macht ihn gutmüthiger, löst das Misstrauen, den

Neid: denn man fühlt sich selber wohl und sieht den Andern in gleicher

Weise sich wohl fühlen. Die gleichartigen Aeusserungen der Lust

erwecken die Phantasie der Mitempfindung, das Gefühl etwas Gleiches zu

sein: das Selbe thun auch die gemeinsamen Leiden, die selben Unwetter,

Gefahren, Feinde. Darauf baut sich dann wohl das älteste Bündniss auf:

dessen Sinn die gemeinsame Beseitigung und Abwehr einer drohenden

Unlust zum Nutzen jedes Einzelnen ist. Und so wächst der sociale

Instinct aus der Lust heraus.

99.

Das Unschuldige an den sogenannten bösen Handlungen. - Alle "bösen"

Handlungen sind motivirt durch den Trieb der Erhaltung oder, noch

genauer, durch die Absicht auf Lust und Vermeidung der Unlust des

Individuums; als solchermaassen motivirt, aber nicht böse. "Schmerz

bereiten an sich" existirt nicht, ausser im Gehirn der Philosophen,

ebensowenig "Lust bereiten an sich" (Mitleid im Schopenhauerischen

Sinne). In dem Zustand vor dem Staate tödten wir das Wesen, sei es

Affe oder Mensch, welches uns eine Frucht des Baumes vorwegnehmen

will, wenn wir gerade Hunger haben und auf den Baum zulaufen: wie wir

es noch jetzt bei Wanderungen in unwirthlichen Gegenden mit dem Thiere

thun würden. - Die bösen Handlungen, welche uns jetzt am meisten

empören, beruhen auf dem Irrthume, dass der Andere, welcher sie uns

zufügt, freien Willen habe, also dass es in seinem Belieben gelegen

habe, uns diess Schlimme nicht anzuthun. Dieser Glaube an das Belieben

erregt den Hass, die Rachlust, die Tücke, die ganze Verschlechterung

der Phantasie, während wir einem Thiere viel weniger zürnen, weil

wir diess als unverantwortlich betrachten. Leid thun nicht aus

Erhaltungstrieb, sondern zur Vergeltung - ist Folge eines falschen

Urtheils und desshalb ebenfalls unschuldig. Der Einzelne kann im

Zustande, welcher vor dem Staate liegt, zur Abschreckung andere

Wesen hart und grausam behandeln: um seine Existenz durch solche

abschreckende Proben seiner Macht sicher zu stellen. So handelt der

Gewaltthätige, Mächtige, der ursprüngliche Staatengründer, welcher

sich die Schwächeren unterwirft. Er hat dazu das Recht, wie es jetzt

noch der Staat sich nimmt; oder vielmehr: es giebt kein Recht, welches

diess hindern kann. Es kann erst dann der Boden für alle Moralität

zurecht gemacht werden, wenn ein grösseres Individuum oder ein

Collectiv-Individuum, zum Beispiel die Gesellschaft, der Staat, die

Einzelnen unterwirft, also aus ihrer Vereinzelung herauszieht und in

einen Verband einordnet. Der Moralität geht der Zwang voraus, ja sie

selber ist noch eine Zeit lang Zwang, dem man sich, zur Vermeidung

der Unlust, fügt. Später wird sie Sitte, noch später freier Gehorsam,

endlich beinahe Instinct: dann ist sie wie alles lang Gewöhnte und

Natürliche mit Lust verknüpft - und heisst nun Tugend.

100.

Scham.- Die Scham existirt überall, wo es ein "Mysterium" giebt; diess

aber ist ein religiöser Begriff, welcher in der älteren Zeit der

menschlichen Cultur einen grossen Umfang hatte. Ueberall gab es

umgränzte Gebiete, zu welchen das göttliche Recht den Zutritt

versagte, ausser unter bestimmten Bedingungen: zu allererst ganz

räumlich, insofern gewisse Stätten vom Fusse der Uneingeweihten

nicht zu betreten waren und in deren Nähe Diese Schauder und Angst

empfanden. Diess Gefühl wurde vielfach auf andere Verhältnisse

übertragen, zum Beispiel auf die geschlechtlichen Verhältnisse, welche

als ein Vorrecht und Adyton des reiferen Alters den Blicken der

Jugend, zu deren Vortheil, entzogen werden sollten: Verhältnisse, zu

deren Schutz und Heilighaltung viele Götter thätig und im ehelichen

Gemache als Wächter aufgestellt gedacht wurden. (Im Türkischen heisst

desshalb diess Gemach Harem "Heiligthum", wird also mit demselben

Worte bezeichnet, welches für die Vorhöfe der Moscheen üblich ist.) So

ist das Königthum als ein Centrum, von wo Macht und Glanz ausstrahlt,

dem Unterworfenen ein Mysterium voller Heimlichkeit und Scham: wovon

viele Nachwirkungen noch jetzt, unter Völkern, die sonst keineswegs

zu den verschämten gehören, zu fühlen sind. Ebenso ist die ganze Welt

innerer Zustände, die sogenannte "Seele", auch jetzt noch für alle

Nicht-Philosophen ein Mysterium, nachdem diese, endlose Zeit hindurch,

als göttlichen Ursprungs, als göttlichen Verkehrs würdig geglaubt

wurde: sie ist demnach ein Adyton und erweckt Scham.

101.

Richtet nicht. - Man muss sich hüten, bei der Betrachtung früherer

Perioden nicht in ein ungerechtes Schimpfen zu gerathen. Die

Ungerechtigkeit in der Sclaverei, die Grausamkeit in der Unterwerfung

von Personen und Völkern ist nicht mit unserem Maasse zu messen. Denn

damals war der Instinct der Gerechtigkeit noch nicht so weit gebildet.

Wer darf dem Genfer Calvin die Verbrennung des Arztes Servet

vorwerfen? Es war eine consequente aus seinen Ueberzeugungen

fliessende Handlung, und ebenso hatte die Inquisition ein gutes

Recht; nur waren die herrschenden Ansichten falsch und ergaben eine

Consequenz, welche uns hart erscheint, weil uns jene Ansichten

fremd geworden sind. Was ist übrigens Verbrennen eines Einzelnen im

Vergleich mit ewigen Höllenstrafen für fast Alle! Und doch beherrschte

diese Vorstellung damals alle Welt, ohne mit ihrer viel grösseren

Schrecklichkeit der Vorstellung von einem Gotte wesentlich Schaden

zu thun. Auch bei uns werden politische Sectirer hart und grausam

behandelt, aber weil man an die Nothwendigkeit des Staates zu glauben

gelernt hat, so empfindet man hier die Grausamkeit nicht so sehr wie

dort, wo wir die Anschauungen verwerfen. Die Grausamkeit gegen Thiere

bei Kindern und Italiänern geht auf Unverständniss zurück; das Thier

ist namentlich durch die Interessen der kirchlichen Lehre zu weit

hinter den Menschen zurückgesetzt worden. - Auch mildert sich vieles

Schreckliche und Unmenschliche in der Geschichte, an welches man kaum

glauben möchte, durch die Betrachtung, dass der Befehlende und der

Ausführende andere Personen sind: ersterer hat den Anblick nicht und

daher nicht den starken Phantasie-Eindruck, letzterer gehorcht einem

Vorgesetzten und fühlt sich unverantwortlich. Die meisten Fürsten

und Militärchefs erscheinen, aus Mangel an Phantasie, leicht grausam

und hart, ohne es zu sein. - Der Egoismus ist nicht böse, weil die

Vorstellung vom "Nächsten" -das Wort ist christlichen Ursprungs

und entspricht der Wahrheit nicht - in uns sehr schwach ist; und

wir uns gegen ihn beinahe wie gegen Pflanze und Stein frei und

unverantwortlich fühlen. Dass der Andere leidet, ist zu lernen: und

völlig kann es nie gelernt werden.

102.

"Der Mensch handelt immer gut." - Wir klagen die Natur nicht als

unmoralisch an, wenn sie uns ein Donnerwetter schickt und uns nass

macht: warum nennen wir den schädigenden Menschen unmoralisch?

Weil wir hier einen willkürlich waltenden, freien Willen, dort

Nothwendigkeit annehmen. Aber diese Unterscheidung ist ein Irrthum.

Sodann: selbst das absichtliche Schädigen nennen wir nicht unter allen

Umständen unmoralisch; man tödtet z.B. eine Mücke unbedenklich mit

Absicht, blos weil uns ihr Singen missfällt, man straft den Verbrecher

absichtlich und thut ihm Leid an, um uns und die Gesellschaft zu

schützen. Im ersten Falle ist es das Individuum, welches, um sich zu

erhalten oder selbst um sich keine Unlust zu machen, absichtlich Leid

thut; im zweiten der Staat. Alle Moral lässt absichtliches Schadenthun

gelten bei Nothwehr: das heisst wenn es sich um die Selbsterhaltung

handelt! Aber diese beiden Gesichtspuncte genügen, um alle bösen

Handlungen gegen Menschen, von Menschen ausgeübt, zu erklären: man

will für sich Lust oder will Unlust abwehren; in irgend einem Sinne

handelt es sich immer um Selbsterhaltung. Sokrates und Plato haben

Recht: was auch der Mensch thue, er thut immer das Gute, das heisst:

Das, was ihm gut (nützlich) scheint, je nach dem Grade seines

Intellectes, dem jedesmaligen Maasse seiner Vernünftigkeit.

103.

Das Harmlose an der Bosheit. - Die Bosheit hat nicht das Leid des

Andern an sich zum Ziele, sondern unsern eigenen Genuss, zum Beispiel

als Rachegefühl oder als stärkere Nervenaufregung. Schon jede Neckerei

zeigt, wie es Vergnügen macht, am Andern unsere Macht auszulassen und

es zum lustvollen Gefühle des Uebergewichts zu bringen. Ist nun das

Unmoralische daran, Lust auf Grund der Unlust Anderer zu haben? Ist

Schadenfreude teuflisch, wie Schopenhauer sagt? Nun machen wir uns

in der Natur Lust durch Zerbrechen von Zweigen, Ablösen von Steinen,

Kampf mit wilden Thieren und zwar, um unserer Kraft dabei bewusst zu

werden. Das Wissen darum, dass ein Anderer durch uns leidet, soll hier

die selbe Sache, in Bezug auf welche wir uns sonst unverantwortlich

fühlen, unmoralisch machen? Aber wüsste man diess nicht, so hätte man

die Lust an seiner eigenen Ueberlegenheit auch nicht dabei, diese kann

eben sich nur im Leide des Anderen zuerkennen geben, zum Beispiel bei

der Neckerei. Alle Lust an sich selber ist weder gut noch böse; woher

sollte die Bestimmung kommen, dass man, um Lust an sich selber zu

haben, keine Unlust Anderer erregen dürfe? Allein vom Gesichtspuncte

des Nutzens her, das heisst aus Rücksicht auf die Folgen, auf

eventuelle Unlust, wenn der Geschädigte oder der stellvertretende

Staat Ahndung und Rache erwarten lässt: nur Diess kann ursprünglich

den Grund abgegeben haben, solche Handlungen sich zu versagen. -

Das Mitleid hat ebensowenig die Lust des Andern zum Ziele, als, wie

gesagt, die Bosheit den Schmerz des Andern an sich. Denn es birgt

mindestens zwei (vielleicht mehr) Elemente einer persönlichen Lust in

sich und ist dergestalt Selbstgenuss: einmal als Lust der Emotion,

welcher Art Mitleid in der Tragödie ist, und dann, wenn es zur That

treibt, als Lust der Befriedigung in der Ausübung der Macht. Steht uns

überdiess eine leidende Person sehr nahe, so nehmen durch Ausübung

mitleidvoller Handlungen uns selbst ein Leid ab. - Abgesehen von

einigen Philosophen, so haben die Menschen das Mitleid, in der

Rangfolge moralischer Empfindungen immer ziemlich tief gestellt: mit

Recht.

104.

Nothwehr.- Wenn man überhaupt die Nothwehr als moralisch gelten lässt,

so muss man fast alle Aeusserungen des sogenannten unmoralischen

Egoismus' auch gelten lassen: man thut Leid an, raubt oder tödtet, um

sich zu erhalten oder um sich zu schützen, dem persönlichen Unheil

vorzubeugen; man lügt, wo List und Verstellung das richtige Mittel der

Selbsterhaltung sind. Absichtlich schädigen, wenn es sich um unsere

Existenz oder Sicherheit (Erhaltung unseres Wohlbefindens) handelt,

wird als moralisch concedirt; der Staat schädigt selber unter diesem

Gesichtspunct, wenn er Strafen verhängt. Im unabsichtlichen Schädigen

kann natürlich das Unmoralische nicht liegen, da regiert der Zufall.

Giebt es denn eine Art des absichtlichen Schädigens, wo es sich nicht

um unsere Existenz, um die Erhaltung unseres Wohlbefindens handelt?

Giebt es ein Schädigen aus reiner Bosheit, zum Beispiel bei der

Grausamkeit? Wenn man nicht weiss, wie weh eine Handlung thut, so ist

sie keine Handlung der Bosheit; so ist das Kind gegen das Thier nicht

boshaft, nicht böse: es untersucht und zerstört dasselbe wie sein

Spielzeug. Weiss man aber je völlig, wie weh eine Handlung einem

Andern thut? So weit unser Nervensystem reicht, hüten wir uns vor

Schmerz: reichte es weiter, nämlich bis in die Mitmenschen hinein, so

würden wir Niemandem ein Leides thun (ausser in solchen Fällen, wo

wir es uns selbst thun, also wo wir uns der Heilung halber schneiden,

der Gesundheit halber uns mühen und anstrengen). Wir schliessen aus

Analogie, dass Etwas jemandem weh thut, und durch die Erinnerung

und die Stärke der Phantasie kann es uns dabei selber übel werden.

Aber welcher Unterschied bleibt immer zwischen dem Zahnschmerz und

dem Schmerze (Mitleiden), welchen der Anblick des Zahnschmerzes

hervorruft? Also: bei dem Schädigen aus sogenannter Bosheit ist der

Grad des erzeugten Schmerzes uns jedenfalls unbekannt; insofern aber

eine Lust bei der Handlung ist (Gefühl der eignen Macht, der eignen

starken Erregung), geschieht die Handlung, um das Wohlbefinden

des Individuums zu erhalten und fällt somit unter einen ähnlichen

Gesichtspunct wie die Nothwehr, die Nothlüge. Ohne Lust kein Leben;

der Kampf um die Lust ist der Kampf um das Leben. Ob der Einzelne

diesen Kampf so kämpft, dass die Menschen ihn gut, oder so, dass sie

ihn böse nennen, darüber entscheidet das Maass und die Beschaffenheit

seines Intellects.

105.

Die belohnende Gerechtigkeit. - Wer vollständig die Lehre von der

völligen Unverantwortlichkeit begriffen hat, der kann die sogenannte

strafende und belohnende Gerechtigkeit gar nicht mehr unter den

Begriff der Gerechtigkeit unterbringen: falls diese darin besteht,

dass man jedem das Seine giebt. Denn Der, welcher gestraft wird,

verdient die Strafe nicht: er wird nur als Mittel benutzt, um

fürderhin von gewissen Handlungen abzuschrecken; ebenso verdient Der,

welchen man belohnt, diesen Lohn nicht: er konnte ja nicht anders

handeln, als er gehandelt hat. Also hat der Lohn nur den Sinn einer

Aufmunterung für ihn und Andere, um also zu späteren Handlungen ein

Motiv abzugeben; das Lob wird dem Laufenden in der Rennbahn zugerufen,

nicht Dem, welcher am Ziele ist. Weder Strafe noch Lohn sind

Etwas, das Einem als das Seine zukommt; sie werden ihm aus

Nützlichkeitsgründen gegeben, ohne dass er mit Gerechtigkeit Anspruch

auf sie zu erheben hätte. Man muss ebenso sagen "der Weise belohnt

nicht, weil gut gehandelt worden ist", als man gesagt hat "der Weise

straft nicht, weil schlecht gehandelt worden ist, sondern damit nicht

schlecht gehandelt werde". Wenn Strafe und Lohn fortfielen, so fielen

die kräftigsten Motive, welche von gewissen Handlungen weg, zu

gewissen Handlungen hin treiben, fort; der Nutzen der Menschen

erheischt ihre Fortdauer; und insofern Strafe und Lohn, Tadel und Lob

am empfindlichsten auf die Eitelkeit wirken, so erheischt der selbe

Nutzen auch die Fortdauer der Eitelkeit.

106.

Am Wasserfall. - Beim Anblick eines Wasserfalles meinen wir in den

zahllosen Biegungen, Schlängelungen, Brechungen der Wellen Freiheit

des Willens und Belieben zu sehen; aber Alles ist nothwendig,

jede Bewegung mathematisch auszurechnen. So ist es auch bei den

menschlichen Handlungen; man müsste jede einzelne Handlung vorher

ausrechnen können, wenn man allwissend wäre, ebenso jeden Fortschritt

der Erkenntniss, jeden Irrthum, jede Bosheit. Der Handelnde selbst

steckt freilich in der Illusion der Willkür; wenn in einem Augenblick

das Rad der Welt still stände und ein allwissender, rechnender

Verstand da wäre, um diese Pausen zu benützen, so könnte er bis in die

fernsten Zeiten die Zukunft jedes Wesens weitererzählen und jede Spur

bezeichnen, auf der jenes Rad noch rollen wird. Die Täuschung des

Handelnden über sich, die Annahme des freien Willens, gehört mit

hinein in diesen auszurechnenden Mechanismus.

107.

Unverantwortlichkeit und Unschuld. - Die völlige Unverantwortlichkeit

des Menschen für sein Handeln und sein Wesen ist der bitterste

Tropfen, welchen der Erkennende schlucken muss, wenn er gewohnt war,

in der Verantwortlichkeit und der Pflicht den Adelsbrief seines

Menschenthums zu sehen. Alle seine Schätzungen, Auszeichnungen,

Abneigungen sind dadurch entwerthet und falsch geworden: sein tiefstes

Gefühl, das er dem Dulder, dem Helden entgegenbrachte, hat einem

Irrthume gegolten; er darf nicht mehr loben, nicht tadeln, denn es ist

ungereimt, die Natur und die Nothwendigkeit zu loben und zu tadeln. So

wie er das gute Kunstwerk liebt, aber nicht lobt, weil es Nichts für

sich selber kann, wie er vor der Pflanze steht, so muss er vor den

Handlungen der Menschen, vor seinen eignen stehen. Er kann Kraft,

Schönheit, Fülle an ihnen bewundern, aber darf keine Verdienste darin

finden: der chemische Process und der Streit der Elemente, die Qual

des Kranken, der nach Genesung lechzt, sind ebensowenig Verdienste,

als jene Seelenkämpfe und Nothzustände, bei denen man durch

verschiedene Motive hin- und hergerissen wird, bis man sich endlich

für das mächtigste entscheidet - wie man sagt (in Wahrheit aber, bis

das mächtigste Motiv über uns entscheidet). Alle diese Motive aber, so

hohe Namen wir ihnen geben, sind aus den selben Wurzeln gewachsen, in

denen wir die bösen Gifte wohnend glauben; zwischen guten und bösen

Handlungen giebt es keinen Unterschied der Gattung, sondern höchstens

des Grades. Gute Handlungen sind sublimirte böse; böse Handlungen sind

vergröberte, verdummte gute. Das einzige Verlangen des Individuums

nach Selbstgenuss (sammt der Furcht, desselben verlustig zu gehen)

befriedigt sich unter allen Umständen, der Mensch mag handeln, wie er

kann, das heisst wie er muss: sei es in Thaten der Eitelkeit, Rache,

Lust, Nützlichkeit, Bosheit, List, sei es in Thaten der Aufopferung,

des Mitleids, der Erkenntniss. Die Grade der Urtheilsfähigkeit

entscheiden, wohin Jemand sich durch diess Verlangen hinziehen lässt;

fortwährend ist jeder Gesellschaft, jedem Einzelnen eine Rangordnung

der Güter gegenwärtig, wonach er seine Handlungen bestimmt und die der

Anderen beurtheilt. Aber dieser Maassstab wandelt sich fortwährend,

viele Handlungen werden böse genannt und sind nur dumm, weil der Grad

der Intelligenz, welcher sich für sie entschied, sehr niedrig war. Ja,

in einem bestimmten Sinne sind auch jetzt noch alle Handlungen dumm,

denn der höchste Grad von menschlicher Intelligenz, der jetzt erreicht

werden kann, wird sicherlich noch überboten werden: und dann wird,

bei einem Rückblick, all unser Handeln und Urtheilen so beschränkt

und übereilt erscheinen, wie uns jetzt das Handeln und Urtheilen

zurückgebliebener wilder Völkerschaften beschränkt und übereilt

vorkommt. - Diess Alles einzusehen, kann tiefe Schmerzen machen, aber

darnach giebt es einen Trost: solche Schmerzen sind Geburtswehen.

Der Schmetterling will seine Hülle durchbrechen, er zerrt an ihr, er

zerreisst sie: da blendet und verwirrt ihn das unbekannte Licht, das

Reich der Freiheit. In solchen Menschen, welche jener Traurigkeit

fähig sind - wie wenige werden es sein! - wird der erste Versuch

gemacht, ob die Menschheit aus einer moralischen sich in eine weise

Menschheit umwandeln könne. Die Sonne eines neuen Evangeliums wirft

ihren ersten Strahl auf die höchsten Gipfel in der Seele jener

Einzelnen: da ballen sich die Nebel dichter, als je, und neben

einander lagert der hellste Schein und die trübste Dämmerung. Alles

ist Nothwendigkeit, - so sagt die neue Erkenntniss: und diese

Erkenntniss selber ist Nothwendigkeit. Alles ist Unschuld: und die

Erkenntniss ist der Weg zur Einsicht in diese Unschuld. Sind Lust,

Egoismus, Eitelkeit nothwendig zur Erzeugung der moralischen Phänomene

und ihrer höchsten Blüthe, des Sinnes für Wahrheit und Gerechtigkeit

der Erkenntniss, war der Irrthum und die Verirrung der Phantasie das

einzige Mittel, durch welches die Menschheit sich allmählich zu diesem

Grade von Selbsterleuchtung und Selbsterlösung zu erheben vermochte -

wer dürfte jene Mittel geringschätzen? Wer dürfte traurig sein, wenn

er das Ziel, zu dem jene Wege führen, gewahr wird? Alles auf dem

Gebiete der Moral ist geworden, wandelbar, schwankend, Alles ist im

Flusse, es ist wahr: - aber Alles ist auch im Strome: nach Einem Ziele

hin. Mag in uns die vererbte Gewohnheit des irrthümlichen Schätzens,

Liebens, Hassens immerhin fortwalten, aber unter dem Einfluss

der wachsenden Erkenntniss wird sie schwächer werden: eine neue

Gewohnheit, die des Begreifens, Nicht-Liebens, Nicht-Hassens,

Ueberschauens, pflanzt sich allmählich in uns auf dem selben Boden

an und wird in Tausenden von Jahren vielleicht mächtig genug sein,

um der Menschheit die Kraft zu geben, den weisen, unschuldigen

(unschuld-bewussten) Menschen ebenso regelmässig hervorzubringen, wie

sie jetzt den unweisen, unbilligen, schuldbewussten Menschen - das

heisst die nothwendige Vorstufe, nicht den Gegensatz von jenem -

hervorbringt.

Drittes Hauptstück.

Das religiöse Leben.

108.

Der doppelte Kampf gegen das Uebel. -Wenn uns ein Uebel trifft, so

kann man entweder so über dasselbe hinwegkommen, dass man seine

Ursache hebt, oder so, dass man die Wirkung, welche es auf unsere

Empfindung macht, verändert: also durch ein Umdeuten des Uebels in

ein Gut, dessen Nutzen vielleicht erst später ersichtlich sein wird.

Religion und Kunst (auch die metaphysische Philosophie) bemühen sich,

auf die Aenderung der Empfindung zu wirken, theils durch Aenderung

unseres Urtheils über die Erlebnisse (zum Beispiel mit Hülfe des

Satzes: "wen Gott lieb hat, den züchtigt er"), theils durch Erweckung

einer Lust am Schmerz, an der Emotion überhaupt (woher die Kunst des

Tragischen ihren Ausgangspunct nimmt). Je mehr Einer dazu neigt,

umzudeuten und zurechtzulegen, um so weniger wird er die Ursachen des

Uebels in's Auge fassen und beseitigen; die augenblickliche Milderung

und Narkotisirung, wie sie zum Beispiel bei Zahnschmerz gebräuchlich

ist, genügt ihm auch in ernsteren Leiden. Je mehr die Herrschaft der

Religionen und aller Kunst der Narkose abnimmt, um so strenger fassen

die Menschen die wirkliche Beseitigung der Uebel in's Auge, was

freilich schlimm für die Tragödiendichter ausfällt - denn zur Tragödie

findet sich immer weniger Stoff, weil das Reich des unerbittlichen,

unbezwinglichen Schicksals immer enger wird -, noch schlimmer aber

für die Priester: denn diese lebten bisher von der Narkotisirung

menschlicher Uebel.

109.

Menschliches, Allzumenschliches: Ein Buch Fuer Freie Geister · 第 6 / 24 段