Die Ordnung der Güter und die Moral. - Die einmal angenommene

Rangordnung der Güter, je nachdem ein niedriger, höherer, höchster

Egoismus das Eine oder das Andere will, entscheidet jetzt über das

Moralisch-sein oder Unmoralisch-sein. Ein niedriges Gut (zum Beispiel

Sinnengenuss) einem höher geschätzten (zum Beispiel Gesundheit)

vorziehen, gilt als unmoralisch, ebenso Wohlleben der Freiheit

vorziehen. Die Rangordnung der Güter ist aber keine zu allen Zeiten

feste und gleiche; wenn jemand Rache der Gerechtigkeit vorzieht, so

ist er nach dem Maassstabe einer früheren Cultur moralisch, nach dem

der jetzigen unmoralisch. "Unmoralisch" bezeichnet also, dass Einer

die höheren, feineren, geistigeren Motive, welche die jeweilen neue

Cultur hinzugebracht hat, noch nicht oder noch nicht stark genug

empfindet: es bezeichnet einen Zurückgebliebenen, aber immer nur dem

Gradunterschied nach. - Die Rangordnung der Güter selber wird nicht

nach moralischen Gesichtspuncten auf- und umgestellt; wohl aber wird

nach ihrer jedesmaligen Festsetzung darüber entschieden, ob eine

Handlung moralisch oder unmoralisch sei.

43.

Grausame Menschen als zurückgeblieben. - Die Menschen, welche jetzt

grausam sind, müssen uns als Stufen früherer Culturen gelten, welche

übrig geblieben sind: das Gebirge der Menschheit zeigt hier einmal die

tieferen Formationen, welche sonst versteckt liegen, offen. Es sind

zurückgebliebene Menschen, deren Gehirn, durch alle möglichen Zufälle

im Verlaufe der Vererbung, nicht so zart und vielseitig fortgebildet

worden ist. Sie zeigen uns, was wir Alle waren, und machen uns

erschrecken: aber sie selber sind so wenig verantwortlich, wie ein

Stück Granit dafür, dass es Granit ist. In unserm Gehirne müssen sich

auch Rinnen und Windungen finden, welche jener Gesinnung entsprechen,

wie sich in der Form einzelner menschlicher Organe Erinnerungen an

Fischzustände finden sollen. Aber diese Rinnen und Windungen sind

nicht mehr das Bett, in welchem sich jetzt der Strom unserer

Empfindung wälzt.

44.

Dankbarkeit und Rache. - Der Grund, wesshalb der Mächtige dankbar

ist, ist dieser. Sein Wohlthäter hat sich durch seine Wohlthat an der

Sphäre des Mächtigen gleichsam vergriffen und sich in sie eingedrängt:

nun vergreift er sich zur Vergeltung wieder an der Sphäre des

Wohlthäters durch den Act der Dankbarkeit. Es ist eine mildere Form

der Rache. Ohne die Genugthuung der Dankbarkeit zu haben, würde der

Mächtige sich unmächtig gezeigt haben und fürderhin dafür gelten.

Desshalb stellt jede Gesellschaft der Guten, das heisst ursprünglich

der Mächtigen, die Dankbarkeit unter die ersten Pflichten.

- Swift hat den Satz hingeworfen, dass Menschen in dem selben

Verhältniss dankbar sind, wie sie Rache hegen.

45.

Doppelte Vorgeschichte von Gut und Böse. - Der Begriff gut und böse

hat eine doppelte Vorgeschichte: nämlich einmal in der Seele der

herrschenden Stämme und Kasten. Wer die Macht zu vergelten hat, Gutes

mit Gutem, Böses mit Bösem, und auch wirklich Vergeltung übt, also

dankbar und rachsüchtig ist, der wird gut genannt; wer unmächtig ist

und nicht vergelten kann, gilt als schlecht. Man gehört als Guter

zu den "Guten", einer Gemeinde, welche Gemeingefühl hat, weil alle

Einzelnen durch den Sinn der Vergeltung mit einander verflochten

sind. Man gehört als Schlechter zu den "Schlechten", zu einem Haufen

unterworfener, ohnmächtiger Menschen, welche kein Gemeingefühl haben.

Die Guten sind eine Kaste, die Schlechten eine Masse wie Staub. Gut

und schlecht ist eine Zeit lang so viel wie vornehm und niedrig, Herr

und Sclave. Dagegen sieht man den Feind nicht als böse an: er kann

vergelten. Der Troer und der Grieche sind bei Homer beide gut. Nicht

Der, welcher uns Schädliches zufügt, sondern Der, welcher verächtlich

ist, gilt als schlecht. In der Gemeinde der Guten vererbt sich das

Gute; es ist unmöglich, dass ein Schlechter aus so gutem Erdreiche

hervorwachse. Thut trotzdem Einer der Guten Etwas, das der Guten

unwürdig ist, so verfällt man auf Ausflüchte; man schiebt zum Beispiel

einem Gott die Schuld zu, indem man sagt: er habe den Guten mit

Verblendung und Wahnsinn geschlagen. - Sodann in der Seele der

Unterdrückten, Machtlosen. Hier gilt jeder andere Mensch als

feindlich, rücksichtslos, ausbeutend, grausam, listig, sei er vornehm

oder niedrig; böse ist das Charakterwort für Mensch, ja für jedes

lebende Wesen, welches man voraussetzt, zum Beispiel für einen Gott;

menschlich, göttlich gilt so viel wie teuflisch, böse. Die Zeichen der

Güte, Hülfebereitschaft, Mitleid, werden angstvoll als Tücke, Vorspiel

eines schrecklichen Ausgangs, Betäubung und Ueberlistung aufgenommen,

kurz als verfeinerte Bosheit. Bei einer solchen Gesinnung des

Einzelnen kann kaum ein Gemeinwesen entstehen, höchstens die roheste

Form desselben: so dass überall, wo diese Auffassung von gut und böse

herrscht, der Untergang der Einzelnen, ihrer Stämme und Rassen nahe

ist. - Unsere jetzige Sittlichkeit ist auf dem Boden der herrschenden

Stämme und Kasten aufgewachsen.

46.

Mitleiden stärker als Leiden. - Es giebt Fälle, wo das Mitleiden

stärker ist, als das eigentliche Leiden. Wir empfinden es zum Beispiel

schmerzlicher, wenn einer unserer Freunde sich etwas Schmähliches zu

Schulden kommen lässt, als wenn wir selbst es thun. Einmal nämlich

glauben wir mehr an die Reinheit seines Charakters, als er; sodann

ist unsere Liebe zu ihm, wahrscheinlich eben dieses Glaubens wegen,

stärker, als seine Liebe zu sich selbst. Wenn auch wirklich sein

Egoismus mehr dabei leidet, als unser Egoismus, insofern er die

übelen Folgen seines Vergehens stärker zu tragen hat, so wird das

Unegoistische in uns - dieses Wort ist nie streng zu verstehen,

sondern nur eine Erleichterung des Ausdrucks - doch stärker durch

seine Schuld betroffen, als das Unegoistische in ihm.

47.

Hypochondrie.- Es giebt Menschen, welche aus Mitgefühl und Sorge für

eine andere Person hypochondrisch werden; die dabei entstehende Art

des Mitleidens ist nichts Anderes, als eine Krankheit. So giebt es

auch eine christliche Hypochondrie, welche jene einsamen, religiös

bewegten Leute befällt, die sich das Leiden und Sterben Christi

fortwährend vor Augen stellen.

48.

Oekonomie der Güte. - Die Güte und Liebe als die heilsamsten Kräuter

und Kräfte im Verkehre der Menschen sind so kostbare Funde, dass man

wohl wünschen möchte, es werde in der Verwendung dieser balsamischen

Mittel so ökonomisch wie möglich verfahren: doch ist diess unmöglich.

Die Oekonomie der Güte ist der Traum der verwegensten Utopisten.

49.

Wohlwollen.- Unter die kleinen, aber zahllos häufigen und desshalb

sehr wirkungsvollen Dinge, auf welche die Wissenschaft mehr Acht zu

geben hat, als auf die grossen seltenen Dinge, ist auch das Wohlwollen

zu rechnen; ich meine jene Aeusserungen freundlicher Gesinnung im

Verkehr, jenes Lächeln des Auges, jene Händedrücke, jenes Behagen,

von welchem für gewöhnlich fast alles menschliche Thun umsponnen

ist. Jeder Lehrer, jeder Beamte bringt diese Zuthat zu dem, was für

ihn Pflicht ist, hinzu; es ist die fortwährende Bethätigung der

Menschlichkeit, gleichsam die Wellen ihres Lichtes, in denen Alles

wächst; namentlich im engsten Kreise, innerhalb der Familie, grünt und

blüht das Leben nur durch jenes Wohlwollen. Die Gutmüthigkeit, die

Freundlichkeit, die Höflichkeit des Herzens sind immerquellende

Ausflüsse des unegoistischen Triebes und haben viel mächtiger an der

Cultur gebaut, als jene viel berühmteren Aeusserungen desselben, die

man Mitleiden, Barmherzigkeit und Aufopferung nennt. Aber man pflegt

sie geringzuschätzen, und in der That: es ist nicht gerade viel

Unegoistisches daran. Die Summe dieser geringen Dosen ist trotzdem

gewaltig, ihre gesammte Kraft gehört zu den stärksten Kräften. -

Ebenso findet man viel mehr Glück in der Welt, als trübe Augen sehen:

wenn man nämlich richtig rechnet, und nur alle jene Momente des

Behagens, an welchen jeder Tag in jedem, auch dem bedrängtesten

Menschenleben reich ist, nicht vergisst.

50.

Mitleiden erregen wollen.- La Rochefoucauld trifft in der

bemerkenswerthesten Stelle seines Selbst-Portraits (zuerst gedruckt

1658) gewiss das Rechte, wenn er alle Die, welche Vernunft haben, vor

dem Mitleiden warnt, wenn er räth, dasselbe den Leuten aus dem Volke

zu überlassen, die der Leidenschaften bedürfen (weil sie nicht

durch Vernunft bestimmt werden), um so weit gebracht zu werden, dem

Leidenden zu helfen und bei einem Unglück kräftig einzugreifen;

während das Mitleiden, nach seinem (und Plato's) Urtheil, die Seele

entkräfte. Freilich solle man Mitleiden bezeugen, aber sich hüten, es

zu haben: denn die Unglücklichen seien nun einmal so dumm, dass bei

ihnen das Bezeugen von Mitleid das grösste Gut von der Welt ausmache.

- Vielleicht kann man noch stärker vor diesem Mitleid-haben warnen,

wenn man jenes Bedürfniss der Unglücklichen nicht gerade als Dummheit

und intellectuellen Mangel, als eine Art Geistesstörung fasst, welche

das Unglück mit sich bringt (und so scheint es ja La Rochefoucauld zu

fassen), sondern als etwas ganz Anderes und Bedenklicheres versteht.

Vielmehr beobachte man Kinder, welche weinen und Schreien, damit sie

bemitleidet werden, und desshalb den Augenblick abwarten, wo ihr

Zustand in die Augen fallen kann; man lebe im Verkehr mit Kranken

und Geistig-Gedrückten und frage sich, ob nicht das beredte Klagen

und Wimmern, das Zur-Schau-tragen des Unglücks im Grunde das Ziel

verfolgt, den Anwesenden weh zu thun: das Mitleiden, welches Jene dann

äussern, ist insofern eine Tröstung für die Schwachen und Leidenden,

als sie daran erkennen, doch wenigstens noch Eine Macht zu haben,

trotz aller ihrer Schwäche: die Macht, wehe zu thun. Der Unglückliche

gewinnt eine Art von Lust in diesem Gefühl der Ueberlegenheit,

welches das Bezeugen des Mitleides ihm zum Bewusstsein bringt; seine

Einbildung erhebt sich, er ist immer noch wichtig genug, um der Welt

Schmerzen zu machen. Somit ist der Durst nach Mitleid ein Durst nach

Selbstgenuss, und zwar auf Unkosten der Mitmenschen; es zeigt den

Menschen in der ganzen Rücksichtslosigkeit seines eigensten lieben

Selbst: nicht aber gerade in seiner "Dummheit", wie La Rochefoucauld

meint. - Im Zwiegespräche der Gesellschaft werden Dreiviertel aller

Fragen gestellt, aller Antworten gegeben, um dem Unterredner ein

klein Wenig weh zu thun; desshalb dürsten viele Menschen so nach

Gesellschaft: sie giebt ihnen das Gefühl ihrer Kraft. In solchen

unzähligen, aber sehr kleinen Dosen, in welchen die Bosheit sich

geltend macht, ist sie ein mächtiges Reizmittel des Lebens: ebenso

wie das Wohlwollen, in gleicher Form durch die Menschenwelt hin

verbreitet, das allezeit bereite Heilmittel ist. - Aber wird es viele

Ehrliche geben, welche zugestehen, dass es Vergnügen macht, wehe zu

thun? dass man sich nicht selten damit unterhält - und gut unterhält

-, anderen Menschen wenigstens in Gedanken Kränkungen zuzufügen und

die Schrotkörner der kleinen Bosheit nach ihnen zu schiessen? Die

Meisten sind zu unehrlich und ein paar Menschen sind zu gut, um von

diesem Pudendum Etwas zu wissen; diese mögen somit immerhin leugnen,

dass Prosper Mérimée Recht habe, wenn er sagt: "Sachez aussi qu'il

n'y a rien de plus commun que de faire le mal pour le plaisir de le

faire."

51.

Wie der Schein zum Sein wird. - Der Schauspieler kann zuletzt auch

beim tiefsten Schmerz nicht aufhören, an den Eindruck seiner Person

und den gesammten scenischen Effect zu denken, zum Beispiel selbst

beim Begräbniss seines Kindes; er wird über seinen eignen Schmerz und

dessen Aeusserungen weinen, als sein eigener Zuschauer. Der Heuchler,

welcher immer ein und die selbe Rolle spielt, hört zuletzt auf,

Heuchler zu sein; zum Beispiel Priester, welche als junge Männer

gewöhnlich bewusst oder unbewusst Heuchler sind, werden zuletzt

natürlich und sind dann wirklich, ohne alle Affectation, eben

Priester; oder wenn es der Vater nicht so weit bringt, dann vielleicht

der Sohn, der des Vaters Vorsprung benutzt, seine Gewöhnung erbt. Wenn

Einer sehr lange und hartnäckig Etwas scheinen will, so wird es ihm

zuletzt schwer, etwas Anderes zu sein. Der Beruf fast jedes Menschen,

sogar des Künstlers, beginnt mit Heuchelei, mit einem Nachmachen von

Aussen her, mit einem Copiren des Wirkungsvollen. Der, welcher immer

die Maske freundlicher Mienen trägt, muss zuletzt eine Gewalt über

wohlwollende Stimmungen bekommen, ohne welche der Ausdruck der

Freundlichkeit nicht zu erzwingen ist, - und zuletzt wieder bekommen

diese über ihn Gewalt, er ist wohlwollend.

52.

Der Punct der Ehrlichkeit beim Betruge. - Bei allen grossen Betrügern

ist ein Vorgang bemerkenswerth, dem sie ihre Macht verdanken.

Im eigentlichen Acte des Betruges unter all den Vorbereitungen,

dem Schauerlichen in Stimme, Ausdruck, Gebärden, inmitten der

wirkungsvollen Scenerie, überkommt sie der Glaube an sich selbst:

dieser ist es, der dann so wundergleich und bezwingend zu den

Umgebenden spricht. Die Religionsstifter unterscheiden sich dadurch

von jenen grossen Betrügern, dass sie aus diesem Zustande der

Selbsttäuschung nicht herauskommen: oder sie haben ganz selten einmal

jene helleren Momente, wo der Zweifel sie überwältigt; gewöhnlich

trösten sie sich aber, diese helleren Momente dem bösen Widersacher

zuschiebend. Selbstbetrug muss da sein, damit Diese und jene

grossartig wirken. Denn die Menschen glauben an die Wahrheit dessen,

was ersichtlich stark geglaubt wird.

53.

Angebliche Stufen der Wahrheit. - Einer der gewöhnlichen Fehlschlüsse

ist der: weil Jemand wahr und aufrichtig gegen uns ist, so sagt er die

Wahrheit. So glaubt das Kind an die Urtheile der Eltern, der Christ

an die Behauptungen des Stifters der Kirche. Ebenso will man nicht

zugeben, dass alles jenes, was die Menschen mit Opfern an Glück

und Leben in früheren Jahrhunderten vertheidigt haben, Nichts als

Irrthümer waren: vielleicht sagt man, es seien Stufen der Wahrheit

gewesen. Aber im Grunde meint man, wenn Jemand ehrlich an Etwas

geglaubt und für seinen Glauben gekämpft hat und gestorben ist,

wäre es doch gar zu unbillig, wenn eigentlich nur ein Irrthum ihn

beseelt habe. So ein Vorgang scheint der ewigen Gerechtigkeit zu

widersprechen; desshalb decretirt das Herz empfindender Menschen immer

wieder gegen ihren Kopf den Satz: zwischen moralischen Handlungen und

intellectuellen Einsichten muss durchaus ein nothwendiges Band sein.

Es ist leider anders; denn es giebt keine ewige Gerechtigkeit.

54.

Die Lüge. - Wesshalb sagen zu allermeist die Menschen im alltäglichen

Leben die Wahrheit? - Gewiss nicht, weil ein Gott das Lügen verboten

hat. Sondern erstens: weil es bequemer ist; denn die Lüge erfordert

Erfindung, Verstellung und Gedächtniss. (Wesshalb Swift sagt: wer eine

Lüge berichtet, merkt selten die schwere Last, die er übernimmt; er

muss nämlich, um eine Lüge zu behaupten, zwanzig andere erfinden.)

Sodann: weil es in schlichten Verhältnissen vortheilhaft ist, direct

zu sagen: ich will diess, ich habe diess gethan, und dergleichen;

also weil der Weg des Zwangs und der Autorität sicherer ist, als

der der List. - Ist aber einmal ein Kind in verwickelten häuslichen

Verhältnissen aufgezogen worden, so handhabt es ebenso natürlich

die Lüge und sagt unwillkürlich immer Das, was seinem Interesse

entspricht; ein Sinn für Wahrheit, ein Widerwille gegen die Lüge an

sich ist ihm ganz fremd und unzugänglich, und so lügt es in aller

Unschuld.

55.

Des Glaubens wegen die Moral verdächtigen. - Keine Macht lässt sich

behaupten, wenn lauter Heuchler sie vertreten; die katholische Kirche

mag noch so viele "weltliche" Elemente besitzen, ihre Kraft beruht

auf jenen auch jetzt noch zahlreichen priesterlichen Naturen, welche

sich das Leben schwer und bedeutungstief machen, und deren Blick

und abgehärmter Leib von Nachtwachen, Hungern, glühendem Gebete,

vielleicht selbst von Geisselhieben redet; Diese erschüttern die

Menschen und machen ihnen Angst: wie, wenn es nöthig wäre, so zu

leben? - diess ist die schauderhafte Frage, welche ihr Anblick auf die

Zunge legt. Indem sie diesen Zweifel verbreiten, gründen sie immer

von Neuem wieder einen Pfeiler ihrer Macht; selbst die Freigesinnten

wagen es nicht, dem derartig Selbstlosen mit hartem Wahrheitssinn zu

widerstehen und zu sagen: "Betrogner du, betrüge nicht!" - Nur die

Differenz der Einsichten trennt sie von ihm, durchaus keine Differenz

der Güte oder Schlechtigkeit; aber was man nicht mag, pflegt man

gewöhnlich auch ungerecht zu behandeln. So spricht man von der

Schlauheit und der verruchten Kunst der Jesuiten, aber übersieht,

welche Selbstüberwindung jeder einzelne Jesuit sich auferlegt und wie

die erleichterte Lebenspraxis, welche die jesuitischen Lehrbücher

predigen, durchaus nicht ihnen, sondern dem Laienstande zu Gute kommen

soll. Ja man darf fragen, ob wir Aufgeklärten bei ganz gleicher Taktik

und Organisation eben so gute Werkzeuge, ebenso bewundernswürdig durch

Selbstbesiegung, Unermüdlichkeit, Hingebung sein würden.

56.

Sieg der Erkenntniss über das radicale Böse. - Es trägt Dem, der weise

werden will, einen reichlichen Gewinn ein, eine Zeit lang einmal

die Vorstellung vom gründlich bösen und verderbten Menschen gehabt

zu haben: sie ist falsch, wie die entgegengesetzte; aber ganze

Zeitstrecken hindurch besass sie die Herrschaft und ihre Wurzeln haben

sich bis in uns und unsere Welt hinein verästet. Um uns zu begreifen,

müssen wir sie begreifen; um aber dann höher zu steigen, müssen wir

über sie hinwegsteigen. Wir erkennen dann, dass es keine Sünden im

metaphysischen Sinne giebt; aber, im gleichen Sinne, auch keine

Tugenden; dass dieses ganze Bereich sittlicher Vorstellungen

fortwährend im Schwanken ist, dass es höhere und tiefere Begriffe von

gut und böse, sittlich und unsittlich giebt. Wer nicht viel mehr von

den Dingen begehrt, als Erkenntniss derselben, kommt leicht mit seiner

Seele zur Ruhe und wird höchstens aus Unwissenheit, aber schwerlich

aus Begehrlichkeit fehlgreifen (oder sündigen, wie die Welt es

heisst). Er wird die Begierden nicht mehr verketzern und ausrotten

wollen; aber sein einziges ihn völlig beherrschendes Ziel, zu aller

Zeit so gut wie möglich zu erkennen, wird ihn kühl machen und alle

Wildheit in seiner Anlage besänftigen. Ueberdiess ist er einer Menge

quälender Vorstellungen losgeworden, er empfindet Nichts mehr bei dem

Worte Höllenstrafen, Sündhaftigkeit, Unfähigkeit zum Guten: er erkennt

darin nur die verschwebenden Schattenbilder falscher Welt- und

Lebensbetrachtungen.

57.

Moral als Selbstzertheilung des Menschen. - Ein guter Autor, der

wirklich das Herz für seine Sache hat, wünscht, dass jemand komme

und ihn selber dadurch vernichte, dass er dieselbe Sache deutlicher

darstelle und die in ihr enthaltenen Fragen ohne Rest beantworte. Das

liebende Mädchen wünscht, dass sie die hingebende Treue ihrer Liebe an

der Untreue des Geliebten bewähren könne. Der Soldat wünscht, dass er

für sein siegreiches Vaterland auf dem Schlachtfeld falle.- denn in

dem Siege seines Vaterlandes siegt sein höchstes Wünschen mit. Die

Mutter giebt dem Kinde, was sie sich selber entzieht, Schlaf, die

beste Speise, unter Umständen ihre Gesundheit, ihr Vermögen. - Sind

das Alles aber unegoistische Zustände? Sind diese Thaten der Moralität

Wunder, weil sie, nach dem Ausdrucke Schopenhauer's, "unmöglich

und doch wirklich" sind? Ist es nicht deutlich, dass in all diesen

Fällen der Mensch Etwas von sich, einen Gedanken, ein Verlangen, ein

Erzeugniss mehr liebt, als etwas Anderes von sich, dass er also sein

Wesen zertheilt und dem einen Theil den anderen zum Opfer bringt? Ist

es etwas wesentlich Verschiedenes, wenn ein Trotzkopf sagt: "ich will

lieber über den Haufen geschossen werden, als diesem Menschen da einen

Schritt aus dem Wege gehn?" - Die Neigung zu Etwas (Wunsch, Trieb,

Verlangen) ist in allen genannten Fällen vorhanden; ihr nachzugeben,

mit allen Folgen, ist jedenfalls nicht "unegoistisch". - In der Moral

behandelt sich der Mensch nicht als individuum, sondern als dividuum.

58.

Was man versprechen kann. - Man kann Handlungen versprechen, aber

keine Empfindungen; denn diese sind unwillkürlich. Wer jemandem

verspricht, ihn immer zu lieben oder immer zu hassen oder ihm immer

treu zu sein, verspricht Etwas, das nicht in seiner Macht steht; wohl

aber kann er solche Handlungen versprechen, welche zwar gewöhnlich die

Folgen der Liebe, des Hasses, der Treue sind, aber auch aus anderen

Motiven entspringen können: denn zu einer Handlung führen mehrere Wege

und Motive. Das Versprechen, jemanden immer zu lieben, heisst also: so

lange ich dich liebe, werde ich dir die Handlungen der Liebe erweisen;

liebe ich dich nicht mehr, so wirst du doch die selben Handlungen,

wenn auch aus anderen Motiven, immerfort von mir empfangen: so dass

der Schein in den Köpfen der Mitmenschen bestehen bleibt, dass die

Liebe unverändert und immer noch die selbe sei. - Man verspricht also

die Andauer des Anscheines der Liebe, wenn man ohne Selbstverblendung

jemandem immerwährende Liebe gelobt.

59.

Intellect und Moral. - Man muss ein gutes Gedächtniss haben, um

gegebene Versprechen halten zu können. Man muss eine starke Kraft der

Einbildung haben, um Mitleid haben zu können. So eng ist die Moral an

die Güte des Intellects gebunden.

60.

Sich rächen wollen und -sich rächen. -Einen Rachegedanken haben und

ausführen heisst einen heftigen Fieberanfall bekommen, der aber

vorübergeht: einen Rachegedanken aber haben, ohne Kraft und Muth,

ihn auszuführen, heisst ein chronisches Leiden, eine Vergiftung an

Leib und Seele mit sich herumtragen. Die Moral, welche nur auf die

Absichten sieht, taxirt beide Fälle gleich; für gewöhnlich taxirt man

den ersten Fall als den schlimmeren (wegen der bösen Folgen, welche

die That der Rache vielleicht nach sich zieht). Beide Schätzungen sind

kurzsichtig.

61.

Warten-können. - Das Warten-können ist so schwer, dass die grössten

Dichter es nicht verschmäht haben, das Nicht-warten-können zum Motiv

ihrer Dichtungen zu machen. So Shakespeare im Othello, Sophokles

im Ajax: dessen Selbstmord ihm, wenn er nur einen Tag noch seine

Empfindung hätte abkühlen lassen, nicht mehr nöthig geschienen

hätte, wie der Orakelspruch andeutet; wahrscheinlich würde er den

schrecklichen Einflüsterungen der verletzten Eitelkeit ein Schnippchen

geschlagen und zu sich gesprochen haben - wer hat denn nicht schon,

in meinem Falle, ein Schaf für einen Helden angesehen? ist es denn

so etwas Ungeheures? Im Gegentheil, es ist nur etwas allgemein

Menschliches: Ajax durfte sich dergestalt Trost zusprechen. Die

Leidenschaft will nicht warten; das Tragische im Leben grosser Männer

liegt häufig nicht in ihrem Conflicte mit der Zeit und der Niedrigkeit

ihrer Mitmenschen, sondern in ihrer Unfähigkeit, ein Jahr, zwei

Jahre ihr Werk zu verschieben; sie können nicht warten. - Bei allen

Duellen haben die zurathenden Freunde das Eine festzustellen, ob die

betheiligten Personen noch warten können: ist diess nicht der Fall,

so ist ein Duell vernünftig, insofern Jeder von Beiden sich sagt:

"entweder lebe ich weiter, dann muss jener augenblicklich sterben,

oder umgekehrt." Warten hiesse in solchem Falle an jener furchtbaren

Marter der verletzten Ehre angesichts ihres Verletzers noch länger

leiden; und diess kann eben mehr Leiden sein, als das Leben überhaupt

werth ist.

62.

Schwelgerei der Rache. -Grobe Menschen, welche sich beleidigt fühlen,

pflegen den Grad der Beleidigung so hoch als möglich zu nehmen und

erzählen die Ursache mit stark übertreibenden Worten, um nur in dem

einmal erweckten Hass- und Rachegefühl sich recht ausschwelgen zu

können.

63.

Werth der Verkleinerung. - Nicht wenige, vielleicht die allermeisten

Menschen haben, um ihre Selbstachtung und eine gewisse Tüchtigkeit im

Handeln bei sich aufrecht zu erhalten, durchaus nöthig, alle ihnen

bekannten Menschen in ihrer Vorstellung herabzusetzen und zu

verkleinern. Da aber die geringen Naturen in der Ueberzahl sind und es

sehr viel daran liegt, ob sie jene Tüchtigkeit haben oder verlieren,

so -

64.

Menschliches, Allzumenschliches: Ein Buch Fuer Freie Geister · 第 4 / 24 段