sich in Acht nehmen, wie vor Einem, der uns einmal nach dem Leben
getrachtet hat: denn dass wir noch leben, das liegt an der Abwesenheit
der Macht zu tödten; genügten Blicke, so wäre es längst um uns
geschehen. Es ist ein Stück roher Cultur, durch Sichtbarwerdenlassen
der physischen Wildheit, durch Furchterregen Jemanden zum Schweigen zu
bringen. - Ebenso ist jener kalte Blick, welchen Vornehme gegen ihre
Bedienten haben, ein Ueberrest jener kastenmässigen Abgränzungen
zwischen Mensch und Mensch, ein Stück rohen Alterthums; die Frauen,
die Bewahrerinnen des Alten, haben auch dieses Survival treuer
bewahrt.
65.
Wohin die Ehrlichkeit führen kann. -Jemand hatte die üble
Angewohnheit, sich über die Motive, aus denen er handelte und die so
gut und so schlecht waren wie die Motive aller Menschen, gelegentlich
ganz ehrlich auszusprechen. Er erregte erst Anstoss, dann Verdacht,
wurde allmählich geradezu verfehmt und in die Acht der Gesellschaft
erklärt, bis endlich die Justiz sich eines so verworfenen Wesens
erinnerte, bei Gelegenheiten, wo sie sonst kein Auge hatte, oder
dasselbe zudrückte. Der Mangel an Schweigsamkeit über das allgemeine
Geheimniss und der unverantwortliche Hang, zu sehen, was Keiner sehen
will - sich selber - brachten ihn zu Gefängniss und frühzeitigem Tod.
66.
Sträflich, nie gestraft. - Unser Verbrechen gegen Verbrecher besteht
darin, dass wir sie wie Schufte behandeln.
67.
Sancta simplicitas der Tugend. - Jede Tugend hat Vorrechte: zum
Beispiel diess, zu dem Scheiterhaufen eines Verurtheilten ihr eigenes
Bündchen Holz zu liefern.
68.
Moralität und Erfolg. - Nicht nur die Zuschauer einer That bemessen
häufig das Moralische oder Unmoralische an derselben nach dem Erfolge:
nein, der Thäter selbst thut diess. Denn die Motive und Absichten sind
selten deutlich und einfach genug, und mitunter scheint selbst das
Gedächtniss durch den Erfolg der That getrübt, so dass man seiner That
selber falsche Motive unterschiebt oder die unwesentlichen Motive als
wesentliche behandelt. Der Erfolg giebt oft einer That den vollen
ehrlichen Glanz des guten Gewissens, ein Misserfolg legt den Schatten
von Gewissensbissen über die achtungswürdigste Handlung. Daraus
ergiebt sich die bekannte Praxis des Politikers, welcher denkt: "gebt
mir nur den Erfolg: mit ihm habe ich auch alle ehrlichen Seelen auf
meine Seite gebracht - und mich vor mir selber ehrlich gemacht." - Auf
ähnliche Weise soll der Erfolg die bessere Begründung ersetzen. Noch
jetzt meinen viele Gebildete, der Sieg des Christenthums über die
griechische Philosophie sei ein Beweis für die grössere Wahrheit des
ersteren, - obwohl in diesem Falle nur das Gröbere und Gewaltsamere
über das Geistigere und Zarte gesiegt hat. Wie es mit der grösseren
Wahrheit steht, ist daraus zu ersehen, dass die erwachenden
Wissenschaften Punct um Punct an Epikur's Philosophie angeknüpft, das
Christenthum aber Punct um Punct zurückgewiesen haben.
69.
Liebe und Gerechtigkeit. - Warum überschätzt man die Liebe zu
Ungunsten der Gerechtigkeit und sagt die schönsten Dinge von ihr,
als ob sie ein viel höheres Wesen als jene sei? Ist sie denn nicht
ersichtlich dümmer als jene? - Gewiss, aber gerade desshalb um so viel
angenehmer für Alle. Sie ist dumm und besitzt ein reiches Füllhorn;
aus ihm theilt sie ihre Gaben aus, an jedermann, auch wenn er sie
nicht verdient, ja ihr nicht einmal dafür dankt. Sie ist unparteiisch
wie der Regen, welcher, nach der Bibel und der Erfahrung, nicht nur
den Ungerechten, sondern unter Umständen auch den Gerechten bis auf
die Haut nass macht.
70.
Hinrichtung. - Wie kommt es, dass jede Hinrichtung uns mehr
beleidigt, als ein Mord? Es ist die Kälte der Richter, die peinliche
Vorbereitung, die Einsicht, dass hier ein Mensch als Mittel benutzt
wird, um andere abzuschrecken. Denn die Schuld wird nicht bestraft,
selbst wenn es eine gäbe: diese liegt in Erziehern, Eltern,
Umgebungen, in uns, nicht im Mörder, - ich meine die veranlassenden
Umstände.
71.
Die Hoffnung. - Pandora brachte das Fass mit den Uebeln und öffnete
es. Es war das Geschenk der Götter an die Menschen, von Aussen ein
schönes verführerisches Geschenk und "Glücksfass" zubenannt. Da flogen
all die Uebel, lebendige beschwingte Wesen heraus: von da an schweifen
sie nun herum und thun den Menschen Schaden bei Tag und Nacht. Ein
einziges Uebel war noch nicht aus dem Fass herausgeschlüpft: da schlug
Pandora nach Zeus' Willen den Deckel zu und so blieb es darin. Für
immer hat der Mensch nun das Glücksfass im Hause und meint Wunder was
für einen Schatz er in ihm habe; es steht ihm zu Diensten, er greift
darnach: wenn es ihn gelüstet; denn er weiss nicht, dass jenes
Fass, welches Pandora brachte, das Fass der Uebel war, und hält
das zurückgebliebene Uebel für das grösste Glücksgut, - es ist die
Hoffnung. - Zeus wollte nämlich, dass der Mensch, auch noch so sehr
durch die anderen Uebel gequält, doch das Leben nicht wegwerfe,
sondern fortfahre, sich immer von Neuem quälen zu lassen. Dazu giebt
er dem Menschen die Hoffnung: sie ist in Wahrheit das übelste der
Uebel, weil sie die Qual der Menschen verlängert.
72.
Grad der moralischen Erhitzbarkeit unbekannt. - Daran, dass man
gewisse erschütternde Anblicke und Eindrücke gehabt oder nicht
gehabt hat, zum Beispiel eines unrecht gerichteten, getödteten oder
gemarterten Vaters, einer untreuen Frau, eines grausamen feindlichen
Ueberfalls, hängt es ab, ob unsere Leidenschaften zur Glühhitze kommen
und das ganze Leben lenken oder nicht. Keiner weiss, wozu ihn die
Umstände, das Mitleid, die Entrüstung treiben können, er kennt den
Grad seiner Erhitzbarkeit nicht. Erbärmliche kleine Verhältnisse
machen erbärmlich; es ist gewöhnlich nicht die Qualität der
Erlebnisse, sondern ihre Quantität, von welcher der niedere und höhere
Mensch abhängt, im Guten und Bösen.
73.
Der Märtyrer wider Willen. - In einer Partei gab es einen Menschen,
der zu ängstlich und feige war, um je seinen Kameraden zu
widersprechen: man brauchte ihn zu jedem Dienst, man erlangte von ihm
Alles, weil er sich vor der schlechten Meinung bei seinen Gesellen
mehr als vor dem Tode fürchtete; es war eine erbärmliche schwache
Seele. Sie erkannten diess und machten auf Grund der erwähnten
Eigenschaften aus ihm einen Heros und zuletzt gar einen Märtyrer.
Obwohl der feige Mensch innerlich immer Nein sagte, sprach er mit
den Lippen immer ja, selbst noch auf dem Schaffot, als er für die
Ansichten seiner Partei starb: neben ihm nämlich stand einer seiner
alten Genossen, der ihn durch Wort und Blick so tyrannisirte, dass er
wirklich auf die anständigste Weise den Tod erlitt und seitdem als
Märtyrer und grosser Charakter gefeiert wird.
74.
Alltags-Maassstab. - Man wird selten irren, wenn man extreme
Handlungen auf Eitelkeit, mittelmässige auf Gewöhnung und kleinliche
auf Furcht zurückführt.
75.
Missverständniss über die Tugend. - Wer die Untugend in Verbindung
mit der Lust kennen gelernt hat, wie Der, welcher eine genusssüchtige
Jugend hinter sich hat, bildet sich ein, dass die Tugend mit der
Unlust verbunden sein müsse. Wer dagegen von seinen Leidenschaften und
Lastern sehr geplagt worden ist, ersehnt in der Tugend die Ruhe und
das Glück der Seele. Daher ist es möglich, dass zwei Tugendhafte
einander gar nicht verstehen.
76.
Der Asket. - Der Asket macht aus der Tugend eine Noth.
77.
Die Ehre von der Person auf die Sache übertragen. - Man ehrt allgemein
die Handlungen der Liebe und Aufopferung zu Gunsten des Nächsten, wo
sie sich auch immer zeigen. Dadurch vermehrt man die Schätzung der
Dinge, welche in jener Art geliebt werden oder für welche man sich
aufopfert: obwohl sie vielleicht an sich nicht viel werth sind. Ein
tapferes Heer überzeugt von der Sache, für welche es kämpft.
78.
Ehrgeiz ein Surrogat des moralischen Gefühls. - Das moralische Gefühl
darf in solchen Naturen nicht fehlen, welche keinen Ehrgeiz haben.
Die Ehrgeizigen behelfen sich auch ohne dasselbe, mit fast gleichem
Erfolge. - Desshalb werden Söhne aus bescheidenen, dem Ehrgeiz
abgewandten Familien, wenn sie einmal das moralische Gefühl verlieren,
gewöhnlich in schneller Steigerung zu vollkommenen Lumpen.
79.
Eitelkeit bereichert. - Wie arm wäre der menschliche Geist ohne die
Eitelkeit! So aber gleicht er einem wohlgefüllten und immer neu sich
füllenden Waarenmagazin, welches Käufer jeder Art anlockt: Alles fast
können sie finden, Alles haben, vorausgesetzt, dass sie die gültige
Münzsorte (Bewunderung) mit sich bringen.
80.
Greis und Tod.- Abgesehen von den Forderungen, welche die Religion
stellt, darf man wohl fragen: warum sollte es für einen alt gewordenen
Mann, welcher die Abnahme seiner Kräfte spürt, rühmlicher sein, seine
langsame Erschöpfung und Auflösung abzuwarten, als sich mit vollem
Bewusstsein ein Ziel zu setzen? Die Selbsttödtung ist in diesem Falle
eine ganz natürliche naheliegende Handlung, welche als ein Sieg der
Vernunft billigerweise Ehrfurcht erwecken sollte: und auch erweckt
hat, in jenen Zeiten als die Häupter der griechischen Philosophie und
die wackersten römischen Patrioten durch Selbsttödtung zu sterben
pflegten. Die Sucht dagegen, sich mit ängstlicher Berathung von
Aerzten und peinlichster Lebensart von Tag zu Tage fortzufristen, ohne
Kraft, dem eigentlichen Lebensziel noch näher zu kommen, ist viel
weniger achtbar. - Die Religionen sind reich an Ausflüchten vor der
Forderung der Selbsttödtung: dadurch schmeicheln sie sich bei Denen
ein, welche in das Leben verliebt sind.
81.
Irrthümer des Leidenden und des Thäters. - Wenn der Reiche dem
Armen ein Besitzthum nimmt (zum Beispiel ein Fürst dem Plebejer die
Geliebte), so entsteht in dem Armen ein Irrthum; er meint, jener müsse
ganz verrucht sein, um ihm das Wenige, was er habe, zu nehmen. Aber
jener empfindet den Werth eines einzelnen Besitzthums gar nicht so
tief, weil er gewöhnt ist, viele zu haben: so kann er sich nicht in
die Seele des Armen versetzen und thut lange nicht so sehr Unrecht,
als dieser glaubt. Beide haben von einander eine falsche Vorstellung.
Das Unrecht des Mächtigen, welches am meisten in der Geschichte
empört, ist lange nicht so gross, wie es scheint. Schon die angeerbte
Empfindung, ein höheres Wesen mit höheren Ansprüchen zu sein, macht
ziemlich kalt und lässt das Gewissen ruhig: wir Alle sogar empfinden,
wenn der Unterschied zwischen uns und einem andern Wesen sehr gross
ist, gar Nichts mehr von Unrecht und tödten eine Mücke zum Beispiel
ohne jeden Gewissensbiss. So ist es kein Zeichen von Schlechtigkeit
bei Xerxes (den selbst alle Griechen als hervorragend edel schildern),
wenn er dem Vater seinen Sohn nimmt und ihn zerstückeln lässt,
weil dieser ein ängstliches, ominöses Misstrauen gegen den ganzen
Heerzug geäussert hatte: der Einzelne wird in diesem Falle wie ein
unangenehmes Insect beseitigt, er steht zu niedrig, um länger quälende
Empfindungen bei einem Weltherrscher erregen zu dürfen. Ja, jeder
Grausame ist nicht in dem Maasse grausam, als es der Misshandelte
glaubt; die Vorstellung des Schmerzes ist nicht das Selbe wie das
Leiden desselben. Ebenso steht es mit dem ungerechten Richter, mit
dem Journalisten, welcher mit kleinen Unredlichkeiten die öffentliche
Meinung irre führt. Ursache und Wirkung sind in allen diesen Fällen
von ganz verschiedenen Empfindungs- und Gedankengruppen umgeben;
während man unwillkürlich voraussetzt, dass Thäter und Leidender
gleich denken und empfinden, und gemäss dieser Voraussetzung die
Schuld des Einen nach dem Schmerz des Andern misst.
82.
Haut der Seele. - Wie die Knochen, Fleischstücke, Eingeweide und
Blutgefässe mit einer Haut umschlossen sind, die den Anblick des
Menschen erträglich macht, so werden die Regungen und Leidenschaften
der Seele durch die Eitelkeit umhüllt: sie ist die Haut der Seele.
83.
Schlaf der Tugend. - Wenn die Tugend geschlafen hat, wird sie frischer
aufstehen.
84.
Feinheit der Scham. - Die Menschen schämen sich nicht, etwas
Schmutziges zu denken, aber wohl, wenn sie sich vorstellen, dass man
ihnen diese schmutzigen Gedanken zutraue.
85.
Bosheit ist selten. - Die meisten Menschen sind viel zu sehr mit sich
beschäftigt, um boshaft zu sein.
86.
Das Zünglein an der Wage. - Man lobt oder tadelt, je nachdem das Eine
oder das Andere mehr Gelegenheit giebt, unsere Urtheilskraft leuchten
zu lassen.
87.
Lucas 18,14 verbessert. - Wer sich selbst erniedrigt, will erhöhet
werden.
88.
Verhinderung des Selbstmordes. - Es giebt ein Recht, wonach wir einem
Menschen das Leben nehmen, aber keines, wonach wir ihm das Sterben
nehmen: diess ist nur Grausamkeit.
89.
Eitelkeit.- Uns liegt an der guten Meinung der Menschen, einmal weil
sie uns nützlich ist, sodann weil wir ihnen Freude machen wollen
(Kinder den Eltern, Schüler den Lehrern und wohlwollende Menschen
überhaupt allen übrigen Menschen). Nur wo jemandem die gute Meinung
der Menschen wichtig ist, abgesehen vom Vortheil oder von seinem
Wunsche, Freude zu machen, reden wir von Eitelkeit. In diesem Falle
will sich der Mensch selber eine Freude machen, aber auf Unkosten
seiner Mitmenschen, indem er diese entweder zu einer falschen Meinung
über sich verführt oder es gar auf einen Grad der "guten Meinung"
absieht, wo diese allen Anderen peinlich werden muss (durch Erregung
von Neid). Der Einzelne will gewöhnlich durch die Meinung Anderer
die Meinung, die er von sich hat, beglaubigen und vor sich selber
bekräftigen; aber die mächtige Gewöhnung an Autorität - eine
Gewöhnung, die so alt als der Mensch ist - bringt Viele auch dazu,
ihren eigenen Glauben an sich auf Autorität zu stützen, also erst aus
der Hand Anderer anzunehmen: sie trauen der Urtheilskraft Anderer
mehr, als der eigenen. - Das Interesse an sich selbst, der Wunsch,
sich zu vergnügen, erreicht bei dem Eitelen eine solche Höhe, dass
er die Anderen zu einer falschen, allzu hohen Taxation seiner selbst
verführt und dann doch sich an die Autorität der Anderen hält: also
den Irrthum herbeiführt und doch ihm Glauben schenkt. - Man muss sich
also eingestehen, dass die eitelen Menschen nicht sowohl Anderen
gefallen wollen, als sich selbst, und dass sie so weit gehen, ihren
Vortheil dabei zu vernachlässigen; denn es liegt ihnen oft daran, ihre
Mitmenschen ungünstig, feindlich, neidisch, also schädlich gegen sich
stimmen, nur um die Freude an sich selber, den Selbstgenuss, zu haben.
90.
Gränze der Menschenliebe. - Jeder, welcher sich dafür erklärt hat,
dass der Andere ein Dummkopf, ein schlechter Geselle sei, ärgert sich,
wenn Jener schliesslich zeigt, dass er es nicht ist.
91.
Moralité larmoyante. - Wie viel Vergnügen macht die Moralität! Man
denke nur, was für ein Meer angenehmer Thränen schon bei Erzählungen
edler, grossmüthiger Handlungen geflossen ist! - Dieser Reiz
des Lebens würde schwinden, wenn der Glaube an die völlige
Unverantwortlichkeit überhand nähme.
92.
Ursprung der Gerechtigkeit. - Die Gerechtigkeit (Billigkeit) nimmt
ihren Ursprung unter ungefähr gleich Mächtigen, wie diess Thukydides
(in dem furchtbaren Gespräche der athenischen und melischen Gesandten)
richtig begriffen hat; wo es keine deutlich erkennbare Uebergewalt
giebt und ein Kampf zum erfolglosen, gegenseitigen Schädigen würde, da
entsteht der Gedanke sich zu verständigen und über die beiderseitigen
Ansprüche zu verhandeln: der Charakter des Tausches ist der
anfängliche Charakter der Gerechtigkeit. Jeder stellt den Andern
zufrieden, indem jeder bekommt, was er mehr schätzt als der Andere.
Man giebt jedem, was er haben will als das nunmehr Seinige, und
empfängt dagegen das Gewünschte. Gerechtigkeit ist also Vergeltung
und Austausch unter der Voraussetzung einer ungefähr gleichen
Machtstellung: so gehört ursprünglich die Rache in den Bereich der
Gerechtigkeit, sie ist ein Austausch. Ebenso die Dankbarkeit. -
Gerechtigkeit geht natürlich auf den Gesichtspunct einer einsichtigen
Selbsterhaltung zurück, also auf den Egoismus jener Ueberlegung: "wozu
sollte ich mich nutzlos schädigen und mein Ziel vielleicht doch nicht
erreichen?" - Soviel vom Ursprung der Gerechtigkeit. Dadurch, dass die
Menschen, ihrer intellectuellen Gewohnheit gemäss, den ursprünglichen
Zweck sogenannter gerechter, billiger Handlungen vergessen haben und
namentlich weil durch Jahrtausende hindurch die Kinder angelernt
worden sind, solche Handlungen zu bewundern und nachzuahmen, ist
allmählich der Anschein entstanden, als sei eine gerechte Handlung
eine unegoistische: auf diesem Anschein aber beruht die hohe Schätzung
derselben, welche überdiess, wie alle Schätzungen, fortwährend noch im
Wachsen ist: denn etwas Hochgeschätztes wird mit Aufopferung erstrebt,
nachgeahmt, vervielfältigt und wächst dadurch, dass der Werth der
aufgewandten Mühe und Beeiferung von jedem Einzelnen noch zum Werthe
des geschätzten Dinges hinzugeschlagen wird. - Wie wenig moralisch
sähe die Welt ohne die Vergesslichkeit aus! Ein Dichter könnte sagen,
dass Gott die Vergesslichkeit als Thürhüterin an die Tempelschwelle
der Menschenwürde hingelagert habe.
93.
Vom Rechte des Schwächeren. - Wenn sich jemand unter Bedingungen einem
Mächtigeren unterwirft, zum Beispiel eine belagerte Stadt, so ist die
Gegenbedingung die, dass man sich vernichten, die Stadt verbrennen und
so dem Mächtigen eine grosse Einbusse machen kann. Desshalb entsteht
hier eine Art Gleichstellung, auf Grund welcher Rechte festgesetzt
werden können. Der Feind hat seinen Vortheil an der Erhaltung. -
Insofern giebt es auch Rechte zwischen Sclaven und Herren, das heisst
genau in dem Maasse, in welchem der Besitz des Sclaven seinem Herrn
nützlich und wichtig ist. Das Recht geht ursprünglich soweit, als
Einer dem Andern werthvoll, wesentlich, unverlierbar, unbesiegbar und
dergleichen erscheint. In dieser Hinsicht hat auch der Schwächere noch
Rechte, aber geringere. Daher das berühmte unusquisque tantum juris
habet, quantum potentia valet (oder genauer: quantum potentia valere
creditur).
94.
Die drei Phasen der bisherigen Moralität. - Es ist das erste Zeichen,
dass das Thier Mensch geworden ist, wenn sein Handeln nicht mehr
auf das augenblickliche Wohlbefinden, sondern auf das dauernde sich
bezieht, dass der Mensch also nützlich, zweckmässig wird.- da bricht
zuerst die freie Herrschaft der Vernunft heraus. Eine noch höhere
Stufe ist erreicht, wenn er nach dem Princip der Ehre handelt;
vermöge desselben ordnet er sich ein, unterwirft sich gemeinsamen
Empfindungen, und das erhebt ihn hoch über die Phase, in der nur die
persönlich verstandene Nützlichkeit ihn leitete: er achtet und will
geachtet werden, das heisst: er begreift den Nutzen als abhängig von
dem, was er über Andere, was Andere über ihn meinen. Endlich handelt
er, auf der höchsten Stufe der bisherigen Moralität nach seinem
Maassstab über die Dinge und Menschen, er selber bestimmt für sich und
Andere, was ehrenvoll, was nützlich ist; er ist zum Gesetzgeber der
Meinungen geworden, gemäss dem immer höher entwickelten Begriff
des Nützlichen und Ehrenhaften. Die Erkenntnis befähigt ihn, das
Nützlichste, das heisst den allgemeinen dauernden Nutzen dem
persönlichen, die ehrende Anerkennung von allgemeiner dauernder
Geltung der momentanen voranzustellen; er lebt und handelt als
Collectiv-Individuum.
95.
Moral des reifen Individuums. - Man hat bisher als das eigentliche
Kennzeichen der moralischen Handlung das Unpersönliche angesehen; und
es ist nachgewiesen, dass zu Anfang die Rücksicht auf den allgemeinen
Nutzen es war, derentwegen man alle unpersönlichen Handlungen lobte
und auszeichnete. Sollte nicht eine bedeutende Umwandelung dieser
Ansichten bevorstehen, jetzt wo immer besser eingesehen wird, dass
gerade in der möglichst persönlichen Rücksicht auch der Nutzen für
das Allgemeine am grössten ist: so dass gerade das streng persönliche
Handeln dem jetzigen Begriff der Moralität (als einer allgemeinen
Nützlichkeit) entspricht? Aus sich eine ganze Person machen und in
Allem, was man thut, deren höchstes Wohl in's Auge fassen - das bringt
weiter, als jene mitleidigen Regungen und Handlungen zu Gunsten
Anderer. Wir Alle leiden freilich noch immer an der allzugeringen
Beachtung des Persönlichen an uns, es ist schlecht ausgebildet, -
gestehen wir es uns ein: man hat vielmehr unsern Sinn gewaltsam von
ihm abgezogen und dem Staate, der Wissenschaft, dem Hülfebedürftigen
zum Opfer angeboten, wie als ob es das Schlechte wäre, das geopfert
werden müsste. Auch jetzt wollen wir für unsere Mitmenschen arbeiten,
aber nur so weit, als wir unsern eigenen höchsten Vortheil in dieser
Arbeit finden, nicht mehr, nicht weniger. Es kommt nur darauf an, was
man als seinen Vortheil versteht; gerade das unreife, unentwickelte,
rohe Individuum wird ihn auch am rohesten verstehen.
96.
Sitte und sittlich.- Moralisch, sittlich, ethisch sein heisst Gehorsam
gegen ein altbegründetes Gesetz oder Herkommen haben. Ob man mit Mühe
oder gern sich ihm unterwirft, ist dabei gleichgültig, genug, dass
man es thut. "Gut" nennt man Den, welcher wie von Natur, nach langer
Vererbung, also leicht und gern das Sittliche thut, je nachdem diess
ist (zum Beispiel Rache übt, wenn Rache-üben, wie bei den älteren
Griechen, zur guten Sitte gehört). Er wird gut genannt, weil er "wozu"
gut ist; da aber Wohlwollen, Mitleiden und dergleichen in dem Wechsel
der Sitten immer als "gut wozu", als nützlich empfunden wurde, so
nennt man jetzt vornehmlich den Wohlwollenden, Hülfreichen "gut". Böse
ist "nicht sittlich" (unsittlich) sein, Unsitte üben, dem Herkommen
widerstreben, wie vernünftig oder dumm dasselbe auch sei; das
Schädigen des Nächsten ist aber in allen den Sittengesetzen der
verschiedenen Zeiten vornehmlich als schädlich empfunden worden, so
dass wir jetzt namentlich bei dem Wort "böse" an die freiwillige
Schädigung des Nächsten denken. Nicht das "Egoistische" und das
"Unegoistische" ist der Grundgegensatz, welcher die Menschen zur
Unterscheidung von sittlich und unsittlich, gut und böse gebracht hat,
sondern: Gebundensein an ein Herkommen, Gesetz, und Lösung davon. Wie
das Herkommen entstanden ist, das ist dabei gleichgültig, jedenfalls
ohne Rücksicht auf gut und böse oder irgend einen immanenten
kategorischen Imperativ, sondern vor Allem zum Zweck der Erhaltung
einer Gemeinde, eines Volkes; jeder abergläubische Brauch, der auf
Grund eines falsch gedeuteten Zufalls entstanden ist, erzwingt ein
Herkommen, welchem zu folgen sittlich ist; sich von ihm lösen ist
nämlich gefährlich, für die Gemeinschaft noch mehr schädlich als für
den Einzelnen (weil die Gottheit den Frevel und jede Verletzung ihrer
Vorrechte an der Gemeinde und nur insofern auch am Individuum straft).
Nun wird jedes Herkommen fortwährend ehrwürdiger, je weiter der
Ursprung abliegt, je mehr dieser vergessen ist; die ihm gezollte
Verehrung häuft sich von Generation zu Generation auf, das Herkommen
wird zuletzt heilig und erweckt Ehrfurcht; und so ist jedenfalls die
Moral der Pietät eine viel ältere Moral, als die, welche unegoistische
Handlungen verlangt.
97.